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Nr. 272 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessenj

Montag, 21. November 1927

Kriegsentschädigung und Reparationsagent.

Dem De. TB. Herold

TBw befaimt. ha, der wBubge Reich»- »irtf chalre ra, ,u der »orlar» der Delchsregirru^ »u einem Kr egsf^den- in einem urdanflrr len Dutacht? n CttUunu amfrtnxr.cn. Dw LbLnd.rurgSanrrugc B*« Gutachten» sehen einige Derbesserun- fltn be* #nnr»r1d tw. die aber tnibrionberv ♦ür den Mittelstand unter den Gekchädtg- trn kaum von Bedeutung sind Zu der Frage der Dlitteldeschafsung dem Kernproblem, schwell Uch der De«r.'vnrrschasitret ganz au». Dreie noch dem Gutachten äußerst heille und schwierige Araar" bat inzwilchen n d-r Tages- presse au» Änlas, der Derössentt.chung de» Schriftwechsel» Zwischen dem Generalagenten lüt bw Repa ra Non s > ah l ungen und der, Deichs- fmanzminister eine breitere Erörterung gesun­den. TBtt au» dem Memorandum de - R«paration»agenten vom 2? Oktober d. 3. hrrvorg ht. hat der Agent '.h bereis» früher (In einem Schr. iben vom 2» August d 3. do» bi »her leider nicht veröffentlicht worden ifl) gegen die von der DeichSreg erung geplant« Der- Wendung der hx ihrem Deutz brs ndl.chen Dor- »ua»aktien der Deich»bahn zu Snl- fchädigungszw^cken gewandt Seine Bedenken sind fthensallS out die Befürchtung zurückzusübren. bab durch den Berkaus der von der Deichs­regierung erworbenen Deichsdahnrorzugsaftien di« spätere Unterbringung der der Repara- tion»lommif|ion zur Verfügung sieben­den 11 Milliarden Goldmark Reich»bahn- Obligaiivnen. mit denen die Rc.chSbahn ar. den Aeparation-lasien beteiligt ist. gcfährdet werden könnte. 3n noch stärkerem Maste würde nach dem Memorandum - der Reparattons- agertt gegen bi« etwaige Auslegung e nct Austenanleihe des Deiche» zur Brichaf'ui.g von Sn^chLNaungsmitteln Grnwendungen zu er­heben haben In seinem zweiten Teile nimmt daS Memorandum allgemein gegen die Finanzierung öffentlicher Ausgaben mit Hilfe von AuSiandS- krediten Stellung. Hier geht 'eine Argumen- tahon soweit sie auch gegen die Vorlage xum Kricgsfchäben-Schlußgrictz gerichtet sein sollte. t«bl: denn bei den En^chädigungSzahlungen han­delt es sich in hervorragendem Maste um pro­duktive Aufwendungen, deren produktiven Der- wendxnxaszwect übr.gcn# auch da» Gutachten de§ DetchswirttchastSra'.s al» ohne weisere» gesichert anstehi.

3n besonder» akzentuierter Weile richiet sich Mc allgemeine Kritik de» Memorandums an der deutschen Finanzgebahrung gegen eine An­spannung der öffentlichen Einnah- men. also rmplicite wiederum auch gegen die dritte Mdgttchkeit der Erfüllung der Enllchä- dtgxma»verpsl'chn>ng. nämlich die Heranziehung von DeichsbauShaltSmitleln. Der Ge- dankengang de» Reparalion»agenttn ist der. da st die Stat»b«lastm,g zur Steuerbelastung der TBirt- schaft und bannt xur Verteuerung der Selbst­kosten der Wirtschaft. also zur Verteuerung der deutschen Produktion führen müsse mit der Folge einer Preiserhöhung und der Verringerung der E r p o r t s ä h i g k e i 1 für deutsche Tvaren. die im Interesse «ine» mög­lichst weitgehenden Transfer» der Reparation»- zahlxmaen notwendig sei. Auch diese Argumen­tation ist mindesten» soweit sie sich gegen die Schlustabftndung der Krieg »geschädigten richtet abwegig Denn ,cde auimdümb« Entschädigung»- zahlung an die Ausländsdeutschen. Kolonial- deutschen usw. und die grosten geschädigten in- landSdeurschx n Ssportfirmen must sich im Gegen­teil aut dte Dauer e , p o r t st e i g « r n d und daher transererleichternd auSwirkcn.

Mit Recht weift die Entgegnung de» Deich»- ftnanzmimster» vom 5. Dovember d. 3. allen diesen Ginwendungen de» DeparattonSagenten gegenüber daraus b.n. dast der Entwurf zum vchlustentschädigunflsgeietz eine zwangSläu- fxge Folge der Mastnahmen der ehe- maligenFeind möchte und der Bestimmun­gen de» Dersaxller Vertrage» ist Der ArNket 297 i verpflichtet Deutschland wegen dieser

Voccherini kehrt nach Lucca heim.

Von Han» Arno Dichter.

Dor ein paar Wochen kehrt« Ludwig Docche- rint nach 122 Jahren au» Spanien heim nach 3talien. Feierliche Aufbahrung in seiner Vater­stadt Lucca, feierlich umttungen von seiner Musik, die zu dem Zwecke erst wieder auSgearaben werden mutzte 3n der entlegenen kleinen Kirche in Madrid hatte man lange unter dem Kalküberzug der Wände suchen müllen, «he man den ärmlichen Grabstein sand. Lui» Boccherin, 17431806" stand daraus sonst nicht» Di« meisten von un» wüßten nur cm Wort b'nzuzu- fügen: Da» Menuett. Jeder kennt e». aber wa» wissen wir sonst von seinen Kompositionen? Viele» liegt in der Königlichen HauSbibliothek in Berlin. Stilistisch war er sür keine Zeit ein Deutöner. beeinslustt von Johann Stamih. dem Meister der Mannheimer Schule tSbarahe- rxstisch ist für ihn der Reichtum an Figuration und die sehr differenzierten dynamischen Be- zeichnungen. Sein Stil ist falcmmäßig virtuolen- baft. sich gleichbleibend in all den Jahren seines Schassen» Originell ist die Besetzung seiner Kammermuflkwerkc. Gr schrieb 91 Streichquar­tette. 125 Streichquintette (teil» mit zwei Violon­celli und teil» mit zwei Bratschen be'etzli. M Streichtrio» (Bcsetzunq mit zwei Violinen und Violoncell oder mit Violine Bratsch« und Vio­loncelli. 12 Klavierquintette. 18 Streichquartette mit Flöte oder Oboe. 16 Serielle zwei Oktette. Diollnsonaten Duette. Sinfonien, ein« Orchester­serenade. Bioloncelllonatev ? er V olo-cell- konzcrtc und Kirchenmusik j.Jammen 366 Kom­

positionen

Dun ist der fast Vergessene in di« ver- funken« Stadt hcimgekehrt. Lucca liegt ab!eit» von den großen Straßen, noch jetzt un Dinge seiner mittelallerlichen Mauer beschlossen. C» ist eine Heine Residenzstadt, mit aristokratischen Palästen. Plätzen voll harmonischer Melancholie. Die gewundenen mittelalterlichen -2a'cn !.nb reich an künstlerischen äleberraschungen. S.e wir­ken in der Dämmerung wie verbllchene Kul-llen für die ewig neuen Liebespaare D e tönenden ® loden türme der Kirchen ragen über alte Baurn- gänge auf mächtigen Bastionen. Carrara» Berge

Maßnahmen die eigenen Staatsangehörigen zu entschädigen und stellte kv die LiquidatwnSlLnder von der Pflicht der Schadloshaltung Im. Seit 1919 warten dre Geschädigten auf den Ausgleich ihrer Schäden. Weite Kreise der deutschen Be- rc Urning 'mb durch diese Ennv.cklung der Dinge m wachsendem Maße beunruhigt worden. Hier einzugreifen und wenigsten» da» zu tun. wa» na* den schwachen finanziellen Ätd'lrr. de» Dei­che» g.'chch n kann, um einen Bruchteil dieser Schäden abiuaehcn und notwendigsten Wieder­aufbau zu «öroern. war unabwei»bar. Di« ..Gertnania da» Organ de» DeichSftnanz- Minister», führt dazu trel'end aui: .Bei In- kraltsetzung de» DaweS-Plan» wurde okt genug betont, daß e» sich nicht um ein« Aushebung de» Derfailler Vertrage» handle Derselbe Ikdaillet Vertrag .eh: aber vor. daß Deutschland leine Staatgangehörüzcn. dte infolge der Völkerrecht»- widrigen Beschlagnahmungen im Ausland u m Hab und 0) u l gekommen sind. entschä­dige. Jetzt, wo die'« Entschädigungen durch- geführt werden sollen, erhebt der Reparation»- agent Bedenken. Man darf sich daher im Au»- land nicht wundern, wenn bereit» da und dort in Deut chland der Verdacht laut wird, daß es den R.parationSaläubigern darauf ankommt, den Wiederaufbau de» Deutschtum» i m Ausland zu verhindern"

Man muß sich ftagcn. mit welchen Mitteln die Schadenrttam^rpslichtunz be» Deiche» au» Artikel 297 im Derfailer V.tttag erfüllt werden

Geschichten a (Rachdrud. auch mit Quellenangabe, verboten.) Tas Wüstrnauio.

(f) London

Ibn Saud, der Herr der heiligen Stätten und der Bcfitzer der augenblicklich strahlend tcn ÄroiK in der arabischen Welt hat viel gelernt, seit er von den Küsten de» persischen Golfe» zum Kamps au^zog gegen Hussein. König von England» Gnaden. Ion Saud, der früher Eng- lar.b» Schützling oelärnpfte, um heute selbst die britisch« Gunst zu genießen, ist em moderner Mensch Gr hat zwar die edelsten Pferd« unb die besten Renner, aber er verschließt sich nicht der Erkenntnis. daß bi« Pserdekräfte de» mo­dernen Motor- die Leistungen auch be» besten Araber-Hengste» weit in den Schatten stellen.

So hat er sich in London für viel schöne» Geld ein Auto bestellt Kein gewöhnliche» Auto, wie c» in den Großstädten der Alten und der Reuen Welt zu sehen ist. sondern einen Wagen, der die technische Energie verbindet mit den au* kühner aber primitiver Phantasie geborenen Ansprüchen feiner Heimat. Da» ganz« Auto ist nämlich mit blankem Silber belegt unb Über­trifft in seinen Ausmaßen unsere Benzin-Vehikel um ein beträchtliche». 8» birgt einen lujrurib» ausgestatteten Wohnraum, ein gemütliche» unb geräumige» Schlafzimmer unb eine Küche Reben Seiner Majestät, dem König 3bn Saub. bietet e» zwei Dienern unb zwei europäischen Lhaus- seuren Raum. Außerdem werden nach Art der vornehmen Kutschen alten Stil» acht schwer be­waffnete Wächter außen an ihm hängend oder hockend mitreisen können.

Roch ist da» Wunderauto nicht in Betrieb genommen. ... Aber wie lange wird e» dauern, bl» ein Raunen durch die nomadisierenden Wüstenstümme geht, ein Raunen, da» sich von Mund zu Mund weit außerhalb der Telephon- und Telegraphendrähte der Autostraßen, de» ^«nzin» und de» elektrischen Lichte» sortpllanzt.- die geheimnisvolle Srzählung von dem schnau­benden Unflebcucr mit den brennenden Augen, die einen Kilometer weit (so haben die eng­lischen Ingenieure die Scheinwerfer konstruiert) die Wüste taghell beleuchten. Von dem älnge- Heuer, in dessen Leib Menschen sitzen sollen--

Und man wird sich im ßeltc be» Araber» fragen, was auch wir fragen werden: glückselige ober verdammte Menschen? Ob Ihn Saud diese Frage beantworten kann? Heute noch glaubt er gewiß an sein Gluck in den, silbernen Wundcr- glänzen herüber. Weerluft slaagt weich über die fruchtbare Oben« ringsum, und der grünblau« Himmel ist in diesem welchen Herbst so hoch unb leuchtend darüber ausgekpannt. wie er e» bei un» nur nach mächtigen 6türmen ist

Hier wurde Luigi Doccherini am 19. Februar 1743 geboren Sein Vater war Kontrabassist mit kargem Verdienst Früh bekam der Junge Mn'ikstunden Mit 13 Jahren wurde er auch Vivloncellfpieler im Orchester mit 16 Äotwert- Vieler. SS litt den Lebhaften nicht zu Hauke in bet kleinen Stabt (fr lernte bet Sorelli und Xartini in Rom Komposition, ging nach Dien ugd kehrt« luri al» Kapellmeister nach Lucca zurück, um bald für immer sortzugehen. Von Stadt zu Stadt zog er. vvn Land zu Land.

1768 ebnete ihm in Pari» der spanische Ge­sandte den Weg an den Hof von Madrid. Der Insant Lui» Mbcr war al» Musilliebhaber be­kannt Aber neidische Kollegen arbeiteten gegen f-rn h-.lflo» ehrlichen Meister, der nach dem Todc de» Infanten Hofkapellmeister wurde. 2ll» eine» Tage» ein Prinz beim Hofkonzert selber die erste Geige in einem Boccherinischen Quar­tett spielte, tadelte er, schon aufgehetz! von den Reitern, dtc Otnförmigfctl einer gewissen Stelle in seinen 'Boten. Voccherini entgegnete ihm, daß. wenn hier die erste Geige sich auch nut. wie ein Pedal etwa, do *i, do si bewege, doch die anderen Instrumente die Melodie führten Der eingebildete Thrvnst>lger erhitzte sich: .Richt ein­mal ein Schüler würde eine fo verachtenswert langweilige Musik hingeichrieben haben. W> unb «!. do unb si. do und siT .Hohe::, erwiderte Voccherini unb wußte, daß e» dabei um seine Stellung bei Hott ging .um Mull! be­urteilen zu können, muh man sie verstehen." Dies« männliche Aufrichtigkeit hätte dem Meister fast da» Leben gekostet der gewalttär-ge Prinz wurde nur mit Mühe daran gehindert, :hn xum Fenster hinauszuwerfen sie kostete ihn feine Stellung und jede weitere Protektion.

Hier begann des Alternden schwerer Kamps ums Dasein. Seine Sompofüionen waren wohl weltbe­kannt. trugen ihm aber nichts ein Er batte eint zahlreiche gamilie die Bezahlung ferner Mu- sikstrndcn war Näglich. Kurze Feit hal'en chm Fried­rich Wilhelm II. von Preußen und Lucian Bona­parte. Für den König arbeitete er bis zu besten Tode

soll wenn der Deparationsagent nicht minder ar­gen die Veräußerung der Deichsvermögen und die Aufnahme von Auslandsanlcchen «u Snt*chädi- gungszwedcn w.c gegen eine entsprechende Be­last urq brt .b»bjj»b Ut» Sinfpruch erhebt Der Einbruch in deutsche» Privat­eigentum. der Mit der Preisgabe de» deut­schen Auslandsvermögen» all der ersten Date der deutschen ReparaiwnZzahlungen erfolgt ist. mutz, und das will ja auch derSkfailler Der- trag wieder gutgemacht werben. 3» muß befremden daß Patter Gilbert.-der selbst der amerikanischen Ration angehört die ich in Fra­gen de» Privateigentum» durch eine beson­dere Empsuibllchkett auszeichnet, dte'en Ge­dankengang poillot imm überl ebt Man wird e» in Deutschland niemals verstehen können, daß eine große, reiche und freie Ration wie die amerikanische, den von chvrn führenden Geistern prollamienm Grund'an der Unverletzlich.'eit des privat« Eigentum» bekämpft. S» ist zu wünschen, daß der R.ichsflnanzminister se.ncn Kvn'lllt mit dem Reparationsag.nien auch weittrhtn vor aller Oeffentlichkett austragc Der deut­schen öffentlichen Me.nima muß Gelegenheit ge­geben werden, an der S:ellungn-.ihf.e Gilbert» zu der Ent'chäkigunq»-,ahlui.g»ver-llichtung Krittk zu üben, einer ^ahlunglvervtticbiung. die In brr völlerrrchrsw.drigeii Konfiskation deutschen Pri­vateigentums durch die immerhin von Gilbett vertretenen Mächte ihren einzigen Grund hat.

'XV

wagen Ob er über Jahr unb Tag aber nicht doch wieder in den Sattel steigen wird?

Volkszählung ein Fasttag

(h) Konstantinopel.

Die Türkei hat kürzlich wie daS in jedem modernen Staate in gewissen Zeitabständen üb­lich ist. eine Dollszählung veranstaltet. Aller­dings war lie weit pttmitiver al» in anderen Kulturstaaten, und so war e» B. jedem tür­kischen Untertan verboten, vom Beg nn der durch Beamte ausgesührren Zählung ab 6a» Hau» zu verlassen und die Straße zu betreten. So war ganz Konstantinopel an jenem Tage vom srühen Morgen ab in die Häuser eingelchlossen, die Straßen waren verübel. b:e Kassoeschenken leer. Um vier Uhr. nachendtag» sollte die Zäh­lung uttprünglich betnbet k.n; aber e» tarn ander». Mit der ihnen eigentümlichen orienta­lischen Ruhe und Gemächlichkeit entledigten sich die Zählbeamtcn ihrer Pflicht, und erst abend» um halb eis hatten sie ihre Ausgabe bewältigt.

Run hatten jedoch fast alle Haushalte mit Rücksicht auf den vorher angekündigten Zäh- lung-schluß nicht im geringsten für das Abend­essen vorgesorgt unb al» sich b:e behörbllche Aktion immer mehr in bie Länge zog. begann ein allgemeine» unetträgliche» Maaenknur- rtn in der alten Hauptstadt am Goldenen Horn. Und al» glücklich Kanonenschüsse da» Ende der Zählung unb damit bie Erlaubnis verkündeten, au» den heimischen vier Wänden hercru»zutr«ten, füllten sich die Straßen im Ru mit einer stür­menden und brüllenden Menschenmenge, die Mossenanattsle auf Leben»m.ttelattchäftt unter­nahm. Dabei kämpfte man mit fuchtelnden Armen um den Bott ritt, ritz sich gegenseltia die Brot» au» der Hand, und wer so glücklich gewesen war, eine» zu erwischen, schlich sich durch dunlle Rcbenstrahen nach Hause zurück, da er Dttahr lief, auch unterweg» noch überfall en unb seiner Beute beraubt zu werben.

Kurz, da» ganze sah au», wie eine leibhaftige kleine Revolution. Unb die Behörden wollen, nach dieser turbulenten Erfahrung, da» nächste Mal die Zählung doch lieber nach europäischem Muster orgonis.eren---

Tcr blamierte Konsul.

(e. m.) Montevideo.

Ganz Montevideo bedtt vor unterdrücktem Gelächter. Aber die Zeitungsjungen unb ein paar nord- oder südländische Matrosen lachten

1797 als Hoskomoositeur, Lucian vergaß ihn im Pariser Trubel. Der Sechszigighrige lebte ärmlid) hahin. lebte feiner Famili« in einem einzigen Zimmer, er, der Musik schrieb für prunkvolle Kir­chen unb luxuriöse Salons. Der Lärm der Alltags- hantierunaen. der Rinbcrlärm stimmten schlecht zu der entrückten Ekstase seines künstlettschen Schassens. Wie sich Helsen? Er hammett sich e,nen primitiven Ballon zusammen, befestigte ihn zwei Meter über dem Boden, baut die Treppe und trägt sich ctubl unb Tisch hmau» Dort oben arbeitet er. läßt die Noten auf der einziam Saite seines abgenutzten Violoncello klingen Diese armselige Zuslucht gibt ihm bie Illusion, in feiner eigenen Welt zu leben, üter unb auyerholb der alltäglichen Tretmüü.e So findet chn rin Herr, brr kommt, um ihm für jein Subat 100 Louisdor zu chirtrn. Der ehrliche, arme Teufel verweigen es er hat es fchon einem Verleger versprochen, der ihm nur 60 Dukaten geben wirb. Hm 25. Moi 1805 stirbt er mit 62 Jahren, stirbt flaglos. blickt zuletzt nur noch nach feinem Ballvmhron nach seinem verstummten Violoncell, Die Kachttcht feines Todes durcheilt die Welt unb wie es auch heut« nach geht brr Tob lößt sein Werk wieder lebenbig werden. Bocchermi wirb Mode. Sein Vrtteger verdient 2 Millionen. (Em Kritiker schrieb damals: ..Denn Gott zu den Men­schen reden würde, so würde er sich Hoybnscher Musik bebienen. aber wenn er selber Musik an- hören wollte er würde Bocchermi bevorzugen."

Der Bergefiene ist bei der Heimkehr wieder ge­friert worden. Aber jetzt ist Stille um ihn. er ruht in Can Francesco Der Gesang der Mönche hallt durch bas einzige Schiss der alten Kirche, farbiges Licht strömt reich unb froh durch die große Rose, durch die hohen eeitenfenftcr herein, von draußen Hingen Rmderstimmen unb die festlichen Schreie der Bogel bie um den (Biodenturm streichen. Der weiß, ob Bocchennis Melodien nicht ein­mal wieder auferfteben werde tu

,$ünf von her Jazzband^ obgeseht.

Sw m ber vorigen Woche am hiesigen Statt- cheater erftawgeiühr'.e Komödie ..Fünf von der Jazzband" von Fellr Ioochimson ist auf Anweisung der Thearerbeputation vom Spiel plan a b g«f e R t worden, d. bie noch ge­planten ferneren AufführuT'gen dc- Stüdes tm

so schallend daß es de« bettettende oder viel- mehr der betroffene Konsul vorzog aus riet Wvchcn nach Paraguad zu reif«, um auf seiner Estancia wieder einmal nach dem Dechten tu keßen

Der Herr Konsul - welche Ration er daent* ltch verttat möchten wir au» Hösllchkeit und iur Dermcidung diplomatticher Schw erigkenen r ;*>t verraten war ein aller, ehrwürdiger Häuterrvorteur. der. um des bunten Bändchen» im ÄnoMlod» willen, llch Ml Mühe au'geladen hatte, hier und da ein VN um aulzustetten oder l.-rzweittlten Ertstenzen mit ein paar Pttv» aul die Beine »u Helsen, dzw sie nach dem Mutter­lande abzulchicben.

Der Herr Kvnlul war stet» sehr sreundltch zu den Bittstellern und hatte chre Angelegen- heiten immer 1o schnell als möglich erledigt Ader i<it 14 Togen war dal anders Er war nie zu 'prechen hatte nie Zeit, er war nie im Äonlulat und dvch hört« der aufmerksame Besucher oh durch die Türe de» .AUechelligsten- ein ver­gnügliche» Brummen bringen, da» ein Helle» Lachen übertt in gelte . Aber der junge Mann un Vorzimmer versicherte stets da» sei nur die neue Sekretärin, und wenn man diele verlangte, kam sie endlich heraus, eine junge, wrizenblonde Schwedin, und sagte, man solle morgen wieder­kommen - manxna!

Zwei junge Matrosen verdroß da» sehr und sie meinten, sie würden e» bald Herauslwkommen. ob der Kon'ul da sei oder nicht Die junge Schwedin aber ging trällernd in da» Privat- lontor wo ihr der altt Häulehändlcr zum neununbncutuiflften Male den Brief an die rei­fende Vlondine dtfticrte. bie ach' so unnahbar diensteifrig an llch selbst schrieb, ohne ein em- zige» Mal zu antworten.

In das Lachen der jungen Dame tbntt ver­worrenes Getöse von der 6trabe her. ES kam näher wurde deutlicher. Wagengera'sel. Men­schengeschrei. gellende» Läuten der -- Feuer­wehr.

..E» brennt irgendwo." sagte der all« Kon­sul. - ..ES sch:int lo." sagte die Sekrelättn. G» muh hier In der Rähe fein. meinte bet Ehef. ..m: Wagen halten hier." - Sie beschlossen, nachzusehen und traten auf den Balkon. Vor der Tür hielt die Feuerwehr, die v raße war schwarz von Menschen, die alle zu ihnen hevauf- flarrten. erregt mit den Händen fuchtelten und alle auf einmal schrien, so daß nicht» zu ver­stehen war. - Da rasseltt es die Treppe her­auf. der Osfizirr der Feuerwehr trat keuchend in da» ..Allerheiligste'': ..Retten Sie sich. Se­nat. daS Konsulat brennt!" -Aber wo denn7 fragt dieser. Ja wo denn? -- Man suchte fieberhaft nach dem Brandherd, aber sand ihn nicht. Ratürlich nicht, denn es schwelte ja nut in dem Herzen des alten Konsul»

Und so mußte bi« Feuerwehr unverrichteter Sache wieder abziehen ... und fahnbett noch tagelang nach dem großen Unbekannten, der durch» Telephon gerufen hatte: ..Löscht da» Feuer im ... i'chen Konsulat!"

Die Mvntcvideaner haben Sinn für Humor, und es kicherte überall, wo bet Konsul süh sehen ließ, aber die Zeitunasjungen und ein paar Ma- trafen lachten so schallend, daß der würde Häute« Händler es vvrzog. ein Weilchen zu verschwin­den ...

Ein Multimillionär zu ^ivanflöarbrit verurteilt.

__ (») Bukarest.

Der Multimillionär Farmache wurde vom Kttegögettch« in Ki'chinew wegen Fahnensluch« zu sum 3obren Zwangsarbeit verurteilt.

Dieser Spruch ist an sich nichts Seltsame», auch wenn er, was schließlich »ich« alle Ta« rvrkvmmt, einmal einen Multimillionär trifft Dielet Fall aber hat ein« Brsonderbeit, beim der Prozeß zog sich länger al» zehn Iahie bin. Man kannte und konnte dem Manne nicht zu­leide geben, obgleich der Sachverhalt ziemlich (lar war Er verfügte haft über fo unerschöps- l-.chc Mittel, daß einmal die notwendigen QUtcn» stücke verschwanden, daß ein andermal die not­wendigen .Zeugen die Aussage verweigerten ober gar unauffindbar blieben, und daß schließlich der Gericht-Has mit den kompliziertesten Gut-

Adonnetnenl werden ausfallen unb durch ander« er­setzt werden müßen.

(Es ist uns leider nicht bekannt welche Gründe für ben eingreifenden Beschluß btr Th»at,Deputa­tion maßgebend gewesen linb; es liegt uns auch, nachdem wir unsere Ansicht über bas Stück an dieser Stelle targekgi haben, fern, etwa eine Wiederauf­nahme m Den Spwlplan zu betreiben.

Indessen tonnen für eine so einschneidende Btr- Kigung nur schwerwiegend« Grunde oorstegen. bi« entweder tünstferifchen. ober sagen mir mo- ralstchen Erwägungen entspringen Daß künsllerisch einige5 gegen das Stück oorzudringen Ist, haben wir in unterer Besprechung deutlich genug zum Aus­druck gebracht. Doch reichen dies« Erwägungen u lk. zu einem solchen Beschluß nickst aus. umsoweniger als das Stück Vorzüge ausweift. denen sich eine gerecht, und berufene Kritik bisher noch nirgend» verfchlossen Hot.

Sollten die Gründe moralischer Art fein d. h.. sollte man, was wir nicht glauben, «int Gefähr­dung der öffentlichen Sittluhfnt durch die vorftel- lungen befürchtet haben, Io können wir hier, tm Hinblick auf die Theaterdeputatian. nur wiederholen, was wir bereits in unserer Besprechung einem oer­ehrlichen Publikum nickst glaubten oorenchallen zu sollen.

3» ist mindesten» «rwägendwett ob der an sich löbliche Eifer der Theot«rdePuiation in ter Ueberwachung de» Spittplan- nicht früher eine erhebliche Anzahl anderer Objekte hätte ausfindig machen können, deren mehr al» zwei­felhafte Qualität eine fo rigorose Behandlung weit eher gerechrfettigt hätte, und deren fünft- leri'che Mrnderwertigkeit und moralische An'echt- barkctt fchlechterding» f rin em ZwTittl uni erliegen konnten. Dir nennen zur Erläuterung lediglich einige frühere Programm stücke, wie .Hurra ein Junge". .Der Garten Eden". .Di-: spanische Fliege". .Die Dttte". .Katja, die Tanzcr-.n" unb .Ter Fürst von Pavvenhrim'. die Auszählung könnte wohl ohne Mühe erweitert werden.

Schließlich möchten wir zu erwägen geben, daß der Beschluß der Theaterdeputation auf den zur Zeit in Gießen anwesenden neugewählten Intendanten Dr. P r a s ch dvch wohl einen etwa» letalen Eindruck machen könnte unb jedensalls wenig geeignet ettchnni. die Theaterfreudigkrit be» neuen Herrn in wünschenswerter Weife an- uregen. Dr. Th.