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Nr. 174 Erster Statt

177. Jahrgang

Donnerstag, 28. Juli (927

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Druck und Verlag: vrühl'sche Universitäls-Buch- und Sleindruckerei R. Lanze in Siegen. Lchnftleitimg und Geschäftsstelle: Zchnlstrahe 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt hillmann, sämtlich in Dietzen.

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Die Krisis der Genfer Abrüstungskonferenz.

Dach sehr eingehenden Beratungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten und nach einer zwei­tägigen Kabinettssitzung haben die englischen Delegierten zur SeeabrüstungskonfereNz in Genf abermals Londonverlassen und gegen Ende der Woche wird die Aussprache in der See­abrüstungskonferenz fortgesetzt werden. Die plötzliche Unterbrechung und Rückberufung der englischen Vertreter zur mündlichen Berichterstat­tung In London war ein ganz ungewöhnliches Er­eignis und lieh darauf schließen, daß die Konfe­renz unmittelbar vor dem Scheitern stand. Daß eine zweitägige Kabinettssihung notwendig war, um neue Anweisungen für die englischen Delegierten auszuarbeiten, legt den weiteren Schluß nahe, daß man in London eifrig bemüht gewesen sei, den Bruch zu vermeiden. Ob und wie­weit das gelingen wird, dürften die nächsten Tage lehren, denn so viel wenigstens ist klar, daß lange Debatten über einzelne technische Fragen nicht mehr zu erwarten sind. Der Streit ist soweit ge­diehen, daß eine Entscheidung nach der einen oder anderen Richtung herbeigeführt werden muß.

Dah man in London in allen politischen Kreisen die Sachlage für sehr ernst ansieht und sich bemüht, einen Bruch mit Amerika zu ver­hindern, geht aus der ebenso vorsichtigen wie versöhnlichen Haltung der ganzen englischen Presse hervor. In Amerika dagegen ist die öffentliche Meinung gegen England aufs äußerste aufgebracht; dort wird unverhüllt damit gedroht, daß Amerika eine so gewaltige Flotte bauen wird, wie es England nie vermögen wird, falls die Genfer Verhandlungen an England scheitern sollten. Für die Amerikaner kommt neben den sachlichen Meinungsverschiedenheiten noch ein ausschlaggebender Punkt hinzu, der freilich rein politischer Ratur ist. 3m nächsten Jahre ist Präsidentschaf tswahl, und die Repu­blikaner, mit Coolidge an der Spitze, könnten sich keine bessere Wahlparole denken, als ein W e t t- rüsten mit England, zu dem Amerika durch englische Lücken gezwungen ist. 3n einem solchen Fall halten die schönsten Versicherungen von anglo-amerikanischer Freundschaft, von dem Blut, das dicker ist als Wasser, von dein mehr als hundertjährigen Frieden der beiden großen englisch sprechenden Rationen usw. nicht stand.

Der Kernpunkt des Streites ist folgender: Aus der Washingtoner Sceabrüstungskonse- renz hatte man sich in der Hauptsache nur mit den Grohkampf schiffen beschäftigt und ver­einbart, daß für Amerika, England und Japan das Verhältnis für diese Schiffsklasse wie 5:5:3 sein sollte. Für die einzelnen Schiffe war auch in bezug auf Gröhe und Geschühkaliber eine Höchstgrenze festgesetzt, was dazu führte, dah einige besonders große Schiffsriesen ausgemerzt wurden. Die Kreuzerfrage schien damals nicht von überragender Bedeutung, und man be­gnügte sich damit, zu bestimmen, daß groß» Kreuzer nicht über 10 000 Tonnen Wasserver­drängung erhalten und mit Geschützen bis zu höchstens 8 Zoll (28 Zentimeter) Kaliber aus­gerüstet sein dürfen. Diese Tlnterlassungssünde der Washingtoner Konferenz hat sich schwer ge­rächt für die Amerikaner. Gerade deren Flotte ist darauf angewiesen, Schiffe mit weitem Aktionsradius zu besitzen, weil sie je nach Um» ständen unter Benutzung des Panamakanals im Atlantischen und Stillen Ozean auftreten müssen. Man sollte eigentlich annehmen, daß die Ameri­kaner eine genügende Zahl großer Kreuzer inner­halb des vorgezeichneten Rahmens bauen würden, die für Aufklarungszwecke von Kampfgeschwadern notwendig sind. Statt dessen verließen sich die Amerikaner darauf, daß England den Gedanken der Einschränkung des Baues von großen Schissen ebenso loyal in die Tat umsehen würde, wie sie es selbst getan haben. Das Ergebnis ist, daß heute England über nicht weniger als acht­zehn große Kreuzer verfügt, Amerika nur über zwei. Daß man unter diesen Umständen in Amerika recht gereizter Stimmung ist, wird man verständlich finden.

Die Stimmung wurde noch gereizter, als nun England, das mit großen Kreuzern gesättigt ist, bei der Genfer Konferenz mit dem Vorschlag tervortrat, die Gesamttonnage für die drei Länder in demselben Verhältnis, wie bei den Schlachtschiffen, auch für die Kreuzer fest- '.usehen und dabei zu berücksichtigen, daß Eng- ant> für seinen Handelsschuld, also für den Han­delskrieg, einer großen Zahl kleiner Kreuzer be­dürfe. Auf englischer Seite war man unverfroren .jenug, als Höchstgrenze für die Ge nnttonnage 600 000 Tonnen (nur für große und lleine Kreu­zer) festzusehen. Das hätte nicht eine Abrüstung, 'andern eine starke Aufrüstung bedeutet, und io wird mit einem Schlage die Drohung der Amerikaner verständlich, unter solchen Umständen cuf jedes Abkommen zu verzichten und nun sofort eine Flotte zu bauen, wie sie es für richtig haltern Daß sich Amerika bei seinem Reichtum ein solches Wettrüsten eher leisten kann, als England, liegt auf der Hand. Man stelle nch zugleich vor, was ein solcher Ausgang der Genfer Konferenz Coolidge und den_ Republi­kanern für Äne Wahlparole liefern würde.

Angesichts dieser Stimmung in Amerika ist denn faxt» den Engländern ein ziemlicher Schreck in die Glieder gefahren und nun wurde beraten, wie man den Amerikanern entgegcnkommcn und das Fiasko der Genfer Konscreitz vermeiden könnte. Das ist der wahre Grund für die Unter­

brechung der Genfer Verhandlungen. Aus der gesamten englischen Presse läßt sich entnehmen, wie groß die Befürchtung ist, daß die Beratun­gen in Genf mit einem großen Krach enden, und daß dann der moralische Eindruck in erster Linie in Amerika, in zweiter Linie aber überall in der Well für England geradezu vernichtend sein mühte. Man darf gespannt darauf sein, mit was für Vorschlägen nun die Engländer in Genf auftreten werden.

Chamberlain vor dem Unterhaus.

London, 27.3uli. (WTD.) 3m britischen Unterhaus berichtete der Staatssekretär des Aus­wärtigen Amtes über die Krisis der Seeabrü» stungskonserenz. Unter größter Aufmerksamkeit des Parlaments erllärte Chamberlain:

Die Regierung habe es für notwendig ge­halten, sich persönlich mit ihren Delegierten aus­zusprechen, um ein klares Bild von der Lage der Verhandlungen zu haben und imstande zu sein, über gewisse von den Delegierten ihr vorgelegte Fragen eine Entscheidung zu fällen. Dies fei geschehen. Die Delegierten kehrten heute nach Gens zur Konferenz zurück, die, wie er fest glaube, einen erfolgreichen Abschluß finden werde.

Die britische Regierung hol Loolidgcs Einladung so ausgesaht, daß er wünsche, die Politik der Wa­shingtoner Konferenz durch eine weitere Verminde­rung der Ausgaben bei Aufrechterhaltung der natio­nalen Sicherheit zu entwickeln. Mit diesem Ziel ift die britische Regierung in voller Uebereinstimmung. Mil diesem Ziel vor Augen, hat die britische Re­gierung vocgeschlagen, den Umfang der Aus- rüstung von Schlachtschiffen zu ver­mindern, bei Beibehaltung ihrer 3 a h l, wie sie in Washington festgesetzt wurde. Zu diesem Zweck hat sie auch angeregt, die Zahl und Ausrüstung der großen Kreuzer nach ähnlichen Grundsätzen, wie sie in Washington für die Schlachtschiffe angenommen wurden, ein­zuschränken. Dieser Vorschlag würde, ebenso wie der erste, die nationalen Ausgaben erheblich ver­mindern, ohne die nationale Sicherheit zu ge­fährden.

Zur Jrage der kleinen Kreuzer sagte Lhamber- lain u. a.: Der Unterschied zwischen der amerikani­schen und der britischen Lage in dieser Hinsicht habe 1922 auf der Washingtoner Konferenz volle Würdi­gung gefunden. Rach britischer Auffassung sei der Grundgedanke der Politik des amerikanischen Präsi­denten, daß keine Seemacht eine größere Flotte haben soll, als für ihre Sicherheit erfor­derlich ist. Die in Washington für Schlachtschiffe

angenommene Formel sei unannehmbar für Fahr­zeuge, die Zwecken dienen, welche bei den verschie­denen Ländern je nach ihrer besonderen geographi­schen und wirtschaftlichen Lage verschieden sein müssen. Zwei Rationen, die je 100 000 Tonnen Schlachtschiffe besitzen, können als gleich in ihrer Kampfkraft betrachtet werden, von zwei Rationen, von denen die eine zehn Kreuzer von 10 000 Tonnen und die andere 20 Kreuzer von 5000 Tonnen hat, kann dies nicht behauptet werden. Das Land, das genötigt fein würde, seine Tonnage auf kleinere Schiffe zu verteilen, wäre ständig im Rachteil gegen­über einem anberen.bas einem anderen Bauplan folgen würde. Es würde nominell Gleichheit, in Wahrheit Ungleichheit geben. Chamberlain schloß: Rach An­sicht der englischen Regierung dürste keine Schwierig­keit bestehen, zu einem zeitlich begrenzten Abkommen über den gegenwärtigen und künf­tigen Kreuzerbau zu gelangen. Die britische Regie­rung lehne jedoch ab, ein solches zeitlich begrenztes Abkommen zu schließen, wenn es den Anschein eines unveränderlichen Prinzips habe und als Präzendenzfall gelten könne.

3m Anschluß an Chamberlains Erklärung kam es im Unterhause zu einer kurzen Aussprache zwischen ihm uni) Mitgliedern verschiedener Par­teien, in deren Verlauf der Außenminister einige seiner Darlegungen wiederholte und nochmals er­llärte: Die Grundlage der Konferenz, wie wir sie auffassen, und nach der eigenen Absicht des ameri­kanischen Präsidenten ist die Einschränkung der Rüstungen mit der nationalen Sicherheit in Einklang zu bringen, und das ist die einzige Grundlage, auf der irgendeine Konferenz zur Einschränkung der Rüstungen jemals zu einem er­folgreichen Ende gebracht werden kann. Chamber­lain bat nochmals, jedes Eingehen auf Detail­fragen zu unterlassen.

Amerika zur Lhamberlaiurede.

Washington, 27. 3uli. (WV.) Die Er­klärung Chamberlains über Englands unab- änderliche Haltung in der Kreuzerfrage be­stätigte in hiesigen politischen Kreisen die Auf­fassung, dah eine Verständigung un« m ö g li ch und eine Vertagung der Äon- ferenz biS 1931 unumgänglich sei. Amtliche ame» rikanische Aeußerungen liegen noch nicht vor, jedoch wurde im Marineamt angedeutet, dah England nach Chamberlains Rede an drei Punk­ten festhalte, die für die Vereinigten Staaten durchaus unanehmbar seien. 3m Staats­departement hält man ebenfalls Chamberlains Rede für den Schwanengesang der Konferenz. Trotz dieses Pessimismus bezüglich des Schick­sals der Konferenz häll man einen Fehlschlag für nicht tragisch, da man Un einen Krieg mit

Die Wahrheit über Orchies.

Was PoüicarL in seiner Sonntagsrede verschwiegen hat.

Berlin, 27.3uli. (SU.) Zu der Rede des französischen Ministerpräsidenien in Orchies er­fährt die Telegraphen-Llnion von maßgebender Seite: Der französische Ministerpräsident hat wieder einen großen Teil seiner Ausführungen der Vergangenheit gewidmet. Er meint die vergangenen Dinge erst dann in den Archiven der Geschichte ruhen lassen zu können, wenn Deutschland aufhöre, seine Schuld am Kriege und die Oreueltaten deutscher Trup - p e n zu bestreiten. Rur für sich selbst nimmt er das Recht in Anspruch, falsche Darstellungen zu widerlegen, um den Glauben an sie in der Oeffentlichkeit zu zerstören. Einen solchen An­spruch auf einseitige Feststellung der Wahrheit wird niemand dem französischen Ministerpräsi­denten zuerkennen. Wenn auch bei dieser Ge­legenheit davon abgesehen werden kann, auf seine bekannten allgemeinen Behauptungen über die Schuld am Kriege nochmals cinzugehen, ist es doch notwendig, auf den Teil seiner Ausführun­gen zu antworten, in dem er konkrete Vor­gänge aus der Kriegszeit schildert und bestimmte Vorwürfe gegen d i e deutsche Armee erhebt.

Es handelt sich hierbei um Ereignisse, die sich in den Sagen vom 23. bis 25. September 1914 in Orchies abgespielt haben. Wir besitzen über diese Ereignisse urkundliches Material, das wir jederzeit der Oeffentlichkeit unterbreiten können. Darunter befindet sich namentlich ein Auszug aus dem dienstlichen Bericht des Füh­rers der bei den Vorgängen beteiligten Abtei­lungen der Freiwilligen Krankenpflege vom 26. September 1914; ein ausführlicher Be­richt des französischen Krankenpflegers und Geist­lichen, G a u d o n , vom 26. September 1914, der vom Komitee des Roten Kreuzes in Lille nach Orchies entsandt war; eine kürzere schriftliche Aussage des französischen Pfarrers Louis Ducroquet; die eidliche Aussage der beiden Aerzte des beteiligten deutschen Bataillons. Aus diesen Berichten ergibt sich in voller Klarheit und Bestimmtheit folgendes Bild der Ereignisse.

Am 23. September 1914 fuhr eine Kolonne von sieben Automobilen der Freiwilligen krankenlransportabkeilung der 7. deutschen Armee von St. Amand nach Orchies, um in der dorttgen

Gegend, wie schon mehrmals in den Tagen zuvor, deutsche und französische verwundete aufzu­sammeln und der Pflege zuzuführen. Sie wurde, ob­wohl sie weithin sichtbar das Abzeichen des Roten Kreuzes führte und obwohl sie nach ihrer ganzen Zusammensetzung ohne weiteres als Sanitätsformation zu erkennen war, aus dem Orte Orchies von einer größeren Anzahl fran­zösischer Soldaten und Zivilisten heftig beschossen. Wegen dieses groben völkerrechts- bruches unternahm am 24. September das Land­wehrbataillon 35 eine Expedition nach O r - chies. Es stieß dabei jedoch auf starken Widerstand und muhte unter 'Zurücklassung von 8 Toten und 35 vermißten zurückgehen. Darauf erhielt am 25. September das 1. Bataillon des 1. bayerischen Pionier-Regiments den Befehl zur Ausführung der Expedition. Bei feiner Ankunft in Orchies war der Ort nahezu leer, denn die Bevölkerung war inzwischen unter Führung des Bürgermeisters ent­

flohen. Den einrückenden deutschen Soldaten bot sich

ein schrecklicher Anblick. Sie fanden 21 von

ihren Kameraden, die am Tage zuvor verwundet

oder unverletzt in Gefangenschaft geraten waren, als furchtbar verstümmelte Leichen

vor. Ob die Täter französische Soldaten ober Frank­

tireurs ober wie bet eine französische Geistliche in

feiner Aussage vermutete, Turkos waren, kann ba- hingestellt bleiben, Jedenfalls war es völlig zweifel­

los, baß b ie wehrlosen Gefangenen in empörenbet Weise hingemorbet waren. Es ist richtig, baß bas Pionier-Bataillon nun bie Häuser ber schuldigen Stabt b e m Erbboben gteichmachte. Das ist bie Wahrheit über Or­chies. Die Zerstörung bes Ortes war nicht, wie bie französische Darstellung behaupten will, ein Ver­brechen bet beutschen Truppen, säubern sie war bie Vergeltung f ü r schwere Völkerrecht s- brüche französischer Kämpfer.

i England nie gedacht hat, sondern lediglich A u s- I gaben f ü r Rüstungen ersparen -wollte.

3m übrigen will man es dem Ermessen deS nächsten Kongresses überlassen, ob aus 'dem Fehlschlag positive Folgerungen gezogen und mehr Kreuzer gebaut werden sollen.

Aufsehen macht der Aufsatz des amerilani- schen Delegierten auf der Abrüstungskonferenz, Admiral 3 o n e s, in einem Washingtoner Ma­rineblatt, in dem für den Fall ssines Sck e ierns der Genfer Abrüstungskonferenz das endgültige amerikanische Flottenbauprogramm entwickelt wird. Die amerikanische Delegation i wird der Washingtoner Regierung den Bau von 18 Grotzkampfschiffen, 270 Zerstörern, 110 Unter» seebooten und 5 Flugzeugmutterschiffen Vorschlä­gen, während Amerika gegenwärtig nur 10 große Kreuzer besitzt.

Englische Hoffnungen.

London, 28.Juli. (WTB. Funkspruch.) Aus den gestrigen Erklärungen Chamberlains schließt ber Marine-Mitarbeiter derDaily Mail", daß eine Aenderung der britischen Taktik in Gens beoorstehe und die Regierung bereit sei, für eine begrenzte Zeit unter die Zahl von 70 Kreuzern herunterzugehen. Der Vorteil einer vorläufi­gen Vereinbarung über die Kreuzerstärke liege darin, daß ein Rüftungswettbewerb während der kritischen nächsten 4 Jahre ausgeschaltet wäre, während an­derenfalls Amerika anfangen könnte, jedes Jahr zehn neue Kreuzer zu bauen. Es bestehe Grund zu der Annahme, daß ebenso Amerika bereit sei, die Neubauten von 10 000-Tonnen-Kreuzern erheblich zu beschränken und auch eine niedrigere Standard- tvnnage aller Kreuzer anzunehmen, wenn sie acht­zöllige Geschütze führen dürfen.Daily Tele­graph" schreibt, wenn es in Genf gelänge, wenig­stens eine Einigung über die Einschränkung des Baues großer Kreuzer in den nächsten 4 Jahren herbeizuführen, so sei bas allein der Mühe wert ge­wesen, obgleich es weit hinter den der Konferenz entgegengebrachten Erwartungen zurückbleibe.

Der Nationalrat für Seipel.

Ablehnung des sozialistischen Mitztraucnsantrags.

Wien, 27. 3uli. (Wolff.) Der Rationalrat setzte heute die Aussprache über die Ereignisse vom 1. bis 18. 3uli fort. Auf der Ministerbank hat bisher nur der Bundeskanzler Dr. Seipel Platz genommen. Auch die Plätze der Abgeord­neten sind noch nicht vollzählig beseht. Der bis­herige Verlauf der Debatte es sprachen bereits die Abgg. Guertler und Renner zeigt in er­höhtem Maße das Bestreben, die Aussprache leidenschaftslos und sachlich durchzuführen. So wurden die Ausführungen des Rationalrats Guertler (Christl.-soz.), welcher sich bemühe, im Sinne der Verständigung mit den Sozial­demokraten auch deren Auffassung und Gedanken­gängen gerecht zu werden, vom Hause mit größter Aufmerksamkeit und Ruhe angehört. Guertler er­klärte:Wir wollen versuchen, mit allem Ernst die Dinge auf dem Boden auszutvagen, der hier­für geschaffen ist, in dem auf denkbar demo­kratischste Weise gewählten Parlament. Die Ent­scheidung des Parlaments muh aber von jedem geachtet werden, wenn die Demokratie überhaupt Sinn haben soll. Wenn gesagt wird, daß die letzte Weisheit, die m unseren Maßnahmen zum Ausdruck gekommen ist, das Schießen auf Staatsbürger gewesen ist, möchte ich nur sagen: Richt auf Staatsbürger ist geschossen worden, weil sie Staatsbürger sind, sondern auf jene, die sich der zur Aufrechterhal­tung der Ordnung und Ruhe berufenen Ge­walt entgegengestellt haben. Reugierige haben bei derartigen Dingen nichts zu suchen. Es gibt Gebiete, wo wir die Mehrheit haben. Dort war die Erbitterung über den Streik nicht kleiner als die Erbitterung über die Vor­gänge im Schwurgerichtssaal in Wien. Aber dort ist kein Blut geflossen, obwohl unter den Ge­birgsbauern das Elend nicht Neiner ist als in der Großstadt. Wir haben Wien trotz vielfacher Be­denken als Bundeshauptstadt gelten lassen. Das legt der Stadt aber auch gewisse Verpflich­tungen auf. Wenn Dr. Dauer einen Unter» suchungsausschuh verlangt, kann ich nur sagen, daß gerade durch die Erfahrungen mit solchen Untersuchungsausschüssen das Mißtrauen gegen das Parlament verstärkt wurde. Wenn wir unseren Verhandlungswillen kund- getan haben, so scheint die Opposition mehr darin gesehen zu haben als darin war. Deine Basis war der Respekt vor dem Gesetz. Wir beugen uns aber nicht vor dem Zwang. Wir hatten immer die Vermeidung jeglichen Konflikts im Sinne gehabt."

Abg. Renner (Soz.) stellte mit Genug» tuung fest, aus der Rede Guertlers gehe hervor, daß allmählich auch in den Kreisen der Mehrheit jene Auffassung verblaßt, die anfangs aus Zwi­schenrufen und anderen Aeußerungen hervor­gegangen war, nämlich, daß es sich hier um zwei Dinge handelt, und zwar um einen verbreche­rischen Ausbruch und die polizeiliche Reaktion daraus durch Schießen. Der Redner begrüßt auch den Gedanken, den Professor Guertler geäußert habe, dah man den Weg des Rechts suchen müsse. Er beklagt die Verletzung der Rechts­gefühle und die Politisierung des Rechtslebens. Das Rechtsgefühl fei in un*