Ur. 228 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 29. September 1927
Genfer Abgesang.
Der Vorhang über dem Genfer Schauspiel M gefallen, lanaer als vier Wochen Hal ftch ®te Weltöffentlichkeit von den Akteuren, die mit mehr oder minder Geschicklichkeit dort auftraten, «Trierhalten lassen. Wenn man aber einmal rück- Ichauend überlegt, was in dieser langen Seit geschehen ist dann hat man ungefähr ine Empfindungen, daß man aus einem Sensattons- stück herauskommt: die Zeit ist angenehm totge- jchlagen, der Ertrag aber gering. Denn das positive dieser Derhandlungswochen liegt «igentlich nur in der Regation. Der ruma- Tnisch-ungarische Streit, der doch auf ixe kürzeste Zormel gebracht, so steht, ob Rumänien' berechtigt lein soll, seine neuen Zwangsuntertanen zu enteignen, nur weil sie Ungarn sind, ist wieder einmal vertagt. Auch die Danz-.ger Sorgen lind nicht geringer geworden: Danz'.g hat einige Hoffnungen mit auf den Weg bekommen, die sich DieNcicht im nächsten Jahre verwi«lichen Kassen. Und im übrigen? Es sind ztoeiReso- lutionen angenonrmen worden, die, was sie «m Klarheit vermissen lassen, durch ihren Umfang amd ihre Länge ersehen.
Diese beiden Entschließungen sind, abgesehen Don dem Eintritt Deutschlands in die Mandats- lommlssion, der eigentliche politische Aiederschlag Der ganzen Tagung. Sie werden nicht viel Weiler helfen, sie sind für Deutschland freilich insofern ein Erfolg, als es gelungen ist, den sorg- sältig vorbereitetenVorstoß, mit dem wir überrannt Derden sollten, abzuwehren und wenigstens einigermaßen dem Völkerbund auf die Linie sefizulegen. die er innehalten mus), wenn er sich -nicht selbst ganz ausschallen will. Die Polen Gatten den Ehrgeiz, auf Umwegen doch zu einer »erträglichen Sicherung ihrer Grenze Durch Deutschland zu kommen und wollten des- Dalb ein Ost-Locarno oder einen Weichsel- Pakt wie sie ihn vorsichtshalber namVen. Aur Dank ihrer Ungeschicklichkeit haben sie d a s S p i e l »erkoren, weil Chamberlain klug genug war, gu merken, dah auch die englischen Machtmittel eingesetzt werden sollten, um den Polen Die Fortführung ihrer größenwahnsinnigen tn- -neren Polittk zu ermöglichen. Ts stellte sich also -ehre natürliche Di-ndesgenossenschaft zw:schen Deutschland und England her, die in diesem Falle sogar auf Driand eine starke Anziehungskraft -auSübte. so daß Polen zurückgepfiffen wurde und Del dem Streit nur eine .Kundgebung gegen den title g“ herauskam, die vielleicht Don Wert gewesen wäre, wenn sie nun wenigstens glatt von der Versammlung angenommen wurde, die aber auch erst in einen Ausschuß abgeschvben wurde, um nachher als ziemlich harmloser Punkt der Tagesordnung im großen Ramsch mit erledigt zu werden
Mit der A b r ü st u n g ist es nicht viel anders gegangen Auch hier endlose Kommis sionsbera- tungen bis die Reimmalweisen schließlich das hohe Kunststück fertig bekommen hatten, die weit auseinander gehenden Auffassungen unter «tuen H u t zu bringen und auf eine ®nti- schließung zu vereinigen, die niemandem wehe chrt, die infolgeDeffen auch nicht allzuviel bedeutet. Snnn-rhin, wir dürfen doch sagen daß hier Deutschland mit fünfzig Prozent allordiert hat -und daß wenigstens ein mittelbarer Fortschritt zu verzeichnen ist. Deutschland hat daS stärkste Interesse daran, daß die Llbrüstung sich -nicht totläust. Sie war auf dem besten Wege dazu nach der Art, wie in der „Vorbereitenden Kommission für die Abrüstungskonferenz" mtt ihr umgesprungen wurde, weil Frankreich es ausgezeichnet verstand. Abrüstung undSicher- heit mi!einander zu verbinden, wie die beiden Figuren eines Wetterhäuschens und jeweils die ! eine oder die andere Puppe herausspringen,zu lassen. Herr Paul-Doncour hatte sich die schöne Theorie zurecht gelegt, daß an Abrüstung erstzudenken fein könne, wenn daSnötige Maß von Sicherheit geschaffen sei und hoffte daß der Völkerbund an dieser Quadratur deS Zirkels sich noch endlose Ze t abmüh.'n wurde, obwohl doch selbst für den größten Laien klar ist daß bei der Lagerimg der militärischen imd politischen Machtverhältnisse in Europa nur eins gefordert werden kann: die Sicherung der Entwaffneten. Die Franzosen dagegen tooll-
ten für die bis zu den Zähnen bewaffneten Staaten noch weiter« Sicherungen von den Entwaffneten, obwohl sie ja zugeben mutzten dah ihr Bedarf an Garantien einigermahen gedeckt sei. Aber ihre armen polnischen Freunde stehen ja immer noch unter dem Druck der deutschen Gefahr. Deshalb muhte das etwas ver- blahte Gespenst des Genfer Protokolls aus der politischen Rumpelkammer wieder herausgeholt werden, mit dem man aber niemandem mehr Schrecken einzujagen vermag.
Die deutsche Delegation hat geschickt operiert. Die Reden, die Herr Dr. Stresemann gehalten hat. verfehlten ihre Wirkung nicht, und so ist wenigstens das eine Ziel erreicht, dah die Verbindung zwischen der Sicherheit und der Abrüstung gelockert ist. Für die Sicherheit ist eine eigene Kommission eingesetzt, die leider von der LLrüstungskommission abhängig ist. Die Frage wird aber besonders behandelt und infolgedessen kann das Tempo der 2lbrü stungsberatun- gen nicht mehr von dem Stand der Sicherheitsfragen abhängig gemacht werden Wir haben
auherdem erreicht, dah eine beliebige Vertagung der Beratungen der Abrüstungskonferenz verhindert ist und dah wenigstens eine Beschleunigung ihrer Arbeiten angestrebt werden soll. Was dabei herauskommt, ist freilich eine Frage der Sufunft, wie ja auch die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen über tie Kriegsschuld- frage, die nur durch die ungeheuerliche Tonart der Gegenseite ihre scharfen Formen angenommen haben, zeigten, dah wir trotz aller freundlichen Worte von einer inneren Annäherung noch ebenso weit entfernt sind, wie von der Gleichberechtigung trotz Locarno! Gewiß tonnen die Folgen eines Weltkrieges nicht von heute auf morgen verschwinden. Gerade Deutschland muh sich daran gewöhnen zu warten und mit fletnften Vorteilen sich zu begnügen. Aber die Verhandlungen der Septembertagung und die Reden, die in der Zwischenzeit zu uns herüber- gekonnnen sind, haben doch wieder einmal bewiesen, dah der gute Wille der Gegenseite nur sehr dürftig ist. Und das ist die eigentliche Bilanz von Genf.
Die Vergieichsordn ung vom 5. Juli 1927.
Von Amtsgerichtsrat
Am 1. Oktober 1927 tritt die Verordnung über die Geschäftsaufsicht zur Abwendung des Konkurses außer Kraft. Damit wird wieder ein Stück Kriegsgeseygeoung abjC&aui. Die Geschäftsaufsichtsverordnung diente ursprünglich dem Zweck, infolge des Kriegsausbruchs unverschuldet notleidende Unternehmungen zu schützen und sie insbesondere durch das Verbot von Zwangsmah- nahmen einzelner ungeduldiger Gläubiger iw vor zu bewahren, dah sie in Konkurs gehen muhten. Die Verordnung zeichnete sich also durch eine ausgesprochen schuldnerfreundliche Tendenz aus. Diese Tendenz, so bllligenswert sie für die eigentlichen Kriegsverhältnisse war. wirkte sich in der Rachkriegszeit häufig sehr ungünstig aus. Besonders in der Zeit nach der Stabilisierung unserer Währung fristeten unter dem Schutze der Gcschäftsaufsicht innerlich lebensunfähige Unternehmungen auf Kosten ihrer Gläubiger und zum Schaden der Gesamtwirtschaft, deren notwendiger Reinigungsprozeß damit aufgehalten wurde, ihre Existenz. Das Aufsichtsverfahren erfuhr deshalb lebhafte Kritik, die auch nach der gläubigerfreund- licheren Aenderung des Gesetzes durch die Ro- velle vom 14. Juni 1924 nicht verstummte. Diese Kritik war unbedingt berechtigt, soweit sie die Geschäftsaufsicht als solche und den durch sie bedingten einseitigen Schuldnerschuh bekämpfte. Sie ging aber fehl, soweit sie die radikale Beseitigung des Aussichtsgesehes und damit auch des darin enthaltenen Zwangsvergleichsverfahrens verlangte. Denn die durch die Aufsichtsverordnung erschlossene, von einsichtigen juristischen und Wirt- schaftskreisen fett langem geforderte Möglichkeit eines Zwangsvergleichs außerhalb des Konkurses (sog. Präventivarkord) bedeutete ehren starken Fortschritt in unserer Rechtsordnung. Vorher war der Rechtszustand doch fo, daß ein in Schwierigkeiten geratener Schuldner, Der sich durch ein Abkommen mit seinen Gläubigern Über Stundung oder tellweisen Erlaß der Forderung di« Möglichkeit der Erhaltung und Wiederaufrichtung seines Geschäftes sichern wollte, auf die Zustimmung aller Gläubiger angewiesen war. Wenn auch nur eine Minderheit der Gläubiger (fog. „Allordstörer") nicht einverstanden war. sondern mit Zwangsmaßnahmen vorging, so war der Konkurs mit allen seinen wirtschaftlichen und sozialen Aachteilen für den Schuldner unvermeidlich. Durch die Konkurseröffnung wurde auch regelmäßig der zum Entgegenkommen bereite Teil der Gläubiger geschädigt, denn Der Schuldner, der zur Vermeidung des Konkurses Die größten Anstrengungen gemacht hätte, um seinen Gläubigern eine annehmbare Befriedigung zu verschaffen, verlor erfahrungsgemäß durch Die Eröffnung des Konkurses alle Energie. Er ließ den Dingen ihren Laus: die Konkursdurchsührung mit ihrer oft unvermeidlichen Verschleuderung Der Waffe brachte den
Dr. CB o del - Offenbach.
Gläubigern nur eine magere Quote. — Es ist deshalb zu begrüßen, dah Der gesunde und rechtsfortschrittliche Gedanke des Zwangsvergleichs außerhalb des Konkurscs, der in dem Aufsichts- gesehe zum erstenmal Gestalt gewonnen hatte, unserer Rechtsordnung nicht wieder verloren gegangen ist, sondern durch das „Gesetz über Den Vergleich zur Abwendung des Konkurses", das am 1. Oktober d. 3. die Geschäftsaufsichisverordnung ablöst, erhalten und näher ausgestaltet wurde. Als wesentlicher Inhalt der neuen Vergleichs ordnung ist folgendes hervorzuheben :
Die Eröffnung des Vergleichsverfahrens kann nur von dem Schuldner beantragt werden. Dor- aussetzung ist Zahlungsunfähigkeit (oder auch Ueberschuldung, wo diese als Konknrsgrund anerkannt ist). Mit dem Antrag auf Eröffnung des Vergleichsverfahrens kann der Schuldner auch einem von Gläubigerseiten gestellten Konkursantrage begegnen. Der Antrag muß einen bestimmten Dergleichsvorschlag enthalten und ergeben, ob und wie die Erfüllung des Vergleichs sichergestellt werden soll. Reben weiteren Er- flärungen des Schuldners ist dem „ Antrag als wichtigste Anlage beizufügen die schriftliche Cr- flärung der Mehrheit Der am Verfahren beteiligten Gläubiger, die zugleich mehr als die Hälfte der Gesamtsumme der von dem Vergleich betroffenen Forderungen darstellen muffen, daß fie mit der Eröffnung des Vergleichsverfahrens einverstanden find. Ist der Schuldner Kaufmann, fo hat er auch die letzte Bilanz einzureichen. Das Gericht (zuständig ist das Amtsgericht, das als Krmkursgericht kompetent wäre) hat vor der Entscheidung über Den Antrag, wenn der Schuldner Handel- oder Gewerbetreibender oder Landwirt ist, die zuständige amtliche Derufsvertretung (Handels-, Handwerks-, Landwirtschaftskammer) zsu hören In bestimmten Fällen (§22, 23) mutz ober kann das Gericht die Eröffnung ablehnen Wird die Eröffnung abaelehnt, so ist zugleich über die Eröffirung des Konkursverfahrens zu entscheiden, Da Der Antrag auf Eröffnung des Vergleichsverfahrens als Antrag auf Eröffnung des Konkursverfahrens, der nicht zurückgenommen werden kann, gilt. Wird das Verfahren eröffnet, sv sind an ihm beteiligt und werden von dem Vergleiche betroffen die Gläubiger, die im Konkursfalle nicht bevorrechtigte Konkursgläubiger wären. Bei der Eröffnung des Verfahrens ist durch das Gericht eine V er t r aue n s p e r s on (entsprechend der Aufsichtsperson bei dem Geschäfts aufsichtsvers ähren) zu ernennen und ein Termin zur Verhandlung Über den Vergleichs- Vorschlag des Schuldners anzuberaumen. Der Vergleichstermin ist nicht über einen Monat hinauszurücken. Ervffnungsbeschluß und Der- gleichstermin sind sofort öffentlich bekanntzu- machen.
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Die Eröffnung d«S Verfahrens zieht folgende Rechtswirkungen nach sich: Die beteiligten ©laubiger können keine neuen Zwangsvollstreckungen mehr vornehmen, bereits etngefeitete Vollstreckungen sind einstweilen einzustellen, das Vergleichsgericht kann auf Antrag die endgültige Ein- siellung Der Vollstreckung und die Aushebung schon vollzogener Dollstreckungsmahnahmen verfügen Erhebt ein beteiligter Gläubiger Klage, so fallen ihm die Prozehkosten zur Last, wenn der Schuldner sofort anerkennt. Die Verjährung der Ansprüche der beteiligten Gläubiger ist für die Dauer des Vergleichsverfahrens gehemmt. Entscheidung über etwaige Anträge auf Konkurseröffnung bleiben ausgesetzt. Bei gegenseitigen Verträgen, die noch nicht oder noch nicht gan^erfütit sind, kann jeder Teil (bei der Ge- ussicht konnte es nur der Schuldner) die Erftnlung mit Ermächtigung des Gerichts ab» lehnen Besonderheiten gelten für Miet- und Pachtverträge Ist der Schuldner Kaufmann, so hat er von der Zustellung des Beschluffes über Die Eröffnung des Vergleichsverfahrens bis zur Bekanntmachung des Beschluffes über die Beendigung des Verfahrens feiner Firma den ausgeschriebenen Zusatz „im Vergleichsverfahren" beizufügen Der Schuldner Darf während der Dauer Les Verfahrens die vorhandenen Mittel nur insoweit für sich verbrauchen als es zu einer bescheidenen Lebensführung für ihn und seine Fa- milie unerläßlich ist. Die Dertrauenspersvn hat die Derhäktnisse des Schuldners zu prüfen, seine Eeschässfführung und seine Ausgaben zu überwachen 3m Gegensatz zu Dem GeschäftsaufsichiL- verfahren, wo Der Schuldner in seiner Der- fügungsbefugnis nicht eingeschränkt werden konnte, hat jetzt das Gericht die Möglichkeit, ein allgemeines Veräußerungsverbot oder auf bestimmte Dermögensgegenstände beschränkte Verfügungs- Verbote dem Schuldner aufzuerlegen
3n dem Vergleichstermin wird über den Dergleichsvorschlag des Schuldners verhandelt und abgestimmt. Die zum Abschluß eines Vergleichs erforderlichen Mehrheiten entsprechen Len Vorschriften derGeschäftsaufiichtöverordnung. Es ist also erforderlich, dah die Mehrheit der stimmberechtigten Gläubiger dem Vergleiche zustimmt und Die Gesamtsumme der Forderung der zustimmenden Gläubiger mindestens oreiVler- teile Der Forderung der stimmberechtigten Gläubiger beträgt. Bei Stundung ohne teilweisen Erlaß Der Hauptforderung genügt es. wenn die Mehrheit der stimmberechtigten Gläubiger zu- stimmt und die Gesamtsumme der Forderungen dieser Mehrheit mehr als Die Hälfte der Gesamtsumme Der Forderungen beträgt. Reu ist folgendes: Sautet der Vergleichsvorschlag auf einen teilweisen Erlaß Der Forderung und gewährt er Den Gläubigem nicht mindestens Die Hälfte ihrer Ansprüche, so muß Die Mehrheit Der zustimmenden Gläubiger mindestens über vier Fünftelle der gesamten Forderung verfügen. Ein Gläubiger kann dem Dergleichsvorschlag auch schriftlich Anstimmen. Der Derglcichstermin kann nur ganz ausnahmsweise vertagt werden. Zu dem Termin hat Der Schuldner persönlich zu erscheinen und toeim ein Gläubiger Darauf anträgt, Den OffenbarungSeid zu leisten.
Der angenommene Vergleich bedarf, wie bn Geschäftsaufsichtsverfahren, Der Bestätigung des Gerichts, das zuvor den Schuldner, Die Dertrauenspersvn und einen etwaigen Gläubiger- ausschuh au hören hat. Die Entscheidung Über Die Bestätigung ist tn Dem DergleichStermln selbst oder längstens innerhalb einer Woche darnach zu verkünden. DaS Gesetz ffeht bestimmte Gründe vor, aus Denen Der Vergleich zu verwerfen ist und die teils von Amts wegen, teils aus Antrag zu berücksichtigen sind. Wird der Vergleich bestätigt, so ist sogleich das Verfahren aufzuheben und diese Aufhebung öffentlich bekanntzumachen. Bei Verwerfung des Vergleichs ist gleichzeitig über Die Eröffnung des Konkursverfahrens zu entscheiden. Der bestätigte Vergleich ist wirksam für und gegen alle beteiligten Gläubiger, auch wenn sie an Dem Verfahren nicht teilgenommen oder gegen Den Vergleich gestimmt haben. Die für die Dauer des Vergleichs'oerfährens laufenden Zinsen, Jotoie bestimmte Vvllstreckungskosten gelten als erlassen. Der bestätigte Vergleich bildet in Verbindung mit einem Auszuge aus dem Gläubigerverzeichnis einen vollstreckbaren Titel, aus Dem die Zwangsvollstreckung nach den all-
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ÜluErfolgundÄebe.
Roman von Robert Misch.
Copyright by Carl 2)unter, Berlin SW 62.
4 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Endlich zog er den kleinen Gegenstand aus der lasche, reichte ihn ihr mit einem plötzlichen Ruck. Eine feine Flamme überflutete die zarte, milchige Haut der Rothaarigen: es glomm leidenschaftlich in ihren Augen — Dann lag sie an seinem Hals and küßte ihn wild. .
Einen Moment lang spürte er Die frischen, gingen Lippen auf seinem MunDe. Wie Feuer schlug es zu ihm hinüber — er atmete Den zarten Duft ihres Haares. Dann käste sie sich schnell aus feinen umfangenden Armen und entwischte zur Mutter. Ihm war, als ob die Knie unter ihm wankten. In seinen Adern rasten glühende Flammen.
Der Frühling kam mit wehenden grünen Fahnen, Die er siegreich auch in Den Plätzen und Anlagen der Weltstadt flattern ließ. Die Sonne legte sich warm und wohlig über die Straßen Berlins. Die Fenster flogen aus. Alles strebte hinaus, dehnte lld) in Luft und Licht.
Rach wie vor trafen die beiden jungen Leute sich zuweilen in Der kleinen Konditorei, manchmal auch in Hundekehle, von wo fie dann die schönsten Spaziergänge unternahmen. Aber einen Kuß von diesen roten Lippen, nach Denen er sich so sehnte, hatte Eberhard von seiner kleinen Freundin seit ihrem Geburtstag nicht wieder errungen. Jeden Versuch, ihr einen solchen zu rauben, wehrte sie streng ab, als wüßte sie mit sicherem Fraueninstinkt, daß die Seltenheit ein Geschenk nur um so begehrenswerter machte.
Die Sehnsucht, wenigstens einen Tag ungestört im Freien, irgendwo an einem See oder im Wald mit Isa zu verleben, wuchs riesengroß in ihm. Auch die Freundin selbst batte nichts Dagegen, als er ihr einige ersparte Goldstücke zeigte und ein ausgewähl- les 'Menü mit Champagner, Gänseleber und Torte versprach, die für sie den Inbegriff irdischer Genüsse darstellten.
Und nun studierten sie beide eifrig, wie die Sache zu „deichseln' war. Ziemlich gleichzeitig tarnen sie auf dieselbe Idee. Die Mädchenschule veranstaltete jedes Jahr ein größeres Sommerfeft, irgendwo da draußen. Diesmal sollte es mit Bahn und Schiff nach Grünau gehen.
Schon einige Tage vorher berichtete Eberhard zu Haufe von einem Ausflug (einer Klaffe nach Potsdam. Kein Mensch zweifelte Daran, und fein Mensch würde erfahren, daß der Potsdamer Ausflug nur in seiner Phantasie existierte, und daß Isa Den ihrer Schule nicht mit ihrer Gegenwart beehren würde.
Papa und Mama Kommerzienrat wurden in Kontribution gesetzt, und beide gaben reichlich: denn Hermann Rettebohms Sohn sollte sich nichts abgehen lassen vor seinen Mitschülern und Lehrern.
Uebrigens war Der Junge sehr brav. An das kupferhaarige Mädel dachte er offenbar gar nicht mehr. Er interessierte sich jetzt angeblich für ein hellblondes Fräulein Lilli aus der Tanzstunde und „Branche".
Dagegen ließ sich nichts einwenden, war auch ungefährlich. Papa und Mama lächelten mild und dachten ihrer eigenen Jugend.
Der große Tag war angebrochen. Im Seitenflügel wie im Vorderhaus sah man ihm mit Sehnsucht entgegen. Schon um sechs Uhr früh begab sich Isa auf die Reise. An einer verabredeten Ecke war- tete sie auf Eberhard, der erst eine halbe Stunde später, um keinen Verdacht zu erregen, das Haus verließ. Scheu blickten sie sich um, ob ihnen irgendein Bekannter in den Weg liefe. Aber zu so früher Stunde war das kaum zu befürchten. Vorsichtshalber fuhren sie mit einem Omnibus bis zum Bahnhof Alexanderplatz, wo sie sicher kein Mensch kannte. Von dort aus ging's hinaus an den Scharmützelsee.
In Fürstenwalde stiegen sie dann in einen Auto-Omnibus, der an Birkenschlägen und Kiefernforsten vorbeisauste, bis endlich der See vor ihnen in spiegelnder Bläue seine Augen aufschlug im Glaste der Sonne zitternd.
In einem Hotel am See frühstückten sie. Isa war wie ausgehungert und schwelgte in Kaffee und Sahne, in weißen Milchbrötchen, Honig und Kuchen. Zuletzt, als sie schon satt war, verlangte sie noch nach Erdbeeren. Und dann wollte sie segeln.
Eberhard mietete das größte und sicherste Boot. Trotzdem fürchtete sie sich noch ein wenig und wollte noch im letzten Moment zurück. An Eberhards spöttischem Blick richtete sich ihr Mut wieder auf. Mit leichtgespannten Segeln, die ein kräftiger junger Bursche regierte, schossen sie vor der leichten Brise dahin. In der Pieskower Höhe erweiterte sich das halbrunde Becken, das bisher zwei vorspringende Landzungen eingercchmt, zu seiner vollen Breite. Run erst überblickten sie den ganzen großen See, der sich gleich einem Halbmond von Norden nach Süden zog, ein „Brandenburgisches Meer", wie Eberhard seinen Fontane zitierte. Weiße Villen mit Badestegen duckten sich zwischen grüne Gärten, zwischen breit ausladende Kiefern, die sich hier zu ihrer ursprünglichen, eigenartigen Schönheit entfalten konnten, zwischen weiße Birken und Linden. Ueppige Blumen- und parkartige Gärten hatten hier Kunst und Kultur haus dem kargen Boden gezaubert und über diese Ufer gestreut. Hier draußen wehte die Brise stärker, blähte das Segel auf und beugte das festgebaute Boot zuweilen schräg auf die Wasserfeste. Dann klammerte sich Isa ängst- Hd) an Eberhard. Er lächelte ermutigend und behielt ihre Hand in seiner Rechten.
An Den Silberberger Wiesen stiegen sie aus und ließen das Boot warten. Gleich einer bunten Stickerei auf grünem Canevas blühten hier die Lenzblumen in roten, gelben und blauen Farben, durchtupften in zarten Nüancen alle Büsche.
Man war wie hundert Meilen weit von der Welfftadt, die hierher nicht die leiseste Welle herüber- schlug. Das silberne Plätschern des Wassers, das leise Wehen der Blätter machte diese tiefe, weltferne Stille nur noch deutlicher. Ein Vogel zwitscherte schläfrig in der Mittagshitze.
Aus der großen Terraffe, die jetzt von Dauergästen und „Wochenendlern" wimmelte, aßen sie bann später zu Mittag.
Sie aß mit einer heiligen Andacht — wie jemand, dem solche Genüsse selten zuteil werden. Mutter Mengers hielt zwar, von ihrer Theaterzeit verwöhnt, auf gute Küche: aber es war doch nur Hausmannskost, die sie ihren Leuten vorsetzen konnte.
Rings umher an Den Tischen erschienen kleine Mokkageschirre mit zierlichen Kannen und Schäl
chen. Auch Eberhard bestellte und dazu auf ihren Wunsch Gebäck. Sie trank auch seinen Kaffee aus, von Dem er nur ein Täßchen nippte, und aß das ganze Gebäck fast allein auf. Dann eine kleine Damenzigarette im roten Mündchen — er hatte die Schachtel extta aus Berlin mitgebracht — lehnte sie sich zufrieden in ihren Sessel zurück.
„Gesättigt, Isa?" fragte er mit leichtem Spott.
„Ja, lieber Junge — und du brauchst »gar nicht zu lächeln. Du ißt so was eben alle Tage."
„Doch nicht, Isa — so üppig nicht!"
„Begreifst du nicht, daß man sich nach so etwas sehnt, wenn man täglich nur Bohnensuppe und Rindfleisch vorgesetzt kriegt?"
„Nun ja, das begreife ich. Du hast eben «den Instinkt für alles, was schön und angenehm ist."
,Da, Eberhard, den habe ich — ich bin zur Dame geboren. Und glaube mir, ich werde es auch noch einmal."
Die Sechzehnjährige sprach es mit tiefer lieber- zeugung aus. Man merkte, wie ernst es ihr sei.
Er schaute sie überrascht an. Ein so fester, ernster, heißer Wille tönte aus ihren Worten, züngelte aus ihren Augen. Noch nie hatte sie ihm gegenüber so offen gesprochen. Zum erstenmal verriet sie ihm ihre geheimen Wünsche.
„3a, Isa, du wärest würdig, eine Krone zu tragen", rief er begeistert.
Sie lächelte überlegen.
„Das gibt’s heute nicht mehr, Eberhard. Und Kronen drücken. Aber emporkommen, das will ich."
„So sollst du meine Königin werden. Warte auf mich! In sechs oder sieben Jahren bist du meine Frau."
Sie lächelte nicht mehr, sie sah ihn ernst an.
„Dein Vater würde sich mit Händen^und Füßen dagegen wehren. Auch deine Mutter —"
„Was frag' ich danach! Laß mich nur erst Teilhaber sein oder das Geschäft ganz in Händen haben!"
Und nun sprudelte es alles heraus, was er in einsamen Stunden geträumt. Eigentlich würde er sich ja am liebsten der Literatur oder der Bühne widmen. Und langsam stotternd verriet er, daß er an einem Versstück schriebe, einem biblischen Stoffe.
(Fortsetzung folgt.)


