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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 29. Juli 1927

Die Wetterfahne.

Heber den Zweck einer Wetterfahne kann kein Zweifel Bestehen. Cs ist ihre Lebensaufgabe, sich nach dein Winde zu drehen. Deshalb letzt man sie dahin, wo es am wirrdigsten ist. Auf den Kirchturm, nach dein sich eine besondere Art von Politik nennt. So hoch hängt sie für den nor­malen Laien verstand.

Bei Windesstille muh sich eine Wetterfahne also ziemlich überflüssig vorkommen. Ungefähr wie Menschen, denen der Wind aus den Segeln ge­nommen ist, mit denen sie gewöhnlich ihr Doot zwischen den Klippen rechts und links gewandt hindurchsteuern und hch über den Wellenschaum freuen, den sie mit ihrem Lavieren aufwerfen. Wenn sie nämlich in Ermangelung eines Segels den Mantel nach dem Winde gehängt haben. Wohin die Wetterfahne des persönlichen Vorteils gerade zeigt. Aber kaum jemals dahin, wo es am windigsten ist. Denn dort schreckt sie vielleicht weniger eine etwaige Gefahr, als die Votwendig- keit oed Einsatzes von persönlichem Mut. Das verantwortliche Einstehen für Rede und Tun.

Alte Wetterfahnen sind meist kunstvolle Schmiede- oder Klempnerarbeit, deren figürlich« Darstellungen in humorvolle oder dem Leben ent- lehrrte, oder philosophische und sagenhafte Bezie­hungen zu ihrem Zweck gesetzt sind. Damit sie hoch über dem Getriebe der Äiedrigkeit einen Hauch des Geistes verspüren lassen, um den immer etwas von der versöhnlichen Ruhe des Ewigen ist, gleich­viel aus welcher der Richtungen er weht.

Man muh sich dem Zauber einmal ganz hin- geben, wenn in einer mondbleichen Rächt ab und an ein sanfter Windstoß das schnurrige Brum­meln einer rostmürben Wetterfahne in die Stille stottern läßt. Oder wenn in dem Wüten des Föhns die kreischende Wetterfahne schrill das Heulen zerreißt. Herrisch manchmal, wie die Kom­mandorufe eines Kapitäns, wenn das Schiff gegen hohe See kämpft. Keifend auch, wie eine fanatisch sich Überschlagende Stimme in dem Tumult einer johlenden Menge.

Am schönsten aber, wenn sie in den glasklaren Frieden einer Winternacht, wie Großmütter neben versonnenen Kaminen, halblaute Märchen vor sich hinmurmelt, in denen die Geister verängstigter Kinderträume spuken.

K. I. O.

Geschäftsverkehr

und Postgebührenerhöhung.

Der Reichsverband des deutschen Groß - und Heberseehandels hat, nach­dem die Erhöhung der Po st gebühren nunmehr gegen den Einspruch der Wirtschafts­verbände beschlossen worden ist, nachstehende Vor­schläge für Selbsthilfemahnahmen der Großhandelssirmen gegenüber den aus der Ge­bührenerhöhung sich ergebenden Mehrbelastung ausgearbeitet, die darüber hinaus auch für wei­tere, am Postverkehr interessierte Kreise der Oeffentlichkeit von Interesse sein dürften:

1. Einheitliche Vers endung der Fak­turen mit den Warensendungen, z. B. Fracht­güter, Kisten. Ballen, Pakete, Päckchen. (In Sendungen, die durch die Bahn bzw. durch den Spediteur befördert werden, dürfen zwar keine geschlossenen Briese gesandt werden. Das Ein­legen der Rechnung ist daher in einem offenen Briefumschlag aber durchaus möglich.) Aus einer besonderen Aviskarte (Drucksache, Postkarte), die mit fortlaufendem Rummerstempel zu versehen ist (Muster ist ausgearbeitet worden), wird den Kunden am gleichen Tage mitgeteilt, daß die Sendung mit einliegender Rechnung an ihn ab­gegangen ist.

2. Von der Versendung von besonderen bis­her üblichen Lieferscheinen soll Abstand ge­nommen und an deren Stelle gleich Rechnung erteilt werden, die den Warensendungen beizu­fügen ist.

3. Verzichtleistung der Mitglieder sämtlicher Verbände auf Empfangsbestätigung bei allen Zahlungsüberweisungen.

4. In verstärktem Maße ist von der D r u ck- sachenversen düng Georauch zu machen un­ter Berücksichtigung dec Tatsache, daß ein Unter- schied zwischen Teil- und Volldrucksache nicht mehr stattfindet. Auf allen Drucksachen ist er­laubt, handschriftlich, mit der Schreibmaschine mit Stempel, im Druck- und Paurverfahren fol­gende Aenderungen vorzuehmen: a) eine innere, nut der äußeren übereinstimmende Aufschrifts­angabe, sowie in gleicher Weise Absendungstag, Firma, Harne, Stand und Wohnung nebst Woh­nung des Absenders, seine Fernsprechnummer, Telegrammadresse und Telegrammschlüssel, sowie einPostscheckkonto und Bankkonto, sowie sonstige schriftliche Kenn- und M'rkworte nachzutragen oder zu ändern: bj offensichtliche Druckfehler SU berichtigen: c) Stellen des Druckes zu streichen, Worte oder Teile des Druckes durch Anstriche hervorzuheben und zu unterstreichen: d) Ziffern an offen gelassene Stellen des gedruckten Wort­lautes nachzutragen: e) Ziffern zu ändern: f) son­stige Aenderungen im Wortlaut sowie Rach- tragungen an beliebiger Stelle vorzunehmen; diese Aenderungen und Rachtragungen dürfen jedoch zusammengezählt nicht mehr als fünf Worte umfassen und müssen in leicht erkenn­barem sachlichen Zusammenhang mit der gedruck­ten Mitteilung stehen. Durch die Aenderungen und Zusätze dürfen keine Mitteilungen in ver­abredeter Sprache entstehen.

5. Die Heberweisung vom Post­scheckkonto auf das Bankkonto kann da­durch beschleunigt und verbilligt werden, daß der Dank ein Postbarscheck überwiesen wird, der bereits am nächsten Tage dem Bankkonto gut­gebracht wird. Die gleidye Heberweisung auf Zahlungsanweisung durch das Postscheckamt bringt eine Verzögerung von ca. drei Tagen mit sich.

6. Beim Abheben größerer Beträge von Postscheckguthaben durch solche Firmen, die über ein Reichsbank-Giro-Konto verfügen, werden durch Heberweisung eines Reichsbankschecks, der bei der Reichsbank sofort gutgebracht bzw. aus­gezahlt wird, bei regelmäßigem Verkehr nicht erhebliche Ersparnisse an Postscheckauszahlungs- gebühren erwirken. (Gebühr Vio pro Mille statt 1 pro Mille.)

Darüber hinaus sind Maßnahmen zur Ver­billigung des durch die Erhöhung der Postscheck­gebühren verteuerten Zahlungsverkehrs und des Paketverkehrs, sowie zur weitestgehenden Ver­wendung von Drucksachen vom Reichsverband des Deutschen Groß- und Heberseehandels aus­gearbeitet.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag. Palast-Lichtspiele:Staatsanwalt Jordan". Asto- ria-Lichtspiele:Eine Schreckensnacht in Sing- Sing".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am Dienstag, 2. August, abends 8 Hhr, geht als Erstaufführung die Ko­mödieDer Garten Eden" von Rudolf Bernauer unö Rudolf Oesterreicher in Szene. Das vorzüglich auf Wirkung gearbeitete Stück gehört zu den spannendsten Werken der Gegenwart und geht jetzt über alle Sommer­buhnen und Kurtheater. Auch in Dad-Rauheim fesselte das intereffante Stück die Zuhörer von der ersten bis zur letzten Szene und löste starken Beifall aus. Die Vorstellung ist nach 10.30 Hhr beendet. *

Personalien. Ernannt wurde am 20. Juli der Oberlandesgerichtsrat Conradi in Darmstadt zum Mitglied der Prüfungskom­mission für das Justiz- unö Verwaltungsfach.

Verfassungsfeiern. Das Hessische Gesamtministerium hat die Bestimmungen über die Verfassungsfeiern am 11. August erlassen. Es wird u. a. angeordnet, daß die öffentlichen Ge­bäude in den Reichs- und Landesfarben zu be­flaggen sind. Wenn nur eine Gelegenheit zum Aufziehen der Fahne vorhanden ist, sollen unter allen Hmständen die Reick^farben gezeigt werden. In allen Schulen ist am 11. August unter Weg­fall des gesamten Unterrichts eine Feier zu ver­anstalten. In Orten, wo der 11. August in die

Ferien fällt, ist die Feier in der ersten Schulwoche nach Wiederbeginn der Schule abzuhalten. Zur Teilnahme an der Derfassungsfeier seitens der Beamten und Angestellten wird für den 11. Au- guft Büroschluß angeordnet.

Die 1. und 2. Derwaltungsprü- f u n g für die Beamten der hessischen Land­gemeinden findet in der Zeit vom 1. bis 3. Sep­tember in Oisenbach statt. Anmeldungen zu den Prüfungen sind bis zum 15. August an den Vor­sitzenden des Prüfungsausschusses, Bürgermeister Ritzel, in Michelstadt, zu richten.

** D ie Unter st ützungsdauer in der Erwerbslosenfürsorge. Die Entwicklung des Arbeitsmarktes in den letzten Monaten hat das Neichsaroeitsministerium veranlaßt, die Bestimmun­gen über die Bemessung der Höchstdauer in der Er­werbslosenfürsorge nachzuprüfen. Hierbei hat sich ergeben, daß der Arbeitsmarkt sich z. B. für den Bergbau und das Reinigungsgewerbe so günstig entwickelt hat, daß die Höchstdauer auf das regel­mäßige Maß von 26 Wochen zurückgeführt werden mußte. Der Reichsarbeitsminister hat sich hierbei vorbehalten, für einzelne Berufsarten und Bezirke, die von einer langfristigen Arbeitslosigkeit beson- ders scharf betroffen werden, eine längere Bezugs- dauer zuzulasfen. Wie bisher, kann in allen Fällen Mr Vermeidung von Härten die örtliche Stelle die Fürsorge um 13 Wochen verlängern.

** D i e Behandlung post lagernder Sendungen nach dem Auslande. Wie das Reichspostministerium mitteilt, liegt Veranlassung vor, darauf hinzuweisen, daß bei postlagernden Sen­dungen nach dem Ausland der Name des Empfän­gers anaegeben sein muß. Die Verwendung von Anfangsbuchstaben, Ziffern, Vornamen ohne weite­ren Zusatz, angenommene Namen oder verabredete Kennworte irgendwelcher Art ist nach dem Aus­lande nicht zulässig. Sendungen, die den Anforde­rungen nicht entsprechen, werden, wenn der Ab­sender zu ersehen ist, zurückgegeben, andernfalls als unbestellbar behandelt. Auch die Nachsendung sol­cher Sendungen aus Deutschland nach dem Aus­lande ist nicht zulässig.

** Erhöhung der Derzollungspost- gebühr. Ab 1. August wird, wie das Reichspost­ministerium mitteilt, die Verzollungspostgebühr für Pakete und Briefsendungen von 30 auf 40 Reichs­pfennig erhöht.

Altersvereinigung 1 8571 927. Am Mittwochnachmittag feierten der Jahrgang der Siebziger und ihre Familienangehörigen auf Textors Terrasse ein frohes Geburtstagsfest. Ruch dem gemeinsamen Kaffee begrüßte der am 1. Ja­nuar 1857 geborene Altersgenosse Jean A r - n o l d die Erschienenen, während die Gedächtnis­rede von dem Altersgenossen P r ä t o r i u s ge­halten wurde. Diese beleuchtete die in den sieben Jahrzehnten gehabten Erfahrungen und Erleb­nisse, war von hohem vaterländischen Geiste ge­tragen und hinterließ bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck. Ein kleines Orchester sorgte für Abwechslung und erntete wohlverdienten Beifall. Während des gemeinsamen Abendessens feierte Altersgenosse Th. Loos die anwesenden Damen; Altersgenosse Schröbel lieh feinem Humor die Zügel schießen. Auch wurden verschiedene heitere und vaterländische Lieder vorgetragen. Die Feier war gut vorbereitet und verlief ohne jeden Mißton.

** Wochenende in Gießen. Eine zeitge­mäße Einrichtung zur Hebung des Fremdenverkehrs in unserer Stadt propagiert der Verkehrsverein unter dem Motto: Wochenende in Gießen. Es ist zu hoffen, daß die Anregung auf fruchtbaren Boden fällt. (Näheres siehe heutige Anzeige.)

** Rückkehr der Maschinengewehr- Kompagnie. Das 1. (Hess.) Ball. Jtrf.-Regt. 15 teilt in Abänderung der gestrigen Meldung über die Rückkehr der 4. (M.-G.-) Kompagnie vom Wacht- regiment Berlin folgendes mit: Die Ausladung er­folgt an der Frankfurter Rampe: der Marsch vom Bahnhof zur Kaserne wird nunmehr durch folgende Straßen gehen: Klinikstraße, Frankfurter Straße, Südanlage, Ostanlage, Moltkestraße, Llcher Straße.

** A u f der Weltreise zu Rad kam gestern ein junger Sportler, der sich Negue Renfah nennt, durch unsere Stadt und erregte durch sein bunt angestrichenes Fahrrad die lebhafte Beachtung des Publikums. Nach seinen Angaben ist der Mann

im Mai in München gestartet und will zunächst kreuz und quer durch Deutschland, Frankreich, Spanien und Nordafrika reisen.

" Von der Bruch st raße. Hnter den in der letzten Zeit durch die Stadt vorgenommenen Straßenve-rbesserungen dürfte auch die Bruch- straße hervorzuheben fein. Die seitherige Privat- ftrahe mit dem Ausblick nach der neuen Hui- versifätsaula ist nach Anlage der Kanäle ord­nungsmäßig entwässert, mit elektrischem Licht. Das unh Wasser versehen worden: die Fahrbahn hat Kleinpflaster erhalten, und die Bürgersteige sind asphaltiert. AllerBruch" in bei'" Druch- strcche ist nunmehr beseitigt. An der Stelle, wo ehemals das Verkehrshindernis,Spanischer Reiter" genannt, stand, sieht man vor dem Bleich- rasen ein gediegenes Blumengärtchen und öa- hinter auf der Gartenmauer eine Anzahl Kasten mit schön blühenden Blumen. Wenn nun noch einige Häuser neuen Verputz erhalten und die noch sehleirden Garteneinfriedigungen angebracht sind, dürfte jene Frau, die seinerzeit meinte:En dr Bruchstroh wuhnt doch nix Gscheids" anderer Ansicht werden.

** Straßensperrung. Wegen Vornahme von Hausanschlußarbeiten wird hiermit der S ei­ter s w e g zwischen Blockstraße und Goethcstraße bis Wolkengasse vom 29. Juli o. I. bis auf weiteres für jeglichen Fährverkehr gesperrt.

Berliner Börse.

Effekten-Frühverkchr.

Berlin, 29.Juli. (WTB. Funkspruch.) Die im gestrigen Nachmittagsverkehr und an der Frank- furter Abendbörse plötzlich eingetretene Aufwärts- bewegung setzt sich im heutigen Frühverkehr bis­her nicht fort. Die Kurse liegen zumeist behauptet. Man nennt Farben 320, Glanzstoff 735 und Schult- heiß 458. Am Devisenmarkt hört man Paris 124,04, Mailand 89,25 bis 89,30, das Pfund 4,8556, Madrid 28,45.

Dv-efkasten der Redaktion.

Volkswirt R. D. D.

Frage: 1. Welcher Verband wird durch R. D. D. bezeichnet? 2. Ist dies ein Reichs­verband, der nur akademisch gebildete Volkswirte aufnimmt und dessen Mitgliedschaft auf die Zu­gehörigkeit zu einem freien Beruf hinweist, wie dies ein Angehöriger, der selbst Akademiker ist, behauptet?

Antwort: 1. R. D. D. bedeutet Reichs- verband der Deutschen Volkswirte (Verband der Diplom-Volkswirte) E. V., der seinen Sitz in Berlin-Wilmersdorf hat. 2. Die Erlangung der ordentlichen Mitgliedschaft ist nicht nur vom Abschlüsse eines miindestens sechs- semestrigen Studiums abhängig, sondern der Bewerber muh sich auch bereits in der Praxis bewährt haben, mindestens durch ein dreijähriges freiwilliges Wir 1 schafts - referenöariat Die Bezeichnung Volkswirt R. D. D. ist gesetzlich geschützt und bedeutet für den volkswirtschaftlichen Sachwalter, der sie führen darf, eine Berufs- bzw. Q u a l i s i t a - tionsbezeichnung: aber auch Volkswirte, die in die öffentliche Verwaltung übernommen worden sind, führen diese Qualifikationsbezeich­nung vielfach weiter.

211. G. Beginn des Rhönsegelflugwettbewerbs am 31. Juli.

Kirchliche Nachrichten.

Israelitische Gemeinden.

Gottesdienst der isr. Religionsgesellschaft.

Sabbatfeier, den 30. Juli 1927.

Freitag abend 7.30, Samstag vorm. 8.00 Pred., nachm. 4.30, Sabbatausgang 9.05. Wochengottcs- dienst: morgens 6.15, abends 7.15.

3fr. Religionsgemeinde. Gottesdienst in der Synagoge (Südanlage). Samstag.den30.Juli 1927. Vorabd. 7.45, morg. 8.30, abds. 8.25 u. 9.05.

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Versammlung wird nochmals hin- geroiefen 6982V Der Vorstand.

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Sonntag,31. Juli, tm Garten des Kaufm. Vercins- baufes.Nordanlager zmisiellskikr. Konzert, Kinderspie­le, Pretsschteßen.

Die Preise sind vor­her au§aeiteüt. An­fang 15 Uhr. Um zahlreiche Beteili­gung bittet 6948V der Vorstand.