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Nr. 176 Drittes Blatt Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

DerTiger".

Eine Unterredung mit Clemenceau. Von unferem Tr.-Äorrcfponbenten.

Die Geschichte George Ctemenceaus ist die Geschick).e d^r Dritten Republik. Sein öffentliches Auftreten begann mit der Riederlage Frankreichs durch die Deutschen im Jahre 1871 und endete nach Abschluß des Waffenstillstandes, als Frank- .reich Clsaß-Lothringen zugefallen war. Es gibt wohl nur wenige Manner, die ähnlich reiche Er­fahrungen fammeln konnten wie Clemerieeau, oder die mehr Rollen auf der Weltbühne spielten als er. Journalist, Dramatiker, Staatsmann, Lehrer und Autor, ist Clemenceau, der jetzt 86jährige, sicher einer der bedeutendsten Männer, die Frank­reich in den letzten hundert Jahren geboren hat, und obwohl seine Ansichten eigentlich die einer vergangenen Generation sind, und er seit seinem Rückzug vom öffentlichen Leben im Jahre 1919 nicht mehr aktiv an der Lösung der Probleme des heutigen Tages mitgearbeitet hat, horcht man auch heute noch auf, wenn die Stimme des Tigers" ertönt. Unmittelbar bevor er erkrankte, wurde ich von Clemenceau in seinem Hause in der Rue Franklin (Passy) empfangen. Ich werde niemals -den Eindruck vergessen, den sein außer­ordentlich beweglicher Geist und sein Charme auf mich gemacht haben. Um mich herum standen zahllose Bücher auf den überall angebrachten Bücherborden, und in jeder freien Ecke und an den Wänden hingen moderne Bilder und Ab­bildungen aus Griechenland und Italien. Dor einem hufeisenförmigen Tisch sah Clemenceau, dürr aber.aufrecht, ein schwarzes Käppchen auf dem Kopf. Sein pergamentartiges Gesicht läßt ihn fast mit dem Aussehen eines chinesischen Götzen vergleichen. Lebhaftigkeit, Genialität, Humor, Witz, beißende Ironie und philosophische Abgeklärtheit, verbunden mit dem Individualis­mus eines starken Temperaments, das find die hervorstechendsten Eindrücke, die ich bei meiner Unterredung mit diesem alten Manne von ihm empfangen habe. George Clemenceau ist ein gro­ßer Patriot, und nach seiner Ansicht ist Patrio­tismus eine der wichtigsten menschlichen Eigen­schaften überhaupt.

Ich kenne nur eine Partei," sagt er,das ist Frankreich. Das Vaterland ist der le­bende Rahmen unserer Gedanken und der Im­puls für alles, was uns vom Tage unserer Ge­burt bis zu unserem Tode bewegt." Und wenn die Liebe zum Vaterlande die oberste Tugend ist, so ist mit ihr verbunden das, was ©lemenceau patriotischen Egoismus nennt.Selbst individueller Egoismus wird, wenn er nur in annehmbarer und gemäßigter Form zutage tritt, sicher der Wohlfahrt des Ganzen dienen, aber patriotischer Egoismus vollbringt Heldentaten und Stundet zum Heil der Welt."

Seine Auffassung vom Leben ist stark indi­vidualistisch eingestellt.Das Recht des Stärkeren wird immer herrschen und niemand kann Vorhersagen, wo ihm eine Grenze gesetzt wird. MoncvHie, Oligarchie und Demokratie sind nichts als Phasen dieses Rechts, Phasen, die un­vermeidlich eines Tages durch andere erseht wer­den." Und nochmals.Erfolg haben lediglich die stark individuellen Daturen. Damit meine ich, der Mann muß wissen, was er will, und er muß genügend Energie haben, nicht nur zu sagen, t=«8 er für nötig hält, sondern auch um seinen Willen durchzusetzen." Voraussetzun­gen für den Erfolg, erKärt Clemenceau, sind ferner Aufrichtigkeit und Beharrlichkeit.

Wenn Sie andere Leute überzeugen wollen, müssen Sie sich erst selbst überzeugt haben. Er­folg haben nur diejenigen, welche überzeugt sind, daß sie gewinnen werden, die stets darauf vor­bereitet sind zu kämpfen und die nie die Hoffnung verlieren." Rach dem Tiger ist jedoch der Er­folg oft erst nach schlimmen Rückschlägen errungen worden, und auch dann nur, weil 'der Besiegte nicht den Mut verloren und sich nicht dem Schick­sal unterworfen hatte.Es ist besser, man er­ringt den Triumph nicht zu leicht, weil man dann weniger geneigt ist, sich auf feinen Lorbeeren auszurußen. Viele, die den Erfolg gekannt haben, mußten später erleben, wie dieser Erfolg sich in Staub verwandelte. Die zeitweise Besiegten, so­weit sie nur nicht an die Unabänderlichkeit ihrer RiedeÄage glauben, finden Trost in dem Ge- Geld und Erfahrung

Novelle von Max E y t h.

3 Forifetzung. Nachdruck verboten.

Ich befriedigte feine Neugierde.

Wir schüttelten uns heftig die Hände, während ich mich zum Fortgehen anschickte.Mister Law- rencens Bruder" gefiel mir, obgleich mir noch nicht ganz klar war, was ich aus ihm machen sollte. Jedenfalls war er ein lebender Beweis der Zuträg­lichkeit des Klimas von Louisiana, über das man mir in der Ferne viel Böses gesagt hatte. Sein brei­tes Gesicht lachte harmlos, feine Aeuglein blinzelten listig hinter den roten Wangen und unter den strup­pigen weißen Augenbrauen. Ein kindlicher Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten des menschlichen Fortschritts schien der leitende Gedanke, die Poesie sei­nes Lebens zu sein und ihn häufig, nach Art der Poesie, in etwas nebelhafte Regionen zu entführen. Wenn jedoch von Dollars die Rede war, hatte er plötzlich festen Grund unter den Füßen. Er hoffte, mich wie- der^ufehen. Wenn mein Dampfpflug ankäme, wolle er der erste sein, der seinen Ruhm in der Crescent City verkündige. Und seinen Bruder wollte er rnit- bringen!Sie wissen, wir haben dreitausend Acker Land in Zucker. Das ist kein Kinderspiel ein Jahr nach dem Krieg, wenn alles die Arme hängen läßt und die verfluchten Reisesäckler dem Süden den letz­ten Blutstropfen aussaugen. General Longstreet, sagten Sie? Sie gehen zu General Longstreet? Das 'st ein Mann, wie e$ sein soll, Mister Eyth, unser bester Soldat und heute der ehrlichste Baumwoll­makler in ganz Louisiana. Ich werde Sie begleiten. Cs ist mir eine Ehre, Sie zu General Longstreet Zu begleiten."

Pallen Sie auf!" flüsterte mir Schmettkow zu, per fid/s zur Lebensaufgabe gemacht zu haben schien, mich vor den üblichen Gefahren des Landes zu schützen.

Dann gingen wir in die glühende Helle der Kanalstraße hinaus.

(Eine Generalversammlung.

Die Geschäftszimmer der Firma Longstreet, Da>cn & Co. in der Jacksonstraße bestanden aus zwei geräumigen, Hellen Gemächern mit dem

danken, daß sie sich einst wieder erheben können zum nochmaligen Kamps um Sieg oder Rieder­lage je nachdem das Schicksal beschlossen hat."

ist überzeugt von dem Werte ßarter Arbeit und erklärt, daß ohne dauernde Anstrengungen und schwierige Arbeitsleistung nie­mand etwas wirklich Lieberragendes vollbringen kann. Ec ist jedoch der Ansicht, daß Arbeit wie Tugend ihren Lohn nur in sich selbst finden. Gegen die Undankbarkeit von Menschen und Königen zu eifern, ist Ze.taerschwendung und eit­les Beginnen,' der Mensch, der es fertig bringt, sein ßebtn einer großen Sache zu weihen, soll nicht lleinl.ch sein und Dankbarkeit erwarten von den Menschen, die von seinen Taten den Rutzen gehabt haben."

Aeber die politische Fragen möchte er sich nur ungern äußern, da er sich ja seit langem vom politischen Leben zurückgezogen habe und weil so­viel Jahre an seinem Haupte vorübergezogen seien.Ich bin so gut wie bereits verstorben, ich kann nur noch meinen Erinnerungen leben." Wenn alle Völker sich darüber klar wären, wie eng miteinander verwandt und verbunden sie sind, so würden die Fürsprecher des Friedens mehr Anhänger haben als die des Krieges." Und dann: Hm die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft richtig einzuschä^en, wird es unumgänglich fein, die Vergangenheit zu betrachten. Je mehr es uns gelingt, das Leben der Großen zu verstehen, die vor uns gewesen sind, um so leichter wird es uns möglich fein, die Forderungen der Gegenwart zu erfassen. Studieren S.e die Geschichte aller Zeiten, wenn Sie die Zukunft Voraussagen wollen. Ich glaube an große Männer, denn i? allein bestimmen den Laus der Geschichte. Hat es jemals eine Körperschaft gegeben, die das menschliche Wissen in gleichem Maße bereichert hat, wie es beispielsweise Pasteur g&an hat? Gute Bücher zu lesen und sich erhebenden Gedanken h'.nzugeben, ist weit nützlicher, meiner Meinung nach, als seine Energie an die vielen Trivialitäten zu verschwen­den, die den Modemenschen beschäftigen. Laßt uns streben und nach Wahrheit suchen das heißt, versuchen, alle Irrtümer auszuschalten.

Eine Aussprache mit Clemenceau ist ein großes geistiges Vergnügen Seine bezaubernde und schneidende Macht der Rede und Gegenrede ist be­rühmt, auch in seinem eigenen Vaterlande, in dem doch diese Kunst nicht unbekannt ist. L l o h d G e - orge sagte einmal:Herr Clemenceau ist ein Mann, dem man außerordentlich schwer in einer Konferenz entgegentreten kann." Ich glaube, Cle­menceau ist wohl niemals in einem Redekampf weder im öffentlichen noch im privaten Leben der unterliegende Teil gewesen. Folgender Heiner Vorfall sei zum Schluß noch erwähnt als Beispiel für die Feinheit feiner Dialektik: ©fernen» mcnceau sandte vor einiger Zeit an den Abt eines Klosters, dessen Garten er von seinem Studien­zimmer überblicken kann, ein Schreiben, in dem er anfragte, ob es nicht möglich sei, einen Daum zu fällen, der seine Aussicht störe. Als die Mönche seine Ditte erfüllten, sandte er dem Abt einen Dankesbrief, der mit folgenden Worten begann: »Mon p&re, - Je ne connais pas votre nom, mais puis vous appeler Pfcre puisque c'est ä vous que je dois le jour.....0

ES scheint beinahe: Jedes Jahr wird der Tiger" ein Jahr jünger und besitzt eine Pranke mehr.

Die russische Schlappe in China.

Don unserem 8-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenl)

Moskau, Juli 1927.

Rußland hat in China eine Schlappe erlitten. Die Emissäre der Sowjets haben zum größten Teil chinesisches Gebiet bereits verlassen müssen, und es kann kaum daran gezweifelt werden, daß in weni­gen Monaten, ja vielleicht auch nur Wochen, fast alles, was im Auftrage des Außenkommisfariats oder der Komintern im fernen Osten tätig gewesen ist, sich wieder auf sowjetrussischem Boden befinden wird, ober sich in China verborgen halten muß. Alle größeren Machthaber der chinesischen Revolution sind gegen die Sowjets eingenommen, und selbst Leute wie Feng, der bekannte christliche General, der eine Zeitlang geradezu als Vorkämpfer der Sowjets in China von der angelsächsischen Presse freundlichen Ausblick auf einen etwas verwilderten Garten, in dem Palmetten, Kaktusbirnen und Aloes in der weißen Vormittagssonne fchiinmerten. Er mußte vor fünf Jahren ein prachtvolles Bild süd­licher Pflanzenüppigkeit geboten haben. Jetzt schien er sich selbst überlassen zu sein, und seine Lianen machten ernstlich Anstalt, über das Haus weazu- kriechen, inn sich dessen Straßenfront anzusehen. Im äußeren, größeren Zimmer hausten die zwei jungen Owen, von denen der eine Major, der an­dere Kapitän genannt wurde. Dies waren sichllich keine bloßen Ehrentitel: der Major hinkte infolge eines Schusses im Bein, der Kapitän hatte einen tie­fen Säbelhieb in der im übrigen rosigen Wange. Das zweite, kleinere Gelaß war das Geschäftszimmer des Generals Longstreet, den Freund und Feind im Süden mit sichtlicher Hochachtung die rechte Hand des Generals Lee zu nennen pflegten, seitdem Long­street selbst nur noch eine linke hatte. Seine eigne Rechte lag auf dem Schlachtfeld bei Chattanooga be­graben. Alle drei waren jetzt ehrsame Baumwoll­makler und Generalagenten für alles mögliche, was der Süden brauchen oder nicht brauchen konnte auch für unsere Dampfpslüge. Ich selbst bin ein Mann des Friedens, und als mich der junge Owen mit der liebenswürdigen Höflichkeit des Südländers bat, ein wenig zu warten, da sich General Beaure­gard und General Taylor augenblicklich bei General Longstreet befänden, wurde es mir doch etwas schwül in dieser kriegerischen Umgebung, trotz der Baumwollproben, die auf allen Tischen und Ge­simsen umherstanden. Doch so ist nun einmal das amerikanische Leben. Gestern standen die drei Män­ner, die im Nebenzimmer das Sinken der Baum­wollpreise besprachen, an der Spitze von Armeen und schrieben in olutigen Schriftzügen an der Ge­schichte der Neuen Welt. Beauregard hatte zur Er­öffnung des großen Bürgerkriegs die ersten Schüsse bei Fort Sumter abgefeuert, Taylor war vier blu­tige Jahre lang der Soldatenliebling aller Damen Louisianas gewesen, und Longstreet, eine mächtige, echt ritterliche Gestalt, hatte bis zum bitteren Ende beim Appomatox-Courthouse mit seiner verstümmel­ten Rechten an der Seite seines großen Chefs ge­fochten, wobei ihm die beiden Owen als feine per­sönlichen Adjutanten zur Seite standen.. Der Kapi­tän hatte mir schon davon erzählt, wie es ihm und den Tausenden feiner halbverhungerten und halb­

oerschrien wurde, sind von Rußland, oder zum min­desten der Komintern abgefallen. Zwar existiert noch immer die auf Befehl der Moskauer Internationale gegründete Chinesische Kommunistische Partei und auch die H a n k a u r c g i e r u n g hat trotz aller ge­genteiligen Behauptungen noch nicht das Feld ge­räumt, aber die Fortexistenz der Hankauregierung ist zweifellos nur noch eine Frage von Tagen, und die Chinesische Kommunistische Partei ist ohne Ein­fluß eine Gründung vonOffizieren" ohneSol­daten". Allein die von Moskau gestellten Propagan­disten, die von den Chinesen immer noch geschätzt werden, sind im Lande geblieben, und vereinzelte Gewerkschaftsführer, die, fern vom eigentlichen Kampfgebiet,die Proletarier Chinas in der Ißelt- reoolution unterrichten", mögen noch einen Einfluß Moskaus barfteUen, der auch weiterhin wirksam bleiben wird.

Das aber ist auch alles, was von dem großen, russischen Programm in China übrig geblieben ist. Sonst was auch immer die Engländer behaupten mögen ist f a st nichtsRotes" mehr an der chinesischen Revolution, und selbst ein Teil der Mos­kauer Presse ist heute dazu bereit, ganz offen die Schlappe der kommunistischen Politik in China ein- zugestehen. Der Nationalismus hat ge­siegt, der Sozialismus hat sich nicht verwirklichen lassen trotz allem, was an Menschen, Geld und geistiger Energie durch die Komintern aufgewandt wurde. Einzelne Komifsäre verkünden denn auch, wenn auch vielleicht mit etwas künstlicher Gleich­gültigkeit, daß China Rußland nicht mehr inter­essiere, und nur einzelne fanatische Theoretiker hal­ten auch weiterhin in der Oefsentlichkeit daran fest, daß die Weltrevolution in China möglich bleibe und daß die Aussichten Rußlands noch nicht erschöpft seien. Aber diesen Dingen schenkt man im allgemei­nen wenig Glauben. Was besagt es» wenn die chine­sischen Bauern für den Sowjetstaat fein sollen, wenn die Ergänzung, nämlich die Arbeiter, nicht da­für sind? Aufforderungen, wie diejenige Trotzkis, der dem Rat der Volkskommissare vorschlug, auch in China eine Sowjetregierung zu bilden und Tiraden Radeks, der immer noch nicht die Hoffnung aufge­geben hat, in seinem orientalischen Institut die Asia­ten für die Weltrevolution zu schulen, wirken als Bluff, wenn sie ernst gemeint sind, ober als Lä­cherlichkeiten. Besonbers, wenn nun mit einemmal erklärt wirb, bah nicht China, sonbern Indien dasjenige Land sei, das am ehestenreif für die Weltrevolution" sei....

Diese Ungewißheit der Stimmung in Moskau in bezug auf die chinesischen Angelegenheiten, die natürlich an sich durch den Streit mit England und die innerpolitischen Ereignisse zurzeit einigermaßen in den Hintergrund gedrängt werden, darf jedoch nicht den Eindruck erwecken, als ob die Sowjetleute sich der Konsequenz und der Ursachen der Niederlage ihrer Politik in China nicht bewußt wären. Im Gegenteil, man kann geradezu annehmen, daß z. B. u. a. die Festigung der Stellung des Außenkommis- sars Tsck)itscherin, dessen Sturz eine Zeitlang drohender gewesen ist, als dies Europa ahnte, dar­auf zurückgeführt werden muß, daß Tschitscherin den asiatischen Dingen immer mit einer gewissen, aller­dings nur sehr vorsichtig geäußerten Skepsis gegen- übergeftanben hat und auch während der scheinbaren Erfolge in China immerwestlich" orientiert geblie­ben ist. Er hat es nun natürlich leicht, sich für Ak­tivität in Europa und Zurückhaltung in China ein- zusetzen.

Immerhin ist es intereffant, auch aus dem Munde von Augenzeugen der kommunistischen Betätigung In China zu hören, wie wenig die Voraänge in diesem Lande dem entsprechen, was die russische ober auch die englische Presse geschrieben hat. Hiernach sinb die chinesischen Generäle in ber Tat meist nicht viel mehr als bessere Abenteuerer unb Laubs- knechtsführer, die ben Bürgerkrieg und bie chine­sische Revolution als eine Art besonberen Geschäftes, nicht aber als eine politische, ober gar als eine na­tionale Angelegenheit ansehen. Sie sind abhängig von den chinesischen Kapitalisten, d. h. den chinesi­schen Finanziers und Großkaufleuten, die, zumeist in Amerika erzogen, sich für Demokratie und Mon­roedoktrin auf amerikanische Att einsetzen, und für diese Zwecke bereit sind, ansehnliche Summen zu opfern, die sie nach der Befreiung Chinas von den ungleichen Verträgen wieder hereinzubringen hoffen. Deshalb nehmen bie Generäle Nieberlagen auch nicht übertrieben ernst, solange sie ihnen nicht Kopf unb Kragen kosten, sonbern betrachten solche Ereig-

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verbluteten Kamerabcn am Abend bei ber Lkbergabe ber Armee, bie ben furchtbaren Krieg beenbefe, zu- mute gewesen war, wie ihm unb allen anbern eine Zentnerlast vom Herzen gefallen sei, an ber sie seit Monaten geschleppt hatten, unb wie er in ber näch­sten halben Stunbe sein armes, halbtotes Pferb um zweiunbbreißigtausenb Dollar in fonföberiertem Pa­piergelb verkauft unb ein Paar Stiefel um vierhun- bertachtzig Dollar gekauft habe. So ftanb es bamals um Stiefel, Pferbe unb Gelb. Etwas besser roars nun boch schon geworben. Taylor war Präsident des kleinen versumpften Kanals, der von Neuorleans nach dem Pont Chartriu führt, Beauregard geschäft- licher Leiter einer im Bau begriffenen Bahn nach Texas, Longstreet und feine einstigen Adjutanten Baumwollhändler. Der Major war nicht anwesend. Er sagte mir, sein jüngerer Bruder sei auch in kauf­männischen Dingen noch heute Longstreets rechte Hand. .Lauter rechte Hände', dachte ich, .und doch ist diegroße Sache" schief gegangen.'

Während mein neuer Freund Lawrence sofort in lebhaftem Gespräch mit dem jungen Owen feine Zuckertüten aus der Tasche holte, sie auf ben Tisch schüttete unb ihn für bie herrlichen Kristalle ber Magnoliaplantage zu begeistern suchte, öffnete sich die Türe des Nebenzimmers, und Longstreets brei­tes, treuherziges Soldatengesicht winkte mir zu, ein­zutreten. Die beiden andern Heerführer standen um ein Tischchen unb zupften mit jener langsamen, sachverständigen Handbeweguny Baumwollflocken auseinander, die bewies, daß sie wußten, was sie taten. Jedes Gewerbe hat gewiße zünfttge Bewe­gungen, an denen sich die Eingeweihten sofort er­kennen: man weiß, wie der richtige Getreidehändler das Korn von der einen Hand in die andre rollen läßt, der Zuckersieder ben zähflüssigen Zucker zwi- schen Daumen unb Zeigefinger ausfpinnt unb ber Gastwirt seinen Kaviar empfiehlt, indem er Dau­men unb Zeigefinger zusammenbrückt unb mit halb­geschloffenen Augen ben Munb zuspitzt, als ob er küssen ober pfeifen wollte. So wußte ich nun auch, daß sämtliche brei Generale aus Familien stamm­ten, bie große Baumwollplantagen besessen hatten.

Longstreet stellte mich vor:Herr Eyth. Inge­nieur unb Vertreter ber berühmten Firma Fowler unb Co. aus Leeds in England; Herr Eyth ift im Begriff, ©entfernen, einen Ersatz für unsre Neger in Louisiana einzuführen, so daß die farbigen ©ent-

Samstag, 30. Juli <927

niffe als eine Art Zwangsliquidation ihres Geschäf­tes. Die sie andererseits aber nicht einmal allzusehr befürchten, da sie entweder in den gesicherten Kon­zessionen der Fremden ober in Japan genügend Geldmittel beiseite gebracht haben, um sich als Mil­lionär zur Ruhe zu setzen! Nur ber General Feng- yusiang und der General Tschiang-kaischek sind Ausnahmen von dieser Regel, da beide aufrich­tige Parivten sind und sich für die ©inigimg ganz Chinas einsetzen. Aber auch sie sind eben "von ihren kapitalistischen Landsleuten abhängig.

Verständlich daher, daß zunächst," als die Russen Geld und Waffen brachten, alle Leute mit ihnen sein wollte». Begreiflich auch, baß die Chine­sen, insbesondere soweit sie national gesinnt waren, begeistert waren von ber Organisation ber Pro- paganba, bie ihnen bie Moskauer Instruktoren brachten. Denn dieses Aufgebot von Massen, dieser geistige Drill einer großen Quantität Mensch mar bas, was man bisher noch nicht gekannt halte, da bie Klassenunterschiede in China immer noch zu groß sind unb bie eigentliche Demokratie ben Chinesen noch heute unverstänblich ist. Aber bicse Duldung der Sowjetpropaganda war für die Drahtzieher hinter den Kulissen immer nur Mittel zum Zweck, soweit es ben Krieg gegen ben Norden, soweit cs den Kampf gegen England und Japan galt. Von einer Revolutionierung oder gar einer S o - zialisieruna Chinas waren die Freunde der Masfenpropaganda weit entfernt weil da­bei die führenden kapitalistischen Kreise nur zu ver­lieren gehabt hätten. Und erst recht mußte es zum Bruch zwischen den Generälen unb der Sowjet- emissären in bem Augenblick kommen, in dc.n diese, aus Befehl ber Moskauer Komintern, die Sold - ten zu politisieren ober gar zu bolschewisieren such­ten, trotz aller Warnungen, die nach Mo:lau gesandt wurden und trotz des Hinweises ber Generale, baß sie sich wohl besiegen ließen, aber nicht sich durch meuternde Truppen absetzen zu lassen qebächlen'

Deshalb ist cs albern, wenn bie Moskauer Presse nunmehr auf kommunistischen Befehl von einem Verrat Tschiang-kaischeks, einem Verrat Feng- nüfiangs, usw. spricht. Denn es hat sich in allen Fällen nur barum gehanbelt, baß bie russischen Be­rater bas ausbrücklich ober stillschweigenb geschlossene Uebereinfommen brachen, bas Propaganda erlaubte, aber Sozialismus verbot! Ebenso ist es aber auch töricht, wenn die Moskauer neuerdings in gelegent­lichen Revolten der Bauern gegen die Soldateska, eine revolutionäre Bewegung sehen wollen denn es ist auch das nur eine menschliche (unb menschlich verständliche!) Haltung, einer sowieso schon allzu armen Bevölkerung, die sich die bare Lebensnotdurft von den Soldaten nicht abnehmen lassen kann, ohne in wenigen Wochen mit Sicherheit Hungers zu ster­ben. Wie vielleicht überhaupt der Grundfehler der ganzen Moskauer Politik in China der sein mag, daß man im Kreml allzuoft vergessen hat, daß b <. Chinesen normale Menschen mit normalen Empfin­dungen sind, die noch nicht burch den überspann­ten Doktrinarismus einer utopischen Heilslehre blind fiegenüber den Erfordernissen des Lebens geworden inb.

Wirtschaft.

Wochenbericht von der Frankfurter Börse. Am Effektenmarkt war in dieser Woche die Lustlosigkeit und Zurückhaltung wieder sehr groß. Viele Börsenbesucher sind In ben Ferien, so baß schon deshalb bas Geschäft einen engeren Rahmen hatte, aber vor allem litt die Geschäftstätigkeit stark unter fortdauerndem Mangel an Aufträgen aus bem pri­vaten Publikum. Der Drbercingang ift weiter so minimal, baß auch bie Spekulation halb keine Nei­gung mehr zeigte, sich stärker zu engagieren. Aus ber Jnbustrie lagen verschiebene günstige Melbungen vor, so von ber ft eigen ben Kohlenförde­rung i m Ruhrgebiet unb bem Rückgang ber Fei erschicbten, von ber Abnahme ber oberschlesischen Kohlenbestänbe. Die Waggongestel- lung bei der Reichsbahn ift wieder gestiegen und die Zahl der Erwerbslosen nimmt weiter ab. Doch alle diese Zeichen einer ständig steigenden inne­ren Konjunkturbelebung vermochten die Stimmung an der Börse nicht zu heben im Hinblick auf die Weiterentwicklung am Geldmarkt. Zwar ist augenblicklich in Frankfurt das Angebot in kurz- friftigem Geld ziemlich groß und auch Termingeld

lernen sich in Zukunft mit größerer Ruhe der Anfer­tigung unsrer neuen Konstitution widmen können." Beauregard, ein schweigsamer Mann mit mei­nen Haaren, machte ein finsteres Gesicht und zeigte keine Lust, auf Longstreets Witzchen einzugehen. Der kleine elastische General Taylor dagegen lachte.

Was hilft das Zähneknirschen, Beauregard?" sagte er munter.Wir sind geschlagen. Darüber ist kein Zweifel. Man muß sehen, wie man sich daran gewöhnt. Waren Sie schon in unserem Abge­ordnetenhaus?" wandte er sich an mich.Dorthin müssen Sie gehen. Alles schwarz. So etwas hat man nicht gesehen, feit sich ber Erdball um die Sonne dreht. Mein Plantagenhufschmied, der mich seinerzeit dreizehnhundert Dollar kostete, ist erster Schriftführer. Aber reden sollten Sie den Mann hören! Alle sechs Wochen erhöhen die Herren in namentlicher Abstimmung ihre Taaegelder. Bis jetzt war dies ihre einzige gesetzgeberische Tätigkeit. Aber reden muß man sie hören. 0 Jerusalems . . .

Mittlerweile müssen wir jetzt danach sehen, wie man Maulesel beschlägt," meinte Longstreet.und den Boden aufreißt, Kanalschiffe durch die alten Swamps schleppt und Schienen im Sand von Texas begräbt. Das ist Beauregards Spezialität. Sie also wollen uns pflügen helfen, Herr Eyth?"

Ich hoffe so, General", antwortete ich mit er­wachender Zuversicht und fühlte mich ben brei Hel­den bes großen Bürgerkriegs mit jeber Minute menschlich näher.Der Dampf hat schon größere Schwierigkeiten überrounben."

"Sie scheinen einen guten Glauben an ben Dampf zu haben", meinte Beauregarb grimmig. Bor fünf Jahren ging mir's ähnlich: mit bem Pul- oerbampf!"

Wenn einmal bie erste Lokomotive über feine .Texasstranblinie' läuft, wirb fein Glaube wieder febenbig werben", sagte Taylor tröftenb.Nehmen Sie ihm ein paar hunbert Aktien ab, Herr Eyth, wenn Sie ben alten Bären lachen sehen wollen. Ich habe leider mit dem größeren Teil meines Ver­mögens meinen Salon tapezieren lassen: alles echte fonföberierte Tausenbbollarnoten, bie bie Pankees für uns fabrizierten. Das müssen Sie sich ansehen, ehe Sie uns verlassen. Verstehen Sic etwas von Kanalschiffahrt? Ich nicht; unb ein unbehagliches Gefühl ist es für einen Soldaten und Kanaldirektor.*

(Fortsetzung folgt)