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Donnerstag, 2. Februar 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. 28 Drittes Blatt

Mragen der Gießener KommunalpoM

ie

Möchten eL sich jetzt nur alle noch fernstehende Vereine und Verbände zur Aufgabe machen, sich der Organisation anzuschliehen und mitzuhclfen an dem groben Kulturwerk der Hebung und Förderung des deutschen Männergesanges und zur Pflege des deutschen Liedes. E. K.

Der finanzielle Theaterskandal in Zranksurt

WER. Franksurt o M., 31. San. Inder ceut-ei St d ver r'neter. ve sarnm- lung entspann sich im Anschluß an den ge­druckt vorliegenden Bericht des Hntersuchungs- ausschusses über das städtische Theater- Wesen und die Verfehlungen des Di­rektors Müller-Wieland eine lebhafte Debatte, in der Redner aller Parteien das Wort ergriffen. Es wurde dem Magistrat zum Vorwurf gemacht, daß er, trotzdem die Verfeh­lungen von Müller-Wieland schon seit längerer Zeit bekannt waren, nicht gegen den Direktor eingeschritten sei, sondern ihn geradezu noch geschützt und in anerkennenden Worten über seine Tätigkeit gesprochen habe. Es sei unver­antwortlich, dab man nicht sofort gegen ihn vorgegangen sei, sondern erst endgültige Be­weise habe abwarten wollen. Es wurde auch die Forderung eines Volkstheaters, das ohne Zuschüsse arbeite, erhoben. Der Unter» suchungsausschus; soll noch einen zweiten Bericht ausarbeiten, der Pläne zur Verminderung des Defizits enthalte. Die Bewilligung des Rachtrags für das erste Vierteljahr 1928 in Höhe von 460 000 Mark wurde von der Mehr-

Wirischast.

Oer Reichswirffchafisminister und die Eisenpreise.

Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, hat der R e i ch s wir t sch a f t s m t n i ste r auf Grund deS 8 4 Abs. 1 Ziffer 3 der Verordnung gegen Mißbrauch wirtschaftlicher Machtstellungen vom 2. Rovember 1923 im Hinblick darauf, dah die Art der Durch­führung der weiter unten genannten Kartell­verträge, die in der im Januar 1928 beschlos­senen Festsetzung von Preisen und Geschäfts­bedingungen für Walzerzeugnisse zum Ausdruck gekommen ist, die Gesamtwirtschaft und das Gemeinwohl gefährdet, angeordnet, daß dem Reichswirtschaftsminister künftig Abschrift aller zur Durchführung der nachge­nannten Kartellverträge getroffe­nen Beschlüsse. Vereinbarungen und Ver­fügungen. soweit sie Regelungen der Preise oder Geschäftsbedingungen betreffen, einzureichen sind, und daß Maßnahmen dieser Art erst nach Zugang der Abschrift in Kraft treten. Die Der- ordnung bezieht sich auf folgende Kartell- ver träge und die zu deren Ergänzung er­gangenen Beschlüsse und Anordnungen: 1. Ver­trag der Rohstahlgemeinschaft (te Kraft ge­treten am 1. Rovember 1924), 2. Derbands- vertrag betreffend Halbzeug, Eisenbahn-Oberbau- material und Formeisen (in Kraft getreten am 1. Mai 1925), 3. Vertrag des Stabeisenver­bandes (in Kraft getreten am 1. August 1925), 4. VerbandSvertrag betreffend Bandeisenverei­nigung (in Kraft getreten am 7. August 1925), 5. Vertrag betreffend Grobblechverband (in Kraft getreten am 26. Juli 1927), zu 1 bis 5 ein­schließlich der Verträge, welche diese Verei­nigungen bzw. Verbände mit dem Stahlwerks­verband A.-G. Düsseldorf alS ihrer Geschäfts­stelle geschlossen haben.

Es wird also hier seitens des ReichSwirt- schaftSmtnisteriumS für die Folg« eine Kon­trolle über die Preispolitik der Eisenverbände auf Grund des Kartell­gesetzes eingerichtet, wenngleich der Reichswirt­schaftsminister ein Vetorecht gegenüber den Ei­senverbänden nicht hat. wie er es gegenüber dem Kohlensyndikat besitzt. Der Reichswirt chafts- inmister folgt damit der in der Oes'"ntlicbkeit an der Cisen-Prei er ö)ung geübten Kr ti , all r- dings erstreckt sich die von ihm angeiund-gte Maßnahme erst auf die Zukunft. Wichtig ist jedoch, daß nach seiner Mitteilung eine Nach­prüfung der letzten Preiserhöhung im Flusse ist, die schon seit längerer Zeit in die Wege geleitet ist. Von dem Ergebnis dieser Untersuchung wird es abhängen, ob der Reichs­wirtschaftsminister von dem ihm nach der Kar­tellverordnung zustehenden Recht, die Verbände der Eisenindustrie zu kontrollieren, in dem Sinne

habe entwerfen lassen, die Durchführung aber an der Finanzfrage bisher gescheitert sei.

Ferner beschäftigte man sich noch in sehr ein­gehender Debatte mit der Frage der R u h b a r - machung der Volkshalle. Es wurde ge­fordert, daß diese Einrichtung nicht wieder an zweifelhafte Unternehmungen vergeben werde, die nur das Ansehen unserer Stadt gefährden und außerdem auch die Dürgerfchaft schädigen würden. Den Vereinen solle man für die Volkshalle n i ch t m e h r e i n e s o h o h e M i e t e abfordern, wie es bisher geschehen sei, damit eher einmal die Möglichkeit gegeben sei, eine Veranstaltung in der Volkshalle durchzufuhren. Bei dieser Gelegenheit wandte man sich auch dagegen, dah Veranstaltungen von Behörden und manchen Vereinen in den Räumen eines Privatunternehmens veranstaltet werden, anstatt in den Hotels und Gasthausbetrieben, die doch mit steuerlichen Lasten gerade genug bedacht seien. DieW ochenendbestrebungen hätten bisher für unsere Stadt wenig Ruhen gebracht, es sei zu überlegen, ob man diese Bemühungen weiter fortsehen solle. Das gewohnte Gieße­ner Jugendfest wurde von mehreren Red­nern dringend gewünscht, man solle es zu einer traditionellen Gießener Veranstaltung ausbauen. Lebhaft beklagt wurde von verschiedenen Red­nern die mangelnde Zusammenarbeit der Vereine mit dem Verkehrsver­

Er wandte den Kopf sinnend aus dem Fenster. Es war auch sein geheimster Wunsch, bei der jungen Baronesse die Faden jetzt wieder anknüpfen und weiterleiten zu können, wo sie die Trennung im Spätsommer schied.

Meine Großeltern haben sofort Vorkehrungen getroffen, um wieder ins Elsaß uberzusiedeln. Die achtundoierzig Jahre, die sie seit ihrer Auswande­rung aus dem Elsaß aus Opposition gegen die Herrschaft der Preußen in Frankreich verbrachten, haben die alten Leute im stillen doch immer als eine Art Verbannung betrachtet. Jetzt bin ich ihnen vor- ausgefahren, ich möchte sagen: als Quartiermacher. Ich suche ihnen inzwischen Wohnung, und dann werden sie hier auch eintreffen."

Und Sie, Monsieur Bouoier? Sie werden bann wieder in Ihre Heimat, in die schöne Provence zu- rückkehren? Dort werden Sie kaum unter so grauen Dezembertagen stehen wie wir hier! O, ich möchte auch die Provence kennen lernen!"

Er war klug genug, ihre letzten Worte als das- jenige richtig einzuschätzen, was sie waren: die Aeußerung einer impulsiven Lebensfreude, die sich nach südlicher Sonne, nach Glanz und Licht und Melodie sehnte.

Monsieur Jean Paul Bouvier war ein gewiegter Frauenkenner. Sein Instinkt riet ihm, sich eine ge­wisse Reserve in seinen geheimsten und persönlichsten Wünschen im Augenblick aufzuerlegen. Melusine hatte ihm schon damals bei ihren Begegnungen im Hause seiner Großeltern den vornehmsten Eindruck gemacht. Jetzt aber, wo er sie so vollkommen in ihrem Rahmen sah, in den sie gehörte, und aus dem sie heraus ausgewachsen war, grenzte seine Bewun­derung und sein Staunen für sie ans Märchenhafte. Alles sagte ihm nicht nur, daß sie eine sehr hübsche, vornehme junge Dame sei, sondern auch zweifellos sehr wohlhabend. Er würde es durchaus als Glücks­fall zu betrachten haben, wenn dieses entzückende junge Wesen tatsächlich seine Zuneigung erwidern würde. Denn schließlich war er selbst doch nur im Grunde ein Musiklehrer, der in einer mittelgroßen Stadt der Provence ein allerdings lebhaftes Inter­esse genoß. Aber neben seiner unleugbaren musika­lischen Begabung verdankte er den Erfolg seiner angeschwärmten Persönlichkeit auch zum großen Teil seinem Aeußeren, das für französische Begriffe bestechend war, und der etwas nonchalant-cheva-

e l n nach der Richtung hin, daß eine ! Verteilung der Dereinssest ten zum Rutzen aller Beteiligten stattfinde. Der Vorstand des Verkehrsverei"S habe sich in dieser Sache wiederholt an die Vereine gewandt, ebenso auch die Stadtverwaltung, aber beide hätten mit ihren wohlgemeinten Vorschlägen bei den Vereinen bis jetzt kein Gehör gesunden. Sehr beklagt wurden ferner die Mißstände in unserem Bahnhossgebäude, die trotz aller Vorstellungen seitens des Verkehrsvereins noch unverändert fortbestehen. Von d»r Reichs­bahnverwaltung müsse endlich einmal den be­rechtigten Forderungen der Gießener Bürger­schaft auf die Beseitigung der unhaltbaren Zu» stände in dem> Bahnhofsgebäude (Verlegung der Gepäckabfertigung. Beseitigung der jetzigen Sperre inmitten der Halle, bessere Anordnung der Abortverhältnisse usw.) Rechnung getragen werden. Auch die Hinausverlegung der oberhessischen Bahnen aus dem Stadtbereich wurde bei dieser Gelegenheit

sie mit leichtem Griff über die Knie von ihnen beiden. Dann glitt der Wagen auf die Straße hinaus, und das Zimmermädchen war über diese ganze Be­gegnung so beruhigt, daß sie es nicht für nötig fand, der Frau Baronin hier Mitteilung über die­selbe zu machen.

Die ersten Momente saßen die beiden schweigend nebeneinander. Sie mußten erst zu dieser ganzen Situation, die sich mit solcher Urplötzlichkeit über sie gestürzt, eine Distanz gewinnen. Monsieur Bouoier, der seinerseits wenigstens auf ein Wiedersehen mit Melusine vorbereitet gewesen war, brach zuerst das Schweigen.Welch eine Liebenswürdigkeit, Baro­nesse, mir Ihre Begleitung während Ihrer Fahrt zu gestatten. Sie erraten, wenn Sie vermuten, daß mein Besuch dem Hause Welzin, in der Hauptsache Ihnen persönlich galt."

Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu können, Monsieur Bouoier! Denn sie stockte. Sie fand die weiteren Worte nicht. Sie konnte chm nicht sagen, wie oft sie inzwischen die welken Rosen- blätter der La France aus ihrem Taschentuchbehäl­ter genommen, um den süßen, ersterbenden Duft der gepreßten Blätter einzuatmen!

O, Baronesse, meine Prophezeiung hat sich schnell erfüllt. Entsinnen Sie sich noch? Wir ließen unsere Gläser erklingen auf ein Wiedersehen in der Heimat! Auf ein baldiges Wiedersehen im Schatten des Straßburger Münsters! Jetzt hat sich das alles er­füllt"

Was wird nun?" platzte sie aus ihren unklaren Gedanken heraus. Sie mußte Klarheit haben über den Grund seines plötzlichen Auftauchens hier!

Es geht eine ungeheure Welle der Begeisterung durch Frankreich, seitdem unsere Truppen das Elsaß besetzt haben! Alle Journale sind voll von den Be­schreibungen des glänzenden Empfanges, den unsere Truppen im Elsaß, ganz besonders hier tn Straß­burg gefunden."

ya, es war gewaltig", stimmte sie zu.

Seine lebhaften dunklen Augen leuchteten in dem Halbschatten des Wagens. Draußen begann nach einem kurzen Nachmittage die Dämmerung des De. zembertagcs früh hereinzusinken.Wundervoll ist dieser Glaube an Frankreich! Man wird alle Faden hier da wieder anknüpfen können, wo sie vor achtundvierzig Jahren durch das Schicksal so grau­sam abgerissen worden sind!"

zahl als nicht zu umgehen in Aussicht gestellt. Von der sozialdemokratischen Stadtverordneten- frattion wurde der Antrag gestellt, die Bühnen in städtische Regie zu nehmen, dem sich auch Dr. Rhode von der Wirtschaftspartei anschloh. Als Vertreter des Magistrats ver- teibigte Stadtrat Dr. Michel die Stellung­nahme des Magistrats, der nicht eher gegen Müller-Wieland habe vorgehen können, bis voll­gültige Beweise für seine Verfehlungen erbracht waren. Der Untersuchungsausschuß habe sich nur mit den Ausgaben der Städtischen Bühnen A.-G. befaßt und sie kritisiert, während er die Einnah­men. die teilweise eine Rechtfertigung für die Ausgaben darstellen, überhaupt nicht in Betracht gezogen habe. Der Magistrat werde natürlich Vorschlägen, die die Kommission über die ren­tablere Gestaltung des Dühnenbetriebs noch zu machen habe, gern nähertreten. Rach mehrstün­diger Debatte fanden die Abstimmungen statt. Die Anträge der Hntersuchungskommission wur­den angenommen. Desgleichen fand der Antrag der sozialdemokrattschen Partei auf Heber» sühru n g der Theater in städtische Regie eine Mehrheit. Ein Antrag Gemein- der (Rat.-Soz.). den Aufsichtsrat zu ersuchen, sofort sein Amt niederzulegen und Stadtrat Meckbach und Oberbürgermeister Dr. Land- mann für den durch Müller-Wieland entstandenen Schaden regreßpflichtig zu machen, sowie dem Magistrat ein Miß­trauensvotum auszusprechen, wurde ab» gelehnt.

leresfen Art, mit jungen Mädchen und Frauen um- zugehen.

Ich weiß noch nicht, wie sich mein eigenes Schick- jal gestalten wird, Baronesse. Don meinen Quartier» gebern hier es sind alte Freunde meiner Groß­eltern wurde mir gestern abend angeraten, mich als Professor der Musik niederzulassen. Jftidjt nur, um Unterricht an hochwertig begabte Schüler zu geben, sondern um mich auch als Orchesterdirigent zu betätigen. Auch das musikalische Leben wird hier großen Umwälzungen entgegeggehen. Selbstoer- stündlich werden die deutschen Musikgrößen hier so­fort aufhören, ihre Rolle zu spielen. Und da hieß es, klug sein, wenn man sofort bei Beginn der gro­ßen Verschiebungen den Fuß hier hereinsetzte: Ja, das war die Meinung meiner Straßburger Ge­tonnten hier."

Melusine hörte ihm schweigend zu. Er war sich nicht sicher, ob sie tatsächlich noch das Interesse für ihn besaß, wie es damals im Spätsommer den An- schein gehabt hatte. Ihr Schweigen, ihr Nachdenken, ihr« vollendete gesellschaftliche Sicherheit und Re­serve reizte ihn rm stillen nur noch stürmischer, um sie zu werben. Anscheinend glitt ihr Blick über all die Bilder, die draußen an den Fenstern des Wa­gens vorüberhuschten und jetzt in der winterlichen Nachmittagsstunde alle etwas Schemenhaftes hatten. Im Grunde jedoch hörte sie ihm mit wacher Aus- merksamkeit zu.

Sie zog plötzlich einen Vergleich zwischen ihm und Dietwart. In der Unterhaltung war Dietmar! geift» reicher, klüger, interessanter, er bot mehr Positives und Gediegenes. Aber dieser eigenartige Wohlllang in der Stimme von Monsieur Bouvier? Son­derbar, sie begann sie wieder einzuspinnen, wie da­mals in Frankreich.

Meine eigenen Zukunftspläne kommen erst in zweiter Linie. Es hieß jetzt erst: für meine greifen Großettern hier Pionierdienst tun und ihnen Ob­dach besorgen. Und dann ich kann es Ihnen nicht verhehlen, Baronesse, dann lockte mich der Ge­danke: Sie Wiedersehen zu "tonnen! Das vielleicht rvar der ureigenste Grund meines Kommens, schon so schnell nach dem Einzug unserer Truppen. Ich habe es kaum erwarten können, bis es mir heute möglich war, mich nach Ihrem Hause durchzufragen, um Ihm en meine Aufwartung zu machen.

(Fortsetzung folgt.)

Es zogen drei Burschen wohl über den Mein ....

Roman von Erica Grupe-Lörcher.

33 Fortsetzung Nachdruck verboten.

Monsieur Bouvier?" Und als er nun mit eini­gen Schritten unmittelbar vor ihr stand, um sich über ihre Hand zu neiaen, fragte sie mit einer Stimme, die durch ihren starken Herzschlag in diesen Augenblicken zitterte:Monsieur Bouvier? Sind Sie es wirklich? Wie ist es nur möglich?"

Er hatte ihre ausgestreckte Rechte geküßt und trat einen Schritt zurück. Auch er war tief erregt. Man horte seinen Atem sich leise senken und heben. Da wurde ihr die Anwesenheit von Chauffeur und Zim­mermädchen lästig. Was brauchte man ein Wieder­sehen unter den neugierigen Blicken der Demostiken zu feiern? Die verschiedensten Erwägungen zuckten ihr durch den Sinn. Aber sie war nicht nur eine ge­wandte Weltdame, sondern auch eine kluge Evas­tochter, und als diese übersah sie sofort die ganze Situation.

Ein Entschluß, jetzt hier zu bleiben, war nicht ratsam. Dann konnte sein unvermutetes Kommen ihrer Mutter nicht verheimlicht bleiben. Auch wurde ihr Bruder jeden Moment zurückerwartet. Ihm durfte der junge Franzose jetzt erst recht nicht be­gegnen, wo die Stimmung gerade in ihrem engsten Familienkreise seit Tagen so unharmonisch, so zer­rissen, so voll Unklarheit und Unoffenheit war! Und um den neugierig fragenden Blicken der beiden Do­mestiken mit einem Schlage zu entgehen, jagte sie mit großer Gewandtheit:Welche Ueberraschung ist Ihr Kommen! Gewiß sind Sie auf dem Wege, sich die Abresse meiner Großmutter hier holen zu wollen? Da trifft es sich vorzüglich! Ich stehe eben im Begriff, ihr einen Besuch abzustatten. Ich glaube, es ist vielleicht das Einfachste, und das Beste, Sie besteigen gleich den Wagen und begleiten mich nach Schloß Hammerschlag hinaus!"

Monsieur Jean Paul Bouoier war nicht auf den Kops gefallen. Er begriff sofort die Situation und den Grund ihres Vorschlages. Deswegen nahm er mit einigen höflichen Dankesworten an und bestieg hinter der Baronesse das Auto,. Das Zimmermäd­chen reichte die Wagendecke herein. Melusine zog

3n der kommunalpolitifchen Erörte­rung gelegentlich der Jahreshauptversammlung des Gießener Verkehrsvereins am Dienstagabend wurde zunächst aus der Mitte der Versammlung an den Beigeordneten Dr. Hamm die Frage gerichtet, wann die jetzige Ver­kehrsregelung im Seltersweg eine Aenderung erfahre, die den berechtigten Wün­schen der Bewohner Rechnung trage. Bei­geordneter Dr. Hamm antwortete darauf in der gestern schon berichteten Weise.

Darauf wurde von Herrn W o h l m u t h zur Sprache gebracht, daß nach Aufzeichnungen in den Akten des Gleibergvereins schon vor etwa SCO Jahren der erste Ritter von Gießen genannt werde, so daß unsere Stadt im nächsten Jahre mindestens 800 Jahre alt sei. Auch der Schiffenberg und der Gleiberg könnten dann auf ein 700- bzw. lOOOjähriges Bestehen zurückblicken. Der Gleibergverein plane aus diesem Anlaß die Veranstaltung eines dreitägigen Festes mit historischem Festzug. Beigeordneter Dr. Hamm warnte davor, aus der Erwähnung des ersten Ritters von Gießen allein schon auf das 800jährige Be­stehen unserer Stadt zu schließen. Für eine Stabtgründung im mittelalterlichen Sinne sei diese Aufzeichnung nicht ausschlag­gebend: maßgebend sei vielmehr, ob unsere Stadt damals schon nach den seinerzeitigen Vorschriften eine Mauer, eigene Gerichtsbarkeit, eigenen Markt und eigene Verwaltung, d. h. Stadtrat, gehabt habe. Rur wer dieS nachweisen könne, habe den Beweis geführt, daß eine Stadtgrün­dung Im mittelalterlichen Sinne nach den Ge­setzen der wissenschaftlichen Forschung vorgelegen habe. Für unsere Stadt Gießen sei dies noch zweifelhaft, und infolgedessen fei auch davor zu warnen, etwa eine Jubiläumsfeier zu ver­anstalten, die wissenschaftlich nicht begründet sei, denn sonst würde man sich vor der wissenschaft­lichen Welt lächerlich machen.

2m weiteren 03erlaufe der Aussprache wurde aus der Mitte der Versammlung heraus der Wunsch laut, auf dem W o ch e n m a r k t p l a h endlich eine Markthalle oder doch wenigstens einen überdeckten Stand für die Marktverkäufer zu schassen, damit diese nicht allen Hnbilden der Witterung preisgegeben seien. Stadtv. S ch w i e» der und Beigeordneter Dr. Hamm wiesen dar­auf hin, daß ersterer eine solche Einrichtung schon früher beantragte und letzterer ein Projekt

eingehend erörtert. Beigeordneter Dr. Hamm machte hierzu die interessante Mitteilung, daß die Stadtverwaltung vor längerer Zeit des­wegen mit der Reichsbahndirektion Frankfurt verhandelt habe. Die Reichsbahnverwaltung sei bereit, diesem Verlangen der Stadt Gießen zu entsprechen, ein Projekt über die Verlegung der oberhessischen Dahnen sei ausgearbeitet worden, die Kosten hierfür beliefen sich auf 8,5 Mil­lionen Mark. Wenn die Stab tGi eßen sich bereit erkläre, diese 8,5 Millionen Mark z u bezahlen, dann wolle die Reichs­bahn die oberhessischen Strecken aus der Stadt hinausbringen. Daß unter diesen Hmständen natürlich auf Jahre hinaus nicht an eine Be­seitigung dieses großen Mißstandes zu' denken ist, bedarf wohl keiner näheren Begründung. Schließ­lich wurde noch von einem Gastwirt, zugleich im Auftrage mehrerer Vereine, gefordert, dah der VerkeAsverein sich gegen die jetzige hohe Bemessung der Vergnügungssteuer wen­den solle.

Die Aussprache hat gezeigt, dah das kommu- nalpolitische Interesse in weiten Kreisen der Bürgerschaft sehr rege ist. Der Derkehrsverem hat dabei eine Fülle von Anregungen erhalten, die ihm für baS neue Geschäftsjahr ein reiches Arbeitsprogramm mit auf den Weg geben.

Die Organisation des Sefs.SängerbundesinOberhessen Mit dieser wichtigen Frage, mit der eine ge­deihliche Weiterentwickelung des Männerchor­wesens im allgemeinen in engster Verbindung steht, hat sich der Vorstand des H. S. B. schon wiederholt und eingehend befaßt. Immer wieder standen die zu dieser Arbeit Berufenen vor einer Ausgabe, die zu lösen die Heberwindung von großen Schwierigkeiten erforderte, die zum Teil in der geographischen Lage der Provinz selbst, als auch den beiden anderen hessischen Provinzen gegenüber zu erblicken waren. Die größte Klippe zur Erreichung einer geschlossenen Einheit bildeten jedoch immer wieder die in unserer Provinz bereits bestehenden Sängerverbände, die zum größten Teil auf eine langjährige, traditionsreiche 03 ergangen» heit zurückblicken und mit Recht auf ihrer un­bedingten Selbständigkeit neben jeder anderen Organisation beharrten.

Ein am 4. September v. I. in Gießen im Cafö Leib stattgehabter Provinzialsängertag, zu dem der Hauptbundesvorstand erschienen war, faßte nach'langer Aussprache den Beschluß, alle bis jetzt bestehenden Bünde als selbständige Gaue bestehen zu lassen und neben diesen die sechs geographischen Kreise der Provinz als sog. Sam­melgaue zu bilden, in denen sich alle die Vereine zusammenschliehen sollten, die keinem Hnter- bunb des H. S. D. direkt angehören wollten. Man schasste also 11 selbständige Gaue deren Bildung man damals schon von verschiedenen Seiten mit großem Bedenken gegenüberstand.

Am vorigen Sonntag fand nun abermals eine Sitzung des Provinzialvorstandes unter der Leitung des Vorsitzenden Lehrer Gengnagel (Grünberg) statt, zu der auch die Vorsitzenden der einzelnen Bünde (Gaue) erschienen waren. Auf der Tagesordnung stand wieder einmal das Schmerzenskind, die Or­ganisation des Hess. Sängerbundes in der Provinz Oberhessen. Rach reich­licher Aussprache im kleinen Kreise stand die Versammlung einmütig auf dem Standpunkt, dah die auf dem Provinzialsängertag am 4. Sep­tember geschaffene Teilung der Provinz in 11 Gaue von theoretischen Gesichtspunkten aus wohl für richtig gehalten wurde, jedoch eine praktische Durchführung sich als vollständig unmöglich erwies. Außerdem konnte man feststellen, daß außer den bis jetzt gegliederten 11 Gauen noch 15 weitere, dem H. S. B. bis jetzt fernstehende Sängerbünde be­stehen, die nach eventueller Erfassung und An­gliederung die stattliche Zahl von 26 selb­ständigen Gauen repräsentieren würden, eine Heberorganisation, die sich für die edlen Be­strebungen der Gesangvereine nicht fördernd, sondern unbedingt hemmend auswirken mühte. AuS all diesen Gründen schritt man zu einer neuen Gliederung und teilte die Provinz Oberhessen in 4 grobe Gaue, und zwar den Gau (Siebener Decken, Gau Wetterau, Gau Vogelsberg-Rord und Gau Vogelsberg-Süd. Diesen vier Gauen wurden die entsprechenden Dünde mit Einverständnis der anwesenden 03er» treter als geschlossene Bezirke eingegliedert. Hier» mit dürfte wohl auch diesen in weitgehendstem Mähe Rechnung getragen, sowie deren unantast­bare Selbständigkeit voll und ganz gewährleistet sein.

Die in aller Kürze beabsichtigten Gau­sängertage wählen ihren Gauvorstand, dem auch alle jeweiligen Bundesvorsitzender! der Hnterverbände ohne besondere Wahl angeboren sollen. Alle Vereine innerhalb des Gaues, die keinem Hnterbunbe angeschlossen sind, unter­stehen dem Gauvorstande direkt.

Die Versammlung stand geschlossen auf dem Standpunkt, durch diese neue Gliederung mm endlich eine Organisation geschaffen zu haben, durch die wir uns in Oberhesfen würdig an unsere Rachbarprovinzen anreihen können und durch die eine gedeihliche Weiterentwicklung des H. S. B. gegeben ist, wodurch auch er als ein, fest geschossenes Glied der großen Kette des mächtigen Deutschen Sängerbundes gebucht wer­den kann.