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Nr. §4 Zweites Blatt

Ieitungsschau.

3n bet .Vofsischen Zeitung" ant­wortet Georg Bernhard auf einen Aufsatz de« Staatssekretär« in der Retchskanzlei Dr. Pünder. der den Kurswechsel de« ZetUrum« und de« Reichskanzlers Dr. Marr begründete. Bernhard schreibt: .In dem. was Dr. Pünder al- Prophet und Jünger seines Reichskanzlers will, fudt der Gedanke deS .Burgfriei'enS". der da- eJ^agtoort von der .Einheitsfront" gezeugt hat. Derartige Schlagworte ,;nb feit dem Kriege in Deutschland gang und gäbe. Sie find ver­ständlich. wenn ein Volk gegen eine Welt von Gegnern um seine Existenz kämpft. Und trotzdem fängt man heute vielfach doch schon an. darüber nachzudenken, ob nicht zum Teil Biederlage und Zusammenbruch deS deutschen BolkeS durch die Friebhossruhe deS .BurgsriedenS" und durch den Homunkulus .EinhcttSsront" verschuldet wor­den sind. Auch in der auswärtigen Politik, und gerade in kritischen und in Krieg-zeiten, ist d.e Möglichkeit für eine Regierung, mit Anhängern verschiedener Anschauungen bald hier, bald da Anknüpfungspunkte finden zu können, viel wert­voller al- eine .Einheitsfront", der zuliebe die Vielgestaltigkeit der Meinungen und der Tem­peramente geknebelt und außer Kraft gefetzt wird. In der inneren Politik aber ist der Kamps not­wendig. um eine richtige Ausbalancierung der Kräste und der Interessen zu Erzielen. Und so wichtig die Herüberztehung der Deutschnationalen zur Mitarbeit am neuen Staat sicher ist, fo bleiben daneben doch andere Interessen minde­sten- ebenso wichtig. Und die Aufgabe, diese Interessen zu vertreten, bleibt der Opposition. Die Deutschnationalen sind wahrscheinlich nicht schlechter, aber sicher auch nicht besser al- andere Parteien. Und die Mehrheit der Führer der Deutschnationalen. die sich entschlossen haben, in die neue Staat-ordnung einzuschwenken, haben daS doch nicht getan, weil sie in dem Reichs­kanzler Marr ihren Seelenhirten sehen, der sie nun xu anderen Idealen bekehrt hat. sondern einfad) deshalb, weil sie glauben, in dieser neuen taktischen Position ihre besonderen Parteiinter­essen besser vertreten zu können. Sie haben sich davon überzeugt, daß sie im Borzimmer der Republik zwar schreien, aber nicht praktisch wir­ken tonnen. Sie wollen nicht mehr schreien, sondern sie wollen wirken. Und wofür sie wir­ken wollen, darüber besteht doch gar kein Zweifel. Ein bißchen verfällt vielleicht der Reichskanzler Marr auch in den Fehler, den man früher der deutschen Außenpolitik Immer nachsagte. Der Deutsche ist nur allzu geneigt, aus Verbrühe- rungSdinerS den Schluß zu ziehen, daß nunmehr zwischen den Dinerteilnehmern keinerlei Gegen­sätze mehr bestehen, und dah jeder, mit dem man die Sektpoinle hat zusammenklingen lassen, nun auch deutschfreundliche Politik zu machen ver­pflichtet ist. Weil wir an ziemlich robuste Formen de« politischen Kampfe- gewöhnt find, und weil e- nach gar nicht so lange her ist. das» in Deutschland sich niemand mit seinem politischen Gegner zu Tisch setzte, betrachten wir Deutschen unsere Tischnachbarn nur allzu leicht als unsere Freunde. Daher denn auch immer wieder die Enttäusckung. die sich hinterher nur allzu leicht in zügellosen Beschimpfungen unö Klagen über Treulosigkeit entlädt. Wenn deutfchnattonale Po­litiker sich nun jetzt willig um einen republikani­schen Miniftertifch rnttversamrneln. so darf das doch darüber ntüht hinweatäufchen. dah sie sich die Republik wefentllch anders denken, al- weite ihnen politisch entgegengesetzte Schichten des deutschen BolkeS. Und wir nehmen ihnen daS nicht im mindesten übel, sondern halten ihr Mitregieren für ihr gutes Recht, nur wollen wir unS hinterher nicht, weil wir unS vorher über ihre wahren Ziele täuschten, enttäuschen und womöglich zu Anklagen gegen sie hinreihen lassen, die minstenS so ungerecht wären, wie die Täuschung von vorher verhängnisvoll war. Und deshalb bleiben wir demokratisch Gesinnten in bet Opposition, solange die Deutschnationalen mitregieren. ES herrscht eben bei uns noch immer die ganz veraltete Auffassung, dah Opposition etwas Regatives. Destruktives ist. Rein: in jedem parlamentarischen System ist die Opposition etwa- Fruchtbares. Und gerade das Zentrum sollte der Demokratischen Partei be­sonder- dankbar dafür fein, dah sie nicht der Sozialdemokratie allein die Rolle der Oppo­sition überlassen hat.---In einem irrt sich

Staatssekretär Pünder: die Opposition denkt heute gar nicht daran. daS Kabinett zu ftür^cn. Die neue Regierung soll zeigen. waS sie leisten kann, bair play auch für die deutschnationalen Minister. Aber die Opposition wird als getreuer Merker jeden Fehler aus die Tafel kreiden. 8s sollen ihr mehr als sieben Fehler .vorgegeben" werden. Denn In langen Jahren hat die heutige Oppo» fltion gelernt, dah nicht ganz leicht ist. zu re­gieren. Aber die Opposition wird jederzeit bereit

Fasching im Stadttheater.

(Sichen wird Großstadt"

Wie eS kam, weih ich nicht, aber immer wie­der ging mir der lateinische Spruch: .ultra possc nemo onli^atur durch den Kops. Ich framte in meinen Schulerinnerungen und übersetzte eS ist mit nachträglich zweifelhaft geworden, ob ich die richtige Gehirnschublade aufgezogen habe daS ultra posse nemo obligatur8 mit: .Zu mehr als einer Posse ist niemand verpflichtet." Ich schloh logifcherweise: Eine Posse sollte der Mensch aber anstandshalber schreiben, und setzte mich hin und schrieb: .Diehen wird Grohstadt", Lokal­posse Gesang und Tanz tn 5 Bildern. Ich verspreche aber schon jetzt, eS wird bei dieser einen Posse bleiben, beim ich bin nicht bös­artig. im Gegenteil, ich bin harmlos, sogar sehr harmlos.

Diese Harmlosigkeit erhellt auch daraus, dah ich nicht den Titel .Revue" für das Stück ge­wählt habe, sondern .Posse". Revue Cingt ja moderner, klingt ja prickelnder, erweckt die Per­spektive auf weitgehende Ungezogenheit Ver­zeihung Ausgewogenheit; ich bin aber der Meinung, dah die Racktkultur sich belfer im Fa­milienbad einet Stadt entfaltet, als auf deren Bühne, selbst toenn es sich um eine Stadt handelt, deren Einwohnerzahl jid> dem ersten Hundert­tausend nähert, denn Gießen wird ja in der Posse Grohstadt!

DaS wird die Zeit unserer Kinder oder Enkel sein! Da werden die Gießener Dienstmänner drei Sprachen sprechen, die Schuldiener werden ihre Gespräche mit Zitaten würzen, da sie sich

Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Dienstag, 22. Sebruar (927

sein, die Regierung-Verantwortung wieder zu übernehmen, wenn eS sich zeigt, dah für das Hous der deutschen Republik die Deutschnationalen eine Inneneinrichtung anfertigen wollen, die der Mehrheit deS deutschen BolkeS nicht besagt. Dar­über werden die nächsten Wahlen entscheiden. .Bei Philippi sehen wir unS wieder"

Zum Kapitel .KulturkriliS" schreibt die .Kölnische Zeitung" folgende, gar nicht ernst genug zu nehmenden Sätze:

ES läßt lich heute noch nicht abschätzen, wie weit der Weltkrieg die Gesamtkultur der Mensch­heit zurückgeworfen hat. Sine- aber ist sicher: eS wird jahrzehntelanger Arbeit bedürfen, um feine schädlichen Folgen zu überwinden. Sie zeigen sich bei Siegern und Besiegten und auf allen Ge­bieten. im geistigen wie im sittl:chen Zustand der Böller. Unser deutsches Volk hat mit am schwer­sten gelitten, die Verirrungen der letzten Jahre waren groh. nur langsam schreitet die Selbstbe­sinnung fort. Wir stehen mitten in einer Kultur­krise. Aus dem Zusammenbruch unterer Macht haben wir zwar das einige Reich und mit ihm die Grundlaaen unserer Kultur gerettet. Aber die Kultur deS Geistes, durch die wir groh geworden sind, wird zur Zeit in den Schatten gestellt durch eine Kultur deS Lebensgenusses, wie sie die deut­sche Geschichte kaum jemals gesehen hat. Unser Boll ist von einem Krampf gepackt, der im chroffsten Gcgenfah steht zum Ergebnis deS Krie- icS und doch gerade darin auch feine Erklärung indet. Auch die an sich erfreuliche und als Erfah ür die militärische Schulung notwendige Kultur deS Körpers droht zu einer Gefahr für die Kultur deS Geiste« zu werden. Zu der einfeitigen Geistesbildung, die schon vor dem Kriege durch das Uebermah menschlichen WisscmS erzwungen war, gesellt sich heute eine weitverbreitete Ge­ringschätzung der geistigen Leistung überhaupt. Sine Umwertung aller Werte hat eingesetzt. In der Presse, dem Spiegelbild der Dolksseele. zeigt sich das am deutlichsten. Wenn eine Deutsch­amerikanerin den Kanal durchschwimmt oder ein Landsmann in einem internationalen Boxkamps den Sieg erringt, dann gerät die Dolksseele und zwar nicht nur die ungebildete - - außer Rand und Band, und ihre ZÄtungen feiern den Triumph der Muskeln als eine grohe nationale Tat. Wenn aber ein deutscher Gelehrter ein Berfahren zur Verflüssigung der Kohle erfindet oder gar den chemischen Stoff entbehr der vita­minarmen Rahrungsmitteln volle Rährkraft geben kann, wenn also im Reich ber ©enter wirklich Gröhes geschieht, was die Lebenskultur des gan­zen Volkes angeht, bann erscheint es im Wert­urteil der öffentlichen Meinung als eine kleine Rotizunterm Strich". Rur ein philiströses Ge- nrüt hat keine Freude an der sportlichen Be­tätigung unserer Jugend, an dem frischen Ge­baren. dem leiblich unb meist auch seelisch ge­sünderen Heranwachfen eines frühzeitig reif wer­denden Geschlechts. Aber was nutzt es. wenn mit mit bet Kraft unserer Arme die ganze Welt ge­wännen und nähmen Schaden an unserer Seele! lieber der Körperkultur darf die Geisteskultur nicht vergessen werden. Ein gesundet Geist im gesunden Leib, daS war ber Wahlspruch ber alten Griechen unb Römer in ihrer höchsten Blütezeit; ein gesunder Körper ohne Geist ist ge­wiß keine erstrebenswerte Kulluverscheinung. GS sieht jedoch fast so auS, als ob wir diesem ®r- ziehungSideal zusteuerten. Achtlos geht die Menge an ber Rot ber geistigen Arbeit vorbei; sorglos sieht sie ben gebildeten Mittelstand versinken, ber einst ber Träger unserer nationalen Kultur war. Ja, wenn ein neuer Kulturträger an seine Stelle träte, wenn auS ben Ruinen wirklich neues Leben erblühte man formte sich abfinden mit dem schmerzlichen Verlust. Aber das Ist ja keines­wegs der Fall. Die Kultur ber Sechstagerennen, ber Revuen unb Riggertänze Ist kein Ersah für bie Geisteskultur, die eine ohne eigenes Verschul­den zum langsamen Absterben verurteilte Volks­schicht fast xtoei Jahrhunderte lang mit größtem Erfolg gepflegt hat. Und wie wollen wir den neuen Lebensgenuß, der doch nichts anderes ist alS eine Entartung ber Kultur, wie wollen wir ihn rechtfertigen angesichts ber oft entsetzlichen Rot weiter Volkskreise? Die Gefahr besteht, daß wir toicber in jenen Kulturzustand zurücksinken könnten, wo die breite Masse deS Dolle« mit Zugang hatte zur religiös-sittlichen Kulttir, aber auSgeschlssen war vom schöngeistigen, wissenschaft­lichen unb künstlerischen Schaffen ber Zeit. Es geht um mehr, als Regierungen unb Parla­mente zu glauben scheinen: es g^ht um Sinn und Inhalt unsere« nationalen Lebens. Und es geht um unsere große deutsche Kulturgemeinschaft. bie auf bie Dauer bie vielen Millionen Deutsch: im Auslanb nur bann an sich zu ziehen vermag, wenn sie selbst neue Kulturwerte schafft unb bie alten sorgsam hütet. Das ahnen heute schon mehr Deutsche, al« sich unsere Regierungsweisheit träu­men läßt, unb vor allem ahnt es baS Ausland. Dorläusig zehren wir noch vom Ruhm der Der«

gangenheit. Wie lange wird c« dauern, bi« un- andere Döller den Rang abgclaufen haben? Wer auf einen neuen Aibelungenenkel warten will, .daß er die Zeit, den toll gewordenen Renner, mit eherner Zaust beherrsch unb ehernem Schen­kel". ber wird feine Zeit verpassen, unb wir habe- doch keine Zeit mehr zu verlieren. Sin Volk, da« feine Kultur nicht wahren unb mehren kann, geht zugrunde.

Fördert das ländliche Siede ungswefen!

(Sine Munhqcburq landwirtschaftlicher Organisationen.

erlln, 21 L) Die Gesellschaft

zur Förderung der inneren Kolonisation, ber Deutsche Landwirtschaslsrar. die preußische Haupt- landwirtschastsfamnicr. derReichSvcrband der deut­schen Industrie, der Reic^landbund. ber Deutsche Bauernbund, die ^Bereinigung der deutschen Bauernvereine, ber Reich«verband landwirtschaft­licher Klein- und Mittelbetriebe und der Verband der preußischen Caobgemeinben veröffentlichen fol­gende Kunbgebung zur Frage ber ländlichen Siebeluna:

Im Jahre 1926 hat das Reich namhafte Be­träge für bie länbliche Siede lung her eil gestellt. Preußen hat sich dem angeschlossen. Dieser Schritt wirb in allen Kreisen des deutschen Dolkes lebhaft begrüßt, sind doch in ber Voraussetzung, bah Siedlung Eigentum bedeutet unb daß bei ber Durchführung de« SieblungSwerkes der RechtSgrunbfay de« Eigentums voll gewahrt bleibt, an einem umfassenden ländlichen Sied- lungswerk Landwirtschaft. Industrie. Handel und Gewerbe. Städte unb Canbgemeinbcn in gleicher Weife interessiert. Die Lanbwirtschaft braucht für ihren Bevölkerungszuwachs neuen unb a j 6 - reichen ben LebenSraum, auch bie in ben Canbfrcifen unb Canbgemcintcn zusammengefahtc Selbstverwaltung kann nur gedeihr.r. wenn der länbliche RachwuchS dem flachen Lanbe möglichst erhalten bleibt. Die In- buftrie erstrebt angesichts ber geschmälerten Aus- fuhrmöglichkeiten durch Vermehrung ber bäuer­lichen Stellen eine Stärkung ber Auf­nahmefähigkeit bes lanbwirtschaft- llchen Markte - für ihre Erzeugnisse. Hanbel unb Gewerbe, ins besondere in den mittleren unb kleineren ßtäbten werben burch die In ihrem Um­kreis neu entstehenben Bauern gemeinden erfah­rungsgemäß stark belebt. Sie Städte ebenso wie bie großen Landgemeinden in den Industrie- gegenben können ihrer Wohnungsnot unb Er­werbslosigkeit unb ber bamit zusammenhängen­den Folgeerscheinungen nicht Herr werden, mit deren Bekämpfung nicht zugleich die Quelle des Hebet« bie übermäßige ländliche Abwanderung durch eine starke ländliche Ansiedlung verstopft wird. Wenn trotzdem eine großzügige ländliche Siedlung bisher nicht in Fluß gekommen ist. fo liegt der Grund darin, daß wesentliche, fachliche Voraussetzungen für eine umfangreiche Siedlung auch jetzt noch nicht erfüllt sind. Die unterzeichneten Organifationcn fordern deshalb.

1. Wiederherstellung einer ausreichenden Ren­tabilität der Landwirtschaft als der sinn­gemäßen Vorbedingung für bie Gründung lebensfähiger neuer Dauern stellen.

2. Zusammenwirken aller öfsentlichen Faktoren zur Förderung der Siedlung nur nach sach­lichen Gesichtspunkten.

3. Verwendung nut sachkundiger, leistungsfähi­ger und genügende Sicherheit bietenbet Sied- lungSträger für die praktische Durchfüh­rung bes Siedlungswerkes. Die Möglichkeit bet Selbstfieblung burch ben Grundbesitzer muß Daneben gegeben fein.

4. Ausschaltung aller bureaufrati- schenEingtiffeindie SiedlungStätigkeit. Die wirtschaftliche Selbstänbigkeit unb Be­weglichkeit ber Siedlungsträger muh viel­mehr zur Sicherung eines wirklich wirtschaft­lichen, billigen unb schnellen Verfahrens un» a n g e t a ft e t bleiben.

5. Reben einem ausreichenden Zwischen- f r e b i t für ben ©ieblungSträger weit gehen­kt en unb billigen öffentlichen Dauetkte- bit für ben einzelnen Anfieblet als unerläß­liche Voraussetzung für eine umfangreiche Reusieblung. Sie Zwischen- unb Dauerkredit­mittel sind nach gesetzlich festgelegten Maß­stäben zu gewähren unb von bet frebitgeben- ben Stelle auf Grund des Gutachtens der Landeskulturbehörbe ohne Einschaltung weiterer Behörden entsprechend dem Verfahren der Vorkriegszeit unmittelbar zu bewilligen; nur dann ist cS dem SieblungS- träger wieder möglich, planmäßig auf Jahre hinaus sichere Maßnahmen zu treffen.

Eine schleunige Regelung des SiedlungSverfah- tenÄ nach diesen Vorschlägen ist notwendig, toeim

nicht auch noch daS Jahr 1927 gleich den Vor­jahren für den Beginn einer großzügigen länd­lichen Siedlung verloren gehen soll

Staatliche Kunftföröcrung in Hessen

Der kommunistische ßanbtag#abgcorbncte Dr. Daniel Greiner hat an die hessische Regie­rung folgende Anfrage gerichtet, bie auf bi« Kunstpolitik bet hessischen Regierung ein eigen­artige« Licht wirft:

Anfang Oktober 1925 erhielten bie Herren Maler Prof. Kurt Kemp in. Darmstadt. Maler O. F. Kutscher- Bad-Rauheim unb Maler Prof. R. T h r o 11 - Offenbach a. M vom Hoch­bauamt Friebbetg eine öinlabung. sich an ton engeren Wettbewerb für bie Ausmalung be« Konzettfaales in Bad-Rauheim zu beteiligen. Genannte Herren sandten trotz der sehr kärglich bemessenen Frist von kaum zwei Wochen ihre allen gestellten Bedingungen ent­sprechenden Entwürfe unb detaillierten Ko''envor- anschläge zum verlangten Termin ein. Don da ab hörten sie fünf Vierteljahre lang nicht das Geringste über daS weitere Schicksal ihrer mit großer Begeisterung für daS Ob ekt unternom­menen unb j. T. recht umfangreichen Arbeiten. Erst am 15. Januar 1927 erfuhren sie. fast durch Zufall - gelegentlich ber Drünbuogs- verlammlung be« ReichSwirtschaftSverbanbe^ bif- benber Künstler. Gau Hes en von dritter Seite, daß ber Wettbewerb schon längst entziehen, daß der Auftrag für 28 000 M k. an eine Frankfurter Firma (Prof. Linnemanns ver­geben. baß die Ausmalung deS KurhausfaaleS bereits weit vorgeschritten fei. Die von bi'fcr Mitteilung außerordentlich überraschten Künstler erhielten drei Wochen später vom Hochbauamt Friedberg folgende denkwürdige Rachricht

Friedberg, den 4. Februar 1927.

Zu Rr. H. 2. F. 11. 35

Detr. Ausmalung des Konzertsaales in Bad-Rauheim.

Wir beziehen un« auf den seinerzeit von Ihnen eingereichten Entwurf über die Ausmalung deS Konzertsaales in Bad-Rau­heim. Wir haben in der Elle übersehen. Ihnen seinerzeit mitzuteilen, daß Ihnen die Arbeit nicht übertragen werden konn e. Indem wir die- hiermit nachholen, bitten wir unser Der» sehen gütigst zu entschuldigen.

In der Einladung zum Wettbewerb sind weder die Ramen der Preisrichter, noch der Termin der Entscheidung bekanntgegeben. Eine Benachrichtigung der Beteiligten über ben Aus­gang bes Wettbewerb« erfolgte erst nach reichlich fünf Vierteljahren, offenbar unter bem Protest ber Grünbungsversammlung be« RWDBK. Auch in biefem Schreiben fehlt bie Bekanntgabe Der Ramen ber Preisrichter; außerdem sind keinerlei Gründe ber Ablehnung mitgeteilt. Auch erfolgte keinerlei Ausstellung der eingegangenen Entwürfe, bie zunächst ben beteiligten Künstlern unb bann ganz besonder« der Öffentlichkeit Gelegenheit gegeben hätte, in bie eingegangenen Entwürfe und Vorschläge Einsicht zu nehmen.

Ich frage nun an:

1. Sind ber Regierung dies« Tatsachen be» lärmt?

2. Wie stellt sich die Regierung dazu, daß ein« ihrer Organe in einer nicht nur Die hes­sische Künstlerschast, sondern Darüber hinaus bas ganze Land IntereffierenDen künstlerischen An­gelegenheit so geheimnisvoll unb selbstherrlich verfährt unD unter Mißachtung aller sonst bei Wettbewerben üblichen Gepslogen Hellen i n aller Stille ihre Entscheidungen trifft, ohne die Wettbewerbteilnehmer und Die Öffentlichkeit ihre EntscheiDung wissen zu lassen?

3. Was hat die Regierung dazu au sagen, bah bei Vergebung großer künstlerischer Aus­gaben hessische Künstler von Rus, Die man doch für fähig hielt, eine solche Aufgabe zu be» wälttgen, einfach überging unb Den Auftrag einer nichthessischen Firma zuerkannte?

4. Wie kann e« die Regierung rechtfertigen. Daß bei Der bekannten Finanzlage des hessischen Staate« trotz DeS um Die Hälfte nie­drigeren Angebote« hessischer K ü n st l e r (durchschnittlich 13030 Mk) Der Auf- trag für Die mehr alS doppelte Summe von 28 000 Mark an eine nicht hessische Fir- m a vergeben würbe.

5. Ist bie Regierung bereit, sowohl Die Ra­men der Preisrichter, sowie auch Die Entsetzei- bung Der Jury unb bie künstlerischen ® r ü n b e , welche bie Vergebung des Auftrags für bie doppelte Summe an eine nichthessische Firma nach Meinung ber Jury rechtfertigen, bekanntzugeben?

6. Ist bie hessische Regierung bereit. Den Drei genannten hessischen Künstlern wenigstens Da»

gewissermaßen mit der Literatur verschwägert füljlen, im Zoologischen Garten im Philosophen» waid wird Der im Innern Borneos neuentdeckte Menschenaffe, der Pithekanthropus Giesscniensis zu sehen sein und auf den Gänsewiesen steht Dann Das neue StaDion im Betrieb; Die oberhesfischon Bahnen Doch halt, Da hätte ich balD zu viel verraten und es fällt mir ein. dah neben meiner Harmlosigkeit Die Diskretion eine meiner Haupt- eigenfdjaften ist.

Diese Diskretion verbietet mir, hier ausführ­lich zu erzählen, wie Die Ankunft de« hundert- taufenDften Einwohners in Der Posse gefeiert wer­den soll; sie verbietet mir auszuplaubem. daß Deputationen aus allen deutschen Mittelstädten zu Dem Feste eintreffen werden. Darunter Herr EusebiuS Rörgelmeier unD sein Freund Dliem- chen aus Sachsen; sie verbietet mir. Ihnen anzu- vertrauen. was der Herr Eusebius Rörgelmeter bei seiner Ankunft hier, bei einer Feuerwehr- Übung. im Theater, im Flughafen unb beim Dollssest auf dem Schiffenberg für Abenteuer zu erleben, welche Himmel- unb Höllenfahrten er burchzumachen hat. Rur das eine kann ich Ihnen unter dem berüchtigten Siegel der fogcnannien Verschwiegenheit noch ins Ohr sagen, daß in der Posse neben aktuellen Couplets und Liedern ein niedlicher Tanz ober hessischer Kinder Vorkommen wird. Mehr sage ich um keinen Preis, denn wie schon erwähnt, darf ich neben der Harmlosigkeit Die Diskretion zu meinen wie sagt man in solchem Falle gleich? .schätzenswerten" Eigen­schaften rechnen.

Zu diesen Eigenschaften zählt schließlich auch ein unausrottbarer Optimismus. Ich glaube fast.

Optimismus ist eine chronische, unheilbare aber merkwürdigerweise nicht schmerzhafte Krank­heit. Denn au glauben, daß nach all Den karne­valistischen Veranstaltungen Der letzten Zeit, Den zahlreichen Oöerettenauffüfjrungen, einem großen Operngastspiel unD einem ausverkauften Künstler» fest noch ein Mensch in Gießen am Ende De« MonatS BargelD oder Interesse für Das Theater übrig habe, läßt beinahe auf nicht ganz intakte Vehimsunktionen schließen.

Aber ich halte es mit dem Kehrreim eines Couplet« aus der Posse:

.Ein Optimist läßt sich Den Glauben, e« nah ein Maximum, nicht rauben!*4

Ein Maximum würde e« in unserem Falle bedeuten, wenn Die Lokalposse .Gießen wirk) Groß­stadt" nach Der vorauf gegangenen VergnügungS- hochflut noch eine Anzahl voller und animierter Häuser erzielen sollte. Jedenfalls würde ich einen solchen Erfolg bereitwilligst al« .groß städtisch«" Anzeichen buchen.

Hermann öteingoetter.

HindemithsCardillac" in Darmstadt.

Bkll lebhafter Spannung sah man der Erst­ausführung von Paul Hindemiths neuer Oper .Cardillac" am Hessischen Landes» t b e a t e r in Darmstadt entgegen; es wohnten ihr zahlreiche auswärtige Besucher, namentlich Theatersachleute bei, denn das Landestheater ist die zweite Bühne Westdeutschlands, die das anspruchsvolle Werk nach seiner Uraufführung in Dresden (im Dovernber vergangenen Iahre«)

herausgebrachl Hal. Der jetzt im "Vordergrund der jüngeren Generation deutscher Komponisten ste­hende Paul Hindemith war eine Zeit lang ein Schüler von Professor Arnold Mendelssohn in Darmstadt, und einige seiner Schöpfungen auf bem Gebiete Der Kammermusik fanden hier schon sehr früh ein interessiertes Publikum. Cardillac, der Held der neuen Oper, ist ein Goldschmied m E T. A HoffmaimS bekannter Rovelle .DaS Fräulein von Scudery", der Die Käufer feiner von ihm verfertigten Geschmeide tötet, um wieder in Deren Besitz zu kommen. Dahinter steht Der Gedanke Der engen DerbunDenheit deS Künstlers mit seinem Werk. Hoffmanns Erzählung ist von außerorDentlich starker dramatt.scher Spannung, von Der aber sehr wenig in das Textbuch von F. Lion übergegangen ist. Einzig CarDillac vermag Teilnahme zu erwecken. Die übrigen Ge­stalten Der Oper sind seelenlose Schemen ge­blieben. Die Mufll Hindemiths steht im Vorder­gründe; sie geht oft ihren eigenen Weg neben Der Handlung her. stellenweise ist sie jedoch von starker suggestiver Kraft und trägt manche geniale Züge, Die auch wohl Der Hörer aner­kennen muß. Der sonst kein Freund atonaler Mufik Die Ausnahme de« neuen Werke« in Darm- ftaDt war zwiespältig; Der Beifall am Schluß überwog, aber er galt zweifellos in hohem Maße Generalmusikdirektor Rosenstock.der Die Auf­führung musikalisch leitete, Generalintendant L e* ga U Der die Regie führte und Schenck von Trapp. Der die Bühnenbilder gestaltet hatte, sowie allen Darstellern. DaS Landestheater hat mit dieser Aufführung eine hervorragende Arbeit geleistet, die hohe Anerketmung verdient. E. B.