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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)

Nr. H2 Zweites Blatt

Dienstag, 2t Juni (927

Lin Jahr Diktatur in Portugal.

Don unserem M. W -Berichterstatter Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verbot

Lissabon. 3uni 1927

Chxbe HU; 1926 war ei als der bama. ig< Präsident von Portugal der Genera. Eome^ da Lost a, seinen Duyenminifter und glrichzeir g gefährlichsten Rivalen, den Venera! La rm o n a C Gesandten beim Vatikan ernannte Aber an-

: diesen ehrenvollen Posten aryutreicr. der für die Aspirationen de» ehrgeizigen Larmona ,noa» weil vom Schuh lag. nahm der Herr Gesandte den Herrn Präsidenten gegangen rer­kannte ihn nach den Quoten und mochte s i ch selbst »um ^yerrn und Diktator von Portugal Dies geschah >ust vor einem Jahre und ee bt- deutet in der Geschichte Portugals ein.- lange Zeit, wenn eine Regierung sich ein ganzes 3 a b r halten kann. Die sehr griähriickx Klippe der diesjährigen ^ebruarrevoluttvn hat sic giück- -ch umschisst und es scheint tatsächl.ch als ob Larmona durch geschicktes Lavieren mit den ver­schiedenen Parteien seines Landes ei verstanden hat. seiner Herrschaft eine etwas stabilere Grund­lage zu geben als feine Vorgänger - 3n man- 4n Dingen hat er sich an seinen grohen Nach­barn PrimodeRivera gehalten der ei auch m Laufe feiner jetzt vierjährigen Regterungsze t dazu gebracht hat. dah von den po'.it.schen Par­teien nur noch die Damen unö Me Führer vor­handen sind. alle*. übrige sich aber in Schall und Rauch aufgelöst hat. Earmona läftt wie­derum von Zeit zu Zeit dementieren, dah Der- handkungen mit irgendeiner Partei deS Landes .m Gange sind, aber trotzdem sickert hin und wie­der etwas an die Oefsentlichkeit. was aus eine .iUmähUche Annäherung an die Monarchisten und iuch andere Parteien schlichen läht Kürzlich hat erst bvr Führer der portugiesischen Sozia­listen. Doktor Ramada Eurto. auf die Unter- iasfungssündcn der früheren 'Regierungen hin- g.wiesen und die Aotwendigkeit der Mitarbeit seiner Partei an den sozialen Aufgaben der Dik­tatur betont Da» ist insofern ein besonders er­freuliches Zeichen, als gerade ein groher Teil der Arbeiterschaft durch bolschewistische Agitatoren aufgew.egclt. sich in heftigen Gegensatz zu ver­schiedenen Regierungsmahnahmen gesetzt Hot. 'Bei der Unterdrückung der Revolution tu Oporto. dem alten Aufrührcrnest. wurde eine Menge Ma­terial gefunden, das rechtzeitig geflüchtete Mos­kauer Emissäre schwer belastete unb kürzlich bei >en P rötestkundgedungen der Arbeiterschaft gegen die Uebcrgabc der Staatsbabnen an eine Privat- geseilfchaft machten sich auch russische Ein­flüsse geltend Um diesem nicht zu unter­schätzenden Gefahrmoment die Spitze zu nehmen, hat jetzt die portugiesische Regierung gemein­same Polizeiaktionen mit der spanischen Regierung eingeleitet die dazu führen sollen, die Grenon der Ptzrenäenholbinsei 'hermetisch gegen die Pro­paganda der 3. 3nternationale abzusperren.

Vergleiche zwischen der spanischen und der portugiesischen Diktatur liegen nahe und werden eicht gezogen, man darf aber nicht vergessen, >ah zwischen dem Königreich Spanien und der Republik Portugal der ausgleichende Sinslus, der Vvnastie einerseits, die uneingeschränkte Macht he* Präsidenten anbererfeit» besteht und dah die wirtschaftlichen und parteipolitischen Verhältnisse .orläufig wenigstens durchaus verschieden find. Alfons XIII. hat schon öfter» bei gefähr­lichen Krisen eine vermittelnde Rotte gespielt, wo es bei ähnlichen Situationen im Rachbarlande wohl zweifelsohne zu blutigen Krawallen und schweren Ruhestörungen gekommen ist und trotz der finanziell schlechten Lage, die Primo de Ri­vera bei seinem Regierungsantritt angetrofsen hat. befand sich Spanien seit langen 3ahren niemals in derartigen Schwierigkeiten, wie ste in Portugal seit Generationen akut find.

Doch auch auf diesem Gebiet scheint sich in der letzten Zeit eine Besserung bemerkbar zu machen. 3ebenfalU hat die Tätigkeit Sarmona» und seiner Mitarbeiter schon einige nicht zu unterschätzende Erfolge gezeitigt. Sin dunkler Punkt in dem WirtschaftSwesen Portugals war stets da» Tabak» Monopol, theoretisch eine reiche Einnahmequelle für den Staat, praktisch die Quelle vieler unsauberen Machenschaften von Persönlichkeiten, die dank ihrer Beziehungci. e.nen

Platz in der Rähe dieser Quelle finden konnten. Didem Iyll hat Carmona ein schnelles Ende be­reuet Durch ein Getey ist der Tabakanbau im Lande selbst kurzerhand verboten worden und da» Monopol soll an Unternehmer auf 30 3ahre . rcachtet werden, die über ein Kapital von nrvn- dcstens 75 Millionen Pesetas . friügen und die staatlichen Fabriken mietweise übernehmen. Die . rrechneten Einnahmen des Staates beruhen auf 9 Prozent des Wertes der Fabriken als jähr­licher Mietzins. 10 bis 18 Prozent Beteiligung am Umsatz, und etwa 5 Prv»ent Gewinn aus Zolleinnahmen.

Sm weiterer Schritt zur Gefunduni der Staates.nanzen geschah durch den Verkauf der seit cw.gen Zeiten an einem dauernden Defizit .aborierenden Staatseifenbahnen. Unter bei. Angeboten verschiedener m- und ausländischer 3nle reff eng rubixn wurde der Eia Portuguesa de Ferrocariles der Zuschlag erteilt Rach dem Vertrag erhält der Staat aus den Betrieb*- r.nnabmen der Minho Duero. Süd- und Süd- westbahn jährlich ungefähr 3 Millionen Dollar.

Um die Kreditwürdigkeit des Landes zu heben ichlost Earmona m.t Engürnd ein Abkom­men über die Konsolidierung der portugiesischen .Kriegsschulden. Für diese Tat wurde er aus den Kreisen der früheren Machthaber, also gerade der Leute, die die Hauptschuld am Ein­tritt Portugals in den Weltkrieg hatten, aufs 6ef- i.gste angegriffen. Aber al» Er'olg feiner Politik gelang e» chm, eine Anleihe für die Zwecke öffentlicher Arbeiten und für nationale Verte- d.aung zu bekommen sowie eine zweite, die Ver­besserungen in der Kolonie Mozambique die­nen soll.

Um die Ruhe im Lande zu wahren, hat Earmona von vornherein mit großer Snengie ge­handelt und alle revolutionären Brandherde nach bester Möglichkeit zugedeckt. Den Offizieren, frü­her wichtige Satteren bei jedem Umsturz, wurde jede politische Betätigung auf» strengste unter­lagt und die Verwaltungen und Beamtenkörper der städtischen und ländlichen Gemeinden, die zum gröftten Teil der liberalen und monarchisti­schen Partei angehören, wurden in zielbewuftter Weise von seinen Freunden und deren Anhän- gern durchgefetzt Gerade in den kleineren Städten und auf dem Lande war die Diktatur in den ersten Monaten ihres Bestehen» ganz machtlos, fand bei den Behörden keine Unterstützung und konnte beim besten Willen feine noch fo wichtige Reform durchsetzen Da» ist jetzt anders gewor­den und auch die Gründung einer nationalen

Mtragt dazu bei. die Stellung des Diktators zu fest igei.

Um die Kompetenzen der bisher in verschie- denen Ministerien bearbeiteten Winschaftsfragen nach einheitlichen Grundsätzen fest'ulegen. wurde ähnlich dem 'panischen obersten Dir:- s ch a f t s r a t e.nc B-borde unter demselben Titc. gegründet. Den Vorf .v führt der jeweilige Staats­präsident. vertreten durch die verschiede:>en Ref- fvrtm.Nister während die interessierten Steile des Landes durch 55 M.tg.ieder aus Handel. 3n- düstr e und Landwirischa't vertreten sind

Von weiteren Reformen sozialer und kultureller Art, die im Laute des ersten Lebensjahres der neuen Diktatur eingcleitet wur­den. find noch die Bestrebungen zur Erweiterung des Vvllsfchulwelens die 2ncrfennur.g der Kirche als turidischc Derion und der Schm X-r Mtssionstätigke-.t und De» Religiontunt« rnchtes zu erwähnen, die bei den früheren revolutionären Strvmu-.igen kurzerhand abgeschafft waren. Bon besonderer Bedeutung ist die Fertigstellung des ersten Teiles des neuen Bettealhn ^.-gesetzbuches. mit dessen Zu I a mm en stellung im ergangenen Jahre der Generalsekretär der Zivil Verwaltung in Coimbra im Auftrage der Regierung begann. Interessant .st daft die Regierung daS Manu­skript der Pre'te zur Veröffentlichung übergeben hat. um auf diese Weise die Vorschläge der All­gemeinheit für Aenderungen oder Erweiterungen zu bekommen

Die Regrerung-zeit des Diktators ist natur- lich noch zu kurz, um eist abfchktehendes Urteil über ferne Tätigkeit zu fällen, aber General Carmona hat doch n den zwölf Monaten feiner Herrschaft gezeigt daß et an Fähig­keiten und gutem Willen feinen vielen Vorgängern überlegen ist und feine Anstrengun­gen für den inneren Reinigungsprvzeh des van- des haben schon zu den verschiedensten Erfolgen geführt Ss darf habet nicht verkannt werden, dah da» unglückliche Land in den letzten 16 Zäh­ren seit dem Sturz der Monarchie andauernd von Revolutionen beimgefucht wurde und in diesem Zeitraum nicht weniger als 40 Regierun­gen. und das zehnfache davon an Ministern verbracht hat Die bisherigen Perioden der Ruhe waren nicht ntehr al» Kampfpausen zwi­schen neuen Stürmen und niemals hatte das Land Gelegeicheit zu friedlicher Arbeit. Dazu be­darf «S in Portugal emer festen Hand, die ohne Hemmungen gewissenloser Parte im teigen die Zügel der Regierung führt.

Mit derHessen" in Lissabon.

Von Korvetteickapitän Stra

Wir setzen heute den Bericht fort, den Korvettenkapitän Straehler unseren Lesern von der diesjährigen AuSbildungslahri un­seres Patenschiffes im Atlantik erstattet.

II.

Vom 3. bis 10. Mai lag ,Hessen" vor S t a Lruz de Tenerife. Reichliche Gelegenheit bot sich für die Besatzung, die Stadt und ihve an landschaftlichen Schönheiten reiche Umgebung fennenAUlernen. Bei unterer Ankunft in der Hauptstadt der Kanarengruppe herrschte Feier­tagsstimmung und charakteristisch spanisches Festestreiben mit Prozessionen, Flaggenschmuck, Illumination und Korso. Da»Fest der Kreuz­aufrichtung wurde gefeiert. 3m ..Plaza de to- rvs". der Stierkampfarena, lernten wir daS bunte, nervenaufpeitschende Rationalschauspiel der Spa­nier kennen. Geschichtlich hat Eta Eruz eine grobe Rolle im Kampf gegen Relsons Flotte im Jahre 1797 gespielt. Zwei eroberte englische Zahnen erinnern daran, dah der spätere Sieger voii Trafalgar be: der Erstürmung der nur in Ueberreften noch vorhandenen Mole durch einen Schuh au» dem Fort Cristobal seinen rechten Arm verlor und nach schweren Verlusten abziehen muhte. Die Ausflüge führten vorbei an der alten Bifchofstadt Laguna mit ihrem berühmten, Hunderte von 3ahren zählenden Drachenbaunr, entweder nach dem herrlichen MercedeSwalde und auf den Kamm de» Anaga-Gebirges oder weiter an der Westküste nach dem weltberühmten Kur­ort O r o t a v a und auf 1500 Meter ansteigender

hier, Linienschifl .Hessen".

Strafte nach Aguatnon t e z an den Fuft deS Piks. Die spanischen Behörden und die Devöl- krung zeigten In Sta. Cruz wie in Las Palmas regste» Interesse an dem Besuch der deutschen vchflse An Land fanden unsere Leute über­all gastliche Aufnahme und herzliche» Entgegen­kommen. Die Schifte waren überlaufen von spa­nischen Besuchern. Ein Bordfest am letzten Tage unseres Aufenthaltes galt der besonderen Ehrung der deutschen Kolonie und dem Dank für die spanische Gastfreundschaft.

Am 10. Mai früh verliehen wir die Se­naten und steuerten mit nordwestlichem Kurse die Azoren an. Dort erwartete uns in H o r t a sofort die groftc Ausbildungsbesichtigung durch den Befehlshaber der Ostseestreitkräfte im Bei­sein des Flottenchefs, die gut Überstanden wurde. Am 13. Mai früh erreichten wir die östlichste der .H a b 1 ch t s i n s e l n", Sta. Maria, fuhren am 14. morgens unter dem höchsten Vulkan­kegel der Azoren, dem 2320 Meter hohen Pik auf der 3nfel Pico vorbei, der durch seinen fast senkrechten Abfall auf das Meer besonders mächtig wirkte, und ankerten auf der Rhede von Horta aus der 3nfel Fahal.

Die Azoren-Inselgruppe, etwa tausend See­meilen westlich Liflabon und mit diesem unter gleicher Breite bilden eine portugiesische Pro­vinz. Vulkanischen Ursprungs, ist ihre vulkanische Tätigkeit noch nicht erloschen, wie die vom Erd­beben im August 1926 und Februar 1927 her- rührenden Verwüstungen an Wohngebäuden und Kirchen, besonders im Dorfe Flamengo, bewiesen.

Al» Äabelfiatton ist Horta an Weltverkehr be» rannt Die im Kriege zerstörte deutsche xabcl» ocrbinbu.-.g Minden Azoren Amerika ist leit Herbst 192t wiederbergestellt Der Deutschen At­lant. ichen Teugraphen-. ellschast ist aber nur die Betätigung des Kabel» Emden Horte wieder zugesprochc:- worden die Wetterführung nach Amerika eriolat cul amerikanischen Kabeln

T'om 20 bis 24 Ma-, statteten wir zusanunen mit dem FlortcnUagglchtts Schleswig-Holstein" dem Regierung»- und Bischoifttz der Azoren, Angra do Hervtsmo. einen Besuch ab. 3n der Blüte der Südk.iste der 3nfel Tereeira gelegen, biete; die zwischen, grün bewaldeten Hügeln eing bettete Stad: einen freundlich« An­blick der leider durch häuitgen Regen beein­trächtigt wurde. Malerisch fügt sich da» gewaltige Kastell Sao 3oao im Südwesten der Stadt, am Fuhr de» eine Halbinsel bildenden Monte Brazll in die Landschaft ein. Au» den Kämpfen, die sich um diese Feste abgespielt haben, textet sich der Harneder Rhede be» Heldentums" (Arigra do HeroiSmo» ab Auch wir Deutsche verbinden leit dem Weltkriege eine greifbare Vorstellung mit dem Romen, lieber 600 deutsche Kriegs - üdangcne haben in dem Kastell iahrri<uiges stilles Heldentum gezeigt Zur Zeit find in dem von den Burgmauern umschloßenen kleinen Ort 230 nach der letzten Revolution au» Portugal verbannte Offiziere Unteroffiziere und Soldaten interniert.

Am 23. Vlai währcixd wir auf der .Äessen^ dxtrch ein moblgelungene» I^ordsest bm Portu­giesen den Dank für die freundliche Aufnahute abftattelen, hatte die Besatzung an Land Ge­legenheit, eineTour.ida a corda. einen eigenartigen, nur aus der 3nfd Xcroeira ge­übten Stierkamp' zu leben Der Stier, des seit Hörner mit goldenen Kugeln gesichert vxtoen, wurde an Tauen in eine durch Häuser und Mauern abgeschlossene Strafte geführt Zunge Burschen neckten und reizten unter Mitwirkung der zuschauenden Menschenmenge das Tier, daS wild mit den e» halteirden Jllärawrn durch die Strafte rannte Unter lautem Geschrei und Ge­johle stob die Menge auseinander, die Zu­schauer aus den Blauem zogen die Bebw an; einzelne Beherztere nahmen den Kamps mit dam wilden Tier auf, indem sie urplötzlich bunte Schirme vor ihm a uff bannten und dann geschickt beiseite sprangen. Die luftige Recksei, bk die komischsten Szenen erzeugte. die aber schon man­chem Zuschauer da» Leven gekostet haben soll, wurde fortgesetzt biv der Stier ermübet in die Kniee sank. Rach bidem unblutigen -Sieg" der Menge wurde da» Der In feinen Käsig abge- füftrt, wahrend man aufgeregt feine 2tn!.chtan über den ..Kamps" austauschte und feststeltte, ob der Stier ein .Lamm" oder eine . Ziege oder ein .tapferer Kämpfer" gewesen wäre

Am 2Ibenb dieses Tages liefen wir aus, um un* m Ponte rklgada mit bvui gau cn llebimgitoerbanbe zusammenzus »nden. Ponte Del- gada. der wichtigste HairdelShafen der Azoren» liegt an der Südküste der 3nfel Sao Miguel, der gröftten der Gruppe Sin viel anaelaufener 3tpiid;enlxxfen im transatlantischen Verkehr, trägt auch die Stadt daS Gepräge aller internationalen Dvrchgangshäsen mit ihren Vor- uyd Rachteileiu Sine besondere Rolle spielt bte Insel In der Pflanzung und Ausfuhr von Ananas: die weiften Glasdächer der zahlreichen TveibhauS tnlhnxn schimmern durch das Grün der fruchtbaren Land- lchast. Den lösten Slnblick in die Aaturfchön- beiten unb in die Fruchtbarkeit der Insel ge­währten zwei Ausflüge in die weite« Umgebung. Im Westen der Insel bot sich von dem 700 Meter hohen Rande eines alten etwa 4x2,5 Kilometer meflenden Kraters der ,,sieben Städte", dem

1 ck le . .in selten schöner Anblick auf die beiden, nur durch einen schmalen Damm voneinander getrennten Kraterseen In der .Tiefe mit ihren grünen Ufern Abwechslungs­reicher noch gestaltete sich die Fahrt nach Osten auf der kilometerweise von blüftcnben Hortenflen- büschen cingefaftten .Rordstrafte" nach dem Furnas-Tatt- Zwischen grünen Bergl^.ng.-n ge­legen, umgeben von tropischer Waldvegetation, ist da« l.ebliche. fruchtbare Tal. zu dellen Schön­heit ein grünschimmemder Kraterfee beiträgt, besonders sehenswert durch die hohen weiften Dampfwolken der dem Felsboden entfbringenden kochend steiften Schwefel- und Eisenquellen.

Ein deutscher Verleger.

Zum 60 Webudetofl von (htflrii DicderichS am 22. Juni.

Bon Frank Lv » kirchen.

Das rin Buchverleger ist, darüber such meist sonderbare Anschauungen verbreitet, seine Tätigkeit wird nur au» ein Geschäft angesehen, und zwar als ein ganz ausgezeichnete». D e phan­tastisch hohen Zahlen einiger Buchersvlge in den letzten Jahrzehnten sind im Gedächtnis haften geblieben, baft dabei aber Hunderttausende von Büchern keinen Erfolg brachten und baft durch- schnittiich auf ein erfolgreiches Buch viele, sehr viele kommen, die wie Bleilast in den Lagern hegen und keine Verzinsung, sondern Kosten bringen, wird vergessen. Daft aber rin Verleger gar ins geistige Leben eingreifen könnte, tne Entwicklung der Kulturbewegungen zu beein­flußen ersucht fein könnte, erscheint schon un­glaublich. Höchsten» im schlechten Sinne, aber davon soll ja hier nicht die Rede fein, lind doch geht vom Verlaaswefen sicher eine starke Be- einslusfung der öffentlichen Meinung in künst­lerisch^ und kulturellen Fragen aus, die keines­wegs 'N allen Fällen glücknch. sich immer be­deutsamer abzeichnet. Wir haben Verlage, die mit Vorbedacht Auslandskultus treiben, wir ha­ben welche, die sich der Sowjetbewegung an- n eh men. wir haben sehr viele, die für ver- bältni»mäftifl kleine Bestandteile der in Deutsch­land wohnenden Gastvöller mit immer neuen Büchern aller Art eine naiv fälschende Propa­ganda machen. Wir hoben auch ausgesprochen nationale Verlage. Kein Verleger aber hat tn fo weitsichtiger, dabei geistig freier, allen An­regungen offener Weise dem allerdings ganz grvft aufgefaftten deutschen Gedanken letzt seit breiftig Jahren in vorbildlicher Werse gedient, als wie Eugen Diederich». der seinen 60. Geburtstag am 22. Juni begehen kann und der es verdient, daft man bei feinem Sehens­werte einen Augenblick verweilt.

Eugen Diederichs ist Thüringer, er ist in Löbitz im Kreise Weiftenteis' geboren, wo fern Vater rin Rittergut bewirtschaftete. Seine Gymnallalbtt-

dung erhielt er in Raumburg an der Domfchule, und die gewaltigen Standbilder der Stifter im Dom. die Gräfin Gego, der Markgraf Eckhard unb seine fürstliche Dmnahlin Uta, werden feiner Knabenseele den tiefsten Ausdruck deutschen We- fenS gegeben haben. Dann wurde er Landwirt, em kernhaster Zug bei diesem Manne, der später sein Däfern den Büchern weihte, eine Erklärung viel­leicht aber auch für das Gesundbodenständige, das feine Bestrebungen immer geadelt hat. Er blieb aber bei dem Landwirtberufe nicht

Anlang der neunziger Jahve war er in Italien, besonders in Florenz, und gründete einen Verlag, der zuerst Florenz und Leipzig zeichnete, eine gewissermaften sonderbare Zusammenstellung, bann aber Leipzig al» Sitz wählte 1-04 erfolgte bann die UeberfieMung des unterdessen aufter- ordentllch aufgeblähten Verlages nach Jena. Der Verlag Eugen Diederich» war der Bahnbrecher für die neuzeitliche Bewegung auf dem Gebiete der Buchausstattung in Deutschland, feine leiten­den Grundsätze waren dabei Gediegenheit und geschmackvolle finngemäfte Drudanorbmma. Er legte aber auf das Aeuftere des Buches nicht das Hauptgewicht, beim daS Entscheidende bleibt das qctff.ge Erlebnis durch das Buch, daft es nämlich öffnen soll die Wege zur deutschen Kultur. Auf drei Wegen gingen diese Bestrebungen. Ausbau be£ religiösen Lebens. Erhöhung des LcbenSgefühls und als wichtigstes vielleicht jene Richtung, die von der Dillenschaft zur neuen Lcbensgeftaltung führen soll. Wenn wir jetzt wirllich ein .schönes deutsches Buch" haben, so verdanken wir das in erster Lime Eugen Diebe- richs und es ist fein besonderes Verdienst, daft er sich dabei immer frei hält von künstlerischer Spielerei, von Srwbisrnus von blinder Ausland- bicncrri. in die so manche bedeutende Versage, die in den letzten Jahrzehnten kamen und gingen, allzuleicht verfielen. Bugen Diederich» hat Moden nie mitgemacht. und Werke, die er vor fünfund­zwanzig Jahren herausbvachte. können sich heute noch gut sehen lallen und wirken monumental neben dem unorganisch Auf geblühten, das so sehr viele Buchausstattungen anderer Verlage aus jener Zeft zeigen. Lind was hat er herouS- gebracht. welche Fülle von Werten scheinbar ganz auseinanderstrebender Art: heute aber sehen wir.

daft diese unübersehbare Menge verschiedenster Bücher zusammengehaften wurde durch einen ernsten, großzügigen Willen, der deutschen Kul­tur zu dienen, mit Würde, Ernst und Treue zu bienen. Lind als besonder» wichtig für da» Bild Sugen Dicdenchs ist es. zu wissen, daft gerade die Verbreitung dieses Kulturgutes, diese herrlichen Ausgaben aller und neuer Meister der Dichtung. Kunst und Willenschaft, die setzt unsere Freude in unseren Bibliotheken ausmachen, keineswegs eine Quelle geschäftlicher Erfolge für den Verleger waren, im Gegenteil, wenn irgend­ein Buch eingefchlagen war und hatte ihm ge- fchästlich auch ein gutes Srgrimis gebracht, so­gleich war er bereit, seinen Gewinn wieder für Veröffentlichungen auszugeben, von denen er ttmftte. baft lle zwar unendlich viel gutes schaffen, aber geschäftlich einen Wifteriolg bedeuten würden.

Seit 1909 gibt er auch die Zeitschrift .Die Lat" heraus, tn ber er alle Stimmen sammeln möchte, die irgendwie für die Zukunft der deut­schen Kultur bedeutsam erscheinen und sie ist auch vor allem während des Krieges und den schweren Jahren nachher ein wertvoller Rufer im Streite der Meinungen gewesen, nicht al» Dienerin ir­gendeiner Partei, sondern nur im Sinne eine» deutschen Qhifftiege».

Die Universität Jena hat chrcm verdienten Mitbürger Eugen DiederichS schon vor Jahren den Ehrendoktor verliehen, er galt nicht nur dem weltbekannten Verleger, er galt auch dem tätigen Menschenfreund, dem wahren Förderer deutscher Bildung und Kultur, dem rastlosen Verbreiter bester Humarrttät.

Frankfurter Theater.

Es ist schwer erklärlich, warum Carl Stern- Heims noch aus der Vorkriegszeit stammende Komödie ..Die Kassette" erst heute den Weg auf unsere Schauspielbühne gefunden hat. Das Werk selbst in seiner köstlrben Satire auf Mensch- rum im allgemeinen und Bürgertum im speziellen wird aHerbing» immer zeitlos gegenwärtig wir­ken, denn ob man 1910 als Gutstehunisjahr ber Komödie ins Auge faßt, oder untere heutige Zell, der Zwischenraum von siebzehn Jahren

macht sich in keiner Weise bemerkbar, denn ber charakterlose Tanz um» golbene Kalb war und ist immer aktuell. Fräulein Elsbeth Treu, bie Erbtante ber Frauen be» Oberlehrers Krull er ist -um zweiten Male mit Fanny, der jungen Schwester feiner verstorbenen Frau verheiratet) regiert kraft ihrer Kafsette. bie einhundertund- vierzigtaufend Mark in zum Teil bayerifchen Staatspapieren enthält, über bie ganze Familie, denn vor ber Macht deS dermaleinst zu erbenden Geldes muft Liede Freiheit und Persönlichtell sich selbstverständlicki in einen Winkel verkriechen. So herrscht mit teuflischer Boshaftigkeit die Tante über da» Leben und die Kleinbürgerseelen ihrer verhaftten Verwandten Sie läftt sie alle -um wilden Veitstanz um die Kassette antreten, ob­wohl sie längst ihr ganzes Geld notarisch der Kirche vermacht hat. Diese Komödie ist wie ein blauer, leicht aufsteigender Rauch über einer glimmenden Feuerstelle, ihre Wurzeln gründen im Tragödienhaften, aber Siernheim hat den Blick für die unerhörte Lächerlichkeit deS mensch­lichen Gehabes, er behänyt ihre Erbärmlichkeiten mit Rarrenglocken, baft ibre Gesten von diesem Gellingel umgellt sind. 3n diesem Sinne war auch die Inszenierung Ludwig Wagners, ber die Komödienwirkung der Handlung noch mU bunten Regieeinfällen nach auften hin verstärkte. FamoS gliederte sich der szen lhe Ausbau Lud­wig SievertS mll ber mitspielenden Beweg­lichkeit ber Türen dem Werk an. Toni Impe­koven kann von nun an den Oberlehrer Krull zu seinen Glanzrollen zählen, ausgezeichnet Luise Glau al» Wetbtierchen Fanny, noch prägnanten im Sinne Sternheims gestaltete Kundry Sie­vert die halbwüchsige craltierte Tochter Seine starke Begabung für terikaturistische Komik konnte Rorberi Schiller in der Rolle des Photogra­phen Seidenschnur zur vollen Geltung bringen,, Die stärkste Darstellerin des Abends jedoch was Lola M e b i u S in ber Rolle der Tante unb Mens^enbeherrscherin von Gesd^sgnaden. Die Aullührung wurde ungemein beisällia aufgenom­men und lieferte den beweis, daft für berarttne Werke immer ein starkes mitgefteube» Interests beim Publikum vorhanden ist. UW,