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Nr. 224 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Das Ergebnis von Genf. Außenpolitische Umschau.
Don Professor Dr. Otto Hoehsch, M. d. R., Mitglied der deutschen Völkerbundsdelegatton in Genf.
Die bisherigen Ergebnisse der Völker- bundsversammlung sind: die Annahme des polnischen Antrages gegen den Angriffskrieg und die abcrmalie Vertagung des ungarisch- rumänischen Streits.
Der erste Beschluß, einstimmig erfolgt, ist keine neue rechtliche Bindung, keine Ergänzung des Dölkerbundspaktes usw. Es ist lediglich eine moralische Verpflichtung, die alle Dölkerbunds- staaten auf sich nehmen, unter keinen Umständen zu einem Angriffskrieg zu greifen. Das ist die sogenannte „Outlawrh of war", ein amerikanischer Ausdruck, der auch in Verhandlungen zwischen Amerika und Frankreich eine Rolle spielt. Diese Verpflichtung rein moralischer Ratur gilt für die Dölkerbundsstaaten auch in ihren Beziehungen zu den Staaten, die nicht Völkerbundsmitglieder sind. Hat dieser Beschluß überhaupt irgendeine Tragweite, so gilt diese besonders für die Befürchtungen Rußlands, England bereite alles zu seinem Angriffskrieg gegen Rußland vor, Befürchtungen, die durch die Teilnahme Englands an diesem Beschluß, wie gesagt, soweit er überhaupt etwas bedeutet, zerstreut werden müssen. Das gleiche gilt für die Beziehungen zwischen Polen uns Rußland und die zwischen Japan und Rußland. Der Beschluß erledigt zugleich für diese Tagung vollständrg alles, was von der anderen Seite in bezug auf ein sogenanntes O st-Locarno gedacht worden sein mag. In keiner Form ist die Rede von einem solchen?
Der Konflikt zwischen Ungarn und Rumänien ist über die Maßen verwickelt. Die bedeutendsten Juristen haben sich damit abgemüht. Wie aber sehr oft im Leben, sind die schwierigsten und verwickeltsten Dinge im Grunde einfach. Es handelt sich darum letzten Endes, ob der Rat des Völkerbundes einen Rechts- konflikt (zwischen staatlichem Gesetzgebungsrecht und Recht der Friedensverträge) politisch zu entscheiden befugt ist. Was der Rat vorschlug, war eine politische Entscheidung, eine Entscheidung der Macht, der sich natürlich vollständig Rumänien unterwarf, weil sie seinen Interessen entsprach. Darin lag die Schwäche der Position Chamberlains als des Berichterstatters, und darin lag die Stärke der Position des Grafen Ap Ponyi, die sonst gar nicht so einfach war. Und der Rat? Die Opposition, die unter dem Gesichtspunkt eben des Rechts Deutschland, man kann Wohl sagen, führte, war insoweit stärker, als eine Entscheidung zugunsten Rumäniens nicht erfolgte. Die Sache wurde bis zur nächsten Ratssitzung im Dezember vertagt, und alles ging nach der außerordentlich spannenden Ratssitzung darüber auseinander mit dem Gefühl, daß jedenfalls der Völkerbund keine übermäßig starke Kraft fei. Rach solchem Aufgebot diese Entscheidung einer abennaligen Vertagung: das ist doch reichlich wenig!
Auch heute kann noch nicht abschließend über diese 8. Versammlung geurteilt werden, über das, was in bezug auf Abrüstung, Rheinlandräumung, Sicherheit, Schiedsgerichtsbarkeit und wie die bekannten Themen alle lauten, zu sagen ist. Reben ihr lief weiter jene russi ch-franzofische Spannung, die sogar Br and auf einige Tage von Genf weg nach Paris führte. Trotz ziel- bewußter Agitation der fran,ösischen Rechtspresse ist sie nicht auf die Spitz getrieben worden. Briand hat seinen Standp.nkt aüfrechteichalten und durchgcsetzt, daß Fran reich auf der Abberufung des russischen • Do schafters nicht besteht. Rußland wieder wird diesen vermutlich in der Stille verschwinden lassen und ist bereit, zum Abschluß eines gegenseitigen Richtangriffspaktes, der die ganze russische Westgrenze betreffen soll. Der Ministerrat hat Briand beauftragt, tatsächlich mit der russischen Regierung darüber Verhandlungen im Einvernehmen mit .Polen und Rumänien zu beginnen. Zugleich scheint es, als habe die langwierige Schuldenfrag« zu einer Einigung dahin geführt, daß Ruhlllnd jährlich 60 Millionen Goldfranken bezahlen will in Anerkennung der Dorkriegsver
pflichtungen Rußlands. Bestätigt sich das — eine Mitteilung Litwinows ist gerade zu Beginn der Pariser Agitation zum erstenmal gewissermaßen offiziell erfolgt —, so hätte Frankreich kein schlechtes Geschäft gemacht und Rußland eine auch grundsätzlich sehr wichtige Konzession.
Wiederum gleichzeitig hat Stalin bei dem Empfang einer amerikanischen Arbeiterdclegativn, die aus Rußland abreiste, sich so geäußert, daß man daraus den Willen mindestens zur Richt- Verschärfung der ganzen Beziehungen erkennt. Schließlich beauftragte der französische Ministerrat Briand, sich zu vergewissern, ob für den Abschluß eines Vertrages mit Rußland, wie ihn Rußllind vorschlägt, auch alle notwendigen Bedingungen gegeben seien. Darüber steckt wohl mehr, als auf den ersten Blick scheint, nämlich die Absicht, den Derständigungswillen der russischen Regierung einmal auf die Probe zu stellen, wobei dann auch eben das Hauptproblem von selber hereinspielen würde, daß Rußland sich verpflichte, unter keinen Umständen sich in die
Verhältnisse des anderen Staates einzumischen. Oder anders ausgedrückt: das Verhältnis der russischen Regierung zur 3. Internationale. Das sind bedeutungsvolle Anzeichen, die jedenfalls für die Sicherheit der Briandschen Politik und die Festigkeit seiner Stellung sprechen. Sie werden auch von uns weiterhin genau zu verfolgen sein. Man mag sie klein und noch nicht bedeutungsvoll nennen. Aber kann man behaupten, daß trotz des riesigen Apparates in Genf die Anzeichen einer wirklich tiefgreifenden Verständigung im Sinne der Abrüstung und dergleichen viel größer wären?
Vie deutschen Seeflughäfen.
Das Problem der Transozeanflughäfen, das mit den günstigen Erfolgen, die in diesem Sommer bei den Transozeanflügen erzielt worden sind, immer mehr in den Vordergrund des Interesses tritt, beginnt aufs neue die Öffentlichkeit in stärkerem Maße zu beschäftigen, da sich jetzt auch
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Die Schotte
Das sind die zeitgemäß ausgestatteten, auf unsere einheimische Äevölkerung abgestimmten, im eigenen Betriebe bearbeiteten und auch gedruckten Sonderbeilagen zum Gießener Anzeiger
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Das sind die regelmäßig wiederkehrenden, sämtliche Gebiete des modernen lebens, des Geistes, der Technik und der Kultur straff zusammenfassenden Sonderseiten des Gießener Anzeigers
Das große Heimat- und Anzeigenblatt Oberhessens und der benachbarten preußischen Gebietsteile ist der seit 177 fahren erscheinende, mit allen Volksschichten aufs engste verwachsene GjeSenev Anzeiger
Samstag, 24. September 1927
das Reichsverkehrsministerium für di« zahlreichen Pläne und Projekte interessiert hat. Das Reichsverkehrsministerium hat für den Bau des Weserflughafens Blexen bereits seine Beteiligung zugesagt und einen Betrag von 40 000 Mark vorgesehen, mit dessen Hilfe die Vorarbeiten aller Voraussicht nach im nächsten Frühjahr begonnen werden können.
Die aktive Rolle, die das Reichsverkehrsministerium in dieser Angelegenheit einnimmt, läßt darauf schließen, daß es das Blexener Projekt für das Richtigste für einen späteren Zentralseeflughafen Deutschlands hält. Bei dem Reichtum Deutschlairds an großen Wasserflächen möchten wir aber auch den Gedanken nicht von der Hand weisen, daß für einen Lleberseeluftverkehr der Zentralhafen im deutschen Binnenland« liegen könnte. Wir haben vor kurzem erst über die Projekte berichtet, die den Müggelsee als Zentralflughafen für den Lleberseeverlehr Vorschlägen. Die Stadt Berlin, die an diesen Plänen am meisten interessiert ist, hat es im übrigen auch nicht an der nötigen Sropaganda für den Müggelsee fehlen lassen. $ will auch uns scheinen, daß es vielleicht besser gewesen wäre, wenn sich das Reich für dieses zentralere Projekt eingesetzt hätte.
Vorläufig befindet sich ja aber alles noch in einem vorbereitenden Stadium, und man muß die Vorschläge und Anregungen gegeneinander abwägen und die besten und wertvollsten zurückbehalten. Wenn der Luftverkehr sich weiter günstig entwickelt und der Transozeanverkehr mit ihm Schritt hält, so wird auch die Zahl der Seeflughäsen beträchtlich vermehrt werden müssen. Es werden dann sicher auch noch eine Reihe anderer Seeflughäfen eingerichtet werden, die nach ihrer Lage und ihrem Umfange klassifiziert und abgezeichnet werden müssen. Deutschland hat noch aus der Kriegszeit her Seeflughäsen in Stralsund, Warnemünde, Kiel und List auf Sylt, die im Bedarfsfall« so weit ausgebaut werden können, daß sie allen Anforderungen genügen. Zu den erwähnten Eee° flughäfen kommt noch der von Rvr derneh, so daß also auf die Küsten schon jetzt fünf See- flughäfen entfallen, von denen aber zur Zeit nur zwei im eigentlichen Luftverkehrsdienst stehen. Das ist nicht sehr viel, so daß also bei der aufsteigenden Linie, die der deutsch^ Luftverkehr zeigt, die Anlegung von weiteren Seeflughäfen wohl gerechtfertigt scheint. Es wird daher auch dem an der Weser geplanten Weserflug- Hafen die Daseinsberechtigung nicht abgesprv- chen werden dürfen. Aach Ansicht des Reichs- Verkehrsministeriums soll er vorerst im bescheidensten Maße ausgebaut und im Seebäder- unk sonstigen Küsten verkehr beflogen werden. An sei nen weiteren Ausbau ist gedacht, sofern de Äeberseeluftverkehr eine günstige ErAoicklung nehmen sollte. Dann aber werden auch die anderen Projekte einer eingehenden Würdigung von staatlicher Sette her unterzogen werden.
ly.haupttagungdesLutherischen Einigungswettes.
Marburg, 23. Sept. (TLl.) Der Mette Tag der Hcrupttagung des Lutherischen Einigungs- Werkes schloß mit einer überaus zahlreich besuchten Abendversammlung in den Stadtsälen, in der die Vertreter der ausländischen Kirchen zu Wort kamen. Die Delegierten gaben einen kurzen Lieberblick über die lutherischen Kirchen ihrer Länder und betonten alle, daß die Kirchen trotz aller Schwierigkeiten und Bedrängnisse ihre lutherische Eigenart bewahrt hätten und bestrebt seien, sich mit den übrigen lutherischen Kirchen der Welt zuscnn- menzuschließen.
Der dritte Tag wurde durch einen lithur- gischen Morgengottesdienst eröffnet. 3m Anschluß daran versammelten sich die Teilnehmer in der Aula der LIniversttät zur zweiten Hauptversammlung, in der Prof. Dr. Svmmerlath (Leipzig) über das Thema: „Llnfere Zukunftshoffnung" sprach. Erging davon aus, daß die gegenwärtig immer mehr hervortretende Frage nach der cAckstlichen Zukunftshoffnung einerseits psychologisch durch die Katastrophe des Weltkrieges und die daraus
llmErsvlgundttebe.
Roman von Robert Misch.
Copyright by Carl Dunker, Berlin SW 62.
Alles atmete erlöst auf, als der Redner endlich mit einem Hoch auf „diesen eminent begabten, tüchtigen und ehrbaren Kaufmann, diese Zierde der ganzen deutschen Kaufmannswelt" schloß.
Hermann Nsttebohm hatte heute seinen großen Tag. Am Vormittag die Deputationen des Personals, der Handelskammer und anderer Körperschaften, deren Vorstand er angehörte, und zuletzt die Geschäftsfreunde.
Sie alle waren gekommen, um dem neugebackenen Kommerzienrat ihre Glückwünsche zu überbringen.
Am unteren Ende der Tafel saß der einzige Sohn Hermann Nettebohrns inmitten einiger jüngerer Vettern und Basen entfernteren Grades, der jetzt fünfzehnjährige Gymnasiast Eberhard. Mit einer feinen Röte auf den Wangen und glänzenden, braunen Schwärmeraugen hatte er das Loblied auf feinen Vater mitangehört.
Wurde er je solche Vollkommenheit und Bedeutung erreichen, wie sie hier als Muster und Vorbild gepriesen wurde? Und besonders in der Welt des Handels, für die er doch nun einmal bestimmt war. Ach, sein Sinn stund nach ganz anderen Idealen. 2(ber das war ja kindisch. Wenn man Geld hatte — Vater und Mutt« predigten es ihm täglich — konnte man tun und treiben was man wollte; kein Mensch hinderte einen daran. Auch dichten oder zeichnen und malen und ganz in der Welt des Schönen leben, was ihm als das Herrlichste erschien.
Seine Augen schweiften nach der weit offenstehenden Flügeltür hinüber, an der sich das Dienstpersonal drängte und mit Schüsseln und Flascken Wartend der Rede auf den Hausherrn lauschte. Neben dem würdigen Lohndiener Brendicke, der bei großen Gelegenheiten zu dirigieren pflegte, einige schwarz gekleidete junge Mädchen mit weißen Schürzen und Häubchen.
Unter den Mädchen eine Halberblühte, Hoch- gewachsene von zartem Wuchs, der man mehr als
die fünfzehn Jahre gab, so klug und überlegen blickten in unbewachten Momenten ihre großen, graublauen Augen unter dem mabonnenförmia gescheitelten, rotblonden Haar. Sie blinferte mit kaum merkbarem Nicken dem jungen Herrn Eberhard zu, der ihr ebenso unmerklich zulächelte und verstohlen sein Glas gegen sie hob, gerade als das Hoch erklang, das alle Aufmerksamkeit auf sich zog.
Die Gesellschaft zerstreute sich in den umliegenden Räumen, um den Kaffee und die Liköre einzunehmen. Hier strahlten schon die elektrischen Lichter von Wänden und Decken.
Um Heinrich Lahland, den Sozius des Kommerzienrats, stand lachend eine Gruppe. Lahland war in diesen Kreisen als Lebenskünstler und charmanter Gesellschafter sehr beliebt und viel ein- geladen; auch wurde er in Geschmacks- und Sammelfragen öfter als Ratgeber benutzt, auch zu den Kunstaukttonen geschickt, wofür er übrigens Prozente nahm.
Eben gab er einige Erlebnisse aus seiner Brüsseler und Pariser Glanzzeit zum besten, und leise, gedampfte Heiterkeit, wie sie hier zum guten Ton gehörte, belohnte ihn. Plötzlich verstummte er.
Brendicke, der würdevolle Lohndiener, kam mit den Likören, und hinter ihm das junge Ding mit dem rotblonden Madonnenscheitel, ein Plateau mit weiten, schalenförmigen und spitzen, hohen Gläsern in der Hand. Der Alte war ein berühmter „Mixer": er dichtete aus den verschiedensten bauchigen und hohen, dicken und dünnen Flaschen di« eigenartigsten Mischungen zusammen, für welche in diesen Kreisen sehr geschätzte Kunst er sich dementsprechend bezahlen ließ, auch mir die „solidesten" Häuser mit seinen Leistungen beglückend.
Mit wohlwollendem Schmunzeln blickte dieser Genießer den umständlichen Mischungen zu, aber nicht minder behaglich auf den weiblichen Helfer dieses modernen Ganymeds.
„Donnerwetter — nettes Mädel!" flüstert« der Kommerzierat Gittelmcmn dem Generalkonsul Leibusch zu und kniff di« Augen zusammen. — „Wie alt taxieren Sie diese hübsche Kleine?"
Und sie stritten leise, ob sie über ober unter sechzehn Jahre alt sei. •
„Sehen Sie sich boch die Augen an — und überhaupt, ich schätze siebzehn", meinte ber Generalkonsul.
Heinrich Lahlanb kniff der Kleinen wohlwollend in die Wang«, als jetzt Brendicke mit seiner Assistentin zu ihm trat, was dies« mit einem leichten Knix und (eitern Lächeln beantwortete.
„Ra, Jsachen — wie gehfs dir denn? Oder darf man jetzt nickt mehr du sagen, seitdem du eingesegnet bift?'z
Isa, die Rotblonde, lächelte sanft und unbestimmt weiter, aber ihre großen Augen warfen einen Blitz auf Heinrich La bland, ber in sein immer noch entzündliches Herz Drang, und senkten sich bann züchtig zu Sieben.
Brendicke vollzog sich nach vollbrachter Tat — manche Herren hatten sich eine zweite Mischung auf den Tisch fetzen lasten — ins Nebenzimmer, und sämtliche Blicke der Herren folgten ber jungen Isa, Deren leis roiegenber Gang so etwas wie eine elektrische Spannung hn Zimmer zurückließ.
*
Die letzten Autos und Coup6s waren endlich davongerollt. Hermann Nettebohm war mit dem anstrengenden Tage zufrieden — die Kosten des Titels und des Festes würden sich lohnen.
Unterdes ging Frau Anna Nettebohm noch einmal durch die Zimmer ihrer Wohnung und gab die letzten Befehle. Unter Aufsicht ber Frau Men- gers unb ber alten Köchin räumten bereits die Mädchen das Silber und Porzellan wieder in die Schränke ein.
Herr Brendicke, mit einer wohlgefüllten Leder- lasche in der Hand und einem strotzend weiten Uebermantel mit extra vielen, sackartigen Taschen — ber Sekt für ihn, bas Dessert für seine Jöyren — bas Filet für alle — hatte sich natürlich schon von bem Schauplatz seiner Tätigkeit entfernt. Frau Komerzienrätin Nettebohm konnte sich auf ihre gutbezahlten Leute verlassen unb sich beruhigt in ihr Schlafgemach zurückziehen.
Im ersten Stock bes kleinen Seitenflügels brannte noch Licht. Hier hauste die Familie Mengers, deren Oberhaupt bas Hausfaktotum ber Firma war. Hier war die kleine Isa aufgewachsen und hatte innige Freundschaft mit dem kleinen, um ein Jahr älteren Eberhard geschlossen. Mit brennendem Neide, der langsam mit ihr gewachsen war, mit den offenen Augen des Kindes unb der kleinen Leute, in denen sich jeder Unterschied noch vergrößert, sich jede Ent
behrung, jeder Mangel angesichts des Vergleiches tief ins Herz bohrt, blickte sie täglich hinüber nach diesen glänzenden Wohnräumen, auf das behagliche und breitgegrünbete Leben ber Herrschaft.
Wer es boch auch so haben, wer boch auch so speisen, so wohnen und vor allen Dingen sich so fleiben konnte! Wenn sie nach Kinberart barüber plauberte unb Fragen stellte, weshalb sie es weniger gut hätten, weshaw die einen Leute reich unb die anderen arm seien, bann wies sie ber Vater Mengers barsch zur Ruhe.
„Dummes Ding — alle können wir nicht reich fern; bas ist stets so gewesen unb wird stets so fein. Uns geht es dock sehr gut; unb wir müssen ber Herrschaft bankbar fein."
Mer Mutter Mengers schürte heimlich den Funken im Herzen ihres Kindes, für bas sie, wie bie meisten Mütter, die das Leben nicht ganz zermürbt, eine glänzende Zukunft erträumte. Unb als sich mit ben Jcchren besten eigenartige Schönheit zu offenbaren begann, als alle Welt iyr sagte, wie „apart" bieses Kind sei, erblickt« sie oorahnend ihre Tochter schon in ben höchsten Höhen ber Gesellschaft.
Auch fühlte sie sich als Tochter eines Oberpost schaffners aus einer höheren Sphäre stammend und hatte schon als hübsches junges Ding ben Drang nach oben empfunden.
Seit ihrer Heirat fühlte sie sich im Grunde genommen ganz wohl, denn ihr Mann wurde gut bezahlt und hatte freie Wohnung außer ben Selb- unb anderen Geschenken, die reichlich in das Hinterhaus hinüberströmten.
Schon zahllose Male hatte sie ihre Isa — ber Name stammte von einer gefeierten Operettendiva ihrer Theaterzeit — aus den Karten eine glanzvolle Zukunft, eine steinreiche Heirat mit einem Großindustriellen prophezeit. Dann leuchteten ihre matten, blauen Augen in heller Begeisterung. Denn sie gehörte jener Gattung der fartenlegenben Prophetinnen an, bie selbst an ihre Kunst glauben, ihre Aussagen nötigenfalls aber des Geschäftes halber „umbogen".
Jetzt faßen Mutter und Tochter nach verbrachter Arbeit bei einigen Delikatesten „von drüben" — unb schlürften dazu eine Röberer Carte blanche.
(Fortsetzung folgt.)


