Einzelbild herunterladen

Gießener Anzeiger (Eeneral-Anzeiger für Gdechessen)

gewähren, weil es aus seiner eigenen Produktion Ersparnisse erzielen konnte. Wenn die Pro­duktionskraft der Vereinigten Staaten nun weiter­hin in dem bisherigen Umfang wächst, so muh auch damit naturgemäss die Schwierigkeit stei- rx.n Erträge dieser Produktion am einheimi- ichrrr Markt unterzubringen. Die Gewährung von Auslandanleihen hietet eine Möglichkeit, die Gefahren dieser Situation zu umgehen. Die Ver­einigten Staaten sind bisher aber in einer we­sentlich ungünstigeren Lage als z. V. Groh- Britannien. Auch England war feit vielen Ge- nerationnen der Gläubiger der Welt, und ft ine Auslandinvestierungen sind auch heute nod) be­deutender als diejenigen der Vereinigten Staaten. Aber Groß-Britannien hat die Zins- und Amor­tisationszahlungen der ausländischen Schuldner meist in Produkten seiner Gläubiger entgegengenommen, und seine Handelsbilanz zeigt einen bedeutenden Einfuhrüberschuß. Die Han­delsbilanz der Vereinigten Staaten dagegen ist stark aktiv. Auch die Vereinigten Staaten kön­nen letzten Endes die Zinsen für Ausland­anleihen nur in Gestalt von Waren ent­gegennehmen, jedoch hat die Union nicht das Bestreben an den Tag gelegt, diese Warencin- fuhr zu erleichtern. Im Gegenteil, die Zollpolitik der Union weist eine star^ protek- t i o n i st i s ch e Tendenz aus, und die Abi tack ist deutlich erkennbar, die Waren der Länder, in denen Amerika Kapitalinvestierungen vorgenom- nren hat. von seinen Grenzen fernzuhalten. Eine Zeitlang kann die Union die Schwierig­keiten dieser Sage dadurch vermeiden, daß sie die Zinsen von neuem im AuLlande investiert. Wenn aber Amerika seine Wirtschafts- und Han­delspolitik nicht ändert und den Erzeugnissen seiner Schuldnerländer nicht Eingang in seine Wirtschaft gestattet, so scheint mir einmal der Zeitpunkt kommen zu rn-ssen, in dem es zwangs­läufig aufhören muh, zu freigebig ins Aus­land zu leihen.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, entweder ändert die Union ihre Zollpolitik und gestattet ihren Schuldnern einen erhöhten Waren­absatz, oder sie führt Rohprodukte tro­pischer Länder in einem so großen Aus­maße ein, daß sie die Zinsen für ihre Ausland­investierungen mittels der Guthaben ihrer euro­päischen Schuldner bei ihren Lieferanten, also auf dem Wege des sogenannten dreiseitigen Handelsverkehrs, in Empfang nehmen kann. Die­

ser Weg ist an sich durchaus gangbar, denn- Amerika hat einen ganz enormen Verbrauch von tropischen Rohprodukten. Man denle nur an seinen ungeheuren Bedarf an Rohgummi. Leider must festgestellt werden, daß trotz des fteigcnbev Auiomobilabsatzes beinahe der Sättigungspunkt in der Aufnahme von Roh­gummi erreicht worden ist.

Eins läßt sich jedenfalls sagen: Wenn Ame­rika in den nächsten sechs Jahren im gleichen Ausmaße wie in den Doraufgegangenen sechs Iahren Anleihen zu gewähren fortfährt, so muh es sich, soweit man Die Sachlage bisher über­sehen lann, entweder dazu cnlschtießen, seine Zollpolitik zu ändern, oder aber aus die Zins­zahlungen für feine Auslandinvestierungen zu verzichten.

Es ist jedoch raum wahrscheinlich, daß in nächster Zeit die Rachfrage nach Auslanddar­lehen bei den anderen Ländern in gleich großem Umfange bestehen bleiben wird, wie dies in jüngster Zeit der Fall gewesen ist. Besonders Europa dürfte kaum weiterhin einen so großen Geldbedarf haben, wie es für die Wiederaufbau­zwecke nach dem Kriege der Fall war. Mit fortschreitender Konsolidierung der europäischen Wirtschaft werden die Länder dec alten Wett in immer größerem Maße in die Sage versetzt werden, ihren künftigen Geldbedarf aus eige° nen Er s p a rn issen zu finanzieren.

Es wäre unklug, jetzt schon über die Aus­wirkungen der riesigen Auslandinvestierungen Amerikas au» Welthandel und Weltwirtschaft endgültige Schlüsse zu ziehen: handelt es sich doch dabei um bisher unbekannte Vorgänge auf wirtschaftlichem Gebiet. Eins ist jedenfalls sicher: wünscht Amerika den Wert feiner Ausland­investierungen zu erhalten, so mutz es Welthandel und Weltwirtschaft zu größerer Cntsal- t un g bringen. Die Sicherheit der amerilani- schen Anleihen an Europa hängt letzten Endes davon ab, in welchem Umfange es den europäi­schen Ländern möglich ist, Exportüber­schüsse zu erzielen, die es ihnen gestatten, ihre Auslandschulden aus den Ergebnissen ihrer aktiven Handelsbilanz zu tilgen. Rur wenn sie hierzu in der Lage sind, können Schwankungen in den Valuten vermieden werden, . die andernfalls nicht nur dem Zinsendienst son­dern auch der Rückzahlung der Grundkavitalien an Amerika äußerst gefährlich werden können.

Gefahren des

Bon Geh. Medizinalrat Professor Dr. Kruse, versität Immer wieder kann man in den Zeitungen Meldungen über irgendwo ausgebrochene klei­nere oder größere Thphusepidemien lesen. Die schwere Typhusepidemie, die im Spätsommer v. I. Hannover heimsuchte, & ja noch in aller Erinne­rung. Mancher wird sich vielleicht auch noch an die viel schwerere Choleraepidemie von 1892 in Hamburg erinnern. Die beiden letztgenannten Epidemien haben das gemeinsam, daß von vorn­herein ihrer ganzen Verbreitung nach kein Zwei­fel über ihre Entstehungsursache bestehen konnte. Sie sind durch Verseuchung der Wasserleitung mit Krankheitserregern, d. h. Typhus- oder Cho­lerabazillen, hervorgerufen worden. Gar manchen packt da wohl die Furcht, solchen gefährllchen Ba­zillen könnten auch in seinem täglichen Glas Wasser vorhanden sein, und mancher glaubt gar, deswegen auf den Wassergenuß verzichten zu wol­len. Richts wäre verkehrter als das, denn nach wie vor bleibt das Wasser nach dem alten griechi­schen Worte das beste der Getränke. Außerdem sollte für ängstliche Gemüter die ileberlegung be­ruhigend fein, daß es sich bei den Wasserepi­demien nicht etwa um Dinge handelt, die wie

Trinkwassers.

Direktor des hygienischen Instituts der ilni- Leipzig.

Erdbeben, Wirbelstürme, äleberschwemmungen usw. unvorhergesehen kommen und größtenteils unvermeidlich sind, sondern daß sie nach unseren heutigen Kenntnissen ziemlich sicher venneidbar und darum auch immer seltener und seltener geworden sind. Dieser Sah gilt nicht bloß für die Wasserepidcmien, sondern im hohen Grade auch für die sonstigen Ausbrüche des Typhus und der Cholera, mögen sie nun durch Mllch unb andere Nahrungsmittel oder, wie es am häufigsten ist, durch Berührung von Person zu Person erzeugt fein. Der beste Beweis für den Fortschritt der Wissenschaft auf diesem Gebiete ist die Tatsache, daß die Cholera seit 30 Iahren in Deutschland überhaupt nicht mehr um sich gegriffen hat und daß Typhus und Ruhr etwa 50 mal seltener ge­worden sind, als sie es früher waren. Roch vor kaum 50 Iahren stellte man sich in den weitesten Kreisen vor, die genannten drei Krankheiten wä­ren überhaupt nicht ansteckend von Person zu Person unb würben nicht durch Wasser oder Rah- rungsrnittel, sondern nur durch Die Luft oder, wie man das nannte, ein Miasma erzeugt unb ver­breitet. Die Folgerungen daraus liegen auf der

llrJ72 ZWeitesBiatt

Die amerikanische AnIeihepolM und ihre folgen.

Don The Rt. Hon. Philip Snowden, ehern, großbritannischem Schahkanzler, Mitglied des Hinterhauses.

Eine der wichtigsten Veränderungen im in­ternationalen Wirtschaftsleben des letzten Jahr­zehnts war die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten vom S dxi Ibner Europas ,5 um Weltgläubiger wurden. Es war sicherlich ein Glück für Europa, daß die Vermehrung des Slattonalreichtums der Vereinigten Staaten in einem so schnellen Tempo und in so ungeheurem Ausmaße erfolgte, daß die Aufnahmefähigkeit des einheimischen Marktes nicht zu folgen ver­mochte. Wäre Amerika^ nicht in der Sage ge­wesen, in einem so erheblichen Ausmaße dem verarmten Europa Darlehen zu gewähren, so wäre damit der Wiederaufbau der alten Welt sicherlich stark verzögert, wenn nicht unmöglich gemacht worden.

Wenn man auch durchaus zugeben muß, dah die Anleihebereitschast Amerikas für Europa ein Segen gewesen ist, s besteht dennoch ein ge­wisses Mißverhältnis zwischen der frei- willig bargebotenen reichlichen Finanzhilfe unb der starken politischen Zurückhaltung Amerikas bei der so schwierigen Aufgabe der politischen Befriedung Europas.

Dor dem Kriege hatten Auslandanleihen nur eine geringe Anziehungskraft in der Union. Die Tatsache, daß Amerika so bedeutende Sum­men seit Beendigung des Weltkrieges an Europa geliehen hat, beweist wohl zur Genüge, daß man in der Union ein großes Vertrauen in die Wirtschaftskraft der alten Welt setzt. Ausland­anleihen sind gewöhnlich nur durch das Ver­sprechen des borgenden Landes gesichert, daß es die gewährten Darlehen zurückzuzcchlen gewillt ist. Die Fälligkeit solcher Rückzahlungen tritt aber gewöhnlich erst ein bis zwei Generationen später ein. Der amerikanische Kapitalmarkt muh demnach der Ueberzeugung sein, daß, wenn die Zeit der Rückzahlung der an Europa gewährten Darlehen einmal gekommen ist, Europa ein solventer Schuldner sein wird, der in der Lage ist, nicht nur die Zinsen zu zahlen, sondern auch die Grundkapitalien pünktlich zurück­zuerstatten.

Die Gesamtsumme der in Reuyork im Iahre 1913 ausstehenden Auslandanleihen betrug etwa 2,6 Milliarden DEars, davon kamen auf die Anleihen Europas etwa ein Achtel dieser Summe. In den sechs Iahren, von 1921 bis 1926, be­trugen die ins Ausland fließenden Anleihen unter Ausschluß der in der Zwischenzeit erfolgten Rückzahlungen über 4,75 Milliarden Dollars. Hierzu muß man die Investierungen in privaten ausländischen Jndustrieunternehmungen rechnen, die etwa den 'Betrag von 6 Milliarden aus­machten, ebenso den Betrag Don 1,5 Milliarden für kurzfristige Kredite.

Wahrend des Weltkrieges stieg die Anzahl der an der Chicagoer Effektenbörse notierten ausländischen Anleihepapiere von 6 aus 128. An den AuSlandinvestierunger. nehmen alle Kreise des amerikanischen Volkes tejl. Eine vor kurzem über die Verteilung dieser Anleihen innerhalb der einzelnen Volksschichten vorge- nommenen Erhebung lieh erkennen, daß die Kleinkapitalisten in weitaus größtem Maße an diesen Anleihen beteiligt sind. Etwa 25 Prozent' aller in Amerika befindlichen Wert­papiere Dürften ausländische Werte darstellen. Diese Tatsache ist nicht nur für die künftige Hal­tung Ameriias in Fragen Der internationalen Politik von höchster Bedeutung, sondern auch für seine eigene Steuer-, Handels- unb Wirtschafts­politik.

Amerika konnte in so erheblichem Mähe in den letzten Jahren Darlehen an das Ausland

Hessen auf der frankfurter Mufikaussteüung.

Don Jos. M. H. Lossen-Frehtag.

Die mit einer erstaunlichen Fülle des Mate­rials beschickte Frankfurter AusstellungMusik im Leben der Völker" enthält in ihrem hessischen Anteil auch eine besondere, der Musikpflege am Darmstädter Hofe gewidmete Gruppe, deren Aus­führung bas Dortige Schloßmuseum übernommen, hat. Seiber zwangen Zeit und UmftänDe dazu, auf eine systematische und erschöpfende Darstellung des geschichtlichen Entwicklungsbildes zu verzich­ten: man mußte sich auf persönliche Erinnerun­gen und Gegenstände beschränken, soweit sie bei Der Kürze der gestellten Frist erreichbar gewesen. Die oft erhebliche Schwierigkeit der Beschaffung, die Lückenhaftigkeit unb Derstreutheit eines bis­her wenig gesammelten Materials macht, daß hier überhaupt zum erstenmal ein derartiger Versuch unternommen warb (anderes wiederum war nicht verfügbar, so das im Landesmuseums- besih befindliche Fiedler-BildKonzert im Freien").

Darüber hinaus aber ist bank der umsichtigen und verständnisvollen Leitung des Grasen Har­denberg (Direktors des Schloßmuseums) ein anregendes und reizvolles Bild zustande ge­kommen, dessen glückliche Anordnung noch be­sonders hervorgehoben werben barf. Harden­bergs mannigfach erprobte Art in solchen Dingen hat sich auch hier bewährt: ohne ihn wäre eine Darmstädter Beteiligung überhaupt unterblieben.

Die Ausstellungsreihe beginnt mit Landgraf Ern st Ludwig, denn damals, um die Wende des 17. Jahrhunderts, nach Jahren notvoller Brandschatzung und Kriegshärte, nahm mit der Wiederkehr ruhigerer Zeiten das Darmstädter Kunstleben einen bedeutsamen Aufschwung. Jung noch an Jahren war Ernst Ludwig (16781739) auf den hessischen Thron gelangt. Dieser kunst­sinnige und prachtliebenbe Fürst warb Der eigent­liche Schöpfer unb Degrünber jener höfischen Kunsttradition der Hessenstadt, wie sie, unter allen Regenten fortgepflegt, sich einen europäischen Ruf erwarb und nach ihrer, durch Ludwig I. er­folgten Umftetlung auf moderne Grundlagen, unter Dem letzten Herrscher, Großherzog E r n st Ludwig, ihre höchste Blüte und reichste Ent­faltung gefunden hat.

Diese Drei Fürsten bezeichnen Die Haupt­etappen einer aufsteigenden Entwicklung, Die durch Die mannigfaltige (Eigenart ihres Ausdrucks ge­mäß Der jeweiligen Steigung unD Persönlichkeit ehren befonDeren Reiz empfängt Musikalisch von

starker Begabung, gewandt im Lvutenspiel unb selbst schöpferisch sich betä'igenb, war Landgraf Emst Ludwig früh mit einer Reihe Der ange­sehensten Künstlern feiner Zeit in Verbindung getreten, bei Denen sein KunstverstänDnis im besten Rufe ftanD; unter ihnen treffen wir Hamen wie HänDel, Telemann unb Ma11hes 0 n, helfen berühmte SchriftDer vollkommene Kapell­meister" Dem ßanDgrafen getoiDmet ist. Von mannigfachen Reisen' so Hamburg unD Dresden, wo ihm die deutsche und Die welsche Oper in ihren Vorzügen wie auch Schwächen entgegentrat zurückgekehrt, begründete er in seiner Residenz die erste Deutsche Hofoper, ließ ihr Durch de la Söffe ein stattliches Haus erbauen, schuf eine Bühne großen Stils mit Dekorationen aus erster KünftlerhanD unD berief neben anderen aus­gezeichneten Kräften Christoph Graupner aus Hamburg als Hoskapellmeister, Der fortan bis zu seinem 1760 erfolgten ToDe in Darmstadt verblieb und als Schöpfer weltlicher und geistlicher Vokal- wie Instrumentalmusik ein unbestrittenes Ansehen genoß. Daneben wirkten E. Wolfg. B r i e g e l (16261712), Kapellmeister und hervorrageiÄer Kirchenkomponist, Gottfried G runetoalb (1739), Graupners Amtsgenosse und gleich ihm Lehrer von Joh. Friedrich Fasch, sowie Emst Ehr. Hesse (1762), bedeutender Gambist und späterer Kriegsrat. Waren es unter Emst Ludwig vor­züglich Oper und Kirchenmusik, denen Die beson- Derc Pflege galt, so trat unter seinem Rachfolger Ludwig VIII. (17391768) vor allem Kammer- unb Jagdmusik in den Vordergmnd. Als passio­nierter Jäger und ernster Musikfreund zugleich, verstand er es, aus dieser Doppelneigung heraus sich eine Hofmusik von durchaus selbständigem Gepräge heranzuziehen. Dabei schienen Wiener Anregungen auf die Kammermusikpflege dieses intimen Freundes einer Maria Theresia nicht ohne Einwirkung geblieben zu sein, wie anderer­seits die Aufnahme besonderer Jnstmmente na­mentlich englische Einflüsse wahrscheinlich macht.

So muß sich auf dem umwaldeten Kranich- steiner Schloß, Der Lieblingssitz Dieses Dem Wald so innig verwachsenen Fürsten, ein frisches reiz­volles Musikleben entfaltet haben, wo Statur unD Kunst, JagD unD Musik sich aufs engste miteinander durchdrangen, unb ein Konzert im Freien, nach beenbetem Weidwerk, des Landgrafen höchste Lust und Freude war. Diese eigene Kranichsteiner Hof­musik (die unter ihre trefflichen Mitglieder auch Joh. G. Portmann (t 1798) zählte, nachmals als Theoretiker von weitreichendem Ansehen) warb von Wilhelm Gottfried E n ö e r I e (t 1793), einem der ersten Geiger seiner Zeit, befehligt, während Graupner Der großen Hof- und Kirchen­musik in Der Residenz Vorstand, deren Leistungen

Der LanDgraf ebenso wie Oper und Schauspiel mit Interesse verfolgte.

Ihm folgte in Der Regierung SuDtoig IX. (1768 bis 1790), ein leidenschaftlicher SolDaten- Enthusiast und GrünDer Der vielbesprochenen Pirmasenser Militärkolonie: wiederum fand Die Musikpflege einen ausgeprägt persönlichen Aus- Druck, entsprungen aus lebensnaher Wirklichkeit, mochten auch schwärmenDe Schöngeister unD emp­findsame Aestheten weniger Begeisterung Dafür zeigen. Wer unleugbar war auch diesem Hefsen- fürften eine urwüchsige Musikalität zu eigen, Die zusammen mit Den Soldaten eine weit über Die Landesgrenzen hinaus berühmte Mllitär- und Kriegsmusik zu schassen wußte. Dabei muß Die Buntheit Der aus Den verschiedensten Stationen angeworbenen Mannschaften (großer Menagerie­kasten von Zweifüßlern" nennt sie ein Zeitgenosse mit Anspielung auf Das Völkergemisch aus Russen unD Türken, Zigeunern und Schweden, Franzosen unD Ungarn usw.) auf Besetzung wie Darbietung einigen Einfluß ausgeübt haben. Auch als Kom­ponist ist Ludwig IX. hervorgetreten: zahlreiche Märsche sind von ihm überliefert, aus denen eine melodisch frische Begabung spricht. Unb wie sich Hautboisten, Trompeter, Pauker unb Pfeifer sei­ner befonberen Gunst erfreuten, so genoß er selbst Den Ruf, des Deutschen Reiches bester Trommel­schläger zu sein: Derweil seine Gemahlin Karo- line, DieGroße Sandgräfin" mit Den namhaf­testen Künstlern unb Gelehrten einen ausgedehn­ten Verkehr unterhielt und Der höheren Kunst­musik ergeben war, ihren Kindern aber eine sorg­fältige Musikerziehung zuteil toerben ließ.

Schon als Erbprinz bekundete S u d w i g X. (1790 bis 1830) nachmals erster Großherzog ein außergewöhnliches Interesse an Der Musik und kaum erst mit Der gleichgesinnten Prinzessin Suife vermählt, warD Der erbprinz- llche Hof baID Der Mittelpunkt regsten musika­lischen Lebens. BeiDe trieb eine leidenschaftliche Kunstbe^eisterung zu gemeinsamer Ausübung, in Der sie einen Das Dilettantenhafte überragen- Den Grad Der Beherrschung erreichten. So spielte SuDtoig (von Löhrern, wie Baron Grimm, EnDerle, Sartorius unD Pvrtmann unterrichtet) Die Violine mit wahrer Virtuosität, DerftanD sich auf Klavier, Waldhorn, Flöte und andere 3nftrumente, dazu im Dirigieren unD theoretischen Kenntnissen bewandert, während Prinzessin Luise mit Der Vollendung einer Schauspielerin ersten Ranges, in Den Komödien, Opern und Operetten austrat, Die Die Hofgesell­schaft unter Leitung Des Erbprinzen aufzuführen pflegte. Goethe, wie Merck. Carl August unD andere waren Bewunderer dieses Kreises, hi Dem auch Das eben erst durch Rousseau­

Dienstag, 2l>.ZuIi 1927

Hand. Man fühlt sich so gut wie machtlos gegen­über diesen Seuchen, refp. dem Seuchengeist, Dein genius epidemicus, mit Dem inan sich ihr Kom­men und Gehen erklärte. Erst sehr allmählich und vielfach angefochten, bahntw sich richtige Vorstellungen ihren Weg Die ersten Beobach­tungen, Die für Die Möglichkeit von Trinktoasfer- epibemien von Typhus unb Cholera sprachen, wurden in Den 50er Jahren Des vorigen Jahr­hunderts gemacht. Es gab aber auch immer schon Aerzte, Die an Die Ansteckung glaubten unb Darum Isolierung Der Kranken u. Desinfektion ihrer Ab­gänge forderten: Eine maßgebende Wendung trat aber erst ein, als die krankheitserregenden Bazillen durch R. K o ch u. seine Schüler entdeckt wurden So fest stand aber noch Die alte Lehre, baß die reiche Stadt Hamburg bis 1892 durch eine Trinkwasser­leitung versorgt wurde, Die das offenbar jeder Verunreinigung ausgesetzte rohe Clbwasser der Stadt zuführte. Erst Die große Choleraepidemie, Die in Diesem Jahre über Hamburg kam, gab eine wirkliche eindringliche Lehre. Es tarnen un­ter ihrem Eindruck die Seuchengesetze für bas deutsche Reich und alle Deutschen Länder zustande. Durch |ic wurden Die heute geltenden, Den frü­heren gerade entgegengesetzten Anschauungen für Die hygienische Praxis zur Richtschnur erhoben Das bedeutete zunächst für Die Wasserversorgung folgendes: Trinkwasser, das leicht Der Skrunrcini- gung ausgesetzt ist, also besonders das von Flüs­sen, darf Der Bevölkerung nur nach vorhergegan- gener Reinigung geliefert werden. Grund- unb Quelltoasser sind, wenn sie einwandfrei gefaßt werden, allermeist Der Verunreinigung entzogen, weil Die feinen Poren des Bodens überhaupt keine Bakterien, also auch feine Krankheitskeime hrndurchlassen. Sie werden deshalb vorzugsweise, wo irgend möglich, zur Skrforgung benutzt. Wo man Oberslächenwasser aus Flüssen unb Deen nicht entbehren kann, werben sie vorher durch künstliche Sand- ober Bodenftlter gereinigt. Das erfordert eine Technik, die nach ganz bestimmten Regeln verfährt und deren Erfolg durch ständige bakteriologische älntersuchungen des gefilterten Wassers überwacht wird, derselben ilebertoa- chung werden aber auch Die Grund- unb Quell- Uqässer immer unterworfen, weil man bie Erfah­rung gemacht hat, daß auch hier Störungen in Der natürlichen Dodenfilterung, z. B. durch starke Re­gengüsse unb Hochwasser in benachbarten Flüssen gelegentlich Vorkommen. Die bakteriologische Un­tersuchung zeigt jebe vorkommende Verunreini­gung mit genügender Sicherheit an. Sie gibt, wenn sie ungünstig ausfällt, den Fingerzeig zur Einschaltung von Reinigungseinrichtungen, unter Denen sich Die Chlorung des Wassers wegen ihrer Einfachheit unD Sicherheit am besten bewahrt hat. Es werden Dabei kleine Mengen von Chlorgas, das in Stahlbomben eingeschlossen, jetzt überall zu haben ist, dem Wasier beigemischt, und dadurch die Bakterien abgetötet, ohne daß Geruch oder Geschmack des Wassers sich verändern So gibt es viele Werke, die Fluhwässer nicht bloß filtern, sondern auch chloren und andere, Die Grund-und Quellwasier in gefährdeten Zeiten mit Chlor be­handeln. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man Die Behauptung aufstellt, Daß bei sorgsamer Heberwachung und Behandlung jebe Trinktoasser- epibemie verhütet werben kann Wenn trotzdem noch gelegentlich Typhusepidemien auftreten, so Hegt bas nahezu stets an irgenbwelchen Mängeln Der äleberwachung. Z. B. war Die Ursache für Die mächtige Typhusepidemie, Die seinerzeit Gelsen­kirchen heimsuchte, Darin zu suchen, Daß man Dort nachweislich in trockenen Zeiten neben Dem ein­wandfreien Grundwasser noch roheS Flußtoasser durch sogenannte Sttchrohre zuführte. Es sind das Rohre oder ähnliche Einrichtungen, Die Das Fluh- Wasser unmittelbar mit Den Wasserwerksbrumien verbinden unD bie nach Bedarf geöffnet werden. Durch solche Sttchrohre sind schon vor Der Gelsen­kirchener CpiDemie oft genug Thphusepidemien verursacht worden, ohne Daß es allgemein bekannt

Ben Da entstandene Melodram eine seiner frü­hesten unD hauptsächlichsten Pflegestätten fanD. Zahlreich unD beDeutfam knüpften sich Damals die Beziehungen erster Künstler zu Dem Darm­städter Musendofe: so sinden wir Reefe, den Lehrer Beethovens, sinden den großen SKci- sbtr selbst, da er sich an den Großherzog als mit einen Der ersten betreffs seiner Missa so- lemnis wandte, finDen Georg Joseph (Abt) Vogler, Der zeitlebens in engster Fühlung mit Dem Hofe ftanD, um schließlich als Groß Herz ogl. Geh. Rat (1807) in DarmstaDt einen sorgen­freien LebensabenD zu verbringen. Ausgezeich­nete Kräfte toirften in Dem von LuDwig neu erbauten Hoftheater: Aschenbrenner, Die gefeierte Sängerin, SB i ID, Der Tenorist, die Kapellmeister M a n g o l D unD Thomas, Die­ser zugleich berühmter Konzertist auf Trompete unD Klarinette, womit er auf seinen ausge- Dehnten Reisen ungewöhnliches Aufsehen er­regte; Dazu EnDerle, Sartorius und B a ch o f e n (Maler unD Musiker in einer Person), während Joh. Ehr. R i n ck (1846) Hoforganist unD Kan­tor, EhrenDoktor unD MitglieD angesehener Ge­sellschaften, als Orgelspieler große Erfolge er­rang, Meyer beer unD Carl M von We­ber als Schüler Voglers in Darmstadt weilten ersterer nachmals zum Großherzogl. Hof» und Kammerkvmponist ernannt, indes Weber Dem Großherzog seinenAbu Hassan" widmete Deren Kreis auch GottsrieD Weber, Musiker unD gewiegter Jurist, (zuletzt als Generalstaats­prokurator in DarmstaDt tätig), zugehörte.

Dieser Glanzzeit Der Musikkultur am Darm­städter Hofe folgte mit Dem Hinscheiden SuD­toig I. zunächst ein merklicher Rücsichlag, ohne, jedoch das einmal Aufgebaute wieder vernichten zu können. Rühmlich haben sich aber Die beiDen Großherzoginnen Wilhelmine (De- grünDerin einer reichhaltigen Musikbibliothek) unD Mathilde hervorgetan. Ludwigs I. Verdienst, Der mit großem Verständnis und weitschauendem Blick Die Musikpflege der alten landgräflichen Zeit in moderne Formen umgoß und in großzügiger Erfassung ein neuzeitliches Kunstleben begründete, legte eine gesicherte Grundlage, Die unbeschadet gelegentlicher Schwan­kungen jene Gntwicklungsmöglichkeit schuf. Die in wachsendem Aufstieg unter dem letzten Groß­herzog Ernst Ludwig .(wiederum dank einer ebenso starken ursprünglichen Begabung tote tat­kräftigen Initiative) zur höchsten .Blüte empor* stieg, um bann, von allgemeinen Zeitwehen er­griffen, an einen neuen Wendepunkt zu treten, über dessen Entscheidung und Ausgang die letzten Würfel noch nicht gefallen sind.