„Vater! Vater!"
Qlun hörte er doch in seine Träume hinein, bah man nach ihm ruf. Maria stand oben am Kellereingang- hinter ihr war die Helle des Tageslichtes, in die Dremm jetzt blinzelte.
„Vater, geschwind, et is einen da!"
Herr Feiden, der bekannte Kommt,fionär, war gekommen. Simon Dremm verwunderte sich: schon jetzt? Man wußte ja noch gar nicht bestimmt, was die diesjährige Ernte brachte, vielmehr nicht brachte, und schon hatte der heraus, wo noch etwas lagerte? Er nahm sich vor, vorsichtig zu sein. Die Preise würden steigen, bet der geringen Ernte unbedingt steigen, seine Fuder, die lagen hier noch lange gut, er konnte es abwarten. Kühl hielt er zurück.
„Braucht Ihr dann kein Geld?" fragte der Kommissionär ganz verwundert. Das war ihm noch nie vorgekommen: ein Winzer vor der Lese, der kein Geld brauchte? Er bot Milliarden,
Billionen.
Dremm spuckte in grobem Dogen. „Meine Fuder sind mir lieber. Die kann ich noch lang verkaufen. Lieberhaupt dieses Jahr!"
Da fing Herr Feiden an, ihm zu erzählen, dah die Herbstaus,ichten doch durchaus nicht so
ungünstig waren, wie man zuerst angenommen hatte. Der Dehang war gut, es gab sogar glänzende Lagen. An der ganzen Obermosel war man einer Dreiviertelernte gewiß.
Der Winzer blieb ungerührt' „Ich verkaufen
„Ro aber, wenn Ihr jetzt kein bar Geld kriegt, wovon wollt Ihr dann den Zucker anschaffen, und wovon nachher in Eurem Derg dir notwendigen Reparaturen machen?" Der Kommissionär erregte sich: „Ihr seid ja verrückt!"
Dremm zuckte die Achseln: was dem Weinberg not tat, würde auch beschafft werden: lieber hungern, als dem was fehlen lassen. „Der Weinstock zieht dem Winzer den Rock aus, aber er zieht 'n ihm auch wieder an," sagte er mit einem gewissen Triumph. „Was ich jetzt nit hab, hab' ich nachher doppelt und dreifach. Geht nur, bei mir is heut nik zu wollen!"
Der Kommt sionär ging ärgerlich. Simon Dremm sah ihm nach mit halbem Lächeln: bildete der sich ein, die Fuder billig zu kriegen? Warten,
nur warten, bis so gut wie kein Angebot da war, dann stiegen die Preise!
„Vater, haste verkauft?" fragte Maria neugierig. Ihre Augen glänzten: wenn er verkauft hatte, bekam sie Geld für ein neues Kleid. Der Kaspar aus Munden fuhr morgen nach Kochem, der nahm sie mit. Sir hatte heute mit ihm gesprochen, als sie am Rittweg Gras für das Vieh holte. Er angelte im Kahn drüben auf der Münzner Seite, ober als er sie sah, kam er rasch über die Mosel zu ihr gerudert, hielt sich am hängenden Weidengebüsch fest, und sie hatten lange geschwatzt.
Er sagte, er müßte nach Kochem, aber sie wußte genau, er fuhr nur hin, spannte nur an, weil sie gern hin wollte. Er tat ihr ja alles zulieb. Aber wenn er ihre Hände fassen wollte, zog sie die ihren rasch weg, hielt sie hinter den Rücken und lachte ihn aus. Und doch würde es nett sein, mit ihm zusammen zu fahren. Das Kleid, ach ja, daS Kleid, konnte sie sich das denn nun endlich kaufen?! Marias Augen hingen bittend am Vater: „Haste verkauft?" Als er kurz sagte: „Rein," war sie bitter enttäuscht.
„Wann verkaufste dann?"
„Roch gar nit.“
Da stieg es nah in ihre Augen, sie konnte das Weinen nicht unterdrücken: das war aber traurig, zu traurig, nun kriegte sie das versprochene Kleid noch immer nicht. Sollte sie denn schlechter als andere gekleidet gehen?
Dremm fühlte ein plötzliches Mißbehagen: seine Moria, sein bestes Kind, sein gutes fleißiges Mädchen kränkte sich so.
Indem kam die Frau: „Dremm, haste verkauft? Gott sei gedankt, dat ich Schuh für die Jungens kaufen kann — nä?I O Je,es Maria!" Sie war mindestens so unglücklich wie die Tochter, als er „Rein" sagte. Ach, warum hatte er denn nicht verkauft? Gerade war sie im Dorf gewesen, alles, was Deine hatte, stand an der Ecke des Gäßchens vorm Alten Dremm seinem HauS. Die Leute gafften, als wenn s da was zu sehen gäbe, sie waren ganz aufgeregt: der Jakob hrtte eben verkauft, alles verkauft, was er noch liegen hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Freitag. 2. März 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
Et. 53 Zweites Blatt
Auf dem Wege zur Mittelmeer-Konferenz. Die Tagung des Völkerbundsrates, die Anfang März beginnt, steht diesmal schon Hart unter hem Schot:en der in Frankreich und Deutschland bevorstehenden Wahlen. Es »st daher kaum zu erwarten, daß. da gerade dre Ausgestaltung der deutsch-französifchen Deziehungen von inner- politischen Gesichtspunkten und von der Zusammensetzung der Regierung bedingt wird, auf diesem Gebiete etwas geschieht. Wir haben uns ja schon längst damit abgefunden, dah wir kurz treten müssen und werden zudem immer wieder peinlich daran erinnert, dah das Dhein- landprvblem zwar für uns der Angelpunkt unserer ganzen Politik ist. dah es aber für die übrigen europäischen Mächte nur untergeordnete Dedeutung besitzt und höchstens dazu dient, bei anderen Geschäften als Tauschobjekt herangezogen zu werden. Das Schwergewicht der Besprechungen, die in Genf hinter den Kulissen erfolgen, wird jedenfalls vorläufig außerhalb unserer Interessensfphäre liegen; alle Anzeichen sprechen dafür, daß England den Zeitpunkt für gekommen hält, um feine langatmigen Vorbereitungen zum Ausgleich der Gegensätze am M i t t e l m e e r zum Abschluß zu bringen.
Hier, das wird man zugeben müssen, liegen wohl auch in der Tat die größten Gefahren für den Frieden Europas. In dem italienisch- sronzösischen Gegensatz, der ja mcht politisch konstruiert ist, sondern, auf die einfachste Formel gebracht, in der Antithese besteht, dah Italien ein Volk ohne Kaum ist. während Frankreich den Begriff eines R a u - mes ohne Volk verkörpert. Trotz aller Bemühungen um die Hebung der Geburten muß Frankreich schon froh sein, wenn es feine Einwohnerzahl hält. Es hat sich zudem in Afrika Expansionsraum von unbegrenzter Ausdehnung gesichert, aus derem Menschenreservoir es schon im Kriege gegen uns erfolgreich zu schöpfen wußte. Italien Dagegen erstickt in feinen Menschen. Der natürliche Abfluß nach den Vereinigten Staaten ist durch die neue Einwanderungspolitik feit Jahren gesperrt. Südamerika dient zum Teil als Ersatz. Inzwischen hat sich aber durch Den Krieg und durch Mussolini Der italienische Volkscharakter stark geändert. Die Italiener wollen nicht mehr Kuli oder Staatendünger für andere Staaten sein, sie erheben Anspruch daraus, daß sie Kolonisationsgebiete erhalten, auf denen sie unter eigenem Hoheitsrecht siedeln können und berufen sich nicht nur auf Die historischen Erbrechte, Die sie vorn alten römischen Deich ableiten. sonDern auch auf Die Interessensphäre, die aus der Lage ihres LanDes über das Mittelmeer hinüberstrahlt. Bei der Verteilung Der nord- afrikanischen Küste sind sie zu spät gekommen, sie haben in Tripolis nur ein Stück Wüste bekommen, das mit viel Geld eine geringe Siedlung ermöglicht, während die Franzosen in Algier und Tripolis auf altem italienischen Kulturboden stehen, der heute noch Die Möglichkeit bietet, ganze Armeekorps von Europäern unterzubringen.
Daö ist der eigentliche Drehpunkt der italienischen Politik und von hier aus ist eigentlich alles zu verstehen, waS Mussolini In Den letzten Jahren getan hat. Er hat sich fleißig gerührt, er hat seine Intcressenssphäre auf den Balkan aus gedehnt, er hat feine Ansprüche auf Tanger angemeldet, um auch da seine Hand im Spiele zu baben. hat sich auf Der einen Seite Die Dundesgenoffenschast Albaniens gegen Iugoslavien, auf Der anDzren Seite die Unterstützung Spaniens gegen Frankreich gesichert unD so zu einer Beunruhigung des Mittelmeeres beigetragen — auch wenn man von dem italienischen StorungSfeuer in Kleinasien ganz absieht —, Die. wenn man Die Dinge laufen läßt, eine kriegerische Entladung früher oder später eigentlich zur Rotweni-ig- keit macht. Diese Aussichten sind England, das im Wittelmeer nur zu verlieren, aber nichts zu gewinnen hat, mehr als unbequem, Downing Street hat deshalb schon seit Jahr und Tag auf einen Ausgleich hingearbeitet und zu» nächst einmal Die wesentlichsten Steine beiseite
geschafft. Die einer Verständigung im Wege lagen. Das ist zum größten Teil gelungen. Frankreich hat Die Iugojlaven fallen lassen. Die sich mit Der Herrschaft Italiens in Albanien absinden mußten. Dafür hat Italien seine mittelbare Unterstützung Spaniens in Der Tangerfrage zurückgezogen; Spanien wird sich hier Damit ab,Inden, daß Im Tanger-Statut in der Hauptsache alles beim alten bleibt. Frankreich wird auch fünf» tighin Der Herr in Tanger sein und Spanien bekommt als Pflaster auf Die WunDe eine eng- Usche Anleihe, wofür wieder England und vermutlich auch Italien als Unterzeichner Dem Tanger-Statut beitreten.
Soweit wäre also alles in schönster Ordnung: die aktuellen Streitigkeiten sind geschlichtet, man kann sich an einen gemeinsamen Tisch setzen und versuchen, Die Interessengebiete Im Mittelmeer neu zu verteilen. Mag sein, Daß eS Der Geschicklichkeit Englands gelingt auch etwa» zustande zu bringen. Das wie ein Mittelmeer-Ab- kommen aus sieht. Aber alle Klugheit wird nicht
verhindern können, daß Damit bestenfalls nur ein neues Provisorium geschaffen wird. Denn Ehamberlain kuriert nur an Den Symptomen herum, nicht an Der Krankheit selbst. Der Sih der Krankheit ist aber eben der, daß Italien etwas von dem Koionial- lanD braucht. Das Frankreich zu viel hat. Frankreich kann aus Prestigegründen nichts abgeben und Italien kann auf seinen Anspruch nicht verzichten. Durch solche Methoden, wie England sie jetzt anwendet, werden eben völkische Gegensätze nicht aus Der Welt geschafft. Man braucht jener materialistischen ®e- schichtsaufsasfung, die Darauf hinaustäust, daß alles Weltgeschehen nur ein Kampf um Den Futterplatz unD um Den Futteranteil ist, nicht restlos zuzustirnrnen. Ein gut Stück Wahrheit liegt aber doch darin. Italien braucht nun einmal Raum und Ellenbogenfreiheit, wenn es in seinen Millionen nicht ersticken will. Und diesem Proklem ist nicht mit diplomatischen Formeln, sondern nur mit neuem Land beizukommen.
Aechtung -es Krieges.
Don Dt. Aon. H. A. £. Fisher, ehem. engt Unterrichtsmlnisier.
Mit dem nachfolgenden Artikel setzen wir die Reihe unserer Beiträge hervo:- ragenter Politiker des Auslandes fort. Mit dem W e e beginn Der Gen er Verhandlungen dii' <e Die Behandlung des Pröble-.: s ter Aechtung des Kr e es durch den ehemaligen englischen Minister und Vertre er Englands im Völkerbund besonders interessieren. — D. Red.
Ueber die Frage einer Aechtung des Krieges sind vielfach Anschauungen verbreitet, Die einer Klärung einigermaßen bedürftig erscheinen. In Den Vereinigten Staaten bekennen sich dieselben Leute, Die Den Völkerbund schmähen und Die behaupten, die große Republik jenseits des Ozeans werke sich niemals in das Retzwerk seines Vertragssystems verstricken lassen, gleichzeitig zum Glauben an Die These von der „Aechtung Des Krieges". Wenn nun Dem Worte „Aechtung" irgendein Sinn beizumessen ist, so kann es nur Der sein, daß Derjenige. Der ein Gesetz verletzt hat. als außerhalb Des Gesetzes stehend erklärt wird. Der Geächtete ist jemand, Der jedermanns Feind ist, und dessen Feind jedermann ist. Er ist im Kampfzustand mit Der ganzen menschlichen Gefellscha't und diese ist moralisch verpflichtet, ihr Den Kampf zu erklären. Wenn nun Worte nicht ein leerer Schall bleiben sollen, so setzt die „Aechtung des Krieges" ein ganzes System von Strafsanktionen voraus. Die im gegebenen Fall gegen den in Acht erklärten in Anwendung kommen.
I.
WaS hätte es für einen Sinn, einen Staat. Der einen Krieg entfesselt hat. in Acht zu erklären. wenn nicht für Die Anwendung von Maßregeln Vorsorge getroffen ist. Die im Zal e Der Aechtung störend empfunden würden? Prä,ident Wilson hat Die Unumstößlichkeit Dieses Argumentes klar erkannt. Gr hatte Den aufrichtigen Wunsch, Den Krieg in Zukunft geächtet zu sehen und seine Absicht war. den Völler- bund mit Den erforderlichen Sanktionen auszustatten. Auch Leon Bourgeois' Standpunkt in Dieser Frage war vollkommen folgerichtig. Er forderte für den Völkerbund eine Armee und einen Generalstab. Dank einer solchen Organisation wäre — deren Realisierbarkeit vor- ausge etzt — Die „Aechtung des Krieges" zur Tatsache geworden. Man wäre in Der Lage gewesen, einen Friedensstörer auch entsprechend zur Verantwortung zu ziehen.
11. /
Es ist indessen klar, daß selbst 'durch ein solches System nicht jeder Krieg für ungesetzlich erklärt worden wäre, Deren Die Gesellschaft Der Rationen ist bloß mit Der Macht aus gestattet, einem „QI n g r e i f e r - 6 t a a t“ Den Krieg zu erklären. Der Tatbestand Der Gesetzesverletzung ergibt sich durch Die Richteinhaltung der ausdrücklich übetnommer.en Verpflichtung, Frieden
zu halten. Demgemäß ist nicht jede Art von Krieg von Der Aechtung bedroht, sondern b l o h ein Angriffskrieg, wie und durch welche Instanz auch immer Der Begri.f des Angriffes definiert werde. Es soll keineswegs geleugnet werden, daß Der fe.e.lichen Erk.ärung eines mächtigen Staates, gegen seine Rachbarn nicht das Schwert ziehen zu wollen, ein gewisser moralischer Wert beizumes en ist; e.ree solche Erklärung würde jedoch keinesfalls einer Aechtung des Krieges gleichzuhalten fein. .
Es erscheint durchaus angebracht, sich Diefe elementaren Grundte^ri fe wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, denn in Der jüngst zwischen den Regierungen Der Vereinigten Staaten und Frankreichs stattgehabten Rotenwechsel kommt Der Terminus „Aechtung des Krieges" ausdrücklich vor. In diesem Rotenwechfel handelt es sich um Die Anregung für beide Regierungen, Den Krieg aus ihren gegenteiligen Dez ehungen auf Grund eines prakti chen Planes von ungewöhnlichen Ausmaßen für alle Zukunft auszuschal- t e n. Wie ist das zu verstehen? War Damit beabsichtigt, daß Die beiden Regierungen sich verpflichten sollten, nie und unter leinen Umständen einen Krieg gegeneinander zu führen? Wir vermögen Der Rote Der amerikanischen Regierung nicht diese Auslegung zu geben. Die Washingtoner Regierung schlägt Die Abgabe einer Erklärung vor. nicht aber Die Uebernahme einer Verpflichtung. Und selbst wenn diese unsere Deutung nicht zutreffend wäre, selbst wenn es sich um Die Uebernahme wechselseitiger Verpflichtungen handeln sollte, könnte von einer „Aechtung des Krieges" nicht gesprochen werden. Zwei einzelne Staaten können sich gegebenenfalls nicht gegenseitig in Acht erklären: der Degriff Der „Aechtung" setzt das Vorhandensein einer höheren Instanz voraus. Die Den einzelnen Die Einhaltung Der Gesetzesvorschriften aufzwingt.
Aus Den vorstehenden Erwägungen Dürfte mit einiger Sicherheit hervorgehen. Daß die Washingtoner Regierung dem von ihr gebrauchten Ausdruck „Aechtung Des Krieges" nicht Die diesem Begriff ursprünglich zukommen, e weitgehende Deutung geben wollte. Eine Regierung, die die Kompe.enz Des Hcaoer Schiess ge.ichts nicht ohne weitgehende Vorbehalte anni.nmt, und we.che im Begriff steht, eine enorme Kriegsflotte zu bauen, Die sie durchaus nicht zur Verfügung irgendeines Welttribunals zu ballen beabsichtigt, eine solche Regierung hat sich nicht auf Die Gedankengänge Der „Aechtung Des Krieges" eingestellt. Sie mag, was wir nicht bezweifeln wollen, von Den ehrlichen Bestrebungen erfüllt sein, Den Frieden zu halten. Aber o,fenbar betrachtet sie einen Krieg nicht als völlig ausgeschlossen, ebensowenig aber als einen Frevel, Den zu züchtigen — falls ein unterer Staat sich eines solchen schuldig machen sollte — sie etwa als moralische Verpflichtung empfinden toüri e.
Man könnte andererseits geltend machen, daß der Aufwendung eines volltönenden Ausdrucks wie der „Aechtung des Krieges" eine gewisse moralische Wirkung zugute zu halten sei, auch wenn er nicht In deS Wortes tiefster Bedeutung verstanden wird. Zwei Regierungen indessen. Die erllä en. Den Krieg fürderhin als Mittel zur Schlichtung von wechselseitigen Streitigkeiten ausschalten zu wollen, haben damit nicht mehr getan, als sich verpflichtet, alle nur möglichen Mittel anzuwenden, um eventuell zwischen ihnen aus tauchende Streitfragen auf friedlichem Wege aus der Welt zu schaffen. Tatsächlich haben sie sich Darauf beschränkt, in feierlicher Weise ihre friedliche Gesinnung zu betonen. Durch die Anwendung des Ausdrucks „Aechtung" verkünden sie im voraus und mit Rachdruck, daß sie den Krieg als Mittel zur Austragung gegenseitiger Strettigf i'en moralisch verwerfen und erklären sich im Voraus für schuldig, falls sie sich jemals veranlaßt sehen sollten, doch zu einer Entscheidung mit Den Waffen Zuflucht zu nehmen.
III.
In Wahrheit ist die Aechtung des Krieges in dgcntr: ' 'm Sinn so lange unvorstellbar, als sich die We t nicht als überstaatliches Forum konstituiert. Seiner praktischen _ Verwirklichung scheint dieses Ziel noch am nächsten gekommen zu sein durch die Völkerbunds- Versammlung und durch das Dertragswerk von Locarno, das, unter der Aegide des Völkerbundes zustande kam. Beide haben wirklich Sanktionen geschaffen. Diese mögen nicht so wirksam fein, wie jene, die ein Staat gegen seine eigenen straffälligen Angehörigen zur Anwendung zu bringen Pflegt; aber sie find vorhanden und werden im Lauf der Zeit eher an Kraft zunehmen, als schwächer werden.
IV.
Man mag das Memorandum über das Sicherheitsproblem, das die englische Regierung kürzlich dem Völkerbund hat zugeben lassen, für zu zurückhaltend anfehen. Immerhin stellen dessen Vorschläge einen wirksameren Beitrag zur praktischen Lösung des Problems bar. als eine bloße Erklärung, laut derer jeder Krieg in Acht erklärt werden soll, ohne durch das Versprechen bekräftigt zu Jein, daß ihr Inhalt auch tatsächlich zur Geltung kommen werde. Die britische Regierung Hai sich bereit erklärt, Vorschläge, die auf eine Erweiterung der Schiedsgerichtsbarkeit abzielen, sowie Vorschläge zu Darauf bezüglichen Verträgen in Erwägung zu ziehen. Sie ist insbesondere dazu bereit, die bezüglich der Lebensinterefsen, der Ehre und Unabhängigkeit sowie bezüglich der Interessen dritter Staaten formulierten Vorbehalte, die bisher manchen Schiedsverträgen Schranken gesetzt haben, einer neuerlichen Prüfung zu unterziehen. Sie begrüßt lebhaft die Bestellung von „Versöhnungs- kommissionen" als Forum zur Austragung von Streitfragen, die sich zur schiedsgerichtlichen Behandlung nicht eignen. Schließlich stellt die englische Regierung noch fest, dah sie den Vertrag von Locarno für den „idealen Typus eine- Sicherheitspaktes" ansieht und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß das System von Locamo einen weiteren Ausbau erfahren möge.
Für den Geltungbereich des Vertrages von Locarno sind alle Vorbedingungen zu einer tatsächlichen Aechtung deS Krieges vorhanden: Eine Gruppe von Mächten hat sich vertraglich verpflichtet, den Frieden zu garantieren und gegen jeden Störer desselben mit Waffengewalt einzuschreiten. Wir müssen unablässig bestrebt sein, dieses System räumlich begrenzter Garantien und Palte auf weitere Gebiete auäju* dehnen, wenn wir Zeugen eines Triumphes der Idee von der „Aechtung des Krieges" werden wollen.
V.
Wie steht es nun mit den Vereinig ten Staaten? Wie vermag die Washingtoner Regierung zur Losung dieses Weltproblems beizutragen, solange sie sich von der Mitarbeit am Genfer Werk ausschließt? Sie könnte verschiedene Schritte unternehmen, aber ein einziger wäre von ausschlaggebender Bedeutung: Sie könnte eine einseitige Erklärung proklamieren des Inhalts, daß sie keiner Maß
Oie goldenen Berge.
Boman von Clara Diebig.
Copyright by Deutsche Derlags-Anstalt Stuttgart.
3 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Er ging jetzt über Den Hof nach seinem Keller; der lag unterm Kelterhaus. Das war noch viel älter als sein Wohnhaus, die drüben vorn Kloster Ratten sich« wohl gebaut. Im Vorraum ließ er das Licht aufflammen und ärgerte sich: daß die Weiber auch hier Immer ihre Ablagerunas- Hätte hatten! Er gab einem Waschzuber der umgestülpt am Boden lag. einen derben Tntt. Hier durfte nur Die Traubenmuhle stehen neben der Kelter und die Gerätschaften, Di? er notwendig brauchte. Er trat dicht neben Die Kelter, liebevoll ruhte sein Blick auf ihr. Es gab manch eine, die leichter zu handhaben war — Die neumodischen wurden sogar eleitrisch betri.ben — seine hier ging schwer, es knarrte der eichene Kelterbaum, und man selber ging fast auS den Fugen dabei, aber sie hatte schon Vater und Großvater gebient. Eine gute, eine brave alte Kelter. Fast zärtlich betasteten feine Finger den Kelterbaum. Und bann stieg er bie Stufen hinab in Den Ke Her, sie waren von der steten Feuchtigkeit schlüpfrig. Der Keller selber war wir ein Durgverlicß, keine Luke, kein Lichtstrahl, und auch kein Luftzua. Dunkel sehr dunkel weit gings in undurchdringliche Schwärze hinein. An den unbehauenen Steinen der dicken Mauern, von der schwarzen Decke deS Gewölbes herab, sickerte in langen Gehängen, wie in Tropfsteinhöhlen, gleichsam versteinert bte Feuchtigkci:. Ern guter Keller, ein ausgezeichneter Kellrr, im Winter warm, im Sommer kühl, man merkte es. daß er einst den Klosterfrauen von drüben ge- Dient hatte. Die wußten, wie man gut?n Wem zu lagern hat. Und statt der paar Fuder letzt, lagen damals sicher dreimal so viele hier, groge Stückfässer. Das reiche Kloster hatte eine Menge CDetnberge, und die adligen Klosterdamen hatten immer viel Durst.
Simon Dremm trat zum vorderen Fatz: spundvoll. Er klopfte wohlgefällig schmunzelnd
daran, und bann an das zweite. An taufend Liter in jedem. Er brachte seine Olafe ans Spundloch oben — hei. wie das duftete! ES gelüftete ihn sehr, einmal zu probieren, aber er versagte eS sich, schnupperte nur noch am Kranenloch vorn. Gut. gut! Man roch schon, was das für ein Wein war. Aber für ihn viel zu schade zum Trinken, für ihn war der Fluppes. War Der nicht auch gut? Er hatte ja Den Trester mit reichlich Zuckerwasser gelöst unD nochmals gekeltert. Er holte sich die Stütze aus dem Vorraum, deren Dlechbehälter gut zwei Liter saht, ging ans Haustrunksaß. das. bescheiden und klein, neben den Fuderfässern fast verschwand, drehte Den Kranen auf und lieft in sein Gefäß rinnen. Die Stühe war halbvoll, er hob sie mit beiden Händen an den Mund und trank durstig und rasch.
Der Fluppes war farblos, ein Dünner, verwässerter letzter Aufguß. Der apfelsäuerlich roch; aber hier unten getrunken, hier in Dem Raum, Dejen Wände feit Jahrzehnt.n. feit Jahrhunderten schon Den nie ersterbenden Duft von Weinen bewahrten, die einst hier gelegen, schmeckt? auch er wie Wein und berauschte wir Wein. Dem Mann, der hastig getrunken hatte, wurde auf einmal so leicht ums Herz, er fühlte ordentlich, wie etwaS von ihm absiel. Er mußte lachen, wenn er bedachte, waS die Anna gesagt hatte — Schuhe, Kleider —?! Pah. waS sorgte sie! da war nichts zu sorgen. Und die Maria konnte sich ruhig den Stoss kaufen, das Kleid nähen lassen, er war den Leuten schon so lange gut, biS er i bezahlte; Schulden hatte er noch nie gehabt. Und er hatte ein kreuzbraves W ib, und Li3 auf den Joseph, den faulen Kops, lauter wohlgeratene Kinder, und Ackerland noch außer dem Weinberg, und das Haus mit einem Feigenbaum vor der Tür, und eine eigene Kelter — und hier, hier ein Okrmögen! Er legte feine Rechte auf daS eine Fatz und seine Linke auf daS andere.
Zwischen feinen Fudern steh.nd, lächelte Simon Dremm verträumt ins Kellerdunkel hinin da sah er feinen Weinberg. Er sah Trauben hängen an jedem Stock, die Beeren waren llein, aber goldig, bie Sonne machte sie durchsichtig — sie waren schon alle im Wein. Oh. die neue Ernte! Des Mannes Herz klopfte stark: oh, welch ein Ausblick! QHIc Hoffnung erfüllte sich.


