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Rr.tzo Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Reifefieber.

Don Dr. W. Schweisheimer.

Der nervöse Reisende ist jedermann bekannt. Manchen hat es schon geärgert, viele in Erstaunen versetzt, die meisten unfreiwillig erheitert. Er kommt ins Abteil gestolpert, seine sämtlichen Gepäckstücke fallen au den Boden, rasch liest er sie zusammen, verstaut eines unter dem Sitz, zwei auf dem Neben- plalz, drei im Gepäcknetz, eines fallt herunter und zerbricht ihm den Zwicker, wie von der Tarantel gestochen faust er hinaus und durch die Sperre, weil er einen Koffer dort stehen ließ, eilt wieder zuruck, hatte vergessen, den eigenen Platz zu belegen, so daß jetzt ein anderer draus sitzt, er sängt einen Mordskrach an, der Schaffner kommt, er soll den Fahrschein vorweisen, der ist nirgends, nicht im Portemonnaie, nicht in der Brieftasche, in keiner Tasche, am wenigsten in der Billettasche, die zittern­den Finger tasten umher, endlich steckt er hinten im Hutband, er lautet aber auf 3. Klasse, und hier sind wir zweiter, Umzug in den anderen Wagen, jetzt fehlt der Schirm, der Zugführer pfeift, rasch noch eine Zeitung kaufen, schwitzend und atemlos wieder ins Abteil, der Zug fährt,hier erstickt man vor Hitze!" Fenster auf,hier zieht es!" Fenster zu, hier kann man vor Zigarrenrauch nicht atmen!" Fenster auf---.

Diese Reisenervosität hat schon jeder miterlebt, von einem einzelnen, von einem oder beiden Teilen eines Ehepaares, und erst recht von Bater oder Mutter mit den drei Kindern. Sie ist subjektiv sehr unangenehm und erschöpfend, auf den Zuschauer wirkt sie freilich meist belustigend, wenn er nicht etwa selbst angesteckt wird.

Es gibt aber eine andere spezifische Reise­krankheit, die viel ernster zu beurteilen ist und auch unter Umständen weitertragende Folgen mit sich bringt als einen zerbrochenen Zwicker und ein stehengelassenes Gepäckstück. Das ist das eigentliche Reisefieber. In den medizinischen Lehrbüchern wird man es weder unter Reise noch unter Fieber fin­den, aber seine Nichterwähnung schafft es nicht aus der Welt. Im Grunde ist es nur ein stärkerer Grad des soeben geschilderten Leidens. Es spielt sich aber im wesentlichen nicht während, sondern vor der Reise ab. Im Gegenteil: wie die Seekrankheit ver­schwindet, sobald der Patient wieder festen Land­boden unter den Füßen spürt, so schwindet das Reisefieber in der Reael, sobald die Reise begonnen hat. Eine gewisse Aehnlichkeit des Reisefiebers mit der Examens-, Premierenangst usw. ist unverkenn­bar. Wissenschaftlich ausgedrückt, kann man von einer E r w a r t u n g sN e u r o s e sprechen. Ver­stärkt und kompliziert wird die Krankheit dadurch, daß sie zeitlich meist mit der allgemeinen nervösen Herabstimmung zusammenfällt, wie sie dem Ende der Arbeitsperiode und dem Beginn der Urlaubs­zeit naturwendig entspricht.

Die Anzeichen des Reisefiebers sind leicht zu erkennen. Bei dazu disponierten Personen treten in den Tagen vor der Reise Erregungs-, seltener De­pressionszustände auf. Sie steigern sich, je näher die

Reise kommt und erreichen ihren auffallenden Höhe­punkt am Tag und in der Nacht vor der Abreise. Eine fieberhafte Geschäftigkeit sticht zunächst hervor. Die Furcht, etwas Wichtiges unerledigt zurückzu- lassen, treibt den bedauernswerten Patienten rast­los von Ort zu Ort. Die Angst, Unentbehrliches zu vergessen, läßt ihn Tag und Nacht grübeln, auf­schreiben. fragen, telephonieren, disponieren, ein» kaufen. Ihr folgt zuletzt im Höhestadium der Krankheit, die Befürchtung, trotz aller Bemühungen mindestens ein Fünftel des Notwendigen oergeffen zu haben, und nach Beginn der Reife die sichere Entdeckung, daß man drei Fünftel vergessen hat. (Jetzt ist es allerdings in gesundheitlicher Beziehung gleichgültig, denn die Krankheit ist abgelaufen.)

Vor dem erhitzten Gehirn steigen wechselnd Bil­der aller erdenkbar unangenehmen Reiseunfälle und .zufälle auf. Der Zug wird sicher versäumt, so wird befürchtet. Drei Wecker werden übereinstim­mend auf die bestimmte Stunde gerichtet, aroci dienstbare Geisler müssen wecken, aber die Angst zu verschlafen, läßt den Kranken trotz allem kein Auge schließen. Schmerzen verschiedenen Ursprungs stellen sich ein: quälende Blinddarmschmerzen, Schluckbeschwerden, Ohrenschmerzen, Magenverstim- mung mit Erbrechen und heftigen Durchfällen, die Körperwärme ist vielleicht wirklich, wenn auch nicht fieberhaft, so doch leicht erhöht, der Puls jagt, die Augen brennen. In schwierigen Fällen macht das Reisefieber die Ausführung der Reise in der Tat zunächst unmöglich und verzögett sie um min­destens ein oder zwei Tage.

Zweifellos werden mehr Männer als Frauen vom Reisefieber und auch von der son­stigen Reisenervosität ergriffen. Ob das auf einer natürlichen Veranlagung beruht, bleibe dahinge­stellt. Mindestens in nervöser Beziehung sind ja die Männer das schwache Geschlecht. Aber vielleicht tritt die Krankheit beim Manne nur deshalb mehr in Erscheinung, weil ihm auf der Reise meist die Füh­rerschaft und damit die Verantwortungsangst zu- sällt. Im Augenblick des Reisebeginns, ja gewöhn­lich schon auf der Fahrt zum Bahnhof, ist die Stran^eU vorbei oder sie geht in die mildere Form der gewöhnlichen Reiseneroosität über.

Die Behandlung des Reisefiebers ist nicht einfach, in schweren, chronischen Fällen fast aus­sichtslos. Häufig erweist es sich von Vorteil, die Ab­reise auf den Abend zu verlegen. Dann fällt we­nigstens der nächtliche Krankheitsanfall oft weg. weil der Kranke nicht auf das Wecken wartet und auch die Empfindung hat, Versäumtes am nächsten Tage noch nachholen zu können. Das läßt sich indes nicht verallgemeinern, individuelle Behandlung ist oberster Grundsatz aller Hilfsmaßnahmen.

Wichtig ist das Verhalten der Umgebung, na­mentlich des anderen Ehegatten. Mit brüsker Ab­lehnung ist nichts geholfen. Am besten ist es noch, auf die schrullenhaften Ideen einzugehen, sie bis zum Ende mit durchzudenken und durchzusprechen. Dabei ergibt sich ihre innere Haltlosigkeit meist von selbst. Gut ist möglichste Ablenkung durch ange­spannte andere Tätigkeit. Unmittelbar vom Bureau, von beruflicher Tätigkeit zur Bahn zu eilen, be­

währt sich als gute Hilfe. Ein Beruhigungspulver in der Nacht vor der Reise hilft in den seltensten Fällen, wie überhaupt derartige Mittel dem Reise­fieber gegenüber in der Regel versagen. Ein emp­fehlenswerter Trick ist es, die Wartezeit möglichst abzukürzen, also im letzten Augenblick einen Tag früher zu reifen, als ursprünglich geplant war.

Im übrigen sei folgende Ordination für den nervösen Reisenden unter ständiger Befolgung des LeitspruchesRuhe! Ruhe! lieber Freund! zu gewissenhafter Beachtung und Befolgung ein­dringlichst empfohlen.

1. Schreibe dir alles vorher genau auf: Züge, Anschlüsse, Hotels, Reiseplan usw. Auch wenn Aenderungen eintreten, wird das Gerüst des schrift­lich Festgelegten gegenüber nervöser Beunruhigung immer Halt und Hilfe bieten.

2. Zähle die Anzahl deiner Gepäckstücke (ein­schließlich Mantel, Schirm und kleiner Kinder). Du brauchst dann dein Gedächtnis nur mit der einen Zahl zu belasten und bist jederzeit in der Lage, fest­zustellen, ob du alles bei dir hast.

3. Gib Gepäck am Vorabend auf und nimm dir da auch die Fahrkarte. Die Fahrkarte bewahre immer (i m m e r!) an der gleichen Stelle auf (immer!).

4. Gehe so frühzeitig auf die Pahn, daß du a) im Fall eines Trambahnaufenthaltes auch noch zu Fuß hinkommen kannst, b) einen richtigen Platz wählen kannst, c) dir in Muße noch die Zeitung kaufen kannst.

5. Laß' dich ruhig wegen deines Frühkommens auslachen: du brauchst dann auch nicht zu meinen, wenn andere am Schlüsse sich recht abhetzen müssen.

6. Nimm dir Schokolade in die Tasche, damit die Angst vor etwaigem Verhungern schwindet,

7. und letztens und bestens: Wenn der Zug an­fährt, dann laß deine eingebildeten Sorgen los und wirf die Nervosität über Bord. Denke dir: alea jacta est jetzt ist.die Reise begonnen, jetzt kom­men alle Ueberlegungcn doch zu spät! und jetzt wollen wir mit Lust und Ergebung und Neubegier auf die vielen schönen Abenteuer warten, die unser auf der Reise harren wie auf des weiland Herrn Dr. Katzenberger abenteuerumgürteter Badereise.

Schwabenfahrt.

Don Hans Dege.

Wir waren dep ganzen Tag gewandert durch das schöne Schwabenland. Sonne und Wind hatten uns durchleuchtet und durchweht. Es war wunderbares Wetter. Wie aus hellblauer leuch­tender yeide gespannt, hing der Himmel hoch über der grünen Erde. Die Sonne lachte her­nieder und ein leichter frischer Wind macht« das Wandern zur Lust.Augen, meine lieben Fensterlein, trinket was die Seele hält von dem goldenen älebersluh der Welt." Durch saf­tige Wiesen und fruchtbare Felder, durch dunkle Nadelwälder, untermischt mit hellgrünem Laub­holz, geht der Weg. 2m Hintergrund die sanften Wellen von Berg und Tal. Vorbei an Burg­ruinen, die in romantische Täler hinabschauen,

Samstag, 25. Juli (927

über träumende Waldwiesen, in das Tal der Kocher, die zwischen den Limpurger und Main­hardter Bergen rauscht und ihr altes Lied von Freud und Leid uns singt, nach Hall, der uralten Sckhstadt.

Arnphithcatralisch baut sich die alte Reichs­stadt zu beiden Seiten der Kocher auf und macht mit ihren vielen Türmen, mittelalterlichen Bau­denkmälern, stattlichen Kirchen, tiefen Gassen mit alten Häusern, eingebettet in das Grün der Gärten, einen heimlich schönen Eindruck. Durch allerlei Funde ist es erwiesen, daß schon die Kelten im Jahre 400 v. Ehr. die Salzquellen kannten und ausnutzten. Später zur Zeit des Kaisers Julianus Apostata erwähnt der Schrift steiler Ammianus eine Saline, die er Capella- tium vel Palas nennt und um deren Besitz die Burgunder mit den Allemannen in Streit lagen. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich hierbei um die Hallquelle. Im Laufe der Zeiten ist dann die Kenntnis von dem Vorhandensein der Salzquelle in Vergessenheit geraten und erst im 9. Jahrhundert hat Graf Heinrich von West­heim sie wieder entdeckt, auf seinen Jagden im Walddickicht des Kochergrundes. Jetzt liegt das Soolbad reizend anmutig mitten in Hall auf einer Insel im Kocher. Erhöht über der Stadt sieht man die wiederausgebaute Ruine der Feste L i rn p u r g liegen, wo einst die Schenken von Lirnpurg hausten.

Weiter ging die Wanderung und nun haben wir nach einigen schönen Wandertagen durch das gesegnete Land b i n g en,'die alte Musen­stadt, erreicht. Eine der herrlichsten Perlen des an landschaftlichen Schönheiten so reichen Schwabenlandes liegt da am grünen Neckar. Eine Bergstadt ein Auf und Ab der Gassen, die sich in allerlei Formen und Linien dahin? schlängeln und ein wundervolles malerisches Durcheinander geben. Köstliche barocke Bilder sieht man, und dann wieder eins, daß wie über­flutet erscheint von innigsten tiefsten Stimmungs­zauber, tiefe grüne Gartenwildnis, vergessene Winkel. Immer wieder ein anderes Bild, immer wieder ein anderer Eindruck.

Llhland grüßt uns. Ein leidvolles Sinnen will uns überkommen, da wir in tiefer Garten­einsamkeit den Hölderlinturm entdecken! wo der unglückliche Dichter vierzig Jahre durchlebt. Doch zu strahlend ist der Tag, so reich und lockend das Leben--und es behält wieder

einmal recht gegenüber der leidvollen Ver­gangenheit, die uns in ihren Bann ziehen will. Bald sitzen wir in einer traulichen Schenke am Neckar, vor uns einen guten Schwabenwein, und halten Rast. Oben auf der Höhe liegt das Schloß mit seinem prächtigen alten Vortor und der verwunschenen Tiefe seiner verwachsenen grünen Gräber. Herrlich ist auch der Ausblick in das belebt« fruchtbare Neckar­tal, in das liebliche Steinbachtal.

Weiter geht es. In Blaubeuren machen wir Rast. Blaubeuren ist berühmt durch den alten Blaubeurer Altar aus dem Jahre 1500,

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