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Nr. 72 Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Samstag, 26. März (927

Ludwig van Beethoven.

Beethoven und wir.

Don Dr. HanS Joachim Moser. Professor an der Universität Heidelberg.

Mit jenem MusikuS, der in unwirtlichen Räumen zu "Dien am 2o. März 1827 unter Blitz und Donner eines Wintergewi tl er e nach langem, qualvollem Oluf bäumen den brüchigen Leib zur ewigen Ruh« entspannte, ist eine der gröhten fieifrigen Kraftquellen nicht nur Deutschland«, ondern der Welt von dieser ihm reichlich bett- frabcl erscheinenden Erde geschieden. Seltsame Doppelbedeutung, die daS mühselig geförderte und doch zu gewaltiger Höhe getürmte Lebens» wert des kaum über SechSundfünfzig alt Ge­wordenen für die gesamte Kultur De6 Abend­landes gewonnen hat. Kein Entweder-Oder au« januShasler Zwiespaltwirkung, je nachdem die Ratur der Empfangenden sich entscheiden möchte, keine Doppelkopf igkeil zweier getrennter Veran­lagungen renaissanc«mäßig auf Einen gehäuft; sondern einmal zugleich ein zentraler Tonkünstler, aber außerbem noch ein so über bie Matze bloßer Zachkunst in« Weltanschauliche aufquetlenber, aus schwellender Denker und Mensch, datz der Musiker geradezu auch als Dertreter einer Philosophie hat beansprucht werden dürfen. Wohlgemcrkt keiner, der bewutzt Weltanschauer. Weltiuldlehrer hätte sein wollen ober können und mit solcher autzerkünsilerischen Bestrebung da« Wesentliche seine« .in Tönen sprechen" rational geschwächt. fiefnidt, verbogen hätte. Sondern ein ganz eigent- icher .Sänger" von jener Urgründigkeit aller­dings. die dem Künder zum Seher vertiefen mußte und an ihm verwirklichte, wa« er (halb unwissend um die ganze BedeutungSweite des Worts) einmal gesagt, datz nämlich Musik (nun «den seine!) .Höher fei denn alle Religion und Philosophie" weil er Kunst. Frommsein und Daleinsweisheit durch fein Glühen wahrhaftig bi Sin« verschmolz.

Darin, damit, dadurch war et zunächst un­bewußter Erfinder von etwa« erstaunlich Reuem nicht gänzlich ohne Vorgang, aber doch Er­öffnet einer großen, bi« dahin kaum zum Spalt geöffneten Pforte ba« ganze neunzehnte Jahr- hunbett ist bann durch bie flügeloffene Tür breit in singender Prozession gewallf ährtet. Datz Töne nicht bloß Spiel, Unterhaltung ober selbst Er­bauung und Schilderung au geben vermochten, sondern geradezu begriffsnahe Sprache des Heber- begrifflichen werden konnte diese Möglichkeit hat doch erst Beethoven voll gezeigt, ihr sogleich unvergleichliche Erfüllung gegeben. Und was meinte diese Sprache, diese« .unmittelbare An- schauen und Wissen"? Richt müde Symbolik, keinen detn Pathologischen nahestehenden Wabr- traum etwa Sondern jugendlich feurigsten Willen zum Guten. Schönen. Erhabenen, eine be- acifterte Ritterlichkeit um daS Ideal, eine hel- vische Kreuzfahrersehnsucht nach dem heiligen Land edler Willensfreiheit und Selbstverant- wortlichkeit tm Kampf gegen alle niedern Trieb­gewalten , mannhafte Rührung eine« ewigen Priesterjünglings im anbetenben Verehren der Herrlichkeit Gotte«. Ein muhsalreicher Herakles zwischen ben Menschheitsheroen; einer, der Kants und Schiller« stolze Imperativfanfare wahrhaft erlebt und gelebt hat wider allen Stachel eigner irdischer Dollblütigkeit und dem da« alles zu herrlichen, kunsthaften Gesichten geworden ist. Freilich, diese« ungreifbar Erschaute dann auch den Andern, Kleineren als Mal auszurichten, au« ungestaltetem Felswerk herauszumeiheln, zu mahnender, ragender Erscheinung werden zu lassen, hat diesen großen Beherrfä^r seines Rei­che« blutige Fäuste gekostet.

Er war noch nicht ins Zeitalter selbstherr­licher Artisttk, in Romantikers Traumland hinein- geboren, er mußte sich solch heimliche« König­reich der unbegrenzten Denkbarkeiten erst Schrtlt für Schritt erobern, ohne noch erst zu ahnen, wohin eigentlich ihn der pochende Zwang seines königlichen Müssen« reißen werde. Dienstmusik,

Kunsthandwerk im Lakaienhabit. DesellschaftS- konvention in Tonspielformen - daS sand er vor, Bach und Händel waren lange dahin. Der Höheres erschaut. Mozart, blieb vorzeitig gebrochen im W.rtfchaftskampf am Wege liegen; an Haydn, dem Meister größter v or beet Hoven- scher Adagio«, stieß er sich tm engen Echul- zinnner wund; Schubert erblickte er mxb kaum so blieb ihm Einsamkeit Gefährtin, würgte ihn manchmal den Tauben.

Man hat viel von der romantischen Tragödie diese« ßetben« gesprochen und ben Meister um dieser Heimsuchung beklagt, ja hat sogar Eigen­heiten seine« KlangstilS vom Versagen seines leiblichen Gehör« abhängig machen wollen; aber schon Goethe begriff, daß diese Taubheit wohl dem Virtuosen des Klaviers und dem geselligen Menschen zur verhängnisvoll abfonbemben Schranke werden mußte, dem Schassenden aber kaum Hindernisse bereitet hat. da ja die Ton- Dorftcllungen de« Gewaltigen vom physischen Ohr unberührt blieben. Roch tiefer schürst Wagners Beobachtung, ber jene Taubheit mit bem Blind­

Bonn und dann in Wien ein deutscher Meister Erdenlust geatmet hat, dessen heiliger Wandel im Schaffen nicht eher wird untergehen können als unsere ganze übrige Kultur auch weil ihm wie sonst nur noch ganz wenigen gegeben war deren Höchstes auSzulprechen.

(Ein Kämpferleben.

Don M. M u f a L

Das Ewige, Bleibende im Wechsel, im Men­schen und Künstler seftzuhalten. wie in einem Spiegel aufzufangen; daS muhte die grotze Auf­gabe bet Gegenwart Beethoven gegenüber fein. Paul Decker löste sie in ber Vorkriegszeit durch sein große« Beethovenwerk. Es ist, als ob hier zum erstenmal jener Abstand gewonnen wurde, der nötig ist. um eine Erscheinung wie die Beet- Hovens in ihrer ganzen Monumentalität zu er­fassen! Und doch erscheint da« Bild des Men­schen und Künstler- nah und tief vertraut. DaS Menschliche wurde in seinen, scharsen Zügen bc-

Unsterbliche Geliebte.

Don Derner Bock.

'iingo um dich starrt schon längst ein großes Schweige Kein Erdenlaut bricht in die Stille ein.

Doch ferner Ton aus der Gestirne Reigen Erfüllt dein Herz mit göttlichen Schalmeien.

Du stürmst mit wirrem Haar durch Herbstgelände, Gesenkt den Blick in frühlingshafter Schau, Da fühlt dein Haupt die unoergeffnen Hände, Da blüht dein Mund vom Kuß ber liebsten Frau.

Wie hält dein Arm sie heute noch umschlungen Unsterblich Glück! umfängt in ihr das All.

Es fließt herab in tausendfachen Zungen Und wird in Liedern ewiges Kristall.

fein de« Sehers Teirefias verglichen die große Stille schied ihn, den seherischen Musiker, vom Lärm des Tage« und führte ihn in feier­liches Tempelfchweigen, wo einzig die Harrnonien seines Inneren aufdröhnten. Man kann, von Beethovens Edelstem rückfchlietzend. sagen; auch bei gesund gebliebenem Gehör hätte er das Rückertsche .Ich bin ber Welt abpanben gekom­men" so weit und so tief erlebt, daß es dem wirklich Ertauben nahegekommen wäre. Und ein .romantisch Unglücklicher" ist Beethoven trotz mancher Tücke des Objekts von ber tragikomischen .Wut über ben verlorenen Groschen'^ bis zum heiligen Ergrimmen übet den posierten Selbst­mordversuch de« verlorenen Reffen doch nie ge­wesen. Denn romantisches Unglücklichsein ist letz­ten Ende« immer nur Schwäche im Ertragen des Daseins aber dieser Mann ist eifern stark und herrlich gesund gewesen; ein Dionysier nicht aus dekadenten Reurosen, sondern aus Ueber- mah der inneren Kraft.

Es ist hier nicht der Ort. den ganzen Werk­reichtum seiner Lebensleistung auszubreiten dafür gibt es Biographien und Rachschlagebücher. Es kam nur darauf an, knapp zu umreisten, was der Meister des Fidelio, der neun Sinfonien und der sechzehn Streichquartette. der .Adelaide" und der zweiunddreißig Klaviersonaten jenseits von Theater und Konzertsaal unserem Weltbild be­deutet. Was an ihm noch Rokollo und waS schon Empire sei, wieweit Sturm und Drang. Früh- tomanttt und Klassizität an seiner Gesamtleistung Anteil haben mögen, bleibe den Stilgeschichten zu entscheiden übertaffen. Wichtiger als die« alles ist; dah da bis vor hundert Jahren zu

leuchtet. Aber es bildet doch nur daS Postament, daraus riesenhaft in feinen Dimensionen das Bild des Künstlers sich erhebt! Alle« was klein, was irdisch war an Beethovens Erschei­nung, ist, gegenüber den älteren Beethoven- Biographien (Schindler, Rohl, Wasielewsliy, Marx Thayer u. a.) wie Schlacken zu Boden gesunken; losgelöst vom Zufall, vom Auf und Ab nüchternen, quälenden Alltags hebt sich die künstierifche Persönlichkeit geheimnisvoll aus den Tiefen ihres mystischen Ursprunges, die eigene Entwicklung unaufhaltsam verfolgend. die eigene Erlösung mit Titanenkraft vollendend, die Erlösung durch die künstlerische Tat! Der hun­dertjährige Todestag Beethoven« ist wohl ber geeignetste Ansatz, des Bekkerschen Monumental­werkes zu gedenken! Denn erst feit Becker wis­sen wir, wer Beethoven war.

Der Meister wächst in Bonn in seinem über­aus sorgengrauen Elternhause auf: sein Tater, ein verkommener Mensch, ohne moralische Hem­mungen. ohne jedes Derantwortungsgesühl den Kindern gegenüber; die Mutter zart, sanft, duldend, aufgerieben durch Wirtschaftsmühen, und die Sorge um ihre sieben Kinder, die später überlebenden Brüder Karl und Johann geistig unbedeutend, ja minderwertig. Unwillkürlich denkt man an Goethes Rachlommenschast, an ben Sohn, die beiden Enkel, beim Anblick der völlig degenerierten Familie Betthovens; e« ist. als ob die Ratur an Den anderen Familien­mitgliedern zu sparen versucht hätte, um in ver- schwenderischster Fülle alle« auf den Einen des­selben Bluts zu häufen!

Eine Kette von sauren Tagen, durch keine

Die Verklärung.

Don RomainRollanb*).

. . . So hat sich denn Beethoven zu seinem Glaubensbekenntnis, zum großen Hymnus an die Freude durchgerungen. Wird es seiner Seele vergönnt sein, für immer in der Höhe zu blei­ben, die feine Stürme mehr erreichen? Wohl kommen Tage, an Denen die alle Bedrängnis ihn wieder überfällt, wohl tauchen in seinen letzten Quartetten seltsame, dunkle Schatten auf, trotz alledem hat sein sieghaftes Werk, die Reunte, einen Riederschlag in ihm zurückgelassen: feine Pläne zukünftiger Werke; eine zehnte Symphonie. Ouvertüre auf Den Tarnen Bach; Musik zu Grillparzer Melusine. Korners Odyf- seuS. Goethe« Faust, das Oratorium Saul unb David, alle diese Pläne offenbaren seine auf die alle« überwindende, heitere Ruhe ber deutschen Altmeister Bach und Händel gerichtete Sehn­sucht. Eine zweite steigt zugleich in ihm auf: die Sonne des Südens sehen, des südlichen Frank­reichs! Italien mit einem Freunde durchstreifen.

AIS ihn Doktor Spiller im Jahre 1826 sieht, sagt er. Beethovens Ausdruck sei nicht nur fröh­lich er sei freudig zu nennen. 3m gleichen Jahr, da Grillparzer zum letzten Male mit ihm spricht, ist es Deelhoven, ber Dem niedergeschlagenen Dichter neue Kraft gibt: Grillparzer sagt: .Hätte ich den tausendsten Teil Ihrer Kraft und Festig­keit!" Schwer lastet die Restaurationszeit auf allen Geistern. Frei Denkenden, Sprechenden scheint Rordamerika das einzige Asyl, in das sie sich slüchlen möchten. Aber keine Macht der Welt vermochte Beethovens Gedanken zu kne­beln. Der Dichter Kussner schreibt ihm; ,Die Worte sind verpönt; glücklich, datz Die Töne, Die patentierten Repräsentanten der Töne, noch frei sind." Beethoven ist die mächtigste Stimme Der Freiheit, vielleicht damals ihre einzige deut­sche Trägerin. Häufig spricht er von seiner ihm aufctleg.cn Pflicht, auf dem Wege Der Kunst .für die arme Menschheit", .die künftige Mensch-

) Der hier wiedergegebene Aufsatz ist Dom Schluhkapitel von Rollands genialem Bocthoven- aufsatz aus DenCahiers de la quinziine ent­nommen (Reuausgabe Dos Rotapsel-Berlages in Zürich).

heil" zu wirken, ihr wohlzutun. ihr Mut ein- zuflötzen, Die schlasenDe zu rütteln. Die feige zu geißeln. Er schreibt einmal an seinen Reffen: Unser Zeitalter beDatf kräftiger Geister, Die Diese Neinsüchtigen, heimtückischen, elenDen Schufte von Menschenseelen geißeln." 1827 sagt Dr. Mütter tt>on ihm, Beethoven spreche sich selbst in Gesellschaft über Regierung. Polizei, Aristo­kratie aus. Sie Polizei wisse Davon unD lasse ihn gewähren. Da sie seine Kritik, selbst seine Sa­tiren für harmlose Träumereien halte. Eie lasse Den Mann gewähren, Dessen Genie Den Rus Des Außergewöhnlichen habe.

Es scheint, daß fortan nichts mehr diese unbezwingliche Kraft anzufechten vermag, Der selbst Der Schmerz nur noch ein Spiel ist. Trotz Der traurigen Bedingungen, unter Denen sie ge­schrieben wurden, enthalten Die Werke Der letzten Jahre eine ganz neue Rote Des Spotte«, der heroischen, freudig lachenden Verachtung. Das neue Finale Des Quartette« op. 130, Da« letzte Stück Das er vier Monate vor feinem Tode, im Ro- vember 1826, schreibt, ist von großer Fröhlich» kei! erfüllt. Freilich ist es keine Allerwel.s» fröhlichkcit. Bald glaubt man das rauhe, laute, stoßweise Lachen zu Horen, von Dem MoscheleS spricht, bald Das rührenDe Lächeln Dessen zu sehen. Der Die Leiden überwunden hat. Eicher ist Beet­hoven h a t überwunden. Ser Tod kann ihm nichts mehr anhaben.

Aber er kommt auch zu ihm. Ende Rovember 1826 zog er sich durch Erkältung eine Lungen­entzündung zu. Rach der Rückkehr von einer Reise, die er unternommen hatte, um Die Zu­kunft De« Reffen zu sichern. tourDe er in Wien krank. Eeine Freunde waren nich: Da. So beauf­tragte er Den Hoffen, ihm einen Arzt zu schicken. Der Richswürdige vergaß Den Auftrag für zwei Tage. Der Arzt kam zu spät, und als er kam. vernachlässigte er den Kranken. Drei Monate kämpfte Beethovens Riesenkraft gegen das ilebd. Am 3. Januar 1827 setzte er seinen geliebten Ressen zum Universalerben ein. Er gedenkt noch einmal seiner lieben Jugendfreunde am Rhein und schreibt an Wegclcr; ,Wic viel möchte ich Dir noch sagen, allein ich bin zu schwach: ich kann daher nichts mehr, als Dich mit Deinem Lär­chen tm Geiste zu umarmen." Wäre nicht die Großmut von ein paar englischen Freunden ge­

wesen, so hätte das Elend auch seine letzten Stunden versinsterl.

Er war sanft und geduldig geworden. Am 17. Februar 1827 schrieb er auf seinem Sterbebett nach der Dritten Operation unD vor Der vierten stehenD: .Ich gedulde mich und denke: alles Ueble führt manchmal etwas Gute« herbei."

Das Gute war in diesem Falle Die Erlösung, -das EnDe Der Komödie", wie er selbst sterbend sagte wir aber sagen: Der TragöDie seines Lebens?

Er starb während eine« Gewitters mit Echneesturm. lieber Dem Sterbenden rollte Der Sonnet. Eine fremDe Hand Drückte ihm Die Au­gen zu (26. März 1827).

O Beethoven! Andere haben vor mir Die Größe Deine« Künstlertums gepriesen. Du aber bist mehr als Der erste unter allen Musikern, Du bist Die Verkörperung Dc« HelDentum« in Der ganzen moDemen Kunst, Du bist Der größte und beste Freund der Leidenden, der Äämpfenben. Wenn das Elend der ganzen Welt uns über­wältigt, Dann nahst Du dich uns, wie Du dich einer trauernden Mutter nahtest, dich toortlc« ans Klavier setztest und Der Weinenden Trost reichtest in Dem Gesang Deiner ergebenen Klage, unb wenn uns Ermattung Droht im ewigen nutz­losen Kampf gegen Die Mittelmäßigkeit Der Tugenden und Der Lasten, bist Du Der Ozean des Willens. De« Glaubens, in von wir untertauchen. Der unsere müDen GlicDer stärkt. Du gibst uns Deine Tapferkeit, Deinen Glauben Daran, daß Der Kamps Glück ist. Dein Bewußtsein Der Gott- ähnlichkeit.

Es ist, als hätte Beethoven Durch bestän­dige innige Berührung mit der Ratur Deren geheimste Krast in sich aufgesogen. Grillparzer, dessen Bewunderung für Beethoven mit einer Art Furcht gemischt war, sagt von ihm: .....er

ging bis zu Dem surch baren Punkt, wo DaS Gebildete übergeht in die regellose Willkür streitender Raturgewalten", und Schumann schreibt von der C-Mrll-Eymphonic:So oft gehört im öffentlichen Saal wie im Innern, übt sie unverändert ihre Macht auf alle Lebensa! er aus, gleich wie manche großen Erscheinungen in der Ratur, die, so oft sie auch wiederkehren. uns mir Furcht unb Bewunderung erfüllen." Schindler, sein Vertrauter, sagte, er habe sich des Raturgeiste« bemächtigt. In

frohen Feste unterbrochen, ist Beethoven» Jugend. Sogar feine früh fico äußernde musikalische Be­gabung. die der gewissenlofe Vater rücksichtslos auf Kosten Der GesundhcU De« Knaben auszubeu- len sucht, wird ihm zu einer Quelle von Leiden! Innerlich einsam wächst er aus. Da» mutz man sich immer wieder klarmachen, um die Schroff­heiten und Eigenheiten in seinem Wesen, die ihm später manchen Freund entfremdeten, ver­stehen zu können Die Ankunft Ehristian Qlctle«. der 1779 al« Musikdirektor nach Bonn berufen wird, ist Der erste Lichtstrahl in seinem Dasein. Ties und nachhaltig ist der Stnslutz Reese« auf seinen Schüler der scheue, verschlossene Mensch taut auf. seine Kunst, seine Kompositivnsver- suche kommen in ernste Zucht. Beethoven ist dann Bratschist am Bonner Theater, wo er sich mit der ganzen Orchester- und S'nglpiel- literatuc vertraut macht. Ein S-ebzehnjähriger erst, mutz et nach Dem Tode Der Mutter da« Familienregimen! übernehmen und toiTb fast zum Melancholischen über dem Gedanken, datz Die Verantwortung für Die Brüder und den ent­mündigten Vater ihn an die Stadt bindet, ibn auf« äiitzerste einengt, so datz ein jeder Fort­schritt in feiner Kunst unmöglich wird» Denn, was in Bonn zu lernen war, daS hatte er ge­lernt! Er reißt sich endlich aber doch los und kommt nach Wien, der Zentrale deS damaligen musikalischen Leben». Haydn wird zwar fein Lehrer, zeigt aber nicht da« mindeste Verständ­nis für den seltsamen Schüler, unD der trockene Konlrapunktist Albrechtsberger ermüdet ihn. Aber Das musikalische Leben selbst regt ihn auf« äu­ßerste an: aus allen Quellen unermüDlich in sich aufnehmenD. arbeitet er angestrengt, und schon nach einjährigem Aufenthalt nimmt er Die angesehenste Stellung al« Virtuose und Lehrer in Wien ein, Io daß er völlig sorgensrei leben kann. Sin Kreis von kunstsinnigen Männern und tüchtigen Musikern schart sich um ihn.

Als Komponist aber gelingt eS ihm nicht, sich sobald Geltung zu verschaffen: Wien ist Der Musikalicnmarkt für Die ganze Welt HahDn lebte noch, unD man zehrte von Mozart« Erbe; und Beethoven kam mit zu viel Reiterungen; man war zubequem", um ihm zu folgen. So läßt er denn feine Werke erst in den Häusern der sürstlichen Männer vortragen, deren Salon« da­mals daSöffentliche" Musikleben umsahten, und cs endigt mit einem Wettlaus Der Ver­leger um seine Werke:

Die ersten Klaviersonaten kommen Da« Septett, die ersten Quartette, die erste Sym­phonie. 1790 war dieAdelaide" erschienen.

Da setzt die Gegenströmung ein! Da« Gespenst der Taubheit taucht auf, da« für Den Musiker verhängnisvollste; kein verzweifelte« Wehren hilft, keine ärztliche Behandlung, kein stärkender Landaufenthalt! In einet Zeit größter Schaf­fenslust bricht er zusammen!

Von seiner tiefen Hoffnungslosigkeit gibt ba« sogenannteHeiligenstabter Testament" ergrei­fende Kunde:

O, ihr Menschen!" heißt e« Da, .die Ihr mich für feindselig, störrisch oder misan- thropisch haltet, wie unrecht tut Ihr mir! Bedenkt, daß seit sech« (!) Jahren ein heilloser Zustand mich befallen! Wit einem feurigen, leb­haften Temperament geboren, mußte ich mich früh absondem, einsam mein Leben zubringen! Ich war nahe der Verzweiflung! ES fehlte nicht Diel, fo endete ich selbst mein Leben! Rur sie die Kunst hielt mich zurück!"

Und in der Tat fällt das gewaltige, trotzige Wort:Ich will dem Schicksal in- Den Aschen greifen! Riederbeugen soll es mich nicht!" Der Glaube an seine Mission hält ihn aufrecht!

Die Hochblüte seine« Schasfen« seht ein, u. a. wirb Dieöroica entworfen. Da schafft ihm Da« Schicksal eine neue Quelle von Leiden er verpflichtet sich seinem sterbenden Bruder Karl gegenüber, die Vormundschaft über dessen klei­nen Sohn zu übernehmen. Die langwierigen Pro­zesse mit der Mutter Dc« Kindes reiben ihn

Wahrheit: Beethoven ist Die schöpferische Kraft Der Ratur selbst. Der Kampf. Den feine Sle- mentarfraft gegen die ganze Umwelt zu führen hatte, ist von antiker, homerischer Große.

Gleicht nicht Beethoven« ganze« Leben einem Gewittertag? Der junge, klare Morgen steigt auf, faum, daß von Zeit zu Zeit ein sanfter Hauch die Blätter bewegt. Aber diese scheinbare Ruhe ist erfüllt von geheimnisvoll drohender Ahnung. Schwarze Schatten gleiten über Den Boden, dumpfer Donner grollt, auf ihn folgt entsetzliche« Schweigen, das doch von zitterndem Schal! erfüllt scheint, jetzt diese sausenden, wü­tenden Windstöße der Eroica. der ^-Moll- Symphonie. Aber noch ist die Klarheit de« Tage« nicht vollständig getrübt, noch lebt Die Freude, noch steigt aus allem Leid Die Hoffnung wieder auf. Erst nach 1810 wird Da« seelische Gleich­gewicht zerstört. Run verändert sich seltsam Da« Licht. Aus Den klarsten GeDanken steigen Rebel auf. Die sich wieder zerstreuen, um sich von neuem zu ballen. Die Das Herz beklemmen mit bohren­dem Schmerz. Manchmal will die musikalische Idee ganz verschwinden im Rebel, ein-, zweimal taucht sie empor. Dann versinkt sie im Dunkeln. Wenn sie am EnDe wieder erscheint, trägt sie Der Sturm. Wild und rauh ist Der Frohsinn geworden, Fieber, Gift mischt sich jedem Gefühl. Die Wolken ballen sich, daS Gewitter drängt zum AuSbruch, je näher Der AbcnD kommt. Sieh da. Die nächtlich schwarzen Wollen, Die Sturm Ge­bärenden, Blitz Schleudernden, Der Anfang Der Tleunten! Da plötzlich, mitten im Wüten De« Sturm«, zerr eist Die Finsternis ein mächtiger Dille; er heiß: bie Dacht entfliehen, unD auf« neue schenkt er dem Tag Heiterkeit.

Was für ein Sieg kommt Diesem gleich? Reicht eine Schlacht Rapoleons. reicht Die Sonne von Austerlitz an diesen herrlichsten aller Siege, Der je vom Geist erkämpft worden ist, an ben Ruhm. Den übermenschliche Kraft sich errungen hat? Ein Armer, noch mehr: ein Einsamer, ein Kranker, noch mehr Der ganz Schmerz Ge­wordene. dem die Welt ihre Freude vertagt, wtrd selbst zum Schöpfer der Freude und fdjenft sie der Well! Aus feinem Elend IdjmieDet er He, stolz bekennt er e« in dem Wort, das jeder heroischen Seele zum Ziele leuchtet: .Durch Leiden zur Freude."