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Nr. 52 Aweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag, 1. März 1928

Havana.

Don mnserenr 2l. ©. A.-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Reuhork, 13. Februar 1928.

Wenn dieser Aufsatz auch schon vor Ab- schiufz der panamerikanischen Konferenz geschrieben wurde, entbehrt er doch nicht d/s Interesses, da die Gegensätze zwischen d/en Konferenzteilnehmern scharf heraus- gestellt werden. D. Red.

Das Fest der schönen, von Freundschaft, gegen- seitigesn Wohlwollen und brüderlicher Zuneigung triefenden Reden in Havana mag sich noch ein, zwei Wochen hinschlängeln. (Es ist inzwischen zu CSnde gegangen. D. Red.) Aber schon jetzt weis- man, was dabei yerauskornrnt: eine Reihe vonBeschlüssen", die alsbald in Vergessenheit geraten, oder ein vertraglich festgelegtes Ab- torumen zwischen Rord-, Mittel- und Süd­amerika betreffs der Regelung des Handels- und Passagierverkehrs in der Luft mit gebühren­der Rücksichtnahme auf die schwächste Stelle im Panzer des biederen Onkel Sam, das Panama­kanalgebiet. Greifbares darf man nicht erwarten. Dafür werden die tüchtigen Vertreter Washingtons sorgen.

Das Ende wird des Anfangs würdig sein. älnb der drückte der ganzen Konferenz seine Signatur auf. Acht Schiffe zählte die Armada des Präsidenten Coolidge, als sie an einem Sonntagmorgen an dem althistorischen Fort Morro vorbei in den Hafen der kubanischen Hauptstadt einzog. Die Stadt schrie sich heiser pflichtschuldigst teils, teils aber, weil man sich in Rord-, Mittel- und Südamerika immer heiser schreit, wenn hoher Besuch kommt. Der Präsident der Republik und der Bürgermeister von Havana hatte im Verein mit denloyalen" Zeitungen lange genug auf das große Ereignis vorbereitet. Man hatte entsprechend geflaggt, ilnö damit sich kein unvorhergesehener Zwischenfall ereigne, hatte Präsident Machado, einer derschneidigsten" Diktatoren ganz Latein-Amerikas, die Schrift­leiter der Havana-Presse nach seinem Palais be­lieben und ihnen ebenso höflich wie bestimmt Instruktionen erteilt. Zwei oder drei Blätt­chen, die sich darum nicht kümmerten, hatte man ein bißchen suspendiert: ein paar hundert radikal angehauchte Zeitgenossen oder solche, die im Verdacht standen, sich im Denken, Reden und Tun nicht allzeit auf dem amtlich sanktio­nierten Gleis halten zu können, hatte man für­sorgliche rweise in Schutzhaft genommen; einer Dissidenten-Delegation aus Haiti hatte man bie Landung verweigert und so ver­lief alles programmäßig, unter Kanonen­donner und frenetischer Begeisterung des p. t Publikums.

Dann hielt Herr C o o l i d g e eine Rede. Die fing mit Columbus an und schloß mit Columbus ab. Das war sinnig und klug. Besonders klug war es, daß Herr Coolidge nichts über Ricaragua zu sagen wußte. R i ch t s über Mexiko. Nichts über dieneue Politik", über Intervention", über die zahlreichen technischen Fragen von Völkerrechten und Völkerpflichten, die bei den Abgeordneten der Länder am und im Karibischen Meere im Vordergrund des Inter­esses stehen. Er blieb unbeirrt auf dem sicheren Boden der Gemeinplätze: Friede, Freund­schaft, Demokratie ein kleiner Seiten­hieb auf den Völkerbund, eine pastorale War­nung vor zu raschem Tempo. Man applau­dierte. Riemand schrieRicaragua I" Riemand lachte. Denn man ist höflich.

Aber wenn es auch den Anschein hatte, als hätte man im voraus vereinbart, nicht davon ?u reden, was doch aller Denken erfüllte, so pielte sich dennoch eine Szene ab, von der man nur in den wenigsten amerikanischen Zeitungen etwas zu finden vermochte. Das war, als bei der Eröffnungsfeier in der älniversität die Flag­gen der 21 vertretenen Republiken aufgezogen wurden. Argentinien, Bolivia, Brasilien, Co­lumbia dem Alphabet nach erhielt jede den ihr zukommenden höflichen Applaus. Das Ster­nenbanner der Cstados älnidos wurde lebhafter beklatscht als alle seine Vorgänger. Aber als die Brise das Rotweihgrün Mexikos ent»

KgW III, HHEMaf88«Wir,mMI

Oie goldenen Berge.

Boman von Clara Diebig.

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.

2. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Näher schon kam er jetzt seinem Dorf, das eng, dicht am Moselufer, sich den Wein­bergen anschmiegt.Zuckerberg, Paradiesgarten, Kirchberg" sie waren trotz ihrer Namen nicht halb so gut wie seine Krefzenz vom Warmen­berg. Er sah den Rauch der Dorfhäuser in dünnen Säulchen sich aus den Schornsteinen heben und, von stark tauig werdendem Abend nach glühendem Tag, sanft nlebei.'egt werden auf die dunkelnden Dächer. Heber all kochte die Abendmahlzeit. Kein Mensch war mehr zu sehen in den Weinbergen. Nun würde auch er gleich daheim fein; andere waren schon eher zu Haus, er hielt immer am längsten aus.

Fernblaue Berge verschwimmen im Dämmer- grau, ihre Umritte, die, sich spiegelnd, den Strom geküßt, lösen sich auf. Das Diesseits des Flus­ses und das Jenseits rücken zusammen, es um­schlingen sich Hüben und Drüben, Höhen und Tiefen in zartem Dusst. Ein Himmel ehrfurcht­gebietend, andachtheischend, spannt sich hoch voller Majestät, und doch liebevoll menschlich nah, übers nächtlich werdende Moselland. Dom Dunkel ge­mildert, weht nun sein Atem samtwarm und streichelnd.

2. Kapitel.

Porten, das Moselnest, hat alte Häuser. In der Gasse, die vc/m Ufer gegen den Berg hin ansteigt und obeix beim Kirchlein endet, stehen sie sich sehr nah gegenüber. Es sieht aus, als streckten sie alle den Bauch heraus, denn das obere Stockwerk springt rund gewölbt über das untere vor, bari/nnen Haustür und Stalltür sind und das Stuberifenster. Der Misthaufen liegt im Gäßchen vor jc-dem Haus, man wirft den Dung gleich aus der Stalltür darauf und kann vom Stubenfenster »us ihn dampfen sehen; das Hüben in der engen Passe duftet das Drüben an. Aber auch Blumen duften im Gäßchen. Auf jedem

faltete, vergaß die Menge jede diplomatische Zurückhaltung, um ihre Begeisterung laut hin­auszuschreien, und als gar Nicaraguas Sterne und Streifen am Flaggenstock empor* stiegen, übertönte der Beifall die Musikkapelle, und weit hinten aus der Menge drangen Ruse ganz unpatriotischer und pflichtvergessener Roh­linge, die sich selbst in diesem feierlichen Augen­blicke nicht enthalten konnten, den Rebellenführer S a n ö i n o hochleben zu lassen. Nebenbei be­merkt, ist der zum Rebell erst seit der Zeit auf­gerückt, als er den amerikanischen Seesoldaten eine Schlappe beigebracht hatte. Früher nannte man solche Leute Banditen. Doch mit Banditen schlägt sich keiner vom ilniteb States Marine Corps mit Rebellen allenfalls.

Aber was läßt sich gegen solche Vergeß­lichkeit tun? Menschenmassen sind keine Diplo­maten, sind nicht vom Bewußtsein ihrer Verant­wortlichkeit belastet. Der Ton, den der Präsi­dent der Vereinigten Staaten angeschlagen hatte, charakterisierte die ganzen Verhandlungen bis zu dem Punkte, wo das unangenehme Kapitel Intervention" sich unversehens in den Vordergrund drängte und das Zolltarif- gespenst durch den Saal schritt. Senor Puehr- r e ö o n , Argentiniens Botschafter in Washing­ton, hatte dieses Gespenst herausbeschworen; mit der ihm eigenen Beredsamkeit verfocht er trotz Herrn Hughes' höflicher Andeutung, daß jede Erörterung der amerikanischen Schutzzollpolitik nutzlos sei, seine Kritik, und es fehlte keines­wegs an Aeußerungen, die deutlich kundgaben, daß er die Vertreter anderer Länder durchaus auf seiner Seite hatte.

Gründe zur älebemahme der Führerschaft in dieser Kontroverse hatte Herr Pueyrredon mehr als genug. Argentinien ist der Vereinigten Staaten bester Kunde in Südamerika und hat mehr auf dem Spiel als alle anderen. Aller­dings übertrifft der Gesamthandel Kubas mit den Vereinigten Staaten den aller anderen Mit­glieder der Panamerikanischen Union; aber die Wirkungen des H. S. Zc ltarifs auf den kuba­nischen Export sind durch einen Gegenseitigkeits­vertrag gemildert, und wenn sich andere kari­bische Länder dadurch benachteiligt fühlen mögen, so ist zu bedenken,' daß ihre Ausfuhr größtenteils aus Tropenfrüchten besteht, die hier zollfrei ein­gehen, so daß sich die volle Schwere des nord- amerikanischen Zolltarifs hier nicht äußert.

Argentinien aber steht auf einem anderen Blatt. Seine Hauptausfuhr besteht aus Boden­produkten der gemäßigten Zone. Auf ihnen lastet der Fordney-McCumber-Tarif mit schwe­rer Hand. Unter dem 1913er Tarif standen Schlachtvieh, Fleisch, Mais, Weizen und Wolle auf der Freiliste. Sie müssen heute verzollt werden. Amerika führt jährlich für 40 Millio­nen Dollar Leinsamen ein. Der Fordney-Mc- Cumber-Tarif hat den Zoll darauf um 100 v. H. erhöht, usw. Tatsächlich hat es den Anschein, als wären gegen die argentinische Einfuhr ganz besonders hohe Schranken errichtet. Ab­sicht hcu.e hierbei kaum vorgelegen, die Sachlage ist lediglich eine Folge des Hmstandes, daß Argentinien so stark mit der Eigenerzeugung der Vereinigten Staaten konkurriert. Aber wie scharf es von den amerikanischen Schutzzöllen betroffen wird, geht am deutlichsten aus der amtlichen Washingtoner Handelsstatistik für 1925 hervor, die zeigt, daß, während nur 37 Prozent der Gesamteinfuhr der Vereinigten Staaten zoll­pflichtig sind, von Argentiniens Ausfuhrartrkeln 60 (sechzig) Prozent einem Einfuhrzoll unter­liegen. Dazu hat Argentinien noch seine Sonder- beschwerde wegen des vom amerikanischen Han­delsamt ausSanitätsgründen" angeordneten Verbots der Fleischeinfuhr. In Eng­land hat man ein solches Verbot nicht für nötig befunden, es irritiert gerade darum am heftigsten, und sein wahrer Grund wird am stärksten an­gezweifelt, weil ein solches Verbot das Er­zeugnis eines Landes ganz unberechtigterweise in Verruf bringt und sein Ansehen auch bei anderen Abnehmern schmälert. Aber gegen Verfügungen der Machthaber in Washington läßt sich nicht ankämpfen, das hat nicht Argentinien allein er­fahren, sondern auch Italien, Frankreich und Spanien mit ihrem Obst Deutschland mit seinen Industrieerzeugnissen.

Sims, an jedem Fenster stehen sie: ©eranien, Fuchsien, Nelken, Dalsaminen, Myrten, Fleihig- lieschen und noch viele andere; in Topfen, in Scherben, in Kochgeschirr, in Kübeln, in Kästen, in Zigarrenkistchen sogar und alten Konserven- küchsen. Nie und nimmer würden anderswo so die Blumen gedeihen, aber hier blühen sie in üppigster Fülle, leuchten in glühenden Farben.

Simon Bremms Haus stand vorn am Ufer; nur die Schule, die Metzgerei und Gastwirtschaft und noch zwei Häuser lagen hier. Die Häuschen in der Gasse waren alle rosa, grünlich, bläulich ganz übertüncht, Simon Bremms Haus zeigte noch sein braunes, eichenes Fachwerk. Ein altes Haus mit dem Weinstock, der als Laube gezogen ist über den Treppenstufen der Haustür, mit den beiden Oleandern, die alle Jahr blühen in mandelduftenden rosa Büscheln, und mit einem Feigenbaum, der in einen Waschkübel gepflanzt ist. Die Feigen wurden nicht groß wie die jenseits der Alpen, aber süßlich schmeckten auch sie.

1730 stand über Simon Bremms Haustür, aber auch 1621 war deutlich noch zu erkennen über dem Eingang des Hauses, das feinem Ohm, dem Jakob Bremm gehörte. Das lag an der Ecke von Gäßchen und Uferstraße, sehr hoch gebaut und unten ganz ohne Fenster; nur oben waren deren ein paar und im Giebel eine Luke, aus der sich unter einer seltsamen Götzenfrahe, gleich einem Arm, ein Kranen herausstreckte. Aber sein Fachwerk schwere eichene Dalken war reich mit Kerbschnitt geziert, und auch die Rahmen der Fensterchen und der Sims, der unter dem Dach herumlief. Unter den blinden Scheiben der Fenster zeigten sich kunstvoll ge­schnitzte erhabene Sonnenblumen, über der Jahreszahl der Haustür zwei runde Wappen, in dem einen ein Storch, der mit langem Schna­bel ein sich krümmendes Schlänglein ausspießt, in dem anderen das Pausbackgesicht eines Wasfergottes, dessen breites Maul ein Schloß verschließt.

Hier im Eckhaus wohnte der alte Junggeselle, den Achtzigen näher als den Siebzigen; er wohnte ganz allein. In Porten sagten sie, er hätte Geld. Aker er machte sich alle Arbeit selber, er kochte sich auch allein, nur daß die Schommer, ein schlampiges Weibsbild, seine paar Hemden in

Und bann kam man zu dem Kapitel Inter- bention. Das war natürlich auch gegen die Verabredung. Kam ganz unerwartet. Da es ebenso umfangreich wie interessant und oben­drein noch nicht abgeschlossen ist, wirb sich ein andermal barüber berichten lassen. Vorläufig broht es noch, bie ganze Derbrüderungskonferenz zum Scheitern zu bringen. Aber Herr Hughes wirb einen Ausweg finden. Mit anderen Wor­ten: er wird obenauf bleiben. Denn in bezug auf die Vereinigten Staaten geht es den meisten Südamerikanem wie Goethesechtem deutschen Mann, der keinen Franzen leiden mag, doch ihre Weine gern trinkt" Nordamerika h a t das Kapital, dessen Südamerika bedarf. Hierin liegt, dem scharfblickenden Auge deutlich erkenn­bar, die bedeutungsvollste und dauernde Be­ziehung zwischen Rord und Süd. Hierin wur­zelt die ganze Panamerikanische Union. Der Weltkrieg hat auch im Verhältnis Europas zu Südamerika so manche Umwälzung hervorgeru­fen, doch keine radikalere als die Frage der Kapitalbeschaffung für Lateinamerika. Cs ist auf den nordamerikanifchen Bankier angewiesen. Die Finanzierung'seiner großen Unternehmungen geschieht in Wall Street. Hier werden bie neuen Anleihen aufgelegt, hier findet bie Refundierung älterer statt, ilnb man braucht nur an biese Tatsache zu erinnern bie sich tagtäglich neu verwirklicht um die panamerikanische Soli­darität zu verstehen, die sich seit dem Kriege vor unseren Augen entwickelt hat, trotz gewisser Hindernisse entwickelt hat, die vordem für un­überbrückbar gehalten wurden.

Mag man es Dollardiplomatie nennen und der Name ist vielleicht der bezeichnendste so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß dieses seit dem Kriege entstandene neue Verhältnis von stärkster Wirkung sein muß auf internatio­nale Fragen und auf die Haltung eines Landes gegenüber den Angelegenheiten eines anderen. Man denkt dabei ganz unwillkürlich an die jüngste Entwicklung der Kontroverse zwischen Washington und Meriko. An die überraschenden Erfolge des Botschafters Morrow in dem Oel- landdisput. Denkt auch an Ricaragua. Es gibt Leute, die es bedauern, daß momentan Wall Street so etwas wie ein Monopol auf das Welt- kapital hat und imstande gewesen ist, während der letzten paar Jahre seine lateinamerikanischen Investierungen um vier auf fünf Dollarmilliar- den zu erhöhen, genau soviel wie England dort angelegt hat. Es gibt aber auch Leute, die behaupten, zwischen der Dollar- und der Ster­lingdiplomatie kaum einen Unterschied wahrnehmen zu können.

Die Rentenbankkreditanstalt.

Tie neuen Pläne der Reichsregierung.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin, 1. März. In dem agrarpolltischen Hilfsprogramm, das die Reichsregierung am 18. b. Mts. beschlossen hat, spielt als Punkt 9 bie Rentenbank-Krebitanstalt eine gewisse und bedeut amc Rolle. Aus der damali­gen Formulierung und aus den bisherigen Rach­richten, die inzwischen über bie Pläne der Re­gierung zur Rentenbank-Kreditanstalt aufgetaucht sind, kann man sich schwer ein klares Bild über bie tatsächlichen und praktischen Absichten bet Regierung in diesem Falle machen. Sie selber hat bisher nur geäußert, daß ber Rentenbank- Kreditanstaltdie 'Möglichkeit gegeben werden soll, sich an zentralen Unternehmungen zur För­derung der landwirtschaftlichen Produktion zu beteiligen. Auch in der Regierungserklärung sind keine weiteren Ausführungen über diese Absichten gemacht worden; es wurde nur an­gekündigt, daß man ein besonderes Gesetz für den oben angebeuteten Zweck schaffen wolle. Wie wir dazu aus gut unterrichteten parlamen­tarischen Kreisen Horen, will man versuchen, die Rentenbank-Kredilanstalt als regulieren­den Faktor in den meist stark schwankenden Ablauf der Preisbildung für landwirtschaftliche Erzeugnisse einzuschalten. Zunächst denkt man anscheinend daran, möglichst zusammen- f aff enbe Abfatzorganisationen zu begünstigen und zu bilden. Allerdings auf welchem Wege das geschehen soll, davon hat wohl nie­

der Mosel mit dem Holzschlegel schlug und dann zum Bleichen auf den UferfieS breitete. Seine Verwandten merkten nicht viel von ihm, er be­suchte sie nie. Den Joseph hatte er noch am besten von ihnen leiden mögen, ber ließ sich nicht ab schrecken, keck schrie ber ihm als Junge nach:Tag älehm!"

Der alte Bremm arbeitete noch immer in feinem Weinberg. Seine hagere lange Gestalt, die noch nicht greisenhaft gebückt war, schien ebenso unempfindlich gegen glühenden Sonnen­brand wie gegen erkältenden Regen, und un­empfindlich auch gegen- Anstrengung. Er trug noch die Erde, den Dung, den Schiefer in ber Hotte herauf, beschnitt bie Reben unb banb selber die Ruten an. Es war eist Wunder, daß er das noch fertig brachte.Der Gei; schas t et bei dem," sagten die Portner. Aber war es denn Geiz allein? Simon Bremm hatte sich einmal gutmütig angeboten, dem Oheim zu helfen der war doch der Bruder des Vaters, so nah verwandt, er konnte eS kaum mehr mit an» sehen, wie ber Alte sich quälte aber kurz hatte der ihn zurückgewiesen:Merci, brauchen keinen." Einen anderen in seinen Weinberg lassen?! In seinen Weinberg sollte ihm keiner kommen, an seine Reben kein anderer rühren! Er bewachte sie mit der eifersüchtigen Liebe des Vaters, der seinen Töchtern keinen Freier nah­kommen lassen will.

Simon Bremms Wingert am Warmenberg hatte die bessere Lage, aber Jakob Bremm gab das niemals zu: fein Zuckerberg hatte die beste Lage, fein Zuckerberger war das feinste Gewächs an der Mittelmofel, nichts Besseres hatte je in einem Winzerkeller gelagert. Er verstand eS groß­artig, anzupreisen. Weil er selber im Innersten üt erzeugt war von der Güte seines Gewächses er dachte nicht daran, betrügen zu wollen, konnte er das auch anderen glaubhaft machen, die es eigentlich besser hätten wissen müssen.

Ach, wenn du doch nur halb so reden konntst wie der alte Filu," sagte die Bremm, halb trau­rig, halb vorwurfsvoll zu ihrem Mann.Du hast zwei gute Fuder noch liegen, du tätest mit denen wahrhaftig die Leut nit so anschmieren, wie der mit seinem Zuckerberger. Den Zuckerberg müßt wer eigentlich Sauerlai) heißen."

manb eine recht klare Vorstellung. Weiter sieht bann bas neue Rentenbankgeseh, bas das alte Gesetz vom 28. Juli 1925 in einigen entscheiden­den Punkten umwandelt, für die Rentenbank- Kreditanstalt bie Möglichkeit vor, auf dem Wege der Kreditbildung und, das muh besonders betont werden, der Mitbeteiligung den Geschäftsbereich des Instituts zu erweitern. Allerdings soll jede Beteiligung nur auf Unter­nehmungen allgemeinen Charalt rs be­schränkt bleiben, sie soll immer noch bie Dank der Danken fein, und ihre Kredite werden auch künftig nur über andere Institute an den Geldnehmer laufen. Im Prinzip aber wird der Kreis der Beteiligung erweitert, wenn auch solche Unternehmungen terr t r alen Chara ters ausgeschlossen bleiben, so soll es nach dem neuen Vorschlag doch gleich fein, ob die Beteiligung der Rentenbank Kreditanstalt bei einem andern Kreditinstitut oder bei einem Warengeschäft er­folgt. Weitex soll die Bestimmung der bisher auf mindestens ein Jahr befristeten Dar - lehnsausnahme aufgehoben werden. Die Rentenbank-Kreditanstalt wird dann nach dem Regierungsvorschlag Darlehn ohne jeg iche zeit­liche Begrenzung aufnehmen können, allerdings mit der sehr wesentlichen Einschränkung, daß sie weder das Depositengeschäft, noch den offenen Geldmarkt zum Zweck des Darlehns in Anspruch nehmen bars.

Oberhessen.

Landkreis (Sieben.

# Aus der Rabenau, 29. Febr. In den meisten Gemeinden unseres Bezirks Haden bereits Brenn- und Nutzholzoer st eigerungen stat^esunden. Die Preise bewegten sich fast überall in oer Höhe des Vorjahres. Wohl neigt man all­mählich zu der Ansicht, daß sich der Kohlen- brand billiger stellt, und gar mancher ausgespro­chene Holzosen wurde gegen einen solchen mit Koh­lenfeuerung eingetauscht. Durchschnittliche Preise für Brennholz seien hier genannt für je zwei Raum­meter: Buchenscheit 20 bis 28 Mark, Buchenknüp­pel: 15 bis 24 Mark, Eichenknüppel 14 bis 18 Mk., Fichtenrun'dscheit: 18 bis 20 Mark, Fichtenknüppel: 15 bis 18 Mark, Fichtenscheitholz 17 bis 21 Mark, Kiefernknüppel 16 bis 19 Mark. Buchenreifer 10 bis 14 Mark, Eichenreifer 9 bis 12 Mark, Fichten- Reisholz 4 bis 7 Mark je fünf Raummeter.

- Grünberg, 29. Febr. ^ie jüngste Ge­meinderatssitzung unter dem Vorsitz des Bürgermeisters 3 ö de 1 ergab solg.ndes: Ludwig Weiß aus Lindenstruth, Heinrich ßiftmann, Heinrich Sprankel unb Hans C o n r a b. sämtlich von Grünberg, sinb darum eingenom­men, ihre Vorgärten statt 5 Meter nur 4 Meter breit machen zu dürfen. Der ©emeinberat stimmt dem Gesuch zu. Der Turnverein Grün­berg hat um Ermäßigung der Vergnü­gungssteuer anläßlich des abgehaltenen Maskenballes in ber Turnhalle ersucht. Aus prinzipiellen Gründen wirb bies Ersuchen ab­geschlagen. Das Daugesuch des Karl Seih um Genehmigung seines Neubaues in der Schul- straße wirb abgelehnt, da in der Schulstraße einstöckige Häuser nicht erbaut werben dürfen. Die Genehmigung ber Holzsubmission wird vorläufig zurückgestellt. Die Stabtoertre* hing lehnt es ab, zu ben Snt- unb Bewässe­rungsanlagen am Baumgarten, bie sich bort als notwenblg erweisen, einen "Seitrag zu leistens da bie Stabt hierzu keinerlei Ver­pflichtung hat. Die als notwenblg erwiesene Entwässerung unb Kanalisation im Schloßgarten soll zur Durchführung kom­men, jedoch will der ©emeinberat vorher eine Ortsbesichtigung vornehmen. Für die Mitglieder­versammlung ber Bezirkssparkasse Grünberg werben für bie Jahre 1928, 1929 und 1930 als ©emeinbeDertreter Karl Böß unb Rudolf Römmer gewählt. Das Gesuch der Firma Fritz- Darmstadt, die für die Dampf­heizung in der neuen Oberrealschule geleistete Kaution von 10 Proz. auf 5 Proz. zu ermäßigen, wird vom Gemeinderat abgelehnt. Der Gemeinde­rat bittet das Kreisamt Gießen um Veranlassung, daß das Bezirksfürsorgeamt in Gießen die Kon- firmationsbekleidung für bie Kmder von Kriegsbeschädigten und Kriegerwaifen aus

Laß, laß ihn nur," wehrte ber Mann.

Willst bu bann nit verkaufen?" Die Frau seufzte. Sie dachte an vieles, das dem Haushalt not tat, an das Schuhwerk besonders, das Peter unb Paul gebrauchten, wenn die nun mit in ben Berg gehen sollten. Winzerschuhe sind teuer, ilnb die Maria wollte auch gern ein Kleid haben, zur Lese bekam doch jede ein neues; und neue Hemden mußten ihr angeschafft werden, bevor man daran denken konnte, daß sie eine Stelle annahm. Man hatte die letzten Jahre kaum etwas kaufen können.Verkausste jetzt?" fragte sie dringend.

Er schüttelte verneinend den Kopf und ging aus der Tür.

Bekümmert sah die Frau ihm nach: daß er sich doch immer noch nicht zum Verkaufen ent­schließen konnte! Unb man hatte doch gerade jetzt soviel nötig. Ja, es würde schon gut sein, wenn bie Maria sich selber etwas Oerbiente! Freilich, ihr würbe es hart sein, wenn sie jetzt schon ihre Aelteste entbehren mußte bei den anderen war alles noch Kinderwerk aber bann konnte bie Maria sich selber laufen, was sie gebrauchte. Ach, man sollte boch nicht so viele Kinder haben, es kostete alles zuviel. Ihr Bremm sagte zwar immer:Dat is bei uns nit wie in der Stabt, ein Winzer muß viele Kinber haben, denn der Weinberg braucht viele Hänb." Freilich, bas sah sie ja ein, unb sie hatte sich auch gebulbig darein gesunden, bah immer wieber ein Kind kam, sie hätte keines von ihnen nicht haben mögen, sie trug schwer genug daran, bah ber Toni unb der Aloisius nicht mehr waren ach und ihr Joseph?! Aber wenn sie nächtens neben dem Mann lag, den sie von Herzen liebte, bann betete sie jetzt boch heimlich zur heiligen Jungfrau, daß die sie in Gnaden bewahre. Jedes Kind weiter wäre ein ilnglüd ach, die Zeit, die Zeit jetzt, die war nicht danach!

Simon Bremm war nicht so verzagt. Er ver­lieh sich auf seinen Weinberg. Dieses Jahr lieh ihn ber nicht im Stich. Es war zwar nicht übermäßig, was an den Stocken hing, aber da anberswo sehr wenig war, kam er mit seinem Warmenberger hoch. Er würbe zubem seine noch lagemben zwei Fuder dann sehr günstig ver­kaufen. (Forts, folgt.)