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Samstag, 3. März 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Nr. Zq Drittes Blatt

Oie Bahnwünsche im Vogelsberg

Fort mit der Zersplitterung!

Seit einiger Zeit ist der sonst so stille Vogels- berg start in den Vordergrund des off entließen Snieref es gerückt. D a h n b a u w ü n s ch e der Vogelsberg-Bewohner sind es, die den Blick der breiten Oessentlichkeit auf sich lenken. Wer die Verlehrsve.hältnisse im hohen Vogels­berg kennt, weih die Wünsche dieser Gegend unserer Provinz voll zu würdigen, Uns sind die stundenweisen Strecken zwischen zahlreichen Ortschaften des Vogelsberges gut bekannt, ebenso auch die langen, sehr langen Wegstrecken von den Orten im Oberwald bis zu den jetzigen Bahnstationen. Auf Gründ dieser Kenntnis und in voller Würdigung der Beschwerden der Vogelsberg-Bewohner haben wir schon in frühe­ren Jahren, zuletzt wieder in unserer Ar. 17 vom 20. San. d. 3. die Wünsche der Dogelsbergvrte nach stärkerer Verkehrserschliehung durch den Bau einer neuen Vogclsberg- Querbahn als durchaus berechtigt erklärt. Auch heute wieder möchten wir an der Spitze dieser Betrachtung betonen, das) die zur Be­seitigung dieses Verlehrsnotstandes berufenen Stellen den Wünschen aus dem Vogelsberg ihre ernsteste Aufmerksam eit widmen und ihnen wohl­geneigtes Entgegenkommen bekunden sol.ten. Das hängt allerdings in sehr erheblichem Mähe von den Bewohnern des Vogel sberges s e l b st ab. Man muh sich dort oben im Gevirge ganz klar darüber werden, dah die Reichsbahn­verwaltung wohl kaum geneigt sein wird, meh­rere Strecken durch ein verhältnismäßig kleines Gebiet zu bauen, Und aus dieser Erkenntnis wird man die Schlußfolgerung ziehen müssen, dah nach der befriedigenden Beantwortung zahl­reicher Vorfragen allenfalls nur eine neue Bahnstrecke in Betracht kommen kann. Dah diese eventuelle Strecke nicht für jedes Dors restlose Befriedigung bringen wird, liegt auf der Hand. Man wird sich in manchen Dörfern des Oberwaldes angesichts der Verhältnisse auch in Zukunft damit abzufinden haben, dah man zu einer neuen Bahnstrecke weiterhin längere Wege zurücklegen muh, weil die Bahn eben nicht jedes Dorf berühren kann. Deswegen darf aber eine fortschrittlich gesinnte Gemeinde nicht b iseite bleiben. Rotwendig ist jetzt vor allem, wenn überhaupt ernstliche Aus.icht auf einen Er­folg der anerkennenswerten Bemühungen der Dogelsbergbewvhner eröffnet werden soll, dah man unter allen Snteressenten eine volle Einigung herstellt. Solange die eine Partei nach rechts, die andere nach links zieht und eine Mitte wieder etwas anderes haben will, braucht man nicht zu hoffen, dah die Reichsbahnverwal­tung sich bereitwillig zeigt, oder gar eine Ent­scheidung in positivem Sinne trifft So schwer­wiegende Dinge wie die Dahnbauprojekte im Vogelsberg können nicht durch temperamentvolle Reden in Volksversammlungen, auch nicht durch allerlei Polemiken in den Zeitungsspalten geklärt und gesördert werden. Erforderlich ist vielmehr ein ruhiges, kühles Abwägen aller Möglichkeiten, ein Ausgleichen der einander wider st reitenden Lokal- Snteressen unter den höheren Gesichtspunkten des Gesamtwohls und die Schaffung einer Einheitsfront zur Erzielung gröherer St oh kraft. Das ist viel wichtiger als eine Genugtuung darüber, dah die eine Seite der andern einige Dörfer in der Meinungsbildung abgenommen hat. Man wird freilich nicht erwar­ten können, dah die Einheitsfront aus der Mitte der jetzt miteinander streitenden Snteressenten- Gruppen von selbst entstehen kann. Zur Errei­chung dieses nächstliegenden Ziefes bedarf es u. C. des Eingreifens einer unparteiischen Stelle, die bisher in der ganzen Sache weder nach der einen, noch nach der anderen Seite hin hervorgetreten ist. Diese Tätigkeit des ehrlichen Maklers wäre nach unserer Ansicht Aufgabe der Pro- v i n z i a l d i r e k t i o n , bei der man sicher sein kann, dah sie den Blick nicht in die lokalpoli­tischen Kleinigkeiten, sondern auf das große Ziel des Gesamtwohls des Vogels­bergs richten wird. Den interessierten Vogels­

berggemeinden möchten wir dringend empfehlen, den nun schon wochenlang andauernden frucht­losen und wenig angenehmen Kamvf des_ caien gegen den anderen einzustellen und dafür zur Förderung der sachlichen Arbeit die Hilfe eines Unparteiischen zwecks Schaf­fung einer Einheitsfront aller Bahnbauinteressenten anzurufen. Rur auf diesem Wege kann man aus der Sackgasse, in der man mit der guten und fördernswerten Sache jetzt steckt, herauskommen zu positiver Arbeit, der jeder wohlmeinende Freund des Dogelsberges vollen Erfolg wünscht.

BirstemHartmamrsham.

Seit Jahrzehnten besteht der Plan des Wei­terbaues der Kleinbahn Wächters­bach Birstein nach Rorden zu. Bereits im Jahre 1905 wurde ein Projekt ausgearbeitet Es kam aber nicht zur Aussührung. weck man sich nicht über die Linienführung einigen konnte. Rach der Inflation lebte das Projekt aber derart wieder auf, dah sich die Kreisverwaltung in Gelnhausen und die Direktion der K.einbahn in Wächtersbach veranlaßt sahen, ein neues Projelt ausarbeiten zu lassen, mit der Linienführung von B i r st e i n über Fi chborn, Radmühl- Wettges Wüstwillenroth Lichenroth Völzberg nach Hartmannshain, der Reichs­bahnlinie Lauterbach Gedern-Stock­heim.

Der von der geplanten Reubaulinie durchschnit­tene Landstrich ist mit 17,1 Kilometer im Staate Preußen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Geln­hausen und mit 2,1 Kilometer im Freistaat Hessen gelegen. Dieser Landstrich ist zum großen Teil von erheblicher Fruchtbarkeit,: Roggen, Gerste, Hafer und Kartoffeln liefern gute Erträge. Die vor­züglichen Wiesenflächen, insbesondere zwischen Lichenroth und Hartmannshain, liefern ein sehr begehrtes Futter. Die in unmittelbarer Rähe der ganzen Bahnlinie vorhandenen Basalte und die ausgedehnten Tonfelder in der Gemarkung Wüstwickenroth harren der Erschliehung.

Die Einschläge der umfangreichen Waldungen, staatliche wie private, müssen jetzt mühselig auf weite Strecken der nächsten Bahnstation zugeführt werden. Die Bewohner des Landstrichs sind bis­her gezwungen, weite Strecken auf bergigen Straßen zurückzulegen. Rur mit vieler Mühe, Zeitverlust und hohen Kosten können sie die ent­legenen Bahnstationen erreichen, um die Er­zeugnisse ihrer Wirtschaft der Eisenbahn zu über­geben. Der Dau eines Schienenweges von B i r st e i n nach Hartmannshain wird es den Bewohnern dieser Gegend des Vogels­berges ermöglichen, mit anderen Gegenden in Konkurrenz zu treten, welche die Wohltat einer Bahnverbindung bereits genießen und die hier­durch zu Wohlstand und Blüte gelangt sind. Ohne Zweifel werden die Transporte der land- und forstwirtschaftlichen Erzeugnisse zusammen mit dem Personenverkehr die neue Bahnlinie lebensfähig machen. Aber in Anbetracht der vielen Bodenschätze, die erst durch die Er­richtung der Bahn gehoben werden können, wer­den der Reubaustrecke weitere umfangreiche Ver­frachtungen zugeführt werden. Es sei nur erin­nert an die ungeheuren Basaltlager. Der Vogels­berger Basalt ist als eines der besten Rcttur- produkte weithin bekannt. Sedoch ohne ein Ver­kehrsmittel ist es nicht möglich, diese Boden­schätze zu konkurrenzfähigen Preisen auf den Markt zu bringen. Aber auch noch andere Boden­schätze warten auf die Schienenverbindung, wie: Braunkohlen, Eisenerze, Quarzit und zur Fabri­kation von Ziegelsteinen bestgeeignetester Ton. Den vielen entlegenen Ortschaften mit ihren flei­ßigen Bewohnern würde die Dahn große wirt­schaftliche Vorteile bringen. Gewerbliche An­lagen würden in Kürze entstehen und der ein­heimischen Bevölkerung wären ergiebige Der- dienstmöglichkeiten gegeßen.

Die neue Bahnlinie würde wesentlich dazu bei­tragen, den Touristenverkehr aus den nahe­gelegenen Städten, wie Hanau, Offenbach a. M. und Frankfurt a. M. zu heben, denn der ca. 600 Meter

über NN gelegene Ort Ha r t ma nn s h a in als Ausgangspunkt zum hohen Vogelsberg wär« von Frankfurt o. M. über Wächtersbach in etwa zweiein- halbftündiger Fahrt zu erreichen. Hierdurch würde der Vogelsberg mit feiner erquickenden, reinen Höhen­luft dem erholungsbedürftigen Großstädter näher gebracht, was anderseits ten Vogelsbergern große Vorteile brächte.

Das Bedürfnis der skizzierten Schienenverbin- düng erkennend, stehen die maßgebenden Regie­rungsstellen in Preußen, wie in Hessen, der Be- zirksverband in Kassel und dieProoinz Ober­hessen dem Bahnprojekt mit größtem Wohlwollen gegenüber, und sie fr.'ben namhafte Summen als Beteiligung an den Baukosten in Aussicht gestellt. Auch die beteiligten Kreise Gelnhausen und Schot­ten, sowie die in Betracht kommenden Gemeinden haben sich derart an der Finanzierung beteiligt, daß die beste Aussicht besteht, das Unternehmen zu ver­wirklichen.

Bedauerlicherweise war aber die hessische Regierung bis jetzt noch nicht zu bewegen, sich durch Uebernahme von Aktien an dem Ausbau dieser Strecke zu beteiligen, obgleich nur eine im Verhältnis zur Gesamtaufwendüng von 2100 000 I Mark geringe Beteiligung von 42000 M k. von der hessischen Regierung erbeten wird. Ohne i diese Beteiligung, die grundsätzlich von der i Reichs-, wie der preußischen Regierung für ihre Beteiligung zur Bedingung gemacht wird, wird das Unternehmen nicht zustande kam - > men. Dies hat der Provinzial direkt! an in Gießen, dem Kreise Schotten und den Ge­meinden Hartmannshain und Herchen- h a i n Veranlassung gegeben, den folgenden A n - trag an den hessischen Landtag zu richten:

Die Wächtersbach-Birsteiner Kleinbahn-Ak­tiengesellschaft plant den Weiterbau ihrer nor- malspurigen Bahnstrecke von Birstein über Fisch­born, Radmühl, Wettges, Wüstwillenroth, Lichenroth, Völzberg nach Hartmannshain, an­schließend an die Reichsbahnstrecke Lauterbach- Stockheim. Die Reubaustrecke weist eine Länge von 19,2 Kilometer auf. Hiervon entfallen 17,1 Kilometer auf preußische und 2,1 Kilometer auf hessische Gebietsteile. Das Projekt ist aus­gestellt. Der Konzession auch auf hessischer Seite steht nichts entgegen.

Für das preußische Gebiet ist die Fi­nanzierung gesichert. Ebenso haben die hessischen Gemeinden Hartmannshain und Her- chenhain, der Kreisausschuß Schotten seine Be­teiligung durch plebernahme von Aktien be­schlossen, und die Provinz Oberhesfen solche in Aussicht gesteckt. Auch ist die Gelandeslellung auf der hessischen Seite gesichert. Dagegen konnte sich das Hessische Finanzministerium bis jetzt zur plebernahme von Staatszuschüssen nicht entschließen.

Die Beteiligung des preußischen Staates an den Bahnbaukosten in Höhe von 450 000 Mk. wird davon abhängig gemacht, daß der hessische Staat sich ebenfalls im Verhältnis zur Länge der auf hessisches Gebiet entfallenden Bahnstrecke beteiligt. Bei dem unzweifelhaft großen wirtschaftlichen Vorteil, den die Einmündung dieser Bahn in die er­wähnte Reichsbahnstrecke für die hessischen Ge­meinden Hartmannshain, Herchenhain und deren Llmgebung hat und dessen Anerkennung sich in der für diese armen Gemeinden recht bedeutenden Opferbereitschaft für das Unternehmen zeigt und Zustimmung In der Mitbeteiligung von KreiS und Provinz bei der Finanzierung findet, bitten wir unsere Vertreter im Landtag dringlichst, die Ausführung dieses für unsere wirtschaft­liche Hebung so bedeutsamen Projektes, zu dessen Sicherstellung allein noch die Be­teiligung des hessischen Staates er­forderlich ist, nicht durch eine ablehnende Haltung zu gefährden.

Als Vorteile vom Dahnbau verspricht man sich Hebung und Erleichterung des Ausflügler- und des Sportverkehrs, verbesserte Ausbeutung der Steinbrüche und des Holzverkehrs. Erleich­terung des Arbeiterverkehrs mit den Städten Gelnhausen, Hanau, Offenbach, Frankfurt.

Wir bitten daher, der Landtag wolle beschlie­ßen:Das Staatsministerium wird ersucht, sich auf Grund des Artikel 7 des Gesetzes, die Neben­bahnen betreffend, vom 29. Mai 1884 durch die

Uebernahme von 20 000 Mark pro Kilometer, also 4 2 000 Mark, an dem Bahnunternehmen zu beteiligen und diesen Betrag in den Staats­voranschlag für 1928 einzustecken."

Schließt sich der Landtag dieser Eingabe n i o) t an. dann kommt dec Bahnbau sicher nicht zustande, was eine nie wieder gutzu­machende Schädigung der Vogelsbergbewohner bedeuten würde. Hojjent.ich wird dem südlichen Vogelsberg diese unberechenbare Schädigung er­spart bleiben.

Oberhessen.

Larrdkrcis Gictzcn.

CO Klein-Linden, 3. März. Aus der Ge­meinderatssitzung vom Freitagabend ift als bemerkenswert zu berichten: Im Be.fein von Lau­inspektor Bickelhoupt (Gießen) wurde am Nachmittag eine Besichtigung der Bauflucht­linie auf der Wann vorgenommen. Da die nördlich der Straße liegenden Bauplätze nicht die genügende Tiefe aufweisen, so wird bei den Neu­bauten auf die Anlage von Vorgärten verzichtet. Ein Vorgarten kommt nur für die erste Hofreite, Ecke Wann-Frankfurter Straße, in Frage. Die Breite der neuen Straße soll 8 Meter betragen. Der Besetzung der Flurschütz- und Toten­gräberstelle durch Ortsansässige hat das Kreis­amt seine Zustimmung gegeben. Meldungen mit Gehaltsansprüchen sind b s zum 10. März einzu- re.chen. Die Ablösung der Markan­leihen der Gemeinde wird gutgeheißen. Mit der Landeshypothekenbank in Darmstadt und mit der Bez rkssparkasse Gießen wurden Vergleiche abge­schlossen, wonach die Gemeinde chre alten Schulden mit 124 Prozent aufwertet und die Aufwertungs- schuld ist mit 5 Prozent zu verzinsen. Schon einigemale beschäftigte sich der Gemeinderat mit dem Gesuch einiger Einwohner in der Frankfurter Straße, die dort in den letzten Jahren Wohn­häuser errichtet und um Herabsetzung von Zuschlä­gen auf ihre Bauplätze nachgesucht hatten. Nach­dem durch die Wirtschafts- und Finanzkommission die Angelegenheit gründlich durchberaten worden war, wurde heute beschlossen, nur zwei Eigentümern einen Nachlaß von je 300 Mk. zu gewähren, da die Plätze dieser beiden durch Auffüllungen einen be­sonderen Kostenaufwand erfordert hätten. Um Baulustigen durch steuerliche Dergün- st i g u n g e n entgegenzukommen, beschließt der Ge­meinderat folgendes: Wohnungen, die im Kalender­jahr 1928 begonnen werden, bleiben für das zur Zeit der Beendigung laufende und für die fünf nachfolgenden Rechnungsjahre auf Antrag von der Grundsteuer befreit; entsprechendes gilt für den verhältnismäßigen Teil von solchen Gebäuden, die nur zum Teil Wohnungszwecken dienen. Das be­baute Grundstück wird während der Dauer der Steuervergünstigung so zur Grundsteuer herange­zogen, als wenn es unbebaut geblieben wäre.

r. Lang-Göns, 2. März. Dieser Tage feierte der GesangvereinFrohsinn" sein 73. Stiftungsfest in der Turnhalle. Rach einem sinnigen Prolog und der Degrü« ßungsansprache wurde 3oh. Wilh. Wentzel durch das Vorstandsmitglied des Hessischen, Sängerbundes, Koch, Gießen, unter äleberrei- chung einer Ehrenurkunde für 40jährige ak­tive Sängertätigkeit ausgezeichnet. Die Sänger, unter Leitung des bewährten Chor- meisters Blaß, Großen-Linden, ernteten nach dem vorzüglichen Vortrag einiger Chöre starken Beifall. Einige um den Verein verdiente Mit­glieder wurden anläßlich des Stiftungsfestes zu Ehrenmitgliedern ernannt. Der musika­lische Teil des Abends wurde durch den hiesigen Musikverein (Leitung W. Müller) be­stritten; die Herren Müller und Weih erhielten für ihre Klarinetten- bzw. Trompetensoli eben­falls lebhaften Beifall. Ein gut gespielter Schwank bildete den Schluß des in allen Teilen gut gelungenen Abends.

# Aus der nördlichen Wetterau. 2.März. Der Handel in Kartoffeln hat sich in letzter Zeit etwas lebhafter gestaltet, da die Saat­gutkäufe eingesetzt haben. Mehr als früher hat man die Bedeutung des Saatgutwechfels und feine be­triebswirtschaftlichen Vorteile erkannt, und neben den anerkannten Saatgutsdellen der Landwirtschafts- kammer liefern auch private Züchter Pflanzkartof-

Es zogen drei Burschen wohl über den Mein ....

Roman von Erica Grupe-Lörcher.

(Schluß.)

Wäre ihr fanatischer Glaube anla belle France" nicht vielleicht im letzten Stadium ihres Lebens ins Wanken geraten und hätte sich vielleicht in Ab­scheu abgewandt, wenn es die Plumpheit der drit­ten französischen Revublik in ihren Vertretern in Wahrheit und von Auge zu Auge kennengelernt? Die brutale Phrase eines Poincarö, die ungerechte Anmaßung aller französischen Behörden, die sich hier im Lande an den besten Stellen einnisteten, die strafwürdige Saloppheit, mit der die neuen Herren alle herrlichen Institute, alle Kunstwerke verkommen ließen hätte sie nicht letzten Endes doch noch der Greisin ihren Glauben gekostet?

,Sch freue mich jetzt auf das Wiedersehen mit Fritz Wenger," meinte Raymond,er wird mir genau Bescheid über die Stimmung, gerade auch auf dem ISartbe und außerhalb der Städte, sagen können! O, ich weiß es, er kann mir Gutes be­richten!"

Droben auf feinem Altan ftand bereits Wenger und spähte die Landstraße herab. Eine freudige Ungeduld brannte in dem immer so beherrschten Manne. Als er das Gefährt in der Ferne ent­deckte, winkte er ihnen entgegen.

O, es lag so viel Jubel in feiner ganzen yal- tung! Melusine fühlte es mit heimlichem Glück.

Und sie wußte es: dieser Jubel galt ihr, galt ihrem Kommen heute!

Ferne aus der Tiefe tarn Gesang herauf. Ray­mond wurde aufmerksam. Ein Zug stieg aus dem Dorfe in den Dergweld hinauf. Voran eine lange Schar von Kindern. Gleich daraus kam im Wech­selgesang ein anderer Zug droben die Berge her­ab. Er ging dem andern entgegen.

Dann saß man wieder droben in dem herrlichen Haus, auf halber Berghöhe frei gelegen, als sei man fern, als sei man hoch entrückt aller Niede­rung, allem inneren Zwiespalt, aller Verbissenheit und Unzufriedenheit, wie sie drinnen in der Stadt

in den einheimischen Kreisen immer mehr, gleich einem leise glimmenden Feuer gegen ine Welschen, gegen diese roten französischen Käppis fraß.

Seit Jahr und Tag war es nicht mehr so schön bei Fritz Wenger gewesen. Seit langen Jahren nicht. Als Melusine zurücksann, während sie in der gemütlichen Bauernstube tafelten, wußte sie, daß feit den Jahren vor dem Kriege keine Stunde hier wieder so schön gewesen war wie die heutigen.

Hatte sie geahnt, daß Wenger so fröhlich, so leb­haft, so voll überströmender Freude sein konnte? Alles, was ihn einst ihr gegenüber in Zaum ge­halten und Um so schwerfällig, ihn zurückhal­tend gemacht hatte, weil er stets einen andern zwi­schen sich und ihr stehen sah, das war nun abgesun­ken. Nichts mehr stand nun zwischen ihnen bei­den. Und er fühlte, auch sie lag jetzt am Herzschlag der eigenen Heimat.

Es war ein Maiensonntag, der erste Sonntag im Monat. Drunten im Dorfe klangen Volkslieder auf. O, viel deutsche Volkslieder (eoten und klan­gen im Elsaß, viel Hunderte waren es! Frühlings­lieder, Maienlieder!

Fritz Wenger setzte sich ans Klavier und zog nun all die Melodien drunten vom Fuß des Berges hier in fein Haus empor. Raymond und Melusine saßen auf der beiten eichenen Ofenbank am grünen Kachelofen und lauschten. Melusine hatte die Hände um die Knie geschlungen. Wie lange hatte sie keine Volkslieder mehr gehört!

/.Jetzt geh' ich ans Brünnele, trink aber net!"

Zu Straßburg, zu Straßburg, Soldaten müssen sein ..."

Ein Laut. Raymond wandte sich zu ihr herum. Was war? Auch Fritz Wenger hatte ihren Ruf be­merkt. Er unterbrach sein Spiel und kam aus dem Nebenzimmer heran. War es ein Erschrecken oder ein Erfreutsein, oder ... was war es denn? Gerade eben hatte er das Lied begonnen:

Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein ...?"

O, es war eine Erinnerung," meinte Melusine jetzt,Raymond, an dem Nachmittage, an dem du damals mit Dietwart auf den Nebenarmen des Rheins in Grandmamas Park Schlittschuh liefst, spielte ich drinnen im Salon bei der Grandmama dieses Lied. Ja, gerade dieses Lied! Weil es mir immer so gut gefallen hat! Ich hatte mir eigent­

lich gar nichts trabet gedacht. Aber Cousin Alceste war auch gerade im Salon. Der kam ans Klavier und hänselte mich! Nicht nur, weil ich deutsche Volkslieder spielte ... sondern ..."

Nun?" fragte Raymond, als sie stockte.

Nun? Was hänselte er?" fragte lächelnd auch Wenger.

O, er fragte: ob ich mich vielleicht als der Wirtin Töchterlein fühle, und mir gleich drei Verehrer auf einmal wünsche ...?"

Wenger bemerkte, wie eine dunkle Röte jetzt langsam in ihrem Gesichte aufstieg. Er wagte nicht, weiter $u fragen. Raymond aber drang lachend weiter m sie:Drei Verehrer? Hat's seine Be­wandtnis mit ihnen?"

Ja," begann sie nun mutig weiter,er fragte, ob ich zur Auswahl haben wolle: einen Deutschen, einen Franzosen, einen Elsässer?"

Eine kleine Stille legte sich über das Zimmer. Raymond erhob sich und trat langsam ans Fenster. Vielleicht war der Alceste damals ein guter Pro­phet, als er dich so hänselte!"

Diele, viele Kinder waren es. Und jedes trug einen Zweig von grünen Birken. Voran ein halb erwachsenes Mädchen, Blumenkränze im Haar.

Da bringen sie die Maienkönigin!" meinte er und trat jetzt auf den Altan hinaus,herrlich, daß ich den alten Brauch hier heute grab noch mit- eriebe!"

Srinnen aber ging Wenger jetzt auf Melusine zu. Ein Schatten war vorhin bet ihrer Erzählung über seine Züge gehuscht. Ja, zwei Verehrer waren an dem Herzen der jungen Baronesse Melusine vor- beigezogen! Ein Deutscher, ein Franzose, und wemt nun er der Landsmann war? Und somit das Feld behaupten durfte?

Melusine, wenn du mich den dritten Burschen sein lteßest?" fragte er jetzt, dicht neben ihr stehend, und mit einiger Hast, um diese Sekunden unter vier Augen zu nützen. Sie senkte den Kopf. ..Gelt, du weißt es, jetzt ahnst du es, Liebe, wie lang, wie lange ich schon im stillen um dich geworben habe? Und du haft nicht auf mich gesehen! Aber jetzt ..

Da hob sie den Blick und sah ihm in die Augen. Sie streckte die Hand nach der seinen und zog sie

über ihre Schulter zu sich herab. Und preßte still einen Kuß auf sie.

Lag nicht Abbitte in ihrer Bewegung? Die wollte er nicht gelten lassen!

Melusine, wenn du dich jetzt ganz zu mir ge­funden hättest? Sieh, in all den letzten Monaten habe ich nicht zu dir zu sprechen gewagt, in der Be» sorgnis, du könntest innerlich noch zu wund fein! Könntest noch nicht überwunden haben."

Sie segnete sein Taktgefühl, sein stummes War­ten auf sie.

Da erhob sie sich mit leuchtenden Augen. Voller Kraft und Elastizität und innerer Frech eit.O, das ist alles überwunden. Ausgelöscht. Sieh, Fritz, das Mensck-enherz ist so mannigfach in seinem Lieben. Was ich dir jetzt an Liebe entgegenbringe, ist etwas Neues, etwas Eigenes für sich! Und das lebt in der Ueberzeugung, daß ich nicht nur durch dich glücklich werden soll, sondern -daß ich auch die Kraft in mir fühle, dich glücklich zu machen."

Er hielt sie in seinen Armen. Wie damals am Hochzeitsfeste im Schlosse draußen. Und doch, wie viel schöner und klarer war diese Stunde! Er neigte sich zu ihr herab und sprach sich alles vom Herzen:

Sich, wenn du zu mir heraufkommst, in mein Haus, dann wird auch in dir alles klar und fest werden! Du wirft mit mir für alle diejenigen unter unseren Landsleuten ein Hort und ein Fels und eine Zuflucht werden, die an ihrer deutschen Eigenart hängen. Die sich gegen diese Verweb schung aufbäumen. Wir brauchen in unserer Zeit und für die Zukunft klare, feste, aufrechte Menschen, die vor allen Dingen wollen: daß wir Elsässer sind und bleiben. Darum, Liebste unsere Heimat über alles.

Draußen zogen die Kinder vom Berg herab, vor­bei. Sie geleiteten ihre junge Maienkönigin zu Tal. Frühlingsblumen und wippende, frische Birken- zweige in den Händen:

Der Mai fährt in Rosen ..."

Wenger hob lauschend den Kops und hielt die Hand von Melusine in der seinen:

,Hhr, unsere Kinder der Heimat! Ihr, unsere Zukunft, unsere Hoffnung!"Der Mai fährt in Ro­sen ..." O, daß ihr alle für immer eure deutschen Volkslieder fingen könntet!"

Ende!