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Nr. 174 Zweites Blatt

150 Zahre Brandverficherungs- anstalt für den volksftaat Hessen.

Am 1. August 1927 sind 150 Jahre verflossen, daß Landgraf Ludwig IX. zu Hessen die Fürstlich Hessen - Darmstädtische Brandassekurationsordnung erließ und damit die Hessische Brandver­sicherungsanstalt ins Leben rief. Für die alt­hessischen Lande als staatliche Anstalt auf Gegen­seitigkeit mit Monopol gegründet, kannte sie lediglich bedingten Versicherungszwang insofern, als jedem freien Eigentümer die Versicherung überlassen blieb, jedoch mit der Einschränkung, daß die Bewohner geschlossener Häuserreihen versicherungspflichtig wa­ren. Jedem Beitretenden war freigestellt, den Ver- sicherungsanschlag selbst zu bestimmen, nur bei über­mäßigen oder zu geringen Anschlägen war eine Schätzung vorgesehen. Im Brandfalle wurde die Entschädigung ausschließlich zum Zwecke des Wie­deraufbaues gewährt. Feste Beiträge wurden nicht erhoben, vielmehr wurden die in jedem Jahre er­wachsenen Brandentschädigungen im folgenden Jahre auf die Versicherten nach Maßgabe der Dersiche- rungskapitalien umgelegt. Die Verwaltung der An­stalt lag in Händen eines aus der Reihe der Ge­heimen Räte zu entnehmenden Direktors. Zur Füh­rung der Geschäfte bestand je eine Kommission in Darmstadt und Gießen.

Die umfassenden Veränderungen, welche das Großherzogtum Hessen durch den Frankfurter Staatsvertrag vom 30. Juni 1816 erfuhr, machten eine Neuordnung unter Einbegreifung der neuen Gebietsteile notwendig, welche durch die Brand­assekurationsordnung vom 18. November 1816 er­folgte. Als wesentliche Neuerung bringt dieses Ge­setz den Uebergang zum allgemeinen Versicherungs­zwang und eine Vereinheitlickung in der Verwal­tung, indem die Brandversicherungskommission in Gießen ausgehoben und der Geschäftskreis der Darmstädter Kommission auf das ganze Land aus- gedehnt wurde. Es ließ aber die Bestimmung des Versicherungsanschlags noch den Eigentümern mit der einzigen Einschränkung, daß er die Erbauungs­kosten nicht um mehr als ein Drittel übersteigen dürfe. Die Folge zeigte sich in einer auffallenden Zunahme der Brände. Trotzdem konnte man sich in einem neuen Gesetz vom 21. Februar 1824 nicht da­zu entschließen, die Bestimmung der Höhe des Ver- sicherungsansck)lags dem Eigentümer vollkommen zu entziehen, vielmehr wurde nur angeordnet, daß bei Neuaufnahmen und Erhöhungen der Versicherungs­anschläge eine Schätzung durch Sachverständige ge­schehen müsse und die Bauwerte nicht überstiegen werden dürften. Nachdem insbesondere in den Jahren 1848, 1849 und 1850 sich die Brandschäden derart ge­häuft hatten, daß die Unhaltbarkeit der Ueberver- sicherungen klar vor Augen lag, wurde durch Gesetz vom 6. Juni 1853 bestimmt, daß dem Versicherungs­anschlag der wahre Wert zugrunde zu legen sei. Da­mit war ein Grundfehler behoben, der über 70 Jahre lang nachteilig gewirkt hatte.

Zwei wichttge Neuerungen brachte das Gesetz vom 10. September 1878. Zunächst die Bildung eines Ausschusses aus sechs Gebäudeeigentümern, wodurch den Versicherten eine Vertretung und ein Einfluß auf die Verwaltung gegeben wurde. Und dann wurde der Anstatt eine neue Aufgabe zugewtesen, durch Bereitstellung von Mitteln zur Förderung des Feuerlöschwesens beizutragen, indem sie ein Prozent der Brandvcrsicherungsbeiträge zur Unterstützung von durch ihre Teilnahme an den Löschanstalten Verunglückten sowie ihrer Hinterbliebenen und ge­gebenenfalls zu Betträgen an Feuerwehren und Ge­meinden zu verwenden hatte. Nach der Landesfeuer­löschordnung vom 29. März 1890 erfuhr diese Auf­gabe eine bedeutende Erweiterung durch Gründung einer Landesseuerlöschkasse, der in erster Linie die Verpflichtung obliegt, Feuerwehrleuten oder von der Feuerwehr beigezogenen Dritten, welche infolge von Dienstleistungen bei Brandfällen oder Üebungen verletzt werden oder erkranken, und wenn die Ver­letzung oder Erkrankung den Tod herbeiführt, den Hinterbliebenen derselben vollen Schadensersatz zu gewähren. Daneben sind die alljährlich noch übrigen Beträge zu anderweiten Löschzwecken, insbesondere zu Beiträgen bei Ausrüstung von Feuerwehren, bei Anschaffung von Löschgeräten usw. zu verwenden. Die Mittel dazu werden aus dem Zuschuß der An­stalt von ein Prozent der Brandversicherungsbei­träge und aus einem jährlichen Zuschuß der Staats­kasse aufgebracht. In der Erkenntnis, was ein gut organisiertes Feuerlöschwesen für die Versicherungs­geber bedeutet, hat die Brandversicherungsanstalt demselben die größtmögliche Förderung angedeihen

Meine treuen Helfer.

Von Felix Timmermans.

2m letzten Hefte desJnsel- schiffs", der schönen vom Leipziger Insel-Verlag herausgegcbenen Zeit­schrift erzählt Felix Timmer­mans, der Verfasser desJesus­kindes in Flandern" und desPal- lieter". von der Welt seiner Kind­heit und den Ereignissen seines Le­bens: Er berichtet, wie ein Dichter zum Dichter wurde.

Ich sitze hier am Schreibtisch. Auf der gelben Tapete hängen die farbigen Vilder von Däumchen, meinem Sohn, von den drei Königen und von den Jahreszeiten. Mein Fenster steht offen auf die kleine Stadt: es ist, als ob die Stadt in meinem Zimmer wäre, ja, sie ist darin. Rur der Turm ist zu groß für den Rahmen meines Fensters, aber er bückt sich in das Wasserglas, in dem eine rote Relke langsam dahinwelkt. Das edle Schiff der gotischen Kirche treibt wie ein Juwel auf Wellen von roten Dächern, die ehrfurchtsvoll die Hände falten. Unter ihren dünnen Wänden hocken die Ge­schichten der Menschen, vom Keller bis zum Dachboden, nahrhaft wie Korn, trübselig wie Staubregen oder duftend wie Aepfel. Ihr ein­ziges Leben ist. erzählt zu werden. O die Ge­schichten! Sie sollten einmal in der Dämmerung, wenn die Farben verblassen, hier sitzen und lauschen! Wie sie dann aus den Ritzen der Dach­ziegel, den Schornsteinen und Kellerfenstern flüstern, murmeln und sich um die weißen Dogen drängen, auf die ich morgen schreiben werde... Ich muh erst einmal darüber schlafen, sie durch­träumen: morgens haben sie dann von meinem Dlut und von meinem Geist in sich aufgesogen, und ich bin mit ihnen eins geworden.

Sie ist eine Mitarbeiterin, die kleine Stadt. So wie sie erzählen muh, so kann ich auch nicht anders, als ihre Geschichte, durch die Geschichte meines unbeständigen Herzens hindurch, den

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Donnerstag, 28. Zuli (927

taffen, so daß das Feuerlöschwesen in Hessen einen bedeutenden Aufjchwung nahm. Freilich hat dazu der Pflichtbeitrag der Brandverjicherungstassc mit em Prozent der Brandoersicherungsbeilräge nicht ausgereicht, weshalb schon von 1893 an höhere Bei­träge, bis zu 7 Prozent, bewilligt worden find.

Mit Annahme des Gesetzes vom 10. September 1878 verband der Landtag den Antrag auf Revision der gesamten Gesetzgebung, dem durch Gesetz vom 28. September 1890 Rechnung getragen wurde. Das­selbe hielt an der Grundlage der Anstalt, Gegen­seitigkeit, Monopol und Zwang fest und brachte als wesentliche Neuerung den Gefahrentarif, demzufolge je nach Feuersgefahr und Bauart Zuschläge von einem Zehntel bis dreißig Zehntel zum Versiche­rungskapitel in Ansatz kommen.

Eine starke Förderung des Feuerlöschwesens be­deutete weiter das Gesetz vom 2. August 1902, dem­zufolge Gemeinden und Inhaber selbständiger Ge­markungen, welche im Brandfalle über Hochdruck- wasferleitungen mit Hydranten in solcher Anzahl und mit einer solchen Druckhöhe verfügen, daß da­durch ein wesentlich erhöhter Feuerschutz herbei­geführt wird, aus der Brandversicherungskasse eine jährliche Vergütung erhalten, die damals zwei Pfen­nig betrug und seit 1923 einen halben Pfennig für je 100 Mark Umlagekapital der im Wirkungskreis der Hyydranten gelegenen Hofreiten beträgt.

Den veränderten Verhältnissen der Kriegs- und Inflationszeit wurde durch ein Notgesetz Rechnung getragen, wonach zu den auf Grund der Versiche­rungskapitalien zu berechnenden Entschädigungen bei der Wiederherstellung Zuschläge nach Maßgabe der tatsächlichen Verteuerung der Wiederherstellungs­kosten gewährt werden sollten. Durch diese Vorschrift wurde sowohl die völlige Deckung aller Gebäude­

eigentümer im Brandfalle, als auch eine gerechte Verteilung der Versicherungsbeiträge nach den Ge­bäudewerten gewährleistet. Die Gewährung der Teuerungszuschläge bedeutete in ihrer Wirkung eine allgemeine Erhöhung der Versicherungskapitalien auf den jeweiligen Wert der Gebäude und hat gegen­über einer solchen im eigentlichen Sinne den außer­ordentlichen Vorteil gehabt, daß die mit großem Zeit- und Kostenaufwand verbundene Erhöhung der Versicherungskapitalien vermieden wurde, und auch Schwankungen der Gebüudewerte beim Steigen oder Fallen der Baupreise durch Erhöhung oder Herab­setzung der Entschädigungszuschläge von selbst aus­geglichen werden. Infolge dieses Notgesetzes ist die Hessische Brandoersicherungsanstalt einige der weni­gen Anstalten in Deutschland, welche während der ganzen Inflationszeit ihren Versicherten eine volle Versicherung gewährte und sie gegen jeden Schaden, der durch die rapide Währungsoerschlechterung her- oorgcrufen wurde, sicherstellte, so daß Baunot- ober Zusatzversicherungen nicht nötig waren. Nach Ein­tritt der Stabilisierung hält das Gesetz vom 11. Sep­tember 1924 an den Grundsätzen des Notgesetzes fest. Hiernach erfolgt die Versicherung auf der Grundlage der Baupreise vom 1. August 1914, und cs wird im Brandfalle zu den darnach errechneten Entschädi­gungen zum Ausgleich einer Ueberteuerunfl der Baukosten gegenüber denjenigen vom 1. August 1914 ein Zuschlag gewährt, dessen Höhe unter Berücksich­tigung der jeweiligen Baupreise festgesetzt wird.

Mit Genugtuung kann die Hessische Brandoer­sicherungsanstalt auf die anderthalb Jahrhunderte ihrer Tätigkeit zurückblicken und sie darf das Zeug­nis erwarten, daß sie in allen Stürmen der Zeit getreu im Sinne der Männer gewirkt hat, die sie schufen, zum Segen der Versicherten und des Landes.

Die Grundlinien der spanischen Politik. Eine Unterredung mit General Primo Le Rivera, Marquss Le Estella, Kgl. spanischem Ministerpräsidenten.

Die Reihe unserer von führenden Per­sönlichkeiten des Auslandes geschriebenen Artikel sehen wir heute mit einem Gespräch fort, das der bekannte italienische Publizist Domenico Russo mit dem spanischen Diktator zu führen Gelegenheit hatte. Die Ausführungen Primo de Riveras über die Grundlinien der spanischen Polittk werden gewiß allgemein interessieren.

General Primo de Rivera, das Oberhaupt der spanischen Regierung, hatte die Güte, mich zu empfangen und mit mir über die innere und äußere Lage seines Landes zu sprechen.

Während Ihres Aufenthaltes in der Haupt­stadt begann der General ohne jede Cin- leitung konnten Sie die Feststellung machen, daß die Diktatur bei uns nicht jenes wilde Aussehen hat, das man ihr im Aus lande fort- gesetzt zuschreibt. Die Ordnung und Ruhe, die durch sie dem Lande gesichert wurde, hat nie­manden weh getan. Der dem Wesen unseres Volkes entsprechende Frohsinn, den man peilte in den Straßen Madrids wahrnehmen kann, ist der Ausfluß eines alle beherrschenden Gefühles: unter dem Schutze einer Regierung zu stehen, deren höchste Sorge dem Wohle des Volles gilt, und für die ich mit gutem Grund die Bezeich­nung einer gerechten und liberalen Re­gierung in Anspruch nehmen darf.

Es heißt, daß Eure Exzellenz die Absicht haben, der öffentlichen Mernung des Landes Gelegenheit zu geben, ihre Zustimmungzu dem bestehenden Regime zu bekunden....

Richt so bald, wie man in der Presse be­hauptet hat. Die Rativnalversammlung wird nicht im September zusammentreten, sondern erst später. Doch früher oder später der Öffent­lichkeit wird die Möglichkeit gegeben werben, ihrer Meinung über das Regime Ausdruck zu verleihen. Meine Regierung denkt von der öffent­lichen Meinung nicht gering, wie behauptet wurde, sondern wir haben uns im Gegenteil bemüht, die öffentliche Meinung zu erziehen, um sie wie nie zuvor zur Mitarbeit heran­ziehen zu können. Jede andere Auslegung der spanischen Dittatur verstößt gegen die Wahrheit. DieMenschenrechte" haben wir stets geachtet. Richt ein Tropfen Dlut ist in Spanien vergossen worden. Geroisse Zeitungen, namentlich in den romanischen Ländern, sprechen von Ker­kern, die mit politischen Gefangenen überfüllt

sind. Ich fordere jeden wer es auch immer sein mag auf, den Rachweis zu erbringen, daß die spanischen Gefängnisse heute auch nur halb so viel Gefangene beherbergen, wie unter den vorigen Regierungen.

Es leben aber viele Ausgewiesene im Ausland...

Diele? Roch nicht über ein Dutzend.

Eine meiner Fragen führte den General dazu, sich über die Ausübung der Zensur in Spanien zu äußern.

Wir machen einen Unterschied, sagte er, zwischen Büchern und Zeitungen. Bücher sind bei uns vollkommen zensurfrei, vorausgesetzt natürlich, daß sie keine Verstöße gegen die Sitt­lichkeit enthalten. Was die Zeitungen anlangt, so sind sie wohl einer Präventivzensur unterworfen. Diese wird jedoch auf eine sehr weitherzige Art geübt, wie Sie aus den An­grifffi ersehen können, die die nicht regierungs- fveundlichen Blätter gegen das schon lange an­gekündigte und nun auf Grund einer Dinglichen Verordnung in Spanien eingeführte Petroleum- Monopol richten. Obwohl nun die Zensur sehr milde gehandhabt wird Angriffe gegen mich persönlich lasse ich den Zeitungen immer durch­gehen und behalte mir nur vor, selbst darauf zu antworten so kann ich Sie doch versichern, daß ich ernstlich daran denke, jegliche Ausnahme­verfügung gegen die Presse zu beseitigen. Die Zett dazu ist ledoch noch mcht gekommen.

Der Heber gang von der inneren zur äuße­ren Politik war naheliegend.

Wir bemühen uns, mit allen Mächten in einem innigen und herzlichen Verhältnis zu leben, gleichgültig ob es romanische, angelsächsische oder germanische Länder sind. Damit will ich nicht sagen, daß nicht auch wir unsere außenpolitischen Schwierigkeiten haben Alle Völker, die sich von fremder Bevormundung frei machen und ihr Leben aus eigener Kraft leben wollen, haben solche Schwierigkeiten. Aber bei diesem Werke der Verselbständigung wollen wir nicht sprunghaft Vorgehen, sondern langsam, vor­sichtig und ohne Gegnerschaft zu erwecken. An­dererseits ist unser Streben nach Verselbständi­gung nicht gleichbedeutend mit .Fremdenfeindlich­keit. Spanien ist mehr als jede andere Ration ge­willt, ausländische Kräfte zu herzlicher Mitarbeit in feinem Lande hevanzuziehen. Wir wollen aber als ein Land höherer Kultur be-

Herzen der Menschen weiterzuerzählen Ich kann nicht anders, aber ich tue es ja so gern. Als ich in diesem Städtchen Lier auf die Welt ge­blasen wurde, am Abend des 5. Juli 1886, war ich das dreizehnte Kind von vierzehn. Ich wuchs heran in den schönen Lierschen Spitzen, wie das Städtchen Lier selber darin aufwächst. Wer macht nicht in Spitzen? Und wir wuchsen heran in Spitzen, ich auch, und ich zeichnete bald die Märchenblumen nach und erfand neue. Und früh schon lauschte ich den armen Arbeiterinnen, die die schlohweißen Spitzen ablieferten, ihrer saftigen Sprache, ihren farbigen Gesprächen und Serben Geschichten. Und der Vater erzählte uns so herrlich von Schneewittchen, von Rot­käppchen, von Hänsel und Gretel, vom Jesus­kind und von Maria und Josef, aber stets war er selber dabei gewesen, und er lieh alles in unserem Lande sich ereignen. Er war es, der den Wolf imRotkäppchen" getötet hat. Uni) so habe ich mir stets das Leben des Jesuskindes in unserem Flandern vorgestellt. Er konnte schöne Lieder fingen und spielte für uns mit aus­geschnittenen Puppen den Doktor Faust und den Löwen von Flandern. Lind ich versuchte, ihm nachzueifern, erzählte, reimte, zeichnete selber kleine Puppen und spielte Theaterstücke. Lind allmählich kamen dann die Bücher, und ich be­suchte die Akademie, und nach und nach füllte sich mein Rumpelkasten mit Zeichnungen, Theater­stücken, Erzählungen und ... Liebesgedichten.

Wie bei jedem Flamen, so zeigte sich auch bei mir die zwiespältige Ratur: ein Zug zur Realität, zum Sinnlichen, und eine Reigung zur Mystik. Meine abendländische Mystik erlag aber bald dem betäubenden Einfluß des Orients, und ich ergab mich dem Studium des Okkultismus, Buddhismus, Kabbalismus und ich weiß nicht wie vieler anderer Ismen. Aber ich wagte es nicht, einen Ismus daraus zu wählen und danach zu leben; Angstgefühl, Furcht vor dem Leben und Aberglauben waren die Folgen, und hieraus wurde das grausige BüchleinDie Dämmerungen des Todes" geboren. Eine Operation warf mich hilflos aufs Äranlenlager. Ich glaubte den letzten

Atem auszuhauchen, aber ich tat es nicht. Eine neue Lebensfreude richtete mich auf. Wer jetzt nicht mehr, um den Schlüssel aller Mysterien zu finden, sie konnten mir gestohlen bleiben, sondern um zu leben, dankend und bewundernd zu leben! Lind hieraus erwuchs derPal- l i e t e r.

Als dieser beendet war, brach der Krieg aus, und wieder schien es, als ob durch diesen Brudermord meine Lebensfreude wie ein Strumpf zusammenrutschen, wie eine Kerze verlöschen wollte. Im zertrümmerten Städtchen Lier saß ich mit meiner Frau, deren Mutter und unserem Hund und wartete traurig auf das Ende des Dramas. Aus den Erzählungen und den alten Gebeten dieser Mutter lebten, frisch und farbig wie auf gemalten Kirchenfenstern, die vergessenen Vorstellungen vom Jesuskinde wieder auf. Lind ich selber lebte dabei auf und ich schriebD a s Jesuskind in Flandern". Run lauschte ich dem Städtchen, und ich hörte es erzählen aus all seinen Steinen und glitzernden Fensterscheiben. Ein fallendes Blatt oder eine weihe Wolke, die über rote Dächer dahintreibt, können manchmal ein Buch entstehen lassen. Eine äußere Veran­lassung kann genügen, um einen Faden zu ziehen durch allerhand wirr durcheinander geworfene Gefühle tief in uns und ein einziges Gefühl daraus zu machen. Lind immer wieder die Men­schen n-f'iner .Umgebung, die ich alle kenne und die Dächer und Schliff, cllche., d e flüstern! So wurdeDas Licht in der Laterne" an» gezündet, und so bin ich immer mehr Schrift­steller geworden, was erst gar nicht meine Ab­sicht war. Die Farbe zum Malen wird hart in den Tuben, und ich male doch auch so gern!

Seit Jahren lockt es mich, das Leben des heiligen Franz zu erzählen. Lind während ich immer noch hoffe, bald ihn, die Rachtigall Gottes, ehren zu können, schreibe ich jetzt die Geschichte von Peter Drueghel dem Aelteren, und freue mich sehr, daß über ihn so gar nichts bekannt ist, weil ich nun von ihm erzählen darf, was ich will. Und von dem alten Städtchen Lier, das sich in mein Zimmer drängt, höre ich noch das

handelt werden, und unsere Reigung werden wir denen vor allen anderen zuwenden, die Achtung und Vorliebe für uns bekunden, nicht nur durch ökonomische Betätigung, sondern auch durch ihre Gefühle.

Ratürlich kam das Gespräch auch aus das Verhältnis Spaniens zu Frankreich in Ma­rokko. Darüber sagte mir der General fol­gendes:

Ich habe keinen Grund zu glauben, daß die in Paris über die Tangersrage geführten Ver­handlungen einen anderen als freundschaftlichen Ausgang nehmen werden. Augenblicklich bewegen sie sich im Kreis um zwei wesentliche Punkte: erstens um die Spanien einzuräumenden Be­fugnisse zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Ausübung der Polizeigewalt nicht nur in der Stadt Tanger, sondern auch in ihrem Hinter­land; zweitens um die zu befolgende gemeinsame Politik in der Grenzzone zwischen dem französi­schen Protektorat und dem spanischen Herrschafts­gebiet. An der Beseitigung der Schwierigkeiten, die diesen Fragen anhaften, arbeiten gegenwärtig in Paris unsere Diplomaten gemeinsam mit den französischen. Ich erwarte stündlich Rachrichten von einem Uebereinkommen, das ich schlech­terdings für unerläßlich halte: denn ohne ein solches würde Marokko unaufhörlich ein Ouell der Beunruhigung für die ganze Welt bleiben. Es ist wohl überflüssig, daran zu erinnern, daß Kolonialkriege immer die Vorläufer von Kriegen auf dem Festland gewesen sind.

Hier wurde der General durch seinen Kanzlei­direktor unterbrochen, der gekommen war, von Dem Regierungschef dringende Llnterschriften einzu- holen. Dann fuhr er fort:

Wenn man im Auslande glaubt, daß Spanien aus Gründen militärischer Ruhmsucht ein Inter­esse daran hat, den Brand in Marokko zu schüren, so ist das eine Verleumdung. Ich bin ein überzeugter Pazifist. Wenn Sie daran zweifeln, dann fragen Sie unfern nächsten Rach­barn, Portugal, wie viele imd wie große Streitigkeiten Jahr für Jahr nur allein durch die Rivalität der Fischer entstehen, die ohne unsere Rachgiebigkeit zu scharfen Konflikten füh­ren müßten. Wir legen sie aber jedesmal ganz von selbst in der freundschaftlichsten Weise bei, ohne daß die Presse auch nur Zeit findet, sie an die Oeffentlichkeit zu bringen. Was uns an­langt, so haben wir bad WortGewalt" in den Beziehungen zu den Mächten bis zu den äußersten Grenzen des Möglichen durch die WorteVer­nunft",Gerechtigkeit" undSiebe" erseht. Selbst wenn uns die Llmstände ein anderes Vorgehen erlaubten, würden wir grundsätzlich darauf ver­zichten, als Gewalthaber aufzutreten. Daß wir andere Absichten in Marokko hätten, konnte man nur zu Llnrecht glauben. Sobald wir die Ent­waffnung der aufrührerischen Stämme durch­geführt haben, werden wir jenem Volke zeigen, wie groß Spaniens Edelmut ist.

Ich bemertte dem General, daß diese seine friebfertigen Bestrebungen sich in wunderbarer Liebereinstimmung mit den Endzielen des D ö l - kerbundes befänden. Warum hat sich dang Spanien entschlossen, aus dem Dollerbunde aus­zutreten?

Der Völlerbund, entgegnete der General, wird keine festere Stühe haben als uns, wenn er unsere gerechten Gründe anerkannt haben wird und un­sere Würde gewahrt ist.

Lieber diesen Gegenstand wollte der General sich nicht weiter äußern; doch eine Persönlichkeit seiner Hingebung hatte keine Bedenken, seinen Ge­danken zu ergänzen. Wenn die Lenker des Genfer Werkes den Wunsch haben, daß Spanien seinen Entschluh rückgängig mache, dann mögen sie eine entsprechende Geste tun und Versicherungen bieten, die dem kastilianischen Stolz genug tun...

Bevor mich der General entlieh, betonte er noch die brennende Rotwendigkeit des äußeren Friedens, wie auch des inneren in dem Verhältnis der Klassen zu einander, und fügte hinzu:

Sn dieser Hinsicht habe ich den Massen der Arbeiterschaft und den Hnternehmerkreisen das Ihnen bekannte neue Kooperativsystem geboten, das den sozialen Frieden in Spanien tat­sächlich verwirklicht hat. Worin es besteht, wissen Sie. Durch ein königliches Dekret vom 27. Ro- vember vorigen Jahres haben wir die alten Gilden in Spanien wieder hergestellt. Alle Arbeiterverbände ernennen frei, ohne jeden Druck von Setten der Regierung, Abgeordnete für jeden Industriezweig. Im Verein mit den Arbeitgeber­verbänden regeln diese ohne Einspruchsrecht,

Murmeln von tausend Geschichten. Sie prügeln sich darum, wer zuerst aufs Papier kommen soll, dieMenschen von Lier". Hnd bann ist noch dies, und bann ist noch bas. Ein Faß Tinte braucht man bazu. Kommt; gebt mir Feber unb Papier, wir wollen gleich anfangen! ... Morgen werbe ich bann vielleicht malen...

Hochschulnachrichlen.

Der ordentliche Professor Dr. theol. Bern­hard Geher in Breslau hat einen Ruf auf die neuerrichtete Professur für Dogmatik in der katholisch-theologischen Fakultät der Hniberfität Bonn erhalten. Zur Wiederbelebung des Lehrstuhls für öffentliches Recht an der Uni- versität Göttingen ist ein Ruf an den Ordi­narius Dr. jur. Herbert Kraus in Königs­berg ergangen. Der durch den Abgang des Prof. G. Kallen an der Unioerfi tat Münster erledigte Lehrstuhl der mittleren und neueren Geschichte ist Professor Dr. Anton Eitel in Freiburg i B. angeboten worden. Profes­sor Dr. mea. et phil. S. I. Thannhauser in Heidelberg hat die Berufung als ordentlicher Profeffor für innere Medizin und Direktor der medizinischen Klinik an der Medizinischen Akade­mie in Düsseldorf als Rachfolger des Geh. Rats Hofmann angenommen. Prof. Arnold Mendelssohn in Darmstadt ist aus An­laß der 450-Jahrfeier der Universität Tü­bingen zum Ehrendoktor ernannt worden. Der a. o. Professor an der Berliner Hnioerft* tat Dr. Theodor Drugsch hat einen Ruf auf das Ordinariat der inneren Medizin an der Uni­versität Halle als Rachfolger von Franz Vol- hard erhalten und angenommen. Der bisherige o. Professor an der Göttinger Universität für Soziologie, mittlere und neuere Geschichte Dr. phil. Andreas Walther ist vom 1. Oktober 1927 an zum planmäßigen ordentlichen Professor der So­ziologie und Direttor des soziologischen Seminars in der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Hamburgischen Universität ernannt worden.