llr. 200 viertes Blatt _____Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
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Samstag, 27. August (922
Wandern und Reifen - Bäder und Sommerfrischen
Sportler und Wochenende.
Von St. M. Zentzytzki.
Vorläufig gibt es bei uns kaum mehr als einen Wochencnd-„Ge danken", denn die Ansage zu einer Verwirklichung dieser aus Amerika und England zu uns gekommenen, fraglos sehr guten Idee sind, objektiv betrachtet, zunächst noch recht gering. Nach allem, was man bisher gehört hat, scheint kein Zweifel zu bestehen, daß die vom Berliner Messeamt in diesem Sommer veranstaltete Wochenend- Ausstellung zur Klärung des Fragenkomplexes beitragen wird. Man darf sich jedoch nicht darüber täuschen, daß auch eine solche Ausstellung selbst bei vollendeter Zusammenstellung wohl nur das geben kann, was man die „Theorie" des Wochenendes nennen muß. Zweifellos wird eine Ausstellung dieses Umfanges sehr viel dazu beitragen, zweckmäßige und billige Wachenendhäufer zu entwickeln, zweifellos wird auch die Werbekraft der Idee nachdrücklich verstärkt werden, aber ebenso zweifellos konnte schon immer, wer Geld genug hatte, sich ein kleines Haus kaufen oder einen Samstag-Sonntag-Aus- flua machen. Die Idee Wochenendes ist vielmehr, diese Möglichkeiten durch wesentliche Veränderung der äußeren Umstände einem weiteren Kreise zugänglich zu machen. Um dies zu erreichen, ist die praktische Mitarbeit der an dem Ausbau des Wochenendes Interessierten unerläßlich. Gemeinden, Hotels uiw. müssen mitarbeiten, wenn wir wirklich in absehoarer Zeit etwas erhalten sollen, was den Namen eines Wochenendes verdient.
Die Öffentlichkeit hat schon wiederholt von derartigen Bemühungen einzelner Firmen (Haus- und Bootsbau, Zeltbau usw.) gehört, auch einzelne Hotels haben, z. T. durch Vermittlung der Verkehrsoerbände, eine Art Wochenend-Vereinbarung ermöglicht, indem sie zu einem festen Preis Verpflegung und Uebernachtung vom Samstag bis Sonntagabend bzw. Montag früh übernehmen, und diese Maßnahme wird erfreulicherweise erheblich ausgebaut. Erfreulicherweise sind gerade die teureren Hotels mit der Schaffung derartiger Wochenendkarten oor- angegangen. Es ist aber zunächst immer noch notwendig, auch einfacheren Hotels klar zu machen, welche Vorteile ihnen ebenso wie den großen aus der Schaffung einer Wochenendkarte erwachsen kön
nen. Weiter ist es außerordentlich wichtig, Hotels mit Wochenendpreisen in einer besonderen Rubrik der Reiseführer, bzw. Kurortdruckschriften zu erwähnen, und sie auch auf andere Weise möglichst be- kanntzumacl)en.
Von ausschlaggebender Wichtigkeit erscheint aber die Beteiligung der am Wochenendverkehr interessierten Gemeinden selber. Diese hätte in der Weise zu erfolgen, daß zunächst einmal bekanntgemacht wird, ob und in welchem Umfang Land zur Bebauung zur Verfügung steht. Weiter aber sollte mit allen Mitteln versucht werden, Wochenend-Möglichkeiten im Sinne des amerikanischen „Camping" zu schaffen. Es ist lange genug über das Wochenende hin und her debattiert worden: könnte nun nicht eine Gemeinde einmal den Anfang mit der Umsetzung der Idee in die Praxis machen, indem sie Wochenend-Wanderern aller Art Uebernachtungs- möglichkeiten bietet? Dies könnte in den verschiedensten Formen geschehen. Von der Bereitstellung eines Camp-Platzes, auf dem man sich ein Zelt errichten kann, im übrigen aber für alle Bedürfnisse selber zu sorgen hat, bis zum großen Lager mit einzelnen vermietbaren Holzhäusern sind unendlich viel Abstufungen möglich. So, wie die Verhältnisse augenblicklich liegen, wird man unter Betonung des sportlichen Gedankens mit größtmöglicher Einfachheit auszukommen suchen müssen. Man wird einen Platz zum Ausbau von Zelten zur Verfügung stellen, wo Trinkwasser und Brennmaterial erhältlich ist, wo am besten in einer Verkaufsstelle weiteres Material bereitgehalten und wo weiter für die nötigen sanitären Einrichtungen (Aborte, evtl. Bäder) gesorgt wird. Vielleicht könnte man in der ersten Zeit die Benutzung des Lagers von der Zugehörigkeit zu einem der großen anerkannten Verbände (Iugendwander-, Kanu-Verband, Deutscher Touring Club usw.) abhängig machen: in jedem all wäre es aber notwendig, von vornherein die nnehaltung gewisser Richtlinien energisch zu verlangen, ohne die ein solches Lagerleben für die Meyrzahl der Beteiligten bald zu einer Qual würde. Ungebundenheit darf hier nicht verwechselt werden mit Zuchtlosigkeit! In punkto Musik wird zum Beispiel eine straffe Regelung nötig Jein, die jeder der beiden Parteien zu ihrem Recht verhilft, den Musikfreunden sowohl wie denjenigen, die darin nur ein störendes Geräusch erblicken.
Grundlegend wichtig ist für die ganze Wochenendfrage die Schaffung eines überall gültigen Zelt- rechtes. Die heutigen Zustände, daß man erst nach vielen Mühen erfährt, wo man denn eigentlich Zelte aufschlagen darf und wo nicht, sind auf die Dauer unhaltbar. Nicht nur der Staat, der das größte Interesse an einer gesunden Bevölkerung hat, sondern auch die Gemeinden sollten nach Möglichkeit von sich aus ohne Säumen klare Verhältnisse schaffen, indem sie zum Beispiel Gebiete bezeichnen, auf denen frei ober gegen eine geringe, feste Gebühr Zelte aufgeschlagen werden dürfen. Für alle Teile wäre es vorteilhaft, wenn mit den Zeltscheinen gleichzeitig die Berechtigung zur Ausübung des Angelsportes verbunden wäre, denn Zeltleben, Schwimmen, Angeln gehören nun einmal eng zusammen.
Es müßte versucht werden, daß Vorurteil zu beseitigen, als habe eine Gemeinde ober sogar ein Kurort kein Interesse an einem solchen Wochenenb- Betrieb. Abgesehen bavon, baß kleine Gemeinben sich auf diese Weise allmählich zu einer Art Luftkurort aufschwingen können, was ihnen infolge des Fehlens ausreichender Hotels und ähnlicher Baulichkeiten sonst nicht möglich wäre, — abgesehen davon kann auch ein größerer Ort bei richtiger Durchführung der Idee sich manchen Vorteil verschaffen. Zweifellos ist heute die Gemeinde der Wochenendwanderer zu Fuß, im Auto, Motorrad oder Boot noch verhältnismäßig klein, aber sie wird schnell wachsen, und bann wirb es sich als ein Vorteil erweisen, sich frühzeitig auf biefe „moberne Art bes Zigeunerns" eingestellt zu haben. Denn immer ist der tägliche Bedarf der Wanderer zu befriedigen: so mancher nimmt seine Mahlzeit im Hotel ober im Kurhaus, kommt abenbs zur Geselligkeit, nachmittags zum Staffee, läßt also seine Gastgeber ver- bienen, und das nicht nur während einer relativ kurzen Ferienzeit, sondern den ganzen langen Sommer hindurch. Es gilt, sich nur von der Idee frei zu machen, als wäre einerseits ein derartig ungebundenes Wandern erwachsener Kulturmenschen unwürdig, und als wäre es andererseits eine ausgemachte Sache, baß nur unerwünschte Gäste beiberlei Geschlechtes auf biefe ungebundene Weise im Lande „herumzigeunern". Die Schwere der heutigen Zeit und die wachsende Ausdehnung der Städte machen vielmehr einen Ausgleich des Großstadllebens für alle ihre Bewohner immer notwendiger.
Zlutzwanderung auf dem Neckar.
Bon Dr. W. W 0 daegc, Gießen.
Eins mit der Natur, an den Stätten alter Kultur entlang zieht der moderne Fluhwauderer auf dem Neckar dahin, mit Faltboot und Zelt. Selten ist die Flußlandschaft voll entzückender Naturidylle so innig vereint mit der Erinnerung an alte deutsche Kultur und Geschichte, wie an den Ufern des Neckars. Nauschende Bergwälder, sonnenbeschienene Weinberge, schroffe epheu- behangene Felsen, trutzige Burgen, verträumte alte Nester. Wir schauen hinauf zum hoch- gebauten Wimpfen mit den malerischen Türmen, die in die weite Ebene der Deutschherren hinaus- blicken, lampsdurchtobt seit den Zeiten der Nömer und Alemannen. Weiter: Schlösser wie Ehrenberg und Guttenberg mit mächtigen vierkantigen Türmen, Burg Hornberg, auf der Göh von Berlichingen gestorben, Neckarelz mit dem alten Templerhaus aus dem 12. Jahrhundert, die Minneburg bei Neckargerach, Schloß Zwingenberg mit dem 42 Meter hohen Bergfried, Nuine Stolzeneck, das uralte Eberbach, Hirschhorn mit seinem Schloß und den Häuschen, die wie Schwalbennester an der Stadtmauer zum Neckar hin hängen, kurz zuvor die Ersheimer Kapelle, vermutlich das älteste Gotteshaus des Neckartals, Neckarsteinach mit seinen vier Burgen: ferner: das hochgebaute Dilsberg, Neckargemünd und Heidelberg. Der Hauch einer stolzen und schmerzlichen Vergangenheit liegt auf diesen Stätten alter Kultur, die hier, wie so oft, dem Flußlauf gefolgt sind.
Cs birgt einen Reiz besonderer Art in sich, flußabwärts treibend vom Kajak aus dies alles zu beschauen. 3n keinem anderen Verkehrsmittel farm man so träumend genießen. Lind da, wo die Alfer besonders lockend sind, ruht der Paddelschlag. Die Strömung treibt still das Boot, und der Fluhwanderer gibt sich im dolce far niente dem Schauen hin.
Zu solcher Neckarfahrt, die nichts mit Kilometerrekord zu tun haben sollte, trafen sich in der vergangenen sommerlichen Ferienzeit zwei Faltboote der Gießener Paddlergilde in Heilbronn, von denen das eine sich zuvor auf einem
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