Einzelbild herunterladen

Kr.2?3 Viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) Samstag, f. Dezember (928

............ **' ------------

Paul Rohrbach in Gießen überAmerikanismus".

Auf Sinlibung der Gießener Ortsgruppe des Vereins für bad Deutsch um im Auslände (D. D. A.) sprach gestern abend in der Neuen Aula der Universi.ät der bel.:n itc Poli iker Dr. Paul Rohrbach aus Berlin überAmerikanis- mus". Die Persönlich'.eii des Redners, der durch seine Mitarbeit amGießener Anzeiger" ja auch in weitesten DevöllerungZkreisen Oberhessens bc- kanntgeworden ist, hatte einen so starten Besuch des Abends herbeigesührt. daß die Aula voll­besetzt war.

Auch einem kurzen EinleitungLwort des Vor­sitzenden der Gießener Ortsgruppe, Studienrats Dr. König, der dabei die Wich.lgkeit der Mit­arbeit und Mi Hilfe aller Reichsdeutschen an den Ausgaben des D. D. A. zur Stützung und Förderung unserer national und vielfach auch wirtschaftlich bedrängten deutschen Volksgenossen im Aus lande hervorhob, begann Dr. Rohr­bach seinen Vortrag. 3n zahlreichen rhe ari­schen Einzelbildern zergte er seinen gespannt lau» schrnden Hörern denAmerikanismus" auf den mannigfachsten Gebie.en des ame.iranischen Dvlls- und Einzellebens. Er behandelte zunächst aus Grund eigener Beobachtungen und Feststellungen in zahl­reichen ameritanischen Städten die bevölkerungs­politische Seite desAmerikanismus". Dabei wies er auf die starke Beschränkung der Kinderzahl in den angelsächsischen Kreisen des amerikanischen Dolles hin, eine Kinderarmut, eine Abneigung gegen das Kind, die sich alles natürlich im Durchschnitt gesehen von der Reichtumsspihe bis herab zu den niedrigen Schichten des angel­sächsischen Amerilanertums in gleicher Weise zeige. Diese Erscheinung habe ihren Grund vor allem in der QCbneigimg der Frau gegen das Kind, in der Ansicht der Durchschnittsfrau, daß sie ihren An'eil an den Annehmlichkeiten des Bebens zu fordern berechtigt sei, wobei das Kind von der Frau geradezu als Beschränkung der persönlichen Freiheit empfunden werde. Mit die­ser Kinderarmut des angelsächsischen Ameriianer- tum5, das natürlich um seine Zukunftsstellung und -geltung in Amerika besorgt sei, erklärte der Vortragende die Hal ung der gesetzgebenden amerikanischen Faktoren in der Einwanderungs- Politik. Um die ausschlaggebende Stellung Der Amerikaner angelsächsischer Rasse zu sichern, werde die Einwanderungsquote für die Ange- origen anderer Völker, insbesondere für die romanische und slawische Rasse scharf herabge- drückt, damit ein Ueberf kugeln des angelsächsischen Ameriknnortums durch andersrassige Volksteile hintangehalten werde. Uebrigens ständen, so hob der Redner hervor, bei der von Amerika zugllassenen jährlichen Einwanderungszif er von 153 003 Men­schen wir Deutsche mit einem Kontingent von 50COO Köpfen gar nicht schlecht da; Deutschland stehe hinter Großbritannien, von dem jährlich 60COO Menschen zur Einwanderung in Amerika zugelas en werden, an zweiter Stelle. Der Vor­tragende machte weiter in vielen fesselnden Einzel- fchilderungen, die den feinen Beobachter verrieten, mit demAmerikanismus" In den verschieden­artigsten Lebensgewohnh iten des Amerikaners bekannt. Zusammensassen kann man diesenAmeri­kanismus" des Durchschnittsmenschen in folgende Worte: Unlteschränktec Lebensgenuß, Vermeidung alles Prvblemhaften. Plätschern an der Ober­fläche des geistigen Lebens, wofür die amerika­nischen Zeitungen mit ihrer nur auf Sensation eingestellten Tendenz am bezeichnendsten sind, Herrschaft des Autos, Kinos. Theaters und Tanzes an Stelle des Kindes, Unterschätzung der geistrgen Faktoren und ihrer Werte gegenüber.ben rein materiellen Dingen. Mangel an geschicht­lichem und historischem Sinn, le ne innere Ver- wachsenhc.il des amerikanischen Landbewohners mit dem Grund und Boden, strenge Pflicht (auch wider besseres Wissen) zur Unterorbnung der eigenen, der Einzelmeinung unter die Macht der öffentlichen Meinung, eine recht gefährlicheVolks- eigentümlichkeit. die sich namentsich in posi'i chen Dingen sehr bedenklich zu äußern vermag. Beweis dafür ist ja die Art, wie Amerikas Beteiligung am Weltkrieg zustande gekommen ist und wie sich das amerikanische Veli dann der Deren Wortung für die durch die amerikanische Kricgshll.e herbei­geführte Kriegsentscheidung bedenkenlos entzogen fat Aus Di ser Betrachtung desLlmerikanismus" zog der Redner für uns Deutsche die Schluh- folgernng, daß wir bei der Behandlung unserer politischen Lebens fragen keine falschen Hoffnungen auf Amerika setzen dürften, fonbem daß wir diese Mentalität der Amerikaner in Rechnung zu stellen hätten und uns stets bewußt sein muhten, daß dem amerikanischen Volke, bei seiner geringen Einschätzung aller geistigen Beweggründe, das Verständnis für unsere politischen Gesichtspunkte völlig ab gehe. An dieser Sachlage könne auch eine Einzelperson in Amerika nichts ändern, da dort eben die einzelne Meinung gegen die Stim­mung der Oessentlichkeit sich nicht durchsetze.

Der geistvolle und in feiner Rhetorik gespro­chene Vortrag sand lebhaftem Beifall.

Gin dringender SlenerNunsch der hessischen Wirtschaft.

Die hessischen Industrie- und Han­delskammern haben sich in einer Eingabe an bas Hesfische Finanzmini terium, bas Landes­finanzamt und sämtliche Lanblagsabgeorbneten gewanbt und eine beschleunigte Durch­führung der hessischen Gewerbe­steuerveranlagung gesorbert. Sie haben dabei folgendes ausgeführt:

..Rachdem nunmehr 4 Jahre die deutsche Wäh­rung stabilisiert ist und sämtliche Länder eine geregelte Gewerbebesteuerung haben, muh es in den Kreisen von Handel und Industrie berechtigtes Befremden erregen, daß allein im Volksstaat Hessen eine normale Steuerveranlagung nochnichtzur Durchführung gebracht werden konnte. Ganz unverständlich ist es aber, daß. nachdem im Mai endlich ein Ge- tverbesteuergcsctz mit gerechten Grundlagen Ge­setzeskraft erlangt hat, nunmehr wiederum^ ein Vorauszahlungsgesetz für das Jahr 1929, also für die Zeit nach dem L April 1929, dorgelegt werden soll. Die hessische Regierung scheint also nicht damit zu rechnen, baß ein Oahr nach Erlaß des Gewer^efteuerg.setzes dessen De- stimmuncen burchgesührt fein werben und eine gc-

Das Güaßenbahnprojekt Gießen Wieseck gescheitert.

£ Wieseck. 1. Dez. Der Gesamtge - meindevor st and QBiefed-'. *,»v- - v s - / hatte die Bürger auf gestern abend zu einer öffentlichen Versammlung im Saale von Heinrich Herrmann eingelaben, die sehr stark besucht war.

Bürgermeister Schomber

eröffnete die Versammlung und dankte für Den zahlreichen Besuch. Zur Sache selbst führte er aus: Zur Regelung Der Derkehrsfragen zwischen Wieseck und Gießen hat der Ge­meinderat Die Einladung zu einer öffentlichen Dürgerversammlung beschlossen. Die

elektrische Straßenbahn

ist das Schmerzenskind für Wieseck schon sehr lange. Rachdem Wieseck und Gießen bereits im Jahre 1913 sich über Den Dau Der Bahn zum Wert von 32 000 Mk. im Grunde einverstanden erklärt hatten, scheiterte Der Plan durch den Krieg. Die Verhandlungen von 1925 verliefen ergebnislos. Ein Verkehrsmittel mutzte geschaf­fen werden, da die Bürger Wiefec's Darauf Dräng­ten. Um Dem Allgemeinwunsch Rechnung zu tra­gen tourDen zwei Autos angeschasft. Der Verkehr war gut, was allgemein anerkannt tourDe. Später tourDe Der Zweckverband mit Alten-Duseck gegründet unb> Der Dritte Wagen angeschafft. Bürgermeister S ch o m b e r fühlte sich in Diesem Jahre verpflichtet. Die Verhandlungen mit der Stadt Gießen wegen des Baues der Straßenbahn wieder aufzunehmen, was allgemeine Zustimmung durch den Gemeindevorstand fand. Es wurden je drei Kommissionsmitglieder von Wieseck und Gießen ernannt. Die die Verhandlungen auf­nahmen. Die Stadt Gießen forderte von Wieseck 50 000 Mk., was aber im Laufe Der DerhanDlungen auf 40 000 Mk. ermäßigt tourDe; Wieseck bot 30 000 Mk. und stellte Die wei­tere Frage:Wie steht es mit Den Autos und wie veräußern wir Die Autos?" Gießen erklärte. Die Frage Der Autos müsse beiseite gestellt to erben und sei eine Sache für f i ch. Durch einen Artikel, imGießener Anzei- a e r", überschriebenDefihwechselimWie- secker Autobetrie b?, veranlaßt, fragte Die Stabt Gießen in Wieseck an. Dir Kommissionen verhandeln abermals, doch Gießen erklärte, die Autos nicht übernehmen zu können, was für Wieseck nicht in Frage kommen kann, da Wieseck diese Last nicht tragen kann. So ver­laufen die Verhandlungen abermals ergebnislos. Ein Gerücht, das von Gießen verbreitet wiro, über den Weiterbau der Straßenbahn kann kaum Glauben finden. Zum Schlüsse bemerkte Bürgermeister Schorn* ber, daß die Stabt Gießen im eigenen Interesse genau so gehandelt habe, wie Wieseck.

Gemeinderat Benner

begann seine Ausführungen mit der Bemerkung, daß verschiedene Leute wegen des Zusammen­bruches des Zweckverbandes nicht mehr hätten schlafen können; deshalb habe er den Auftrag erhalten, hier Aufklärung zu geben. Er ging in seinen Darlegungen von 1913 aus und wieder­holte zunächst das von Bürgermeister Schorn- b e r Gesagte. Zu den Verhandlungen von 1925 betonte er besonders, daß die Stadt nicht wollte, da sie Die Verhandlungen lange hinzog. Die von Der Stadt geforderte ®arantiefumme konnte Wieseck unmöglich bezahlen. Zu den Autoverbindungenüb rgehend, fa t_*Ben­ner, daß dies seit 1925 daS meist umstrittene Problem für Wieseck sei. Das erste Detriebsjahr war nicht besonders günstig, was durch die hohen Anschaffungskosten der beiden ersten Wagen be­gründet war. ihn dieses Unternehmen für Wie­seck zu retten und der Gemeinde die Lasten zu ersparen, erfolgte die Gründung des Z w e ck v e r- bandes. Alten-Buseck, das mit 32000 Mark eintrat, ermöglichte die Anschaffung des dritten Wagens. Das erste Jahr des Zweck­verbandes brachte ein gutes Ergebnis, von der Gemeinde waren nur Zinsdifferenzen zu tragen, die etwas über 4000 Mark ausmach en. Hierbei stellte Der Redner fest, daß alle Gemeinden Zu- fchüfse zu den Verkehrsmitteln leisten müßten und auch die Stadt Gießen andere Unternchmun- gen bei Verkehrsmitteln unterstützt habe. Als sehr hart empfindet Benner Die P reis - Vorschrift des Fahrpreises der

rechte Veranlagung vorgenommen wirb. Dem­gegenüber müs en wir mit Rachdruck die For­derung aufstellen, daß die ordnungs­gemäße Veranlagung zur Gewerbe­steuer baldigst zur Durchführung ge­bracht wird, wenn nicht die Ungerechtigkeiten und Härten von 4 Jahren noch weiter Die Be­triebe belasten und diese weiterhin völlig im llngetoif en darüber sein sollen, wie hoch ihre voraussichtliche Sterer?elastung fein toi b. Diese Kenntnis ber Voraussicht ichen De astung ist aber ein wesentliches Moment für jede Betriebs,üh- ning, und auf bie Dauer unentbehr ich. Es kommt noch hinzu, daß es gerabe bie schwächeren Be­triebe sind, bie unter ben Härten bes Dorauszah- lungsfystems zu leiden haben.

Wir ersuchen daher ben Herrn Finanzminister auf das dringendste, sofort mit dem Landes­finanzamt in Verbindung zu treten und auf eine beschleunigte Durchführung der Ge­werbesteuerveranlagung hinzutoirken. Sollte Die Veranlagung der Vermög nssteuer. Die die Grundlage für bie Gewerbekapitalsteuer HL et, noch nicht volltommen zu Enbe gebracht sein, so mühte in Anbetracht ber bringenden Rotwendig-- feit unbedingt dafür Sorge getragen werden, bah die Gewerbestcuerveranlagung wenigstens bei den Steuerns ichttgen vorzenommen wird, für bie bie Vermögen- unb Einkommensteuerver- anlagung bereits abgeschlossen ist. Wir werben uns erlauben, dieses Schreiben auch dem Lanbes- finanzamt Darmstadt unb bem Herrn Reichs­minister ber Finanzen zur Kenntnis zu bringen, unb knüpfen daran bie feste Hoffnung, bah bei der besonderen Lage in Hessen bie Reichs sinanz- behörben bie Durchführung der Gewerbe- steuerveranlagung ebenfalls als eine dringende Rotwendigkeit anfehen unb sie mit aller Energie vollziehen. Die Betriebe würden es nicht verstehen, wenn tatsächlich auch

Autos für das Stadtgebiet von 30 PL wäh­rend die Straßenbahn nur 15 Pf. erhebe. Heber ben Versuch des Bürgermeisters, mit den Ver­handlungen mit ber Stabt könne man geteilter Meinung sein. Die größte Sorge ber Stadt bei den Verhandlungen sei bie Auflösung bes Zweck­verbandes gewesen, denn die erste Frage, bie gestellt wurde, war: wann kann der Zweck- verband frühestens aufgelöst fein? Diese Frage wurde aus Anregung Wiesecks zurück- gestellt, um die Bedingungen zu erfahren. Wentt man auch die Forderung von Vig ber Bausummen ber Straßenbahn = 40 000 Mk. als nicht schlimm bezeichnen könne, so wäre doch die 5ix g? au gutoerfen: waZ toi d mi dem Wagen <».k, da voch die Stadt erkläre, die Uebernahme ber Wagen komme nicht in Frage, was man objektiv beurteilt als richtig anerkennen müs e. Aber auch Wieseck könne d.n Verlust nicht tragen, unb deshalb sei hier der Punkt des Scheiterns. 3n seinen to.iteren Aus Eh­rungen beschäftigte sich Denner mit dem, was hätte werden können, wenn bie Straßenbahn gebaut worden wäre und Wieseck die Wagen nicht hätte abfe^cn können, da es doch dann ab 1. Januar 1930 für Wieseck keine Einnahmen mehr gebe, und bie Autoinstandsetzung, außerdem bie Versicherung noch Kosten verur acht hätten. Durch die Erhaltung der Autolinie könnten sogar bie bell'en ersten Wagen noch 5 Jahre Dienst tun, unb eS wäre erreicht, bah Wieseck baburch 45 000 Mk. und Alten Daseck 15 030 Mk. gespart hätten. Außerdem habe A ten Du eck sein Verkehrsmittel behalten, da Gießen an Alten- Dufeck kein Interesse habe. Die Gesamtkosten für Wieseck durch Den Dau ber Straßen­bahn errechnete Denner mit 65 000 Mk., und zwar bar an bie Stabt 40 003 Mk., Verlust an Dem Wagenpark 45 000 Mk., was einer etats- mäfjigen Ausgabe von jährlich 10 000 Mk. gleich­käme.

hierauf tarn Benner auf die Verhandlungen mit der Kraftverkehr * A.-G.» Sih Frankfurt, zu sprechen und teilte mit, daß am Freitag­abend der Vertrag auf Uebernahme des Ge- samtwagenparks für 100 000 Mark abgeschlossen worden fei unter der Bedingung, daß die Kon- Zession für fünf Jahre auf die Gesellschaft übergehe.

Hierdurch fei der Verlust für Wieseck nur 20 000 Mark, was gleich zu rechnen sei mit dem Zins- zuschriß für fünf Jahre. Auch fei das Personal sicher- gestellt, wofür die Stadt Gießen nicht hätte ga­rantieren können.

Benner freut sich, daß er abgelöst wird und hofft, daß Der Betrieb wirtschaftlicher gestaltet wer­den kann. Die Stadt Gießen solle Wieseck den Schritt nicht verübeln, denn jede Gemeinde tue für sich das Beste. Zum Schluß teilte er mit, daß die Erhöhung des Fahrpreises für die Winter- faljraäfte ab 1. Dezember wieder falle, da dieser Beschluß wenig Sympathie heroorgerufen habe.

Dann tarn eine Entschließung zur Der- lesung, die einftimmia angenommen wurde; sie lautet:Die am Freitag, 30. November, statt gefundene stark besuchte öffentliche Bürgeroer­sammlung billigt die Entscheidungen des Gemeindeoorstandes in der Verkehrs- rage zwischen Wieseck und Gießen. Die Bürger- chaft ist sich mit dem Gemeindeoorstand einig darin, daß die elektrische Straßenbahn das gegebene Verkehrsmittel für Wieseck ist, daß die Errichtung derselben jedoch auf einer Basis geschehen muß, die für die Steuerzahler Wie­secks tragbar ist."

Eine Aussprache fanb nicht statt, Da bie Bürgerschaft vor vollendete Tatsachen gestellt war. Verschiedene Anfragen wurden von Bürger­meister S ch o m b e r und Gemeinderat Denner beantwortet.

Dürgermeister S ch o m b e r teilte zum Schluß mit, bah er kein Freund von Dürgerversammlun- gen sei, aber es mühten auch unberechtigte Vor­würfe durüdgetoiefen werden. Er stelle fest, dah nun volle Aufklärung gegeben sei und jeder be­friedigt nach Hause gehen lönne, wenn er auch anerkenne, daß vom Gemeindevorstand, tote von jedem anderen Fehler gemacht würden. Die Ver­handlungen mit der Stadt wären zum Abschluh gekommen, wenn die finanzielle Spannung mcht zu groh war.

im Rechnungsjahr 1929 wiederum Vorauszahlun­gen auf ben alten, ben Erfordernissen einer ge­rechten Steuerveranlagung Widers brechenden Unterlagen gefordert würden."

Oie Mainzer Cingemeindungspläne.

WER. Mainz, 30. Rov. In Der Stadt- verorDnetenfihung äußerte sich Bürger­meister Dr. Ghrhard zu den Mainzer Eingemeindungsplänen. Er führte u. a. aus: Unter Den heutigen schwierigen Verhält­nissen müssen alle Kräfte eines Wirt­schaftsgebiets angespannt werben, um mit möglichst geringem Qluftoanb an Mitteln möglichst große Erfolge zu erzielen. Da ist es nicht mehr möglich, bah man sich auf einem Gebiet, wie es Das hessische Ge­biet an Der Rhein-Main-Mündung ist, ben Luxus einer Vielheit von Gemeindeverwaltungen leistet. Der Zusammenschluß der Gemeinden dieses Gebiets zu einer einheitlichen politischen Ge­meinde ist daher eine unbedingte Rotwendigkeit. Die Stadt steht daher schon seit längerer Zett in mehr ober minder eingehenden Zusammen­legungsverhandlungen mtt den Gemeinden Wei­senau, Hechtsheim, Bretzenheim, Gonsenheim, Bu­denheim und Gustavsburg-Ginsheim. Sie hat neuerdings auch Laubenheim unb Bischofsheim aufgeforbert, mit ihr Verhandlungen aufzuneh­men. Ob noch andere Gemeinden in diese Ver­handlungen einzubeziehen sind, toitb durch Die zuständigen Körperschaften noch zu prüfen fein. Die Stadtverwaltung ist nunmehr getoillt. Die Frage jetzt mit aller Energie einer Lö­sung entgegenzuführen. Die Stabt darf Dabei mit Befriedigung feststellen, bah sie in

diesem Vorgehen das volle Verständnis bei Der hessischen Regierung unb der Provinzialbirektion findet.

Oer Fern-v-Zug Verkehr wird beträchtlich erweitert.

Die Reichsbahnverwaltung beret et, tote ber Berliner Lok.-Anz." erfährt, für den nächst­jährigen Sommerfahrplan eine Reihe bedeutungsvoller Verbefser ungen im Schnellzugverkehr vor. Das wertvollste wird bie Einführung neuer, besonbers schnell fahrender llv-Züge do.i Berlin und Hamburg nach ben Hauptstäb.en des rheinisch- westfälischen Jndustriegebie.es unb nach Paris und Brüssel sein. Diese Expreßzüge (mit 1. und 2. Klasse) werden auf längeren Strecken eine Reisegeschwindigkeit von 92 Kilome er entwickeln und ein? Reihe besonderer Eigenschaften zeigen, durch bie sie eine führende Rolle im gesamten inte'rnationalm Sch.ellzugvertehr übernehmen Dürften. Infolge ihrer passenden Lage von 8 Ubc von Berlin, zurück an Berlin kurz nach 24 Uftr, wird es zum ersten Wale möglich fein, eine Reife nach Köln unb zurück in einem Tage ohne Rachtfahrt zurückzulegen. Zum erstenmal wirb man aber auch in reiner Tages­fahrt (ohne Rach reise) von Berlin und Ham­burg bireft nach Paris sah.en können unb hier schon kurz nach 23 Uhr einrreffen, während man Brüssel bereits gegen 20 Uhr erreich'. Auch der Südosten wird nun llv-Züge erh.len, aller­dings un er Umtoanblung der bestehenden Brei* klassigen Schnellzüge. Die künftigen FD-3ügc werden die S.recke BerlinBreslau in vier S un- Den durcheilen und bie vorhandenen Verbindun­gen BerlinWien und zurück um etwa Drei* viertel Stunden beschleunigen.

Umfangreichere Verbesserungen werden im süd­lichen Reiseverkehr getrojen werden. Die Ra ch- mittags-llv-Züge Berlin Frank­furt a. 21t. 'S a i e l werden künstig das ganze Jahr hindurch laufen, mit verbesser­ten Anschlüssen über Bern schbergSimplon- bahn nach TurinRiz'aSan Remo. Roch Fer­tigstellung der Elek risizierung auf der Drenner- bahn soll" der Schn:llzug Berlin2iom bettächt- lich beschleunigt werden, teilweise um mehrere Stunden.

An sonstigen beinerkenswerten Reuerungen sind neue direkte V-Züge ParisWien über Stutt­gartMünchen zu nennen.

Wirtschaft.

Wechseikredit und Kreditsicherheit.

Die Neubeanspruchung von Wechselkrediten hat nach dem Wochenbericht des Instituts für Kon­junkturforschung im Oktober stark juaenom- men. Dre Wechselziehungen sind von 4276 Mil­lionen Mark im September auf 4742 Millionen Mk. Im Oktober gestiegen. Indes pflegen alljährlich die Wechselziehungen im Oktober unter dem Einfluß des gesteigerten Kreditbedarfs der Wittschaft zur Finanzierung des jahreszettlich hohen Umfatz- volumens (Ernteumschlaa, Vorbcreitunaen auf das Weihnachtsgeschäft) sich stärker zu erhöhen. Schöltet man die übliche Saisonbewegung aus, so zeigt sich, daß sich die Neubeanspruchung in diesem Jahre durchaus in normalen Grenzen hält, daß also die Neubeanspruchung des Wechselkredits von den saisonmäßigen Momenten abgesehen annähernd die gleiche Höhe, wie im Vormonat hat. Die Tat­sache, daß die Wirtschaft nicht mehr, wie bis Mitte des Jahres, in steigendem Umfang zur Finanzie­rung der Umsätze Wechselkredite in Anspruch nimmt, ist ein deutliches Zeichen Dafür, daß die konjunktu­rellen Spannungen allmählich abnehmen.

Die Kreditsicherheit hat sich in den letzten Wochen etwas vermindert; jedoch ist die Zunahnie Der Konkurse, Wechselproteste und Vergleichsverfah­ren, die feit September anhält, nach Den Erfahrun­gen aus früheren Jahren ebenso wie der Rück­gang in den Sommermonaten als faisonmäßige Bewegung zu betrachten.

Trotz der jüngsten Steigerung halten sich die Insolvenzen unter dem in den ersten Monaten des lausenden Jahres erreichten Höchststand. Im Vorjahr wurde dagegen infolge der zunehmenden konjunkturellen Spannungen schon im September das (saisonmäßige) Maximum vom Frühjahr 1927 beträchtlich überschritten.

Die Zunahme der Zahlungseinstellungen darf da­her kaum als Symptom verschärfter Konjunktur­spannungen betrachtet werden, so lange sie sich int bisherigen Umfang hält. Bis März ist aus rein faifonmäfjigen Gründen mit einer Steigerung der Konkurse, Vergleichsverfahren und Wechselproteste zu rechnen.

Wochenbericht

vom Frankfurter Effektenmarkt.

Angeregt Durch sich veroreitenDe Spezialbetoe- gungen war Die Haltung an Den Effekten­märkten in Dieser Woche allgemein recht f e st. Die bisherige Ergebnislosigkeit Der Bespre­chungen zur Beilegung Des Eisenkonsliktes ver­mochte Die Aufwärtsbewegung Der Kurse nicht zu hemmen, trotzdem bie Situation sich eher noch verschärft hat unb eine Einigung in weitere Fernen gerückt ist. Die Börse lieh sich hierburch unb Durch andere ungünstige Momente wie schon in Den vergangenen Wochen nicht wesentlich be­einflussen, unb Die Divergenz zwischen schlechter wirtschastlicher unb politischer Allgemeinsituation und Dem Optimismus der Börse wurde von Tag zu Tag auffälliger. So fanden Die neuerdings bei Den Reparationsbesprechungen zu­tage getretenen Schwierigkeiten an Der Börse zwar Beachtung, blieben aber ohne sicht­bare Einwirkung auf Die TenDenz. Zeitweise einigen Einfluß im ungünstigen Sinne konnte nur Die Ultimoabtoidlung ausüben. Am Tage vor Der Prämienerllärung kam auf verschiedenen Marktgebieten in größerem Umfange Material heraus, Da vielfach Positionslösungen Dorgenom* men tourDen, um bie hohen Prolongationskosten zu sparen. Daneben Dürfte aber auch Die Baissespekulation Durch Bianco abgaben versucht haben, Das Kursniveau zu erschüttern. Dies gelang jedoch nicht; bie weitere starke Be­teiligung des Auslandes an dem lebhaften Ge­schäft auf einigen Spezicllrnärkten zwang Die Spe­kulation bald, zu Deckungskäufen zu schreiten, zu­mal auch das private Publckum wieder, wenn auch nur zögernd, mit kleineren Kaufaufträgen an Den Markt kam. Die ilebertoinöung des Ultimo wurde wesentlich erleichtert durch bie