ohne den Anschluß an eine der beiden Kulturen cecht zu besitzen. Als Reaktion dagegen ist die deutsche Bewegung im Lande entstanden, die )as Land nach 1918 zu Oesterreich führte. Die Madjaren haben so durch ihre Zwangspolittt 'ich die Seelen der nicht zur Oberschicht ge- ) irrigen Deutschen des Burgenlandes entfremdet. Ihr Anspruch auf sie ist verwirkt.
Die Burgenlünder aber schauen nicht nur auf Oesterreich, sie schauen auch aufs Reich und rrhoffen von ihm, daß es sie in der schweren Ausgabe, sich von der magyarischen Oberschicht- lultur völlig zu befreien, sich ihr deutsches Land zum deutschen Eigenstaat auszubauen, unb im Osten ein Bollwerk deutschen Lebens zu werden, moralisch und materiell unterstützt. Bon der Weite unserer Herzen im Reiche hängt es mit ab, ob das Burgenland froh und stolz seinje deutsche Gegenwart und -Zukunft beiaht. Gar mancher Burgenländer fürchtet heute, daß seine Heimat eines Tages vom R e i ch s Volk um der Freundschaft mit Ungarn willen geopfert werden könnte. Die Madjaren flüstern dies den Burgenländern zu. Rehmen wir ihnen diese Sorge, so werden wir in diesem köstlichen Reuland einen Jungbrunnen deutschen Lebens haben können. Dies aber sollte heutzutage jehern Deutschen selbstverständliche Forderung sein, daß nie mehr deutsche Menschen, die sich zu uns bekennen, mit unserem Willen fremder Staatlichkeit überlassen werden können. Damit werden auch die Madjaren sich abfinden müssen. Sicherlich freuen wir uns, wenn wir sie zu Freunden/ haben können, aber deutscher Dolksboden kann auch einer befreundeten Nation nicht ausgeliefert werden. Das wäre die Todsünde gxgen den heiligen Geist des Gedankens vom deutschen Gesamtvolk, der uns die L^itidee für die deutsche Zukunft geworden ist.
Das vierte Dawesjahr.
Am morgigen 1. September bricht das v.ier.te Dawesjahr än, das uns einen Wechsel des Reparationsagenten über 1750 Millionen Göldmark präsentiert. Gegenüber dem Rwrjahre bedeutet das ein Mehr von 500 Millionen Goldmark, das zum größten Teil durch das Reich direkt, zum anderen Teil durch die Reichsbahn und die deutsche Industrie aufzu- bringen ist. In Wirklichkeit erhöht sich aber im vierten Jähr die Reparationslast auf weit über zwei Milliarden Goldmark. Rach dem Londoner Vertrag muß beim Reparationsagenten ein Reservefonds von 100 Millionen Göldmark vorhanden sein, den es in diesem Jahre aufzufüllen gilt; die Reichsbahn hat ferner Beträge zugunsten einer besonderen Rücklage beveitzusrellen, die für 1926/27 etwa 100 Millionen Goldmark ausmacht, schließlich werden noch 130 Millionen zur Tilgung der Rentenbankgrundschuld notwendig, so daß wir auf mehr z als zwei Milliarde^ kommen, die der Reparationsogent im kommenden Dawesjahr bei uns einkassiert.
Insgesamt haben wir nach der Neuregelung unserer Reparativnsvevpflichtungen in den jetzt hinter uns liegenden drei Jahren Raten in einer Ges amthöhe von 3,4 Milliarden gezahlt, also im ersten Jahr eine Milliarde, im zweiten 1,220 Milliarden und im dritten 1,2 Milliarden. Daß uns die Abtragung dieser Last nur unter Aufbietung unserer gesamten Kraft möglich geworden ist, braucht nicht erst besonders yeroorgehvben zu werden. Festzustellen ist allerdings zunächst, daß das Dawesabkommen reibungslos läuft, reibungslos aber nur im Sinne des Reparatzionsagenten, demgegenüber wir mit keiner Zahlung jemals in Verzug geraten sind. Aber die Aufbringung der erforderlichen Summen ist auf ungehewro Schwierigkeiten gestoßen. Möglich ist sie nur bei guter Lage unserer Wirtschaft, auf der letzten Endes alle Lasten ruhen und die ganz allein wiederum die Beträge an sich heranziehen muß, die Staat und Volk gebrauchen. Seit 1924 aber hat eine Wirtschaftskrise die anhece abgelöst, erst seit einigen Wochen kann wieder eine gute Beschäftigung und ein verhältnismäßig guter Absatz deutscher Erzeugnisse, Hand in Hand damit eine erfreuliche Einstellung großer Massen von Arbeitslosen verzeichnet werden. Wie lange diese Aufwärtsbewegung anhalten wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Beobachter unteres Wirtschaft rechnen mit Rückschlägen, wenn es nicht baldigst gelingt, die Ausfuhr so wesentlich
Zwischen Wund sieben
Roman von Liesbet Dill.
Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin.
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Manfred dirigierte das „Andante sostenuto" wie im Traum. Er fühlte, wie ihn irgend etwas Fremdes besaß, das ihn nicht mehr losließ, das seine Kraft auszehrte. Das „Moderato con anima" klang schleppend und leblos. Er fühlte kein Blut mehr in seinem Körper, sein Geist war fort, seine Gedanken irrten und suchten in den Gassen im Nebel nach Melitta ...
Ihr Bild ftanb vor ihm, während er den Taktstock mechanisch hob und senkte.
Die blaugrünen Opale in der goldglänzenden Wand hatten Melittas Farbe, dasselbe matte Feuer, das verschleiert glimmte und aufleuchtete ... trügerische Augen, deren Ausdruck und Farbe sich fortwährend veränderte.
Die Musik peinigte ihn, er fühlte die Instrumente schmerzhaft über sein Gehirn streichen, die Trompeten schmetterten ihm grell in die Ohren und die Pauke schlug hart auf fein fieberhaft pochendes Äerg ... Der Saal war üverheizt, aber ihn fror ... ein kaltes Nieseln lief ihm über Nacken und Hände. Ich habe Fieber, dachte er.
Das „Scherzo" wirkte monoton. 9n feiner Hand itKir keine Kraft mehr. Er fühlte, wie er di? Zuhörer verlor, wie auch die Verbindung zwischen ihm unb den Musikern aufhörte. Es war ein anderer, der heute den Taktftock führte.
„Was ist denn das heute mit Manfred?" fragte eine alte Kurhausbefucherin ihre geschminkte Nachbarin, die beide feit einem halben Jahrhundert fast hier täglich aus- und eingingen. Die rotblonde Baronin nahm die Lorgnette vor die Augen. „Manfred scheint nachzulassen ... es ist kein Feuer mehr in seinem Dirigieren."
In diesem Augenblick schrie jemand in der vordersten Reihe auf. Im Orchester gab es einen Ruck, alle sprangen auf, der alte Geiger war vornüber gesunken, mitten im Allegro hatte er den Bogen hin- gelegt, sein Kopf fiel ihm auf die Brust ...
Die Sinfonie wurde abgebrochen.
zu steigern, daß durch sie die Mehraufwendungen für R^xirationszwecke einigermaßen wett gemacht werden kann.
Nahe liegt die Frage nach dem Verbleib der deutschen Milliarden. Vor der Re- parationsneuregeluna sind nach deutscher Berechnung bis 31. Dezember 1922 über Reparationskonto Barzahlungen und Sachwerte in Höhe von 41,6 Milliarden gegangen, zu denen noch 14.3 Milliarden hinzugerechnet werden müssen, die vertraglich festgelegte Leistungen umfassen, von denen aber die Reparationskommission keine Notiz nahm. 1923 gingen außerdem noch an die nicht Vertragsbrüchigen Gläubigerstaaten 1,4 Milliarden Goldmark, während Frankreich und Belgien nach einer französischen Berechnung aus dem Ruhrgebiet 1,2 Milliarden herauspreßten Diese ungeheuren Werte find spurlos verschwunden. Keine der Gläubigernationen hat durch die erzwungene Abtretung unseres Eisenbahnmaterials, unserer Schiffe, unserer landwirtschaftlichen Maschinen und vieler anderer Dinge, die Milliardenwerte repräsentieren, irgendwelchenVorteil gehabt. Auch die nach dem Dawesplan gezahlten Milliarden waren bisher keinem Staat von Ruhm: das einlaufendr Geld mußte jeweils an den großen amerikanischen Gläubiger weitergeleitet werden, soweit man es nicht in neue Kriegsrüstungen hinein-- steckte.
Aus -er Provinzialhauptftadt.
Gießen, den 31. August 1927.
Flugeisenbahrrverkehr.
Die berechtigten Forderungen von Jndustrie- und Handelsunternehmungen, die an Plätzen ansässig sind, welche noch nicht dem Luftverkehr angeschlossen sind und in irgendeiner Form die Ausnutzung des Luftfrachtverkehrs auch für sich in Anspruch nehmen wollen, haben dazu geführt, daß zwischen der Deutschen Reichsbahn und der DeuHchen Luft-Hansa bezüglich des Güterverkehrs Abmachungen getroffen wurden, die es ermöglichen, daß Frachtsendungen auf Luftfrachtbrief neuerdings sowohl von der Eisenbahn auf die Flugzeuge und auch umgekehrt von den Flugzeugen auf die Eisenbahn verladen werden können. Die besondere Annehmlichkeit dieses am 1. Oktober in Kraft tretenden „ Fleiverkehrs" (Flugeisenbahnverkehrs) liegt in erster Linie darin, daß für den Hebergang der Güter von einem zum anderen Beförderungsmittel kein neuer Transportvertrag erforderlich -ist und weiterhin die Güter bei jeder Gepäckabfertigungsstelle der Deutschen Reichsbahn sowie sämtlichen Dienststellen der Deutschen Luft-Hansa aufgegeben werden können. Die Abwicklung dieser neuartigen Zusammenarbeit zwischen Eisenbahn und Flugdienst vollzieht sich genau so einfach wie diejenige des Frachtluftverkehrs und der Cxpreßbeförderung. Zur Berechnung gelangen die Frachttarife der Deutschen Lust-Hansa unb die Expreßgutgebühren der Reichsbahn. Lediglich eine Behandlungsgebühr für die Reichsbahn wird zuaeschlagen, die 50 Pfennige für Sendungen bis 5' Kilogramm, 1 Mark bis 10 Kilogramm unb 1.50 Mark über 10 Kilogramm beträgt.
Besonders dürfte sich in der Praxis ein Zubringerdienst per Dahnexpreh zu den großen internationalen Luftverkehrslinien entwickeln und umgekehrt die Ausnutzung dieser Fluglinien mit anschließendem Bahnexpreß in die Provinz. Die idealste Ausnutzung deS Flei- verkehrs wird in dem Augenblick möglich fein, wenn nach dem Muster der Nachtflugstrecke Berlin—Moskau ein dichtes Netz von Nachtluft- verkehrsverbln düngen eingerichtet sein wird.
Durch den Fleiverkehr würde dann z. D. eine Verbindung ab Berlin 24.00 Hhr, an Loudon und Paris 8 Hhr von allen deutschen Städten ausgenutzt werden können, indem Ost- und Mitteldeutschland die Waren per Bahnexpreß abends nach Berlin, Nord- und Süddeutschland nach Hannover und Westdeutschland nach einem Flugplatz im westlichen Industriegebiet zum Hebergang auf das Flugzeug befördern würden, um zu erreichen, daß sie am nächsten Morgen um 10 Hhr in den Händen der Empfänger sind.
Aber auch die heute bereits bestehenden Flugverbindungen sind auf ähnliche Weise auszu- nuhen, woraus zu ersehen ist, daß die neue Flei
beförderungsart so fortschrittlich unt) vielversprechend ist, daß man wohl einen großen Erfolg erwarten lann.
•• Ausbau der dritten Wagen- klasse. Der Beschluß der Reichsbahn, die Verträge mit der Siesta-Gesellschaft zu kündigen, ist aus Kreisen des reisenden Publikums lebhaft kritisiert worden. Demgegenüber vertritt die Reichsbahn den Standpunkt, daß ein längeres Deibehalten dieser von privater Seite eingerichteten Reiseerleichterungen geeignet wäre, der Bahn selbst Schaden zuzufügen. Nach reiflichen Heberlegungen habe man sich einmal entschlossen, in Deutschland am Vierklassensystem festzuhalten, unb zwar nicht zuletzt im Interesse der Reisenden der nichtgepolsterten Klassen, die sonst ungleich höhere Fahrpreise zu zahlen hätten. Aus diesem Grunde sei auch an eine Polsterung der dritten Wagenklasse nicht zu Denfen, weil damit unweigerlich eine Tariferhöhung verbunden sein würde. Wohl aber soll diese Klasse noch weiter verbessert werden. Bei den in Auftrag gegebenen neuen Dritterklassewagen will man die Sitze besser als bisher dem Körperformat anpassen. Cs wird für bessere Lüftung unb Beleuchtung Sorge getragen und die Abteile werden auch wieder Läufer erhalten.
** Landwirtschaftliche Lehrlingsprüfung. Die nächste Prüfung von landwirtschaftlichen Lehrlingen ftndet Mitte Oktober dieses Jahres vor der Prüfungskommission der Landwirtschastskammer statt. Die Prüfung hat den Zweck, den landwirtschaftlichen Lehrlingen nach beendeter zweijähriger Lehrzeit die Möglichkeit zu geben, sich einen Befähigungsnachweis fü rihre praktischen Kenntnisse au erwerben. Diejenigen jungen Landwirte, welche an der Prüfung teilnehmen wollen, müssen sich bis spätestens 15. September bei der Landwirtschasts- fommer angemelbet haben. Mit der Anmeldung ist gleichzeitig einzusenden: 1. ein kurzgefaßter selbstgeschriebener Lebenslauf; 2. eine Zustimmungserklärung und das Zeugnis des Lehr- Herrn, sowie das letzte Schul^ugnis; 3. eine Beschreibung der Lehrwirtschaft; 4. der Nachweis der zweijährigen Praxis; 5. die Prüfungsgebühr in Höhe von 5 Mark. Die $rüfliny> werden von dem Termin und dem Ort der Prüfung schriftlich in Kenntnis gesetzt. Die Bestimmungen für die Lehrlingsprüsung sind bei der Landwirtschaftskammer zu erhalten.
** Der Neubau für Reichsbeamte, Ecke Wilhelmstraße unb Aulweg, ist im Aeußern wie auch innen so weit fertiggestellt, daß er in den nächsten Tagen bezogen werden kann. Zum Bezug kommen zwei Wohnungen mit 6 Zimmern, eine Wohnung von 5 Zimmern und brei Wohnungen von 4 Zimmern. Die Wohnungen selbst sind für Reichsbeamte vorgesehen.
** Auf gehobene Provinzstraßen- sperre. Die Straßensperre auf derPvovianzial- straßenstrecke Jnhei den — Htphe ist jetzt wieder aufgehoben worden.
Oberhessen.
Landkreis Gietzen.
V" M.ainz lar, 30. Aug. Nachdem nun wieder gute Witterung eingetretcn ist, läßt sich der Schaden, den die vierzehntägige Regenperiode angerichtet hat, einigermaßen übersehen. Das Korn war beretts. bei Eintritt des Regenwetters restlos eingefahren. Der Weizen hat wenig Schaden gelitten. Zrun Seil sehr stark ausgewachsen ist der Hafer, besonders wo es sich um sogenannten Kleehafer handelt. Der zuletzt geschnittene zeigt dagegen keinen Auswuchs; so daß ein allzu großer Schaden doch nicht entstanden ist; immerhin kann die Qualität des Strohes sowie der Körner teilweise nicht als vollwertig angesehen werden. — Gleichzeitig mit dem guten Wetter setzte auch die Grummeternte ein. Der Ertrag ist teilweise höher als bei der diesjährigen Heuernte. Leider ist bei der Feuchtigkeit unserer Wiesen- grünbe die Qualität nicht die beste.
i I r e i 5, 30. Aug. Nachdem nun endlich wieder besseres Wetter eingetreten ist, hat auch das Dreschen der Frucht wieder begonnen. Wie erinnerlich, ist vor etlichen Wochen die Dreschmaschine des Heinr. Kehr bei einem Brand zerstört worden. Da dieser aber Ersatz dafür herbeigeschafft hat, so sind Nunmehr wieder zwei Dreschmaschinen auf dem Platze vor der Drücke in Tätigkeit.
Die Kollegen hatten den Sterbenden ins Zimmer des Dirigenten getragen und ihn aufs Sofa gelegt. Sie hatten ihm die Hemdbrust aufgerissen und verschwendeten viel kaltes Wasser, aber sein Gesicht blieb wachsbleich und kalt. Seine Hände tasteten suchend nach etwas ... er suchte seine Geige, das Kostbarste, was er besaß. Manfred beugte sich über ihn. Der alte Mann schlug die Augen auf, schaute Manfred an und sagte: „Verzeihen Sie, Herr Doktor, daß ich Ihnen---das Konzert gestört
---ich — ich kann nicht mehr--"
Es war fein letztes Wort ... (Er fank zusammen.
Manfred drückte dem stillen Geiger Die Augen zu. Auch einer von denen, die in den Sielen starben.
*
Die goldbetreßten Portiers besprachen den Vorfall aufgeregt in der weiten, goldglänzenden Vorhalle, als Manfred heimging. Der arme Schmidt ... fast dreißig Jahre war er hier ein- und ausgegangen. Vor einer Stunde hatten sie noch mit ihm gesprochen ... Wie rasch war alles vorbei ...
Manfred ging durch blätterbestreute, kalte winterliche Anlagen. Der Himmel war von Wolken bezogen, die nach Schnee aussahen. Rote, fernste Blätter klebten auf den Wegen.
Lichtreklamen kletterten auf den Dächern und erloschen. Ein einziger Stern stand verloren zwischen den dunklen Wolken am Nachthimmel.
Durch den Diebel sah er erleuchtete Schaufenster blinken mit beschlagenen Scheiben ... Ich muß einen Kranz bestellen, dachte er. Blumen leuchteten ihm aus einem Laden entgegen, rote Rosen in vergoldeten flachen Stürben, große, weiße Fliedersträuße, Maiglöckchen in silbernen Jardinieren, violette Tulpen und weiße Nelken. Er trat ein.
„Was darf es fein, Herr Doktor?" fragte die blonde hübsche Verkäuferin.
Er schaute sich um. Ein Strauß blaßgelber Rosen stand auf dem Ladentisch ... Melittas Lieblingsblumen.
„Ist der Strauß bestellt?"
„Nein, Herr Doktor."
„Dann schicken Sie ihn in meine Wohnung .. .*
„Soll etwas dazu bestellt werden?"
„Nein, nur abgeben/
..Sofort. In zehn Minuten ist er da ... Sonst noch etwas, Herr Doktor?"
Ach fo ... der Kranz ...Er suchte den schönsten aus. (Efeu, Lorbeeren und Lilien. Die Lorbeeren hatte er verdient, der braue Alte. Er schrieb die Aufschrift für die weiße Moiröfchleife nieder und ging.
Ein leeres Auto fuhr vorbei. Er rief es an: „Taunusanlagen 34."
Sein Haus lag dunkel in dem entlaubten Garten, die Gartentür stand offen, der Kies knirschte unter feinen raschen Schritten. Der Nebel tropfte von Bäumen und Sträuchern... Er klingelte. Das Treppenhaus wurde hell, der Diener erschien in der Türe und nahm ihm den Pelz ab.
„Ist meine Frau zurück?"
„Nein, Herr Doktor!"
In seinem Studierzimmer brannte die große resedagrün bespannte Lampe neben dem gedeckten Teetisch. Sein Gedeck stand einsam da, Kuchen in vergoldetem Körbchen, der Tee wartete unter der seidenen Mütze auf ihn, wie immer, und doch sah das alles auch hier ganz anders aus, fo verlassen ... verändert ... er wußte nicht, wie ... Die Möbel standen fo traurig da herum.
Auf feinem Schreibtisch sah er Briese liegrn. Er durchmusterte sie flüchtig. Rechnungen, Anzeigen von Zigarrengeschäften und Mufikhandlungen, die Absage einer Sängerin, Kritiken und Drucksachen ... Er schob alles beiseite ... Der Diener goß den Tee ein, er hatte große rote Hände ...
„Nein, lassen Sie das, Fritz."
„Keinen Tee?"
„Nein ... ober doch, eine Tasse, wenn er heiß ist ..." Er fröstelte. „Sagen Sie mal, wer kann die Dame denn gewesen sein, die mich sprechen wollte? Haben Sie ihre Stimme nicht erkannt?"
„Dlein, Herr Doktor. Ich habe die Stimme noch nie gehört ..."
„Unb daß sie sofort abhängte ... Sagte nicht meine Frau, daß sie zu ihrem Zahnarzt ginge?"
„Vorige Woche ging die gnädige Frau mehrmals zum Zahnarzt?
„Mehrmals, wann war das?"
„Daß weiß ich nicht mehr, Herr Doktor! Ich weiß nur, daß sie in letzter Zeit öfters nachmittags ausging."
„Wie heißt der Zahnarzt?" (fr durchblätterte bas blaue Telephonbuch. „Mayer . . . Müller . . . Schmidt ... irgend so einen Namen."
„Fegemeier, glaube ich ..." , x
z. Allenborf a. d. Lumda, 30. August. Ein schwerer Unfall ereignete sich auf der Straße Allertshausen—Beuern. Der Elektromeister W. Pfeiff von Londorf wollte mit seinem Motorrad ein anderes Motorrad auf der rechten Seite überholen. Hierbei kam das Rad aus dem am Straßenrand befindlichen feuchten Rasen ins Rutschen. Pfeiff stürzte und erlitt einen schweren Schädelbruch. Er wurde von einem Sanitätsauto in die Chirurgische Klinik nach Gießen gebracht, wo er in sehr ernstem Zustande darniederliegt.
chAus dem Lumdatal, 30. Aug. Nachdem sich die Witterung gebessert hat, sind alle Hände eifrig am Werk, um die Ernte unter Dach und Fach zu bringen. Kleinere Landwirte bringen die Frucht vom Felde sofort zur Dreschmaschine, die Tag und 9lacht in Betrieb ist. Der Kornerertrag ist im allgemeinen zufriedenstellend, allerdings find große Mengen Körner in angekeimtsm oder vertrocknetem Zustande. Frühzweti'chen. Mirabellen ufw. haben fehr gelitten, find aufgeplatzt ober hängen in verfaultem Zustande noch am Baum. Die Gurken haben vielerorts Flecken bekommen, die bald in Fäulnis übergehen; gelbe Rüben sind vielfach gespalten. Die Früchte der Buschbohnen, die zum großen Teil auf der Erde liegen, sind schon angefault.
r Obbornhofen, 30. Aug. Das Preisschiehen des hiesigen Kleinkaliber- Schühenvereins unter Leitung des Eisen- bahnassistenten Schmidt hatte folgendes Ergebnis: 1. Preis Karl Naumann in Gettenau, 2. Preis Lorenz Hahn in Obbornhofen, 3. Preis K. Becker von Echzell, 4. Preis H. Eichelmann von Wöhnbach und 5. Preis Wilhelm Walther von hier. Das vom Schühenverein im Wege der Selbsthilfe erbaute Schützen- Haus ist im Rohbau vollendet.
4= Lich, 30. Aug. Am Samstagmorgen wurden im Walde nach Hattenrod zu, in der Nähe der Steinbruchschneise, Wildschweine angetros- fen. Dies ist aber sicher nur ein vereinzelter Fall; es handelt sich wayrscheinlich um Ucberläufer aus dem nördlichen Taunus, denn Wildschweine gelten in unserer Gegend nicht als Standwild.
T> Lich, 30. Aug. Aus seinem vor einigen Jahren neuerrichteten Schießstand auf der Hardt veranstaltete der hiesige Kriegerverein (Vorsitzender Stadtrechner' L. Häuser) fein diesjähriges Preisschießen. Es beteiligten sich daran 37 Mitglieder des Vereins. Es wurden von jedem Schlitzen vier Schuß auf die Ringscheibe 24 mit dem Gewehr-Modell 1871 abgegeben. Am Sonntag- abend fand in der Turnhalle die Preisoerteilung statt. Tierarzt Dr. Walter eröffnete als Dor- fitzender des Bezirks Lich der Kriegerkameradschaft Hassia mit einer Ansprache die Veranstaltung. Die Preisverteilung, es wurden insgesamt 25 Preise ausgeschossen, hatte folgendes Ergebnis: 1. Pttis (88 Ringe) Bahnhofsvorsteher F. Berk, 2. (86 R.) R. Z i m m e r, 3. (85 R.) H. Textor, 4. (85 R.) L. Volz III., 5. (85 R.) W. Hahn, 6. (84 R.) K. Peter, 7. (83 R ) H. Kempf, 8. (83 R.) K. M ü l l e r, 9. (82 R.) Gg. S ch m i d t und 10. (82 R.) H. Müller. Die Hastia-Ehrenfcheibe schoß H. Kempf, ferner schossen Ehrenscheiben H. Löhr, Christ. Rau und Wilh. Hahn. In den Rahmen d'er Veranstaltung fügte sich passend ein die Vorführung des Films „Unsere Emden". Die Feuerwehrkapelle brachte arte Armeemärsche zum Vortrag.
# S u n g c nL 30. Aug. In voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit feierte unser Mitbürger Salomon Kahn seinen 8 7. Geburtstag.
Kreis Friedberg.
I Buh back, 30. Aug. 3m Saale de» „Hessischen HofeS sprachen am Sonntagabend Bürgermeister Völker- Sich und Pfarrer W e i d n e r - Ober-Lais über „Wesen, Ziele und Aufgaben der Evangel. Volksgemeinschaft". Bürgermeister Völker, der als Abgeordneter der Evangel. Volksgemeinschaft stellvertretendes Mitglied des Provinzial-Aus- schusses ist, verstand es, in sehr klaren Ausführungen die Gründe darzulegen, die zur Gründung dieser evangelischen Partei geführt haben. Die Rot der evangelischen Sache, die wirtschaftliche Rot unseres Volkes hätten allgemein die Erkenntnis gebracht, daß die bestehenden Parteien weder Schützer der evangelischen Belange noch Helfer der schaffenden Stände unseres Volkes seien. Pfarrer Weidner beantwortete dann in zweistündigen Ausführungen die Frage; „Warum brauchen wir im hessischen Landtag eine evangelische Partei?*
„Ja, richtig ..."
Manfred klingelte an, während der Diener das Zimmer verließ ... Eine weibliche Stimme antwortete ... „Hier bei Zahnarzt Fegemeier .. /
„Ist meine Frau noch dort?"
„Darf ich um den Namen bitten?“
„Ach so ... hier Dr. Manfred ...“
„Frau Manfred? Nein, die ist nicht bei uns .. .* „War sie heute noch nicht bei Ihnen?"
„Nein ..."
„Sie ist in der vorigen Woche doch öfters bei Ihnen gewesen?"
„Nicht daß ich wüßte, Herr Doktor. Ich habe die gnädige Frau schon lange nicht mehr gesehen ..."
„Damm ist es ein Irrtum, verzeihen Sie ...“ Also doch, also doch. Es war kein Irrtum, er war einer Lüge auf der Spur. Der Zahnarzt erfunden? Ein Vorwand nur? Vielleicht war es ihr Schneider, den sie besucht« ...
Er klingelte an. Niemand antwortete. Es schlug eben sechs auf der Uhr auf feinem Schreibtisch. Die Arbeitsstube war schon geschlossen ... Sie waren sehr pünktlich, die Herren Schneidergesellen ... Doch, da kam jemand ... Die Fistelstimme eine» Lehrlings: „Wer ist denn da?"
Er fragte nach Melitta ...
„Die gnädige Frau hat ihr Kostüm schon vorige Woche bekommen. Seitdem war sie nicht mehr hier. Nein, sie hat nichts Neues hier arbeiten lassen ..."
„Danke ..." Der Hörer fiel hott auf die grüne Schreibtischplatte ...
Mit einem Ruck ftanb er auf ... Er zog den Brief aus der Tasche und studierte die Maschinenschrift ... hielt das Papier ans Licht ... „Panzerfaust" ftanb in Wasserzeichen darin ...
Er durchwanderte die Zimmer, die wohnlich, geordnet und elegant aussahen, mit den tiefen seidenen Sesseln, den weichen Hellen Kissen, den Tischen mit Büchern und den Vasen' mit frischen Blumen. Im Musikzimmer nebenan lagen auf dem aufgeschlagenen Flügel Noten hingestreut. Sicher hatte sie geübt ... Nach dem Abendessen wollten sie die neuen Lieder zusammen proben ... bas Wohltätigkeitskon- zert am Samstag ... sie trug einige Lieder ooc. Eine trockene Hitze war wieder in den Räumen ... Er öffnete ein Fenster unb ließ die feuchte, neblige Lust hereinströmen.
(Fortsetzung folgt.)


