Nr 24 Drittes Blatt Kleksner Aineiaer iKeneral-Änteiaer für Kbsrhesient
Rumänien unö fein König.
Don unserem H. 8.-Derichtcrstatter. (Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Bukarest, Ende Januar 1927.
Wenn auch die amtlichen Berichte über König Ferdinands Krankheit e ne Der- schlechterung seines Bcsindens Immer wieder dementieren. der Ernst seines bedrohlichen Leidens und hie schweren Besoraniise, die sein Zustand in allen Kreisen Rumäniens hervorrusi. sind in allen Kreisen Rumäniens hcrvorcuft, sind nicht hinwegzurLuschen. Eindeutig ehrlich ist die Sorge des primitiven Rumänen um daS Leben des Königs. Der einfache Bauer hängt an seinem Herrscherhaus, für daS seine einfältige Seele ehrfürchtige Schauer durchziehen, und das durch den giftterlram Höffichen ManzeS seinem farbenfrohen Gemüt soviel Anlaß zu andächtig staunender Bewunderung gibt 3n den politischen und höflichen Kreisen des Landes aber überwiegt die Befürchtung der mit dem Ableben deS ÄonicÄ zu erwartenden Komplikationen alle DefüylSmr mente.
Königin Maria versucht immer wieder, ihren ganzen Einslus, auszubletcn, um die Regentschaft für den minderjährigen Erbprinzen Mihai zu bekommen, damit so daS Zepter ihren schönen Händen auch alS KöniginwiNve nicht entgleiten möchte. Die vor Jahresfrist in die Regentschaft ernannten Persönlichkeiten stehen sämtlich in sehr engen Beziehungen zur liberalen Partei. Für die Liberalen wäre der Tod König Ferdinands een außerordentlicher Bedeutung und die Probe aufs Srempcl ihrer Macht. ES war daS Derk dieser am festesten organisierten und ziel- bewußt arbeitenden Partei, als Prinz Karl von Hohenzollern den vakanten rumänischen Dhron bestieg. Ihr Ginslust am Hof war immer, wenn auch nicht ofserrkundig, ein sehr großer. Der energische und verschlagene Führer Der Partei, der ehemalige Ministerpräsident B r a - 11 a n u , hat auch heute trotz des offiziellen Regimes der Averescaner. die Sähen der viel- verschlungenen rumänischen Politik in der Hand und fein Einslust auf jede Reubvdung einer rumänischen Regierung ist von nicht zu unter» schöben der. weittragender Dedeutuna. Mit Ausnahme der Taranisten kranken alle übrigen Parteien an Ziel- und Haltlosigkeit. Sie haben keinen inneren Zusammenhang. Persönliche Eitelkeit ihrer Führer hemmt die übereinstimmende Durchführung großer Ideen und Pläne.
ES gab Harmlose, die von Averescu, dem schlichten General, und seinen Anhängern erwarteten, die unbegrenzte Korruption der Deomten» schast. die Herrschsucht und Protektionswirtschaft würde nunmehr enden. Ein törichter Trugschluß, denn daS Nnd nationale Allgemeingüter und die im Parlament zur Tagesordnung gehörenden Schimpsreden und schweren Anschuldigrmgen blieben noch immer die gleichen, nur wechselten die Hamen der Beschuldigten und ihre Fähigkeiten. DaS Kabinett Averescu versucht zwar, sowohl innen- wie außenpolitisch, seine Sfistenzberech- ligung barzutun. Eine durchgrcisende Besserung und Wandlung in der Entwicklung Groß-Ru- münicns ist bisher nicht gelungen.
Dielleicht wird einmal eine solche Besserung von den Taranisten zu erwarten sein. Diese Bauernpartei hat in dem ehemaligen Bolksschul- lehrer Mihalache einen äußerst fähigen Führer, der mit begeisterter Hingabe an seine Ausgabe eifrig bemüh! ist. daS rumänische Doll auS seiner Dumpfheit ouszuschütteln und der täglich neue Anhänger gewinnt. Die Taranisten sind trotz aller Bestrebungen der chauvinistisch-nationalistischen Berehrcr von Professor Euza und der Schiften Rumäniens, die sich um 3orga scharen. Ile Partri der jungen Venera'ion. einer Generation, die nicht den Staat, sondern ihrem Dolks- tum die größere Bedeutung anerkennt und sich für diesen Gedanken cinzulehcn bereit ist. Den Liberalen und allen dieser Partei nahestehenden Kreisen erwächst auS den Reihen der Taranisten her gewichtigste Gegner. Sin Gegner, dem durch den Tod d:S Königs neue gefährliche Wasfen In Me Hand gegeben würden.
Wirklich. die Besorgnisse Ira kaum gefügten Königreich Groß-Rumänien, dellen Mauern durch Parteihaß andauernd von innen und durch
Oer Frosch nm derMaske
Roman von Edgar Wallace.
43. Fortsetzung. Nachdruck verboten
So weit war er gekommen, als eine Stimme im Uorraum laut ward. Es war die aufgeregte, schrille, hysterische Stimme einer Frau. Bevor Dtck die Tür tneidjen konnte, wurde sie aufgerissen, und Lola stürzte ins Zimmer. Sic war aufgelöst, verzweifelt, hr schönes Gesicht gedunsen von Tränen.
„Oorbon, Gordon! D, du mein Gott", schluchzte He. „Wissen Sie es schon?"
„Still!" sagte Dick, denn Ella stand neben ihm.
Aber Lola war außerstande zu hören und zu Der» stehen. „Sie haben Ray gefangen, und sie werden hn hängen! und Lew Ist tot!"
Das Unglück war geschehen.
„Mein Bruder?!" fragte Ella starr vor Schrecken. Erft In diesem Augenblick erkannte Lola sie und n'ckte heftig
„3a, ich habe es herausbekornrnen", schluchzte |ie. Lch hatte Verdacht und ich fchrieb. Ich habe eine Photographie von Phenan bekommen. Ich wußte tofort. daß es Lew fei. Der Frosch Hai es getan! Der Plan war monatelang vorbereitet! Ich meine licht um Lew. — Ich schwöre, daß ich nicht um Lew Deine. Aber der Junge! Es war meine Schuld, ich fcbe den armen Jungen in den Tod gelockt, ©orten!" Und sie brach in hysterisches Schluchzen aus.
„Bringen Sie sie fort", sagte Dick leise. Und Elk ührke die willenlos Gestalt zur Tür hinaus.
J3ft das wahr?" hauchte Ella.
Dick Nickte. ,Lch fürchte, daß es wahr ist, Ella." „Wenn ich nur wüßte, wo ich den Vater finden tonnte!" jagte sie völlig gefaßt.
„Glaubst du. daß ec gut wäre, ihn zu benach- 'ichtigen, wo er nicht helfen kann?"
Sie forschte in feinem Gesicht.
„Ich glaube, du hast recht. Dick. Ja, Vater darf richte erfahren. Dick, könnte ich Nay nicht sehen?"
Dick schüttelte ben Kops. „Ella, wenn Ray so tapfer geschwiegen Hot um euch das zu ersparen, fo würden feine ganze Haltung und fein Mut dahm fein, wenn du lhn besuchen wolltest."
Elk Farn rasch herein. „Ein Telegramm für Sie, Fräulein Bennett", sagte er. „Ich Hobe den Boten
den neuen Kurs der Politik seiner Rachbarländer auch von außen sich in ewigem leisem Bröckeln befinden, um das Leben König Ferdinands hat» groß. Eindeutig ehrlich? — Rur im primitw-
kinbllchen Volk. baS für seinen, von Go'.t ein- gefegten Herrscher betet und Dom DolkS'chul- lehear DAHolachc angel«!et. die ersten Schritte zu vollösewußt«m Denken zu machen beginnt.
Der Erziehungsgedanke im Strafvollzug.
Von Landgcrichttdirettor Or. Albert Hellwig
In iDiitcn Bollskrclscn nicht nur unter den Arbeitern, sondern cbenfo auch unter den sogenannten Gebildeten, finbet man bis tum heutigen Tage nur wenig BerüäudmS für bic Pfnche dcS „Verbrechers". Ter sogenannte anständige Mann, dcr nie etwas mit bem Öend’t <u tun gehabt hat — obgleich seine Hand« tungen sittlich sicherlich nidd immer onrw and frei gewesen find —, empfindet einen kaum zu übenomben» ben Widerwillen gegen den Verbrecher, gegen bcn Verbrecher, den er gar nicht kennt. Weiten scheinen ihn von bet Seit des Verbrechens zu trennen.
Dichter haben cs geahnt und ausgesprochen, Psycho- logcn, insbesondere bic neueren ftnminalpjndiologcn, es bewiesen, daß nichts irriger ist als bic Annahme, Verbrecher und Nichtverbrearcr feien zwei voneinander teinfid) geschiebene Typen bestimmter Art. So wenig es einen gebotenen Verbrecher in bem Sinne gibt, baß jemand von Geburt an burck seine ererbten Anlagen untvibenuflid) unb zwangsläufiy zum Ver- bredjer präbestiniert sei, so wenig gibt es irgendeinen unter uns, unb fei er sittlich noa> so hochstehend, dcr von sich aus mit Fug und Recht behaupten könnte, ihm sei BerbreckcrilchcS wcsenssrcrab. Richt die Anlage ist das Ausschlaggebende, sondern das Lebens- schicksal.
Tas Problem Anlage und Umwelt ist nid)t so zweifelsfrei zu lösen, wie cs und bis vor kurzem noch geschienen hat, ja cS ist letzten Endes vielleicht überhaupt ein nicht lösbares Problem. So viel steht fest, baß ein und derselbe Faktor je nach der Anlage bei bem einen einen Bcrbrccbcnsanveiz geben, bei bem andern ohne Wirkung bleiben kann. Ricrncmb von uns kann wißen, wie sich sein Leben gestaltet hätte, wenn et anberen Umroeltecinflüffm ausgesetzt wäre, und niemand von unb ist vor seinem Tobe sicher, daß et, ohne mit bem Makel eines Verbrechens belastet zu sein, sein Sieben vollenben wirb.
Auch in bem Verbrecher steckt noch ein guter Stern; auch der Verbrecher hat Ehrgefühl. An sein Bestes gilt es sich zu wenden, wcim man ihm, unb durch seine Besserung der Gcfcllie.mfi helfen will. Gewiß wird es auch Unverbcsierkiche geben, und vielfach rohe» bic Erziehungsarbeit im Gefängnis, ebenso wie bic Er- ziehunaöatbcit in der Freiheit, Sckijfbruch leiden. So viel aber ist sicher: nur dadurch, daß an ben Menschen im Verbrecher appelliert rohrt), ist es möglich, Erfolge mehr als vorübergehender Art zu erzielen.
Daß es Sinn hat, auch bei Schwerverbrechern an das Ehrgefühl sich zu toenben, das zeigen einige Beispiele aus der Praxis, bic Otto Zirler in seinem vor- tresslichen Büchlein „Ter Gefangene. Neuland bet Erziehung in bet Strafanstalt" — zugleich leiber feinem Testament - aus eigener Erfahrung in ,d)firittet Art berichtet. Et sprickfi ba u. a. von einem schweren Jungen, brr 43mal vorbestraft ist wegen Diebstahls, Betrugs, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Sach- be(d>äbiflung. Mit sechzehn Jahren bat er ongcftrugen; heute ist er achtunddteikia. Bon diesen ad)t unb drei feig Jahren hat er mcht als bic Hälfte in der Strasanstall zugebracht: siebeneinhalb Jahre im Gefängnis und zwölf Iahte im Zuchthaus. „Alle sind sie Lumpen, alle," sagt er erregt zu bem Verfasset, „wer mich aber gut behandelt, bem tue Ich auch nicht». Unb für Sie gehe ich überhaupt durchs Feuer." — Seine blauen Kinder äugen strahlen mich an.
Ein anderer Gefangener hatte Zirker gebeten, ihn in der Zelle zu besuchen. Et habe ihm etwas zu gestehen. Er gestand, baß er ihn bei einer früheren Gelegenheit belogen habe. TaS Lügen sei ihm zur zweiten Gewohnheit geworden, unb cr mache sich sonst gar nichts barau«. Er sei vielleicht ein ganz verkam- mencr Mensch. „Eines aber habe ich mir zurüdbc- halten: wer mir gut kommt, bem mag ich nicht schlecht werben. Sie slnb immer so anftänbig zu mir gewesen. Darum mochte ich Eie nicht belogen haben."
Mit selbst ist eS kürzlich passiert, baß ein 15 mal wegen Diebstahls vorbestrafter Arbeiter, bet von bem Schwurgericht wegen MorbeS und wegen Totschlages zum Tove unb zu vierzehn Jahren Zuchthaus verurteilt roorben war, mir nach bet Verhandlung, in der er in vollem Umfanoc geständig geraden war, schrieb, cs habe i*m wirklich rovllgetan, aus der Houvt-
handlung den Eindruck gewonnen §u haben, daß das Schwurgericht ihn tro^ dcs To b» «riest.> noch nid*t ganz zu den Berworsenstcn geredmet habe; er fikhle sich rcruflid'tet, dafür seinen herzlidifien Tank aut- zu^rechen.
Daß verständnievolles Eingehen aus die seelische Rat dcr Gefangenen, ein kräftiger Appell an ben gö'.l- lichen Funken, dcr aud) in dem Vcrroorienstcn ftedt, auch von vraatfchen Erfolgen begleitet ist, das ^cigt ein Besuch der Strafanstalt Plötzcnjcc mit lernen I KK) (gefangenen.
Es ist eine wahre Freude, einen Mann wie den Obcr-rafanstaltobiiektor Polen-, einen gemütlichen und bumorvoOen Ostpreußen, einen früheren Staate- walt, kenncnzuletuen, einen König in seinem Reiche. Richt, daß er gute Tisplm zu halten versteht, nid,t, daß er ben Arbeitsbetried vortrefflich organisiert hat, ist es, weshakv er mit stolzer fjtcubc und Genugtuung auf feine Arbeit xurüdbhdcn kann: nein, baß cr als Mensch unter Menschen lebt, daß ihm jeder Gcsmigcne nickt eine Rurnrncr, sondern ein Mensd) wie er von Fleisd) unb Blut ist, baß et ohne jede romantische Sen- timalität unb ohne weichliche Milbe, bic alles, was sic versteht, au di glaubt verzeihen zu müssen, feinsinnig an das Gute appelliert, und daß er damit zweifellos auch (rrfotge erzielt, bas ist bas Große an diesem Mann. Unb daß er trotz seiner Leistungen, trotz der gewaltigen Erziehungsarbeit, bic cr da draußen Tag für Tag, Jahr für Jahr an lauicnb.-n leistet, burch bic er vielen wieder hilft, ein an ständiger, ehrlicher Mensch zu werben, burch bic er dem Staat unb bot Gesellschaft alljährlich gewaltige Summen erspart, von seiner Arbeit gar nickt so viel Wesens macht, bas ist baS Schöne an diesem Mann.
Erziehung läßt sich nur dann Ielften, wenn bem Erzieher eine ausreichende Zeit zur Vorfügung steht. Tie kurzen Freiheitsstrafen wir len erziehungsioidrig. In den ersten Monaten werbeiraud) in Plvtzenjcc die Gefangenen behandelt roic unbetOwo. Der Gefangene, bet sich über bic Rechtsordnung hinweggesetzt bat, muß lernen, sich zu fügen uxb irnterzuordnen, er muß es lernen, sich In die Gemeinschaft zu fänden.
Erst tvemi bet Gcsangene geneigt hat, daß cr raillenö ist, sich ber ihm aufctlegtcn Ordnung willig zu beugen, erhält er kleine Vergünstigungen. Direktor Pvlentz hat auch den Vcri'ick gemadrt, bic Musil, bic wie keine anbcrc Kunst unmittelbar zur Seele spricht, in den Dienst der Ernehung zu stellen, rote dies früher schon in amcrtkcmü'chkn Strasm,stallen geschehen ist. Sonn» tagS finden in dcr Austaltskirckc von Zett zu Zeit Äon- A€rtc statt. Künstler singen und spielen dort vor einem Auditorium ven 00(i Sträflingen. Konzertsaal ist bic Anstattsllrche. Mitten zwischen ben Sträflingen sitzt ber Direktor. Keines Aufsehers bebarf cs, um Ordnung zu halten. Ein leichtes Klopfen deS Titeltot# auf die Lehne bet Bank genügt. Alles ist mäuschenstill, so still, wie man eS vel zahlreichen unerzogenen Äonrertdcsnchern zum Leidwesen unb zum Ingrimm deS MujikfreundeS leider mcffi finbet. Selbst Sträflinge. die schon zahlreiche Vorstrafen gehabt haben, sind vis oft inS Innerste erschüttert durch die Klänge, die an ihr Ohr schallen, in ihr Herz dringen. Alle äußerliche unb künstliche Ruhe bricht zusammen. Ter Trotz gegen bic Gesellschaft wird gebrochen, ber Krampf löst fick. Die schwerste Strafe, bic verhängt werden kann unb die mehr gefürchtet ist als mehrtägiger Arrest bei Steifer unb Brot, daS ist bic Entziehung der Erlaubnis zum Besuche des Konzertes für mehrere Bocken ober gar Monate.
Au» Plbkensee wird niemand nach Verbüßung bet Strafe aus bic Straße gesetzt, ber wedrloö dem Elcnb preisgegeben wirb. Einem jeden wird Beschäskiaung nachgcivicsen. Acr keinen Arbeiterock, rocr feine Stiefel hat, erhalt Stiesel unb Anzug. Poll berechtigten Stolzes zeigte uns Tit*ft*'t Polen- feinen Vorrat an An-Ügen, aus altem Militärtnch gut gearbeitet, und an derben, aber dauerhaften Stieseln. Alles fein persönliches Eigentum, bnü er sich, wie er sagt, nach und nach — „erbettelt" hat. Rickt a.'S Geschenk erhält der Gefangene Anzug unb Schuhzeug, sondern flogen billige Entschädigung, zahlbar, wenn er sie ans eigenem Verdienst erstatten kann. ES ist ein gutes
vor der Haustür getroffen. Es ift von Horsham zu- rückgefchlckt worden, wie ich vermute."
„Oessne es, bitte", sagte das Mädchen. „Es kann von Vater sein."
Dick nß den Umschlag auf, das Telegramm hatte folgenden Wortlaut:
„Ihr Bild entwickelt. Kann Mord nicht verstehen.
Besuchen Sie mich. Sellnskl-Haus, Wardour- straßc."
„Was soll das heißen?" fragte Elk.
„Ich verftehe es auch nicht!" sagte Dick. „Kann Mord nicht verftchen'' Hot dein Vater versucht, Aufnahmen für Kinostücke zu machen?"
„Rein, Liebster, sicher nicht! Das hätte er mir 9<?f ,&afl für Silber hat dein Vater an Selinski geschickt?"
Sie versuchte ihre Gedanken zu sammeln. „Es war eine Forellenoufnahme", sagte sie. „Aber er hat mir von einem verdorbenen Film erzählt. Er war auf bem Lande unb ist eingefNafcn. während er auf einen Dachs gewartet hat. Und die ganze Zeit hat der Apparat gekurbelt. Er wollte den FÜm aar nicht entwickeln lasten. Er muß ihn verwechselt haben. Selinski erwähnt die Forellen ja gar nicht."
„Wir mästen sofort nach der Wardourstraße."
Es war Elk, der fo entschicden fpmch, der ein Auw holte und die beiden hlncinschob.
Als fie in die Wardourstraße kamen, war Herr Selinski gerade beim Lunch, imb niemand wußte etwas über den Film ober batte Erlaubnis, ihn vor» zuführen. Eineinhalb Stunden warteten fie auf Ihn in dom schmierigen Bureau, während Boten auf der Suche nach Selinski durch die 6ta6t jagten. Endlich tarn er, ein höflicher, gefälliger, kleiner Herr, der sich in taufend Entschuldigungen erging, obgleich er seins Besucher gar nicht hatte erwarten können.
„9a, — es ist eine merkwördloe Ausnahme", sagte cr. „Ihr Herr Vater, Frouketn Bennett, ist ein sehr guter Amateur, das heißt — jetzt ist er ja Berufsphotograph. Und wenn es wahr Ist, daß er die Erlaubnis für die Zoo Aufnahmen bekommen hat, so wird er sicherlich in die erste Reihe unserer Raturphotograohen treten.*
Sie folgten ihm in einen großen Saal, in dem die Sessel aneincmberdereiht standen. Sie setzten sich vor einen klemen, wechen Schirm.
„Dav ist unser Theater", erNärte Sestnski. ,/laben Eie vielleicht eine Ahnung, Fräulein, ob Ihr Tater nicht versucht hat. Kinostucke zu drehen? Denn die S$ene war an und für sich sehr gut ge- S. Auf ber Etikctte ftand »Forellen In einem
', ober |o ähnlich. Aber es lommen weder Fo- reüen noch ein Teich vor."
Man hörte ein Knacken, und der Raum verfinsterte sich. Dann erschien auf der Leinwand ein Bild, das im Vordergründe einen Streifen grauen, sandigen Bodens zeigte. Man sah die fchwarze Deff- mmg eines Laues, aus der ein seltsam aussehendes Her heroorspähte.
„Sehen Sic. das ist der Dachs", erklärte Herr Sclinsli. „Bis jetzt sieht es sehr vl-loerfprechend aus, aber ich verstehe nicht, was Ihr Herr Vater weiterhin damit gemacht hat. Die ganze Stellung der Kamera wird eine andere."
Während er sprach, schwenkte das Bild ein wenig nach rechte, als ob es heftig gezogen würde. Und jetzt sah man zwei Männer — Landstreicher offenbar. Einer faß. den Kopf in den 5)anden ba, der andere neben ihm schenkte einen Becher voll.
„Das Ist Lew Brady!" slüsterle Elk aufgeregt. Und in biefem Augenblick sah ber andere Mann auf. Ella stieß einen Schrei aus.
„Es ist Ray! O, Dick, es ist Ray!"
Keine Frage, er war es. Sie fahen, wie Brady ihm zu trinken anbot, sahen ihn den Decher widerwillig leeren und Hurückreichen. Dann fahen sie, wie er die Arme gähnend ausstreckte und sich zum Schlafe 3ufammenfauerte. Die lieger.be Gestalt wurde auf das Gesicht gedreht, und Lew bückte sich unb steckte Ray etwas in die Tasche. Sie bemerkten deutlich den Glasresle^.
„D»e Flasche!" sagte Elk.
Aber dann wendete sich die Gestalt m der Mitte des Bildes hastig um. Gin Mann schritt langsam auf Lew zu. Sein Gesicht war den ®:fd)oucm imftdjthcr. et wendete sich ihnen richt ein einziges Mal während der ganzen Zeit zu. Sie johen, wie er den Arm hob, faßen das Aufblltzen von zwei Schüfien und beobad-teien atemlos, als läse Zauder- bann auf ihnen, die Tragödie, die darauf folgte. Der Mörder beugte sich nieder, legte die Pistole neben ben schlafenden Ron und, eben als er--jetzt, —
jetzt--jetzt sich ihnen zuwendete, — wurde die
Leinwand wieder weiß, unb das Licht flammte auf.
Samstag, 20. Januar 1927
Zeichen, sowohl für das Ehrgefühl ber Gefangenen als für bic Verehrung, deren sich Titeltet Polrntz bei seinen Pflegebefohlenen erfreut, daß etwa brti Viertel der Entlaßenen ihre Bcrvftichtungen aus bem Kreditkauf getreulich erfüllen, nicht selten nut Worten wärmsten Tankes für die menschliche Antcünahme, die sie in Plötzcnsee gefunden.
Auch in onbcrct Serie zeigt es sich, daß die Eo- iickmngSatbcit, die dort aus einer tiefen Menscken- ftrimohchk'it heraus geleistet wird, nicht retgeblitb ift. So steht ün Amtszimmer deS Direktors ein Sckreib- teug, kunstvoll modelliert. Riemano, der efJ nickt weiß; wird es erraten, baß biejcs Schreib;eug von einem alten Verbrecher aus butcMautcm Brot, da> cr sich tagelang von seiner Brotration abgespart batte, ge- »etligt roorben ift. Um nicht in ben Botdadt zu kommen, sich aus biese Weise irgenbeincVergünsngung ctjchlcichen zu wollen, überreichte ber Gefangene sein llunfiroei! erst drei Tage vor seiner Entlassung.
Goviß bleiben auch Enttäuschungen nicht aus. Gar mancher, den man sür ernstlich gebessert gehalten hat, kehrt wieder. Grfreulichcrivciic nimmt Direktor Pvlentz aber diese Mißerfolge als etwas Unvermcib- Iid)Ci mit in den Kauf, ohne seinen Glauben an die Menschheit zu verlieren, ohne aufzuhören, in jedem neuen Gefangenen wieder ben Mitmenschen zu sehen, ber gestrauchelt ist unb dem zu Helsen Menschenpfudit ist.
Wer Jugcubridttcr roic Professor Dr. Hoffmann in Leipzig ober Amtsgerichterat Franckc in Berlin kennen gelernt hat, ivem Erzielmnashcime roie Lindenhof ober StrurocShos bekannt finb, rocr ein in mobernem Geist geleitetes Gefängnis roic Plötzcnscc gesehen bat, der vermag zu beurteilen, von roic ausichlaggebenbem Ernflutz bic Mad t einer iibenaflenbcn verstänbniS- vollen unb mcnschenfreunblichcn Pcrsünliciikcit auf die Entgleisten ist. Säten alle Riditcr au# bemselben Holz geichnitzt, wären alle Erriehungsheime gleich vordildlid) wie Lindenhof und tStruiveshos, wären alle Strafanstalten unter einer Leitung roic Plötzen- fcc, so wären alle Erfolge im Kampfe gegen bas Verbrechen, soweit er burd) inbividuelle Einroirlung auf die Seele der Gcstraudicltcn ober Bertvalirloston zu führen ist, größer, gossen wir, baß fick immer mehr Männer unb Frauen finden, bic sich in gleichem Maße für biese schwere unb verantwortungsvolle, aber auch banfbare Ausgabe eignen-
Wirtschaft.
Börse und Geldmarkt.
Der oute Stern, ber jetzt schon seit elwa Jahresfrist über ber Börse steht, hat biese auch in ber letzten Doche nicht vrrlasien. Wenn man von bem Gesichtspunkt ber Rendite aus die jetzt erzielten Kurse ber fufjixnben Terminwerte betrachtet, so wirb man ohne Frage starke Heber- treibungen feststellen. In bicser Hinsicht schießt also bie Dörsenhausse vielfach über bas Ziel hinaus. Wenn trvhbem bie Kurs« täglich neue Steigerungen «fahren, so müssen doch wohl anbere Grunbe für Mc umfangreichen Kaufaufträge ber außerhalb ber Börf« stehcnbcn Kreise vorliegen. Danz klar sind biese Hrsachen bisher nicht ersichtlich. GS ist nicht ohne weiteres au erkennen, auS welchem Anlaß bie Anschaffungen von 3nbuftrteaftl<n in einem berartlgen AuSmaß anhalten, baß bic Börseninbexzisfern ber Danken unb anberer Statistiken ben diSl-er höchsten Stanb fast wöchentlich von neuem überschreiten. Gin« teilweise ©rflärung finbet man vielleicht, wenn man versucht, ben AuSgangs- fiunft ber Kurssteigerungen sestzustellen. Dieser iegt, von einzelnen festen Papieren anderer Gebiete abgesehen, fett einiger Zeit amAl ontanatticra» markt. Srst war es ber englische Dergarbcitcr- strcik, ber baS Interesse für Kohken- unb Eisenwerte aufleben ließ, jetzt finb eS bie großzügigen Projekte, bie man an ber Ruhr in Angriff nimmt, um auch in der Zukunft. Venn bie heutigc Zu- fallSkonjunktur nachlofsen sollte, gesicherte Absatz- Verhältnisse zu schaffen. Wenn ber Bergbau Dabei geblieben wäre, sich mit ber Zörbetnma unb Dem Berkaus ber Kohle (Hart- unb Weichkvhle) zu begnügen, so würbe man feine Aussichten zum minbesten sehr abtoartenb beurteilen können. In richtiger SrieimtniS ber Problemstellung richtet man sich aber glücklicherweise im beutschen Bergbau nicht auf sein laissez aller ein. sonbern geyt baran, bie Kohle in eigener Regie zu bearbeiten und deren Svclprobukte abzusetzen. In btefer
„Er ist un|d)u[6ig. Dick, er ist unschuldig!" rief Ella verzweifelt. .^Hask du nicht den Mann gesehen, der gefchossen hat?"
Dick erfaßte mit festem Griff ihre beiden Schultern. Sie war halb wahnsinnig vor Schmerz unb Entsetzen. Und während der verblüffte Sellnfkl verständnislos auf die Szene blickte, sagte Dick kurz unb befehlend: „Du wirst jetzt zu mir nach Hause gehen, wirst ein Buch nehmen und wirst lesen. Hörzt du, Ella? — Du darfst nichts beginnen, ehe du Nachricht von mir erhältst! Du wirst nicht au» dem Hause gehen, du wirst nur lesen und leftn, — die Bibel, Polsieinachrichten, was du willst, aber du darfst nicht daran denken! Elk und Ich werden alle» tun, was menschenmöglich Ist."
Sie bemeifterte ihre wilde Angst und versuchte sogar zu lächeln. ,Lch weiß, daß du ee tun wirst", sagte sie, am ganzen Leibe schaudernd. „Ditte, bringe mich nach House."
Er sandte Elk nach dcr Fleetstraße, um auch Die geringsten Berichte über den Mord in den Zeitur.gs» Bureaus zu erheben und brachte Ella selbst noch Harley lerrace.
Als sie aus dem Wagen fliegen, sah Dick, daß ein Mann vor dem Haufe wartete. Es war Joshua Vrood. Ein Blick auf fein Gesicht genügte, um zu erkennen, daß er von bem Mord wußte und desicn Umstände erriet. Er wartete im Dorraum, bis Dick das M8dc1)en in fein Arbeitszimmer geführt und jede illustrierte Zeitung, jedes Buch, das er finden tonnte, vor ihr aufgestapelt hatte.
«Lola ist zu mir gekommen und hat mir alle» erzählt."
„Das habe ick geahnt", sagte Dick. „Disien Sie etwas Näheres?
,Lch wußte nur, daß bic beiden Männer in Der Verkleidung von Landstreichern ausgezogen finb. Das ist Das Werk Des Frosches. Aber worum hoi er das getan?"
-„3d) weiß «»’, jagte Dick. „Der Frosch kam gestern nacht zu Fräulein Bennett und fragte sie ob fie ihn heiraten wolle. Er oerfprach ihr, ihren Bruder zu retten, wenn sie einroilügte. Ader ich kann- kaum glauben, daß er den ganzen teuflischen Plan zu diesem Zweck ersonnen haben soll."
(Fortsetzung sol,t.)


