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Ht. 203 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Mittwoch, 31. August (927

Aus Natur und Technik.

Gibt es eine Grenze für den Wolkenkratzer?

Don Wilhelm Vuchmann.

(Nachdruck verboten!)

Der Dau von Wolkenkratzern ist erst durch die Einführung des Stahls und des Eisenbetons in die Dautechnik möglich geworden. Das zur Zeit größte Hochhaus, das Woolioorthgebäude in Deutzork, erreicht eine Höhe von 242 Meter und überragt damit den Kölner Dom um rund 82 Meter. Dun kommt auS Amerika die Nachricht, daß dort noch bedeutend höhere Wolkenkratzer gebaut werden sollen. Man fragt sich unwillkür­lich: Gibt es da nicht eine Grenze, über die man mit den heutigen Daustosfen nicht hinaus- kommen kann, und wo liegt diese Grenze? Es ist einleuchtend, daß ein Gebäude nur so hoch aus- aeführt werden kann, wie die Fundamente und die unteren Stockwerke die Last des darüberlie­genden Bauwerkes tragen können.

Solange man nur Steine als Daustoff zur Verfügung hatte, kam man über 170 Meter nicht hinaus. Der um 250 vor Christi erbaute Leucht- tirnn von Alexandrien, einer der sieben Welt­wunder, soll eine Höhe von wahrscheinlich 167 Meter gehabt haben. Der ganz aus Stein errich­tet« Obelisk in Washington mißt 169 Meter. Al- höchstes Bauwerk der Erde gilt auch heute noch der 1889 erbaute Eiffelturm in Paris, der mit sdnen 300 Metern dne Spitzenleistung aller­ersten Ranges darstellt. Da er jedoch ausschlieh- lich auS Stahl errichtet ist, kann er fdnen Maß- stcch für den Dau von dgentlichen Wolkenkratzern abgeben. Deren 3dtalter begann erst mit dem Anfang dieses Jahrhunderts. 1907 wurde das Singergebäude mit 186 Meter errichtet, 1910 folgte daS Metropolitangebäude mit 214 Meter, das 1913 durch das Woolworthgebäude um 28 Meter übertroffen wurde.

Zur Zeit liegen den amerikanischen Behörden die Baupläne für zwd noch höhere Wolken­kratzer zur Genehmigung vor. Der eine soll als Buchhaus in Detroit mit 266 Meter errichtet werden, während der zwdte mit sogar 390 Meter in Neuhork entstehen soll. Dieses Gebäude soll als Turm ausgeführt werden, mit 108 Stock­werken über der Straße und zweien unter der Erde. Auf einer Grundfläche von etwa 76 mal 60 Meter wird sich zunächst ein Block von 18 Stock­werken erheben. Erst hieraus entsteigt, in sieben Absätze gegliedert, der eigentliche Turmbau mit 90 Stockwerken. 60 Aufzüge, die in 10 Abschnitte unterteilt sind, werden den Derckehr vermitteln. Sämtlich« Fenster, nicht weniger als 4500, gehen nach außen; von Lichthöfen mußte bd der Art des Gebäudes Abstand genommen werden.

DaS sind alleS Zahlen, die einem kaum glaublich erscheinen, und doch hat die genaue Rechnung ergeben, daß man selbst mit diesen Gebäuden noch lange nicht an der Grenze des möglichen angelangt ist. Die Baupolizei schreibt eine Belastung von höchstens 14,6 Kilogramm auf 1 Quadratzentimeter vor, wenn das Ge­bäude auf die mittleren Felsenschichten gegründet wird, und von höchstens 34 Kilogramm, wenn die Grundmauern biS auf den Grundfelsen her­untergehen. Wählt man dne Grundfläche von 60x60 Meter, also von 3600 Quadratmeter, so könnte diese Fläche mit einem Gewicht von rund 526 Millionen Kilogramm belastet werden, wenn die Gründung bis auf die mittleren Felsen­schichten geht. Der Erbauer des Stahlgerüstes des Singerhauses hat nun ausgerechnet, daß noch ein Wolkenkratzer von 2000 Fuß, also von rund 600 Meter Höhe, gerade noch innerhalb der zulässigen Grenze bleibt, wenn man noch dne genügende Sicherheit, insbesondere für die un­günstigsten Winddruckverhältnisse dnbezieht. Bd einer Stärke von rund 30 Zentimetern werden die Wände insgesamt gegen 47 Millionen Kilo­gramm wiegen. Das Gewicht der Flure und des Innenausbaues wird insgesamt mit 194 Millionen Kilogramm veranschlagt, während für

die Einrichtung 90 Millionen Kilogramm ange­fetzt wird. Alles in allem beträgt also der Ge­samtdruck auf die Grundfläche etwas über 330 Millionen Kilogramm, das macht auf 1 Quadrat- zentimetcr nur rund 9 Kilogramm. Hierzu kommt lwch daS Gewicht der in dem Gebäude be­schäftigten Menschen sowie eine zusätzliche Be­lastung durch Winddruck. Selbst wenn man hier­für noch einen verhältnismäßig hohen Sicher- heitszuschlag macht, bleibt man immer noch in den amtlich zugelassenen Grenzen. Besondere Be­achtung fordern die Kräfte, die durch Den Wirch hervorgerufen werden und die den Turm zu kippen suchen. Sie sind für dnen heftigen Sturm zu über ly2 Milliarden Meterkilogramm bd einem Angriffspunkt in der Mitte des Turmes errechnet. Die riesige Maße des Turmes bietet jedoch eine solche Sicherheit, daß erst der sechs­fache Wert das Gebäude umlegen würde.

So gewalttg die vorstehenden Zahlen auch sind, eine Zahl ist bisher nicht angegeben, und das sind die Dollars, die dn solches Gebäude kosten wird. Die Verhältnisse, die solche Turm­bauten fordern, sind Wohl nur in Amerika vor­handen, und die Berechtigung dafür besteht auch nur bd ganz wenigen Städten, die wie z. D. Reuhvrk, das mit seinem Geschäftsviertel, dem

Brennpunkt der Welt, auf einer Halbinsel liegt und daher in der Breite nicht ausdehnungsfähig ist. Man hat in Europa längst c-rfannt und sieht auch in Amerika immer mehr ein, daß die wahren Grenzen des Wolkenkratzers nicht durch die technischen Möglichkeiten gesteckt sind. Die Schwierigkeiten liegen vielmehr Darm, daß un­verhältnismäßig viel Platz für die Personenauf­züge, besonders in den unteren Stockwerkm not­wendig ist, der als Nutzfläche verloren geht. Da­mit wird die Wirtschaftlichkeit in Frage gestellt. Eine brennende Frage ist auch die, die Menschen zu Beginn und zum Schluß der Arbdtszdt von und zu ihren Wohnungen zu befördern. Schon heute leiden die Verkehrsverhältnijse in Neuyork unter den Menschenansammlungen in den Hoch­bauten, und die Verkehrsnot wird sich noch wdter stdgem, je mehr sich die Arbdtsstätten verdichten Zwar könnte man noch neue ilnter- grundbahnen bauen; da diese jedoch fast nur zu bestimmten Tageszeiten voll ausgenuht werden, während sie in der übrigen Zeit äußerst unwirt­schaftlich arbeiten müßten, so werden sich wohl kaum Gesellschaften finden, die ein solches Wage­stück auf sich nehmen. Geschäft ist eben Geschäft, besonders in Amerika.

Von der Feitwirtschaft.

Die elektrische Ieitbuchsührung.

Von Ingenieur Walter Iaekel.

Erst dem Zettalter der Technik und in diesem Zeitalter wieder den Jahren des angespanntesten Wettbewerbs auf allen Gebieten blieb es Vor­behalten, die Wahrhdt des alten WortesZett ist Geld" in seiner wirtschaftlichen Tragweite zu erfassen Sämtliche Herstellungsverfahren sind ja heute darauf dngestellt, daß eine möglichst große Gütermenge in dewkbar kürzester Zeit erzeugt wird. Zum großen Tdl beruht diese Einstellung auf dem Zwang, daß das fertige Erzeugnis möglichst billig fdn und darum wenig Arbeits­lohn enthalten mutz. Dor allem in Amerika, dem Lande der hohen Arbeitslöhne, ist man in dieser Beziehung schon sehr todt gekommen, während sich die Entwicklung bd uns und in anderen Ländern, veranlaßt durch die Verhältnisse der Nachkriegszdt, dn wenig verzögerte. Damals richtde man sein Hauptaugenmerk darauf, Kohle und Energie zu sparen, dnmal wdl die Kosten

Bild 1.

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Bild 2.

hierfür verhältnismäßig hoch waren, Wetter auch, weil die erforderlichen Mengen nicht dnmal zur Verfügung standen So entstanden der Begriff Wärmewirtschaft" und zahlreiche Einrichtungen, die dazu bdtragen, die in der Kohle enthaltene Energie möglichst weitgehend auszunutzen, Ein­richtungen, die man natürlich in die Zett des Kohlenüberflusses übernahm und noch weiter aus­baute, nachdem man ihre Zweckmäßigkett kennen gelernt hatte. Im Gegensatz zu dieser Zeit, in der die Arbeitslöhne, verglichen mit den Ener­giekosten, verhältnismäßig gering waren, treten heute auch die Kosten für die Arbeit hervor, ge­nauer gesagt für die Arbeitszeit. Hierunter sind nun nicht nur die reinen Arbeitslöhne zu verstehen, sondern auch z. B. die Kosten für Verzinsung und Abnutzung einer Werkzeugma­schine, die ja berechnet auf die Stunde häufig viel höher sind als der Stundenlohn des die Maschine bedienenden Mannes. Neben den Begriff Wärmewirtschaft tritt somtt heute

auch der Begriff derZeitwirtschaft" in den Vordergrund, worunter also alle 'Bestrebungen nach wirtschaftlicher Belriebsorganisation. wirt­schaftlicherer Ausnutzung der Maschinen und nach wirtschaftlicheren Arbdtsverfahren zu verstehen sind. Genau wie bd der Wärmewirtschaft muß man sich auch bei der Zeitwirtschaft zunächst über alle Verluste klar werden, um zu erfahren, wo Verbesserungen möglich s ind. Eines der hier­zu am besten geeigneten Hilfsmittel ist die im nachstehenden näher erläuterte elektrische Zeit­buchführung.

Unter Buchführung versteht man das Auf- zdchnen von Vorgängen, die für die Verwaltung von Vermögenswerten von Bedeutung find. Wäh­rend sich nun die Buchführung im allgemeinen auf Geld und Geldeswerte wie Rohstoffe, Halb­fabrikate und Fertigerzeugnisse erstreckt, ist bei der Zeitbuchführung die Zeit der Gegenstand der Aufzeichnungen. Man kann also z. B. bei einem Betriebe, der Halbfabrikate zu Fertig- erzeugnisfen verarbeitd z. B. rohe Eisentdle zu fertigen Bügeleisen , also hauptsächlich Löhne ausbringen und Maschinen verzinsen muß, entweder durch Berechnung oder Beobachtung die für jedes Stück aufgewendete Zeit feststellen und erfährt auf diese Weise die Selbstkosten. Dieses Verfahren ist jedoch nur von Nutzen, so lange die Herstellung gleichmäßig wdterläuft, kann Dagegen keinen Aufschluß über Die Ursachen einer Stockung geben, wenn beispielsweise nur 350 Einzelteile anstatt Der üblichen 400 fertig werden. Anders Dagegen, wenn man einen elek­trischen Zeitschreiber (Bild 1) benutzt. Ein solcher Zdtschreiber besteht im wesentlichen aus einem langsam fortbewegten Papierstreifen und einer am Anker eines Elektromagneten befestigten Schrdbfeder, Die auf Dem Papierstreifen einen geraden Strich zieht. An der Maschine, deren Tätigkeit überwacht werden soll, wird ein Kon- taft angebracht, der bei Beginn des Arbeits­vorganges einen Stromkreis schließt und ihn bd Beendigung unterbricht. In diesem Stromkreis liegt der erwähnte Elektromagnet mit Der Schreib­feder. Bei Beginn des Arbeitsvorganges zieht der Elektromagnet seinen Anker an, und die Schreibfeder weicht nun etwas nach der Sdte aus. Bei Beendigung des Arbdtsvorganges kehrt die Schreibfeder wieder in ihre Ruhelage zurück. Aus diese Weise entsteht eine zinnenförmige Linie, Deren einzelne Teile (Bilk) 2) somit über das Stillstehen und Arbdten Der Maschine Aus­kunft geben. Der Papierstreifen hat am Rands eine QKinuteneinteiliniyg, so daß man Die Dauer der einzelnen Stttlstande, Die z. D. durch das Einfpannen eines neuen Werkstücks veranlaßt sind, ablesen kann. So ersieht man beispielsweise aus unserem Bild 2, daß die Einspannzeiten an allen Drehbänken von 4 Uhr nachmittags an länger werden, dn Fehler, Der offenbar mit Den Beleuchtung zusammenhängt. An der mittleren Drehbank sind die Einspannzeiten, verglichen mit Denen Der anderen Drehbänke, länger; das kann an Der Maschine liegen, bd Der vielleicht Die Spannbacken nicht mehr gut fassen, oder auch am Dreher, Der sich noch nicht genügenD dngearbet* tet hat.

Aus vorstehenden Ausführungen geht her­vor, Daß dn elektrischer Zeitschreiber meistens mehrere Schrdbfedern enthält bdspielsweise bauen Siemens & Halske Zeitschreiber mit 12 Federn, so daß man mit einem Gerät meh­rere Maschinen überwachen kann. Die Einrichtung Der elektrischen Zeitbuchführung ist Daher ohne große Kosten möglich.

Hat man dne große Anzahl von Maschinen gleicher Art im Betrieb, so ergeben sich häufig große Ueberraschungen, wenn man die Arbeits- unD Ruhezeiten und somit Die Ausnutzung der einzelnen Maschinen mit elektrischen Zeitschreibern überwacht. So hatte sich scheinbar in einem Be­triebe die Anschaffung einer neuen Großstanze als notwendig erwiesen. Bevor man aber dazu schritt, untersuchte man durch Zeitschreiöer, wie die vorhandenen Maschinen ausgenuht waren. Dabei zeigte sich, daß diese Maschinen sehr Wohl

Der Rhein

als Grohschiffahttsstrche.

Von Dipl.-Jng. Mangold.

(Nachdruck verboten.)

Der Rhein ist nicht nur der größte und einer der schönsten Ströme Deutschlands, sondern auch von jeher seine verkehrsreichste Wasserstraße gewesen, wenn auch der durchgehende Verkehr bis nach Mannheim, Straßburg und zeitweise sogar bis Basel erst eine Errungenschaft der Neuzeit ist. Die For­derung nach einer freien, von Zöllen und sonstigen Abgaben oder Stapelrechten unbelasteten Schiffahrt ist sehr alt und wurde schon im Jahre 1648 nach dem Dreißigjährigen Kriege ausgestellt, ohne indessen damals ihre Verwirklichung finden zu können. Noch über 200 Jahre bis zur revidierten Rheinschiffahrts- atte zu Mannheim im Jahre 1868 dauerte es, bis alle Schranken für die Schiffahrt gefallen waren.

Daß der Rhein bis auf wenige Tage das ganze Jahr über schiffbar ist, verdankt er neben seinem guten Ausbau vor allen Dingen drei Faktoren: näm­lich dem Umstand, daß er seine Zuflüsse aus dem Hoch- und Mittelgebirge bekommt, und daß ein gro­ßer Teil der aus dem Hochgebirge kommenden durch den Bodensee aufgespeichert und langsam abgegeben wird. Die Weser und die Elbe können solche günstige Verhältnisse nicht aufweisen. Im Frühjahr erhält Der Rhein die Zuflüsse aus den Mittelgebirgen und seinen Nebenflüssen, im Sommer gibt ihm die Schneeschmelze in den Alpen reichlich Wasser, das durch Den Bodensee etwa zur Hälfte bis zum Herbst zurückgehalten wird. Dadurch hat er das ganze Jahr über einen der Schiffahrt außerordentlich günstigen Wasserstand.

Wenn auch Der eigentliche Rhein am Ostabhang des Gotthardmassivs entspringt uni) dann seinen be­kannten Lauf durch den Bodensee nach Basel zu nimmt, so ist doch Die kurz oberhalb von Basel ein- münbcnDe Aare als sein zweiter Arm zu bezeichnen, denn ihr Niederschlagsgebiet ist größer als das des Rheines bis zu dieser Stelle. Das Gesamtnieder- schlagsgebiet des über 1300 Kilometer langen Stro­mes beträgt etwa 160 000 Quadratkilometer. Seine Mittelwassermenge ist bei Basel etwa 850 Kubik­meter-Sekunden, die bis zur holländischen Grenze auf 2200 Kubikmeter-Sekunden ansteigt, während

die Hochwassermenge im Mittel- und Unterlauf etwa bis auf 10 000 Kubikmeter-Sekunden zunimmt. Man denke sich einmal, etwa 10 000 Kubikmeter Wasser fließen bei Hochwasser an Koblenz, Köln oder Duis­burg in jeder Sekunde vorbei.

Einheitliche Schiffahrt und Stromausbau schei­terten, abgesehen von der technischen Unzugänglich- kdt, bis ins 19. Jahrhundett hinein an der Klein­staaterei und an dem Umstand, daß der Strom selbst in feinen einzelnen Teilen von ganz verschie­dener Beschaffenheit war. Wir weisen nur auf die Felsenstrecke zwischen Bingen und St. Goar hin, welche Den von unten kommenden Schiffen die Wei­terfahrt unmöglich machte. Diese natürlichen Ein­schnürungen mit ihrem Zwang zur Umladung haben zur Entwicklung der f »genannten Stapelrechte bei­getragen. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhun- detts waren wirtschaftliche Einsicht und technische Entwicklung so weit gediehen, daß man zur Schaffung einer durchgehenden Rheinfchiffahrt schreiten konnte.

Die ersten Versuche zu einem bau-- und vrrkehrs- technischen Ausbau des Stromes begannen schon am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, als Preußen- Brandenburg 1614 durch die ihm zufallenden Ge­biete am Niederrhein Einfluß auf beide Rheinufer von Duisburg bis zur holländischen Grenze erlangt hatte. Vom wasserbaukundigen, holländischen Nach­bar übernahm man Die Damaligen Mittel Der Fluß­baukunst, und Friedrich der Große schuf 1764 das Wasserbaudepartement bei der klevischen Kriegs­und Domänenkammer m Wesel.

Seit dem Beginn des neuzeillichen Strombaues im heutigen Sinne sind Drei Hauptzwecke zu erken­nen; nämlich Der Schutz Der Ufer, Die Verbesserung Der Bodenkultur und Die der Schiffahrt. Besonders am Oberrhein von Basel bis Mainz und am Nieder­rhein abwärts Köln treten die beiden ersten Punkte mehr in den Vordergrund, während im Mittellauf von Mainz bis Köln die flutzbautechnifchen Maß­nahmen hauptsächlich der Schiffahrt zugute kommen.

Schon vor hundert Jahren wurde von dem ba­dischen Jngenieuroberst Johann Gottfried T u l l a mit der Korrektion des Oberrheines begonnen, wäh­rend Preußen im Jahre 1851 die Rheinsttombau- verwaltung in Koblenz gründete, welche die Schiff­barmachung des Mittelrheines durchführte. Der Rhein selbst ist bis Straßburg in mustergültiger Weise im großen und ganzen fertig ausgebaut. Seine Fcchtttiefe beträgt bei Niedrigwasser (1,50

Meter Kölner Pegel) unterhalb von Köln 3 Meter, zwischen Köln und St. Goar 2,5 Meter und ober­halb St. Goar bis KehlStraßburg 2 Meter. Außer Preußen und Baden haben auch Bayern und Hessen sowie das ehemalige Reichsland Elsaß-Lochringen ihren Anteil zum Gelingen des großen Werkes bei­getragen.

Die Mittel zum Flußausbau sind Befestigung der Ufer und Flußsohlen, Flußlaufbegradigung, wenn er stark verwildert ist und sich in einzelne Arme teilt, mittels Durchstich, Einschränkung und Vertie­fung Der Fahrtrinne durch Leitwerke und Buhnen. Die Leitwerke sind Dämme, welä)e vor Die Uferlinie vorgeschoben sind und im allgemeinen mit ihr in gleicher Richtung verlaufen. Die Buhnen sind Quer­bauten, die vom Ufer aus, schwach stromaufwärts gerichtet, bis zur beabsichtigten Einschränkungslinie vorspringen. Hinter Den Leitwerken und zwischen den Duhnen setzt sich im Laufe Der Jahre Der Schlamm ab und verengert so nach und nach das Flußbett. Das Gefälle des Rheines ist in feinem Oberlauf etwa 1:900 und nimmt im weiteren Lauf des Flußes ständig ab, bis es auf etwa 1:10 000 in Holland angelangt ist. Eine Ausnahme bildet nur die Bingerlochstrecke, wo es auf kurze Entfernung 1:320 beträgt. Bei dem ganzen Ausbau handelt es sich um eine Regulierung, d. h. der ununterbrochene Flußlauf bleibt erhalten. Etwas anders ist es bei der Kanalisierung eines Flusses. Hier wird, um eine genügende Wassertiefe zu erhalten, der Fluß angestaut und in einzelnen, durch Wehre voneinander ge­trennte Abschnitte zerlegt. Wegen Hochwasser und Eisgang müssen die Wehre so angeordnet sein, daß sie entfernt bzw. hochgezogen werden können. Der Uebergang für die Schiffahrt von einem Wasserstand erfolgt durch Schleusen. An den Wehren selbst ist eine Kraftgewinnung möglich.

Zum Schutz gegen Hochwasser bei niedrig liegen­den Ufern kommen Sommer- und Winterdeiche in Frage. Die Sommerdeiche sind nur zum Abhalten der nicht so hohen Sommerhochwasser beftimmt, während die Winterdeiche auch den höchsten Hoch­wassern gewachsen sein sollen. Das zwischen Den Sommer- und Winterdeichen liegende Land wird dann mit dem fruchtbaren Flußschlick überflutet. Zur Zeit werden, veranlaßt durch die unheilvollen Folgen der Hochwasser in den letzten Jahren, die Dämme am Niederrhein verstärkt und erhöht. Die Dämme müssen nicht nur sehr gut unterhalten, son­

dern im Falle des Hochwassersbesetzt und vertei­digt" werden. (Deichhauptmann.)

Der Ausbau des Rheines von Straßburg bis Basel und von da bis zum Bodensee steht zurzeit im Vordergründe des Interesses. Bis jetzt ist eine Schiffahrt bis Basel wegen der geringen Wasser­liefe nur ganze kurze Zeit im Jahr möglich. Es han­delt sich darum, auch hier zu erreichen, daß auf dem Strom, wie auf dem Rhein abwärts, das ganze Jahr hindurch, von den wenigen Hochwasser- und Eisgang-Tagen abgesehen, die Schiffahrt möglich ist. Es liegen hierzu drei Projekte vor: Regulierung bzw. Kanalisierung des Stromes oder seine Ab­leitung in einen Seitenkanal auf elsässischen (franzö­sischen) Boden Frankreich tritt aus naheliegenden Gründen für einen Seitenkanal ein. Die bei Der Regulierung durchzuführende Beseitigung Der Stromschnellen und sonstiger Hindernisse geschieht unter Wasser unter Zuhilfenahme besonderer Werk­zeugschiffe. In der Mitte Des Schiffes erhebt sich ein hohes Eisengerüst, an dem eine Taucherglocke auf» gehängt ist. Müssen nun an irgendeiner Flußstelle Arbeiten vorgenommen werden, so wird das Schiff an der entsprechenden Stelle verankert und hierauf die Taucherglocke auf die Fußsohle abgesenkt. In Frage kommt z. B. Die Sprengung von Felsbänken, Die sich der Schiffahrt hinDernd in den Weg stellen, das Absuchen der Stromsohle zur Instandhaltung von Regulierungsbauten oder zur Beseitigung klei­nerer Hindernisse, wie der Wracks von Schiffen, ver­lorengegangener Anker usw. Um das Arbeiten in Der unten offenen Taucherglocke zu ermöglichen und das Eintreten des Flußwassers zu verhindern, wird die Glocke mit Druckluft gefüllt, so daß die unter Wasser arbeitenden Leute ständig unter einem er­höhten Luftdruck stehen. Die Räume im Taucher­schacht sind elektrisch beleuchtet und der Arbeits­raum ist zur Verständigung mit den Arbeitsleitern durch Telephon mit dem Schiffsdeck verbunden. Um beim Hinauf- und Hinunterbefördern von Material und Werkzeugen oder beim Hinab- und Hinauf- fteigen von Arbeitern das Entweichen der Druckluft aus der Taucherglocke und ein damit verbundenes Einströmen von Flußwasser zu vermeiden, sind am oberen Ende des Taucherschachtes besondere Ver­bindungskammern (Luftschleusen) angeschlossen, durch die die Arbeiter und das Material hinauf- und hin- untergeschleust werden.