Donnerstag, 2\. Juli 192?
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesten)
Rr.M Drittes Blatt
a
n.id)»
Nachdruck verboten
36 Fortsetzung.
(Fortsetzung folgt.)
könnt?" rief der Aerger.
„Wir wissen," Leiter der Bande Ich glaube sogar, zu haben."
„Ohne ihn zu
„Ja."
erwiderte Krag, „daß sich der noch hier in der Stadt aufhält, ihn gesehen, mit ihm gesprochen
verhaften?"
Tagung des Süddeutschen Verbandes der Ruhestandsbeamten.
DerSübbeutscheVerband berRuhe- standsbeamten. Wartegeldbeamten und deren Hinterbliebenen hielt am Dienstag im Fürstensaal in Darmstadt eine Tagung ab, zu der auch Vertreter aus München, (Stuttgart und Karlsruhe erschienen waren. Die Versammlung leitete der zweite Vorsitzende des Hessischen Pensionärvereins, Häuser- Darmstadt. Er begrüßte die auswärtigen Gäste, sowie den anwesenden Landtagsabgeordneten Kindt. In dem Süddeutschen Verband, so führte der Vorsitzende dann aus. werde Bedeutendes für die Pensionäre geleistet: namentlich wäre schon vieles in bezug auf Einigung erreidyt worden. Der Verband habe schon viele Eingaben an die hessische Regierung gerichtet, aber nie sei von dieser Stelle aus eine Antwort erteilt worden, auch nicht auf persönliche Nachfragen hin. Der Redner erinnerte an verschiedenen Forderungen, die dringend der Re- gelung bedürften, wie die Frage der A l t - Pensionäre. Warum sollten die Altpensionäre andere Verhältnisse erhalten, als die sind, wie sie ihren Dienst antraten. Die Mark habe heute nicht mehr die Kaufkraft wie früher. Die Ruhestandsbeamten wüßten, daß der Staat in Geldnöten sei, aber wenn der Staat Industrie und Landwirtschaft Steuern stunden körme, so könne er auch den Ruhestandsbeämten helfen. Diese wären heute noch die Stützen des Staates und wollten auch nicht, daß er untergehe. Da man in einem Rechtsstaat lebe, so müsse man auch die Anerkennung der wohlerworbenen Rechte verlangen. Zu der heutigen Tagung hatte die hessische Regierung versprochen, einen Vertreter zu senden, es ist aber niemand erschienen: auch das Finanzministerium hat keinen Vertreter entsandt, weil die Geschäftslage dies nicht gestatte.
erster Hypotheken zum größten Teil sich crmög- lichen lassen werde, und daß deshalb die Mittel aus der Hauszinssteuer im großen und ganzen für nachstcllige Hypotheken Verwendung finden ... - - • * - ■ • gewesen,
solider Türschlösser gelang es dem Verkleideten, zu dem Italiener hineinzugelangen.
Unter seinen Kleidern trug er eine vollständige Ausrüstung für eine Scheuerfrau versteckt. Der Italiener legte sie an, und mit einem großen Tuche um den Kopf, das die Hälfte des Gesichtes verbarg, mischten Ferro und seine Helfer sich unter die anderen Reinmachefrauen und nahmen an dem allgemeinen Gerassel mit Eimern und Scheuergerätschaften teil.
Um welche Zeit beide Verbrecher aus dem Polizeigebäude entkommen waren, ließ sich nicht feststellen. Daß sie aber in ihrer Verkleidung nicht das geringste Aufsehen erregt hatten, zeigte das Resultat: beide waren spurlos verschwunden.
„Und nun stehen wir ungefähr wieder am Anfang", sagte der Polizeichef. „Wir haben freilich den dummen Iuwelendieb und den rothaarigen Kellner, aber aus denen ist nichts herauszubringen."
„Wir haben auch noch andere Anhaltspunkte", meinte Krag.
„Welche?" fragte der Polizeichef.
„Erstens haben wir die Spuren des Besuches, den der Dieb mir abgestattet hat. Sie können von Wichtigkeit sein, wenn ich jetzt Zeit finde, eine gründliche Untersuchung anzustellen. Ferner haben wir die Wohnung in der Wasserstraße, wo die Scheuerfrau festgehalten worden ist. Wer hat sie gemietet? Wie sah der Mieter aus? Woher kam er?
Endlich haben wir die falsche Scheuerfrau. Wie hat sie sich die Geräte der richtigen verschafft? Hat jemand sie gesehen?
Und wie sind die beiden verkleideten Reinmachefrauen durch die Stadt gelangt? Sind sie niemandem ausgefallen?
Alles das sind Dinge', die zu Resultaten führen können, wenn wir sie mit anderen uns schon be
kannten Umständen Zusammenhalten."
„Aber was ist uns denn eigentlich schon be- Chef mit leicht verständlichem
„Es war gestern abend", begann sie schluchzend.
Der Ehef unterbrach sie: „Ihre Erklärung ist sehr wenig zusammenhängend. Aber ich verstehe letzt doch so einigermaßen, was vorgefallen ist."
Krag sah ihn fragend an. Er war wirklich gespannt, zu erfahren, wie die dreiste Flucht bewerkstelligt worden war.
„Sie erinnern sich des dummen Iuwelendiebs," jagte der Posizeichef, „ihn haben wir Gott fei Dank noch. Sie halten recht, er ist doch nicht so dumm. — Und dann haben wir den rothaarigen Kellner."
Krag nickte lächelnd.
„Dem Herrn Thollon haben wir's zu verdanken, daß Ferro unterrichtet gewesen ist. Thollon muß dem Italiener geheime Zeichen gegeben haben, als sie gegenübergestellt worden sind, wie Sie richtig vermutet haben. Sonst kann ich mir nicht erklären, wie Ferro von allem unterrichtet jein konnte. Das war er nämlich. Er war heut morgen fünf Uhr vollkommen bereit in seiner Zelle. Er wußte, was geschehen würde. Und er kann die Mitteilung nur von Thollon erhalten haben."
„Darüber war ich mir längst klar," erklärte Krag, „daß Ferro eine Mitteilung von Thollon bekommen hat."
„Nun gut," fuhr der Polizeichef fori, „nun erzählt diese arme Frau hier, gestern abend sei ein fremder Mann zu ihr gekommen und habe ihr zwanzig Kronen angeboten, wenn sie sofort mitkommen und eine Wohnung reinigen wolle, die Sache habe Eile. Die Frau macht im Untersuchungsgefängnis rein und ist jeden Morgen um fünf Uhr mit ihren Scheuergeräten2zur Stelle."
Krag nickte und lächelte, als ob er schon verstände, was bann geschehen war.
Sie ging mit dem Fremden mit," erzählte der Chef weiter, „und er führte sie in ein Haus in dcr Wasserstraße, in eine Wohnung, wo man ihr Kaffee zu trinken gab. Es ist wohl nicht notwendig, darauf aufmerksam zu machen daß sie von dem Augenblick an, als sie den Kaffee trank, bis zu ihrem Wachwerden heute morgen um acht Uhr sich an gar nichts erinnert.'
Ganz recht," warf Krag ein, „und es ist auch unnötig, darauf aufmerksam zu machen, daß ein anderer hier im Gefängnis statt ib-rcr erschienen 'st.
hin wird man gut tun, für die nächste Zeit auf der Hut zu sein. Es scheint wenigstens eine Entwicklung in der Richtung sich vorzubereiten, daß Rußland von der Herrschaft dcr Kommunisten sich befreit und nicht etwa zu einer Rückkehr des Zarismus sich vorbereitet, sondern daß die nächste Regierungsform in Rußland, wenn es überhaupt au einem Umsturz kommt, die einer vorwiegend von Bauern beherrschten Republik sein wird.
Die englischen Meldungen dürften wohl auch auf solchen Rachrichten beruhen, nur eilen sie sicherlich der möglichen Entwicklung der Zeit weit voraus. Eine Gefahr für die künftige Entwicklung Rußlands würde in der vor- * eiligen Einmischung europäischer Mächte, namentlich Englands, in die engeren Verhältnisse Rußlands liegen. Denn auf diese Weise würden die verschiedenen Volkseiemente zum Widerstand gegen den äußeren Feind versammelt und vereint werden. Das läge nur im Interesse der Sowietregierung. nicht aber im Interesse einer [riebfertigen Entwicklung Gescnnteuropas mit Einschluß Rußlands. Deshalb wäre es den Engländern sowohl wie den anderen Mächten in Europa anzuraten, eine vorsichtige und zurückhaltende Politik zu betreiben, um mögliche Entwicklungen in Rußland selbst zu unterbrechen. Wie sich aber auch England und die anderen Mächte verhalten mögen, für uns muß die unbedingte Richtlinie maßgebend fein: völlige Neutralität und Richteinmischung in innere russische Angelegenheiten zu beobachten. Kommt es zu einer Aenderung im angedeuteten Sinne, so wird das für uns keiv Rachteil sein, denn in einer bäuerischen Republik mit geordneten Verhältnissen würden unsere Handelsaussichten zweifellos besser fein als heule. Durch eine bestimmte Stellungnahme nach der einen oder anderen Seite aber würden wir uns nur schaden können.
Kurdirektor Laffert-München führte in einer Rede etwa aus: Rotwendig ist für uns vor allem Einigkeit, andere Machtmittel fehlen uns: nur durch Zusammenhalt können wir erreichen, das uns zuteil wird, was uns versprochen worden ist. Es muß vermieden werden, daß einzelne Organisationen verschiedene Forderungen stellen. Wir müssen uns auch die Hilfe der aktiven Beamten sichern: die aktiven Beamten indessen, namentlich in jüngeren Jahren, denken vielfach nur an die zunächstliegenden Forderungen, darum müssen die Pensionäre ihre Forderungen in erster Linie selbst vertreten. 3n Berlin ist jetzt ein Pensionärausschuß des Deutschen Beamtenbundes gebildet worden, der die Interessen der Pensionäre, Wartegeldbeamten und deren Hinterbliebenen "Vertritt.
Der Vorsitzende teilte mit, daß von 1600 Beitritt sauff orderungen, die an Ruhestandsbeantte geschickt wurden, nur 26 Erfolg hatten: wenn es jetzt nicht gelinge, die Organisation zu stärken, so wäre viel verloren.
Eine Lehrerswitwe aus Worms schilderte ihre außerordentlich schwierigen Lebensverhältnisse als Kriegerwitwe: wenn sie nicht ihre Eltern hätte, könnte sie nicht leben.
Der Vorsitzende sprach dann über die schwierige Lage der Unfallpensionäre und Über die Fälle, in denen Pensionäre niedriger eingestuft wären, weil, wie man sage, es damals diese Stellen noch nicht gegeben habe: es handle sich jedoch nur urii andere Benennungen.
Kurdirektor Laffert- München meinte im weiteren Verlauf der Verhandlungen, es sei nicht tunlich, die Friedenspension zu verlangen, sondern besser wäre die automatische Mitnahme bei Besoldungserhöhungen. Er forderte insbesondere die Witwen auf, den Unterstützungsweg in Anspruch zu nehmen: in heutiger Zeit sei die Ditte um eine Unterstützung keine Schande. Der Redner gab auch die Schritte an, die in Rotfällen zu tun sind.
Landtagsabgeordneter Kindt gab denselben Rat; wohin die Gesuche zu richten sind, sage die Pensionszahlstelle. Die abschlägig beschiedenen Gesuche sollten gesammelt werden, dann tonne bem Landtage nahegelegt werden, den Unterstühungs- sonds zu erhöhen.
Die weitere Aussprache schloß mit der einstimmigen Annahme der nachstehenden Entschließung: Die heutige Versammlung der hessischen Pensionäre, die sehr zahlreich besucht war, hat einstimmig folgende Entschließung angenommen: 1. Baldige Herbeiführung einer ausreichenden und durchgreifenden Besoldungserhöhung, um die. unerträgliche Lage der Ruhestandsbeamten zu bessern. 2. Gleichstellung der Alt- und Reupensio- näre. 3. Reuregelung der Unfallfürsorge und Besserstellung der Unfallpensionäre. 4. Besondere Berücksichtigung der Kriegerwitwen, deren gefallener Ehemann Beamter war. 5. Gewährung einer einmaligen Beihilfe, im Falle die neue Besoldungsregelung vor dem 1. Oktober nicht zustande kommen sollte. 6. Gerechte Regelung des Wohnungsgeldzuschusses. 7. Automatische Mitnahme der Pensionäre bei den bevorstehenden und späteren Besoldungsregelungen.
könnten. Diese Ansicht i»st aber irrig g> da der Pfandbriefabsatz außerordentlich getafien hat, so daß jetzt auch für erste Hypotheken die Beträge herangezogen werden müssen, die eigentlich den nachstelligen Hypotheken Vorbehalten bleiben fönten. Ein Ausgleich in Gestalt der Heranziehung größerer Daueranleihen zur Finanzierung der Wohnungsbauten (vor allem aus dem Ausland) hat sich bisher als unrnög-
Wirtschaft.
Finanzierungs- und EntwiAlungsmöglichkeiten auf dem Baumarkt.
Die Entwicklung auf dem Daumarkt ist lediglich eine Kapitalfrage, da der Wohnbedarf nach wie vor vorhanden ist. Das Eigenkapital der Baulustigen ist aber in der Regel nicht so groß, daß sie ohne nachstellige Hypotheken zu günstigen Bedingungen auskommen könnten; diese können aber in ber Regel nur von öffentlichen Stellen zur Verfügung gestellt werden. Aus diesem Grunde sind die hauptsächlichsten Träger des Baumarktes die Länder und die Gemeinden, die auS der Hauszinssteuer die Reubautätigkett weitgehend finanzieren. 3n zweiter Linie kommen in Betracht die Grundkreditanstalten, die aus ihrem Msah an Pfandbriefen für Bauvorhaben Hypotheken begeben können. Da bis in das Frühjahr dieses Jahres der Absatz an Pfandbriefen ziemlich gut war, war man vielfach der Ansicht, daß aus d-m Pfandbriefabsatz die Beschaffung
Darauf unterjuchte er in aller Geschwindigkeit die. Wohnung. Durch nähere Prüfung der oer|chie- denen Schlösser wurde ihm klar, wie der Dieb zu Werk gegangen war. Zuerst hatte er mit einem gewöhnlichen Hauptschlüsfel die Haustür aufgemacht. Dann war er auf den Hof gegangen, hatte eins der Hoffenster eingeschlagen, nachdem er es mit Seise überschmiert hatte. Durch das zerschlagene zensier war der Mann auf die Küchentreppe gelangt, hatte die Küchentür mit dem Dietrich geöffnet und war durch die anderen Zimmer bis in Krags Schlafzimmer gekommen.
Der mystische Punkt war das Schreibtischschloß. Obwohl cs gavz besonders gearbeitet war, zeigte sich doch nicht die geringste Spur von Gewalt daran. Der Dieb mußte irgendwie in den Besitz eines passenden Schlüssels gelangt sein.
Alle diese Resultate sammelte Krag im Laufe einer Viertelstunde. Erst dann erklärte er sich bereit, mit zur Polizei zu gehen.
Das Automobil des Kriminalbeamten wartete noch draußen, und beide stiegen ein.
An der ungewöhnlichen Unruhe, die in der Krimi - nalabteilung herrschte, konnte man merken, baß etwas Besonderes vorgefallen war.
Polizeibeamte in Uniform und Zivil rannten hin und her.
3m Zimmer des Polizeichefs fand Krag eine der Scheuerfrauen des Untersuchungsgefängnisses. Krag läd>cltc, als er die Fran erblickte. Weinend stand sie vor dem Chef und stammelte immer von neuem, sie fei unschuldig wie ein Kind im Mutterleibe, sie könne nichts dafür, sie sei selber mißhandelt worden, und so weiter.
Der Polizeichef stampfte ungeduldig mit dem Fuße auf. „Das meine ich auch," rief er, „Sic haben es nicht mit Willen getan, aber Sie haben ihm doch zur Flucht verhalfen."
...Können wir nicht eine Erklärung bekommen? fragte Krag, sich vor der Frau niedersetzend und sie betrachtend.
• Der deutsche Außenhandel im Juni. Der deutsche Außenhandel zeigt im Juni im reinen Warenverkehr einen Einfuhrüberschuß von 449 gegen 340 Millionen Reichsmark im Mai. Diese Steigerung ist zurückzuführen auf den Rückgang ber Warenausfuhr um 85 und die Steigerung der Einfuhr um 24 Millionen Reichsmark. An der Abnahme der Ausfuhr sind alle Gruppen beteiligt. Der Haupt- rückgang entfällt auf fertige Waren mit 63 Millionen Reichsmark. Die Ausfuhr von Rohstoffen und halbfertigen Waren ist um 16 und die von' Lebensmitteln um 6 Millionen Reichsmark zurückgegangen. Die Einfuhr von Lebensmitteln und Getränken ist um 16, die von Rohstoffen und halbfertigen Waren um 10 Millionen Reichsmark gestiegen, die von Fertigwaren um 2 Millionen Reichsmark zuruckge- gangen.
* Dom Reichsverband der Deutschen Industrie. Der Reichsverband der Deutschen Industrie wird seine diesjährige Mitgliederversammlung unter bem Vorsitz von Geheimrat D u i s b e r g am 2. und 3. September in Frank-
Die innere Lage Rußlands.
Aus London werden Alarmnachrichten gemeldet nach denen die öffentliche Meinung Englands mit der Möglichkeit rechnet daß schon binnen sehr kurzer Zeit in Rußland em-entscheidende Staatsumwalzung ftattf mben werde die in der Beseitigung der Sowietregierung gipfelt. Da scheint uns denn ooch der Wunsch der Vater deS Gedankens zu sein Es ist verständlich, daß man in Den Herr sehenden Kreisen Englands, namentlich in der Konservativen Partei, nichts eifriger herbeisehnt, als eine vollständige Umkehrung der Dinge. So schnell aber wird sich die Entwicklung wohl doch nicht vollziehen. .
Schon vor längerer Zeil haben wir Darauf hingewiesen, daß das Schreckensregiment, das die ©Dtrietregtcrvng in Rußland neuerdings euv geführt hat, wohl als ein Zeichen der Schwache und der Besorgnis vor einer starken zunehmen- | den Bewegung in Rußland gedeutet werden könnte. Rach Privatnachrichten, die in diesen Tagen aus Rußland hierher gekommen sind, und die aus zweifellos zuverlässiger Quelle stammen, darf man allerdings annehmen, daß eine solche Bewegung in verschiedenen Teilen Rußlands mehr an Boden gewonnen hat, als man vielleicht bisher anzunehmen geneigt war. Das bedeutet jedoch keineswegs, daß schon in so naher Zukunft, wie man in England glaubt, mit einem Erfolg einer derartigen Bewegung gerechnet werden darf.
Soweit man von hier überhaupt über die stets undurchsichtigen und unklaren Verhältnisse in Rußland urteilen kann, liegt die Entwicklung wohl in der Richtung, daß der russische Bauer anfing, sich gegen den harten Steuerdruck auf- zulehnen, der von der jetzigen Regierung ihm auferlegt wird. Die große Masse der russischen Bevölkerung besteht im Gegensatz zu den anderen euröpäischen Staaten, namentlich des Westens, aus kleinen Bauern, die nach Zerschlagung und Aufteilung des Großgrund- Lesitzes in den Genuß von kleinen Bauerngütern gelangt sind, Die ihnen mit ihren Familien eine einigermaßen erträgliche Lebenshaltung im Gegensatz zu früher ermöglichen. Diese Möglichkeit wird durch die Abgabe von Steuern, vielfach in der Gestalt von Naturalien, durch die Re»- gierung herabgedrückt, die nur auf diese Weise in den Besitz der erforderlichen Mittel zur Cv° hattung des gesamten Regierungs- und Der- waltungsapparates gelangen kann. Die russische Industrie und der russische Handel hegen so stark darnieder, daß aus ihnen trotz des russischen Handels- und Aussuhrmonopols kaum nen-. nenswerte Erträgnisse herauszuziehen sind.
Man darf also in ber neuen Bewegung, gegen die Sowjetregierung in Rußland die Aeu° ßerung des Unwillens der Bauern erblicken, die genau wissen, daß sie von der Sowjetregierung Vorteile nicht mehr zu erwarten haben, nachdem sie mit deren Hilfe in den Besitz ihrer Güter gelangt sind. Raturgemäß richtet sich eine solche Bewegung gerade gegen die Regierung, die ihnen zu dem verhältnismäßigen Wohlstand verholfen hat, wenn sie in dem Genuß dieses Wohlstandes durch überharten Steuerdruck behindert werden. Es ist übrigens nicht uninteressant, dabei zu bemerken, daß sich in China, das ja manche Aehnlichleit mit Rußland aufweist, die revolutionäre Bewegung m ganz gleicher Richtung abgespielt hat und weiter entwickelt. Wenn diese Annahmen, die auf so zuverlässigen Berichten beruhen, zutreffen sollten, bann läßt sich wohl vermuten, baß in einer nicht zu fernen Zukunft die Gegnerschaft der russischen Bauern gegen die Sowjetregierung einen Umfang annehmen wird, der allerdings deren Fortbestand aufs schwerste erschüttert. Die Erkenntnis dieser Bewegung wurde vollauf die Nervosität sowohl wie bas hieraus en hmngenbe Schreckensregiment ber öotojet- reg.erung erklären. Wir haben ja in ber russischen Geschichte immer wieder erlebt, baß ieg- liche Regierung, gleichgültig welcher Art sie gewesen sein mag, versucht hat, sich unter An- wenbung auch ber schärfsten und rücksichtslosesten Gewaltmittel in ber Macht zu behaupten. Ob der Sowjetregierung bas aus Die Dauer gelingen wirb, muh abgewartet werden, ^tnrner-
Roman von Sven Elve st ad. Copyright bei Georg Müller, München
Lanbtagsabgeorbneter Kindt machte in seiner Erwiderung auf die Begrüßung darauf aufmerksam, daß der Landtag die Gleichstellung der Alt- Pensionäre mit den Reupensionären verlangt, die Regierung dies jedoch abgelehnt habe. Die Neuregelung ber Neamtenbefolbung werde diese Frage wieder aufrollen, und es werde wieder Kämpfe darum geben. Einem Staate, der für seine Ruhestandsbeamten nicht ausreichend sorge, fehle die moralische Grundlage.
lich erwiesen, so baß auf biefe Weise ber Ausfall nicht gedeckt werden konnte. Letzthin haben sich die Möglichkeiten des Verkaufs von Pfandbriefen noch weiter verschlechtert, so daß viele Grundkreditanstalten bereits wieder (genau wie 1924 25) Sperren in der Kredithergabe eintret en lassen mußten. Diese Sperren machten sich um so unangenehmer bemerkbar, als die Sparkassen, die ebenfalls stark angespannt sind, weil sie vielfach auch noch für Finanzierung des Handwerks, der kleinen Landwirtschaft usw. Sorge tragen müssen, größere als die bisherigen Mittel für Wohnungsbaufinanzierung nicht aufbringen können.
Alle diese Umstände haben zur Folge gehabt, daß fast überall die Bauvorhaben wesentlich eingeschränkt werden mußten. Vielfach mufften sogar bereits in Angriff genommene Bauten stillgelegt werden. Sogar industrielle Bauvorhaben sind wegen ber Kapitalbeschaffungsschwierigkeiten zurückgestellt worden. Es ist nicht anzunehmen, daß in dieser Dausaison noch ein Umschwung zmn Besseren eintreten wird; viel eher ist mit einer allmählichen Zunahme ber Verschlechterung zu rechnen, ba auch bie Steigerung der Materialpreise, Löhne usw. sich jetzt beutlicher auswirkt unb baburch manches Dauprogramm, das bei normalen Preisen unb Löhnen ohne Schwierigkeiten zur Durchführung gelangt wäre, nunmehr ernstlich bebroht ist.
Als Lehre sollte man aus diesen Vorgängen entnehmen, bah auf keinen Fall Bauten in Angriff genommen werden dürfen, deren Finanzierung nicht schon vorher restlos sichergestellt ist. 3rt Deutschland muß ganz allgemein bas Tempo des Bauens bem Tempo der Kapitalbildung ange- paht werden. Jede künstliche Förderung ber Bautätigkeit — ohne Rücksicht auf ben Umfang des zur Verfügung stehenben Kapitals — ist vom Hebel unb sie muh schon in relativ kurzer Zeit zu Rückschlägen führen. Das gilt besonbers für Die Baupläne ber öffentlichen Hand. Man braucht nur an die Vorgänge beim Arbeitsbeschaffungs- Programm zu denken, bas auch nur zum kleinsten Teil verwirtlicht werden konnte, das aber schon durch seine Ankündigung den Baumarkt (durch Steigerung der Preise und Löhne, durch Zurückhaltung der Geldgeber, durch Anziehen ber Zinssätze usw.) erheblich beunruhigt hat. Auch wenn die Schwierigkeiten der Kapitalbeschaffung in diesem Jahre nicht den jetzigen Umfang angenommen hätten, wären alle Bauvorhaben, die am Jahresanfang projektiert waren, doch nicht ausführbar, da sie von einem olfaugro&en Optimismus hinsichtlich ber künftigen Entwicklung getragen waren. Diese Lehre sollte man nicht vergessen
In diesem Augenblick brach die Scheuerfrau abermals in verzweifeltes Schluchzen aus, und es dauerte eine Weile, bis man sie beruhigte.---
Die Volizeibeamten, die jetzt in der Kriminal- ableilung des Amtsgebäudes versammelt waren, ahnten nicht, daß gerade um diese Zeit ein Fremder die breite Treppe des Polizeigebäudes hinan- stieg.
Dieser fremde Mann, offenbar ein Ausländer, trug eine große Mappe unterm Arm. Er hatte große Eile.
Es war ein noch junger Mann. Er glich weder Ferro noch dem dummen Iuwelendieb noch dem Gelehrten d'Albert. Er hatte noch den Reisestaub auf den Kleidern. Offenbar war er soeben mit dem Zuge angekommen.
Dieser Mann sollte die Lösung bringen. Eine Lösung, die keiner der Polizeibeamten, auch Asbjörn Krag nicht, ahnte,
XI.
Bevor aber der Fremde durch das Gewühl in der Vorhalle des Polizeigebäudes zu seinem Ziel, der Kriniinalabteilung, gelangte, war dort von den mit der Angelegenheit beschäftigten Beamten, die von dem Anmarsch des Herrn nichts wußten, die Untersuchung der Flucht Ferros zum Abschluß gebracht worden.
Die Scheuerfrau mar in der Wohnung in der Wasserstraße gefangengehallen worden. Inzwischen hatte einer der Bande sich ihrer Remedien bemächtigt, des Eimers, der Besen und der anderen Dinge, die notwendig waren, und hatte sich am Morgen kurz vor fünf Uhr im Polizeigebäude eingefunden.
Der Betreffende hatte sich mit überlegenem Talent als Scheuerfrau verkleidet, und der diensthabende Schutzmann hatte nicht das geringste Bedenken gehabt, sie wie gewöhnlich einzulassen.
Sie rumorte eine Weile in der Vorhalle mit ihren Eimern und Gerätschaften; doch als die anderen Scheuerfrauen sie anredeten und eine Morgenunterhaltung mit ihr an fangen wollten, bekam sie auf einmal einen Hustenanfall und entfernte sich auf einen ber Korridore.
Gerade an diesem Tage sollte der Gesängnis- jlur ausgewaschen werden. Dcr als Scheuerfrali verkleidete Gauner mußte die Zelle Ferros kennen. Durch einen sinnreichen Mechanismus zum Oeffncn


