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Nr. 150 Sechstes Blatt

Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

vonnerstag, 50. Zvni 1927

Das ukrainische Problem.

Don unserem -t.-Ber.cht«rstatter.

(Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten!) Odessa. Juni 1927.

In der Ukraine, die Iahchunderte lang das Heist umstrittene Kampfvbjekt zw-fchen Rußland und Polen bildete, hat die nationale De- wegung lange im Verborgenen geblüht. Don der -ar-.lchen Regierung w-e7erholt unterdrückt.

ftc n.emalS goru zum Eriö'chen gebracht. Nachdem 1863 die These ausgestellt war.rt gibt kein ukranisches Volk und es darf keins Jieben!" wurde die Unterdrückung besonders chlimm. Cd konnte man in der Tat d.e Ober­schicht restlo« rulsifizieren und die ukratni'ch« Sprache zu einem Dauerdialekt hcrabdrücken. Otter diese Grundlag blieb und entfachte noch der Revolution von 1935 eine neue Bewegung, als sich der au» 50 DMavedern bestehende Ukrainische 61 ub bildete. Einen noch stärkeren Anstost gab der Weltkrieg In Lemberg bildet- Ud) damals der ..Bund zur Befreiung der Ukraine", und schon 1917 konnte bet ukramlche Rattonalkongrest mck dem Ziele der politischen Autonomie des Londes hervorireten. ,

Der Bolschewismus brachte einen voll.gen Umschwung der Derhällniss«. In der auS zahl­reichen grosten und kleinen Republiken gebildeten Sowjetunion wurde den Ukrainern da» zugcslar.» den, wa» sie Jahrhunderte lang vergeblich er- strebt hotten, di« national« und kultu­rell e Autonomie. Wenn nun seit e.nem Jahr sich in der Ukraine trotzdem wieder eine sehr starke separatistische Bewegung be- merkbar macht, so müssen hier Ursachen zugrunde liegen, bei denen das nat.vnale Moment nicht mehr die ausschlaggel'ende Rolle spielt. Diese neue Erscheinung verdient daher .n Deutich.and jedenfalls die ernsteste Beachtung, da ihre Po- litischen Folgen unter Umständen von der größ­ten Bedeutung sein könnten.

Die sogenannten Samostrintki (Separa­tisten). die rm schroffsten Gegensah »um kommu- nistischen Zentralsowict in Kiew stehen und die seit dem Frühling zahlr .che Aufrufe im ganzen Land verbreitet Haden, können chre Tat gleit wie in der Zarenzeit natürlich nur im geheimen entfalten. D.e Ende März In Kiew erfolgte Der- Haftung von 60 Separatisten stand im Zusammen­hang mit einigen Erlassen der kommunistischen Partei in K.ew. die einen scharfen Kampf gegen alle separatistischen Bestrebungen ankündig tm. Die Derhasteten gehörten zum Seil der politt- schon Gruppe an. die sich um den Professor Hunuschewskv geschart hat. den bekannten Lem­berger Historiker und geistigen Führer der ukrai­nischen Bewegung. , ., ,

Bei den Schwierigkeiten. die die polnische Regierung mit ihren Minderheiten, den Weistruslen unb Ukrainern, durchzukämpfen hat. ist es begreiflich, dah man in Polen alle Dor- flänge in der Ukraine mit gespannter Aufmerk, amkeit beobachtet. So wustte auch ein polnisches Blatt alS einzige Zeitung viele Einzelheiten über daS gut organisierte und schon die weitesten Kreise der Bevölkerung umsassende ukrainische Rationalkomitee" zu berichten. Die er­mähnten Aufrufe diese- Komitee» bezeichnen die ukrainische Sowjetregierung inKiew als eineDeistel in der Hand Moskaus und richten vor allem die heftigsten Angriffe gegen daS ganze Wirt- s ch a f t - s y st e m der bolschewistischen Regierung.

Dieses System bezeichnen sie - gewist sehr mit | Recht als eine Berschwendung des ukrainischen Dolksvermögens Zu­gunsten einer internat vna'.en Revolution. ?

Bewegung ist denn auch sowohl ar.tibvl'chew.stifch wie überhaupt antirutt.ich.

Auf dem ukranifchen Kongrest. der m April in Eharkow ftattfand. bemühten L4) d.e Kom ­missare des Kiewer Sowjet- oergebi.ch die'« Tatsache in Abred« zu stellen. Sic muf ten< i cst- l'ch doch zugeben, dast in der Ulrc.nc etwa- vorgehe", wa» die Sowjetregierung n.cht ge­statten könne. Weitere Berhastung-n von Se­paratisten sind noch rm Mai urb vor allem nach der Zuspitzung de» innerpolititchen Kampfes der Sowjet», nach der Wiederau!rchtung der Po­litik des Terrors hn Juni erfolgt

Es ist sicher, dast heute di« wirtschaft­lichen Fragen b«i dieser Bewegung tue Hauptrolle spielen. Denn di'.rch den radikale.i Staatssozialismus und da» Austenhandels- Monopol w.rd daS ungemein re che Land, di« Kornkammer Ruhlande. rarfächl ch wirt­schaftlich abgewürgt. DaS Urteil über den Wert oder Unwert der durch d.e Bolschewisten weingstens dem Ramen md) geschaffenen na­tionalen Autonomie der Ulram? ist fehr ver­schieden. Wan kann das Borhandenlein e.-.-t gewissen Selbständigke.t n.cht leugnen und d.e Freiheiten der Ukraine sind wirklich n.cht so ganz nebensächlich, wie es d.e Emigranten und ihre Zentrale in Part» behaupten. Einig aber sind sich alle Ukrainer in der Berurieilung eine» Zustande», unter dem das Ho^.tprodulr der Ukra ne. der We izen, zum grvi ten Te.l nach WoSkau geliefert werden muh. wahrer.d man ihn früher mit grosten Gewnnen direkt nach der Levante. Italien. England und Deutschland ausführte. Der katastrophale Riedergang der Häfen de» Schwarzen Meeres zeugt mit e.n- br.nglichen Zahlen von diesem wirtschaftlichen Bankerott des Lande», da» diesen Häsen Be­schäftigung gab. Logischerweise würde, wenn Sowjetruhland seine Wrstchaftsmetfekchen nicht völlig umstellt, di« vollständig« Los­lösung der Ukraine von Sowjetruhland wirk­lich zu einer Lebensfrage für dieses Land.

Dorläufig freilich erscheint eine solche radi­kale Abtrennung bet Ukraine au» eigener Kraft ganz ausgeschlossen Sie wäre eigentlich nur denkbar, wenn Sowjetruhland in einen un­glücklichen Krieg mit Polen und Rumänien ver­wickelt würde. Aber einer der wesentlichsten Gründe für öic auffällig friedfertige Hal­tung der Sowjetunion feit der Ermordung Woi- kowS ist eben gerade da» ukrainische Problem. Die rote ukrainische Armee soll angeb­lich 300 000 Hlann stark sein, aber sie ist so wenig zuverlässig, dah bedeutende Teile dieser Truppen wegen ihrer Teilnahme an der separatistischen Be­wegung nach Zentralruhland disloziert, oder so­gar völlig ausgelöst werden muhten. Man sieht deutlich die inneren Gefahren eine» Kriege» an dieser Grenze! Und eS leuchtet ein. warum plötz­lich so viele Länder, vor allem England, ein auf­fällige» Interesse an diesem Lande bekunden.

Erfolgt aber einmal wirklich eine völlige Abtrennung der Ukraine, dann mühte die» Aus­wirkungen von einschneidender Bedeutung jur Folge haben Zunächst würden die im Süden der Ukraine gelegenen Republiken in Taurien und Kaukasien automatisch dem Beispiele dcr Ukraine folgen. Sin Uebergreifen der Absplitterung»- bewegung auf Mittelasien wäre nicht zu verhin­

dern da dort schon jetzt bi« Cnmmung gegen d.e Borherrschafr Moskaus immer mehr zunimmt. SS .st viel zu wenig beachtet worden, dah kürz­lich sogar in Buchara e.nige Separatisten hin- ger otet worben hnb! Und wa» da» uer.QC Wien aiuangt, so besteht »war ttv.'chen Sowretrustland. der Türkei und zum teil auch Pers.en «m recht gutes E.noern.hmen. doch '.st für d.ese bei­den orientalischen Länder d.e Ukraine bas al­lein Wichtige Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, bah e.ne Al'tre-.nu.'.g der Ukraine, so groh d.e Schwieriakeiten. d.e ihr entgegen- stehen heute auch noch sind, doch einen Zerfall und einen Zusammenbruch des gewaltigen eure- pärsch-afiat.ichen Bundesstaates zur Fo ge Hüne wenn diese Abtrennung einmal zur Tatsache wird.

Amtsgericht Gießen.

* Gi« st «n, 25. Juni. Streitigkeiten zwischen zwei Familien aus Watzenborn-Stein- bera bildeten den Gegenstand der b.-utigen Ber- handlung. Rachbarskmder, darunter auch eins der Frau W sollen den I.. bet in fernem Be­ruf öfter Rachtbienst hat unb in solchen Fällen deshalb am Tag zu schlafen pflegt, dadurch ab- ch im S-.

C:< ncn gegen das Fenster warfen, an die Wand klopften und ähnt.chen Unfug trieben. Daraufhin beschwert« sich 3. bei dem Lehrer Als bi« Frau W. die» erfuhr und von ihrem Kind hörte, I. habe sowohl bas Krnd wie auch Frau W. fsch.mpst und auch von Schiehen gesprochen.

agte sie mit Bezug auf 3.:Ich kann meine Kinder noch bei die Leute schicken, he haben noch n.cht» gestohlen-. Auch rief sie zum Fenster ihrer Wohnung hinau» dem 3. zu:Einen schönen Burschen haben wir dahingekriegt". Ferner sagte sie zu ihrem Jungen: ..Hans, geh' weg von der schlechten C/e.lkbaft und strafe sie mit Der- a j?hing. In der Aufregung hierüber nannte 3. die 5rau W ..Saumensch" unb schlug mit einem Lattenstück. da» er gerabc in ber Hand hatte, noch ihr. Unglücklicherweise verletzte er sie am Auge. Sie wurde in bi« Augenklinik verbracht und wurde nach acht Tagen al» völlig geheilt entlassen. Der Ehemann W. hat wegen des Vorfalls Klage erhoben. Auch 3. hatte einen Rechtsanwalt mit der Erhebung ber Klage geacn Frau W. wegen bet von ihr geäußerten Belei­digungen beauftragt. 3nsolge de» Tode» beS Anwalts wurde d.e Klage jedoch nicht erhoben, und in ber Zwischenzeit ist die Frist der Stel­lung des Strafantrag» verstrichen. Heute einigten sich bi« Parteien dahin, dah 3. bedauerte, in der Aufregung bi« Frau W. verletzt zu haben. Er übernahm die gesetzlichen Kosten unb zahlt« ein« Buh« von 70 Mk.

Schöffengericht Wetzlar.

Q Drei Reifende aus Oberndorf bzw. Burgsolms hatten sich wegen Urkunden­fälschung in Tateinheit mit Betrug zu verant­worten. Die Angeklagten sollen ihre Arbeit­geberin. eine Wiesbadener Firma, um etwa 150 Mark geschädigt haben, indem sie Bestellzettel mit Unterschriften von Personen versahen, ohne dah diese überhaupt eine Bestellung gemacht hatten. Sie erhielten daraufhin eine Ionen rcdX- mästig nicht zustehende Provision. Zwei der An­gell agten waren geständig, wogegen der dritte angeblich nicht» von den Fälschungen gewuht

haben will und hannäck.g brlintt Das Gericht <ah jedoch auch diesen al» überführt an und verurteilt« b-.c edieren zu je einem Monat Gefängnis unter Bewilligung e.ner Be­währungsfrist von drei Jahren und Auferlegung einer Geldbusse von je 10? Mk den letzteren zu drei Monaten Gefängnis ohne Be­währungsfrist.

Gm Herborner Einwohner kam nachts vom Kavallerist entag in Gies»en in angeheitrr- lern Zustand in fein Hcimatstädtchm zurück An­scheinend must chn dort der Durst sehr geplagt haben, denn er veduchte am Herbonirr Martt- p.atz aus einem Ziehbrunnen fernen Durst zu stillen. Doch das Oluge des Gesetzes wachte. Ein Polizeibeamler kam hinzu und wollte den

sich aber in der Annahme, es fbunte ihm nie­mand verwehren feier feinen Durst zu ihnen. Di. Folge war «ine AnNage wegen Widerstandes, die n Angellagten 2 ? Mark Gel dstrase «vtl. vier Taae Gefängnis einbrachte

Zwei früher aut dem Hvkaut Altenberg in Stellung gewesene. In der Rähe von Fried­berg beheimatete Meller hatten sich Uvgen eines im Jahre 1922 begangenen Diebstahls zu verantworten. Die Angeklagten waren lange un- 114)1 bar und sind erst vor einiger Zeit auf einen

f. Z. au» einer Räucherkammer, niKbbfm der e ne vorher da» vorhöngrschiost gewaltsam -uiHnrt hatte, «in Quantum durste gestohlen. Der eme An- feflaflte. der da» cdtlofe erbrochen hatte, erhielt tue« <;en schweren Tiebitablc bie Mmbeststrase von drei Monaten (B c f ä n g n i ». nährend beim andern nur einfacher Diebstahl vorlag. da er sedoch schon einschlägig vorbestraft war, «t sich mithin um einen Rückfall handelte, wurde ihm die gleiche Strafe zudiktiert. (Fin Monat der Untersuchungshaft wurde angerechnet.

Rundfunk-Programm

bei frankfurter EenderS.

(Aus der .Radio-Umschau".)

Freitag, 1. DulL

16,30 biS 17.45: Hausfraucm-Rachmittag. Pre- gramm. .Obst unb Gemüse im Haushalt' Bor- trag von Gartenbauinspektor Lange 17,45 bis 18,05: Die Lesestunde 18.15 bis 18,45: .Was man von der Milch wissen must". Dortrag von Kammerdirektvr Äuranbt von der ßanM.*irt- schaftSkammer für den Regierungsbezirk Wies­baden 18.45 bis 19.15: .Heber Äiiwiin» Eis- selber: Drei Jahre unter kanadischen Eskimos". Bort rag von Ehristtan Leden. 19.20 bis 19.45: Italienischer Sprachunterricht. 20.15 bis 21.15: Uebertragung hon Kassel: Solo-Instrumental- Musik de» Lauten- und GllarrenviNuofen Heino Klein. Lehrer am Städtischen Konservatorium in Osnabrück 21.15 bis 22,15: Uebertragung aus Kassel: .Eine Stunde aus alten Operetten" unter Mitwirkung von Paul Kluge vom Staatstheater Kassel. Anfchllestend bis 0,30: Uebertragung von Kassel: Unterhaltungsmusik____________________

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Beginn: Freitag, den 1. Juli 1927

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