Nr. 200 Zweites Blatt
Sicherheit, Abrüstung, Schiedsgericht.
Außenpolitische Umschau
Don Professor Dr. Otto Hoehsch, M. d. R.
3m September 1924 wurde von Macdonald und Herri ot mit Begeisterung die Dreiheit als das Programm europäischer Friedenspolitik aufgestellt: Sicherheit, Abrüstung, Schiedsgericht. Die drei Begriffe wurden zu einer Einheit verknüpft, in der eins das andere bedingte, und mit voller Sicherheit wurde damals auch über die schwierige Frage, wer denn Angreifer in einem Kriege fei. entschieden mit dem Worte: „ Angreifer wird sein, wer das Schiedsgericht zurückweist." Diese dreigeteilte Einheit nahm auch die deutsche Regierung Luther-Stresemann als ihr Programm auf, unö unter dieser Idee begann sie jene Aktion, die Deutschland nach Locarno und Genf führte.
Der Völkerbund versammelt sich viermal im Jahre, und so bilden seine Zusammenkünfte eine Art Terminkalender für den europäischen Staatsmann, für den er regelmäßig gewissermaßen Inventur macht. Zudem hat sich ja der Brauch eingebürgert, daß neben der Tagesordnung in Genf Zusammenkünfte der Staatsmänner der Großmächte einhergehen, über die sich die kleineren und mittleren ärgern, die aber nützlich und notwendig sind. Also liegt die Frage nahe, die Erfolge jenes Programms für die diesmalige /<bolkerbundsversammlung zu Prüfern
Beginnen wir mit dem verhältnismäßig ein* fachsten, dem Schiedsvertrag und der Schiedsgerichtsbarkeit. Die Lkebersicht ergibt, daß derartige Schiedsverträge ziemlich zahlreich geschlossen worden sind. Unzweifelhaft hat der Gedanke Fortschritte gemacht. Freilich im wesentlichen, im Uebergcmg von der fakultativen zur obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit ist kein Fortschritt erzielt, unö die sogenannte Fakultativklausel zum Statut des ständigen internattonalen Gerichtshofes im Haag ist auch von niemand weiter unterzeichnet worden. Im Statut des Gerichtshofes ist nämlich die Möglichkeit vorgesehen, daß sich die Dundesmitglieder durch eine besondere Erklärung verpflichten, Rechtsstreitigkeiten unter Voraussetzung der Gegenseitigkeit dem internationalen Gerichtshof zu unterbreiten. Das ist die sogenannte Fakultativklausel, die bisher nur von kleineren Staaten, besonders den europäischen Neutralen, unterzeichnet worden ist. Von den Großmächten haben sie nur Frankreich und China unterschrieben, Frankreich aber hat die Unterzeichnung nicht ratifiziert, weil es das von den, Inkrafttreten des Genfer Protokolls von 1924 abhängig machte, das bekanntlich gescheitert ist. Deutschland hat sich durch seine Schiedsverträge — sie laufen jetzt mit Schweiz, Schweden, Finnland, Estland, Frankreich, Belgien, Polen, Tschechoslowakei, Dänemark, Hol- land, Italien —ohnehin schon zur schiedsgerichtlichen Austragung von Rechtsstreitigkeiten mit diesen Staaten verpflichtet. Diese Anwendung des Schieos- aerichtsgedancens, deren Bedeutung wir nicht überschätzen wollen, die aber immerhin doch nicht ohne Bedeutung ist, hat also keinen Fortschritt gemacht, Und nehmen wir dazu, daß der Beitritt der V e r - einigten Staaten von Amerika zum internationalen Gerichtshof im Haag, der ja in diesem Zusammenhang von ganz großer Bedeutung ge- wesen wäre, nicht zustande gekommen ist, daß an- dererseits im Verhältnis Rußland zu der Frage der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit nur un- wesentliche Aenderungen eingetreten sind, so ist der Fortschritt auf diesem Gebiete bei der Inventur von Genf wahrhaftig nicht sehr groß. Im großen Maßstab ist, soweit wir im Augenblick sehen, der Gedanke und seine praktische Anwendung im letzten Jahr nicht vorangekommen.
Abrüstung: man spricht das Wort eigenllich nur aus, um die Mißerfolge dieser Bewegung zu kennzeichnen. Weder die vorbereitende Abrüstungskonferenz des Völkerbundes, noch die von Nordamerika berufene Seeabrüstungskonferenz der drei großen Seemächte haben zu irgend einem Erfolge geführt. Sie haben, was nicht verkannt werden soll, die Frage nach jeder Richtung durchwühlt, aber sie dadurch nur noch verwirrter und unlösbarer gemacht. Die Verhandlungen haben gezeigt, daß eine solche Frage selbstverständlich nicht von Sachoer- Zwischen Wund sieben
Roman von Liesbet Dill.
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Nachdruck verboten.
Er hatte das Urteil empfangen, wie man einen langerwarteten Hieb pariert, ohne zu zucken. Die Nerven gespannt, die Muskeln gestrastt, mit verhaltenem Atem. Er hatte es fast so erwartet.
,/2njo, die Prognose ist ernst." Der Arzt stellte sein Hörrohr weg, „aoer nicht ohne Hoffnung . . . Der Anfall ist nur ein Signal für später häufiger auftretende Anfälle, die nicht direkt lebensgefährlich zu sein brauchen, aber doch immer eine Leoensge- fahr bedingcß ... Ich würde Ihnen raten, Ihre Angehörigen . . . Sind Sie verheiratet?" . .
„Ja."
mit meiner Diagnose bekanntzumachen. Ach habe die Erfahrung gemacht, daß man es dem Arzt verdenkt, wenn er die Angehörigen im unklaren über die Sachlage läßt." Der Professor erhob sich, druckte dem Patienten die Hand und berührte die Schelle auf dem Schreibtisch. Die Untersuchung war beendet, er hatte nichts mehr hinzu- zufiigen und die Schwester trat ein, um den nächsten Patienten zu melden.
Dr. Manfred knöpfte seinen Mamel zu, während er den Blick über das große, stille Sprechzimmer gleiten ließ. Die Möbel standen alle auf einmal so seltsam da, sonderbar fremd, die Atmosphäre des Raumes hatte sich verändert. Sie umwehte ihn kalt und feindlich, ganz anders als vorhin, da er hier eingetreten war. ©eine Schritte klangen auf dem weichen Teppich dumpf wie auf Moos. Er hatte das Gefühl, weit von seinem Körper entfernt zu fein, sieb anderswo zu befinden ... ein lebloses, abgestorbenes Gefühl» das ihm unangenehm war.
Die Prognose ist ernst. Die beiden anderen Aerzte halten es mit schönen Phrasen umschrieben, aber er hatte die Wahrheit wissen wollen und er war zu diesem fremden Professor negangen, einem Herz- Spezialisten. der erst kürzlich von Nauheim herge- ,'"geu war, der ihn kaum dem Namen nach kannte und ihn erst für einen Kollegen hielt... Nun wußte er es. Schwere Herzneurose. Mit Entzündung des
Gießener Anzeiger lGeneral-Anzeiger für Oberhessen)
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Samstag, 27. August 1927
ständigen oder ihnen allein entschieden werden kann. Denn sie ist eine politische Frage! Erst kommt der Wille zur Abrüstung. Ist er da, so werden sich Wege zur Ueberwindung der technischen Schwierigkeiten finden. Dieser Wille wird bei Nordamerika vorhanden sein. Er fehlt aber bei England in bezug auf die Abrüstung zur See. Er ist überhaupt nicht vorhanden bei Italien und vor allem nicht bei Frankreich, das, wo es konnte, sich der Abrüstungsbewegung in den Weg gestellt hat und das außerdem noch durch die Erörterung und (zum Teil) Annahme seiner ganz umfassenden Heeresneu- o r d n u.n g einschließlich Kriegsvorbereitung und Befestigungssystem, das Stärkste gegen alle Abrüstungswünsche getan hat. Das Ergebnis auf dem Gebiet der Abrüstung im abgelaufenen Jahre ist somit gleich Null!
Sicherheit: Man sollte meinen, daß das Sicherheitsbestreben Frankreichs durch die Locarno- |
von sich aus durch die Idee einer Sicherung gegen Angriffe in gegenseitiger Verpflichtung zwischen sich und den Nandstaaten, unabhängig vorn Völkerbund und unbekümmert um dessen Bestimmungen. So hat es mit Litauen einen derartigen Vertrag geschlossen: Verhandlungen mit den anderen Randstaaten aber sind nur bei Lettland etwas weiter gediehen, mit Estland und Finnland nicht vorangekommen, mit Polen spricht man immer wieder hin und her, ohne daß eine Aussicht auf Abschluß zu erkennen ist.
Diese Veryandlungen haben im Zusammenhang des Sittierheitsgedankens für den Völkerbund ein größeres Interesse und für Deutschland desgleichen. Finnland ist es gewesen, daß diesen Zusammenhang in Genf herausgearbeitet hat, indem es das Problem stellte: Wie steht der Völkerbund, wenn ein Mitglied und ein Nichtmitglied in Konflikt geraten? Es fordert in diesem Falle, daß der Völkerbund von vornherein für das Völkerbundsmitglied Partei
Mahnung zur Hindenburgspende
Reichswehrnunifter Dr. Gcßler:
Die Wehrmacht dankt ihrem obersten Befehlshaber, dem Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg, daß er für die Verwendung seiner Geburtstagsspende in erster Linie an die alten Soldaten gedacht hat. Darum helft, dem großen Vorbild treuer Pflichterfüllung nacheifernd, die Hör derer zu lindern, die dem Vaterlande die größten Opfer brach- ten! Gebt zur Hindenburgspende!
General der Infanterie Heye, Chef der Heeresleitung:
Lasset die Hindenburgspende Beweis werden, daß wir einig sind in Treue und Liebe zu unserem Führer, daß wir einig sind im Dank an unsere Brüder, die ihr Bestes gegeben haben für Ehre und Bestand unseres Vaterlandes.
Admiral Zenker, Lhef der Marineleitung:
Treue halten seinem Volke, selbstlos sich hingeben an den Staat, hilfsbereit stets derer Zu gedenken, die um des Vaterlandes willen litten, das ist HinL>enburggeist.
Gaben für die hindenburgspende werden angenommen in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers", Gießen, Schvistraße Vte. 7.
vertrüge und die deutsche Abrüstung vollkommen befriedigt sei. Ein anderes Sicherheitsstreben in Europa ist der Wunsch Polens, seine Grenzen gesichert zu erhalten, der mit der französischen Politik in der Idee des sog. „Ostlocarno" in Verbindung gesetzt wird. Gewiß würde auch Frankreich in einer Kombinatton zwischen Räumungsfrage und seinen Beziehungen zu Polen es gern sehen, wenn Deutschland sich bereitfinden ließe, die polnische Westgrenze ebenso zu garantieren, wie es das in bezug auf die Verhältnisse am Rhein und die entmilitarisierte Zone dort getan hat.
Es bedarf keines Wortes, warum die Idee des Ostlocarno für Deutschland in keiner Weise diskutabel und möglich erscheint. Nach der anderen Seite, nach Rußlandzu, ist ein Erfolg in den Verhandlungen über einen Nichtangriffspunkt zwischen den beiden Ländern nicht erzielt. Rußland führt diese
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ergreife, und es stellt weiter das Problem, wie ein solcher Nichtangriffspakt Rußlands mit dem Art. 16 der Völkerbundsakte vereinbar ist, — eine Frage, die direkt auf die deutsch-russischen Abmachungen im Berliner ©ertrag und deren Verhältnis zu dem Artikel 16 zielt. Es ist möglich, daß diese Frage in Genf zur Erörterung kommt, daß mithin die Sicherheitsfrage, an der Deutschland sehr interessiert ist, in diesem Sinne erörtert wird. Die Erklärung der Mächte in Locarno zu Artikel 16 ist nach unterer Auffassung niemals ausreichend gewesen. Erörterungen, wie sie Finnland anregt (in den Völkerbundsakten liegt auch eine gleiche von persischer Seite), können nun das Problem in Genf in Bewegung setzen, und wir sollten uns darauf immerhin einstellen.
Daß nach Frankreichs Auffassung die Sicherheit im rein französischen Sinne nicht erreicht ist, hat ---——immrnnmiiiii iiniiW, mm ■■■w—ww-
das letzte Jahr gezeigt. Nach zwei Seiten: In der Haltung Frankreichs zur Besatzungs- und Räumungsfrage im Rheinland und eben in seiner konsequenten Heeres Politik, die es unbekümmert um die Abrüstungsidee und jene Dreiheit Herriots durchgeführt hat. Dabei ist Herriot, der diese Dreiheit in Genf so pries, Mitglied des heutigen Kabinetts! Und der Hauptberichterftatter in der Diskussion des Heeresgesetzes war einer der drei Hauptdelegierten Frankreichs im Völkerbund, der Sozialist Paul-Boncour. Verstehen wir die französische Auffassung von der Sicherheit recht, so ist sie kurz diese: die Sicherheit durch die Friedensverträge, deutsche Entwaffnung und Locarno genügen Frankreich nicht. Es fordert eine weitere Sicherung, wobei Ostlocarno und Verzicht auf den Anschluß Deutsch-Oesterreichs neben- und durchein- anderaehen. Es baut seine militärische Rüstung ziel- bewußt aus, indem er alle Lehren aus dem Welt- krieg zieht, seine schwache und nicht zunehmende Bevölkerung in ein Verhältnis setzt zum Cadrehccr, zur Kriegsvorbereitung der ganzen Nation und zur Heranziehung der „force noire", indem es alle Vorbereitungen der Kriegswirtschaft bis in das kleinste trifft und indem es feine Nordostgrenze von Dünkirchen bis Belfort buchstäblich in einer ununterbrochenen Befestigungslinie befestigt. Es verlangt ja auch, daß Belgien an seinem Teil in diese Linie eintrete und diese so abschlösse, daß vor ihr dann das Glacis läge, das entmilitarisierte Rheinland, ohne jede Garnison des etwaigen Gegners und ohne jede Befestigung und dazu noch gesichert für Frankreich durch Frankreichs Soldaten, die darum im Rheinland stehen bleiben sollen.
Zuletzt: Nach dem Fricdensvertrag muß die Räumung des Rheinlandes 1935 auch In der dritten Zone vollzogen sein. Frankreich rechnet, daß gerade in diesem Jahre die Wirkungen der Kriegsverluste in seinen Rekrutierungsziffern sich bemerkbar machen werden, und sieht darin einen erneuten Grund, seine Truppen aus dem Rheinland nicht zurück- zuziehen. Etwa bis zur gleichen Zeit ist auch die Durchführung der großen Heeresreform und Befestigungsarbeit gedacht; vom französischen Standpunkt aus alles sehr konsequent und sehr zusammenhängend. Bloß den Sinn jener Dreiheit von 1924 erfüllt es wahrhaftig nicht!
Das Bemühen um eine konstruktioe F r i e- denspolitik Europas hat also, wie wir sehen, von der Völkerbundsoersammlung 1926 bis zu der von 1927 einen erkennbaren Fortschritt noch nicht gemacht.
Krastwagenverbindung Wißmar - Gießen.
Am Mittwochnachmittag fand im Gießener Kreisamtsgebäude unter dem Vorsitz eines Krcte- vertreters und im Beisein von Vertretern der Stadt Gießen, der Oberpostdirektion Darmstadt, des Gießener Postamts und der Gemeinden Krofdorf und Wißmar eine Besprechung über die von der Gemeinde Wißmar beantragte Autooerbindung mit der Stadt Gießen statt.
Schon seit der Inbetriebnahme der Postkrast- wagenlinle Gießen — Krofdorf — Fellingshausen ist es der Wunsch der Bewohner von Wißmar, ebenfalls eine unmittelbare Verbindung mit der Stabt Gießen zu erhalten. Die Eisenbahnverbindungen der Strecke Wetzlar —Lollar entsprechen schon lange nicht mehr dem Verkehrsbedürfnis und den be- rechttgten Verkehrswünschen der fast 2000 Seelen zählenden Gemeinde Wißmar. Die Gemeinde hat deshalb durch die Kreisbürgermeisterei Krofdorf vor mehreren Monaten an die Po st Verwaltung bas Ersuchen gerichtet, einige Fahrten der Linie Gießen—Krofdorf über Launsbach nach Wißmar auszudehnen. Dieses Ersuchen wurde von der Poft aber mit der Begründung abgelehnt, daß bei der Ausführung dieses Planes die Postautos zwischen den drei Stationen Krofdorf-Gleiberg, Launsbach und Wißmar neben der Eisenbahn fahren müßten und daher mit dem Einspruch der Reichs- bahngesellschaft zu rechnen wäre. Unter die- ten Umständen ist es verständlich, daß die Gemeinde Wißmar es nicht verhindert hat, als vor einigen Wochen ein Privatunternehmer mit einem etwa achtsitzigen ehemaligen Sanitätswagen den Betrieb einer regelmäßig verkehrenden L i - nie von Wißmar über die Lahnbrücke bei der Babenburg nach Gießen eröffnete. Ob bern angeb-
Herzmuskels fings an — ganz harmlos —, Herzparalyse war gewöhnlich ber Schluß.
Milbe, graue Novemberlust schlug ihm entgegen, als er bie Villa verließ. Ein leichter Nebel hüllte alles wie in einen Schleier ein.
Er ging burch bie verübele Allee, durch bereit entlaubten Bäume ber Rheinnebel in bicken Schwaben kroch. In ben Straßen blinkten matt bie Laternen, bie Prpmenaben waren leer, ber Nebel tropfte auf bie Bänke, in ben Villen brannte verschleiertes Licht hinter zugezogenen Gardinen . . . Ein alter Herr im Rollstuhl begegnete ihm mit seinem Diener . . .
Sonst niemand. Hohe weiße Bogenlampen warfen ein grelles, festliches Licht auf bie Schaufenster ber Löben, hinter benen bunte Teppiche, blitzendes Kristall, frische Blumen unb Porzellan leuchteten... Der Luxus ber Lebenben, zu benen er nicht mehr lange gehören mürbe . . . Zwischen bem Mann, ber ich vor einer Stunbe noch war unb bem, ber ich nun bin — welcher Abgrunb, buchte er.
Wie war biese Krankheit nur über ihn gekommen?
Im März, als er aus Amerika heimkam, hatten bie Anfälle angefangen. Und bie Schlaflosigkeit . . . Währenb feines Urlaubs, ben er mit feiner Frau in Norwegen verbrachte, hatte sich das Herz beruhigt, nur bie Schlaflosigkeit blieb. Die nervösen Anfälle waren erst wiebergekommen, seit er wieder dirigierte und seine Arbeit ausgenommen hatte. Vor einer Woche war er plötzlich zusammengebrochen. Ein schwerer Herzanfall — mitten in.der Probe...
Sein Blick fiel auf die erleuchtete Uhr an ben Kolonaben. Gleich vier. Er mußte sich beeilen. Um vier Uhr begann bie Hauptprobe zum ersten philharmonischen Konzert. Er schritt, um abzukürzen, burch bie -winterlich kahle Anlage, bie sich zwischen bie Kolonaben schon. Einige Paare wanderten darin umher, alte Damen saßen auf ben Bänken und betreuten ihre Hunde. Der Boden war mit feuchten, roten Blättern bedeckt. Als er an ber kaltplatschern- ben Fontäne vorüberkam, riefelte plötzlich ein leuchtender gelber Blätterregen auf ihn herab . . . Die Blätter fallen, dachte er . . . Alle Farben ber Natur waren ausgelöscht von biefem milben, weichen, traurigen Grau, bie Umrisse der Baume unb Häuser verschwommen darin, alles sah seltsam gespcnster- haft aus, unheimlich — wie vor einer großen Veränderung . . .
Die Menschen, bie er vor sich hergehen sah, ins Theater, ins Kurhaus, ins Lesezimmer ober in bas Nachmittagskonzert, schienen leblose Schatten, bie auf einer mattgrauen Leinwanb bahinglitten. Diese Lampen schienen nicht zu brennen, es waren nur gelbe Klexe, vom Maler in bas feuchte Grau bes Nebels hingeworfen. Wie mit einer Klammer schnürte ihm diese dumpfe Gewißheit bie Brust zusammen: Nicht lange mehr . . .
Ev war etwas oeränbert in ihm. Das Leben batte plötzlich seine Bebeutung verloren. Unb boch spielte sich alles ab wie jeben Nachmittag.
Der Giebel bes Kurhauses glänzte matt zwischen hohen Baumwipfeln, im Vestibül brannten schon die Lampen, an den gläsernen Türen warteten die grauhaarigen, betreßten Türhüter, die ihn ehrerbietig begrüßten. In ben Garberoben gaben Damen ihre Schirme unb Stöcke ab unb ber Saalbiener verkaufte an seinem kleinen Tisch die Kvnzertpro- gramme, wie immer.
Ihm war, als ob ihm ein Frember burch bieses golbgleißenbe Vestibül folgte, wie ein Gespenst im Nebel — ein Schatten ... ber hinter ihm blieb . . .
Sein Vorzimmer war leer, er legte Hut unb 'Diantel ab unb trat vor ben Spiegel. Er war so groß, daß er sich vorneigen mußte, um sein Bild in dem schmalen Glas zu sehen. Sein Bild blickte ihm fremd entgegen . . . Groß, schmächtig, mit der lässigen, etwas müden Haltung eines Angegriffenen, schmalem, gutgeschnittenem Kopf, dem schwarzen, etwas gelichteten Haar, das Gesicht bleich und bartlos, die Augen umschattet, grünliche Flecke auf den Wangen, ober schien bas nur so in biefem alten, an- gelaufenen Biedermeierspiegel? . . . Ich sehe schlecht aus, dachte er. Ich bin zehn Jahre älter geworden — feit einer Stunde . . .
Was nun?--Melitta hatte solche Angst vor
Prognosen. Vorsicht, keine Aufregungen . . . Nehmen Sie Urlaub . . . Jawohl! Wie konnte er Urlaub nehmen, jetzt, kaum aus bem Auslanb heimgekommen, ba hier bie Wintersaison begann?--
Er wollte arbeiten. Er war von Amerika heimgekommen mit neuen Plänen unb frischer Arbeitslust, hatte bie Saison eröffnet mit großen Konzerten, Sinfonieabenbe waren angesetzt, bie Orchester- proben hatten begonnen. Spanien rief ihn herüber. Sollte er bas alles lassen, was ihm Lebensinhalt geworben war, aus Vorsicht, um nicht einige Jahre früher zu enden?
Seine Hand glitt über bie Stirn. Ein bleierner Druck saß bort._ Es bauert nicht mehr lange. Also, konzentrierte Tätigkeit, Nervenanspannung bis aufs letzte ... unb bann — Schluß ... Es wird sehr bald sein . . . noch ein paar Jahre vielleicht . . . Er dachte an seine Frau. Das Leben hat mir zuviel geschenkt. Erfolg, Ruhm, eine Arbeit, bie mich aus- füUt, meine Ehe — — Melitta. Dieses Glück ohne Schatten . . . eine Liebe, bie sich täglich vertiefte, eine Leidenschaft, bie zur Freunbfchaft geworben war. Sie war bie Frau, die er immer gesucht.
Die meisten seiner Freunde lebten schon von ihrer Frau getrennt, ober sie lebten stumpf bahin neben irgendeiner verblühten Frau unb hatten ihre Wünsche unb Träume still begraben . . . waren alt geworden, nichts mehr fühlend, nichts mehr verlangend und nichts mehr erstrebend —--sie
vegetierten nur . .
Wie anders ich, dachte er. Sein geordnetes, schönes Heim, stieg vor ihm auf, das Bild der reizvollen yrau, die ihm Freundin, Geliebte und Kamerad war ... die nie versagte, immer mitging, die tapfer unb entschlossen in jeber Lage mit ihm burch- gehalten hatte, und ber er seine erste Ehe geopfert hatte — was von seiner Seite kein Opfer gewesen war . . . Aber wohl für anbere--.
Wie sollte er ihr mitteilen, baß bieses unsagbare Glück ein jähes Enbe haben konnte . . . heut ober morgen vielleicht ... im besten Falle in ein paar Jahren . . .?
Vielleicht konnte man es „strecken", wenn er feinen aufreibenben, nervösen Beruf als Dirigent dieses großen Orchesters aufgab, sich zurückzog, um feine Kompositionen zu vollenden ... in der Stille, abgesondert von ber Welt. . .
s2lber wie würbe sie bieses veränderte Leben ertragen? Vom Schauplatz abzutreten, sich von seinem Orchester, bas er seit fast zehn Jahren leitete, mit bem er täglich arbeitete und reifte, unb bas so auf ihn eingearbeitet war, freiwillig zu trennen? ... (Er schauberte . . . Die Stille, bie ihn bann umgab -Er fühlte sie schon um sich wehen, eisig kalt, wie bie Novemberlust unb friste wie bie fterbenbe ^atur ba braußen im Park . . . Nein ... In ben sielen will ich sterben. Lieber im Sturm untergehen, als im Hafen verfaulen . . . ich werbe Me- lltta nichts bavon sagen. Heute noch nicht...
(Fortsetzung folgt.)


