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I

* Dolksschulnachrichten. Für das neue Schuljahr 1928 sind 330 Knaben und 290 Mädchen, zusammen also 620 Abcschützen, gegen 290 Knaben und 301 Mädchen, zusammen also 591 Anfänger im Jahre zuvor, angemeldet. Nach der Standesamts- ftatistik hat man Heuer mit 540 bis 550 Neuein­schulungen in der Volksschule gerechnet. Das Mehr muß sich also durch Zuzug von außerhalb ergeben haben. Nach dem Ergebnis der Neuanmeldungen sind vier neue Lehrkräfte nötig; es soll ein dahingehender Antrag bereits beim Landes-Bildungsamt, der zu­ständigen Stelle, eingereicht sein. Die Vvlksschul- statistik für Gießen im Mai 1927 wies, soweit die 55 Normalklassen in Betracht gezogen wurden, 2502 Schüler aus, wobei die Klassenbesetzung sich durch­schnittlich aus 42,4 Köpfe belief. Im neuen Schuljahr rechnet man mit einer Gesamtschülerzahl von 2749 die Volksschule besuchenden Kindern, die in 59 Klassen im Durchschnitt mit 42,6 Kindern besetzt sein werden. Voraussetzung dabei ist, daß in Darmstadt die vier neuen Lehrkräfte bewilligt werden. In der Bevölke­rung dürfte wenig bekannt sein, daß außer den an­gegebenen Normalklassen die Volksschule noch über zwei Klassen für schwach begabte Kinder, fünf För­derklassen und drei Klassen mit erweiterten Lehrzielen für besonders befähigte Schüler verfügt.

** Aus dem Gießener Standesamts- re g i st er. Es verstorben in der Zeit vom 15. bis 29. Februar: 16. 41 te Gertraut Werner, 4 Jahre alt. Am Kugelberg 100. 17. Carola Margarete Krohn, 7 Fahre alt, Brandgasse 8. 18. Luise Lahr, geb. Hoffmann, Rentnerin, 61 Jahre alt, Stephanstraße 11. 21. Konrad Klingler, Gefängnisinspektor i. R., 72 Jahre alt, Gutfleischstr. 4. 21. Marie Weber, 1 Tag alt, Steinstr. 35. 22. Pauline Oßmann, Privatin, 60 Jahre alt, Seltersweg 68 A. 23. Joseph Katz, Kaufmann, 51 Jahre alt, Schillerstr. 19. 23. Ka­tharine Ley, geb. Bechtold, Witwe, 62 Jahre alt, Crednerstr. 36. 23. Anna Elisabeths Giegling, geb. Luckhardt, Witwe, 71 Jahre alt, Ebelstr. 16. 24. Franz Siegler, Bildhauer, 55 Jahre alt, Licher Straße 37. 25. Wilhelm Heinrich Rispel, Schlosser, 23 Jahre alt, Stephanstr. 47. 26. Georg Hermann Reul, Oberpostschaffner. 56 Jahre alt, Wolkengasse 23. 27. Martha Einhäuser, 1 Stunde alt. Weserstr. 9. 28. Johannes Balser, Stadt- gärtner i. R., 82 Jahre alt, Wiesecker Weg 24. 28. Konrad Schmidt, Bergmann, 53 Jahre alt, Walltorstr. 25. 28. Katharine Margarete Löffert, geb. Erb, 67 Jahre alt, Sandgasse 11. 29. Wil­helm Roerenberg, Polizeiwachtmeister i. R., 82 Jahre alt, Schiffenberger Weg 9.

** Straßensperre i n Mainzlar. Wegen Vornahme von Kanalisationsarbeiten ist die Pro­vinzialstraße in Mainzlar (Bahnhofstraße) bis zum 15. März für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Um­leitung des Verkehrs erfolgt über Staufenberg Daubringen.

Große Strafkammer Gießen.

Der Kaufmann Mar Berzewske, zuletzt wohnhaft in Hamburg, hatte sich vor der hiesigen Großen Strafkammer wegen Mittäterschaft an einem Hoteldiebstahl zu verantworten. Der Anklage lag folgender Tatbestand zugrunde: Im September 1924 erschienen in einem der vor­nehmsten Bad-Rauheimer Hotels zwei Fremde, die sich als Aerzte, und zwar der eine als Universitätsprofessvr, der ander« als dessen Assistent ausgaben. Ihr Gepäck sollte noch unterwegs sein. Den beidenAerzten" gelang es bald, in gesellschaftliche Beziehungen zu einer reichen Dame zu gelangen, die sich in Bad-Nauheim zur Kur aufhielt, und im gleichen Botel wohnte. DerProfessor" übernahm sogar re ärztlicheBehandluna. Eines Tages besuchten der Professtir, sein Assistent und die Patientin gemeinsam das Theater. Während der Vorstellung erschien plötzlich der Professor mit einem Auto vor dem Hotel und verlangte von dem Portier den Schlüssel zum Zimmer der Dame, da er in ihrem Auftrage eine Lorgnette abholen wollte. Der Schlüssel wurde ihm aus- aehändigt. Rach kurzer Zeit erschien der Pro­fessor wieder und fuhr mit dem Auto zum Theater zurück. Rach der Vorstellung gab es anscheinend aus beruflicher Eifersucht -wischen den beiden Aerzten eine Szene. Die Dame suchte aber zu vermitteln und es gelang auch scheinbar, den Frieden wiederherzustellen. Nachdem die Patientin dann in das Hotel zurückgebracht wor­den war, fuhren der Professor und sein Assi­stent mit dem Auto nach Frankfurt, wo sie an­geblich eine Operation auszuführen hatten. Don dieser Reise kehrten sie nicht mehr zurück.

Sie hinterliehen in dem Hotel eine kleine Schuld, sowie eine wertlose Tasche mit recht fragwürdigen ärztlichen Instrumenten. Am darauffolgenden Tage bemerkte dann die Dame, daß sie be­stohlen worden war. Cs fehlten ihr Schmuck und Bargeld im Gesamtwerte von 5000 Mark. Der Verdacht richtete sich natür­lich sofort auf die verschwundenen Aerzte. An­läßlich eines Bilderdiebstahls in der Düsseldorfer Gemäldegalerie gelang es kurz vor der Flucht nach Amerika, zwei Leute festzunehmen, die als schon lang- gesuchte Verbrecher narnenS Kiesewetter und Derzewske ermittelt werden konnten. Es kam bald an den Tag, daß sie auch als Pro­fessor und Assistent in Bad-Nauheim aufge­treten waren. Beide leugneten jedoch, irgendwie an dem Diebstahl beteiligt zu sein. Während es Kiesewetter, der den Professor öargeftdlt hatte, gelang, zu entfliehen, wurde Derzewske von dem erweiterten Schöffengericht zu Gießen zu P/a Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehr­verlust verurteilt.

Hiergegen legte er sowohl, als auch der Staats­anwalt Berufung ein. In der Derusungsverhand- lung gelang es aber wieder, die Mittäterschaft des Derzewske an dem Diebstahl zu beweisen. Er und sein Freund Kiesewetter hatte nämlich in Swinemünde, wo sie sich auch einige Zeit auf- gehalten hatten, die Bekanntschaft eines Berliner Ein- und Ausbrechers, namens Willy Wald gemacht. Wald, der unter dem Namen der König der Fassadenkletterer" bekannt ist, wurde in der Berufungsverhandlung als Zeuge vorgesührt und gab an, daß er mit Kiese­wetter und Berzewske mehrere Einbrüche ver­abredet habe, die aber unausgeführt geblieben seien, da es den beiden am nötigen Mute ge­mangelt habe. Sie hätten ihm jedoch, als er sie in Bad-Nauheim aufsuchte, erzählt, daß sie augen­blicklich eine Dame in Bearbeitung hätten, auf deren Kosten sie sich zu bereichern gedächten. Er habe jedoch die Teilnahme an einem Vorgehen, das sich gegen eine Frau richtete, abgelehnt. Aus dieser Aussage des Wald ergab sich zweifellos, daß Derzewske von dem Vorhaben Kiesewetters, die Dame zu schädigen, gewußt hatte. Gr war mit ins Theater gegangen, um die Patientin zu beobachten und nötigenfalls am Verlassen des Theaters und der Rückkehr in das Hotel, solange sein Freund dort mit ihrem Gepäck beschäftigt war, zu verhindern. In diesem Vorgehen des Angeklagten erblickte der Staatsanwalt eine straf­bare Mittäterschaft und beantragte daher, ihn au einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und fünf Jahren Ehrverlust zu verurteilen. Der Verteidiger hielt eine Be­teiligung des Berzewske nicht für gegeben, da er in feiner Weise handelnd in Erscheinung getreten fei. Das Gericht schloß sich jedoch den Aus­führungen des Staatsanwaltes an und verhängte gegen Berzewske eine Gefängnisstrafevon ein Jahr sechs Monaten, unter Richt- anrechnung der Untersuchungshaft, und erkannte ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von fünf Jahren ab.

Rundfunkprogramm.

Sonntag, 4. März.

8,30 bis 9,30: Don Kassel: Morgenfeier, ver­anstaltet von der Evangelischen Gemeinde Kassel- Rothenditmold. 11 bis 11,30: Die Eltern stunde. 11,30 bis 12: Richard Huelsenbeck, Vortrag aus eigenen Werken. 12 bis 13: Vom Plenarsit­zungssaal des Reichstags, Berlin: Dvlkstrauer- tag-Gedenkfeier des Vottsbundes Deutsche Kriegs- aräbersürsorge. 13 bis 13,30:Zum deutschen Volkstrauertag 1928", Vortrag von Schriftsteller Franz F. Geis, Vorsitzender des BezirkSverban- des Nassau des Volksbundes Deutsche Kriegs- aräberfürsorge E. V. 14,30 bis 15,30: Die Stunde Der Jugend. 15,30 bis 17: Konzert des Rund­funkorchesters. 17 bis 18: Stunde des Rhein- Mainischen Verbandes für Volksbildung:Kärn­ten", Vortrag von Joses Friedrich Perkonig mit Vorlesung aus eigener Dichtung. 18 bis 19: VortragszyklusGedanken zur Zeit": 3. Reihe: Technik als Kulturproblem'. 19 bis 20: Stu­dien-Musik. 20,30 bis 22,30: Gedächtnisfeier.

Montag, 5. März.

12,30 bis 13,30: Von Kassel: Wittagsständchen der Kasseler Hauskapelle. 15,30 bis 16: Die Stunde der Jugend. 16,30 17,45: Konzert des Rundfunkorchesters: Die Oper der Woche. 17,45 bis 18,05: Vortrags stunde Gerd Fricke: Die Augen des ewigen Bruders" von Stefan

Zweig. 18,45 bis 19,15: Vortragszyklus des Hand­werks- und Gewerbeamtes Hanau:Die Bedeu­tung der Sozialversicherung für das Handwerk", Vortrag von W. Tllrich, Stellvertr. Syndikus.

19,15 bis 19,30: Englische Literaturproben. 19,30 bis 20: Englischer Sprachunterricht. 20: Vom Neuen Operetten-Theater: Liebe und Trompeten- blasen, Operette m drei Alten.

Xäffefcßtfe.

Silbenrätsel.

2Ius den 35 Silben:

a al ar bar bürg e en ga

gramm le le ley li me me

na ne nel ni no por prü

re rho ri fan fi ftai. fti

ter tor vel man wart ze

wolle man zwölf Wörter bilden, die nachstehende Bedeutung haben: 1. Schloß in Thüringen: 2. Panzerechse: 3. ostafrikanische Insel: 4. Menschen­rasse: 5. Rätselart: 6. kurze Erzählung: 7. ruffifdjes Gouvernement in Transkaukasien; 8. Berichterftal­ter: 9. Afrikasorscher; 10. Pflaumenart: 11. asiati­sches Hochland: 12. französischer Strom. Wurden die Wörter richtig gebildet, müssen die erste und vierte Buchstabenreihe, beidemal von vorn .nach hinten gelesen, em Zitat von Cicero ergeben.

Kreuzworträtsel.

is

2,$

71 "16

74

22

Berwandlungsrätfel.

1. Lumpen I I *....* I Papier.

2. Lappen ** . . I Mantel.

Wie kann man mit je zwei Hauptwörtern als Zwischenstufen Lumpen in Papier und einen Lappen m einen Mantel verwandeln, indem man die beiden durch Sternchen angedeuteten Buchstaben jedes vorhergehenden Wortes ändert.

Anagramm.

Durch Umstellen der Buchstaben in nachstehenden 14 Wörtern sind neue Wörter zu bilden, die in ihren Anfangsbuchstaben, werden sie miteinander verbun­den, einen bevorstehenden politischen Vorgang er­geben.

Inder Leim Salmi Lorch Ehre Ilse Bart Talar Segel Nische Alwin Lama Stroh Insel

Auslösungen

Silbenrätsel.

1. Wannsee; 2. Esther: 3. Revers; 4. Delhi; 5. Anemone; 6. Schnittlauch; 7. Wolgast; 8. Edmund: 9. Newada; 10. Nemesis; 11. Erika; 12. Reisek.irb; 13. Sekunde: 14. Triller: 15. Insel: 16. Eli; 17. Gemse: 18. Erlkönig: 19. Ninive; 20 Delphin. Wer das Wenn erstiegen, der sieht das Aber liegen.

ftreujroorfrälfeL

HAIS

GTE

I.A

M

eTT

M,

BBQQ aaaa*

HIE

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5!

Von links nach rechts:

1. Volksstamm; 4. Teil des Auges; 6. weiblicher Personenname; 8. Halmpflanze; 9. Beteuerung der Wahrheit; 10. nicht fertiges Gebäude; 12. andere Bezeichnung für Mastbaumspitze; 14. japanischer Staatsmann; 15. Handlung: 16. Hoherpriester: 17. natürliches Wasserbecken; 18. weiblicher Personen­name; 19. Nutzholz; 21. weiblicher Personenname: 22. Name aus der griechischen Mythologie: 26. tür= kischer Befehl: 27. Naturerscheinung.

Don oben nach unten:

2. Krieger zu Pferde; 3. flüssiger Brennstoff; 4. tote Sprache; 5. Heldin einer Wagnerschen Oper; 7. geistlicher Würdenträger; 8. Landbesitz; 9. Stadt in Thüringen; 11. Raubvogel; 13. spanisch-mexi­kanische Münze; 20. Afrikasorscher; 21. Berg in Tirol; 23. wie 1. wage recht; 24. Nebenfluß der Donau; 25. feierliches Gedicht, (ch M als ein Buchstabe.)

Bilderrätsel.

Silben -Ergänzungsrätsel.

Such' einen Vogel, halbier' ihn sodann Unb setze das Äück vor die Silberan*. Dann nimm die Halste von dem Topf, In dem geschmort ward der arme Tropf. Die Zeichen füge nun hinten dazu, Ist dies geschehen, hast gefunden du Em Wort, das bedeutungsvoll ist im Leben, Leichtfertig darfst du's niemals geben;

Dagegen stellt gern der Kaufmann es aus, Denn er zieht sich die Kundschaft damit ins Haus.

Scharade.

Turmuhr.

Rechenaufgabe.

a) 653/978; b) 526/789.

Bruchftückaufgabe.

Altai; Scott; Couplet; Hagenow; Ebro; Ro- vaillac; Molch.

Aschermittwoch.

Anfügungsaufgabe.

Tast; Etat; Celle; Halma; Selen; Teller; Aehre: Glocke; Estrich; Reis; Elias; Neid; Nadel; Ejaur Neger.

Sechstagerennen.

Die Narrenkappe.

Splitter und Sparren vom NedatttoaStisch.

Der Bückling.

Aus Berlin wird folgendes Geschichtchen berichtet:

Militärkvnzert im Zirkus Busch. In der Pause kommt ein junger Mensch aus den oberen Rängen bis an die Logen herunter, um sich die Musiker in der Nähe zu betrachten. Dann lehnt er sich an die Brüstung, zieht aus der Manteltasche ein kleines Päckchen, wickelt einen Bückling aus und beginnt, ihm abzuhäuten und zu ver­speisen. Das kommt mir denn doch ein bißchen zu prosaisch vor. Ich trete heran:Menschens- kind, das geht doch hier nicht! Konnten Sie denn den Bückling nicht zu Hause essen?!"Ree, det war unmöglich! Ick hab ihn ja erst uff 'n Weg hierher jekoost!" M. G.

(Ein hübsches Spiel.

Die Mutter kommt in die Küche, und vor Entsetzen bleibt ihr der Atem weg. Ottvchen sitzt in der Kochkiste und Nelly im Ausguh. Das Wasser fließt in Strömen von ihr herunter, und Nelly weint bitterlich.

Was ist denn hier los?" fragt die Mama.

Gar nichts weiter", gibt Otto eine Erklärung. Wir spielen bloß Noah, ich bin Noah und sitze in der Arche und Nelly ist die SünderS und muß in der Sündflut umkommen." K. M.

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4. Fortsetzung.

Nachdruck verboten.

O, der alte Fuchs, der war schlau! Bis jetzt hatte er immer* zurückgehalten, nun da es Mil­lionen, Milliarden, Billionen, noch viel mehr Geld dafür gab, nun schlug er los.Und du hast nit verkauft? Ach, Bremm, warum nit? Die sonst so ruhige Frau geriet außer sich: wußte er denn nicht, daß sie Geld brauchten? Bedachte er das denn nicht? Es quälte sie, daß sie den Söhnen keine Schuhe anschaffen konnte und der großen Tochter zur Lese kein Kleid. Die Jungens würden noch barfuß laufen, und die Maria in ihrem alten Kleid sich zeigen müssen. Schickte sich das wohl für die Kinder von einem Winzer, der viertausend Stöcke im Berg hat?

Aber Bremm blieb stiernackig. Er konnte sich nicht zum Verkaufen entschließen, es war ihm, als hielte ihn etwas zurück.

3. Kapitel.

Die Leseglocke hatte geläutet. Die geschlossenen Weinberge waren jetzt aufgemacht. Langsam rat­terten die Fuhren mit den großen Herbstbütten den Weinbergen zu: unter den schwerfälligen Tritten der Kühe spritzten die Schmuhlachen völlig durchweichter Straßen hoch auf. Leser und Lese­rinnen, meist junge Burschen und Mädchen, rann­ten den Gespannen vorauf, sie rannten so, um sich warm zu machen. Oh, wie war es schon kalt! Tiefes Grau deckte nässend die Erde. Es war kein Herbst, der Lust und Frohsinn weckt, keine Lese wie im Jahr einundzwanzig. Da hatte man schon im Oktober ernten können, ein goldenes Netz von schier sommerlichen Strahlen hatte die Weinstöcke übersponnen und goldene Trauben hingen daran. Den Lesern und Leserinnen hatte die Sonne warm gemacht, sie schien bis ins Herz: die Burschen hatten in Hemdärmeln geschafft, die Mädchen sich immer mehr ausgeschält. Dies.-s Jahr war es spät geworden, es war ein spätes Frühjahr für den Weinberg gewesen; nun war es November, man hatte die Lese hinausge-

zögert, jetzt konnte man aber nicht länger mehr warten, jetzt mußte man die Trauben schneiden. Sie wurden ja doch nicht mehr reif.

Rach der großen Hitze des Sommers war eine lange Zeit unablässigen Regens gekommen. Ein starkes Gewitter hatte plötzlich Abkühlung ge­bracht, der keine Erwärmung mehr folgte, nur Regen. Vergebens spähte das sehnende Auge nach einem Stüachen Blau: ach, wäre das nur so groß, um der heiligen Jungfrau einen Mantel daraus zu machen! Aber der Himmel blieb schwer und dicht wie ein Sack und zog den den Bergen über den Kopf. Auf den Dächern trommelte es, durchs Gäßchen schoß ein Bach und spülte von den Misthaufen mit hinunter. Die Mosel war angeschwollen, auf ihrem bietgrauen Spiegel warfen schwere Tropfen große Blasen auf. Das waren andere Blasen als die weihen Schaumbläs­chen, die einen vorübergehenden Sommerregen an- künden; jetztblühte" die Mosel nicht, jetzt zeigte sie den Landregen an. Es rauschte und rauschte fort und fort, den Weinbauer faßte die Angst. Wenn Septemberwochen den Wein nicht kochen, dann wird's nichts mit dem. Und die kochten ihn nicht, die Sonne schien für immer verschwun­den. Diel hundertmal schaute Simon Bremm nach der Ecke zwischen den Bergen, die gut und schlecht Detter zeigt noch blies kein aufstöbernder Wind von dort, der Sack blieb zu.

Jetzt lag morgens schon Reis im Berg. Auf dem Fsich lasteten Nebel: für ein, zwei Stunden am Mittag hoben sie sich, aber zu einem Lächeln brachte die Mosel es nicht mehr, sie blieb verdrießlich Un- erhellt tnar der Tag, die Luft schwer und naßkalt. Bäume standen und meinten, an jedem Aestchen hingen die Tränen, k«n säuselndes Windchen trock- nete sie; letzte Blumen, vom erkältenden Hauch der Nacht getroffen, weinten mit um ihre schwarz ge­wordene, verlorene Schöicheit

Bis an die Nase eingewickett gingen die Frauen in den Berg; die Männer hatten übereinander­gezogen, was sie an Wämsern besaßen. Maria Bremm, ein rotwollenes Tuch um den Kopf ge­bunden, das Lesebüttchen im Arm, die Trauben­schere in den verklammten Fingern, suchte stumm im Berg des Vaters die ihr ^ugemiefenen Stöcke ab. Bremm hatte sich keine Mädchen aus der Eifel oder vom Hunsrück gedungen, er schaffte es mit den

Semen allein. Auch Frau Anna ging mit. Es war nicht Sitte für Hausfrauen, die blieben zumeist da­heim man backte Kuchen wie bei der Kirmes urrb frisches Brot aber ohne viel Worte darüber zu machen, hatte sie sich der Tochter und dem Peter und dem Paul angeschlosfen. Als Bremm seine Frau in der Zeile unter sich austauchen sah, glitt das erste Lächeln an diesem Tag über sein ernstes Gesicht.

Was dem Mann vor zwei Monaten so oielver- sprechend gedeucht hatte, so hoffmingssicher, das sah ihn heute ganz anbers an. Die Trauben hingen wohl noch an den Stöcken, aber sie waren kaum mehr gewachsen; kleine Perlen, grün und hart, so waren sie geblieben. Das wurde ein saurer Wein, kein Wein zum Sichdranerfreuen ad), nichts war zum Freuen, ganz unfreieng der Tag, unfreudig das Wetter und das, was noch kam! Sollte es wirk­lich wahr fein, daß tausend Milliarden nicht mehr wert sein würden als eine Mark? Das war ja nicht möglich! Er glaubte es nicht und war doch beunruhigt.

In der Volkszeitung stand es wohl. Sonst hatte zur Zett der Lese kein Mensch etwasanberes ge­dacht, jetzt beschäftigte die neue Währung doch die Gemüter sollte die wirklich kommen? Die Wäh- rung wurde fest, und die Millionen, die Billio­nen?! Bremm holte tief Atem: was waren feine Scheine dann noch wert? Gott sei Dank, daß er wenigstens nur ein Fuder verkauft hatte!

Der Mann hatte sich nicht mehr wehren können, Frau und Tochter hatten ihn so bedrängt Kleid, Schuhe, das hörte er immerfort. Hatte einer den FLjden herb eigensten? Der sand sich auf einmal wieder ein. Aber, seltsam, als er mit dem Kom­missionär in den Keller hinabgestiegen war, den dünnen Schlauch ins Spundloch senkte, um Wein ins Probiergläschen hinaufzuziehen, da war es ihm plötzlich, als höre er etwas. Aus dem Faß, aus dem Faß sprach etwas zu ihm. Nicht der Duft allein war es, der zu ihm sprach, er hörte eine Stimme, und er erschrak:Ist es auch richtig, auf das Reden der Weiber zu hören? Ist es auch klug, daß du jetzt verkaufst? Man weiß nicht, wie's werden wird mit der Währung bel-alt du mich noch!" Gott fei gedankt, gepriesen die Stimme, die ihn warnte! Er hatte das zweite Fuder behalten.

Er dachte an Jakob Bremm. Der hatte alles ver­kauft. Was würde der nun fluchen und jammern!

Die goldenen Berge.

Vornan von Clara Liebig.

Copyright bh Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.

Ein Mitleid mit dem alten Mann überkam ihn. Wo steckte der eigentiid) heute? War er krank vor Kummer? Simon Bremm ließ seine Blicke im Zuckerberg Herumgehen: kein Meistch im Berg. Die Beerendiebe, die Raben, die überall schon verscheucht waren, die sahen noch dort, von niemandem geftört, frech auf den Stöcken. Aha, aber jetzt kam der Alte!

Unten auf der Chaussee sah man Jakob Bremm kommen, langsam, den Rücken ein wenig geneigt; es war fast, als kröche er. Dor ihm her fd>o4) das Pittchen, der Trottel, der zu keiner Arbeit recht taugte, den Karren, und die Schommer, die Hexe mit den schwarzen Augen, die sonst keiner haben mochte, trabte nebenher. Ein schönes Gespann, das der Ohm Jakob sich da gedungen hatte! Aber die waren billig.

Langsam kroch der Atte in seinen Berg. Doch kaum, daß er in der ersten Zeile seiner Weinstöcke war, wurde er behende, es strömte ihm von hier wie neue Kraft. Hastig faßte seine dürre Hand, auf deren Magerkeit die Adern gleich Strängen lagen, nach den Trauben, schloß sich so fest darum, daß die Beeren zerquetschten. Schmatzend schleckte er sich den sauren Saft von den Fingern: ei, wie süß, wie ganz köstlich süß!Daß du dich nit unterstehst, Trauben zu fressen," fuhr er den Trottel an. Der hatte bereits probiert und jchnitt eine Grimasse.

Diebsgesindel!" Der Alte hob drohend die Traubenschere.

Das Pittchen grinste, die Raden flogen davon.

Die Schommer murrte schimpfend: wenn sie wo anders hätte ankommen können, würde sie sich ge­hütet haben, sich hier bei dem alten Geizhals zu verdingen. Nicht einmal ein paar Trauben gönnte einem der! Widerwillig schnitt sie darauf los, ohne Lust, nur darauf bedacht, so viel als möglich zu naschen. Die Trauben schmeckten noch höllisch un­reif, ganz grasig, es rumpelte ihr auch schon mäch­tig im Leib, aber es hungerte sie. In ihrer für die heutige Naßkälte viel zu dünnen Kleidung fror sie erbärmlich, sie schnatterre vor Frost.

Kein lautes Wort, kein fröhlicher Zuruf, kein munteres Lied stieg auf aus des alten Jakob Bremm Zuckerberg. Unheimlich fast in seiner ingrimmigen Schweigsamkeit, klappernd wie der Knochenmann selber, stand er zwischen den Reben und schnitt und schnitt.

(Fortsetzung folgt.)

m m er!