Nr. 68 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)
Dienstag, 22. März 1921
Aus der Provinzialhauptstadt.
Sieben. Den 22. März 1927.
Meister des Abendgedankens,
von Reinhold Braun.
Verheißung „Daß ein Meister des tlbenb- gcbanfens fein wird, wer am Morgen ein Meister des Pfluges war!" Franz Werfel.
Wieder segnete mich ein wundervolles Kreisen« Erlebnis.
Der, dem lch gegenüber saß. war ein Meister des Abendgedankens. Die Stunde war wie reine, scheibende Sonne über ährenstillem Lande ... Sie war eine von den hohen Stunden, denen man treu bleiben muß? Wie ein klarer, goldener Strom, frei von allem Geröll, floß des Greises wundersame Rede. Unerschöpflichkeit ward Wort-, ein reiches Herz schenke sich ganz.
Dieser Mann hatte wesenhaft gelebt, jeden seiner Tage gewissenhaft ersaßt: trotz übergroßer Arbeitslast hatte er immer aus dem Sterne zu leben gewußt. Und heule noch war sein Herz wie von des Lebens ftern umflossen, tfr hielt dos Dasein noch mit beiden Händen test: Pläne von herrlichem Ausmaß und doch wirklichkeitsooll bewegte er; Einblicke gewährte er in geheime Werkstatt: Zukunft erschaute er. Menschlichkeit gipfelte unter abendklarem Himmel.
Der unermüdlich Wirkende war zur hohen Wirklichkeit ..Mensch" geworden! Wie kaum wieder bei einem andern, wurde mir bei ihm klar, daß nur der, der heiter tätig war durch ein ganzes Geben hindurch, in solche menschdeglückende, an Geist und Seele köstlich reiche Abendlich'eit emporreifen konnte.
Rur wer im Sinne Goethes die Endlichkeit tat- voll befuhr, konnte wie dieser Mann das Unendliche sich erfahren und nun das Gewonnene meisterlich spenden.
9hm war er die lichte Weisheit selber, deren Krone die Liebe bleibt! Er war die Offenbarung des Adels der Güte.
Auch ihm war eins feiner Weisheits-Ziemtworte das Wort ^,,Sichtung!" Beschränkung auf das Notwendige! Solch Erkennen und Tun zog sich durch fein ganzes Geben.
Wer Richtung halten will, kommt ohne ; Sichtung nicht auS. Wir alle leihen am Geröll. ES gibt Menschen, die es förmlich liebkosen: sie können sich von ihm nicht trennen, wie das Kind, das am Meeresstrande viele bunte, runde Kiesel zusammensuchte und nun mit beimnehmen möchte und Tränen vergießt, wenn es nur ganz wenige mitnehmen darf. Dielleicht hat es später nur noch einen einzigen aufbewahrt, ilnb der Mann freut sich nun des einen Steines, der alS ein Stück leibhaftiger Erinnerung aus feinem Schreibtische liegt, um vielleicht seine Handschriften z« ..beschweren". Dokumente seiner idealistischen. königlich armütigen Seele.
DaS Kind von einstens aber wird nun nach und nach auch ein Meister des Abendgedankens.
3a. Meister des Abendgedankens: Das ist das Glückempfinden nach wohlgetanem Werke, Hände, die sich hineinfalten in Stille, Frieden und Dankbarkeit. ist gewonnene, vielleicht durch Domen und auf vielen ilmwegen erreichte Höhe: ist das Lächeln der gottklaren Seele, wundersame Aus- Gespanntheit des inneren Firmamentes, ewiger Horizont, erhrvbenes. von Sternen angeleuchtetes Antlitz. Blick aus Augen, aus denen wieder daS Kind grüßt, ist das Wilsen von dem u n • st erblichen Wirklichen in unS. das um so glücklicher nach der großen Wandlung fein wird, je mehr wir mit heiligen Sinnen an ihm und aus ihm wirkten!
Meister des Abendgedankens: Rur aus der Tat kommt das Gluck, nur durch Opfer und Liebe wirst du ein Mensch und ein Meister!
IInh wenn du scheidest, wird es fein, als ginge die Sonne unter....
Friedrich Heberer f.
Am 18. ds. Mts. ft a r b in Heuchelheim im Alter von 67 Jahren der Kreis-Obstbautechniker i. R. Friedrich Heberer. Der Verstorbene gehörte zu den immer seltener werdenden Persön- nchkeiten, die. mit fachlichem Wissen auÄgeftattct. aus dem reichen Schatze ihrer Erfahrungen und Fähigkeiten anderen gerne dienen. Geboren am 9. Dezember 1859 zu Daubringen. genoß er. feit 1882 im Dienste der Straßenverwaltung stehend.
Gießener Stadttheater.
-1im6 Maillarl:
„Tas Glöckchen des Eremiten".
Es war ein glücklicher Gedanke, an Stelle einer Operettenaufführung eine komische Oper zu bringen und dadurch den Spielplan zu erweitern, ilnb kaum konnte eine Oper geeigneter sein, als Alime Malllarts ..Glöckchen des Eremiten". Schon die spannende Handlung, die dem Dialog einen breiten Raum gewährt und noch mehr die charakteristische, melodienreiche, prickelnde Musik haben dem Wer! feit sieben Jahrzehnten Freunde erworben und feinen Erfolg bis heute gesichert.
Das Glöckchen auf der hoch in den Bergen gelegenen Eremitage wacht über die Tugend der §raucn, und bei jedem Fehltritt läutet es feit 200 Jahren. Die Einsamkeit der Eremitage bietet aber auch Verfolgten Zuflucht, die von Syl- vain, dem Kirecht des reichen Pächters Thibaut, und Rose, einer armen Bäuerin unterstützt werden. Eine Dragvnerabteilung, die die armen Flüchtlinge einfangen soll, kommt auf ihrem Wege in ein der Eremitage nahe gelegenes Gebirgsdorf. Hm vor den gefürchteten Dragonern seine Frau zu bewahren, läßt der eifersüchtige Pächter Thibaut alle Frauen der Siedlung sich verstecken. Rose Friquet aber verrät die Versteckten. und Belamy. der Unteroffizier bei den Dragonern, gewinnt im Sturm Georgette, des Pächters Frau. Belamy erfährt nun auch von dem verräterischen Glöckchen und da er. um die Flüchtlinge zu finden, die Eremitage aufsuchen muß, will er die Probe aufs Exempel machen. Rose, die von dem Plan gehört hat. und damit die Sicherheit der Flüchtlinge bedroht lieht, kommt ihm mit Sylvain zuvor und rettet die Ehre des Glöckchens, indem sie es läutet, während sie Georgette und Belamy bei einem Stelldichein belauscht. Thibaut, der Verdacht geschöpft hat. ist seiner Frau nachgestiegen, trifft aber nur Belamy an. und, um jeglichen Argwohn abzulenken, begleitet ihn dieser auf dem Abstieg, und die Flüchtlinge gewinnen Zeit, unter Roses Führung auf einsamen Pfaden die
feine Ausbildung in der Staatlichen Obftbau- fchule Friedberg, wo er auch viele Jahre im Obstbau tätig war. eye ihm die Obstbaumpflan- zungen an den Straßen des Kreises Gießen übertragen wurden. 3n welchem Maße er hier ein treuer Hüter gewesen ist. davon zeugen die gewissenhaften Aufzeichnungen über Corte. Alter, jährlichen Ertrag nach Kilo und Geldwert. Jahr des Umpfropfens und dessen Erfolg. Gesundheitszustand und Bemerkungen über Eigenschaften, Standort Verhältnisse und Bodenbefchaftenhett von jedem einzelnen Baum, deren Zahl, soweit sie tragbar geworden sind, sich auf rund 16 000 Stück beläuft. Diese Aufzeichnungen, die em wertvolles Material für die zukünftige Gestaltung unseres oberhessischen Obstbaues barftellcn, füllen eine Reihe stattlicher Aktenbündel. Reben der Sorge um die Obstbaumpflanzungen der Kreisstrahen. die überall da. wo die örtlichen Verhältniffe nicht allzu ungünstig waren, in vorbildlichem Zustande gehalten sind und dementsprechende Erträge abwerfen. war Hebcrer auch bei jeder anderen Gelegenheit bestrebt, den einheimischen Obstbau zu heben und zu fördern. Aus zahlreichen Obst- auSstellungen. hier, sowohl wie auch auswärts, war er leitend oder als Preisrichter tätig, wozu ihn eine umfassende Sortenkenntnis besonders befähigte. 3m persönlichen Umgänge war der verstorbene durch sein bescheidenes und liebenswürdiges Wesen allgemein beliebt und geachtet.
Run ruht er aus von seiner Hände Arbeit. Die von ihm gepflegten Bäume aber grünen weiter und gereichen den heimatlichen Fluren zum Segen. R.
Gymnastikschule Loheland.
Die Ausführung der Gymnastikschule Loheland am Freitagabend führte mitten hinein in ihr Schaffen. Sie bot das Bild eines ganzen Entwicklungsganges von den grundlegenden bis zu den fchwie- rigften darauf aufgebauten Hebungen.
3n der Vorrede wurde gesagt, daß es sich hier nicht nur um eine körperliche Erziehung handle, sondern um eine Erziehung des ganzen Menschen mit seinem Denken, Fühlen tind Wollen.
In welcher Art dies geschieht, sollte an den vor- geführten Hebungen gezeigt werden.
Wie lösen nun die Goheländer die sich selbst ge stellte schwere Aufgabe? Man sieht einerseits ganz unglaublich stark herausgearbeitete Bewegungsfor- men. Ein sehr starkes Sichhineinfühlen in die vier Richtungen und in den Raum, und dieses durch- geführt auch in der lebhaftesten Bewegung und im Sprung. Man hatte das Gefühl einer Disziplin. Dabei ließ sich im freien Zusammenspiel der einzelnen ein ausgefprorfjen musikalisches Element erkennen, was man sonst wohl nur selten bei gymnastischen Hebungen (denn im Rahmen der Hebungen hielt sich der ganze Abend) zu sehen bekommt. Daneben allerdings ließ sich oft, besonders in den langsamen Hebungen, eiiy seltsame Gebundenheit, ein Festgehaltenfein erkennen.
Und fo hatte man den Eindruck, als ob die Loheländer in ihrer ständig sich wandelnden Entwicklung doch auch noch durch manche Phase sich hindurchringen werden, ehe sie zu dem Einfachen, in sich Wahren und Lebendigen hindurchzukommen sind, das letzten Endes das Ziel jeder echten Kunst und auch der Bewegungskunst ist. X.
Gietzcuer Wochenmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 150 bis 170, Matte 30 bis 35. Käse (10 St.) 60 bis 140. Wirsing 15 bis 25, Weißkraut 10 bis 15. Rotkraut 15 bis 25. gelbe Rüben 10 bis 15. rote Rüben 10, Spinat 25 bis 30, Unier-Koblrabi 8 bis 10, Grünkohl 20 bis 25, Rosenkohl 40 bis 45. Feldsalat 120 bis 150. Endivien 80 bis 100. Tomaten 70, Zwiebeln 10 bis 20. Meerrettich 30 bis 80. Schwarzwurzeln 30 bis 50. Kartoffeln 7. Aepsel 25 bis 50. Birnen 15 bis 25. Honig 50. Russe 70. junge Hahnen 10) bis 120. Suppenhühner 100 bis 130 Pf. das Pfund: Eier 10 bis 11. Blumenkohl 30 bis 100. Salat 20 bis 30. Lauch 5 bis 15. Sellerie 20 bis 50 Pf das Stück. Radieschen Bd. 20 Pf.
Vornotizcn.
Lageskalender für Dienstag. Stadttheater: 7'.. Uhr, „Einsame Menschen' (Ende gegen 10> Uhr). Evang. Etadtmission: 8>.. Uhr, Vortrag. - Lichtspielhaus, Bahnhof-
Grenze zu erreichen. Sylvain hat dort auf einsamer Höhe die im Dorfe verachtete Rose in ihrer Hilfsbereitschaft schätzen gelernt und will sie am andern Tage zum Altäre führen. Belamy, zu dem die Kunde von dem Entgehen der Flüchtlinge gelangt ist, schickt ihnen seine Scharen nach, und das Gerüche von der Umzingelung der Verfolgten läßt Sylvain glauben. Rose habe, um des Kopfgeldes willen, die Flüchtlinge verraten. Er wendet sich darum von ihr und wird erst durch die Rachricht, daß die Flüchtlinge die Grenze überschritten haben, versöhnt. Belamy. der gehofft hatte auf Grund der Gefangennahme öum Leutnant befördert zu werden, sieht sich getäuscht und will sich durch die Erschießung Silva ine rächen. Durch die Ankunft seines Leutnants in die Enge getrieben, sieht er von der Vollstreckung des Urteils ab, da Rose mit einer Anzeige wegen Pflichtversäumnis droht. So gibt es ein glückliches Paar, und der Zuschauer lächelt über den geprellten eifersüchtigen Gatten Thibaut.
Diese an sich klare Handlung gibt durch die Fülle seiner Situationen reiche Gelegenheit zur Entfaltung: einmal in den Auftrittsliedern der einzelnen, dann in den lyrischen Höhepunkten des 2. Aktes, wo sich zwei liebende Paare gegen- überstehen. Rose und Sylvain, Belamy und Georgette, in dem En'emble der Flüchtlinge, im 3. Akt in Roses großer Arie und in den durch die Mißverständnisse geschaffenen Szenen.
Die Oper steht und fällt mit der Partie der Rose Friquet. Adele Kern vom Opernhaus zu Frankfurt a. M. kann schlechthin als eine ideale Vertreterin dieser Rolle bezeichnet werden. Richt nur. daß ihr prächtig ausgebildete Stimmittel zur Verfügung stehen, mit denen sie den größten Anforderungen des Kolvraturgesanges gerecht wird und darin die Vertreterinnen ihres Faches überragt, daß sie imstande ist. den sonst in der Koloratur üblichen Kopfton selbst in höchster Höhe zum strahlenden Fortissimo zu weiten. Auch als Darstellerin hatte sie große Momente, die Wandlung von der verachteten Ziegenhirtin zum erwachenden Selbstgefühl im Lieveserleben. zur künftigen Madame, führte sie lebenswahr durch. Als zweiten Gast hatte man Benno Ziegler, auch vom Frankfurter Opernhaus, verpflichtet.
straße. .Unfcrc Emden". — Astoria-Lichtspiele .Die Gespensterfarm".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Rach dem großen Erfolge, den MaillariS Oper .Das Glöckchen des Eremiten" am Sonntag errungen hat. nicht zuletzt durch die Mitwirkung der beiden Gäste Adele Kern und Benno Ziegler vom Frankfurter Opernbaufe. fei besondere daraus hin- gewiesen. daß das Werk nur noch am nächsten Freitag und nicht weiter im Abonnement gegeben werden kann. Eine Rose Friquet. wie sie Adele Kern die die Rolle eigens für die zwei Gießener Aufführungen cinftubiert hat geboten und einen gleichwertigen Belamy. wie den von Benno Ziegler wird man so keich, nicht wieder zu hören bekommen Da zudem Operettenpreife gelten, ist der Besuch dieser Vorstellung auch auf Operettengutscheme möglich — Wiederholt sei auf das Gastspiel der Äammcr- tanzbühne Laban am SamStag. 26. März, hingewiesen. Rulolph Laban ist mit seiner Schule zweifellos ein Bahnbrecher des modernen TanzeS. Allen Sbeaierintereffenten steht ein hochinteressanter Abend in Aussicht.
— Der Goethe-Bund lädt im heutigen Anzeigenteil zu seiner am Samstag, 26. März, stattsindenden Beethoven-Gedenkfeier ein. Die Feierrede, die Beethoven alS den großen Erzieher der Menschen schildern wird, hält der Dichter und Schriftsteller Dr. Richard P l alte n st e i n c r aus Wien. Rach seiner Gedenkrede -- so schreibt man uns wird Dr. Plat- tenfteiner aus seiner Beethovendichtung vorlesen, die Beethoven zeigt als Entsager im Danite häuslichen Elends, als Kämpfer, als Sieger und schließlich alS Lleberwinder. Die Feier wird umrahmt von Beethoven-Gesängen des Bauer- schen Gesangvereins. Gin Teil des Reinertrags soll der Volksspende zur Errichtung einer Beethoven - Gedächtnis - Tonhal e zugewiZen werden. Ein allseitiger 'Besuch dieser vielversprechenden Veranstaltung ist zu wünschen.
— Die Volkshochschule Gießen empfiehlt ihren Hörern und Mitgliedern den Besuch der am 26. März ftaltfinbcnben Beethoven-Gedenkfeier des Goethe-Bundes. Karten zum ermäßigten Preis von 1 Mk. find auf der Geschäftsstelle zu haben. (Siehe heutige Anzeige.)
Leipziger Soloquartet l für Kirchengesang. Es sei auch an dieser Stelle auf das Konzert des Leipziger Soloquartetts für Kirchengesang hingewiesen, das am Freitag, dem 25. März, in der IohanneSklrche stattfindet. (Siehe heutige Anzeige, l
** 60jahriges Sc ft eben der Nationalliberalen Partei. Am Sonntagnadjmit- tag feierte die hiesige Ortsgruppe der Deutschen Volkspartei im vollbesetzten Saale der Giebigshöhe das 60jährige Bestehen der Nationalliberalen Partei. Nach herzlichen Begrüßungsworten dcs Vorst änden, Prof. Dr. Ärausmüller, und einem von Frau Dr. Fischer und Herrn Franz Bauer jr. feinsinnig Dorgetragenen Musikstück sprach Fraulein Kleber-Friedberg in eindrucksvoller Wetz« den Prolog: „Zum Gedächtnis der Nctionallideralen Partei". Hierauf hielt Oberstudiendirektor Dr. R i n- gek - Wctzlar die Festrede. In etwa einstündigem Vortrag ging der Redner ein auf die Geschichte der Nationalliberalen Partei, verbreitete sich insbesondere in längeren Ausführungen über das Wefen des Liberalismus und zeigte, wie die liberalen Ideen des Freiherrn vom Stein den Ausgangspunkt zur Gründung des Nationalvereins, des Vorgängers der späteren Nationalliberalen Partei, bildeten. In überzeugender Weise legte er bann dar, daß zu dem liberalen Gedanken der nationale hinzukommen mußte, denn der Liberalismus muß dort Halt machen, wo er den Interessen des Vaterlandes zu nahe tritt. Die Forderung: „Bürgerliche Frei- h«it und nationale Einheit" wurde zur Parole der Nationalliberalen Partei und ist heute die der Deutschen Volkspartei. Starker Beifall dankte dem Redner für feine tiefgründigen Ausführungen. Im Anschluß an die Festrede beschloß die Versammlung, an den Parteiführer Dr. Strefcmann ein Huldigungstelegramm zu senden. Ein Atueites Musikstück, das ebenfalls von Frau Dr. Fischer und Herrn Franz Bauer jr. in gleich ansprechender Weise oorgclragen wurde, leitete über zu dem Theaterstück: „Der Herr Doktor", das von den Da-
Als Velamy zeigte er echten Dragonerschneid, frisches, siegbewußles Draufgängertum. Im Trinklied des letzten Aktes (»Soldatenart" von Fran- Abt als Einlage) entfaltete er fein in der Mittellage glänzendes Organ. Auch in den anderen Rollen war zum Teil recht Erfreuliches zu erkennen. Eine Kabinettfigur gab Kurt Hampe als Thibaut. Sein Spiel verlieh dem Pächter die typische Bauernschlauheit, dem der Hörer gern die Untreue feiner Frau gönnte. Heinz Steinbrecher als Sylvain hatte namentlich im letzten Akt sehr beachtbare Augenblicke. Hedda Burger gab der Pächtersfrau einen Zug ins Vornehme und einen Zug von naiver Frische in Spiel und Gesang. Theo Kaiser war ein Prediger voll Würde und Wärme. Die Chöre zeigten stimmliche Frische, besonders im 2. Akt klangliche Abrundung. Dem Orchester fiel vielleicht die schwierigste Ausgibe zu. denn gerade in der Oper muß der Orchesterllang auf das Feinste abgetönt werden, da er den Untergrund für die Solisten abgeben muß. Das erfordert ausgiebige Routine, und wenn hier und da noch nicht alles nach Wunsch sich einfügen konnte, so werden die Kräfte und Fähigkeiten im Laufe weiterer SeftcIIter Anforderungen wachsen und sie steigern.
'n Kapellmeister Eugen Reff steht bem (Sanken eine anscheinend zielbewuhte Persönlichkeit vor. 3n Anbetracht der zur Verfügung stehenden Mittel führte cr die an musikalischen Schönheiten und charakteristischen Wendungen reiche Oper sehr geschickt durch. Für die Zukunft mühten die Blechinstrumente recht gehörige Dämpfung erfahren. Die Spielleitung hatte für eine abgerundete Durchführung der Handlung Sorge getragen. Die Stimmung der Flüchtlingsszene kam nicht einheitlich zur Geltung durch die Fußsreiheit einiger Choristinnen Karl Löffler und Ludwig Keim hatten stimmungsvolle Szenenbilder geschaffen, die jeden Vergleich mit größeren Bühnen aushalten können
Für die Zuiunft wäre es zu wünschen, daß sich d.e Theaterleitung der Pflege der Spiel- cper und besonders des Singspiels des 18. Jahrhunderts annehme, denn es gibt da noch eine Reihe von Schätzen zu heben, die durch die Entwicklung der Zeit unverdienterweise in Vergessenheit geraten sind und die gerade aus den fe
rnen Tetzlafs und Maternus und von den Herren Richter und Schirmer ganz vorttcfllch gespielt wurde. Um die Einübung des dazu gehörigen Kinderreigen» batte sich Ftt. v e l k c verdient gemacht. Die Begleitung der im Lustspiel vor- kommenden Gesangspartien geschah von Frau Professor Rolofs in feinsinniger Weise. Zum Schluß trug die Heimatdichterin Frau Dr. irroh - weinBuchner-Ebsdorf mundartliche Märchen und Gedichte vor und erntete damit starken Beifall. Vorbereitung und Durchführung des geselligen Teils lagen in den Händen von Frau Landgerichts- direktor S ch u d t und Frau Pros. R o l o s f, denen der Vorsitzende besonderen Dani aussprach.
" Krüppelbeim-Baulotterie. Wie uns die Deamtenbank Damiftabt mitteilt, sind nun die letzten Lose au der Mannten Krüppel- beimbaulottcrie zum Verkauf ausgelegt. Es sind bereits weit über die Hälfte der Lose abgesetzt, woran die Schulkinder, die ihren bedrängten Kameraden mit unermüdlicher Opserwilligkeit immer und immer wieder Helsen wollen, daS Hanptverdienst haben. Die wegen der vielen karnevalistischen Veranstaltungen nur .bestellten Lose werden größtenteils jetzt fleißig abgcbolt. ein schöner Beweis dafür, daß trotz der Vergnügen der armen Krüppel gedacht wird Wer jetzt immer noch keine Lose hat. der kaufe recht bald davon, zumal cr neben der Förderung eine- idealen Zweckes auch noch ganz außergewöhnliche Gewinnchancen hat. Die Lose sind überall zu haben, wo die bekannten Schilder mit der Glücksvilla auShängcn.
•* ReichSverband deutscher Ton- künstler und Musiklehrcr. Ortsgruppe Gießen. Man berichtet unS: 3n der Ortsgruppe des RDTM. gab Sri. Elisabeth Decker einen kurzen llcberblia über die Tonika Do Lehre, als ein Erziehungsmittel zum musikalischen Denken und bewußten Hören. Sie bewies die Vorzüge und die Anwendbarkeit dieser Lehre an einigen kleinen Mädchen. Diese acht- bis zehnjährigen Kinder, die vor vier Monaten musikalisch noch vollständig unerfahren waren, leisteten in Gchörübungen, Trcfsübungen unb im Absingen ganz Erstaunliches. Die Tonika Do Lehre ist in England entstanden und von der ausgezeichneten Musikerin Frau AgneS Hundoeg- aer vor etwa 20 Jahren nach Deutschland gebracht worden, wo sie gerade in den letzten Jahren lebhafte Anerkennung und Ausbreitung findet. Der Pestalvzzische Grundsatz: .Anschauung ist das absolute Fundament jeder Erkenntnis", liegt auch der T. D. Lehre zugrunde, denn sie verwendet zu ihrem lückenlosen Ölnfbau lebendige Anschauungs- und älebungSmittel. Eie regt ferner in hohem Maße das Selbstschaffen deS Schülers an und entwickelt die flcinfte musikalische Anlage T. D. gibt den elementaren Unterbau für jede Art einer späteren speziellen Musikbetätigung Wie man Buchstabieren-, Lautieren-. Lesen- und Schreibenlernen als Dorstusc deS deutschen Unterrichts verlangt, so fordert die neue Musikerziehung jeglichen Musikunterricht mit Hebungen zur Bildung deS Tonbewuhtseins. des Gehörs und des rhythmischen Gefühls zu beginnen. Da die T. D. Lehre, wie schon erwähnt, von den primitivsten Anschauungen und Vorstellungen ansgeht, so sollte man diese einfache Kunst deS Musizierens unsrer ganzen Jugend zukeil werden laHcr.
•• Grundsätzliche Entscheidungen deS Großen Senats deS ReichSver- sorgungSgerichts. Die Kriegerkamerad- schaft „Hassia" teilt uns mit: Der Große Senat des Reichsversorgungsgerichts fällte, wie der Verband der Kriegsbeschädigten und Krieger- Hinterbliebenen des Deutschen Reichskriegerbundes „Kyffhäuser" mitteilt, am 16. März Entscheidungen in drei wichtigen Versorgungsfragen Alle Fälle wurden zugunsten des Reichsfiskus und zuungunsten der Kriegsbeschädigten entschieden. Zunächst wurde die rückwirkende Kraft der durch die 4. Rovelle zum Reichsversorgungsgesetz cingeführten Ausschlußfrisk für Beantragung deS Beamtcnscheins endgültig festgelegt. Ferner wurde entschieden, daß Offiziere, die während des Krieges eine höhere Dienststelle innegehabt haben, für ihre Penfionsbezüge dann keine Vorteile aus der hieraus folgenden höheren Eingruppierung mehr haben sollen, wenn sie auf Grund ihre- Dienstgrades in der unteren Besoldungsgruppe
dürfnissen der deutschen Schauspielbühne hervorgewachsen sind. — in—
..Unsere Emden".
Lietzener Lichtspielhaus.
Der Film von Glück und Errde des berühmtesten Schisses der alten deutschen Kriegsmarine. Roch einmal erlebt man in diesen Bildern, die aneinandergereiht wie eine Chronik deS Marinearchivs wirken, die phantastische 90tägigc KriegS- sahrt des Schisses, dessen Raine 1914 in der ganzen Welt bekannt und in allen Gewässern wie der .fliegende Hollander" gefürchtet war. 3m fernen Osten, vor Tsingtau, beginnt die Kaper- sahrt. bei den Keelingsinseln im einsamen Ozean findet sie ein ruhmreiches Ende. Von der weit überlegenen Artillerie des englischen Kreuzers .Sidney" furchtbar zusammengeschofsen, läuft die .Emden", in Brandwolken gehüllt, mit letzter Kraft auf den Strand: alle Geschütze sind unbrauchbar geworden, aber noch immer weht über den Rauch!chwaden die Kriegsflagge am Mast. Ilnb Kapitänleutnant Mücke, der mit dem Can» dungslorps auf den Kokosinseln zurückblkeb. rüstet sich schon zur neuen Fahri mit der kleinen .Ayelha" Was zwischen Anfang und Ende liegt, gewaltige Kapercrfolge. siegreiche Treffen mit feindlichen Kriegsschiffen, Beschießung von Madras. Zerstörung der britischen Grohfunl- Ration, ist wohl noch in aller Gedächtnis und braucht nicht erzählt zu werden
3n starken, sehr sachlichen Bildern, unter der planvollen Regie von LouiS Ralph geschaffen. wird dies alles der Rachwelt überliefert : der Film, den die Emclka ins Leben rief, ist ein historisches Dokument, auf das wir stolz fein dürsxn. Schauspielerisch ist das Werk, seiner ganzen Anlage nach, nicht übermäßig n giebig, aber es erhält eine besondere Rote durch die Mitwirkung einer Reihe von Angehörigen der aftiven Kreuzerbelatzang u. a. der Offiziere v.Mücke. Lauterbach Witthoefl und Benzler. Ralph, der Recnlleur. gibt taft- voll die Rolle des inzwischen verstorbenen Kommandanten Carl von Müller. -r-


