m. 196 Erstes Blatt
177. Jahrgang
Dienstag, 25. August <927
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
vruck «nd Verlag: VrLhl'fche llniverfitälr-vuch- nnö Ltein-rvckerei L Lange in Stehen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.
Drei Todesurteile nach sieben Jahren vollstreckt
Schwere Ausschreitungen gegen das Dölkerdundgebäude in Genf
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Volksmenge durchzog die Straften und bewarf mehrere Kinos und Hotels mit Steinen, so daß
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eit der Begriff „Locarno" von seiner
gesetzt. Eine nach vielen Hunderten zählende Volksmenge durchzog die Straften und fctoarf
die Fensterscheiben zum Teil zertrümmert wurden. 3n der Aähe des Bahnhofs Eornavin wurde von einem Unbekannten ein Schuh abgegeben, dem ein Angestellter zum Opfer fiel. Hierauf zogen die Demonstranten nach einem benachbarten Polizeiposten, um dort die Fensterscheiben mit Steinen einzuwerfen. Die Poli'zei machte von der Schuhwaffe Gebrauch, gab jedoch nur blinde Schüsse ab. Die städtische Feuerwache kam zur Hilfeleistung herbei und wehrte die Demonstranten mit der groften Motorspritze ab. Die Lage in der Stadt ist s e h r k r i t i s ch. Das ganze Bataillon der städtischen Feuerwehr ist aufge-.o'^rn. 60 Personen wurden bisher zur Feststellung ihrer Personalien f e st g e - nvmm en.
Eine Menge von etwa 400 Personen, meist junge Leute, begab sich in den späten Abendsturchen vor das Völkerbundspalais. Die mächtigen Fensterscheiben des groften Saales, in dem die Sitzungen des Völkerbundsrates gewöhnlich stattsindm, und in welchem heute die Dritte Internationale Verkehrs- und Transitkonserenz eröffnet werden sollte, wurden mit Steinen beworfen und vollständig zertrümmert. Auch die Fensterscheiben der Bibliothek sowie das Eingangsportal des Palais erlitten das gleiche Schick'al. Die Nachtwächter benachrichtigten unverzüglich die Polizei: jedoch war es bereits zu spät. Der Sachschaden wird auf mehrere tausend Franken
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Boston, 23. Aug. (WTD.Funkspruch.) $ a c c o und van ; elti sind kurz nach Mitternacht amerikanischer Zeil h i n g e r i ch t c t worden. Auch der Portugiese Madeiras wurde h i n g e r l ä) l e t.
M a d e i r o s betrat die Todeskammer um 12.02 Uhr und wurde um 12.09 Uhr für tot erklärt. Sacco folgte Madeiras um 12.11 Uhr und wurde um 12.19 Uhr für tot erklärt, v a n z e t t i betrat die Todeskammer um 12.20 Uhr und wurde um 12.26 Uhr für tot erklärt.
Die Hinrichtung Saccos, Vanzettis und Madeiros dauerte knapp eine halbe Stunde. Sacco war bleich, aber standhaft und rief in italienischer Sprache: »Lang lebe die Anarchie!" Unmittelbar vor der Hinrichtung ries er seiner Familie ein »Lebewohl" zu. Am ruhigsten und am meisten gefaßt von allen dreien beschritt Vanzetti die Todeskammer. Er gab den beiden Wächtern die Hand und schritt auf den elektrischen Stuhl zu. Er beteuerte seine il n - schuld und erklärte zum Schlüsse: »Ich vergebe allen, die meine Hinrichtung herbeigesührt haben!"
Als die Schwester Vanzettis von Gouverneur F u l l e r zurückkehcte, erklärte sie Prefse- vertretern, ihr B.uder habe sie gebeten, Gouverneur Fuller zu sagen, daß, wenn ihm mehr Zeit gewährt worben wäre, Tatsachen bekannt werden würden, die seine Unschuld beweisen.
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Ge ifer Tagung und Rheinland-Frage Von unserem Genfer Korresoondenten George Popofs.
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Dr. 5riebt. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.
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Bahn leistete Patrouillendienste in der Bähe des Gefängnisses. <3 d) e i n to c r f e r wurden an der Seile des Gefängnisses aufgestellt, die nach der Bahn zu gelegen ist. Auf dem kleinen Fluh, der parallel mit der Gesängnismauer fließt, wurden alle Schisse entfernt, ein Polizeiboot mit starken Scheinwerfern patrouillierte. Die Straßen in dem Teil der Stadt, in dem das Gefängnis liegt, waren vollkommen menschenleer, aber an jeder Straßenecke standen Polizisten. Im Bezirk Charleston, der an das Gefängnis grenzt, und im Gebiet außerhalb der polizeilichen Absperrung drängten fid) un - zählige Fußgänger, als fid) die Hin- richtungsftunde näherte. In den mehrstöckigen Gebäuden, die an das Gefängnis grenzten, winkten zahlreiche Einwohner mit ihren Kindern aus den Fenstern heraus.
Generalstreik und Unruhen.
Paris, 22. Aug. (WTB.) Wie Haoas aus Boston meldet, ist dort heute vormitag ein Generalstreik proklamiert worden. Aus Boston wird gleichfalls berichtet, daß der Richter Taft vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten tele- graphisd) ein an ihn gerichtetes Telegramm beantwortet habe, daß es nicht in seiner richterlichen Macht stehe, den Aufschub der Hinrichtung der Verurteilten zu bewirken. Er habe es infolgedessen abgelehnt, eine entsprechende Petiton entgegenzunehmen. Richter Stone vom gleid)en Gerichtshof habe Petitionen gleichen Inhalts gleichfalls abgclehnt.
Pittsburgh, 23. Aug. (WTB.) In Cameron (Pennsylvania) sprengte die Staatspolizei eine Versammlung von 2000 Sacco-Vanzetti- Anhängern unter dem Hohngeschrei der Menge mit Knüppeln und Gasbomben. Dabei wurde e i n Staatspolizist von den Demonstranten e r - schossen. Verstärkungen der Staatspolizei trafen ein, da weitere Ruhestörungen befürchtet werden.
Schwere Ausschreitungen in Gens
Gens, 22. Aug. (WTB.) Heute abend kam es vor dem amerikanischen Konsulat tn Gens zu Demonstrationen gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti. Bei den Zusammenstößen mit der Polizei wurden verschiedene Polizeibeamte verletzt. Die Demonstrationen wurden bis in die Aacht sort-
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geschäht. Bei diesen Kundgebungen hat die Polizei 17 Personen verhaftet, darunter mehrere Italiener. Beben dem Polizeiposten, einem amerikanischen Reisebüro, mehreren Kinos imÖ einer Bar richtete sich die Wut der Demonstranten besonders gegen das Völkerbundspalais. Die Vorhalle und der große Versammlungssaal sind mit Glassd>erben und Steinen förmlich besät. Unter der Menge befanden sich viele, die die jugendlichen Demonstranten aufwiegelten. Zunge Mädchen von 16 bis 18 Zähren schleppten große Steine herbei. Der Angriff auf das Völkerbundsgebäu'e wi d von der Genfer Bevölkerung auf das schwerste verurteilt. Man weist allgemein darauf hin, daß die Vereinigten Staaten ja dem Dun'te gar nicht angehören, und man fragt )ii>, welches die eigentlichen Beweggründe der Demonstranten gewesen sind.
Kundgebungen in Deutsch and.
Sinnlose Angriffe der Menge gegen die Polizei.
Berlin, 22. Aug. (WB.) Die Kommunistische Partei mit einer Anzahl i,r nahestehender Organisationen veranstaltete heute abend auf verschiedenen Platzen Berlins und der Vororte Straßendemonstrationen gegen die Hinrichtung Saccos und Lanze 11 i s. Zm Süden der Stadl kam es dabei zu einem Zusammen st oft zwischen einem Demonsträtionszug und dem begleitenden Polizci- kommando. Als ein Demonstrant wegen beleidigender Zurufe von einem Polizisten zurechtgewiesen wurde, gingen die Zugteilnehmer t ä t- lich gegen die Polizei vor, die mit dem Gummiknüppel die Buhe wiederherstellte. Zm übrigen verliefen die Denronstrativnen ohne Zwischenfälle. Die amerifanifdye Botschaft und daS Generalkonsulat waren von starken polizeilichen Kräften abgeriegelt. Hier wurden einige Leute polizeilich festgestellt.
Halle, 22. Aug. (WD.) Auf kommunistische Aufforderung gingen die Arbci - t e r heute nachmittag zum großen Teil aus den Betrieben und veranstalteten auf dem Hall- marft eine Kundgebung für Sacco und Vanzetti. Aach Schluß der Kundgebung räumten sie nicht den Platz, sondern nahmen gegen d i e Polizei eine drohende Haltung ein, w?bei sie auch mit Steinen warfen, so das; die Polizei den Platz mit dem Gummiknüppel räumen mußte. Dabei wurden 63 Personen festgestellt. Die Arbeiter sammelten sich immer wieder und umlagerten auch das Polizeipräsidium. Bis 22 Tlhr abends hat die Polizei etwa zwanzigmal einschreiten müssen. Um 20 äIHr wurde das Uebersallkommando nach ter Dorstadt G laucha gerufen, wo die Polizei mit Steinen angegriffen wurde.
Breslau, 23. Aug. (WB.) Gestern abend fanden wiederholt Ansammlungen vor dem hiesigen amerikanischen Konsulat statt. Es wurden mehrfach Hochrufe auf Sacco uni) Vanzetti ausgebracht. Mehrere Personen wurden fcstgenom- men. In der zehnten Abendstunde zerstreute die Polizei unter Anwendung von Gummiknüppeln weitere Ansammlungen.
Kundgebungen in Schweden.
Stockholm, 22. Aug. (WB.) In verschiedenen Teilen des Landes wurden heute Kundgebungen zugunsten S ac c o s und Vanzettis veranstaltet. Der von dem Sacco-Vanzetti-Komite? proklamierte Proteststreik hat keine größere Ausdehnung gefunden, da die Gewerkschaften gegen den Streik sind. In den südlichen und westlichen Teilen Schwedens hat man die Streikparole überhaupt nicht befolgt: in den mittleren und nördlichen Teilen ruht die Arbeit hier und da: in den Eisenerzgruben in Kiruna ist die Arbeit völlig eingestellt. Die Zahl der Streikenden dürfte 20 000 nicht übersteigen.
Die amerikanische Zustiz hat es also fertiggebracht, sieben Zahre nach der älr- teilsfällung drei Männer hinzurichten. Mit Entsetzen blickt die Welt auf diese Tat, denn geradezu unfaßbar ist es. zum Tode verurteilte Menschen sieben lange Zahre hindurch in Todesangst und Pein schweben zu lassen und sie dann doch noch dem Henker auszuliefern. Es sei hier zu der Frage, ob die Hingerichteten wirklich schuldig oder doch unschuldig waren, keine Stellung genommen, auch die Tatsache, daß Sacco, Vanzetti und Madeirv Anarchisten gewesen sind, soll hier gänzlich auSgeschaltet werden, einzig und allein vom rein menschlichen Standpunkt aus ist dieser Akt der amerikanischen Zustiz grauenhaft zu nennen und höchst verurteilenswert. Die Manner, in deren Hand die letzte Entscheidung über Tod und Leben der Verurteilten lag und die sich für das erstere ent- schieden, haben damit ihrem Lande einen schlechten Dienst erwiesen, denn gegen eine derartige Zustiz empört sich mit Recht der Menschlichkeitsgedanke in aller Welt.
DLe letzten Stunden der Verurteilten.
B o st o n , 23. Aug. (WTB. Funkspruch.) Gestern abend um 8.40 Uhr teilte der Gefängnisgouverneur Sacco, Vanzetti und Madeiros mit, daß sie in der Nacht ft e r b e n müßten. Vanzetti antwortete: „Wir müssen uns dem Unvermeidlichen fügen." Sacco schrieb einen Brief an seinen Vater in Italien. Madeiros schlief, als er aufgeweckt wurde, schien er gleichgültig und trat so den Gang zum elektrischen Hinrichtungsstuhl an.
Sacco und Vanzetti haben allen religiösen Zuspruch abgewiesen. Außer den Beamten und Aerzten waren als einzige Zeugen der Hinrichtung ein Vertreter der Associated Preß und der Agentur Reuter zugegen.
Starke Polizei-Maßnahmen in Boston.
Boston, 23. Aug. (WTB. Funkspruch.) Mehr als 200 berittene städtische und ft aa t» liche berittene P v l i ze i b e a m t e wurden in beherrschenden Stellungen an den Straßen, die von den Toren des Gefängnisses wegführen, aufgestellt. Die Polizei der Boston- und Maine-
Die große Septembertagung des Völkerbundes rückt heran und — obwohl die Tagesordnung tei- nerlei Fragen von Bedeutung aufweist — seh! nicht an Stimmen, welche bereits für den < .
heftiges Ringen in Genf Voraussagen, n um die Rheinlandbesetzung unb die anderen zwischen Deutschland und Frank-
der veränderten Lage, die in Genf und Locarno angcbahnte Verständigungspolitik einen, wenn auch verlangsamten, so doch unablässigen Fortgang nehmen dürfte, bietet immerhin die Persönlichkeit Aristide Briands und die Zielsicherheit seiner Friedenspolitik. Gerade der Lärm, der in den letzten Tagen um das unglückselige Memorandum des Generals GuiUaumät geschlagen wurde, förderte Tatsachen zutage, die bewiesen, daß die französische Politik, solange sie in den Händen von Briand liegt, die gerade, auf eine Verständigung mit Deutschland gerichtete Linie kaum verlassen wird. Die gegenwärtige ungünstige Konstellation sollte daher nur als eine jener Stockungen hingenommen werden, die Dr. Stresemann in seinen Reden so oft als unvermeidlich bezeichnet hat. Man muß es auch als nicht gering anrechnen, daß Briand es wenigstens durchgesetzt hat, daß in Bälde, wahrscheinlich Ende September, eine wesentliche Verminderung der Besatzungsarmeen eintreten wird. Die Ziffer, die in Genf mit ziemlicher Bestimmtheit genannt wird ist 10 000 Franzosen, zu denen nod) etwa 1000 bis 2000 Engländer hinzuzurechnen sind. Diese Reduktion, einmal durchgeführt, wird weitere nach sich ziehen, und das Verdienst, diesen stufenweisen Abbau der Besatzung eingeleitet zu haben, kommt neben Dr. Stresemann vor allem Aristide Briand zu. Dieser erfahrene Politiker hat übrigens bei dieser Gelegenheit wieder einmal eine er-
ursprünglichen Geltung recht viel eingebüßt hat. Dies gilt zur Zeit für ganz Europa. Dor allem aber muß dieser Eindruck, nämlich der, daß Locarno nur „ein trügerisches Mißverständnis* ge« inefen, bann aufkommen, wenn man jene unerguick- li d)e Zuspitzung in den Erörterungen zwischen Frankreich und Deutschland verfolgt, die heute be- ionbers von Paris aus in so auffallend heftiger Weife geführt wird. Und unwillkürlich fragt man lief) — wird diese Erörterung auch nach Genf her- üIberspielen und zu welchen positiven oder negativen Ergebnissen sie evtl, führen mag?
Eine teilweise Aufklärung gibt die Entstehungsgeschichte der letzten Vorgänge. Jedem unabhängigen mb von ber Ferne bie Dinge beobachtenden Friedensfreunde mußte es auffaUen, daß das Pariser Kesseltreiben just in dem Augenblick einsetzte, iiCs Deutschland, in erstaunlicher Selbstüberwindung, ‘inen weiteren Beweis seiner Loyalität und Friedensliebe gab — indem es in bie Kontrolle ber ge- | Meisten Ostbefestigungen einwilligte. Kaum , u«ir aber biefe Operation zu allgemeiner Zufrieden- | beit verlaufen, als von französischer Seite ein wahrer Hagelschlag neuer Beschuldigungen auf Icutschland nieberpraffelte: jetzt gedachte man ber , nod) nicht zerstörten Seebefestigungen", ■ seht traten Eccarb unb b e Drocqueville m it ihren „Enthüllungen" hervor, jetzt bauschte man itn lügenhaften Artikel ber „Menschheit" zu einer iC-cnsation über angebliche „deutsche Gehcimrüstun- Iper auf unb jetzt veröffentlicht man bas sechs Mo- nate alte Memoranbum bes Generals G u i l -
Die Rolle zu erörtern, bie dem Problem S o - wjetrußland in bie,em politischen Spiel zusällt, — würde hier zu weit führen. Dod) es scheint sich jetzt nachträglich zu bestätigen, daß während der Junitagung des Rates der Begriff Sowjetrußland durchaus im Zusammenhänge mit der Rheinlandfrage erwähnt worden ist und — trotz der zahlreichen Londoner Dementis — ist man heute in Berlin berechtigt, sich zu fragen, ob die reservierte Haltung, die England zur Zeit in der Rheinlandfrage einnimmt, nicht dennoch auf das Ausein- anderaehen zwischen der englischen und deutschen Auffassung bezüglich des sowjetrussischen Problems zurückzuführen ist? Wie dem auch sei, die Franzosen scheinen ber englischen Unterstützung durchaus fidier zu sein. Bezeichnend hierfür ist u. a. auch bie Bestimmtheit, mit ber von Paris aus — zwei Wochen vor ber Septembertagung — die Frage der lieber- tragung eines Kolon ialrnandats an Deutschland „als unbegründet" abgetan wird. Endlich sprechen die Pariser Beteuerungen, daß zur Zeit „weder London noch Rom auf eine baldige Rheinlandräumung drängen würden", sowie die voreiligen Versicherungen, daß „die kommende Genfer Tagung sicher absolut ruhig verlausen werde", eine zu beredte Sprache.
Das sind die Tatsachen, über die man sich in Deutschland feinen Illusionen hingeben sollte. Doch eine gewisse Gewähr dafür, daß, trotz
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Idjift „Aux Ecoutes", welche das Memorandum W 61 nllaumats bekanntgab, teilt mit. daß sie in ihrer | nächsten Nummer noch einen „sehr bedeutsamen
Anhang" zum genannten Bericht publizieren werde.
Dieses alles wird mit einem derartigen Eifer M betrieben, daß man blind fein müßte — um dar- cii5 nicht eine durchsichtige Absicht heraus- idefen. Die Franzosen sind Meister im Schaffen it r ihnen jeweils nötigen „Atmosphäre". Nirgends unb zu keiner Jahreszeit ist ihnen aber so an einer (luljpredjenben Stimmung gelegen, als in Genf, im Monat September eines jeden Jahres. Und beson- be-rs bezieht sich das auf die diesmalige Tagung, bie Frage der Rheinlandräumung, unzähligemal | bereits hinausgefchoben, von der öffentlichen Mei- IniBuq ber Welt als ein überreifes Problem be- tre^tet wird, bas längst feine Lösung hätte finden 'örnnen. Frankreich ist dieser Umstand nicht un- c lannt, unb um die Entscheidung dieser Frage noch weiter hinauszuschieben, ist es nun auf jede Art mb Weise bemüht, bie Weltmeinung zu seinen önnften zu beeinflussen. Zugute kommt ihm dabei i« Tatsache, daß in letzter Zeit eine allgemeine Kon- te'Iation in ber Weltpolitik eingetreten ist, welche z pta Regierungen jener Mächte, bie in ber Rhein- mdfrage mitzusprechen haben, Frankreichs Wün- djjm mehr ober weniger gefügig machen dürste.
Eine aanze Reihe von Faktoren, bie bisher stets
Verhältnis zwischen Deutschland unb Frank- eiich mitbeftimmten, haben in letzter Zeit eine für Frankreich günstigere Wenbung genommen. Daß !?r:mkreichs Abhängigkeit von den Vereinigten Sthaten und von den anderen Geldgebermächten u ich die verbesserte finanzielle Lage stark gemildert (L sei nur nebenbei erwähnt. Besonders wichtig ist b tr für Frankreich jene Veränderung in dec poli- ischen Haltung Englands, die burd) bas Fiasko der öenfer SeeabrüftungsEonfereng entstanden ist. Hat ■o-d) England in Genf gegen die Vereinigten Stoorn fast die gleichen Argumente („besondere Erfor- i.. riinisse zur See") angewandt, welche Frankreid) Md Jahr und Tag bei den Genfer Abrüstungsdebat- ?m vorbringt und welche der von Paul Boncour 1 erfochtenen These des „Kriegspotentiels" nicht un- chfflich sind. Das Aufkommen eines gewissen Gegen- rigis zwischen England und bcn Vereinigten Staa- -it wird — infolge des Genfer Schiffbruches — ittt zu vermeiden sein. Das bedeutet ein Sichzu- ridroenben Englands nach Europa, wo es Frank- richs Unterstützung heute in stärkerem Maße, als im laufe der letzten Jahre brauchen wird. Auch dürfte ‘talien sich nun mehr ober weniger gezwungen ch«n, das französisch-englische Zusammenwirken als Dritter im Bunde^ zu ergänzen. Alles in allem ■tarntet die neue Lage etwas wie ein durch Frank- •iqs Zutun zustande gekommenes Wiederauflehen ?r alten „Entente", in der wohl auch für Deutschri Ö ein Platz frei bleibt, um dessen Besetzung aber nach Kräften gefeilscht werden soll.
staunliche Geschicklichkeit an den Tag gelegt, indem er sich von den in dieser Frage maßgebenden Generälen G u 111 a u m a t und Petain — schriftliche Erklärungen hat geben lassen, in denen die
Militärs eine Okkupationsverminderung bedingungslos als erwünscht bezeichneten. Damit hat sich Bri- anb für alle zukünftigen Debatten über den Abbau ber Besatzung einen nicht zu unterschätzenden
Trumpf gesichert, den er ohne Zweifel bei zukünftigen Gelegenheiten ausspielen wirb.
Aus all dein ergibt sich bie Wahrscheinlichkeit,
daß man wahren!) der kommenden September- Tagung des Völkerbundes nicht nur ein diplomatisch-gestärktes Frankreich, sondern zum Glück auch einen in gesicherter Position dastehenden Briand sehen wird. Seine Persönlichkeit, sowie diejenige Chamberlains und Stresemanns, bieten immerhin eine Gewähr dafür, daß „Locarno" doch nicht als ein „trügerisches Mißverständnis" verurteilt und begraben werden wird. Die zahlreichen Genfer Zusammenkünfte dieser drei Männer haben das Problem der europäischen Verständigung immer noch ein Stück vor
wärts gebracht, und man ist berechtigt, zu hoffen, daß, trotz der unleugbaren Tatsache einer, gegenüber den letzten Monaten völlig veränderten politischen Lage, bie brei auch diesmal eine gemeinsame Sprache finden werden. Die Rolle des Völkerbundes ist hierbei allerdings stets beschränkt gewesen. So
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räch noch schwebenden Fragen. Ob das nun in ber lat ber Fall sein wirb, laßt sich selbst von hier aus noch nicht bestätigen. Aber bekannt unb mehr- soch errriefen ist es, baß bie Genfer Ministerzusam- menkünste oft dazu beigetragen haben — gespannte .internationale Atmosphären" zu entspannen. Unb daß zur Zrit roroöer einmal eine derartige „Spannung der Atmosphäre" vorliegt, wirb niemanb, ber bie Vorgänge ber letzten Wochen verfolgt hat, fort- leugnen können.
Auch biejenigen, die in bezug auf bie Weiteren!. L'icklung ber europäischen Verstänbigungspolitik stets optimistisch gestimmt finb, werben zu geben müssen,
tunte fa3uga£; t bes HausoriMi tä 18.05 Uhr: N- 18.45 Uhr. * >h Dalteä unb M
.eftor Staub anlr |au m a t. Das nicht genug — steht noch bie Be-
nktesinehmer. - 1” la nntgabe eines (bereits im Juni redigierten) Be-
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