Nr. *75 Zweites Blatt
Regierungskrisis in England.
Von unserem W. v. K.-Korrespondenten. (Lachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten.)
• London, im 3uli 1927.
Ds tut sich was in England. Die Londoner Saison nähert sich gesellschaftlich wie politisch ihrem Ende. 3m August geht das Parlament in die Ferien. Man munkelt davon, daß die Sommerpause der parlamentarischen Tätigkeit zur Lösung wichtiger Fragen benutzt werden wird. Wie stehts um Daldwin? 3n konservativen Kreisen ist man mit dem gegenwärtigen Premierminister niemals recht einverstanden gewesen. Gewiß, er war ein Glückspilz, er besitzt auch seine Verdienste. Er ist ein vorzügliches Plakat konservativer Biederkeit: aber dieses ist auch alles. Folgende Aufgaben kann er nicht lösen: 1. ein Kabinett zu leiten, 2. innere Politik zu machen, 3. Wirtschaftspolitik zu führen, 4. auswärtige Politik zu leiten. Nur weil er über eine so erdrückende Mehrheit im älnterhause verfügt, sagt man, besitzt er die in ihm vermutete Bedeutung.
Dor einiger Zeit hat ein englischer, in Gibraltar stationierter Offizier seinen Obersten kaltblütig erschossen, weil er der Lieberzeugung war, daß das dem Obersten anvertraute Regiment wegen der Llnfähigkeit seines Kommandeurs militärisch völlig demoralisiert werden müsse. So ging er denn hin, bat bei seinem Vorgesetzten um eine Llnterredung unter vier Augen, und als er daS Zimmer betreten hatte, knallte er ihn einfach nieder, gab im Vorzimmer Degen und Revolver ab und teilte die Erschießung und die oben genannten Motive dazu mit. Auch das ist England. Das Gericht verhängte die Todesstrafe, empfahl ihn aber der Gnade des Königs.
Ungefähr so stehen auch die Dinge im konservativen Lager, nur daß ein englischer Kabinetts- mimster nicht zu Mr. Stanley Baldwin hineinwandeln famt, um ihn kaltblütig umzubringen. Daran hindert ihn schon die politische Etikette. Unangemeldet hat nur der König beim Premierminister Zutritt.
Man wird in diesem Zusammenhänge auf den Gedanken kommen, daß die in deutschen Blättern verkündeten riesenhaften Wahlerfolge der von dem verjüngten Lloyd George geführten Liberalen eine Art von Panik im konservativen Lager hervorgerufen haben. Dem ist aber nicht so. 3n der konservativen Parteileitung verfolgt man die Wahlerfvlge der Liberalen mit vergnügtem Schmunzeln. Trotz aller Reklame haben sie bisher nicht einmal ihre Wählerschaft auf den Stand von 19123 bringen können. Ganz im Gegenteil, fast in allen Wahlkreisen nimmt die Arbeiterpartei auf Kosten der Liberalen zu. Viel Geschrei und wenig Wolle ist die Ansicht. Lloyd George wird auch heute noch genau so skeptisch beurteilt wie früher. Praktisch laufen die Wahlei^olge der Opposition mir auf eine Bekräftigung der konservativen Herrschaft hinaus. Don 32 Rachwahlen haben die Konservativen 17 gewonz^n, d. h. ein Anlaß zu einer Regierungskrisis im Sinne der Opposition ist nicht gegeben.
Wohl aber ein Anlaß zur Regierungskrisis im Sinne der herrschenden Partei — einer R e- g ier ringsum bil düng. Baldwin hat seine Schuldigkeit getan. Man erkennt gerne an, daß er in schwierigen Zeiten als ein braver Hausvater seine Sache schlecht und recht gemacht hat. Aber er hätte sie besser machen können. Baldwin soll in den nächsten Tagen eine Reise nach Kanada antreten, eine LIrlaubsreise natürlich, mit politischem Beigeschmack. Aber ganz abgesehen davon, daß eine Auslandreise eines englischen Ministerpräsidenten etwas höchst Ungewöhnliches ist, ist es noch auffallender, wenn ein Minister- präsideTtt meinem Augenblicke das Land verläßt, wo seine Gegner an Einfluß gewinnen. 3n politischen Kreisen neigt man daher der Ansicht zu, dah die Kanada-Reise Baldwins, sofern sie nicht noch im letzten Augenblicke abgesagt wird, nichts arideres ist als ein Vorspiel zu fernem Rücktritt.
Wir haben schon neulich -von den drei Koir- kurrenten um die Rachfolge, nämlich Lord Birkenhead, Winston Churchill und Bridgeman, gesprochen. Heute muß nachge-
Das Darmstädter Schloß geht aus den Fugen.
Don Reinhold Wagner.
Zweihundert 3ahre steht das Riesengebäude anbewegt. Der alte Landgraf, der den Franzosen de la Fosse ins Land rief, es empor zu führen, übernahm sich ein wenig. Zwei Flügel nur, ein Teil des Riesengevierts kam hoch. Mauern aus Bruchstein, meterdick. Sie halten für alle Zeiten, dachte man ...
Hundert 3ahre stand der Bau, bewohnt, beladen. Da und dort verfaulte ein Balken, wurde ersetzt. Aber das Ganze hielt. Hundert 3ahre. Darm liehen sie um den Bau den Wallgraben ab, zogen Kanäle, senkten den Grundwasserspiegel. Während der Pfahlrost unter dem Fundament vertrocknend schrumpfte, luden sie in den Sälen Bücher ab, Folianten, hunderttausend Bände. Die Ballen trugen, die Mauern hielten stand, die Zeit ging weiter.
Abermals hundert 3ahre. Aus dem Wallgraben heben sich hohe, alte Bäume. Aber unter den Fundamenten knistert es. Der Wurm! Der Moder! 3n ihren Sälen droben die Folianten stehen in Bergen. Siebenhunderttausend! Sie Dachsen täglich. Ein Chimborasso bestaubten Pa- oiers, von emsigen menschlichen Mäusen durch- vühlt, geordnet ... Aber schon krümmen die Ballen sich ächzend unter der Last, sinken die Bögen, bröckelt der Stuck, spinnen sich Risse über die schweren Gewölbe...
3nrmer wieder geht ein Zittern durch den Bap- Tagaus, tagein. Drauhen auf dem Pflaster »röhnt eS vorüber, rollen die schweren Wagen, iie Autos mit den ungeheuren Lasten. Das schüttert vom Fundament bis unter den First. Tagaus, tagein...
Kommen die 3ahre des Krieges. Eiserne Reisen statt Gummi an den Rädern. Aus den oeöffneten Spalten im Mauerwerk staubt gemahlener Stein. Fenstersimse springen,, Figurenwerk stürzt... Obacht! Schon neigt sich sichtbar genug die eine Front, hängt über, zentimeterwett. Ein- sturzgefahrk Die Katastrophe droht. Was ist zu fcm?
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Freitag, 29. M1927
tragen werden, dah Bridgeman die größten Aussichten besitzt. 3n den politisch gut orien- tterten Blättern wird schon fetzt die Reklametrommel für ihn mit Geschick und Energie gerührt. Das Kabinett, sagt der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph", einer jener Leute, die zwar nicht offiziös sind, die aber immerhin das politische Gras an einen Lautsprecher angeschlossen haben, so daß sie es nicht nur wachsen, sondern auch reden hören, — dieser diplvmattsche Korrespondent des „Daily Telegraph" berichtet, daß das Kabinett von der Leistung Bridgemans in Genf auf das tiefste bewegt sei. Die knappe und tapfere Ausdrucksweise Herrn Bridgemans rväre nur vergleichbar mit früheren Leistungen Lord Balfours.
Damit können wir das Thema der Regierungskrise verlassen. Es ist nicht ratsam, in dieser Hinsicht zu prophezeien. •‘Sei abfälligster Beurteilung Baldwins muß festgestellt «oerden, dah er ein in menschlichen Dingen sehr gewitzter Mann ist, der wohl imstande rväre, auch seinem Totengräber ein Schnippchen zu schlagen, indem er seinersei ts das Kabinett reformierte. Wir bleiben also bei der Formel: „Es tut sich was in England" und überlassen dem gen«ttgten Leser weitere Schlußfolgerungen.
Für den deutschen Beobachter ergeben sich aber schon aus der Möglichkeit einer Regierungsumbildung eine Reihe wichtiger Fragen, die heute nur andeutungsweise behandelt werden sollen. Als der General Mangin an der Spitze der französischen Truppen m Mainz einrückte, sagte er einem Deutschen im Laufe eines Gespräches: „Dieser Sieg Frankreichs im Weltkriege ist die letzte Gelegenheit zu großer Leistung, die das Schicksal dem französischen Dolle beschert hat. Man werde sie, koste es rvas es wolle, auszunuhen wissen". Aehnlich ist das Gefühl im konservattven Lager, wenngleich mit sehr viel optimisttscherer Grundstimmung! „Eine so ungeheure Mehrheit, wie wir sie jetzt besitzen (418 von 615 Sitzen) wird uns der Himmel nie wieder bringen. Selbst wenn wir bei den nächsten Wahlen gut abschneiden, eine so vrkansichere Mehrheit kommt für absehbare Zeit nicht wieder. Darum aber soll man die besten Kräfte, die tüchtigsten Leute, die stärksten Energien zur Führung der Regierung einsetzen. 3n zwei Fahren sind Reuwahlen, da brauchen wir gute Pferde, (um das Rennen zu machen. Schöne Worte, wie sie Stanley Baldwin ermunternd oder rührselig der Wählerschaft verzapft hat, sind auf die Dauer nicht ausreichend. Die Tat entscheidet. Für die 3nnenpvlittk reichte Baldwins Führung notdürftig aus, aber nur vorübergehend. Es kommt im Herbst zu
einer neuen Kohlenkrisis. Dem Kohlen-- Chaos ist Stanley nicht gewachsen. Das hat er schon das letztemal bewiesen: denn im Herbst geht es nicht gegen die Arbeiter, sondern gegen die Industrie als ganzes. Die Kohlenindustrie ist das Rückgrat des englischen Wohlstandes. Wir können sie nicht der Äebenswürdig- keit eines Schwächlings ausliefern. Dazu brauchen wir Männe r.“
„Außenpolitisch müssen wir aus dem sranzö- sisch-englischen, aus dem russisch-englischen, aus dem amerikanisch-englischen und dem kolonialpolitischen Dilemma heraus. Geht Baldwin, dann dürften die Tage Sir Austen Chamberlains ebenfalls gezählt sein. Dieser war gedacht als Widerpart zu Herriot und Briand. Seit Frankreich den galvanisierten Leichnam P o i n c a r e wieder aus der Schublade herausgeholt hat, können wir uns ein Gegenbild zu Briand ebenfalls nicht leistem Auf alle Fälle muß er einen Vorgesetzten kriegen, einen Mann mit politischer Einbildungskraft, um Chamberlains ledernes Lächeln etwas zu vergeistigen. Seit Curzons Tode ist ohnehin nicht mehr viel mit dem Foreign Office los. England muß heraus aus der Zwangslage. Rur mit einem außenpolitischen Erfolge läßt sich die nächste Wahl machen. Die bisherige Locarno-Pleite ist anerkannt. Aber wir müssen mehr, wir müssen die innere Erstarrung überwinden. Die toplastige Mehrheit muß mit neuen Impulsen versehen werden. Ein schweigend im Kabinettsrat sitzender Premier ist dazu unbrauchbar."
Es läßt sich natürlich nicht im einzelnen das mutmaßliche Aktionsprogramm eines ungebore- nen Kabinett es Voraussagen Was wir hier auszudrücken suchten, waren die Stimmungen, denen man in Gesprächen mit politisch unterrichteten Engländern begegnet. Sie sind wert, erwähnt und erwogen zu werden. Bei aller polittschen Lethargie und Indolenz liegt im Engländer, und ganz besonders im konservativen, ein gut Teil verborgener 3dealismus und Tatendrang. Was man will, weiß man gan$ genau: Festigung der Weltmacht durch positive Leistungen. Die Bolschewistenbekämpfung ist in diesem Sinne nur eine populäre Kulisse. Wir werden darüber noch berichten. Man drängt zur Aktion Ohne dramatische Effekte ist in England nichts anzufangen.
Baldwin geht auf eine Kanada-Reise. Sollte er bei seiner Rückkehr einen Kanadier in London vorfinden, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kennt? Lord Beaverbrool ist Kanadier von Geburt. Auch er gehört zu den Gegnern des Ministerpräsidenten und ist der intimste Freund Churchills und Birkenheads.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Oelgewinnung aus Kohle. Don Prof. Dr. Richard Hennig, Düsseldorf.
Es kann schon heute nicht mehr dem geringsten Zweifel unterliegen, daß die seit langem angestrebte und jetzt praktisch spruchreif gewordene „Verflüssigung der Kohle", die durch die Pittsburger Verhandlungen der „ Internationalen Weichkohlen-Konferenz" in den Brennpunkt des öffentlichen 3ntevesses gerückt wird, eine der großartigsten wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften dieses Jahrhunderts sein und bleiben toird. Wenn es noch eines Beweises bedurft hatte, dah in allen chemisch-technischen Dingen „Deutschland in der Welt voran" ist und bleibt, so muhte er in der Tatsache liegen, dah die Verflüssigung der Kohle, die uns in Zukunft hoffentlich unabhängig von dem englisch-amerikanischen Erdölmonopol machen wird, gleich zwei deutschen Gelehrten (Prof. B e r g i u s und Prof. Frcmz Fischer in Mülheim) auf einmal gelungen ist, und zwar gänzlich unabhängig voneinander und auf völlig verschiedenen Wegen. Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, dah der nächste Nobelpreis für Chemie für diese größte chemische Leistung des 3ahres 1926 oerlieljen werden muh.
Von einer Leistung „des Jahres 1926“ kann man zwar nur in bedingt richtigem Sinne spre
chen, denn die Arbeiten beider Gelehrten blicken schon auf eine mehr als ein 3ahrzehnt alte Vorgeschichte zurück (das Bergiussche Patent datiert sogar schon vorn 9. August 1913), und die von ihnen erdachten Verfahren find uns schon tn der Kriegszeit, als der Erdöl- und Benzinmangel sich jahrelang empfindlichst bemerkbar machte, von außerordentlichem Werte gewesen. 3mmerhin haben die beiden Verfahren, deren komplizierte technisch-chemische Seite hier nicht erörtert werden soll, sich bis jetzt noch vorwiegend im Vor- bereitungs- und Prüfungsstadium befunden, und es mußte vor allem erst klargeftellt werden, ob sie nicht nur theoretisch wertvoll waren (wie etwa die nur mit ungeheuren Kosten mögliche, praktisch wertlose künstliche Herstellung kleiner Diamantsplitter), sondern ob sie darüber hinaus für die Verwendung im großen geeignet und auch wirtschaftlich genug waren, um einen erfolgreichen Wettbewerb mit dem natürlichen Erdöl zu gestatten.
Hierüber hat nun im großen und ganzen erst das 3ahr 1926 und der Pittsburger Vortrag von Professor Bergius die Entscheidung, wenigstens für die große Oeffentlichkeit, gebracht, und zwar in einer Weise, wie wir sie uns kaum
3rgendwo besinnt man sich. Niemand erfährt davon. Aber dann schlagen Leute Ballen und Gerüste an die Front. Hämmer klingen. Schutt über Schutt häuft sich im Hof, mürbes Gehölz, aus Fenstern gewunden, kracht in die Tiefe...
Ein 3ahr. Olvch ein 3aHr. Die Zett vergeht. Man schaufelt im Graben. Mischmaschinen im Hofe schnurren Monate durch. Mtt den Zähren rücken die Gerüste von der Stelle. Geben die Front des reichgefchmückten Mittelbaues frei... Eines Tages steht drunten im Hauptportal ein kleiner, kräftiger Mann und bittet Leute, die sich versammelt haben, ihm durch die Räume des Riesengebäudes zu folgen.
„Wo beginnen?" sagt er erläuternd. „Dor fünf Jahren standen wir hier und fanden feine sichere Stelle. Schwamm im Holzwerk. Klaffende Mauern. Zersprengte Gewölbe. Der Pfahlrost unter den Fundamenten ausgefressen. Alles im Wanken. Mies Zerstörung. Wo beginnen?“
„Als wir die morschen Decken aus den Geschossen rissen, sahen wir erst, wie schlimm die Sache stand. Mauern, in sich gespalten, als wären es schlecht verklebte Stücke Papier ober platzende Schoten. Wände, die Jahr um Jahr zwar langsam, aber doch unaufhaltsam auseinander wichen..."
„Wir machten unseren Plan. Wir hatten Beton, Eisen und Stahl. An die Stelle des Dachstuhls, der auf den Mauern lag, setzten wir einen riesigen Helm aus Eisenbeton, verrippt, eine Haube, über die Mauern gestülpt, mtt ihnen verschmolzen..."
„Aber die Mauern selbst waren mürbe. So mußten wir schmale Breschen in sie schlagen. Stampften armierten Beton hinein zu Füßen, auf denen die Haube stehen konnte. Preßten durch hundert Löcher zwischen den Pfeilern Mörtel in das gelockerte Gestein..
„Ganz am Ende gruben wir unten auf. Hackten den Holzrost los. Wieder Beton? Run trägt ein riesiger Block die ganze Last. Er halt wohl aus...“
Staunenswert, das ganze, geduldige Werk! Ein Schloß! Es ist, als wäre es stückweise ausgehöhlt und neugeschaffen aus fremdem Stofs, gleich einem lebendigen Organ, das sich im Körper ständig regeneriert...
Run hält es wieder. 3n sich verklebt, zusammengefügt zu einer Schale, die hart, fast klingend geworden ist. Lieber den neugefügten Böden reiht sich Gestell an Gestell. 750000 Bände. Das wächst und wächst. Mag es doch! Es ist noch Platz und Halt für Jahre und Jahre. Man hat vorgesorgt,..
Droben im Mittelbau vorwellt der Führer. Der neue Saal! Sein Stolz! Mit Recht. Ein herrliches Bild. Eichentäfelung vor riesigen Fenstern. Schimmerndes Gold, von Bücherrücken aus Regalen tropfend. Rotes Leder auf Stühlen, an breite eichene Tische.hingeschoben...
Das ist der große, öffentliche Lesesaal, Glanz- puntt der hessischen Landesbibliothek. Eine Zierde, die ihresgleichen suchen darf...
Lieber die Treppen hinunter ins tiefe Erdgeschoß. Das Archiv! Akten und Attenbündel vis an die Decke. Uralter Wust, der täglich wächst und schwillt. OHten, Akten...
Dort unten ist, selbst eingesessenen Bürgern unbekannt, em herrlicher Raum. Hoch überwölbt, umzogen von alten, gebräunten, mit Wappen versehenen Schränken. Wie geschaffen zum Ar- beits- und Benuhersaal. Listig blinzelt der Führer: „Wenn es gelingt, die Bureaukratie zu zähmen, die ihn bis jetzt noch unter Schloß und Riegel hält. Sie sträubt sich heftig
Dann steigt man nieder in die entfeuchteten Kellerräume.
Endlose Magazine. Gestell an Gestell. Buch an Buch, Faszikel an Faszikel. Plötzlich schlägt in den papierenen Moder besserer Duft. Räher heran! Aha, ein Küferkeller!
Wir find ihm näher gerückt, dem Meister Poch, der hier im Düsteren seine duftenden Schätze hütet. Haben da und dort den Stoff geprobt. Wie et befeuert, der Sechsundzwanziger I Man ereifert sich...
Zahlen? Was wohl ein solcher Schlvßbau kosten würde? Unser Baurat rechnet in Eile. „20 Millionen", sagt er verächtlich, „aber es reichte noch nicht... Man baute teuerer damals als heutzutage!, Was für Steine!"
..Lind Ihre Teufelei aus Glas und Eisenbeton, die Injektionen, die Sie den Mauern gaben, die neue Front, die ©temftguren, Säle, Treppen und Kellers'
„800000," sagt er obenhin, und drückt ein
erfreulicher wünschen können. Deutschland ist bekanntlich, selbst noch nach dem Verlust eines Teiles der oberschlesischen und der Gefährdung der Saat-Kohlengruben, das kohlenreichste Land Mitteleuropas. Der ungeheure Kohlenverbrauch der Welt hat seit langem Besorgnisse wegen einer Erschöpfung der Kohlenlager in einer immerhin absehbaren Zukunft hervorgerufen, und wenn auch wir in Deutschland uns noch geringe Kopfschmerzen dieserhalb machen brauchten, da unsere Kohlenlager in jedem Falle auf viele Jahrhunderte allen Anforderungen gewachsen sind, so kann es uns demwch nur willkommen sein, wenn das Tempo ihrer Abtragung wesentlich zu verlangsamen ist, ohne daß die aus diesen Schätzen zu gewinnende Energie verkleinert werden muß.
Anders ausgedrückt, können wir behaupten, daß der an sich schon ganz gewaltige Wert der deutschen Kohlenlager sich durch du neu aus- gearbeiteten Verfahren mit einem Schlage mindestens verdoppelt, vielleicht sogar verdreifacht hat. Hat doch Professor Bergirrs in feinem Vortrag sich anheischig gemacht, aus einet Menge Kohle im Wette von 15 Mk. ein Oelquantum im Werte von 45 Mk. herzustellenI Gerade die Braunkohle, die nur in Deutschland und in der Tschechoslowakei in besonders großen Mengen vorkommt, soll sich zur Herstellung künstlichen Oels am besten eignen, und bei diesem verhältnismäßig sehr billigen Material muß die Wertsteigerung noch größer sein.
Die praktische Verwirklichung der gewonnenen Erkenntnisse wird nicht lange auf sich warten lassen. Zwei große deutsche Fabriken werden schon bald die Verwandlung der Kohle in Oel in großem Maßstabe vornehmen. Linser mitteldeutsches Braunkohlengebiet in der Gegend von Halle, das schon durch das 1915 eröffnete Golpa- Kraftwerk so hohe Wichtigkeit für die deutsche Volkswirtschaft erlangt hat, dürfte bald eine Bedeutung in noch viel größerem Maße erhalten und fortan in Wahrheit ein wertvoller Faktor der Weltwirtschaft werden. Auch England soll, wie es heißt, eine Lizenz auf Ausbeutung des Dergius-Verfahrens erworben haben und beabsichtigen, da es Braunkohlen nicht besitzt, minderwertige Steinkohle, Kohlenabfälle und Kohlenstaub zur Oelbereituna zu verwenden. England, bas einen großen Teil der Erdölschähe der Welt in der Hand hat, wird trotzdem die Segnungen der technischen Umwälzung nicht im gleichen Maße verspüren wie das mit Bezug auf feine Oel* Versorgung bisher fast völlig aufs Ausland angewiesene Deutschland. Dis jetzt bestanden ja geradezu ungeheuerliche Llnterschiede im Ocl- verbrauch der Hauht-Kullurländer. Dieser stellte sich nämlich innerhalb eines Jahres in
Deutschland auf 11 Liter je Kopf Frankreich „ 60 „ „ „
England „ 100 „ , ,
Verein. Staaten „ 800 „ „ „
Das arme Deutschland konnte es sich eben iricht leisten, große (Summen ans Ausland für Oel, Benzin ufw. zu bezahlen. Wir haben zwar im Jahre 1925 immer noch 31 Millionen Mark für Einfuhr von Rohbenzrn ausgegeben und darüber hinaus vorn Ausland 138 905 Tonnen Gasöl (gegen 48 009 im Jahre 1913) und 131 116 Tonnen Schwerbenzin und Puhöl (gegen 81 366) gekauft, aber wir hätten bedeutend größere Mengen gern gekauft, wenn wir das Geld dafür hätten aufbringen können. Wenn sich nun in Zukunft der Preis für das im Inland hergestellte „ deutsche" Oel schätzungsweise nur auf 15 bis 20 Pfennig je Liter stellen wird, fo wird sicher auch bei uns der Jahresverbrauch rasch emporschnellen und eine Angleichung an die reicheren übrigen Kulturländer möglich sein. Selbstverständlich wird die Llmstellung nur nach und nach möglich fein. Für die praktische Ausnutzung kommt zunächst das Dergius-Verfahren in Betracht. Die Methode Professor Fischers ist bisher nur im Laboratorium des Mülheimer Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kohlenforschung erprobt worden und wird noch geraume Zeit benötigen, ehe sie für die praktische Verwendung im großen reif ist.
Die stärkste Rückwirkung dürfte die epochemachende Neuerung auf die deutsche Schifffahrt zeitigen. Wenn diese sich in den letzten 3ahren in immer schnellerem Tempo auf den
Auge zu, „bis jetzt, der eine Teil... Ehe wir an das andere Ende kommen, wird wohl die zweite Million dran glauben müssen... Warum auch nicht? Hundert Jahre hält er wohl wieder stand, der Bau..."
Zwei Millionen, denkt man. Der Tausend 1 Ein Haufen Geld.... Frellich, am Ende: Wenn ein solches Schloß aus den Fugen geht, braucht man wohl Draht, es wieder zurechtzuflicken. Zweihundert Jahre find keine Kleinigkeit. Fiele es über Nacht zusammen, auf die Olafe, das Schloß: Es wäre doch schade darum. Außerdem: Wohin so schnell mit den Steinen?
Das Darmstädter Schloß will aus den Fugen gehen. Aber man rückt ihm heftig auf den Leib. Man renoviert es...
Jean Pauls Geburtsschein.
Die Iean-Paul-Gesellschaft ist jetzt in den Besitz des Geburts- und Taufscheines des Dichters gelangt, der ihr von Fräulein Hedwig Richter, der Tochter eines Groh-Neffen Jean Pauls geschenkt wurde. Die wertvolle Reliquie wurde unter Glas und Rahmen als Leihgabe dem Iean-Paul-Zimmer des Städtischen Museums in Bayreuth überwiesen. Das interessante Dokument ist eine Abschrift, die, wohl aus Anlaß der Konfirmation, am 12.3uli 1736 von dem Superintendenten Johann Balthasar Dorffler in Wunsiedel ausgestellt wurde, und hat nach der Wiedergabe in den „3ean-Paul-Blättern" folgenden Wortlaut: „Johann Paulus Friedrich Richter ist aus reiner und keuscher Che erzeuget, und im Jahre 1763 den 21ten Martti frühe um halb 2 Llhr allhier zu Wunsiedel geboren worden. Dessen Vater ist der Hochwohlehrwürdige Herr Johann Christian Christoph Richter, ehemaliger Tertius und Organist dahier, und nunmehrig bestverdiente Pfarrer zu Schwarzenbach an der Saale: die Mutter aber, Frau Sophia Rosina, eine geborene Kühnin, aus Hof. Die heilige Taufe hat an 3hm verrichtet Herr Senior Apel an folgenden Tag als dem 22ten Martti in der hiesigen Tertiats-Wohnung, und find die Tauf- pathen gewesen 1. Herr Johann Paulus Kühn, Bürger und. Tuchmacher in Hof, und 2. Meister 3oha7M Friedrich Thieme, Bürger und Buchbinder allhier."


