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Nr. 52 Drittes Blatt

(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Donnerstag, l. März (928

Kirche und Schule.

Dorskirchenvorstchertagung in Lindhcim.

)( Lindheim, 29. Febr. Von herrlichstem Dorfrühlingswetter begünstigt, fand am Mon­tag in unserer Gemeinde eine Dorfkirchen­vorstehertagung statt. Lieber 200 Kirchen- Vorsteher hatten sich eingefunden, u. a. auch Kreisdirektor Dr. G a st n e r - Büdingen. Die Ta­gung wurde durch einen Gottesdienst in dem altehrwürdigen Kirchlein eingeleitet, das bis auf den letzten Platz besetzt war. Pfarrer Probst- Frankfurt a. M. hielt über das Gleichnis vom Llnkraut unter dem Weizen eine gewissenschär­fende Predigt. Die gottesdienstliche Feier wurde umrahmt von Chorgesang der Schulkinder, Ge- mcindcgesang und Cinzelgesang. Sn der Mittags­pause waren sämtliche Teilnehmer Gäste der Ge° mcindeglieder. Lim 722 Lihr begannen in dem Tergschen Saal die eigentlichen Beratungen. Bach einem Chorgesang der Schultinder begrüßte Dekan S c r i b a - Ridda die zahlreiche Versammlung, den Grust der Gemeinde Lindheim überbrachte Bürgermeister S t e d t e r. Sm Mittelpunkt der Verhandlungen stand ein fast zweistündiger Vor­trag von Pfarrer Freundlieb-Vilbel über die Frage: ..Was ist gegen die entkirchlichenden Einflüsse der Grohstadt zu tun?" Aufgabe der Kirche sei es, dos Evangelium an die Menschen heranzubringen. Die Kirche müsse nicht nur für die Verwundeten des Lebens ein Herz haben, sondern auch für die Kämpfer, sie dürfe nicht nur die Liebe pflegen, sondern müsse auch die Wahrheit verkündigen, sie dürfe sich nicht führen lassen, sondern sie müsse selbst führen. Es gelte, der Grostftadt etwas Wertvolleres entgegen­zustellen und sich wieder auf den gottgemäßen Sinn des Lebens zu besinnen. Das alte und unverkürzte Evangelium müsse wieder der Maß­stab aller Dinge werden. An den mit großem Beifall ausgenommenen Vortrag schloß sich eine sehr rege Aussprache an, an der sich auch die weltlichen Mitglieder der Kirchenvorstände betei­ligten. *

Dorsiirchentagung in Münzenberg.

Münzenberg, 29. Febr. Die dritte und letzte Dorfkirchenvorstehertagung im südlichen Qberhessen sindet nächsten Montag, 5. März, in unserem Dorfe statt. Zur Beratung steht das für unsere Dorfgemeinden wichtige Thema:Fluch und Segen der kirch- lichcn Sitte". Cs sei darauf aufmerksam gemacht, daß morgens und nachmittags von Lich aus Sonderzüge eingelegt sind, so daß es jedem möglid) ist, leicht und bequem an der Tagung teilz- en. Der Sonderzug geht morgens 9.20

Lihr .ch nach Münzenberg ab und fährt dort nach ags 18.36 (6.36) Lihr wieder nach Lich zurück, >o baß die ankommenden und abfahrenden Anschlußzüge in der Richtung G ehen und Geln­hausen passen. Bei rechtzeitiger Anmeldung sorgt der Kirchenvorstand.für Mittagstisch der Gäste.

Erweitertes

Schöffengericht Gießen.

Gießen, 29. Febr. Ein früherer Ober- orenadier des hiesigen Snfanterie-Regiments er­hielt wegen Unterschlagung unter Ver­letzung eines militärischen Dienstverhältnisses und Lirkundenfälschung eine Gesamt- gefängnisstrafe von einem Monat. Er hatte von einem Obergefreiten 10 Mk. er­halten, mit denen er eine Schuld bei einem Lihr- macher abbezahlen sollte. Das Geld hat er für sich verbraucht und eine gefälschte Quittung des Llhrmachers vorgelegt. Seine Behauptung, er habe das Geld nicht unterschlagen, sondern den Auftrag nur vergessen, erwies sich als unglaub­haft, da dann die von ihm zugesiandene Llr- tundenfälschung nicht zu erklären gewesen wäre. Er hätte von dem ihn, befreundeten Obergefreiten leinerlei Linannehmlichkeiten wegen feiner Ver­geßlichkeit zu erwarten gehabt.

Drei Monate Gefängnis wegen Fäl­schung einer öffentlichen Lirkunde er­hielt ein Arbeiter aus Rüddingshausen. Er sollte für einen Bekannten 100 Mk. bei der Post ein­zahlen, unterschlug von dieser Summe 90 Mk.

Es zogen drei Burschen wohl über den Mein .... Roman von Erica Grupe-Lörcher.

57 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Sie nickte Wenger zu unter einem einzigen stum­men bedeutungsvollen Blick, nahm den dargebate- nen Arm Bouoiers und lenkte aus dem Saal, auch durch die anstoßenden Salons, hindurch bis zu dem kleinen intimen Kabinett, in dem ihre Großmutter ihre Korrespondenz am Schreibtisch zu erledigen Ste ober in einem der bequemen Gobelin-F.m-

5 einer Lektüre oblag. Fritz Wenger aber glitt in einiger Entfernung hinter dem Paare her. Vor- sicht war geboten, schon aus Diskretion Melusine gegenüber. Doch ein hoher Pfeilerspiegel in der Ecke des letzten der beiden Salons ermöglichte es Wenger, durch eine Wiederspiegelung des goldenen ovalen Rokokospiegels im Prioatkabinett der alten Baronin wenigstens aus geringer Entfernung einen Blick über die äußeren Borgänge zwischen dem Paare!

Am Schreibtisch der (Sranbmama löste Melusine den Arm aus dem von Bouvier und stützte sich schwer auf die kostbare große Schreibmappe aus rotem Juchten. Das Herz wallte ihr jetzt dach bis zum Halse heran- . trotz aller Selbstbeherrschung. Diese Teilnahme heute an der Hochzeit wirb dir ein Opfer sein. Nicht wahr? Du wirst dich nach den Abendstunden sehnen, die bu ohne Zweifel wieder mit deiner pelite femme verbringen wirst?"

Er trat einen Schritt zurück, als sei ein Peitschen­hieb auf ihn niebergesaust. Mit ber großen Selbst­gefälligkeit bes Monsieur Paul Bouvier war es mit einem Schlage vorbei. Was war größer in ihm: die Wut oder das Erschrecken?

Du bist mir vollkommen unverständlich, Melu­sine!"

Sie nagte an ber Lippe. Womit sollte sie begin­nen? Was ihm zuerst ins Gesicht schleudern! Aber nur es kurz machen! O, es gab ja gar nichts mehr zu beschönigen ober abzuleugnen ober einzurenken!

Soll ich mich dir noch verständlicher machm? Nun gut! Äch bin vollkommen barüber unterrichtet, daß bu deine Geliebte von Bezay mit hierher-

Die Jagd

Sagb im März? Tote Zeit!'/ denken leider gar viele Säger und sehen darin einen aus­reichenden Grund, ihrem Revier fernzubleiben. Ein Blick in den Schonzeitlalender scheint.ihnen recht zu geben. Lind bod) erfordert das Revier im März ebenso die hegende Pflege wie es auch Weidmannsfreuden verspricht.

Rotwild hat nun vollkommen Schonzeit (nur in Hessen ist der König der Wälder vor dem Gesetz vogelfrei!). Die Hirsche werfen ab.

Das Rehwild ist gut durch den Winter ge­kommen, und der Bock schiebt sein neues Gehörn. Lleberall beginnt es in der Frühlingssonne zu grünen und zu sprießen, und gierig nimmt das Rehwild nach der langen Trockenäsung der Win­terszeit das frische Grün an. Leider bringt dieser Rahrungswechsel mitunter Erkrankungen mit sich, denen erfahrungsgemäß besonders männliche Stücke zum Opfer fallen.

Der schneearme Winter hat das Besagen des Schwarzwildes nicht erleichtert. Die Bachen sangen an zu frischen und genießen bann den Schutz des Weidmannes. Denn kein Säger, der ein Herz in der Brust hat, wird ein Muttertier von den Sungen wegschießen und diese dem Hungertode überliefern. Dieser Grundsatz muh auch für den ritterlichen Schwarzkittel, unser ein­ziges wehrhaftes Wild, gelten, mag man es sonst auch mit Eifer bejagen und kurz zu hakten suchen.

Allenthalben sehen wir draußen die Mümmel­männer auf den Läusen. Die Hasenhochzeit ist im Gang. Auch fällt im März der erste Hasensatz. Sein Schicksal ist wichtig für das ganze Hasen­jahr, da er selbst im Sommer bereits zur Fort­pflanzung schreitet. Auf die Witterung hat der Mensch keinen Einfluß, aber gegen vierbeinige und gefiederte Räuber sein Sungwild zu schützen, ist ihm bis zu einem gewissen Gkad möglich.

Sm Dachs bau sind Sange, und gegen Ende des Monats wölft mitunter auch die F uch s - sähe schon.

Die Waldhühner, von denen leider der Aue r- h a h n und der Birkhahn unserer engsten Heimat fehlen, treten in die Balz. Dagegen ist das H a s e l w i l d in manchen Revieren der an­schließenden preußischen Westerwald- und Tau­nusgebiete noch Standwild.

Die Rebhühner paaren sich, und'die Henne schreitet dort, wo sie genug Deckung findet, bald zur Brut. Se früher dies geschieht, um so ge­ringer ist die Gefahr des Ausmähens in Wiesen und Kleeäckern. Der Revierinhaber sollte deshalb darauf bedacht sein, berg Wild Hecken, Ginster­flächen u. ä. erhalten ober auf wirtschaftlich ungenutztem Lande Deckung in Gestalt kleiner Remisen zu schaffen.

Auch der Fasan tritt in die Balz. Roch ist die Zeit zum Aussehen von Fasanen günstig. Der Hahn hat noch Schuhzeit.

Die Wildente hat Schonzeit. Die Reihzeit geht zu Ende und die Ente beginnt mit dem Legegefchäst.

Der alte WeidversReminszere putzt die Gewehre! Okuli da kommen sie!" ist auch in Richtjägerkreisen bekannt, und vom Erlegen der ..Ersten" pflegen sogar die Tageszeitungen häufig Rotiz zu nehmen. So gilt der Vogel mit dem langen Gesicht als ein Frühlingsbote, dessen Beobachtung und Sagb auf bem Abenb- ober Morgenstrich alljährlich immer wieder ihren Reiz

und fälschte den Posteinlieferungsschein auf den Betrag von 100 Mk. um. Seiner Llnbescholten- heit wegen wurde auf bie gesetzliche Mindest- strafe erkannt.

Amtsgericht Gießen.

* Gießen, 28. Febr. Familienstreitigkeiten bildeten die Grundlage der Privatklage eines Hüttenarbeiters in W i ß m a r gegen seinen Bru­der, einen Hüttenarbeiter in Lollar. Bei dem ersteren wohnt auszugsweise seine Mutter, die u. a. auch Anspruch auf freies Licht hat. Sie soll öfters Licht bis spät in die Rächt hinein gebrannt haben, weil ihr dritter bei ihr wohnender Sohn abends häufig mit Kameraden Karten gespielt habe. Die Folge hiervon war, haß der Privat- gebracht hast, trotzdem bu mir gleich beim ersten Wiedersehen hier geschworen hast, bie Sehnsucht hätte dich einzig nach Straßburg getrieben, mich wieber zu sehen! Du Lugner, du charakterloser Phra- seur! Du entblöbeft dich nicht, dich andern gegen­über damit zu brüsten, daß bu dich hier um eine junge Dame aus bester Familie bewirbst und bermeil deine petite femme bei dir hast! Ich sage dir, baß ich für biese Finessen einer echt französischen Moral kein Verständnis habe! O, wenn ihr Franzosen euch hier im großen ganzen und einzelnen nicht achtungs­werter urfb nicht imponierender einführt, dann wünschen wir alle euch wieder über die Vogesen hinüber ...!"

Er war vollständig erblaßt. Wie häßlich doch Jean Paul Bouvier ausschen konnte, wenn ihm bie Staffage ber selbstgefälligen Selbstsicherheit ent­glitt und seine wahre Natur zum Vorschein kam: ein phrasenhafter, weichlicher, anmaßender Mensch!

Ach, ich beginne, zu verstehen! Diese Augustine ist bei dir gewesen, Melusine, und hat dir bie Ohren vollgeblasen! Man konnte sichs ja benten, baß es eines Tages so kommen würde! Denn diese Weiber sind alle gleich. Und wenn man einer Heirat zusteu­ert, glauben sie sich in ber Gefahr, abgeschoben zu werden und pekuniäre Einbuße zu erleiden."

Melusine sah ihm regungslos ins Gesicht. Sofort begriff sie, wie vollkommen er sich selbst in seiner Bestürzung verriet! Wie vollkommen er nun selbst bestätigte, was sie erfahren hatte.

Von wem ich bas alles erfuhr, ist belanglos. Die Tatsachen genügen. Du bist selbstverständlich vollkommen und für alle Zeiten für mich erledigt. Wenn dir baran gelegen ist, daß bie ganze Sache mit einiger Diskretion gehandhabt wirb ... bie bu gar nicht wert bist ..., bann oerschwinbest du jetzt!"

Er stand mit schlaff herabhängcllben Händen vor ihr. Seine Sippen öffneten sich. Aber er brachte fein Wort heraus. Niemals hätte er in biejer ent­zückend-liebenswürdigen, fröhlichen Baronesse eine solche Schärfe, eine so unerbittliche Herbheit ver­mutet! Er war keines Widerstandes, keiner Aeuße- rung fähig. Was wollte sie beginnen? Sie schritt jetzt in ihren weichen, graziösen Bewegungen durch bas kleine Zimmer und praßte ihren Finger auf eine elektrische Klingel an ber hellgeblümten Sei- bentapete.

im März.

aufs neue ausüben. Bei dieser Sagbart sollte es aber unbedingt im Frühjahr bleiben. Denn die Beobachtungen sprechen dafür, daß die Wald­schnepfe immer mehr Reigung zeigt, in un­teren Breiten zu brüten.

Auch die Wildtauben sind bereits einge­troffen und bald klingt des Ringeltäubers sehn­suchtsvollesO du, du, du!" durch den Früh­lingswald. Wer pirschen lernen will, wer einen Ersah sucht für das Anspringen des großen Hahnes oder die Lockjagd liebt, der versuche es mit rufendem Tauber. Es klappt nicht immer. Um so größer ist die Freude über drn Erfolg.

Den gewandten Schützen reizt die B e k a s s i n e, die besonders in ber Zugzeit an nassen Ufern, an Wiesengräbern unb Sumpfst eilen liegt.

Der Raubvogelzug ist im Gang. Die Flug­spiele der Bussarde erfreuen das Auge. Auch seltene Gäste können mitunter festgestellt werden. Wo die Räuber der Luft zu zahlreich werdeir, verspricht die Krähenhütte Abhilfe. Aber der Weidmann soll auch Raturfreund sein und nicht auf alles krumm machen, was starle Fänge unb krummen Schnabel trägt. Unsere Ratur ist schon verödet genug.

Reben der Pflege der Sagdausübung rufen mancherlei Arbeiten ins Revier. Dor allem sind bie Feinde der Riederjagd, Krähe unb Grohwiesel, zu belämpsen. Das scharfe Auge derSchwarzen" entdeckt so manchen Sunghasen, so manches Gelege. Sn Hecken und Gestrüpp schlüpft das Hermelin und mordet brütende Henne unb Jungwald. Biel größer ist seine Zahl als der Säger ahnt, dessen Auge es sich durch seine schlüpfenden, jede Deckung ausnuhenden Bewegun­gen leicht entzieht. Man fängt es in Kastensallen, die in Gräbenränder, Steinhaufen unb Hecken eingebaut werden.

Salzlecken sind auszufrischen oder neu an­zulegen. Der Salzhunger ist bei Pflanzenfressern meist sehr groß. Das Salz wirkt anregend auf den Stoffwechsel, das körperliche Gesamtbefinden wird gehoben unb bamit z. D. bie vorerwähnten Ernährungsstörungen leichter überwunden. Die günstige Beeinflussung des Gesamtzustandes macht sich bei den Hirscharten auch in besserer Geweih­entwicklung bemerkbar. Die Anlage von Lecken in Gestalt von Lehmsulzen, Stocksulzen unb als Lecksteine ist einfach, billig unb ein gutes Mittel, Schalenwild an das Revier zu fesseln.

P i r s ch p f ä d e sind neu anzulegen. Sie find ein wichtiges Hilfsmittel, um das Wild ohne Störung zu beobachten, das Revier zu über­wachen und den Abschuß zu erleichtern. Aehn- liches gilt von Kanzeln und Hochsitzen.

Wer eigenes Land in seiner Sagb besitzt oder ein Stück pachten kann, vermag mit Lupinen, Kuhlohl, Topinambur unb Weiden Remisen zu schaffen, die seinem Wild Deckung unb Winter­äsung geben.

Besonders scharf ist jetzt in der Brut- unb Sahzeit streunenden Ka^en und jagenden Hunden auf die Finger zu sehen. Die letzteren sind neben dem Wilddieb die größte Geisel eines Reviers, gegen die mit aller Energie vorgegangen werden muß. Vor allem ist auch von der verpachtenden Gemeinde zu verlangen, daß ihr Feldschutzper- sonal die Rechte des Pächters schützt. Leider gibt dieser Punkt recht o't zu Klagen Anlaß.

Hubertus.

klüger, der Hauseigentümer ist, die Lichtleitung nach den Räumen seiner Mutter abgeschnitten haben soll. Sn diesen Streitigkeiten ergriff der in Lollar wohnende Bruder die Partei seiner Mutter und beleidigte bei gelegentlicher An- wefenheit in Wißmar seine Schwägerin, die Ehe­frau des Privatklägers, in schwerer Weise. Ver­mittlungsversuche, die das Gericht unternahm, scheiterten an der Ablehnung des Angeklagten, der in Abrede stellte, beleidigende Aeußerungen gebraucht zu haben. Das Gericht schenkte jedoch den beeidigten Aussagen des Beleidigten vollen Glauben und verurteilte den Angeklagten mit Rücksicht auf die Schwere der Beleidigung gegen­über einer verheirateten, unbescholten:n Frau zu einer Geldstrase von sünfzigMark,

Was war ihre Absicht? Die Situation begann ihm sehr ungemütlich zu werden. Seine grenzen­lose Feigheit unterjochte jetzt jedes andere Gefühl in ihm.

Schon nach wenigen Augenblicken erschien der alte Jacques. Er blieb in seiner geraden Haltung an der Tür stehen, um einen Befehl ber Baronesse zu erwarten.Jacques, beauftragen Sie einen der Chauffeure, daß er Monsieur Bouvier jetzt losort zur Stadt und in seine Wohnung zu fahren hat. Monsieur Bouvier ist genötigt, sofort das Fest zu verlassen, da er eine wichtige Mitteilung er­halten hat!"

Als der Diener sich unter einer Verbeugung entfernte, kam wieder Bewegung in Bouvier. Er hatte begriffen. Zum Kuckuck! Diese kleine Baronesse setzte ihn jetzt mit einem Schneid vor die Tür, wie er sich nie hätte träumen lassen! Es war doch nichts, wenn man als gewöhnlicher Bürgerlicher seine Hände nach den Sternen streckte. Seine innere Wut, seine Enttäuschung, sich um ein so wertvolles Ziel gebracht zu sehen, so dicht vor dem Erreichen, schlug bei seiner ordinären Gesinnung in Spott und Gemeinheit um.

Parbleu, ich selbst sehe ein, daß es gut ist, wenn wir uns jetzt trennen, Baronesse! Niemals hätte ich einen so engbegrenzten Horizont hier in der Familie vermutet! Der basiert natürlich auf bem Adelsstolz!"

Sie lächelte ihn spöttisch an. Denn sie wurde plötzlich ruhiger. Wenn er sich entschuldigt hätte über seine moralische Schlappheit, wenn er nur einen Hauch von Bedauern darüber ausgesprochen hätte, sie nun zu verlieren, es wäre ihr eine gewisse Linderung gewesen. Jetzt aber noch Unver­schämtheit und Gemeinheit hören?

Ich glaube, Sie tun gut daran, sich Ihren Heber- rock draußen zu suchen, Monsieur Bouvier, der Diener wird ihnen draußen behilflich sein ..."

Also an die Luft setzte sie ihn nochmals! Er be­griff, daß er vollkommen wehrlos war und tatsäch­lich am besten verschwandEh bien, ich glaube, ich wäre Gefahr gelaufen, ein großer Pantoffelheld bei Ihnen werden zu müssen, Baronesse, angesichts eines solchen Schneides, den Sie schon vor der Hoch­zeit zeigen!" warf er noch leicht hin, während er an ihr vorllberschritt und die Tür gewann.

hilfsweise 10 Tagen Gefängnis, unb zu den Kosten des Verfahrens.

Amtsgericht Wetzlar.

Q Ein Kraftwagenführer aus Gießen hatte dadurch gegen die Kraftfahrzeugordnung ver­stoßen, daß er, als er im Rovernber v. 3. mir seinem Kraftwagen durch Wetzlar fuhr, durch Übermäßige Rauchentwicklung verkehrsstörend wirkte. Gegen eine ihm zudiktierte Polizei- strafe über 10 Mark hatte er gerichtliche Entscheidung beantragt, die aber ohne Erfolg war, denn das Gericht erkannte auf die gleiche Strafe.

Ein Krastwagenführer der Verkehrs-A.-G. in Wetzlar, dem zur Last gelegt war, fahrlässiger­weise einen Passanten in Wetzlar angefahren unb diesen, glücklicherweise nur leicht, verletzt zu ha­ben. wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung zu 7 0 Mark Geldstrafe, Hilfsweise 14 Ta­gen Gefängnis verurteilt.

Zwei Einwohnern aus Waldgirmes war Jagdvergehen zur Last gelegt, weil sie im Felde Fuchsfallen ausgefegt hatten. Beide Angeklagten gaben die Tat zu und wurden zu Geldstrafen Don 30 bzw. 10 Mark, evtl, für je 5 Mk. ein Tag Ge ängnis verurteilt. Auch wurden ihnen die Kosten auferlegt.

Llnterschlagung beging ein Wetzlarer Ar­beiter dadurch, daß er Geldbeträge über 8 unb 3,30 Mk., die ihm vom Arbeitsamt zur Fahrt nach Frielendorf, wo er Arbeit annehmen sollte, übergeben waren, nicht für diesen Zweck benutzte, sondern nur bis Gießen unb dann wieder heim fuhr, ohne das Geld wieder zurückzuerstatten-. Vor Gericht unter Anklage gestellt, gestand er die Tat ein und erhielt 2 0 Mark Geldstrafe, hilssweise vier Tage Gefängnis, unter Auferle­gung der Kosten.

Gefährliche Körperverletzung, die noch einmal glimpflich abging, legte bie Anklage einem Ar­beiter aus Aßlar zur Last. Als der Angeklagte in ber Rächt bes 1. Januar mit seinem Fahrrad durch Raunheim fuhr, wurde er mit Steinen beworfen. Er stieg ab unb suchte in einem Hofe Schutz. Ein gänzlich Llnbeteiligter betrat kurz nachher den Hof, wurde nichtsahnend von bem Angeklagten mit bem Messer angegriffen unb erhielt hierbei einen Stich hinter bas Ohr, welche Verletzung nach den Aussagen des Sachverstän­digen, sofern sie um eine Kleinigkeit tiefer traf, dessen Tob verursachen konnte. Der Angeklagte will in Aufregung unb in ber Annahme gehan­delt haben, ber Verletzte wolle ihn schlagen. Das Llrteil lautete auf 3 Monate Gefängnis unter Auferlegung ber Kosten. Dem Verurteilten wurden 3 Sabre Bewährungsfrist gegen Er­legung einer Geldbuße von 90 Mk. zugebilligt.

Sn einem anderen Falle, in bem ebenfalls das Messer eine Rolle spielte, war ein Arbeiter aus Raunheim wegen gefährlicher Körper­verletzung unter Anklage. Auch hier waren Strei­tigkeilen zwischen Raunheimer unb Walbgirmeser Burschen bie Llrsache. Wie bie Beweisaufnahme ergab, waren die Burschen aus Waldgirmes, unter diesen auch der Verletzte, bie Llrheher bes Streites. Der Angeklagte will in Rotwehr ge­handelt haben, da er sich von feinen Angreifern es waren angeblich drei bedroht fühlte unb in der Aufregung zum Messer gegriffen haben. Die Verletzungen waren glücklicherweise nicht ernsterer Ratur. doch will ber Verletzte noch immer in ärztlicher Behandlung unb arbeits­unfähig sein. Das Llrteil lautete auf 100 M k. Geldstrafe, hittsweise 20 Tage Gefängnis unb Tragung der Kosten durch den Angeklagten.

Schöffengericht Wetzlar.

Q Gelegentlich einer Revision der Eifenbahn­fahrkarten wurde ein Arbeiter aus Holzhau - f e n mit einer Wochenkarte angetroffen, an der offenbar Fälschungen vorgenommen waren. Die Ermittlungen ergaben, daß es sich, wie bie Rüm­mer bies auswies, um eine bereits ein 3ahr vorher ausg»gebene Wochenkarte handelte, an der die Sahreszahl und die die Woche be­zeichnende Zahl mit Kopierstift geändert waren. Der Inhaber der Karte hatte sich wegen Llr- kundensälschung unb Betrugs zu verantworten.

Sie aber blieb regungslos stehen. Auf die Platte des Schreibtisches gestützt, mit geschärfter Wachsam­keit draußen alles verfolgend. An der Seitenein- fahrt rollte jetzt eines der Autos heran. Heber das Vestibül klang ber schnelle, leichte Schritt Bou- viers. Hinter ihm der von Jacques, der den Gast bis zum Gefährt geleitete. Der Wagenschiag schlug zu. Der Mowr setzte sich in Bewegung. Das Auto rollte um das große Rasenrondell durch das hohe, schmiedeeiserne Gittertor aus dem Park hinaus.

Melusine atmete tief und schwer auf. Sie warf einen Blick um sich. Die Dämmerung war bereits fast dem abendlichen Dunkel gewichen. Drinnen sah man durch die geöffneten Türen im großen Gaal unermüdlich die tanzenden Paave vorübergleiten. Zu ihnen sich jetzt gesellen? Die Harmlose, die Fröhliche spielen? Unmöglich!

Da man heute die Fremdenzimmer an der Rück­seite des Schlosses zu allen möglichen anderen Zwecken umgeändert und ummöbliert hatte, war das Ameublement ihres Zimmerchens, bas sie sonst bei der Grandmama bei ihren häufigen Besuchen inne zu haben pflegte, in das obere Stockwerk ge­tragen worden. Es fiel ihr jetzt als Rettung, als Ausweg aus ihrer Stimmung ein, nach oben zu gehen, um sich eine kurze Zeit zurückzuziehen unb fassen zu können. Sie verließ das kleine Schreib­kabinett der alten Baronin.

Draußen das fliesenbedeckte Vestibül tat ihr wohl in seiner Kühle, in seiner hohen Lustigkeit, in seiner Einsamkeit. Niemand war zu sehen. Auch der alte Jacques war bereits wieder verschwun­den, um Erfrischungen beim Tanze servieren zu lassen. Von einem Fenster bes Vestibüls aus sah sie noch aus kleiner Entfernung das kalte, weiße Licht der davongleitenden Autolampen blitzen. Da starrte sie am Fenster eine Weile in die Nacht hinaus, ohne darauf zu achten, wie stark der plötzliche Ueber- gang aus den vollen, heißen Sälen in die Kühle hier war, die sich unbaMherzig über ihre dekolle­tierten Schultern, über ihr dünnes, chiffon-über­hauchtes Kleid legte.

Zum zweitenmal schied nun eine Liebe aus ihrem Leden! O, wie schmachvoll nxir innerlich dieser Ab­schluß ihrer zweiten Liebesepisode gewesen! Fürch­terlich war es doch, wenn man sich eine Zuneigung in einer plötzlichen Enttäuschung so aus dem Herzen reiften mußte! (Fortsetzung folgt.)