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Giehener Anzeiger lSeneral-Anzeigrr für Vberhessen)

Nr. 202 Zweites Blatt

Dienstag, 30. August 1927

Wahlen im Memelgebiet.

2lm heutigen Dienstag finden im Memel- lande Neuwahlen statt. Don den daran Interessierten ist nach außen und nach innen eine nachdrückliche Wahlprvpaganda betrieben worden. Daß die Memelländische Bolls-' Partei mobil gemacht hat und allenthalben Wahlversammlungen abhielt, die im allgemeinen recht gut besucht waren, bedarf keiner beson­deren Hervorhebung. Doch auch die Regie­rung in Kowno, allen voran der Minister­präsident Woldemaras, hat, wenn auch mehr nach austen, einen Feldzug zur Irreführung des Auslandes unternommen, um die Blühen der litauischen Memel-Politik mit dem Mantel der Liebe zuzudecken. Er hatte es dabei sehr leicht. 3m Memelgebiet herrscht noch der Kriegs- zustand. Jede Versammlung muh von der Kom­mandantur genehmigt werden. Es herrscht Presse­zensur. Wahlaufrufe wurden unterdrückt. 3m Memelgebiet herrscht zwar kein Terrorismus im eigentlichen Sinne des Wortes, wohl aber ein Zustand, der die Wirkungen von Terrorismus er­reicht, wenn nicht in manchen Punkten übertrifft.

Worum geht es bei diesen Wahlkämpfen? Um die deutsch« Kultur! Die Memelländer verteidigen die Sprachfreiheit. Man will in Memel am Lehrerseminar die litauische Unter­richtssprache einführen. Kowno will die Erzieher der Jugend und damit die nächste Generation litaui- sieren.

Um dies Bemühen zu rechtfertigen, hat man den Begriff derLitauisä)en Kultur" geschaffen. Wir Deutsche stehen ja den Litauern ohne das Gefühl von Abneigung gegenüber, das unsere Worte an­gesichts der Ueberheblichkeit fo mancher unserer früheren Kostgänger beflügelt. Aber wir wünschen vor allem und über alles die Aufrechterhaltung der bestehenden Gerechtsame und Rechte. Gewiß ist das Memelgebiet in seiner heutigen Form auch ein Markstein deutscher politischer Dummheit. Man sehe sich die Bevölkerungs- und Sprachkarten un­serer Porkriegsatlanten an, und wir sehen mit Er­staunen, daß das Memelgebiet ethnologisch nicht zu Deutschland, sondern angeblich zu Litauen ge­hörte. Aber kulturell gehört es auch heute noch zu Deutschland.

1920 lebten im Memelgebiet 141 238 Men­schen: gewiß keine sehr große Zahl. Wer ganz Litauen mit seinen mehr als 53 000 Quadratkilo­meter, ein Gebiet, so groß wie Westfalen und die Rheinprovsntz zusammen, zählte (1923) nur etwas über 2 Millionen Einwohner. Die beiden genann­ten deutschen Provinzen aber wurden bei der letz­ten Volkszählung 1926 von 12 Millionen Men­schen bewohnt. Solche Vergleiche sind aufschlußreich. Auf das Deutsche Reich übertragen würde ein Be­völkerungszuwachs von 7 Prozent annähernd der Annektion Hollands oder d^r Schweiz oder Däne­marks entsprechen. Von Kowno aus gesehen, ist das Memelland ein kulturelles und wirtschaftliches Do­rado, das es zuerobern" gilt.

s^fttcr diesen Umständen will die memellänirische Bevölkerung zunächst nur eines: die Durch­führung der vom Völkerbund garan­tierten Selbstverwaltung. Die Memel- ländcr schreckt die Erfahrung der an Polen ab­getretenen deutschen Gebiete, welche die Unkosten für den neuen polnischen Staat zu tragen haben. Man will sich vor Raubbau schützen, vor Raubbau an der deutschen Kultur und an den heute nur noch als Ueberrcsten- zu bezeichnenden Hinterlassenschaf­ten einer geordneten preußischen Verwaltung.

Nun ist es sicherlich richtig, daß die lokalen Sorgen und Nöte der Memelländer trotz ihrer , Abtretung etwa für den Leser im Reiche genau so uninteressant sind, als wären sie beim Deutschen Reiche geblieben. Doch der Kampf zwischen Kowno und Memel ist mehr als eine lokale Frage. Es ist mehr als ein deutsch-litauisches Problem. Die Dinge, um die es am heutigen 30. August, am Wahltage, im Memelgebiet geht, sind d e u t s ch e Zukunftsfragen im besten Sinne des Wor­tes. Wie das Ausland die Praxis der Geopolitik längst durchgeführt hatte, ehe ein Deutscher ihre Theorie entdeckt hat, so ist der Deutsche von heute sich noch nicht klar darüber, daß die schlichten, un­scheinbaren Vorgänge an der Mündung des Kuri- schen Hafks sinnbildlich und praktisch fast der ein- , zige Punkt sind, wo die Quintesienz des Versail- . ler Diktats klar zum Wsdruck kommt. Man hat

Heidebilder.

Von Hugo Wisliceny.

Spät kommt sie, doch sie kommt! Die Blüte der Galluna hat sich, wie im Vorjahre, arg verspätet: aber sie wird sich noch tief in den September hin­ein erstrecken, und die Vollblüte der hohen Heide die Moorheide blüht etwas früher wird sich erst zu Ende des Augustmonats einstellen.

Darf man noch von derHeide bei Lutterloh" sprechen? Wo doch auch in dieser Gegend das Un­getüm Motorpstng so viel Heide gefreßen hat! Ja, man darf es, denn gerade Lutterlohs Umgebung weift eine wahre Ueberproduktion an caüuna vul­garis auf.

Wo die Lüßwälder mit ihren prächtigen Bir- kenschutzstteifen westlich aufhören, hat man noch einen weiten Blick über hügeliges, mit Heidekraut bestandenes Land. Man gehe nur tiefer ins Land hinein, abseits der Hermannsburger Chaussee, wo die neu im Heidesand entstandenen Kartoffel- und Roggenfelder aufhören, vorbei am alten Schafstall inmitten seines Narurparkgeländes. Auf den Ab­hängen des Heidehügels glüht es rosig auf; Bienen und Käfer summen und schwirren, weit hinten zieht der Schäfer mtt seinen Schnucken über das Land: herrliche Wacholderbüsche und -bäume halten treue Wacht. Und weit, weit hinaus schweift der Blick: fern liegt der Horizont, da, wo die dunklen Linien der Hocdewälder das Fundament des Himmels­gewölbes zu bilden scheinen. Hier muß man sich längelang ins Heidekraut legen, zwischen das Ge­summe der Bienen, das Huschen bunter Heidesalter, das Zirpen der Grillen, ganz füll und sorgenfrei.

Und hier muß man wandern des Tages und abends sich rüsten, dem Sonnenutergang über der Heide beizuwohnen. Das wird zum Erlebnis. Wenn der Feuerball ganz nahe auf die Erde sich nieder­läßt, so, daß man ungeblendet in ihn hineinschauen kann, dann wird es ganz still über der Heide. Und dann beginnt das Konzert der Farben. In Purpur, Gold, Violett und allen Zwischennüancen leuchtet es auf. Dort hinten scheint ein riesiger Weltenbrand zu toben. Glutig sinkt die Sonne herab. Die Sonne, die Erde und ich wir drei sind allein, wir drei teilen uns in diesem Augenblick in die Weltherr­schaft. Und während die Sonne in Farbenpracht

dem deutschen Volke im Reiche eine Neuordnung aufgezwungen, die als scheinbar frei erwählte Regierung dennoch die Exekutive des Versailler Diktats übernommen hat. Demzufolge ist sie nicht in der Lage, alles für die Zukunft der Nation Wünschenswerte zu leisten. Sie ist gebunden.

Im Memelgebiet hat man der Bevölkerung die Selbstverwaltung zugestanden. Die litauische Re­gierung will sie nicht bewilligen oder durchführen, weil sie selbst die Exekutive des Diktats von Ver­sailles in der Hand behalten will. In Memel, wie im Reich ist es somit das Volk als solches, die Masse der Regierten, der Machtlosen, der Unter­drückten, die in Wahrheit zu den Hütern der Zu-

Abschied nimmt, ihr letzter Strahl verschwindet, nur die Wolken hoch am Himmel noch rötend und vergoldend, sinkt der Erdenwunn langsam in Däm­merung und Schatten zurück. Im Abendfrieden zeigen sich die ersten Sterne am dunklen Himmels­zelt.

Das ist die Zeit, dann mußt du gehn ganz einsam über die Heide . . . !*

*

Die Lutterloher Heide gibt manch« Rätsel auf. Zum Beispiel: Welche Bäume können Freundschaft miteinander schließen? Antwort: Führe und Buche. Was, Buchen auf der Heide? Jawohl, sie sind in der sandigen Heide sonst selten, aber auf der Lutter­loher Heäe sind sie da, nämlich in dem Naturpark in der Nähe des viel gemalten und noch Ehr ge­knipsten alten Schafttalles, in Gesellschaft der Kie­kern oder Föhren. Fichten, Eichen und ellicher Birken.

Früher war es hier freilich noch schöner, weil ur­wüchsiger. Inzwischen haben der Sturm und die Axt des Menschen manche schöne Eiche und Fichte gefällt und den Park arg gelichtet. Allerdings, Licht Luft und Sonne ist hier reichlich vorhanden. Des­halb konnten sich di« Bäume, die heute noch das Auge des Wanderers erfreuen, so herrlich ent­wickeln. Fichten stehen da, bis an die Erde bcastet, wie wahrhafte Pyramiden, nur schlanker, gefälliger. Einzeln und in Gruppen: Eiche, Fichte, traulich bei­einander, aber in respektvoller Entfernung, denn allzudichte Nähe ist, wie der Urwald von Luß zeigt, besonders den Eichen gefährlich.

Anders bei Kiefer und Buche. Nicht nur ein­mal, sondern gleich an drei Stellen finden wir das seltene Beispiel von Freundschaft zwischen diesen beiden artfremden Bäumen. Die schönste Gruppe ist eine Kiefer und eine Buche: sie flehen dicht nebeneinander, beide mtt den Kronen und Aesten dicht verwachsen, fest verschlungen. Die Kiefer sprach zur Buche: Willst du gen Mittag dich wen­den, so nehme ich die Nordseite.Und so geschah es. Bescheiden entfaltete die Föhre ihre Krone nach Norden und mächtig, als wollte sie auch den guten Freund in Schutz nehmen, breitete die Buche die ihrige nach Süden aus. So flehen die beiden wie zwei gute Kameraden da, als Wächter der Heide, der immergrüne Baurn mit den spitzen Nadeln und

kunft der deutschen Kultur geworden sind. Am heu­tigen 30. August geht cs um die Erhaltung ihrer Lebensfähigkeit, nur daß im Me­melgebiete die Schicksalsfrage deutlicher in Erschei­nung tritt als in Berlin und im Westen des Rei­ches, wo die Annehmlichkeiten deutscher Zivilisa­tion, Musik, Cafes und Bierstuben, Badereisen und Theater der Mitwelt zur Illusion des Wohl­behagens verhelfen. Im Memelgebiet, an der Grenze zwischen Asien und Europa, wo die Nächte kälter sind und der Mittag heißer ist, wo die menschliche Abhängigkeit von Wind und Wetter fühlbarer ist als im Zentrum oder im Westen des Reiches, versällt man in solchen Irrwahn nicht so leicht.

der Baum des Südens, der sich im Winter entblät­tert. Möge dies Naturdenkmal noch lange mttsantt dem Fichten- und Eichenbestande (die Wacholder nicht zu vergessen) der Lutterloher Heide erhalten bleiben!

Die schöne, birkenbestandene Heerstraße von Un­terlüß nach Müden an der Oertze begleitet m ach­tunggebietender Entfernung ein lieblicher Heide­fluß, die Sothrieth. ote kommt irgendwoher aus einer versteckten Stelle der Lüß-Hochebene, ist zu­erst so unscheinbar wie nur möglich, wird dann aber ein beachtenswerter Flußlauf, der die vortreff­liche Eigenschaft entwickelt, wiesenbildend zu sein. Unsere Heidjer richten auf derartige Heideflüßchen sogleich ihr Augenmerk und verstehen es vortreff­lich, mit ihrer Hilfe Riesen wies en anzulegen. So ent­stand hier, inmitten weiter urwüchsiger Heide, ein Wiesental in saftstrotzendem Grün, wunderlieblich anzuschauen. Es ist sicher anzunehmen, daß diese wiesenbildende Eigenichaft der Sothrieth mit zur Gründung der weit bekannten stattlichenOhöfe" (Altensothrieth, Ober-Ohe, Nieder-Ohc, Gerdehaus) beigetragen hat, denn aus reinem Heidesand hätten solch ansehnliche Besitzungen kaum entstehen und sich Jahrhunderte hindurch erhalten können. Die pracht­vollen Erträge an Gras und Heu sicherten den Höfen vor allen Dingen einen ansehnlichen Viehbestand, der doch immer noch die Grundlage eines festge­fügten Bauernhofes bildet. Nebenbei bemerkt, hat dann allerdinas noch etwas anderes zum wirtschaft­lichen Emporblühen dieser Gegend beigetragen, das ist die vor wenigen Jahrzehnten erst ins Werk ge­setzte Gewinnung der Kieselgur, eines (Stoffes, wie ihn allein auch wiederum nur unsere liebe Heide an einigen Stellen ihr eigen nennt.

Aber ich wollte ja vom Heidesee bei Ober-Ohe reden! Dieser See liegt südlich der vorhin genannten Heerstraße in einem föhrenbewachsenen Grunde, wie ein Edelstein versteckt. Die Automobilisten und son­stigen Kilometerfresser auf dieser Chaussee saufen an ihm vorbei, ohne daß sie irgend etwas von iym bemerken. Der gemächliche Wanderer aber, der ihn findet und seine Ufer zu ergründen sucht, wird seine Helle Freude an diesem lieblichen Erdenfleck haben. Die hoben Kiefernstämme am Ufer, die sich im Waller spiegeln, bilden den ersten Hintergrund, das frische, grüne, dichte Gebüsch, dos den See eng um-

Eegenwerle im Austausch für seine Jndustriepro- butte erhält. Die Möglichkeit einer Lösung des Ueberiragungsproblcms hängt also weniger von Deutschland, als vielmehr von seinen Gläubigern ab. Wenn diese Gläubiger sich nur klar machen wollten, daß sie einem Lande ohne Kapital keine geldlichen Verpflichtungen auferlegen können, wenn sie sich zu gleicher Zeit weigern, die Gegenwerte in Form von Waren ober Dienstleistungen in Empfang au neh­men, so brauchen wir auch in dieser Hinsicht keine Besorgnisse um die Zukunft der deutschen Wirt- schäft zu haben.

Es ist dringend erforderlich, daß das Ausland nicht das Ausmaß der deutschen Verschuldung eine traurige Erbschaft des Weltkrieges unter» schätzt. Diese Belastung führte zu einer Erhöhung der Steuerlast von 65,15 Mk. pro Kopf im Jahre 1913, auf annähernd 174 Mk. im Jahre 1927. An­dererseits dürste nicht zu bezweifeln sein, baß Deutschland in der Lage ist, nicht nur die Zinsen für die Anleihen zu zahlen, sondern auch seinen Rückzahlungsverpflichtungen zu dem festgesetzten Zeitabschnitt nachzukommen.

Auf lange Sicht betrachtet haben wir alle Ur­sache, Deutschland als ein durchaus günstiges Feld für Kapitalanlagen anzufehen, ein Feld, dessen Mög­lichkeiten vielfach noch nicht genügend anerkannt worden find. Allerdings bestehen diese Möglichkeiten nur unter der Voraussetzung, daß man die wich­tigsten Probleme von Industrie und Handel wür­digt, und sowohl in Europa wie in den Ver­einigten Staaten zu der Erkenntnis kommt, daß nur in einer Gemeinschaft s i ch gegen­seitig unter ft ü^enber Wirtschafts- systeme und nicht in isolierten, sich gegenseitig be­sehenden Einheiten die Blüte der deutschen Wirt­schaft gesichert ist.

Die Zukunft Deutfch-Oftafrikas.

Don P. 3. Ab s.

3n einer Frag« ist die englische Regierung zäh und unentwegt an der Arbeit: Die ihr ver­trauten Mandate über ehemalige deutsche und türkische Besitzungen sollen langsam, aber sicher in das große britische Kolonialreich einverleibt werben, in den Kranz der Kronkolonien, Domi­nions oder Protektorate. Davon zeugt das neu­erschienene englischeWeißbuch" über Ostafrika. 3m Monat 3uli war dieserhall» eine Debatte im englischen Parlament zu London. Der ehe­malige Kolonialmiinsber der Arbeiterregierung Macdonalds, Mr. Thomas, schnitt die kitzlige Frage an, wie weit sich England nach dem Dolker- bundsstatut noch als Treuhänder derzurück­gebliebenen Dölker" der Mandatsgebiete fühle. 3n Wirklichkeit betrachtet England heute seinen Mandatsbesitz als eine Art Protektorat: und da hinaus läuft dasWeißbuch , das der Kolonial­minister dem Parlament über seine Politik in Ostafrika überreicht hat. Polittsch am ungeklärte­sten ist die Lage in der Rachbarkolonie des Mandatsgebietes Deutsch-Ostafrika, in der Kron­kolonie Kenya. Hier tobt seit vielen 3ahren der Kampf zwischen Eingeborenen und weihen An­siedlern, der seine Wette ins Parlament nach London wirft, in oft stürmischer Weise. Reben dem unruhigen Kenya liegt das durch deutsche Disziplin befriedete ruhige Deulfch-Ostasrika. Ge­rade dieses soll in den englischen zentralafrikani­schen Block hineingeschweiht werden als Grund­stein. Schon in früheren 3ahren war der Ge­danke einer Union der zentralafrikanischen Ge­biete mit Einschluß Deuftch-Ostafrttas in Parla­mentskreisen verhandelt worden. 3n den maß­gebenden englischen Kolonialkreisen ist diese Ber- schmelzung längst beschlossene Tatsache. Seit 3ahren arbeiten die ehemaligen und jetzigen hohen Kolonialbeamten Englands an der 2&r- wirklichung dieser 3dee. 3n diesem Frühjahr war die große Kolonialkonferenz in London, auf der. so scheint es. beschlossen wurde, jetzt die 3dee zur Tat werden zu lassen.

3rt seinem WeißbucheWhite Paper" hat der Kolonialminister Olmert) dem Parlament verkündet, daß er eine Kommission nach Ostafrika senden werde, um Untersuchungen anzustellen in bezug aufdie zukünftige Politik betreffend Ostafrika". Kui^gesaht gibt das Weißbuch diese Politik wieder in den Sähen:Seiner Majestät Regierung erwägt als das Ergebnis der Be­sprechungen zwischen dem Kolonialminister und

rahmt, steuert ein heileres Moment zu diesem Bilde bei. Die Schönheiten der vielgerühmlen märkischen Seen finden wir hier in dieser kleinen Heideperle vereinigt: ich möchte sagen, daß die Schönheit noch tiefer, inniger, stimmungsvoller ist, weil fein Hauch der aufgeregten Zeil in diese Stille bringt. Wie ver­zaubert liegt bas kleine Wasser ba. Aber unsere große, weile Heibe ist burchaus nicht arm an solchen schönen, stillen Plätzen, wo der Mensch sich roieber auf sich selbst besinnt. Es gibt viele solcher kleinen Heideseen: manche bloß Fischteiche, anbere von ziem­lich stattlicher Größe. Man muß sie nur suchen, man muß den Wanderstab zur Hanb nehmen und frohen und heileren Sinnes unb offenen Auges durch die Heibe schreiten, bann finbet man Kleinode unb Köst­lichkeiten in ungezählter Menge.

Bubiköpfe werden nicht bleuer:.

Dor einiger Zeit waren Rachrichten durch die Presse gegangen, wonach in einem Dors im Kreise Glogau und in einigen Gemeinden im ostpreußi­schen Bezirk Allenstein beschlossen worden ist, die neue Haartracht der Frauen zu besteuern. Heber die rechtliche Seite dieser Beschlüsse ist zu sagen, daß eine Gemeinde alle Steuern einführen kann, die nicht gegen die Reichsgesetze verstoßen, und die nicht vom Reiche beansprucht werden. 3ebe Gemeindesteuer bedarf jedoch der Genehmigung der Aufsichtsbehörde. Die oberste Aufsichtsbe­hörde ist für Preußen das Innenministerium, das die Entscheidungen der Bezirksausschüsse und der Oberpräsidenten beeinflussen kann. Das Preu­ßische Innenministerium wird, wie wir zur Freude aller Dubikopfträger.nnen hören, eine Besteuerung der modernen Haartracht niemals zulafsen, und zwar schon aus dem Grunde nicht, weil es sich um einen Eingriff in die persönliche Freiheit handeln würde, die tn keiner Weise das Objekt einer steuerlichen Maßnahme fein darf. Bisher ist eine Anfrage, ob für eine Gemeinde die Haartrachtsteuer zugekassen sei, nicht bis zum Ministerium gelangt. Es wird daher dort an­genommen. dah schon die unmittelbare Auf­sichtsbehörde das Steuerunikum abgelehnt hat.

Deutschland und der Weltmarkt.

Von Franz v. Mendelssohn, Präsident der Industrie- unb Hanbelskammer, Berlin.

Im letzten Jahrhunbert war Deutschland ge­zwungen, eine bebeutende unb hochentwickelte In­dustrie aufzubauen, aus der die Mehrheit seiner Be­völkerung die Existenzmöglichkeiten zog. Gleichzeitig mußte es jedoch auch auf seine Landwirtschaft Rück­sicht nehmen unb deren Leistungsfähigkeit nach Kräften zu steigern suchen. Da Deutschland keine nennenswerten eigenen aufnahmefähigen Absatz­märkte besaß, aus denen es auch Rohmaterialien unb Lebensrnittel im Austausch gegen seine Jn- duslrieprobukle beziehen konnte, war es gezwungen, diesen Bedarf im Auslände zu decken. Deutschland hatte somit für den Absatz feines Ueberschusses an Fertigwaren Sorge zu tragen unb sich zu gleicher Zeit ber Sorge um seine Lanbwirtschast zu widmen.

Wenn die Inflationszeit für Deutschland Gott fei Dank vorüber ist, so sind deren Auswirkungen keinesfalls überwunden. Wir sind noch lange nicht aus den Schwierigkeiten heraus. Noch immer leiden mir an den Fehlern der Vergangenheit, unter den Schä­den, die das Fehlen des flüssigen Kapitals, der Rück­gang ber Kaufkraft u. das Sinken der Gewinne in fast allen Industriezweigen mit sich gebracht haben. Sicherlich lassen sich alte diese Schwierigkeiten nicht auf einmal beheben: es wird bestimmt noch manche Zeit vergehen, bevor wir unsere Verluste wieder gut gemacht haben.

Die Probleme des heutigen Deutschland hängen sehr eng mit der Beoöl kerungsfrage zu­sammen. Es ist klar, daß der Nationalreichtum eines Landes eng von der Fähigkeit beeinflußt wird, feine Bevölkerung mit genügender Arbeitsge­legenheit unb ausreichenden Lebensrnitteln zu ver­sorgen. Deutschland muß für eine Bevölkerung, die dauernd in schnellem Tempo wächst. Arbeitsmöglich' feiten schaffen. Es muß mtt anderen Worten einen genügend großen Produklionsapparat besitzen unb Märkte für bie Aufnahme ber erzeugten Probutte finben.

Nie war dieses Problem für die deusich e Wirtschaft dringender als heute. Trotz des Krie­ges und trotz der Gebielsverluste, die auf den Krieg zurückzuführen sind, hat Deutschlands Bevölkerung heute bereits wieder denselben Umfang erreicht wie im Jahre 1912. Die Landflucht schon ehedem ein Zeichen ber deeckschen Wirtschaft ist durch die Auswirkungen des Krieges noch verstärkt worden. Vor dem Jahre 1914 fand jeder Deutsche genügend Beschäftigungsmöglichkeiten im Inlands: er hatte zudem ungehinderten Zugang zu fremden Ländern. Das ist heule nicht mehr der Fall. Wenn auch heute noch eine große Anzahl von Auswanderungslustigen in fremben Ländern sich eine neue Heimat zu schaf­fen sucht, so bleibt doch einem weit größerem Telle bie Möglichkeit verschlossen, sich im Auslanbe eine neue Existenz zu gründen, ein Umstand, der Deutsch­land bisher daran hinderte, im Auslande gemachte Ersparnisie feiner Landeskinder zu einer Aufbesse­rung seiner Zahlungsbilanz zu verwenden. Auf der anderen Seite ist Deutschland mit einer riesigen, noch gar nicht feftgelegten Verschuldung belastet worden, bie seinen Kredit aufs schwerste erschüt­tert Hal.

Als infolge der politischen Vorgänge im Jahre 1923 die fortschreitende Entwertung der deutschen Mark das Land dem finanziellen Zusammenbruch näherbrachte, Hal Deutschland die größten Opfer auf sich genommen, um seine Währung zu stabilisieren. Die Krise ließ sich trotzdem nicht aufgalten, sie setzte vielmehr in äußerst heftiger Weise ein, als der durch die Inflation heroorgerufene Kapitalmangel einen

gefahrdrohenden Umfang annahm. Diele bedeutende Industrie- und Wirlschaflsunlernehmungen gingen damals zugrunde. Die Zahl der Beschäftigungslosen stieg von 600 000 im Dezember 1925 auf über zwei Millionen im April 1926. Zu diesem Zeitpunkte aber begannen sich die inzwischen eingeführlen R a - lionalisierungsmelhoden in der Indu­strie und die Entspannung des Geldmarktes auszu­wirken. Eine günstige Ernte führte zu einer fühl­baren Wiederbelebung der Wirtschaft, so daß die Zahl der Beschäftigungslosen allmählich auf 1$ Mil­lionen sank.

Die Ursachen für das Anwachsen der Zahl der Beschäftigungslosen liegen tiefer als wie in ber gegenwärtigen kritischen Lage ber Jnbustrie. Ein ganz außerordenllicher Strom von Arbeitskräften ist bem Arbeitsmarkte in Gestalt ber vielen Männer unb Frauen zugeflossen, die heute gezwungen sind, ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände Arbeit zu verdienen, well sie infolge der Jnflationsperiode ihrer Ersparnisie verlustig gegangen find. Ein gro­ßes Heer von Kleinrentnern und von Leuten, die früher im Besitz fester Einnahmen waren, ist gleich­falls am Arbettsmarki erschienen, da deren meist durch die Inflation entwertete Einnahmen völlig unzureichend find. Der einzige Weg, auf dem sich die Not lindern läßt, ist eine Intensivierung der Landwirtschaft, eine Hebung der Kaufkraft im Jnlandmarkte und bie Erschließung des Weltmarktes.

Die Durchführung dieses Programmes hängt von dem zwischen der aufgewandlen Arbeit unb bem erzielten Erfolge geschaffenen Verhältnis ab. Um dieses Verhältnis so günstig als möglich au gestal­ten, hat man in den letzten Jahren umfangreiche technische Ralionalisierungsmaßnah- m e n durchgeführt. Diese Maßnahmen haben zwei­fellos eine Besserung des wirtschaftlichen Aus­blickes für Deutschland ergeben, sie führten zu einer Herabsetzung der Gestehungskosten, einem erhöhten Konsum unb einer verstärkten Nachfrage, bie ihrer­seits roieberum zu einer größeren Beschäftigung ge­führt hat. Ein anbertzs charakterisches Merkmal der deutschen Wirtschaft ist die Tendenz zu Zu­sammenschlüssen, die wie die Rationalisie­rung in enger Weise mit den Bewegungen am Kapitalmärkte zusammenhängt.

Die Vorgänge anläßlich der Stabilisierung der deutschen Währung haben bewiesen, daß Deutsch­land ohne fremde Hilfe zur Zeit noch wenig tun kann. Obwohl die Verschuldung der deutschen Wirtschaft durch Anleihen an sich zweifellos eine schwere Belastung bedeutet, so haben die Aus- landanleihen ooch eine wundervolle Belebung des deutschen Wirtschaftslebens mit sich gebracht, so daß sie als absolut notwendig anerkannt werden müssen.

Im Jahre 1925 gelangten mehr als 1,2 Mil­liarden Mark in Gestalt von Anleihen nach Deutsch­land, im Jahre 1926 mehr als 1,50 Milliarden. Der Betrag, der vorn Jahre 1924 bis Anfang 1927 auf dem Anleihewege nach Deutschland floß, beträgt ein­schließlich ber Dawesanleih^ schätzungsweise über 4 Milliarden Mark. Trotzdem wird die deutsche Wirtschaft in nächster Zeit weiteren Kapitalbedarf haben: weitere Anleihen werden zu ihrer Ankurbe­lung erforderlich sein.

Was die Frage der Daweszahlungen an­langt, so muß die Erkenntnis sich durchsetzen, daß die Fähigkeit zur Zahlung fast gänzlich von dem Um­fange abhängl, in welchem Deutschland genügend