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Nr. 147 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 27. 3uni 1927

Englands Aussichten in Zndien.

Bon unserem Dr X TL -C onberb«ri<6ierft alter. (7lo4>t>rud. auch mit Quellenangabe, verboten!

Dehli. 3uni 1927.

Der heute durch Indien reift, muh (ich über den Optimismus der Briten wundern. 6if bauen neue Städte. gewaltige Hafenanlager Äcnüle. Stauwerke. ungeheure Talsperren und projeil irren grobe Bahnanlagen nicht ander», al» sollte ihre Herrschaft über Indien noch jahrhundene- lang dauern.

2m deutlichsten wird dieser Optimismus in der Cbenc von Dehli. wo sich, eine Wegstunde südwestlich der heutigen Stadt. Imperial D e h l i aus dem ennnerung»t>dal)encn Boden er­hebt. Denn hier soll die künftige Hauptstadt de» Kaiserreiche» Indien ftehen. bie zu gleicher Zeit wie das eben eingeweihte Lanberrain Austra­lien zu bauen begonnen wurde. Länderra ist fertig, Imperial Dehli wird noch manche» Iahr in Anspruch nehmen.

Auch der jetzige Vizekönig. der fromme Lord Irwin, kann den Königspalast nicht mehr be­ziehen. der aus der höchsten Stelle der proief- tierten Stadt über gewaltige Terra Hen und künstlichen Wasserflächen emporwächst. Die vvll^ kommen un(cntimenlale An de» Engländers wird deutlich Au» der Zjauptfasfade de« Aönig»- palaste» sieht man eine kilomNerlange Pracht- ftrohe. die geradezu aus Indarpai läuft. Was ist Indarpai? Indarpat war auch eine Stoma»- bürg fremder Eroberer. die Indien untenochi barpat ift eine Ruine. Die Herr.

Gewölbe sind zusammengebrochen und die etnft prachtvollen Kuppeln nicht» al» ein wüster Stein­haufen. Der künftige Vizekönig von Indien wird diese» weltpolitischememento mon ft et» vor Augen haben, wenn er au» den Fenstern seiner Säle Über die Ebene blickt.

Aber die Engländer sind nicht sentimental vor allein nicht pessimistisch Richt al» ob sie sich Illusionen machten. Gerade da» ist ein politischer Dorzug der Briten, sich unangenehme Dinge nicht zu verheimlichen. Desto größer ift die Kraft und Da» Selbstvertrauen, auch die größten Schwierigkeiten zu besiegen. Grohbri- lannien vertraut auf feine Kraft, auf seine Geschicklichkeit und auf sein Glück. Die Kraft ist mi l i t ä r i s ch Freilich ftefn da» britische Bejahung»beer mit seinen rund 60 000 euro­päischen Soldaten in keinem Verhältnis zu der BolkSzahl der beherrschten Gebiete, die 320 Mil­lionen beträgt. Selbst die 400 000 eingeborenen Soldaten waren für diese Dölkerfülle zu wenig, käme e» nur auf die Zahl an. Aber die Be­waffn u n g de» Heere» ist so au-gezeichnet. die Verteilung so geschickt die Transportmittel so modern, daß nach menschlichem Ermessen ein plötzlicher Aufstand die Engländer nicht au» dem Lande werfen könnte. Ob England imstande wäre, eine lange, unsichtbare und zähe AufstandS- bewegung. wie e» der Freiheitskainpf Irland» war. auszuhalten, ist eine andere Sache. Aber e» ist auch ein andere» Volk, der Inder ist kein Ire. w __

Die in den Reden der indischen Rationalisten immer wiederkehrende Behauptung. Indien fei fähig zur Selbstregierung, denn e» habe sich in früheren Jahrhunderten selbst regiert, ist falsch. Indien bat sich nie selbst regiert. Da» Volk ist jahrtausendelang von fremden Eroberer- schichten (bie zahlenmäßig übrigen» Immer eine Minderheit barftcllten) unterjocht und ausgebeutet worben. Stein anbere» Voll der Welt durfte so leicht zu beherrschen sein, wie da» indische. Da» dividc ct impera ist hier nicht einmal nötig, denn fein Eroberer braucht Uneinigkeit zu säen, die ist leit Jahrtausenden vorhanden Indien ist keine Ration. Erst die europäische Fremdherrschaft machte au» der ganzen vorder- indischen Halbinsel so etwas wie eme politische Einheit, nicht zum mindesten durch die Aus- zwingung der englischen Sprache Wenn gebildete Inder au» Madras mit anderen au» bem Pandschab zusammenkommen. so muffen sie sich, wenn es sich nicht zufällig um Sprachgelehrte bandelt englisch verständigen. Die Rattona- Iistenlongrelle find vraktifch nur möglich kmrch die allgemeine Kenntnis der englischen Sprache Schlimmer aber al» die sprachliche Verwirrung ist die religiöse. Der Gegensatz zwilchen Islam und Hinduismus ist nicht konfefftoneller Streit, sondern tödlicher Haß zweier wesens- fremder Religionen. Die Mohammedaner sind in der Minderheit, sie stellen etwa 1 der indischen Gesamtbevölkerung, während die Hindu» mehr al» . ausmachen Aber diese Minderheit ist politisch stärker, vielleicht nur deshalb, wen sie phh lisch stärker ist. und ba» ift wieder eine Folge der gesünderen Lebenshaltung. Der Islam zwingt seine Anhänger nicht. Itegetaricr Alt sein und vor allem, die Mohammedaner kennen

die volksbiologisch so verhängnisvolle Kinder­heirat nich.

Die Mohammedaner sind nicht b.e einzige relig.öse Minderhen. Da sind noch bie 3 a t n a ».x die reichen Parsen, die Ehriften. bie Buddhisten ulw Ader auch die Religion be» Hindu emu» schuf sich kerne Einheit. Es gibt 3000 Kasten und b>e unteren Kasten werden von den oberen sicherlich schlechter be­handelt al» die SNavenbevölkerung der antiken Großstädte von den Freien. Erft Gandhi bat ja den Kampf gegen die Unberührt arte t der unteren Kasten ausgenommen und durchaus nicht mit vollem Erfolge Auch abgesehen von den SU ft en. der Hinduismus bat noch andere Rille auflutoci 1cn; e» sei nur aus den Gegensatz znst- schen Wllchnu-Verehrern und Schiva-Anbangem bingew efen Wer kann e» England verdenk erz. diele Gegensätze für seine polit.'che Herrf-vaft auogenuyt zu haben. Und wenn auch die kultu­relle Entwicklung be» Indertum» durch k e west- hdxn E nslüsse rapide und unheimliche Fon- Icheine macht, fo dürfte c.ne allgemeine R.vel- licrung der religiösen, sprachlichen und Kasten- unterfchiede in den nächsten Jahrzehnten nicht vollendet fein.

Die britische Herrschaft ist elastisch. Da» Wort. England verbuche, Indien zu einem Do­minion zu entwickeln, muh durchaus ernst ge­nommen werden. Abgesehen von den dinge- borenen-Staaten, deren Verwaltung zu einem großen Teile den e.nheimckchcn Fürsten über­lallen ift. sind lehr umlallende Gebiete be» öslentlichen Leben» Gegenstand der Selbstver­waltung. England ist >.i er Kl den Mangel an eigenem Menschenmateral ge­zwungen. Abgesehen von den Soldaten, leben knapp 100 000 Engländer in Indien, davon natür­lich nur ein Bruchteil in der Verwaltung. Diele Zahl ist viel zu gering, um den Verwalt unas- apparat eine» 320-Mlllionen-Volke» au»iuhil!cn_ Schließlich bat England in seiner indischen Politik viel Glück gehabt. Gar ost arbeitete bie Zeit für England. Der Gandhisrnu» er­ledigte sich selbst, und al» der Rachsolger Gandhi», der betagte Da», der England hätte gcsährlich werden können, zu Macht und Ein­fluß kam. starb er. Und in dem kommenden Jahr fiel die nationalistische Bewegung in Indien aus Mangel an Führertum auSc.nanber. Kaum war das geschehen, so flammten die alten Religionskämpfe zwifchen Hindus und Mohammedanern wieder aus. Der japanische Einfluß, der einen Moment nach dem Kriege recht gefährlich ausiah. nahm in bem Maße ab. al» die politische und wirtschaftliche Stoßkraft Japan» durch die großen Katastrophen gelähmt wurde, welche im Erdbeben und in der Wirtschaftskrise Japan Heimsachten.

Der Optimismus England» ift allo nicht unberechtigt. Doch gibt es dunkle Striche im politischen Bilde Indien». Die Zukunft ift nicht ohne Gefahren. Die Gefahren liegen eben in der schnellen zivilisatorischen Ent­wicklung Indiens. Durch den Sinsluß der Schulen uni» Universitäten nimmt die Bildung rasch zu. Es ersteht eine sehr breite Schicht, welche die Engländer cducated people nennen. Die Bildung dieser Leute ist im Gegen­satz zu bem feinen, freilich seltenen Gelehrten- tnp. ben Indien feit Jahrhunderten hervorbringt, eine schreckliche Halb bilbung. Desto größer die Gesal)r. von ben ersten besten Phrasen bolsche­wistischer Agitatoren verführt zu werden. Eng­land übertreibt da» bolschewistische Gespenst zwar auch in Indien. Aber e» bleibt angesichts bet großen Prvletariermassen in den modernen In­dustriestädten Indiens eine unheimliche Dro­hung.

Diese Industrialisierung ist über­haupt der gesährlichste Punkt für England Die britische Wirtschaft befindet sich in einem heiklen Dilemma. Einerseits ift die britische Industrie durchaus uninteressiert an der wachsenden Kaufkraft der volksreichsten Kolonie, die da» britische Imperium umfaßt. Andererseits aber entsteht diese Kaufkraft nur durch das Er­starken einer eigenen Industrie die wiederum der englischen erhebliche Konkurrenz macht. Was aber fall geschehen, wenn Indien eine» Tages reicher ist al» das Mutterland?

Es sei in diesem Zusammenhänge zum Schluß noch auf ba» Goldgeheimnt» In­nen» hingewiesen. Wer Indiens heutige» Wirt- d)afKleben studiert, muß immer wieder feft- fteilen, wie unendlich arm da» Land ift. Diese Armut beruht nicht auf Uebervölferung. sondern auf einem durchaus unrationellen Wiri­sch a s t»s v st em Trotzdem ruht in Indien ein nicht verwirklichter Reichtum, der in seinem bloßen Vorhandensein eine unheimliche Gesahr für ben westlichen Kapitalismus darstellt. In In­dien verschwindet Jahr für Jahr ein nicht unerbvbliixT Teil der Goldproduktion der Welt, ohne daß er in den natürlichen Kanälen des

Wirt schalt siebens den Umlaut al» .Rap.1 al oder Geld beginnen würde. D.e'es Gold, das eine Form brr aktiven Handelsbilanz Indiens .ft. txntb anfchc nend thesauriert unb man hört daß bie re chen Kau'manntzsamll.en es in Barren

auf den Markt geworfen, so könnte e» eine ernst-

Iiche Erschütterung der Golddafls aller Valuten, geben eine solche e\- -br ift nicht aktuell, denn d.e gan,K Wirllchaftsauf- fallung des Inders sprich: geaen e.ne solche Maßnahme Jmmerhi e.ne so furchtbare Waffe in dc Händen des Landes zu tr.Men. ift für den 'Beherr'cher beunruhigend

Jur Sonnenfinsternis am 29. Juni.

Von Professor Dr. Äüftermann.

ms Seit ich einmal gelesen habe daß vor mehr al» dr. »hundert Jahren bie beiden axnc« fischen Hvfaftronomen Hi unb Ho btngenp;et würben, weil f,e es vettäumt bauen, e.ne k nenhnftemt» rvchi zeitig anzukündigr! befällt mich immer eine oteiche Angst daß nitr einmal in meiner Eigenschaft a.» Hausaftronon vcr- schiedrtier k-eutscher Zeitungen eine ähnliche Un» lerlallungssünde unterlaufen, unb daß m.ch dann ein eben o grausame» Geschick trc Lm kön.itr tt*;e jene unglücklichen Amt»,tenossen. de von Hau» au» schon einsilbig in so schwber l&cife ganz stumm gemacht wurden. Ee sei also gewissen­haft gemeldet daß wir am > Jun-, c.ne Son­nenfinsternis haben deren Lichtbarkeitsdedingun- arn für un* verhältnismäßig günstig liegen. Allerdings ist der scheinbare Durchmesser de» Monde» nur lehr wenig größer al» der der Sonne, nämlich nicht einmal ganz 5 Bogen- sckundcn. da* ist noch niht einmal der drei- hundertste Teil der Scheibe. Dement prechend ift der Streifen der von der vollständigen Vei- finfterung bedeckt wird, nur fehr schmal Er zieht sich von Rordcngland durch die Rordsee nach Rvrwegen und überquert Olortnegen der ganzen Länge nach von Lübweften nach Otorboftcn. Er

Finstern » ergebend« x .eiten sind In der Karte in nv.ttcku- ... scher x',cit ange,teben Sie lallen bie gro^e Ge'chw.ndigle.t erte >.en mit ter i#r Blend'chatteüber bte ckrde eilt. D-. f«r\i (gen Ort*5fi:en hegen natürlich im Westen fru->r. tm Oste» später So ertldrt es sich, baß Me .Sinfiemi» trr. ihrer tu m ? uer in W en bei Sonnenau'ga.g «ginnt und im Offen I Scnnenunterganc. ciBigt Im trestlicheri Teil de» lappen16rmiger. Ge: <t* .Sonn ge : vxiVxv.cvt auf ist der erste fetl der Finsternis fonalagen schon bet. nenn b.e Sonne wirtlich s»chr^»ar wird, so daß der Ctre.'en vollstänl i,..r Ikn» sinsterung erst in der Mitte h<e4e* Gebiet» be­ginnt Enllpteavnd enl'.^t b.efcr Streifen in der Mitte des Gebiet» .Sonne geht vertinstert un.

Wer den Mond janal» beobachtet hat. w ist. daß - tch cnlgtgcn der täglichen Drehung de» Sternlimmcls r.e.ch l.nU i>erlchiebt. In eben dieser Weife verschiebt sich der für un» unsicht­bare Reumond an der Sonne vorbei C?» ist also Har. daß der rechte, d h der westliche Teil der Sonne zuerst, und der linke, östliche, zuletzt verfinstert wird. Mit dieser Bewegung be» Monde» hängt es auch zusammen, daß die

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setzt sich weiter durch das nördliche Eismeer und den nordöstlichsten Teil Sibirien» fort. Seine Breite beträgt ungefähr 100 Kilometer i he Dauer der vollständigen Verfinsterung erreicht an keinem Ort auch nur eine Minute. Die Höchstdauer von etwa 50 Sekunden erreicht sie dort, wo sie um die Mittagszeit einlrttt. im nördlichen Eismeer, nördlich vom mittleren Sibirien.

In Deutschland tritt also nur eine Teilver- finfterung ein. Sie ist natürlich für die (Pegenbcn am größten, die bem Strecken der vollständigen Versinstcrung am nächsten liegen, also für bie nordwestlichen Teile unsere» Vaterlandes. In den Gegend von Aachen bedeckt der Mond im Augenblick der größten Verfinsterung etwa l0 des Sonnendurchmesfers, in ber nördlichsten Ecke des uns noch gebliebenen Teils von Schleswig noch etwa» mehr, während sich Berlin mit 86 vom Hundert. Breslau mit 83 vorn Hundert. München mit 82 vom Hundert und Wien mit 78 vom Hundert begnügen müssen

Entgegen ber von Olten nach Westen gerich­teten täglichen Drehung des Sternhimmels be­wegt sich ber Mond von Westen nach Osten Im gleichen Sinn wandert der Mondschatten, wie dies in unserer Karte durch ben Pfeil an- gebeutet ist. über die Erde. Erreicht ber östliche Ranb bc» Mondschattens einen bestimmten ®rb- ort. so bedeutet ba» für ben Ort ben Beginn ber .Finsternis, ihr Ende erreicht sie. wenn ber westliche Rand be» Mondfchartens ben Ort durch­streicht Die sich so für Beginn und Ende der

Finsternis zuerst für westliche Gebenden unb bann für östliche sichtbar wirt». Für fre west­lichen Telle Deutschland» fällt die größte Ver­finsterung schon halb nach 6 Uhr, für die öst­lichen etwa» später. Ihre Grenze erreicht die verfinfteruna dadurch daß im Westen ein Teil der Sonnenfinsternis vor Sonnenaufgang fällt, so daß die Öonne also bereit» verfinstert auf- qebi. unb andererseits, daß sie im Osten, b. h. jenseits von Oftaficn. von ber dort natürlich viel früher einkbenben Rächt erreidxt toirb. Mit ungeheurer Geschwindigkeit eilt der Mondschatten über diese» große Geb et. Die vollständige Ver­finsterung spielt sich in wenig mehr al» zwei Stunden ab. Die erste Berührung be» Monde» mit der Sonne findet etwa eine Stunde vor bie letzte eine Stunde nach dem Höchstwert der Sinftemi» statt, so daß der ganze Vorgang schon halb nach 5 11 br beginnt.

Was die Beobachtung der Finsternis an­belangt. so sei vor allen Dingen dringend davor gewarnt, mit bloßem Auge in die Sonne zu schauen Man bart sich keinesfalls daraus ver­lassen. daß die natürliche Blenknmg be» Auge», die un» ein unmittelbare» Hi neinschauen in die Sonne unmöglich macht, schon einen Schutz gegen schädliche Folgen gewähre Man halte auch Kinder von Cdxabigungcn ihrer Augen ab. was am besten dadurch geschieht, daß man ihnen bessere Beobachtungsmöglichketten gibt, bie» empfiehlt sich auch au» dem Grunde, weil man dann nicht nur ungefährdeter beobachtet sondern

Tonika-vo-tturfe in Zranksurt.

Von Lehrer Gg Köppler. Sichenrob.

Als einem der wenigen hessischen Lehrer, bie sich im Gesangsunterriart auf die Tonika-Do- Lehre umgeftcllt haben, fei mir gestattet, auf eine günstige Ausbilbung-rnöglichkeit in dieser Methode hinzuweisen. die in ben Tagen vorn 1. bi» 7. Juli in Frankfurt a. M. geboten wird. Die neue Methode gewinnt in den letzten Jahren immer rascher an Boden. Auf der Reichsschul« inusikwoche waren ihr ein Vortrag <von dem Vorsitzenbev bc» T -D -Bunde» Kantor Al­fred Stier Dresdens, über funktionelle» Hören unb praktische Vorführungen mit Kindern einer kleinen einklassigen Schule aus dem Vogelsberg gewidmet. Der Grund, weshalb sich immer wei­tere Kreise der Schulmufiker auf Tonika-Do um­stellen, liegt in der glücklichen Vereinigung ber beiben Hauptforberungen ber modernen Päda­gogen. daß alle Unterweisung im Sinne be» ArbcitsunterrichteS und dem Kinde gemäß ge­geben werde Die große Zahl bet Uebungs- mittel. deren sich die Tonika-Do - Lehre bedient, und zwar schon feit langem vor der Zeit, in der sich die enuaonten pädagogischen Forderungen zur Klarheit kristallisiert hatten, setzen den Leh­rer in den Stand, sich von der alten Drill- methode abzulösen, die sich am hartnäckigsten in der Gesangsstunde festgesetzt hat. Jeder Leh- ter hat ja auf eigene Zaust mit mehr oder weniger Glück schon versucht, mit feiner pri­vaten pädagogischen Geschicklichkeit ba» Dorn­röschen Gefangstunde zu befreien. Meistens schei- lern solche Versuche an der Andersartigkeit des

Stosses, die Musik ift etwas ausgesprochen Ir­rationale». Der Tonika-Do - Methode gebührt da» Verdienst, dieses Jrrattonale auf dem Weg über das Gleichnis. Symbol, dem Unterrichte erschlossen zu haben.

Die Handzeichen für die sieben Sticken der Dur-Tonleiter bringen lebendige Anschaulichkeit, in wortwahret Ausdeutung in den Gefang- unterrid)t. Sie werden mit den alten Solrni- sationssilden bc» Guibo von Arazzo beleat wobei das m unter Vermeidung be» schon vorhandenen Anlaute» s in ti abgeändert wird. In Ber- binbung mit ben X-D. Silbentafeln, bie bie akustischen Skrbältnifie bet Töne in genauem, bem physikalischen Lchwingungsoerhaltni5 entsprechen- ben Raumabstanb roicbergeben. unb mit ber Ein­führung von Farben als Ausbeutung bes (Brunb- ctzarakters der Töne verstärken sich biefe brei An­schauungsmittel zu einer klaren Tonvorstellung, bie darum vom Willen völlig beherrscht ist unb ber oer- Heihungsoolle Ausgangspunkt eines reinen Ge­sanges ckt.

Dem Tonika-Do-schulet wirb es bei richtiger Anwcnbung ber Lehre nie Schwierigkeiten bereiten, beliebige tön« zu treffen, zu welcherftunft* anbere Systeme musikalischer Bilbung-oetnnttlung «ine Unummc von Zeit oeraeuben mit Intervall­treffübungen. Die Intervallformen werden eben nicht gehört als einfache physikalisch ma:bemanjche Tonobstönde. zu benen bie schöpferische Seele na- tätlich kein Verhältnis zu gewinnen vermag, son­dern sie sind eine spielerisch leichte Gruppierung von Klangfarben, bie man beliebig zusammenstellen kann: denn der inbioibueUe Tharakter jebes Tones innerhalb ber Tonleiter ist im Kinde stets lebendig. Zu erwähnen ift ferner ber eigenartige, klug aus-

gebuchte Weg, ben Schüler im Takte sattelfest zu machen. Gerabe hier oerfogt oft ber gehör musi­kalischste Schäler. Die Mängel der üblichen Roten- schrist. bie gerabe in bezug auf bie Klarheit bes '.Rhnibmus für ben Vernenben groß finb, werben in der T.-D. Lehre vorerst oermicben burch bie Auf­zeichnung jeder Melodie in T.-D^Silbenichrift ohne Roieickystem m ber gerabe bas Taktmaß auch in ben schwiengiten Formen absolut klar zu erkennen . Die Zeitteile des Taktes sind in genau ent­sprechenden Raumteilen ber Schrift miebergegeben. Taktierübungen für bie ganzen Takte. Handzeichen für bie einzelnen Takttclle tragen bazu bei, baß auch ber rhythmische Teil ber musikalischen Erziehung erfolgreich wirb Als Vorzug gerabe in ber Er arbeitung bes Rhythmus soll heroorgehoben wer­ben. baß bie T.-D. Lehre nach bem Grunbsotze ber IfoUeranq ber Schwierigkeiten oorgeht

Es blieb« noch zu erwähnen, baß die Methode streng ben Ke banken ablehnt, als sei bo- absolute fikbor als eine Bollenbung ber Musikalität des Menschen anzuseden. Diesem vermeintlichen Ziele irgendwelche mechobische liebungen einzuräumen, führt oom eigentlich Musikalischen hinweg. Der Ton an sich steht abseits des seelischen (Erlebens. Er wirb erst durch seine Beziehungen zu andern lange- schwistem zu einem Tröger eigentlich musikalischer Vorgänge. Auf dieser Erkenntnis fußt bie Lehre. Sie will den Menschen befähigen, rurrftioned zu hören, ier* - ----

Die Russen auf der Frankfurter

Mustkausstellung.

Am Sonntag wurde in der Internationalen Musllausstcüung Mc 2fc»frefhmg»gmppe bet nrf-

fischen Sowjetunion, die Volk*Iommiffar Resin, zufammengc-stellt hat, für da» Publikum eröffnet, als erste Ausftettung rullischer Volksmusik in Deutschland. Damit ist die Internationale Musik- ausstcllung um eine der in t eres kantest cm Mteilun- gen bereichert. Di« Sowjet-Union, die ja eine große Anzahl von Nationalitäten umsaßt, von Denen jede ihre eigenen Lieder und ihre eigenen Instrumente hat. hat vor allem Wert aus bie Ver­tretung de» musikalischen Leben» und der musika­lischen Arbeit dieser Völkerschaften gelegt. Wir sehen au» der großrussischen und weihrullischen Republik primitive Hirtenflöten au» B.rkenr,nd«. einfache Geigen, einen Dudelsack, eine Art Debet»- trommel, zitherähnlichc Instrumente verschie­dener Art unb schließlich alle Instrumente eine» DalalaiKwrchesters Turkestan, ber Kaukasu» unb bie Kirgisen bringen seltkame Instrumente, alle» mit bem entsprechenben Bildermaterial. da» bte Benutzung bi es er Instrumente zeigt. Außer bem Bestreben, bie Volksmusik zu pflegen, zeigt sich in ber Union ba» Bemühen, die Werte ber großen Meister in die Mass« des Volke» zu trogen. Zahl­reiche Tabellen. Plakat« und Programm» lassen erkennen, toi« durch Veranstaltung von Beethoven- tovchen und regelmäßige Musikfeste nicht nur in den Kulturzentren des Landes, sondern auch in kleineren Orten versucht wird, bte Werke der Gro­ßen den Massen nahezubringen Ein interessante» Beispiel für die kulturelle Arbeit stelll die Ori­ginal-Partitur der ersten tatcrn'chen Oper,Sonja" dar. &o gestattete diele Ausstellungsgruppe einen guten Einblick in das Musikleben Rußland».