Nr. 54 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffeu)
Samstag, 3. März 5928
Genf.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlln, M. d. "5\.
Das Sicherheitskomitee hat seine Beratungen abgeschlossen, der Völkerbunds- rat beginnt. In dem Srcherhettskomttee hat man auf Grund der Gutachten, die die Berichterstatter gemacht haben, beraten, in langen Auseinandersetzungen, die ganz theoretisch-dialektische Formen annahmen und damit natürlich an Interesse verlieren, ohne daß sie an Bedeutung, an Gefahr für Deutschland einbüßen. Bekannt sind ja die Ausgangspunkte und die Gegensätze. Zwischen England und Deutschland, die im großen und ganzen als eine Partei zusammen- gefaßt werden können, und Frankreich mit seinen Trabanten, die die andere Partei darstellen. Der russische Beobachter hat diesmal besonders nicht eingegriffen, Rußland hat nur feinen Abrüstungsentwurf im vollen Wortlaut veröffentlicht, der wohldurchdacht und bedeutsam ist, aber für die Sicherheitsdiskussion ja nicht in .Frage kam.
So stehen im gröbsten bezeichnet, die beiden Parteien einander gegenüber und sachlich die beiden Begriffe, Ausgangspunkte und programmatischen Forderungen: Schiedsgericht hier und Sicherheit und Sanktion dort. Lind da das englische Weltreich für einen Gesamtvertrag, auch nur in der Form eines Modellvertrages mit irgendwelchen Bindungen darin schlechterdings nicht zu haben ist, so kommt für beide Ausgangspunkte in der praktischen Ausgestaltung nur der sogenannte Regionalpakt in Frage, der Abschluß zwischen verschiedenen einzelnen Völkerbundsgenossen, die aus besonderen Gründen Anlaß zu haben glauben, solche Verträge zu schließen. Eine gewisse Annäherung an den Standpunkt der anderen Seite, die deshalb durchaus nicht unbedenklich ist, weisen die deutschen Vorschläge während der Debatte auf, die, wenn auch mit vielen Vorbehalten und aller Vorsicht, doch in der Dichtung gehen, Verpflichtungen über den bisherigen Stand hinaus gegenüber Empfehlungen des Dölkerbundsrates cinzugehen. Das ist eben die Richtung auf den Zwang und Las Obligatorische, die für Deutschland bedenklich und heute keineswegs möglich erscheint.
Sehr fruchtbar sind die Debatten nicht gewesen und konnten sie nicht sein. Lieber den ewig wiederholten gleichen Gedankengängen verschwindet schließlich der Haupt-Ausgangspunkt ganz aus der Beleuchtung, nämlich die Abrüstung, um die es sich doch bei dem ganzen umständlichen Debattieren dreht oder wenigstens drehen soll. Lind so verstärkte sich der unangenehme Eindruck, mit dem wir an die Tagung herangingen, im Verlauf immer mehr, die Sicherheit hat die Vorhand vor der Abrüstung gewonnen. Cs wird fast ausschließlich auf Grundlage der Vorschläge, die von der Sicherheit ausgehen, gesprochen. Wir verstehen darum auch nicht, warum sich die deutsche Vertretung m einem entscheidenden Punkt so verschleiert und verhüllt ausdrückte. Worauf kommt es uns jetzt In dieser Debatte denn namentlich an? Auf den Artikel 1 9 des Völkerbundspakts, der in der deutschen Denkschrlft so gut hervorgehoben war, mit der Begründung, daß für alle denkbaren Streitigkeiten, die Ursache zu Konflikten geben könnten, eine f r i e d l i ch e Regelung getroffen werden müsse, also auch, wie wir und die anderen sofort verstanden haben, für die aus den Friedensverträgen entstehenden Streitigkeiten. Damit ist an einen, im Moment schlechterdings entscheidenden Punkt gerührt. Graf Bernstorfs hat schon früher mit Recht darauf den Finger gelegt. Warum sprach das die deutsche Vertretung nicht diesmal auch so bestimmt aus?
Wie wenig günstig die Situation in Deutschland liegt, geht schon aus der Tagesordnung,
mit der der Präsident der Abrüstungskom- Mission nunmehr diese auf den 15. Marz nach Genf geladen hat, hervor. Diese stellt an erste Stelle Sicherheit und Schiedsgericht. Sie enthüll nicht oder nicht nachdrücklich die zweite Lesung jenes Vorentwurfes, zu dem im Sommer die Abrüstungskonferenz doch gekommen war. Sie läßt so schon In sich deutlich erkennen, wie die andere Seite die ganze Materie lenken will, und darin liegen eben die Gefahren für Deutschland.
Der wichtigste und heikelste Punkt der Ratssitzung berührt sich mit den Erörterungen der Woche vorher einigermaßen. Iedenfalls bringen die Franzosen ja Sicherhell und Investigation leicht in einen Zusammenhang, der auch gedanklich besteht und hergestellt werden kann. Es dreht sich um die Möglichkeit, daß an der W a f f e n s ch m u g g e l a f f ä r e, die an der Station St. Gotthard an der österreichisch-ungarischen Grenze entdeckt worden ist, zum erstenmal das Spiel einer Völkerbundsinvestigativn praktisch durchgespielt wird. Die Art, wie die Pariser Presse das behandelt, und wie Briand sich an der Vorbereitung beteiligt hat, zeigt, welche Ziele damit in Frarrkreich verfolgt werden. Man will einmal einen Präzedenzfall haben, will die Investigationsmöglichkeiten einmal erproben an einer an sich großen und gefährlichen Affäre, damit man für andere Zwecke, wie man in der Verwaltung sagt, das Simile hat. Llnd die anderen Zwecke können ja nur liegen in der Richtung — Deutschland! In diesem Eifer schoß man über das Ziel hinaus, wobei die Llnsicherheit des Dölkerbundsratspräsidenten, der bekanntlich ein Chinese ist, mithalf. Hier wurde nebenbei auch wieder einmal der unerträgliche Zustand bloßgelegt, der daraus folgt, daß eine ganze Reihe von Völlerbundsstaaten sich im Völkerbundsrat und Völkerbund durch ihre in Paris beglaubigten Gesandten vertreten lassen. Die Einfluhmöglichkeiten, die das Frankreich bietet, werden von diesem begreiflicherweise voll ausgenutzt. In diesem Falle des Verfahrens gegen Ungarn begibt sich der Präsident des Rates zu Briand imb arbeitet mit ihm ein Telegramm an den ungarischen Ministerpräsidenten aus. das diesen verhindern will, die geschmuggelter und beschlagnahmten Waffen unbrauchbar machen zu lassen. Das geht doch über die Kompetenz des Ratspräsidenten hinausl Das Verfahren schwebte noch gar nicht. Dis dahin war Lln- aarn in der Behandlung der Sache völlig frei; da griff der Ratspräsident in Lingams Souveränllät ein. Ein solches Verfahren ist nicht geeignet, das Vertrauen in die Llnparteilichkeit der Völkerbundsorgane zu verstärken.
Italien wie England sind gegen diese Investigation, aus der nur Schwierigkeiten erwachsen können. Rumänien als (3Iieö der kleinen Entente, die das ganze angerührt hat, hat in seiner schwierigen Lage zwischen Frankreich und Italien und während der Bemühungen seines im Ausland Herumreisenden Außenministers keine Lust, sich allzu tief in diese Investigationssache hereinziehen zu lassen. Soll nun vielleicht Deutschland seinerseits aktiv mithelfen, dah die Einseitigkeit der Friedensver- tragsbestimmungen gegen einen seiner Genossen hier in einem Formalverfahren der Investigation sich auswirkt, dah das nächste Mal unter irgend einem Vorwand gegen Deutschland angewendet werden könnt«?
Wäre der Völlerbund eine Gesellschaft von gleichberechtigten Staaten, die sich auch alle gleich behairöel'en, so würde die Angelegenheit vermutlich glatt gehen und wäre auch Deutschlands Entscheidung nicht schwierig. Das Recht zur Investigation besteht für den Völlerbund. Die Art der Durchführung liegt noch nicht fest. Darüber müßte geredet werden und der Gang des Verfahrens ginge vor sich. Aber es liegt ja nicht so, dah eine Gesellschaft von gleichberechtigten Staaten ein solches Verfahren gegen ein Glied ausführen liehe. Die I Investigationskommissionen, die der Völlerbund
heute schon unterhält, sind ausschließlich gegen die Besiegten gerichtet, wie aus ihrer ganzen Anlage, Bestimmung und Zusam- nrensehung hervorgeht. Lind das Investigativns- recht ist ein Glied in der Kette der Absichten, mit denen die französische Sicherheits- und Sanktion-Politik den Völlerbund benutzen will zu einem dauernden Instrument der Festigung der jetzigen Lage, d. h. der Llebermacht Frankreich-. Sv sicht eben Deutschland in dieser Streitfrage den Versuch, einen Präzedenzfall zu schaffen, eine Generalprobe auf die Anwendungsmöglichkeiten der Investigation abzuhalten, deren Gegenstand für die andere Seite doch im wesentlichen und in erster Linie immer Deutschland ist und bliebe. Daraus ergibt sich unseres Erachtens die Haltung sehr bestimmt und llar, die die deutsche Vertretung in Genf in dieser wichtigen Frage der Tagung einzunehmen hat.
Aus der Provinzialhauptsia-t.
Gießen, den 3. März 1928.
•• StädtischeHolzversteigerung. Bei der gestrigen Drennholzversteigerung im Gießener Stadtwald in der Rahe der Schutzhütte wurden bei großer Rachfrage folgende Durchschnittspreise erzielt: Kiefernscheiter 13,00, Eichen- s<tzeiter 12,50, Kiefernknüppel 11,50, Eichenknüppel 9,00, Kiefernftvcke 8,50, Erchenstöcke 6,50 je Rm., Cichenreisig 15,00, Kiefernreisig 16,00 pro 100 WÄlen.
** Evangelisch-kirchliche Personalie. Durch die Kirchenregierung wurde dem Pfarrer Hans Matthäus zu Langewiesei.W. die eoan- gelische Pfarrstelle zu Ehringshausen, Dekanat Grün berg, übertragen.
** Saatgutmärkte. Infolge der schweren Schädigungen der lctztjährigen Getreideernte durch Nässe und Unwetter sind viele Landwirte gezwungen, sich ftir die Frühjahrsbestellung neues Saatgut zu beschaffen. Um den Landwirten den Bezug guten, anerkannten Saatgutes zu erleichtern, veranstaltet die Landwirtschaftskammer für Hessen eine Anzahl Saatgutmärkte. Der zahlreiche Besüch dieser Veranstaltungen zeigt, welches große Interesse die Landwirte dem Saatgutwechsel entgegenbringen. Me nächsten Saatgutmärkte finden in Lauter- bad) am Mittwoch, 7. März, von vormittags 10 Uhr bis nachmittags 1 Uhr im „Gasthaus zum Johannesberg" und inOrünberg am Donnerstag, 8. März, von vormittags 10 bis nachmittags 1 Uhr im „Gasthaus zum Rappen" statt. Auf den Märkten find Verkaufsmusterproben von Sommersaatgetreide und Saatkartoffeln aus den Saatbaustellen der Landwirtschaftskammer ausgestellt, evenso Klee- und Grassämereien. Die Landwirte seien auf diese günstige Gelegenheit zur Beschaffung anerkannten Saatgutes besonders aufmerksam gemacht. (Man beachte die heutige Anzeige.)
** Warnung vor falschen Lohnsteuer- t a b e l l e n. In letzter Zeit sind mehrfach Tabellen zum Ablesen der Lohnsteuer auf Grund der am 1. Januar 1928 in Kraft getretenen Neuregelung erschienen, die zum Teil unrichtige Zahlen enthalten. Das Reichsfinanzministerium weift darauf hin, daß, wenn infolge der Benutzung solcher Tabellen zu wenig Lohnsteuer abgeführt wird, die Arbeitgeber zu Nachzahlungen verpfliä)tet sind, denn sie sind für die richttge Durchführung des Steuerabzuges vom Arbeitslohn verantwortlich.
** Der Verein der Freunde de- humanistischen Gymnasiums bot am Donnerstag seinen Mitgliedern und Freunden einen wertvollen und lehrreichen Abend. Prof. Dr. Gundel sprach auf Einladung des Vereins im dichtbesetzten großen Hörsaal des Physikalischen Instituts über „Qlntile und moderne Astrologen". Der Vortragende führte seine Hörer in außerordentlich fesselnden Darlegungen zunächst in die Geisteswelt um fünf Jahrtausende zurück, in die vorchristliche Zeit. Hierbei konnte man dank des reichen Materials des Redners ein lebendiges und reizvolles Bild gewinnen von der überragenden Rolle, die die Astrologie im
Gießener Konzeriverein.
Die Zohannespassion.
Eine Aufführung der Iohannes-Pasfion. zumal in der Passionszeit, bedeutet ein inneres Durchleben der für unser Glaubensleben grundlegenden Tatsachen. Durch die in dem Werke gebundene geistige Macht vermag sich dieses über die Abhängigkeit seines Auswirkens von den sonst üblichen Bedingungen des Gelingens einer Aufführung zu erheben: um so restloser ist aber seine Geltung gesichert, wenn eine solche bedeutende Gesamthöhe erreicht wird wie bei der Aufführung durch den Konzertverein.
Richt zum mindesten hatten besonders die Chöre an dieser Wirkung lebhaften Anteil. Lleberwälttgend waren die „Herr"-Rufe im Eingangschor durch die elementare Geschlossenheit des Klanges, als Ausdruck höchster Erhabenheit. Lleberaus klar war die thematische Entwicklung dieses Chores angelegt, und so konnte sich sein geistiger Gehalt mit voller Gewalt erschließen. Die Chöre des Volkes, der Hohenpriester zeigten dramatische Kraft und Realistik der Szene in ihrer Aufwallung, und so war von dieser Selle her jede Bedingung für einen starken Eindruck durch das Derk gegeben. Hier und da hätte sich der an sich sehr klangschöne Sopran im Vergleich zu den durchaus nicht unvorteilhaft besetzten anderen Stimmgruppen etwas mehr Zurückhaltung auserlegen können. Vielleicht hätte die Bildhaftigkeit des Thematischen an einigen Stellen noch mehr Geltung gewinnen können. Jedoch sind das nur Einzelheiten, die gegenüber der bedeutenden Gesamtleistung des Chores, auch in den Chorälen, kaum ins Gewicht fallen.
Der Evangelistenpartie in der Iohannes- Pasfion unterziehen sich unsere Tenoristen nicht gern, weil sie sich meist ihren Anforderungen an Leichtigkeit der Tongabe, vor allem in der Höhe, Ausgeprägtheit der Dellamation und an die stimmliche Ausdauer nicht voll gewachsen fühlen. Max Meili, München, hatte schon gelegentlich der Schütz-Aufführung den Beweis für feine Befähigung als Evangelist erbracht: diesmal bestätigte er den damaligen günstigen Eindruck: überzeugendes Durch.'eben des Textes, mit Stellen von dramatischer Kraft und klanglicher Ausgeprägtheit, innige Versunkenheit in den Arien und weihevolle Erfassung der leidensgeschichtlichen Höhepunkte.
Alfred Peter (Bariton), Straßburg, fang nut vornehmer, vergeistigender Art: er wußte den
Dorten Christt jenen Zug hehrer Lleberlegen- heit zu geben, die gerade für den Christuspart der Iohannesvassion charakteristisch ist. Zwar war seine Höhe nicht immer ganz frei, dafür aber gestaltete er mit ausdrucksvoller Wörme auch in den Arien. Karl Rühl (Braunfels) hatte die kleineren Bahpartien übernommen: er führte seine Aufgabe mit Geschick und Musikalität durch, leider trübte zeitweiliges Tremolieren den stimmlichen Eindruck. Irmgard Heermann (Alt), Gießen, betätigte sich mit bestem, stets bewiesenen Wollen und Können: für die Arie „Es ist vollbracht" aber ist die Stimme noch nicht völlig reif in Hinsicht auf Ausdruckskraft, Atemtechnik und Koloratur, um all das Erschütternde zum restlosen Erlebnis werden zu lassen. Ria Ginster (Sopran), Frankfurt, bekundete in der Durchführung ihrer zwei Arien hohe musikalische Kultur und Gestaltungswillen, wenngleich man sich ihren Stimmklang noch inniger und wärmer, nach der Höhe hin ausgeglichener und freier, offener hätte wünschen mögen.
Das Orchester bewies sich unter der Leitung von Llniversitätsmusikdireltor Dr. Stefan T e m e s- vary, der die Mühen und auch den Erfolg der Ausführung trug, als ein ausgeglichener Klcmg- Krper, der auch den Kühnheiten Bachscher In- strumentatton Gellung zu verschaffen wußte, mit ausgezeichneten solistischen Leistungen deL Cellos, der Violen, Flöten und Oboen. Eberhard Delp, Darmstadt, war ein Begleiter am K.'avier voll Stilgefühl, wie man ihn wohl kaum besser finden wird: Fritz Decker, Frankfurt, waltete erfolgreich an der Orgel, zuweilen etwas zu stark im Klange.
Für Gießen war diese Passionsaufführuna ein bedeutsames Ereignis, das auch von einer Reihe auswärtiger Besucher gewürdigt wurde.
Dr. H.
Lustiges von Gpihweg.
Meister Svitzwegs Kunst ist uns heute die schönste Verkörperung der Biedermeierzeit, und bei der 120. Wiederkehr seines Geburtstages gedenken wir gern dieses genialen Sonderlings, der selbst in seinem Leben wie eine Figur aus seinen Bildern wirkte. Als Apotheker hat er feine Laufbahn begonnen und unter Flaschen und Büchsen, Gläsern und Tiegeln, beim Pillendrehen und Pf läster streichen entwickelte sich in ihm jener BliF für die humorvollen Eigenschaften der Menschen. Damals, als „Subjekt", wie man die Apothekergehilfen nannte, war der spätere eingefleischte
Iunggeselle auch noch ein Freund des schöneren Geschlechtes, dem er verzuckerte Mandeln oder Pfeffernüsse und andere Schlecksüßigkeiten in Silber-, Gold- oder Seidenpapier zu den bitteren Arzneien als Gratisbeigaben überreichte. Don den lustigen Zeichnungen, die der schmalbrüstige kleine Apotheker damals von seinen Kunden hinter dem Ladentisch entwarf, hatten seine Freunde keine Ahnung, und man wurde erst auf seine Begabung aufmerksam, als er eines Abends am Stammtisch als Probe seines Könnens die saubere Zeichnung te8 — Ofens vorwies, den er beim Kreisen der Diergläser sorgfälttg abgezeichnet hatte. Als er dann Maler geworden war, gab man ihm den Beinamen des „Schneiders", weil er immer peinlich sauber angezogen war und sich in der Künstlergesellschast eckig und schüchtern bewegte. Seine DUder wollte niemand kaufen: er verschenkte sie au.ch lieber, denn er hatte Angst, daß sie sonst nicht an die „Richtigen" kämen. Als 1840 bei einer Verlosung in Rüm- berg seine „Hosenflickende Schildwache" von der Vorsteherin eines Dresdner Mädchenpensionats gewonnen wurde, da schickte diese das „imsittliche" Bild mit Entrüstung zurück. Ie älter er wurde, desto mehr wurde er zum Einsiedler, der in seinem drei Treppen hoch gelegenen Atelier ganz seiner Arbeit lebte und glücklich war, wenn er malen, rauchen und lesen konnte und nicht gestört wurde. Seine Phantasie zauberte ihm viel schönere Wunder vor, als ihm das Leben bieten konnte. Grützner erzählt, daß er einstmals Spitzweg begegnete, der auf seinem Spaziergang ein Buch sorglich in der Hand trug; es war der Text des Stückes, das abends im Theater gegeben wurde, und der Meister erllärte: „Das lese ich heute abend zu Hause, da spielen sie mir's vor." „Ich gehe im Zimmer hübsch prosaisch in Filzschuhen, wenn's draußen 25 Grad im Schatten hat, gleichviel, oder wenn mein übel beleumundeter Thermometer 13 Grad zeigt," schreibt er einmal an Pecht, „und höchstens reib' ich mir in Iamben- beweyung meinen Parmesankäse zur Reissuppe — das ist jetzt schon die ganze Poesie meines Lebens." Der geistesverwandte Schwind war einer seiner wenigen Freunde. Dom Ruhm hielt er nicht viel, und für sich hat er einmal ein Denkmal ausgedacht, das ein komisches Sinnbild seiner Kunst darstellt: „Das Ganze kann die Form einer Hanswurstenmühe haben. In der Mitte müßte ein Relief In Tragant gegossen angebracht sein, worauf alle Schreiber und Türken. Badergesellen und Bürgermeister, Mauttier und Einsiedler in Reichsstädten, Sandwüsten und Alpenregionen.
Leben der alten Völker, insbesondere aber ihrer Großen spielte. Der Vortragende zeigte sodann in großen Strichen, aber doch in abgerundetem Bilde die Hebergänge der damaligen astrologischen Geheimwissenschaft von der vorchristlichen Zeit in bad christliche Zeitalter, in der sie bald stark an Einfluß verlor, um schließlich ganz auf Bedeutung verzichten zu müssen. Man erkannte durch die lichtvollen Ausführungen des Vortra- genten weiterhin, daß nicht nur ernste, ganz rein auf das wissenschaftliche Ideal gerichtete Männer sich der Astrologie widmeten, sondern daß auch Gaukler und gemeine Schwindler sich auf diesem Gebiete betätigten, natürlich nur zu dem Zwecke, ihren Eigennutz zu befriedigen. Leute der letztgenannten Art — und damit kam der Redner schließlich auf die heutige Zeit zu sprechen — treiben auch gegenwärtig wieder ihr Llnwesen, das besonders nach dem Kriege außerordentlichen Umfang angenommen hat. Prof. Gundel wies überzeugend nach, daß all das, was diese modernen „Astrologen" einem gutgläubigen Publikum durch Ankündigungen der verschiedensten Art verheißen, nicht die geringste Beachtung verdient. Die ^Betätigung dieser geschäftstüchtigen Leute habe nur den einen Zweck, sich selbst auf mühelose Art gute Einnahmen und ein angenehmes Leben zu schaffen, mit Wissenschaft und daraus gegrünte ter Zuverlässigkeit aber habe die Tätigkeit oieser „Astrologen" nicht das geringste zu tun. Die Astrologie sei tot, sie gehöre einer entschwundenen Kulturepoche an, auf die man nur mit geschichtlichem Interesse zurückblicken könne. Der Redner warnte davor, auf die geheimnisvollen und vielversprschenten Ankündigungen der betriebsamen „Astrologen" ter Reuzcit einzugehen, und riet, sein Geld lieber für nützliche Dinge anzuwenten. Der ausgezeichnete Vortrag, ter sowohl vom kulturhistorischen Standpunkt, wie auch unter dem Gesichtswinkel der aktuellen Wertung sehr dankenswert war, tourte von dem großen Zuhörerkreis mit lebhaftem Beifall ausgezeichnet.
** Gedächtnisfeier für Oberst Spohr. Man berichtet uns: Die Mittelrheingruppe des Deutschen Bundes ter Raturheilvereine hatte Freunde und Anhänger einer naturgemäßen Lebensweise eingeladen, um eine Dankespslicht gegenüber dem verehrten Vorkämpfer ihrer Sache, Oberst Spohr, zu erfüllen, ter bis zu seinem 93. Lebensjahre der Raturheillehre sein Interesse widmete. Seine Lleberzeugungstreue hat ihm einen Ehrenplatz im Herzen seiner Mitmenschen gesichert. Dies zu bekunden, war der Zweck des Abends, ter allen Teilnehmern eine Feierstunde brachte. Die Vereine ter Rachbarstädte Marburg, Frankfurt, Hanau, Offenbach hatten Vertreter entsandt, und Telegramme zeigten an, dah in Deutschland und Oesterreich dieser 100. Geburtstag eines Gießener Bürgers, des Altmeisters ter Raturheilbewegung, gedacht tourte. Der erste Vorsitzende der Mittelrheingruppe verbreitete sich in anschaulicher Weise über „Oberst Spohr und der Raturheilgedanke". Seine Rede tourte umrahmt von musikalischen Darbietungen, die geeignet waren, eine echte Feierstimmung zu schaffen. Das herrliche Largo aus dem Trio Är. 1 von Beethoven bot einen hohen künstlerischen Genuß, ebenso daS vorzüglich gespielte Rocturno von Scheinpflug. Frau Dr. Fischer, Musiklehrer Bauer jun. unö Studienrat Hillebrand machten sich um die Wiedergabe verdient. Frau Aennv Brandl erweckte besondere Freute durch den Vortrag der Pagen-Arie aus den „Hugenotten", sowie einer Romanze von Spohr. Ihre schöne Stimme und vorbildliche Aussprache brachten ihre Gesänge zu großer Wirkung. Dichtungen von Llhland und C. F. Meyer wurden von Frl. Lerch geschmackvoll vorgetragen. Die Lohelandschule und die Iugend- gruppe des Vereins zeigten mit ihren Dewe- gungsspielen, wie die heutige Iugend Ruhen zieht ans körperlicher Ertüchtigung. Alle Gäste, unter denen sich auch alte Kameraden und Freunde des Gefeierten befanden, werden gerne an diesen Ehrenabend für Oberst Spohr zurückdenken.
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die ich in meinem ganzen Leben gemalt habe, in meinem Bilde vereint wären, wütend um Racte schreiend über ihren LIrheber. Auf dec Spitze eine Vase für Salben und der Boden gehcftpflästert — zum Andenken an die bietermännisch verlebten Subjektjahre..."
„'Der große Llnbeka.mie".
Edgar Wallace ist ein gewiegter Könner, er versteht seine Sache: im Roman, auf der Bühne, erst recht im Film. Im Lichtspielhaus Bahnhofstraße läuft zur Zeit einer, eine Kriminalaffäre in sechs Akten nach dem Roman „Der Unheimliche" von Wallace. (Spielt in London, so zwischen Withechapel und Scotland Pard. Jeder weiß, was er von diesen beiden Namen zu halten hat. Die Sache ist von Wallacec so außerordentlich raffiniert eingefädelt und vom Regis- scur Manfred Noa mit solchem Geschick inszeniert, daß keine tote Stelle im Filmband bleibt, daß der Zuschauer keinen Augenblick zu Atem kommt und sich erst ganz zum Schluß, wenn das allgemeine Rätselraten nach dem großen Unbekannten (roie im .Hexer") gelöst wird, die Zu- sammenhänge wiederherstellen muß, indem er in der Phantasie das Filmband von rückwärts noch einmal ablaufen läßt. Unter so bewandten Ihn- ständen ist es aussichtslos (und kann auch gar nicht der Sinn dieser Zeilen sein), die Handlung zu erzählen und damit die Lösung oorzeittg preiszugeben. Kurz gesagt: dies ist ein Film, wie er sein soll: er hat Tempo und Phantasie: strotzt von scharfsinnig kombinierter Handlung: die Ereignisse überstürzen sich: kein Meter unnützes Beiwerk und Leerlauf auf dem Band: man muß intensiv mitgehen, darf kein Bild versäumen, ohne den Faden zu verlieren. Das Ganze, mit wirksam verteilten Pointen auf den Schluß hin gesteigert, wird von guten Schauspielern untadelig gespielt: besonders zu rühmen sind unter ihnen die L a Fayette, Trevor, N i e n ° S ö n ° L i n g, Reicher und Gerron. —
Zwei Bemerkungen zum Beiprogramm lassen sich nicht unterdrücken: warum wird der Besucher, der bestimmt aus anderen Gründen ins Kino ging, gezwungen, sich unter Musikbegleitung die mehr als ausführliche, faustdicke Reklame einer Motorradfirma mit genauer Preiskalkulation anzusehen? Und ist es nicht höchst überflüssig, in der Wochenschau Herrn Zubkoff zu präsentieren? Was man von ihm lieft, ist u. E. gerade peinlich genug. —r—


