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Nr. 20! Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

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Montag, 29. August 1927

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Don unserem türkis

D^tambul, August 1927.

Dom letzten Scheine der Abendröte vergoldet, schwanden die Kuppeln und Minarette der un- zähligen Moscheen Slambuls langsam hinter uns, und in mondheller Märchennacht glitten wir an den Prir.zcninseln des sOvarzblauen Mar- maramLeres vorbei. In Dämmerung und Schatten des frühen Morgens lag noch die alte Hafen­stadt Panderma als wir anlepten, mit ihren nüchternen Holzhäusern und häßlichen Ruinen der früheren Griechenstadt. Die kcchlen, grauen Ku- lissenoerge ^>er Küste gewinnen erst, als das unbeschreiblrche und doch so blendende Licht des Orients die zauberhaften Farben des Morgens über sie ergießt. Grün leuchtet das Gelände der Felder und Wiesen der schmalen Küstenebenc auf, und in rötlichen, braunen Farben die felsigten Hänge der Berge.

Echt orientalisches Leben herrscht auf dem Bahnhof, wenn der einzige Zug des Tages zur Abfahrt rüstet. Die ganze Bevölkerung scheint ihm das Geleite geben zu wollen, mit unermüd­lichem Eifer und erheblichem Stimmenaufwand wird von den Verkäufern alles nur ncöglichr an- gepriesen. Unzählige Male wird der Zug erst hin und hergeschobeii, schon ist die Abfahrtszeit um eine Stunde überschritten, dann mehrfaches Läuten der Bahnhossglocke, Pfeifen der Lokomo- tive, nochmals pfeift der Zugführer, die Schaff­ner rufenTammcun fertig nochmals läutet die Glocke, und wir fahren ab. Ganz im Gegen­satz zum recht sauberen türkischen Schiff strotzen die Wagen der französischen Eisenbahnlinie von Unsauberkeit. Die 22>teile sind überfüllt, Land­bevölkerung mit roten Leibbinden und weiten Hosen, Kaufleute, die nach Smyrna fahren wollen, und viele Soldaten. Die überaus fruchbare Land­schaft gleitet langsam an uns vorüber, fette Wiesen, kornbeladene Felder, wohlgepflegte Ta­bakpflanzungen, Aebengelände und in den Tälern Olivenhaine mit silbrigem Laub, aber auch recht viel unbebautes Oedland. Und dazwischen eine Blumenpracht, wie sie nur der Frühling des Orients hervorzrlzaubern vermag, bevor die grau­same Dürre des Sommers das große Sterben bringt. Frauen in weiten Pluderhosen arbeiten auf den Feldern, nur wenige arbeitende Männer sind zu sehen, die dafür um so mehr auf den Haltestellen den Zugabnehmen".

Bei der Ankunft in Soma empfängt uns das übliche Geschrei. Dach langem Handeln haben wir schließlich unseren Fordwagen gefunden, ein zer­brechliches, altes Gefährt, das hoffentlich noch die 50 Kilometer lange Landfahrt bis zum Ziele aushalten wird. Die Tüchtigkeit türkischer Chauf­feure zeigt sich im rücksichtslosen: Drauflosfahren. Nachdem wir einige Kaffeehaustische überfahren und samt dem Geschirr bezahlt haben, geht eS auf der holprigen Straße weiter, um das Ver­säumte nachzuholen. Ein Nennen über abkürzende Seitenwege mit Löchern, in denen em Kleinauto volle Deckung" nehmen könnte, über ächzende Planken krachender Holzbrücken und durch enge Dorfstraßen. Kamellarowanen werden mit gro­ßem Geschrei Überholt. Mit hochmütiger Blasiert­heit schauen die Tiere hinter uns her, mächtig mit Heu bepackt, folgen sie im langsamen, be­dächtigen Schritt dem Leitesel. Auch hier lassen fid) die Kamele nur von einem Esel führen! Bei einer Biegung des Weges taucht plötzlich aus fernem Dunst die feingezeichnete Silhouette des alten Pergamons auf, die weitvorgescho- bene scharfgeschnittene Nase des Burgberges mit ihrem zarten Filigran alten Nuinengewirrs be­herrscht das Bild. Zu Füßen im Schuhe des Tales breitet sich die Türkenstadt aus, deren weißgetünchte Häuser aus dunklem Grün her­übergrüßen. Lieber eine hochgewölbte, alte Etein- brücke aus der Römerzeit rattert unser Wagen. Doch ein Blick zum ausragenden gewaltigen Mas­siv des Burgberges, und das Leben der engen Straßen der türkischen Stadt umfängt uns.

Am frühen Morgen gilt unser erster Besuch der alten Stadt, die sich an den stellen Hängen des ZLUeläA M sieben

Roman von Liesbet Dill.

Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin.

1. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Es klopfte leise ... Er zuckte zusammen und trat von dem Spiegel zurück.

Herein . . ."

Ein alter grauhaariger, kleiner Herr, ein Mit­glied des Orchesters, seine Geige unterm Ann, be­trat das Zimmer.

"Ach Sie, Schmidt? Nun, was haben Sie denn?" Ich muß mich leider krank melden, Herr Dok­tor . . ."

Wie? Was ist denn los?"

-Die alte Geschichte, mein Asthma ... ich hatte gestern wieber einen böfen Anfall, ich fürchte, daß es mir nicht möglich ist, morgen abend mitzuspielen. Das Herz will nicht mehr recht."

Das ist mir aber sehr fatal. Die zweiten Geigen fmd ohnehin schwach. Und gerade morgen abend. Ach was, versuchen Sie's noch einmal ... cs wird schon gehen. Mit dem Herzen hat fast jeder Mu­siker zu tun ... Sie Musik verbraucht rasch . . ."

Der alte Mann lächelte müde.

Ja, Herr Doktor ... Eie sind noch jung aber ich hab' die Siebzig hinter mir . . . ich hab' voriges Jahr mein Jubiläum gefeiert. .

»Jo, ich weiß." Dr. Manfred legte dem Sitten die Hand auf die Schulter.Zehn Jahre haben wir jufammengearbeitet. Sie sind der Aelteste in mei­nem Orchester . . . Wein, wirklich, ich kann Sie schlecht entbehren, versuchen Sie's heut' noch ein­mal, mir zuliebe. Es wird schon gehen. Es muß' Es bleibt dabei, Sie kommen morgen abend. Und jetzt spielen Sie mit ..

Der alte Mann stand unentschlossen, als ob er noch etwas sagen wollte. Aber die Wanduhr schlug vier, das Signal zum Anfang der Hauptprobe er­scholl, Manfred blätterte in seinen Partituren. So folgte er denn seinem Herrn in den Saal.

Das philharmonische Orchester war bereits auf dem Podium versammelt. Das Stimmen der In- ftrumente, ein Summen von Geigen und schwirren- den Tönen empfing sie.

) Pergamon.

-en Korrespondenten.

Burgberges hinzieht. Durch das ausgebrannte Griechenviertel gelangen wir zum unteren Markt, dessen weites Geviert mit Traa-htplattcn säubcr- lich ausgelegt ist. Doch sind die Stümpfe von etwa 75 dorischen Säulen, die ihn umstanden, zu erkennen, dazwischen Trümmergewirr zerbroche­ner Säulentrommeln und kunstvoller Kapitäie. Steil windet sich der alte Fahrweg den Berg hinan, die Wagenrimum sind in das noch gut erhaltene, jahrtausende alte Pflaster tief einge- schnitten. Eine lange Trümmerreihe antiker Kauf­läden und Werkstätten säumt den Burgweg. und am Dergeshang darüber liegen die Mauerreste des Palastes des römischen Konsuls Attalos, von dessen Prunk-Reste alter Wandmalereien und herrlicher Wosaikböden zeugen, an sie lehnen sich andere antite Wohnhäuser minderer Pracht­entfaltung an. Erst die mittlere Burgterasse gibt uns den ersten gewaltigen (Sinbrud von den Rießenausmaßen dieser alten Stadt. In drei gigantischen Stufen liegen hier die Terassen der alten Gymnasien übereinander, die in einer Länge von 150 Meter in ihren drei Abteilungen für Knaben, Epheben und Jünglinge in der griechi­schen Königszeit angelegt wurden. Der Eindruck des unteren Gymnasiums ist unangenehm ge­stört durch die byzantinischen Stadtmauern, deren plumpe, rote Backsteintürme sich nur roh in das Gesamtbild fügen. Gut erhaltene, pracht­volle Treppenaufgänge, die zum Teil von keil­förmigen Quadersteinen noch kunstvoll überwölbt find, führen zur mittleren und dann zur oberen Terasse, einer weiten, ehemals fäulenumstandenen Halle hinauf.

Ein gewaltiges, durch ernste Forscherarbeit aufgedecktes und wohlgeordnetes Trümmergewirr tut sich hier auf. Zerbrochene Schäfte find wieder aufgerichtet, die Säulcv.basen deuten den Grund­riß der alten Heiligtümer an, deren Höfe von farbigen Marmorplatten und buntem Mosaik kunstvoll ausgelegt sind. Dazwischen liegen sauber gehauene, aus ihrem Zusammenhang gerissene Blöcke im wilden Durcheinander, herrliche, fast unversehrt gebliebene Säulenkapitäle, zerbrochene Säulentrommeln jeder (olilart, Metopenstücke, marmorne Ruhebänke, Postamente mit Dlumen- ornainenten, Altarreste mit Widderköpsen gegiert, Splitter herrlicher Plastiken und zerbrochener Jnschriftentafeln. Als sei erst gestern ein Wirbel­wind darüber hinweggegangen und habe alle Herrlichkeit durcheinander geworfen. Wir staunen über die herrlichen BadeaÄagen mit ihrem Reh von unterirdischen Wasserleitungen, deren (Stein# wannen mit zierlichen Ornamenten reich ge­schmückt sind. Heber wohlangelegte Straßen ge­langen wir zum kleineren Lbnphitheater, dem Versammlungsort des hohen Rates und dahinter zu den säulenreichen Tempelresten der Heilig­tümer der Hera, des Asklepios, der Demeter unö Kore. Gras wuchert zwischen den Spalten des alten Bodenbelags, und Frühlingsblumen weben einen herrlichen Teppich auf den weiten Tempel- Platzen, Maßliebchen und Löwenzahn, Mohn und violette Distelblüten, grellrotes Lüwcnmaul und gelber Ginster wuchern in üppiger Fülle über alten niedergestürzten Kapitalen, und im Halb­schatten alten Gemäuers glüht die gelbe Königs­kerze und blaßroter Fingerhut. Eiächsen rascheln durch das Gemäuer oder liegen träge auf sonnendurchwärm tem Marmorgestein, bunte Schmetterlinge gaukeln lautlos dahin, und das leise Summen der Bienen und Hummeln liegt wie ein Traum über den alten Ruinen. Das Vielerlei des herrlichen Trümmergewirrs stimmt uns tief- traurig und läßt den Wunsck in uns schmerzhaft aussteigen, den weiten Bezirk, wenn auch nur für einen Augenblick, in ganzer Pracht vor unferm Auge erstehen zu sehen.

Doch wir sind erst am mittleren Burgberge? Durch einen halb verfallenen Torbogen führt uns der steil gewundene Pfad hinauf. An senk- recht abfallenden Felsen geht es vorbei, auf die man kaum schauen kann, so grell wirft das Ge­stein die Strahlen der Mittagssonne zurück. Der

Die Generalprobe zu den Philharmonischen Kon­zerten unter Manfred waren immer ausoerkaust. Auch heute. Russischer Abend. Man erwartete Erst­ausführungen. Poeme de 1Extase von Alexander Slrajabin ... ein Tschajkowskysches .Konzert für Violine und Orchester und die große vierte Sinfonie von Tschaikowsky. Diese Werke waren hier noch nicht aufgeführt, und der Konzectsaal war im Par­kett und an den Seiten und im ersten Rang bis zu den letzten Plätzen gefüllt.

Im Vorübergehen begrüßte Manfted den Vio- linfpicler, einen Konzertmeister aus Frankfurt am Main, der die Solopartie in dem zweiten Konzert hatte, dann bestieg er das Podium. Stürmisches Händeklatschen empfing ihn, wie immer. Er ver­neigte sich leicht und warf einen flüchtigen Blick in die Roten, die er zurechtlegte.

Manfred pflegte vorwiegend deutsche Musik. Ob­wohl Slawe von Geburt, hatte er sich vor zehn Jahren diesen Platz errungen, seine Liederkompo­sitionen hatten sich die Welt erobert ... Seit eini- gssN Jahren war das Programm seiner Konzerte stark mit russischen Werken besetzt . . . Man sagte, daß die Musiter unter [einem Taktstock zu Russen würden, sobald erRussisches" vor sich hätte.

Er wollte eben ausklopfen, als er plötzlich einen hellgrünen Fleck bemerkte, der sich eilig burch die Stuhlreihen oorwärtsschob. Es war ein kleiner grünliurierter Listboy mit einem Brief. Der Junge drängte sich bis an das Podium, reichte den Brief einem Geiger und dieser gab ihn an Manfred weiter. Der Junge war fast im selben Augenblick durch eine Seitentür verschwunden. Manfred betrachtete den Bries und stutzte ... Die Adresse war mit Ma­schinenschrift geschrieben,Eilt" stand in großen Buchstaben links in der Ecke. Er öffnete ihn und überflog ihn. Es waren nur ein paar Worte.

Kommen Sie sofort nach Hause, wenn Sie ein Unglück verhüten wollen."

Der Brief hatte weder eine Anrede noch Unter­schrift . . . Die Maschinenschrift verbarg den Schrei­ber .. . Was sollte das sein? Er dachte sofort an seine Frau . . . Melitta war krank? Unmöglich . . . dann hätte sie ihn anrufen lassen... Sie hatten heute zusammen zu Mittag gegessen wie immer, dann hatte er sich etwas hingelegt, weil er sich ab- gespannt suhlte und sie kam, beugte sich über ihn und strich ihm über das Haar . . .Geh doch end­lich zu einem Arzt", bat sie: Und er hatte es ihr versprochen.Ich werde wahrscheinlich nicht zum

honigsüße Duft des Ginsters betäubt unsere Sinne, und an einem alten Quaderbogen, der jäh am Hang sich auf türmt, zögert unser Schritt, unsicher, wohin er sich wenden soll, soviel Herr­lichkeit tut sich auf. Soll man sich rückwärts wenden? Da liegt der mittlere Burgberg zu unseren Füßen und ganz unten in der Tiefe die Türkenstadt mit ihren braunen Dächern, ihren dunklen Zyprefsen. in deren Schatten die Kup­peln her alten Moscheen schlummern, und da­hinter das gewundene grüne Kaikostal, und ganz weit, weit in dcr Ferne, wie ein blaues Wunder, das blaue Meer, llnd vor uns breitet sich der ganze gewaltige Bezirk der oberen Burgstadt. Zwischen Trümmerblöcken aus verschiedenen Kul­turepochen, Dorngestrüpp und Ginstergewirr ge­langen wir zum oberen Markt. Rur wenige Schritte weiter zieht sich in 250 Meter Länge die obere Theaterierrasfe hin. An sie lehn' sich der Altar des Zeus an. dessen herrliche Skulpturen heute den Stolz dcr Berliner Museen bilden. Durch das alte, von zwei mächtigen Türmen be­wehrte Burgtor gelangen wir in die eigentliche königliche Residenz der Attaliden. Eine Tnimmer- stadt von gigantischem Ausmaß mit Ruinen von alten Tempeln, Prachlattären, Palästen und Wirtschaftsgebäuden, die größtenteils v.n'erSchutt und wilder Vegetation begraben liegen und we­niger erforscht sind. Rur da und dort ragt ein weißer Säulenrest oder vcrsallener Torbogen aus dem dichten Dorncngestrüpp leuchtender Hecken­rosen oder blühenden Ginsters hervor.

Hier auf dem Burgberge find in diesem Jähre di» durch den Krieg unterbrochenen deut­schen Ausgrabungen durch Geheimrat W i c - g a n d wieder aufgenommen worden. Die Er­schließung Pergamons, des Zentrums der spätgriechischen Kunst, ist ein Ruhnicsblatt in der Geschichte entsagungsvoller deutscher Ge- lehrtrnarbvit. Dor einem halben Jahrhundert wurden durch H u m a n n die ersten Spaten­stiche getan, durch Konze und D ö r p s c l d wurden mit rühmlichem Erfolge die weiteren Gra­bungen geleitet, die zur Retonstruktion des ge­samten alten Burgbezirles führten und wichtige Aufklärung der Landschaft um Pergamon er­gaben. Heute richtet sich das Hauptaugenmerk der Ausgrabungen auf die oberste Terrasse der Hochburg, ixe bisher als Garte:', der Königin bezeichnet wurde. Es gelang hier, die Grund­mauern von drei alten Bartten sestzulegen. die sich als Kriegsarfenale der Atkaliden erwiesen und wichtige Ausschlüsse über die antike Kriegs­kunst ergeben toerben. Gerade sind die Arbeiter bei unserm Besuchs dabei, eine Unmenge sauber geschlissener Steinkugeln, die von großen Kalibern alter Wurfmaschinen zeugen, zu bergen.

Hier auf der Terrasse desGartens der Königin" ist der höchste Punkt des Burgberges erreicht (350 Meter). Zu beiden Seiten stürzen wuchtige Stützmauern, die auf steile Felsen auf­gesetzt sind, jäh zur Tiefe. Breitschwingige Turm­falken schweben über dem Abgrund. Der trunlene Blick schweift über weite Täler, umrahmt von blauen, waldreichen Bergen. Rach Süden tut sich die wette, fruchtbare Ebene auf mit ihren grünen Selbem, ihren Weingärten, Maulbeerkulturen und Olivenhaine». Dorn blauen Meere her weht uns kühl der Hauch des Abends entgegen, und die Silhouette der bergigen Insel Mhihilene hebt sich purpurn vom Lichte der Abendsonne ab. Hier verspürt man noch einen Abglanz vom letzten Höhepuntte des abblassenden Griechen­tums, des Königsgefchlcchtes der Attaliden, der letzten großen Griechen. Aus der Seele dieser Landschaft mit ihrem Uebermaße an allem Ge­waltigen mußte daö künstlerische Schaffen geboren werden, ja gerade erzwungen werden. Eine heroische Landschaft, in ihrem überwältigenden Eindruck nur mit der Akropolis zu vergleichen. Hier raffte der Herrscherwille der Attaliden noch einmal zusammen, was die Seele der griechischen Kunst zu schaffen vermochte und ließ dies herr­liche Meisterwerk in feinen unzähligen Einzel­heiten wie aus einem Gufsc erschaffen vor uns erstehen, als den letzten Gipfelpunkt griechischer Kunst kurz vor der hereinbrechenben ®ämmcrung tobbringenber Verflachung.

Tee heimkommen," sagte sie,sondern zu Ethel gehen. Ich habe in der Stadt zu tun." Sie war schon angeileibet und trug eine srische Nelke am Pelz.

Also, bis heule abend", damit war sie ge­gangen.

Und nichts Besonderes, weder im Ton noch in ihren Morten, wie alle Tage war sie ihm anmutig, liebenswürdig und schon erschienen. Weshalb glaubte er, daß der Brief mit Melitta zufammenhing?--

Die Musiker, die ihn beobachtelelen, sahen, wie er die Farbe veränderte. Er hatte fahl ausgesehen vorhin, jetzt stieg es ihm heiß und rot in die Stirn, er griff [ich mechanisch an den Hals, während der Brief in seinen Händen zitterte. . .

Es mußte etwas Besonderes fein mit diesem Brief.

Das sahen sie alle. . . .

Er drehte sich nach dem Voten um. Aber der war verschwunden.

Ach, weshalb beunruhige ich mich!? Ein ano­nymer Brief . . . von einem freundlichen Kollegen . . . einem abgewiesenen Künstler vielleicht, der sich rächen will . . . eine Eifersüchtelei . . . wer weiß? Ins Feuer damit!

Er sah alle Blicke auf sich gerichtet, die Musiker warteten, ihre 9rJtrumentc in dcr Hand, auf sein Zeichen zum Beginn ... die Harfen glänzten . . . der ganze Saal verharrte in atemloser Spannung. Er schob den Bries in die Tasche, nickte einzelnen Spielern zu, hob den Taktstock, während er die Blicke der Orchestermitglieder sammelte, dann senkte er ihn und das Orchester setzte ein.

Poeme de lExtase... Zarte Geigentöne nahmen die Melodie auf . . . mild und süß. Trompeten klangen darein. Es war wie ein von Menfchen- ftimmen gesungenes Lied, das unter Manfreds Taktstock warm und schwermütig dahinströmte.

_ DieExlase" durchzitterte den goldgleißenden Saal, in dem kein Atemzug zu Horen war, kein an­derer Laut als diese wunderbare Musik . . . Diese in sanfter Luft hinsterbenden Töne, die sich zu einem sinnverwirrenden Lied vereinigten, zogen über die Erde dahin, Flügel rauschten, die Himmel schienen sich zu öffnen und der Glanz ewigen Lichtes strahlte herab. . . Extase . . .

Es war ein großes, fein eingespieltes Orchester, meist aus älteren Musikern zusammengesetzt, Man­fred hätte heute vielleicht nicht auf dem Podium zu stehen brauchen, sie hätten alles genau fo gespielt.

Wirtschaft.

Lachlieferuncxen und Dawesplan

Dor kurzem ist in Brüssel ein Abkommen zwi- schen bet belgischen Regierung und dem deutschen Koyisnjhndikat unterzeichnet, wonach Belgien wie­ber regelmäßig gewisse Mengen ReparationS- tohlen beziehen wirb. Dieser Bezug war zeitweilig ganz ober fast ganz unterblieben, weil der be­kannte Ausschlag her Bestimmungen des Der- sailler Dertrages über den Kohlenpreis seit Ve- endigung der en Inflation sich zuungunsten ber Reparativ, c h!en empfangenden Länder auswirkt, nachdc.,-. er vorder Umgekehrt zu ihren Gunsten fimftioniert hatte. Belgien übernimmt alfo auch mit dem neuen Abkommen gewisse ma­terielle Opscr, wenn ber Weltmarktpreis zeit­weilig ober bauernd unter dem Preise für CRe* Parationslvhlen liegt.

Trotzdem wirb man das Abkommen, durch bas eine verstärkte Kohlenauskuhr aus Deutsch­land herbeigeführt werben sott nicht unbedingt als den deutschen Interessen föröerltd) ansehen können. Tenn es ist bis zu »inem gewissen Grade itiS symptomatisch für die Entwicklung des Sach- lieserungsgebonkens in einer ganz bestimmten Richtung anzufchen. Belgien hat auch bisher schon beträchtliche Mengen von Ruhrkohle be­zogen. unö es braucht diese auch weiterhin für feine 3r.öuftre: nur ist bisher die Lieferung im Wege des freien Verkehrs erfolgt, hat alfo eine unmittelbare Zahlung des Empfängers an die Lieferanten, alfo in ber Regel das Kohlen- fhndikat, und damit fremde Devisen erbracht. Wit dem Inkrafttreten des neuen Abkommens werden diese freien Lieferungen in Reparations­lieferungen umgctoanbelt. woraus sich vielleicht eine etwas stärkere Beschäftigung des Berg­baues, aber in Zukunst kein Devi'eneingang mehr ergibt. Wir sehen hier das Bild, bas sich fast Überall zeigt: bei der Ttnfvilligkeit der meisten mit Deutschland im Handelsverkehr stehenden Länder, deutsche Waren in normalem Handels­verkehr auszunehmen, ergibt sich eine Forcierung des Sachlieserunasgebanksns und eine lieber- führung von Teilen dieses ohnehin beschränkten normalen Exports auf Reparationskonto.

Diese Entwicklung widerspricht dem Grund- gcdanlerr des SachlieserungZabkommens. Denn da- bci war man selbstverständlich von ber Annahme auSeegangen, baß die Eachkicserungen auf Re- paraLionSrontv als zusätzliche zu der Ausfuhr des normalen Handelsverkehrs hinzutrelen sollten. Da dir deuts ' t Handelsbilanz ohnehin stark passiv ist in den ersten sieben Monaten des Jahres schon mit säst 2 Milliarden und sich die Einfuhr nur sehr schwer und nur in bescheidenen Grenzen drosseln läßt, wird das Devisenauf­kommen durch eine weitere Verringerung der bezahlten Ausfuhr zugunsten einer solchen im Wege der Sachlieferungsverträge und der Ver­rechnung durch den Generalagenten dahin wir­ken. daß die Fähigkeiten Deutschlands zur Er­füllung des Dawesabkommens stark verringert werden. Denn mit jeder Einschränkung des De- vifen-Anfalls wird die Möglichleit des Trans­fers. auch wenn deutscherseits die Zahlungs­verpflichtungen aus dem Dawespkan dem Re- parationSagenten gegenüber pünktlich erfüllt wer­den^ können, entsprechend verringert. Das Aus­land, soweit es reparationsberechtigt ist, schneidet sich also auf die Dauer ins eigene Fleisch, wenn es sich gegen die reguläre deutsche Einfuhr sperrt ober diese in erheblichem Umfang in Repara­tionslieferungen umzuwandeln versucht. So er­freulich es deshalb einerseits ist und vielleicht von den unmittelbar beteiligten Industrielrcneu empfunden wird, wenn sich durch derartige Ab­kommen, wie das unlängst in Brüssel abgeschlos­sene, verstärkte Absatzmöglichkeiten erschließen, darf es doch nicht unterlassen werden, auf die Kehrseite und die daraus zu erwartenden Konse­quenzen rechtzeitig hinzuweisen.

Don Len Schlachtokehmärklen.

An den Schlochtviehmärkten der vorigen Woche hielt die Besserung des Umsatzes im allgemeinen an. Infolge der kalten und nassen Witterung setzte eine langsame Derbrauchsstei-

unb die Zuhörer hätten kaum gemerkt, baß ber Di­rigent nicht ba war. Aber bic Musiker fühlten es. Ihr Meister war nicht wie sonst. Unb er fühlte es am Jtärtfkn. In seiner Brusttasche knisterte ber Bries ... Bei jeder Bewegung mahnte er ... Geh' nach Hause ... es geschieht etwas ... es droht Gefahr. In Stößen arbeitete fein Herz. Es flog und hämmerte gegen feine Rippen . . . Me­litta, Melitta . . . Was war geschehen?! !

Mit dem letzten Ton, der verhauchend hinstarb, legte Manfred den Taktstock hin und verließ, ohne den Beifall abzuwarten, den Saal . . .

Sein Zimmer . . . Licht . . . das Telephon, ... der Hörer entglitt feiner unsicheren Hand . . . endlich, bic Nummer , . . enblidj eine Stimme . . . es war sein Diener. . .

,Lst meine Frau zu Hause?"

Nein, Herr Doktor."

Wissen Sie, wo sie hingegangen ist?" Nein, sie hat nichts hinterlassen . . ." Weiß es Luise vielleicht? Fragen Sie ein» mal . . ."

Er wartete, währenb er [eine Pulse hämmern fühlte, bis bieselbe Stimme wieberkarn . . . ,Herr Doktor, Luise weiß es auch nicht, bic gnäbige Fran hat nichts hinterlassen ... Sie hat nur bas Abend- essen für halb acht bestellt."

Er hängte an.

Als er in ben Saal zurückkam, war er noch einen Schein bleicher als gewöhnlich. Der Konzertmeister ftanb schon da, die Geige gesenkt, neben seinem Pult, ein blonder, junger Mann mit gelber Mähne unb breiten Schultern. Sie wechselten ein paar Worte unb Mansreb legte bie Partitur zurecht, fein Auge suchte ben Geiger Schmibt.

Der Alte saß in ber zweiten Reihe, wie immer . . . er sah fahl unb abgewelkt aus unb schaute ihn an . . . Wie ein treuer Hund, buchte Mansreb . . . Mut, Mut, er nickte bem Alten, unb ber nickte wieder, wie ein Schlaftrunkener ... Es war eine trockene Hitze im Saal. Er fühlte bie Trockenheit im Halse . . . Dann senkte sich ber Taktftock, dasAlle­gro Moderato" setzte ein. Der Geiger begann zu spielen, bie weichen Töne schmolzen in bem Rau­schen des Orchesters hin . . . Mansreb fühlte sich wie gelähmt, eine furchtbare Unruhe arbeitete in ihn« ... er konnte sich nicht konzentrieren, seine Gedanken irrten ab . , . umschlichen sein Haus . . . er suchte Melitta. Wo konnte sie hingegangen fein?

(Fortsetzung folgt.)