Nr. 283 Drittes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhesien) Samstag, L Dezember (928
——■! 1 i 11— - - IUWI» ■ «III»»——' ------
Oie Lugano-Konferenz der Außenminister.
Außenpolitische Umschau.
VonDr. OttoHoehsch, o.profeffor der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. ZH.
Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, dah alle drei Außenminister von Locarno, Dr. Strefemann, Briand und Chamber- la in, von nicht ganz sicherer Gesundheit sind oder der Schonung bedürfen. Deshalb verhandelt man darüber, die Tagung des Völkerbundsrctts, die diesmal vom 10. Dezember an in Aussicht genommen ist, an einen klimatisch besseren Platz zu verlegen. Diese Tagung wird an sich nicht von großer Bedeutung sein. Wir glauben auch nicht, daß die wohl besonders zu diesem Zweck unternommene Reise von Sir Eric D r u m - mond nach Warschau es fertig gebracht hat, die polnisch-litauische Angelegenheit so zu orlt.ien, daß der Dölkerbundsrat aufatmen könnte. Aber wichtiger ist natürlich, daß die drei Aubenminister wieder Gelegenheit haben — di« ihnen sehr lange gefehlt hat — über di« bekannten, Fragen miteinander zu sprechen, die sich ja ' iowischen, und zwar recht ernst, verschoben gaben.
Das wird ganz besonders Chamberlain merken, der nach einer langen Llnterbrechung in dieser Woche die Geschäfte des Außenministers wieder ausgenommen hat. Wir wissen nicht, inwieweit er über die englisch-französischen Verhandlungen der letzten sechs bis acht Monate auf dem Laufenden gehalten worden ist. Jedenfalls findet «r als deren Ergebnis «in« Situation vor, Die zu seiner Locarno-Politik und zu den von ihm immer wieder betonten Friedensgrund» sätzen durchaus nicht patzt. Denn da mag man nun sagen was man will: die Welt ist abermals von einem starken Mihtrauen gegen die englisch« Bündnispolitik erfüllt, und es ist doch kein Zufall, sondern innerlich ganz begründet, wenn di« Vachrichten über die englisch-japani- schen Verhandlungen ohne weiteres den Glauben finden, es würde da schon an einem neuen englisch-japanischen Bündnisse geschmiedet. Die Stresemannsche Rede zum Prmkte Locarno hat Chamberlain sehr genau gesagt, wie gergde England in seinen Verhandlungen mit Frankreich den Boden verläßt, den es selber im Winter 1924 so zu bearbeiten begonnen hatte, dah di« Locarno-Garantie für di« WestverhLltnisse Europas herauskam. Er wird jetzt beim Studium des Materials merken, dah heute das gesamte deutsche Völk von starken Enttäuschungen, von Zweifln und vor allem Mihtrauen gegen England erfüllt ist. Vicht nur das: Er findet ein« für England noch viel unerfreulichere Veränderung der Lage vor, deren Anfang er frei* lich 1927 selber mitverschuldet hat. Wir meinen die Verschlechterung des Verhältnisses zu den Vereinigten Staaten und das Mißtrauen in Washington gegen die englisch« Politik, ein« Tatsache von größter weltpolitischer Bedeutung.
Wir können natürlich nicht genau sagen, wie im englischen Außenministerium die Verhältnisse liegen. Immerhin weiß man, dah unter und neben dem Minister eine bestimmte Gruppe von Diplomaten und Politikern der konservativen Partei eine ganz bestimmt« Politik macht, deren Ergebnisse jedenfalls, wie sich jetzt zeigt, mit der Chamberlain-Richtung nicht über einstimmen. Man spricht in bezug auf die französische Außenpolitik von einem „5>u u m- virat" und meint damit, daß die augenblicklich wichtigste Frage der französischen Außenpolitik die Revara'ionsfrag«, von zwei Männern bearbeitet werde, nämlich von Poincarö und D r i a n d. Don einem solchen „Duumvirat" kann man erst recht in England sprechen, wobei der Kopf und Leiter der anderen Rich ung wohl der heutige Do.schafter Englands in Paris, Sir William Tyrrel ist. So ist eine nächste und freilich recht schwierige Ausgabe der deutschen Politik nach der Rückkehr Chamberlains, das Verhältnis Englands zu der europäischen Situation, zu Locarno und zu Deutschland zu klären. Lind treffen sich die Minister wirklich anläßlich der Ratssitzung, so ist im Gespräch zwischen Stresemann und Chamberlain diese Klärung die erste und dringendste Aufgabe.___________________
Von selbst geht sie dann auf die Repara- tionsfrage über. Für Frankreich ist jenes Doppelverhäl'.nis in der Lei ung der Außenpolitik, wenn Herr Driand sich damit abfindet, ja kein Vachteil. Die beiden Männer ergänzen einander, und Briand sichert sich Pen doch immer noch vorh.ndenen, sehr großen Einsluh Poin- caräs für die Fälle, daß die De.Handlungen über Reparation und Räumung zu Kompromissen führen, die der offen.litten Meinung Frankreichs, hochgespannt und ausgepei scht wie sie heute in der Frage ist, gegen den Strich gehen.
Für Deutschland ist es na ürlich eine groß« Erschwerung, daß Poincare die Führung der Reparationsverhandlungen sich Vorbehalten hat. Das haben wir ja gleich in dem diplomatischen Dorspiel gemerkt, das jetzt zu Ende geht und an dessen Schluß noch, vier Wochen nach dn: deutschen Initiative in bezug aus die in Genf beschlossene Dachverständigenkommis ion, mit einem Mele d i e Re pa r a t i ons k om m i f f i o n wieder belebt wurde, von der man meinte, sie sei längst tot. Es wird jetzt gesagt, daß es sich dabei um eine Formalität handle, infofern ja nicht nur England, Frankreich, 3 allen, Belgien, die ihre Dertretung in dem Sachverständigenausschutz haben werden, unsere Gläubiger seien, sondern noch andere Staa en, wie Rumänien, Portugal, Jugoslawien, Polen und Griechenland, und weil der Reparaiionskommission so wie so nach dem Friedensvertrage die Aufgabe gestellt sei, von Zeit zu Zeit »die deutschen Hilfsmittel unb Leistungsfähigkeit zu prüfen" (Ar ikel 234). Auch wenn es wirklich nur eine Formalität wäre, so ist das charakteristisch für den Buchst '.benmen- schen und Advokaten Poincare, der auch hier nicht einen Schritt von dem abgeht, was er für sein Recht hält.
Aber es ist nicht nur eine Formalität! Es wird durch diese Anregung einfach bestritten, dah mit dem Sachverständigenkomitee von
1923 und dem Dawesplan, oder noch genauer getagt, mit der Teilnahme Amerikas an diesem gan er Werk unzweifelhaft die Si.uation verändert worden ist, die der Versailler Vertrag geschaffen hat, daß mit ihr, da mögen die Franzosen ,ich nun Dreien wie sie wollen, tatsächlich an einer wich.igen Stelle, nämlich der Frag« der K.egskontribuüon. der Der^ai.ler Ter- trag revidiert worden ist. Davon wollen wir uns auch nicht formell herun e. bringen laf.cn, und deshalb ist selbstverftänd ich, dah Deutschland eine Ernennung d r Sachverständigen und die Berufung des neuen Komit.es durch die Reparationliomnis i^n gatt ab lehnt.
Die neue Koinmi, ion ist doch mit freiwilliger Zustimmung Deutschlands, in einer Beratung mit einem gleichberechtigten Deu tschland geschaffen to;rt> n. Die Lag« ist heute auch wieder anders als sie 1923 21 gegenüber dem Dersailler Dertrag war. Gewiß war formell der erste Dawesausschuh ein Lin «raus- schuß der Reparationsko.nmi.sion und enthielt keinen Vertreter Deutschlands. Jetzt ist die Sach« aber anders. 3n Genf, wo doch angeblich nur gleichberechtigte Mächte spr:ch n sollen, hat man die Reparationsfrage in Gang gebracht, und daraus entwickelt sich ein neuer Sa v verstau- digenausschuß. Poincarö hat heute wirtlich noch die Vorstellung, daß er sozu agen Deutschland vor den neuen Ausschuß laden will, um ihm seine Schuldverpflichtung vor^uhal.en, und dann darüber ohne Deutschland aozuschliehen. Kein Wunder, dah man bei uns daran denkt, dah er wahrhaftig noch nicht einmal die unf.nnige Vorstellung aufgegeben hat — die er ja im vorigen Jahre toiebec einmal wachrief —, dah Deutschlands Gesamtschuld von der Reparationskom- mission 1921 auf 132 Milliarden Mark festgesetzt sei.
Das finb nicht nur Formalitäten. Die bringen von vornherein Deutschland in eine sehr schwierige
Lag«. Sie locken es auf ein Terrain, auf dem es im Llmsehen ausgleiten kann. Sie ziehen und sollen es in ein Vetz ziehen, aus dem bann Deutschland schließlich nicht wieder heraus kann, sondern in dem es annchmcn mühte, was die anderen beichliehen. Gleichzeitig erschwert alles das den Männern in Amerika die Arbeit, die eine vollkommen klare Liebersicht haben und die die Frage des Tawesplanes wirllich werterführen wollen Es bedarf keines Wortes, daß das für Deutschland erst recht nachteilig ist. Einer der wichtigsten Wegweiser, der wichitste eigentlich in diesen ganzen Verhandlungen, wie sie mit dem Genfer Beschluß vom 16. September begonnen worden sind, ist und bleibt die Rücksicht auf Vordamerika. Llnfere Chancen in dieser Beziehung sind gar nicht ungünstig. Aber diese Tatsache ist kein Ruhebett, auf das man sich getrost niederlegen kann, in der Erwartung, dah das bekannte Interesse der Amerikaner schon von selber die Dinge in unserem Sinne tociter- treiben toürb?. Cs ist gar nicht gesagt, dah sie von selber laufen, wenn Deutschland nicht mit größter Sicherheit und ganz f e ft e in Willen gleich von Anfang an seinen Weg geht. Es ist wirklich nicht so schwierig und die Sache ist im Grunde auch wirklich nicht so verwickelt, wie man sie allerdings sehr leicht machen kann. Was als deutsches Interesse formuliert und gefordert werden muh, ist einfach. Aber mit der Klarheit darüber muh man den festen Willen verbinden, von seiner Linie nicht abzuweichen. Konunen also in der zweiten Dezemberwoche die drer Außenminister in bet Ratssitzung in Genf oder anderswo zusammen, so haben sie genug Stofs nicht nur zu besprechen, sondern auch genug der Gegensätze, die ernst geworben sind. Diese auszusprechen und mit allem nachdrücklichen Ernst und aller Entschiedenheit aus- und durchzusechten, wird die Aufgabe des deutschen Vertreters fein-
pomcare schreibt Memoiren.
Aus den Flitterwochen der Entente cordiale. — Ein Besuch des Präsidenten der Republik in England. — Begeisterte Empfänge, glänzende Banketts. — Trübsalblasen beim Hofball.
Einige Monate nach dem ersten Band des Memoiren-Werkes Poincares, das die Erstehung der Entente behandelte, erscheint schon die Liebersetzung des zweiten Werkes, das sich mit dem kritischen Jahre 1913—14 besaht. (Raymond Poincars: Memoiren 1913—1914.) Poincarö, der mihtrauischte Hüter der Entente, spinnt hier die letzten Fäden zu dem Rehe, das sich um Deutschland schließen wird. Da er selbst in Frankreich von vielen als der Hauptverantwort» kiche des Krieges angesehen wird, liegt ihm alles daran, sich zu verteidigen. Der Ministerpräsident greift wahllos Zitate auS deutschen Blättern, aus dem Zusammenhang heraus, um Kriegsabsichten Deutschlands zu konstruieren. Trotzdem man den Memoiren nur einen völlig einseitig historischen Wert zusprechen muß, sknd sie wegen der zahlreichen Einzelheiten, die sich auf das Geben und Treiben innerhalb der französischen Regierung beziehen und auch wegen der Schilderungen über Zusammenkünfte, Empfänge interessant. Wir geben hier einen Auszug wieder, der sich auf den Besuch Poincarss in London, 3uni 1913 bezieht:
3n Portsmouth wurde ich vom Mayor und vom Alderman empfangen, die mir eine schön gemalte Adresse überreichten. Sie war die erste einer reichen Sammlung, die sich bald vermehren sollte. Während der Fahrt nach London konnte ich ziemlich ruhig mit dem Prinzen von Wales plaudern, den ich ebenso schlicht wie früher, aber schon gereift fand. Ebenso wie Pichon (der französische Außenminister) bewunderte ich seine Liebenswürdigkeit und seinen munteren Sinn. 3n Victoria Station erwartete mich der König mit dem Herzim und dem Prinzen Arthur von Connaught. 3d) sah ihn zum ersten Male und war sofort durch seine Aehnlichkeit mit seinem Detter, dem Zaren, betroffen. Indessen war er weniger bläh, sein Blick weniger verträumt, sein
Lächeln weniger traurig, seine Gebärden weniger schüchtern. Er begrüßte mich sehr herzlich und lud mich ein, dem Vorbeimarsch der Ehrengarbe beizuwohnen: dann führte er mich zu einem Galawagen, auf dessen vier ä la Daumont angespannten Pferden Dvrreiter in prächtigen, scharlachroten und goldenen Livreen faßen, die von meinem schwarzen Rock stark abstachen. Sobald der Wagen sich in Bewegung setzte, brach die ungeheure Menge, die den Bahnhof umringte, in stürmische Hochrufe arrs. In Frankreich hätte ich bei den Straßenkundgebungen bisweilen versucht sein können, zu vergessen, dah die Popularität, vorübergehend oder dauernd, viel mehr meinem Amt als meiner Person galt, aber in England verschwand solche Illusion vor dem Augenschein. Frankreich selb st war eS, das man in London begrüßte: ich war für diese begeisterte Wenge nur ein Symbol mit Zylinder und weißer Halsbinde.
Der König und der Prinz von Wales geleiteten mich nach Dork House, wo dieselben Gemächer, die der Präsident Loubet 1903 und Fälliges 1906 bewohnt hatten, für mich eingerichtet waren. Vachdem ich mein demokratisches Galalleid wieder in Ordnung gebracht hatte, fuhr ich mit einer Eskorte betreßter Reiter zum Buckingham Palace, um den König und die Königin zu begrüßen, dann nach Marlborough House, um der Königin Alexandra meine Aufwartung zu machen. Der ihr traf ich die Kaiserin-Witwe von Rußland. Die ganze Königsfamilie wetteiferte in Liebenswürdigkeit, um mir diese Reihe offizeller Pflichten möglichst angenehm zu machen.
Am Abend gab das Königspaar im Buckingham Palace ein großes Festmahl. 2n dem weiten Saale, in dem die mit blauen, weißen und roten Blumen geschmückten Tafeln standen, bildeten die Veomen des Hofes mit ihren Hellebarden Spalier. Große, mit goldenem Geschirr geschmückte Anrichten strahlten im Scheine der elektrischen Lampen. Ich saß zur Rechten des Königs, zu seiner Linken die Kronprinzessin von
Schweden, die Königin rechts von mir. Während der Tafel berührte unsere Llnterhaltung nur ziemlich gleichgültige Dinge. Die Königin, die das Französische völlig beherrschte, versprach mir gütigst, den König zu begleiten, wenn er in ein paar Monaten nach Paris käme. Der König, der unsere Sprache etwas spät gelernt hat, sie jedoch sehr gut versteht, dankte mir dafür, dah ich ihm 1912 den Wortlaut meiner Reden in Vizza und Cannes auf Viktoria und Eduard VII. übersandt hatte. Er wiederholte diesen Dank in besonders warmer Weise bei dem Trinkspruche auf mich, den er mit den wohlwollendsten Komplimenten für meine Person begleitete. Meine Antwort war in völlig gleichem Ton gehalten.
Am Mittwoch, dem 25., besuchte ich während des Vormittags die französischen Anstalten, das französische Krankenhaus in der Shaftesbury Avenue, das Home der französischen Erzieherinnen in Lancaster Gate, das französische Institut in Marble Arch. Pichon und Cambon (der französische Botschafter in London) begleiteten mich stets, und der Botschafter empfing mich mit berechtigtem Stolze in diesen Anstalten, zu deren Begründung er so nutzbringend beigetragen hatte. Die Straßen strotzten noch immer von Menschen, und meine Ohren dröhnten vom Schall der Hochrufe. Rückfahrt nach Saint James Palace und nach Bork House, brillantes Präsentieren der Horse Guards in roten Dolmans, Empfang des diplomatischen Korps, Abfahrt zur Guild- h a l l. Während der ganzen Fahrt halten Truppen die Menge zurück. Die Pfeifer der Linientruppen mischen ihr fröhliches Spiel in das Trompetenschmettern der Horse Guards und in die scharfen Dudelsackklänge der Hochländer. Die Stadtviertel, durch die ich komme, Holborn Bo- rough und Marhbone Borough, schicken mir Abordnungen, die meinen Wagen aufhalten und mir Adressen überreichen. Die Männer nehmen ihre Hüte ab, die Frauen schwenken ihre Tücher.
Am Portal der Guildhall empfängt mich der Lord Mayor, Sir David B e r n e 11, und
Lache Vaßazzo!
Roman von J. Schneider-Foerstl.
llrbeberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
10 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Er wunderte sich, wie ruhig der Vater ihn empfing, als sie beinahe gleichzeitig den breiten Kiesweg zur Villa hinau, schritten. Der Bankier tarn eben aus dem Geschäfte, aber es war ihm nicht mehr das geringste Über die am Vachmittag gehabte Aufregung anzumerken.
„3d) wünsche, daß die Mama von Geschästs- fotgen verschont bleibt!“ sagte er befehlend, ehe der alte Diener, welcher die Flügeltüre öffnete, «in Wort aufzufangen vermochte. „Du hast mich verstanden, Achim
„Gewiß, Papa!"
Der junge Hettingen sah den Vater in das Ankleidezimmer der Mutter treten, deren dunkles, warmes Lachen ihm entgegenllang. Dann einen Ausruf des Entzückens. „Wie wundervoll, Artur! — Ich danke dir, du Guter! — Ist das nicht aber zu kostbar für mich?"
Darauf des Vaters ruhig sicheres Organ, zärtlich, ganz von tiefinnerster Liebe durchschwängert. „Ich kenne nur ein Ziel im Leben: dich glücklich zu sehen, Margot!"
Die Türe öffnete sich
Die schöne Frau sah den Sohn mit ernstem Gesichte und vorgeneigten Schultern stehen. Ihre beiden Hände streckten sich ihm entgegen. „Hast du Sorgen, mein armer Bub?"
„Ja, Mama! — Ich habe heute zwei Absagebriefe auf einmal bekommen. Das ist ein bißchen viel, nicht wahr?"
Eine weiße, sammetweiche Hand strich über seine Wangen. „Mein lieber Junge! Papa wird gewiß nicht grausam sein, wenn du ihn um Fristverlängerung bittest."
Beinahe drohend ruhten die Augen des Bankiers in denen des Sohnes. Rur die der Mutter lagen mit stolzer, heißer Zärtlichkeit auf ihm.
Als man sich nach zehn Minuten beim Abendtisch« gegenübersah, sah Joachim am Halse seiner Mutter ein Kollier aus prachtvoll ebenmäßigen Perlen schimmern, das er bisher noch nie an ihr bemerkt hatte.
Etwas Llnwillig-Schmerzhaftes zugleich zuckte in seinem Inneren auf. Wenn sie wüßte, wie riesenhaft die Verluste waren, die der Vater heute erlitten hatte — ob sie dann nicht lieber daraus verzichtet hätte?
Müdigkeit vorschützend, bat er schon nach einer Stunde, sich zurückziehen zu dürfen. Der Vater nickte, ohne aufzusehen. Frau Margot aber zog ihren Einzigen zum Küste zu sich herab.
„Schlaf alle Sorgen weg, mein Bub!"
Er fühlte den tröstend zärtlichen Druck ihrer Hände noch, als er in seinem Zimmer am Fenster stand und in die Lichterhelle starrte, die das große, lachende Wien hinaus zum nächtlichen Hrmmel schickte.
Empfangsabend im Hause Hettingen!
Seit feinen frühesten Kindertagen trug Joachim dies immer gleiche Bild in feinem Gedächtnisse. Vur daß er eben jetzt als erwachsener Sohn des Hauses daran beteiligt war, die Gäste zu begrüßen und sich den einzelnen zu widmen.
Als erster kam Gras Dolmisch über den fransenbesetzten Perser der Halle. 3n der straffen Haltung des ebenmäßig schlanken Körpers verriet sich der ehemalige Offizier und in der Sicherheit des Auftretens der langjährige Hofbeamte. Er streckte dem Sohn des Hauses mit gewinnender Herzlichkeit die Rechte entgegen.
„Mein lieber Baron, warum sind Sie gestern nachmittag nicht zum Herrenrennen gekommen? — Cs war ein Ereignis. — Der „Dodenstätter" hat um eineinhalb Längen gewonnen. Lind zwar mit Glanz! Lind keine Seele hat auf ihn gesetzt. Ich auch nicht! Ich hätte mir die Knochen ent- zwcischlagen können!"
Während Joachim an seiner Linken di« Trepp« hinausschritt, hörte er hinter sich Leopold Richthofens Stimme. „Wartens a Rucker 1, Graf! Ich
hab eine Vciigkeit für Sie! Ich hab den „Dodenstätter" kauft, um hunderttausend Schilling!"
„Vein, wirllich, lieber Richthofen?"
„Aber ja! Ditte! Mit einem einzigen Schlag kann mir das wieder herinnen sein. Den Trainer hab ich auch gleich mit erworben. Is gar kein schlechtes Gschäst? Was? Wann's einmal Lust habn, Graf, zum Anschaun, dann fahrn wir miteinander naus auf8 Gstüt."
„Geld! — Geld! — Geld!" — Dolmisch verdrehte di« Augen, daß nur mehr das Weiß« zu (eben war.
„Ja! — Vet wahr, Gras, es laßt sich was machn damit!"
Die Baronin Hettingen stand an der Schwelle des Salons und reichte den beiden Herren die Hand zum Kust«.
„Wo ist deine Schwester," raunte Joachim dem Freunde zu.
„D' Mizzl?" Ehe er noch weitersprechen konnte, füllte sich Richthofen von hinten gepackt.
„Verehrter Herr RichthofenI Welch ein Glück, daß ich Sie hier treffe."
„Ja? Is das so ein Glück, Herr Präsident, wann's mich treffn?“ lacht« Richthofen „Kann ich mit was helfen? Ihr ganz ergebenster Diener! Das wissn S' eh!"
„Weiß ich, verehrter Richthofen! Weiß ich. — Ich hab ein Anliegen: Mein Reffe hat sein Ingenieur-Examen gemacht. Vote 3. Hätte ein bißchen besser ausfallen können, wenn er nicht so viele Semester geschwänzt haben würde. Aber nichts mehr zu machen jetzt. Lind nun sitzt er schon ein halbes Jahr zu Hause meiner armen Schwester auf der Schüssel. Sie kennen doch meine Schwester, die verwitwete Oberstin Birkner?"
„Aber ja, Herr Präsident! Ich hab einmal die Ehr ghabt, auf einer Redout mit ihr zu tanzen."
„Sehen Sie, lieber beretjrter Richthofen, was soll ich da noch lange Herumreden: Wrtwen- pension! Meine Richte, die Schwester des Herrn Dreier-Kandidaten, möchte bitter gerne heiraten, und der große Schlingel sitzt zu Hanse und ißt den beiden Frauen das bißchen Geld weg, das sie für die Aussteuer und so gebrauchen Kirnten.
— Wenn Sie vielleicht eme vakant« Stell« für ihn hätten?"
Richthofen strich bedächtig an seinem Frack herunter, der die etwas stark ausgeprägte Korpulenz tadellos umspannte.
„Schickn S' mir 'n halt! Es wird sich schon was finden für ihn! Bei tri« Maschinen oder in der Kanzlei."
„Verehrter Herr Richthofen.--"
In die Stimme des Präsidenten mengte sich die lachend helle einer Frau, die hinter ihn getreten war. „Wie ein wandelnder Tintenllex schaun S' aus, Herr Richt Hof en! Ein 3-Tüpferl glangt nimmer!"
Drei^Männerhände zugleich griffen nach ihren kleinen weihen. Drei Männerlippen suchten in derselben Sekunde darauf Platz.
„Aber bitte! — Verrechn S' mich net, meine Herrn!" Wieder dieses hell« Kinderlachen. „Warum machn S' denn a so ein Gvscherl, Baron?" Sie strich Joachim zärtlich über die linke Wange.
Ein« wundervoll zarte, herrlich durchgebildete Sopranstimme trällerte auf:
„Hast a Maderl gliabt?
Hat's ein andrer rriagt? Hast a Schätzer! ghabt? Hat's ein andrer tappt?"
Joachims Hände drückten die Finger Isabella Ieskas, der vergötterten Diva des Durgtheaters. Dann neigten sich seine Lippen Darüber.
Als er aufsah, forschte sie in seinen Augen, sah das leise Flimmern darinnen und suchte über ihn hinweg nach den Gästen, welche plaudernd zum Salon gingen. „Herr Richthofen, wo bleibt Denn 's Schwester!?"
„Ach, die Frauen haben Launen!" trillerte er mit komischem Augenaufschlag und warf einen zündenden Blick zu ihr hinüber.
„Aber geh! Lügn S' doch net a so! Ham 6* mich schon einmal mit Launen gsehn? — Pst!" machte sie leise und verneigte sich vor einer imponierend hohen Gestalt, die eben an der Seite eines ergrauten Militärs über den roten Läufer ging. (Fortsetzung folgt.) ,


