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Nr. 67 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, 2b März 1927

Neuwahlen in Oesterreich.

Der österreichische Nationalrat rüstet sich langsam zum Abschluß seiner Tätigkeit Sein Mandat läuft zwar erst am 20. November ab, aber bk Parteiverhältnisse haben sich auch hort so Augespitzl, bah die Volksvertretung eines na­türlichen Todes nicht sterben wird, sondern vor­her aufgelöst werden must, und zwar wahr­scheinlich sehr bald aufgelöst wirb. Ei« hat noch eine groste Ausgabe zu erfüllen, die So­zialversicherung, und Herr Seipel, der Ministerpräsident, hat den Sozialdemokraten im vergangenen Iahre versprochen dast er diele Versicherung noch in Der lausenden Legislatur­periode erledigen lassen wolle Die Sozialdemo- kralen machen chm das aber unmöglich, sie ver­langten sofortiges Inkrafttreten der Versicherung, während die Christlich-Sozialen und Grohdeulschen mit Rück icht auf die wirtfchastliche Lage des Landes erst eine Karenzzeit von eini­gen Jahren durchführen wollten, damit die Ver­sicherung, wenn hc in Kraft tritt, schon einen starken Äeservefond hat. der ihr die Erfüllung ihrer Ausgaben ermöglicht. Damit sind die Sozia- listen nicht einverstanden, sie glauben in diesem Gesetz eine wunderbare Handhabe zu besitzen, die ihre AgitalionsbcsugniS befriedigt und drückten de-holb schon seit längerer Zeil auf Neuwah­len. wofür sie den Sommer in Aussicht ge­nommen hatten. Mit gutem Grunde, beim ihre Stärke liegt in den Städten. Der Bauer aber wird mitten in der Erntezeit nur recht schwer an die Urne zu bringen sein. Sie rechneten also sich sehr hübsch aus, dast Neuwahlen im Som­mer eine schwache Wahlbeteiligung auf dem Lande zeitigen würden, worunter die Christ- lich-Sozialen in erster Linie zu leiden hätten. Dadurch hat ihnen Dr. Seipel, der ihnen als Taktiker immer noch überlegen ist, einen dicken Strich gemacht. Er will den Wahltermin weiter nach vorne schieben, und während ursprünglich vom 15. Mai die Nede war, ist jetzt mit ziem­licher Sicherheit anzunehmen, dast die Wahlen schon am 2 4. April, also in sechs Wochen, vor sich gehen werden.

So weit sich übersehen lästt, sind allzu groste Lieberraschungen nicht zu erwarten, wenn auch die Sozialdemokraten so tun, als ob sie groste Nosincn im Sack hätten. Ser ganze Kampf geht eigentlich nur zwischen den Christlich-So­zialen und den Sozialisten. Don den 165 Man­daten entfallen 82 aus die Christlich-Sozialen und 68 aus die Sozialisten, während die Groß- deutschen mit 10 und der Landbund mit 25 Ab­geordneten nur eine nebensächliche Rolle spielen. Den Christlich-Sozialen fehlen also nur drei Mandate an der absoluten Mehrheit, die So­zialdemokraten müßten 17 Mandate erobern, um allein regieren zu können. Daß sie daS Ziel er­reichen werden, ist sehr unwahrscheinlich, obwohl sie in den letzten Jahren, eben weil die Möglich­seiten für sie in den Städten auSgefchöpft sind, eine starke Agitation auf dem Lande entfaltet haben. Dazu hoben sie ein eigene- Agrarprv- qramm auSgearbeitet, daS auf Stimmenfang bei den Kleinbauern und den Landarbeitern berech­net ist. Die Christlich-Sozialen haben aber, ob­wohl einige Skandalgefchichten ihnen fehr un­bequem gewesen sind, bk Wähler noch f eft genug in ber Hand, um den Angriff abschlagen zu können. Die Großdeutschen kommen in ihrer Entwicklung nicht weiter. Obwohl -ihr Programm, die Vereinigung mit Deutschland, von ber weit nbertoicaenben Mehrheit Oesterreich- geteilt wirb, ist ihr Einfluß feit ber Gründung deL Staates sehr wesentlich zurückgegangen, und es wäre dringend wünschenswert, wenn es ihnen gelänge, bei den Neuwahlen einen Man­datzuwachs zu erzielen. Wenn nicht lieber- raschungen eintreten, wird im übrigen die Entwick­lung innerhalb Oesterreichs sich durch die Wah­len nicht verschieben. Die Mehrheit zwischen

Christlich-Sozialen und Grostdeutschen wird auch weiterhin am Ruder bleiben und nach wie vor den Versuch machen, den Torsostaat über Was­ser zu hallen. Ob ihnen daS gelingt, ist immer noch eine offene Frage. Wir glauben nach wie vor. dast trotz Völlerbundsunterftützung dieses Staatsgebilbe erst gesunben kann, wenn es über alle Trennungsstriche des Versailler Vertrages hinweg zu Deutschlanb heimgefunden hat.

Zollpolitik und Handels- verlraqsverhandlunqen.

(Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 20. März. Wahrend die deutsch- französischen Hanbel-vertragSverhandlungen in Pari- laufen, beginnen in Berlin neue Verhand­lungen mit dem Ziele, einen Handelsvertrag zwi­schen Deutschland und der Tschechoslowakei zu- standezubringen. Bereits vor etwa vier Wochen hat eine erste Lesung ber beiberfeiligen Vorschläge in Prag ftattgefunDen. Die gegenwärtigen Ver­handlungen werden wegen ber außervrbentlichen Kompliziertheit bes tschechoslowakischen Zolltarifs auf 5 bi- 6 Wochen oemefkn. Da bic Tschecho­slowakei bi- heute ein System aufrechterhält, da- unferm System der Zwangswirtschaft ziemlich nahekommt und die Einfuhr für eine Reihe von Erzeugnissen an besondere Bewilli­gungen bindet, ist da- nächste und hauptsäch­liche Ziel deutscherseits eine Revision ber bestehenden tschechoslowakischen Einfuhrverbote.

Damit wird eine Frage berührt, die auch in den deutsch-französischen Handelsvertragsver- banMungen eine erhebliche Rolle spielt und von grundsätzlicher Bedeutung für die inter­nationale Handelspolitik ist. 3m allgemeinen gilt und gatt vor Dem Kriege als ein einziges zulässiges und gebräuchliches Mittel zur Der- yinderunq unerwünschter Einsuhr eine tarif­liche Differenzierung solcher Waren, ihre ZolldelastuLg in einer Höhe, die die Einfuhr prak­tisch au verhindern gestattete. 3m Zusammenhang mit Den Notmaßnahmen des Krieges und der 3nslationszeit, die das sogenannte Valuta­dumping untervalutarischer Länder brachte, traten die Valutazuschläge als weiteres Abwehr- mittel gegen die unerwünschte Einfuhr hinzu, ferner aber auch das mehr oder weniger überall angewandte System einer Zwangswirt­schaft, die mit Hilfe von Ein- und Ausfuhrbe­willigungen die nationale Wirtschaft bis zu einem gewissen Grade diktatorisch gegen das Ausland abriegeln konnte. 3n der Tschechoslowakei, die als neugeschasfener und in hohem Maße in­dustrieller Staat den freien Wettbewerb zunächst nicht ertragen zu können glaubte, besteht dieses System in feinen Heberrcftcn bis auf den heutigen Tag. 3n Frankreich begegnet man feinen letzten Auswirkungen in dem Kampf, der um die Kontingentierung der verschiedenen Waren des deutschen und französischen Ausfuhrinteresses zur Zeit ausgefochten wird.

Cs ist inDeS zweifellos, daß dem sreihänd- lerischen Ideal nicht mir ein weitestgehender Abbau der Zollmauern, sondern vor allem die Beseitigung solcher vermeintlich regulieren- ber Zwangsmaßnahmen erst zur Darstel­lung seiner befruchtenden Wirkung verhelfen kann. Das Bestreben, grundsätzlich einen mög­lichst regen Warenaustausch In der ganzen Welt herbeizuführen, zugleich aber mit unzähli­gen Sonderbestimmungen den Schuh dieser oder jener Interessen gegen die Konkurrenz des Aus­landes zu betreiben, zeugt von völliger Ver­kennung der Möglichkeiten, die ein mindesten- innereuroväischer ungehinderter und weit­gehend zollfreier Warenaustausch für alle Län­der. auch die vermeintlich dadurch benachteiligten, mit sich bringen würde. Die theoretische Erkennt­nis dieser Lebensnotwendigkeit für die euro­

päische Wirtschaft liegt allerdings zur Zeit in einem schweren Kampfe mit ber praktischen Be­mühung fast jeden einzelnen Landes, für seine Industrie ober doch für bestimmte Teil« dieser Industrie besondere Schutzmaßnahmen zu erkämpfen. In diesem inneren Gegensatz wur­zeln die sämtlichen Schwierigkeiten, denen der Au-bau unseres HandelsvertragSnetzeS zur Zeit noch ausgesetzt ist. Die soeben vereinbarten Der- handlungSgrundlagen für den deutsch-französi­schen Handelsvertrag zeugen von ber richtigen Erkenntnis: ob sie sich bei dem Ringen um die Tarifpositionen in ber Praxis durchsetzen wird, steht aber leibet noch durchaus dahin

Stand her Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen.

Am 20. Oktober v. 3s hat bei den Verlor- gungdämtem wiederum eine Zählung der rentenbezugsberechtigten KrtegS- beschädigten und der versorgungS- berechtigten Hinterbliebenen der Kriegsteilnehmer stattgefunden, deren Ergebniffe für den Bereich deS HauptversorgungS- a m t S Kassel, das die Provinz Hessen- Nassau, die Länder Thüringen. Hessen und Waldeck und den Kreis Wetzlar umfaßt, im folgenden kurz wiedergegeben feien:

3m Iahre 1923 wurden im Gegensatz zur Unfallversicherung die Kriegsbeschädigten. bei denen die durch bic Folgen der Dienstbeschädi- gung verursachte Minderung der Erwerbsfähig­keit weniger als 25 v. H. betrug, abgefun­den: ihnen wird feither zwar in gewissem Um­fang noch Heilbehandlung, nicht mehr aber Rente gewährt Durch diese Abfindung ist die Zahl der rentenbezugsberechtigten Kriegsbe- fchädlgten stark, nämlich im ganzen Reich von rund 1 275 000 auf rund 721 000 gesunken, so daß bei der Zählung im Oktober 1924 im Bereich des Hauptversorgungsamts Kassel noch 67 425 kriegsbeschädigte Rentenempfänger festgestellt wurden.

Bei ber Zahlung vom 20. Oktober v. 3s. er­gaben sich nun 68 176 rentenbezugsberechtigte Kriegsbeschädigte: ihre Zahl hat sich also in den letzten zwei 3ahren nicht vermindert, vielmehr überstiegen die Zugänge den Abgang durch den Tod und Wegfall der Rente infolge Besserung des BerforgungsleidenS. Bon den 68 176 Kriegs­beschädigten sind 29 921 schwerbeschädigt, d h um wenigstens 50 v. H. in der Erwerbsfähigkeit gemindert.

Zu der Rente wird unter gewissen Voraus­setzungen eine Ausgleichszulage gewährt, durch die das frühere Arbeitseinkommen des Be­schädigten berücksichtigt werden soll: sie stuft sich je nach der Bedeutung des früheren Beruf- in eine einfache und eine erhöhte Ausgleichszulage. Nach der Zählung beziehen 7002 Beschädigte keine, 791 die erhöhte. 60 393, also die über­wiegende Mehrzahl, die einfache Ausgleichs­zulage. 25 300 Beschädigte beziehen eine Frauen- zulage: versorgungsberechtigte Kinder, das sind im allgemeinen die Kinder unter 18 Iahven, sind 101 786 vorhanden.

Die Zahl der versorgungsberechtigten Hin­terbliebenen der Kriegsteilnehmer <Witwen, Wai­sen und bedürftige Eltern) beträgt für den Be­reich des Hauptversorgungsamts Kassel 135 459. Auffallend gering ist Dabei Die Zahl Der Waisen: sie kennzeichnet insbesondere Die Provinz Hessen-Nassau als eines Der linDerärmften Gebiete DeutschlanDs: nur im Freistaat Sachsen, in Berlin und in Hamburg ist Die Zahl Der Waisen verhältnismäßig noch geringer.

3m allgemeinen zeigt Die Zählung, daß Die vielverbreitete Meinung, Die acht Iahre nach Dem Krieg bereits mit einer erheblichen Sen­kung Der Versorgungsberechtigten rechnete. Durch­aus irrig ist. Allerdings wird Die Steigerung Der Dersorgunlgsberechtigten zum Teil auf Die Not

weiter BolkSkreife. Die früher wegen günstiger EinkommenSverhältnisse auf die Versorgung ver­zichteten, und auf den feit Der Festigung der Währung gestiegenen Wert Der Rente zurück­zuführen sein. Daß aber auch in Den nächsten Iahren mit einer wesentlichen Abnahme nicht zu rechnen ist, ergibt schon die Tatsache, daß Die Hauptmasse der Kriegsbeschädigten im Alter von 28 biS 50 Iahren steht.

Heimatgeschichlttcher Kursus.

= Friedberg. 18. März. Die Hessische evangelische Landeskirche veranstaltete gestern und beule auf Antrag der Skreinigung für bessitche Kirchenaeschichte einen heima 1 ge­schichtlichen R u r f u e am diesigen Prediger seminar. an dem etwa 30 Kandidaten und Pfarrer teilnahmen, zumeist aus Oberbcffen. Im Vorder gründ der Arbeit stand die praktische Betätigung.

Archivrat Dr. Herrmann rom Darmstadter Staatsarchiv verstand cs meisterhast, in die Beschas tigung mit der Heimatforschung einuifiibren an Hand von Urkunden, Kirchenbüchern, Kirchen- und Gemeinderechnungen usw. Nachdem er mit der wich­tigsten Literatur vertraut gemacht batte, gab er An leitungcn zur Benutzung van Gemeinde-, Pfarr- und Staatsarchiv. Praktische Hebungen im Lesen van Urkunden Kirchenbüchern und Rechnungen schloßen sich an.

Eine Fülle von Anregungen wurde den Kursus- befuchern, die mit lebhaftem Interesse an den Hebungen teilnahmcn, für die heimatgeschicht I i d) e Forschung gegeben, lieber deren Beden tung und ihre Verwendung im Amt hielt Prälat D. Dr. Diebl in seiner bekannten, eindrucksvollen Art einen hochinteresianten abschließenden Vortrag, (fr führte u. a. aus, daß man heute bezüglich der lokal- und territorialgeschichtlichen Forschung anber- denke ,als etwa noch vor 30 Jahren Sie werde heute als wissenschaftliche Disziplin anerkannt. Wer ic mit unwissenschaftlichen Mitteln betreiben wolle, olle lieber die Hand ganz davon lassen. An Bei- pielen aus der hessischen Schul- und Kirchenge- chichle konnte der Redner zeigen, wie wichtige all gemeine geschichtliche Probleme nur der Kleinarbeit der lokalen Geschichtsforschung ihre Lösung verdan ken. Auch die noch zu schaffende Geschichte des religiösen Lebens sei nur unter Heran ziehung der Lokal- und Territorialge^chichte zu schreiben. Für diese Ausgabe stünden in jedem Orte wertvolle Quellen zur Verfügung. vor allem die Kostenrechnungen. Wichtig sei auch die Frage nach der Bedeutung d«>r heimatkundlichen Forschting für das A m t des Seelsorgers Charakter und Eigenart eines Ortes und feiner Bevölkerung lerne man nur kennen, wenn man rückwärts in Die Vergangenheit schaue. Für die Behandlung der Pfarrkinder er geben sich daraus wichtige Fingerzeige. Aus feiner reichen Erfahrung heraus konnte der Redner man chen praktischen Wink über das Wie der Arbeit Qcben. Der heimatgeschichtlict)en Ausgestaltung dcr Heimatblätter, die alsHeimalglocken" jetzt in vielen Gemeinden und Kirchspieler erscheinen, und der Gemeindeabende galten besonders wertvolle Rat schläge. Die Geschichte der Heimatkirche, die Betrach tung alter Grabmäler und die Geschichte einzelner Familien seien besonders dankbare Behandlung, gegenstände. Auch im Unterricht des Geistlichen fei es angebracht, an das Heimatliche anzuknüpfen, mir auch Die Predigt bei Höhepunkten des kirchlichen Lebens von einer heimatgeschichtlichen Begebenheit ausgehen könne. Das Material sei jedem zugänglich, denn es gäbe kein Land, in dem soviele Quellen erschlosten seien wie in Hessen.

Die Tagung hat sich als öußerft truchtbar er wiesen und jedenfalls gezeigt, daß die praktische Unterweisung in der Heimatforschung der einzig gangbare Weg ist, der zu einem Erfolge führen kann. Reden und Artikel und selbst dicke Bücher können allein nicht für das Werk der Heimatfor fdjung anregen; dem Strebenden muß auch einmal gezeigt werden, wie man mit dem Material arbeitet, wie man vor allem über die Schwierigkeiten hinweg-

Beethoven in der Schilderung eines Zeitgenossen.

Mitgeteilt von Dr. jur. et phil. Karl Esselborn.

Die titanenhafte Erscheinung Beethovens tourDc uns in Den letzten Iahren in bcDeuteftDen Kunstwerken, vor allem Durch Klingers ge­waltige Statue, Dargestellt. Lebendig hat ihn Der Franzose Rens F a u ch o i s in Dem Dramatischen SeelengemälDeBeethoven" Der Gegenwart vor Augen geführt. Der aus Gießen gebürtige FneD- rich Kraft (geb. 21. März 1869, gest. als Ober- stuDiendirektor a. D. zu Heppenheim am 13. Mai 1925), ein Enkel Des Verfassers Der .Geschichte von Gießen", hat Das Werk meisterhast ins Deutsche übersetzt. Seine Uebersehung. kurz vor Kriegsausbruch beendet, wurde aber infolge Der großen Weltbegebenheiten wenig beachtet. Auch auf Den Maler L. B a 11 c ft r i e r i sei hier hin- aewiesen. Der im Iahre 1900 in Paris auf Dem bekannten BilDe .Die Kreuzersonate" Die be­zaubernde Wirkung Der Deethovenschen Musik meisterhaft gefdjilDcrt hat. Neben Den moDemen künstlerischen verklärenDen Darstellungen Des Meisters behalten Die zeitgenössischen Darstellun­gen ihren Wert, ja erst sie lehren die neuen Kunstwerke richtig verstehen. Es kommen hier aber nicht nur bildliche Darstellungen, sondern auch erzählende Schilderungen von Zeitgenossen in Be­fracht. Eine solche, bei Der man Die Anschaulichkeit DeS eignen Erlebens durchsühlt. soll hier geboten werden. Sie rührt von einem englischen Advo­katen namens Iohn Russell her. Der in Den Iahren 1820 bis 1822 eine. .Rciie Durch Deutsch- land und einige südliche Provinzen Oesterreichs" unternahm und seine Eindrücke und Erlebnisse in Dem zweibändigen WerkA Tour in Gcrmany and somc of the Southern Provinccs of the Austrian Empire in the Years 1820. 1821. 1822" nicDerlegtc, das im Iahre 1824 in (SDinburgb erschien, mehrere englische Auslagen unD im Iahre

1825 eine, freilich nicht von Irrtümern freie, deutsche Uebersehung erlebte. WaS er über Beethoven sagt, beruht zwar zum Teil auf Hörensagen, doch schildert er treffend Den EinDruck, Den Die äußere Erscheinung DeS einsamen Meisters im Leben DeS AlltageS machte, zum Teil aber zeigt es ihn unD hier liegt Die eigne Wahrnehmung DeS Erzählenden zu Grund wie er am Klavier, an das ihn eine Heine List eines Freundes zu bringen verstanden hatte, phantasierend in das himmlische Reich der Töne verseht und allem Irdischen entrückt ist, indem hier seine eigne Musik auf ihn dieselbe Zauberwirkung ausübt wie Die Kreuzersonate auf Die weltentrückten Zuhörer auf DemBalleftrieri* fchen Bilde.

Beethoven ist der gefeiertste unter Den leben­den Komponisten in Wien und in gewissen Fächern auch Der erste seiner Zeit. Obgleich er noch fein alter Mann ist, so ist er Doch für Die Gesellschaft verloren infolge feiner oollftänDigen Taubheit. Die chn fast ganz ungesellig macht. Die Vernachlässigung feiner Person, die er zur Schau trägt, verleiht ihm em etwas wildes Aus­sehen. Seine Züge sind kraftvoll und hervor­stechend. Sein Haar. DaS seit Iahren weder Kamm noch Schere berührt zu haben scheinen, überschattet seine breite Stirn in einer wirren Fülle. Die nur in Den Schlangen um ein Gor- gonenhaupt ihresgleichen hat. Sein Benehmen paßt im allgemeinen nicht übel zu Dem nicht viel versprechenden Aeuhem. Außerhalb des Kreises seiner auserlesenen Freunde gehören Freundlich­keit und Gesprächigkeit nicht zu seinen bemerkens­werten Eigenschaften. Der gänzl.che Verlust sei­nes GchöreS hat ihn des ganzen Vergnügens be­raubt. DaS gesellschaftlicher Verkehr bieten kann. unD ihn vielleicht verbittert. Er besuchte ge­wöhnlich einen befonDercn Keller, wo er Den AbenD in einer Ecke fernab von Dem GeplauDer unD Der Unterhaltung eines Wirtszimmers Da­

mit zubrachte. Daß er Wein und Bier trank, Käse unD Bückinge unD Die Zeitungen ftu- Dierte. Eines Abends sehte sich jemand neben ihn, Dessen Aussehen ihm mißfiel. Gr sah Den Fremden scharf an und fpie aus. als wenn er d*nc Kröte gesehen hätte: Dann warf er einen Blick auf die Zeitung. Dann toieDer auf Den Eindringling und fpie wiederum aus, dabei sträubte sich fein Haar nach und nach in immer zottigerer Wildheit, di- er das abwechselnde Ausspeien und Anstarren mit dem schönen Aus­ruf Welch schusttge Fratze!" beschloß und aus Dem Zimmer stürzte. Selbst unter seinen ältesten FreunDen muß ihm sein Wille geschehen wie einem eigensinnigen Kinde.

Er hat stets ein kleines Schreibheft bei sich, unD jegliche Unterhaltung, die stattfindet. wird schriftlich geführt. In DiefeS Heft fkizziert er, wiewohl es nicht liniiert ist, im Nu jeden musi­kalischen Gedanken, der ihm kommt. Diese Noten würden selbst für einen andern Musiker durchaus unverständlich (ein; Denn sie haben so keinen verhältnismäßigen Wert: er allein besitzt in seinem Gedächtnis den Faden, womit er aus dem Labyrinth von Kreisen unD Pünktchen die reichsten und überraschendsten Harmonien heraus­bringt. In Dem Augenblick, wo er sich ans Klavier setzt, ist er sich offenbar nicht bewußt. Daß es noch etwas außer ihm und feinem In­strument auf Der Welt gibt: und wenn man be- Denft. wie arg taub er ist. so scheint eS un­möglich. Daß er alles hören sollte. waS er spielt. Demgemäß bringt er. wenn er ganz piano spielt, ost nicht eine einzige Note heraus Er hört sie selbst mit seinem geistigen Ohre Während fein Auge und die fast unmerkliche Bewegung feiner Finger zeigt, daß er die Weife in seiner Seele Durch alle ihre sterbenden Abstufungen verfolgt, ist Das Instrument tatsächlich so stumm wie Der Spieler taub ist.

Ich habe ihn spielen hören; aber um ihn so weit zu bringen. erforDert es einige Geschick­

lichkeit, so groß ist fein Abscheu Davor, der Gegenstand einer Schaustellung zu sein. Wäre er geradeheraus gebeten worden. Der Gesellschaft Diesen Gesallen zu tun. so würde er es rundweg abgelehnt haben. Er mußte durch eine List dazu gebracht werden. Iedermann verließ das Zim­mer außer Beethoven und Dem Herrn DeS Hau­ses. einem seiner allemcrtrauteften Bekannten. Diese beiden führten in dem Schreibheft eine Unterhaltung über Bankkapital. Gleichsam zu- fällig berührte der Herr die Tasten Des ossen- ft eben Den Klaviers neben Dem sie saßen, und begann allmählich eine von Beethovens eignen Kompositionen Durchzuspielen, machte Dabei tau- senD Fehler unD verpfuschte hurtig einen Laus so vollständig, daß Der Komponist geruhte, feine HanD auszustrecken. um ihn zu berichtigen. Das genügte, seine Hand war an Dem Klavier; fein Gefährte verließ ihn gleich Darauf unter irgend­einem Vorwand und begab sich zu Der übrigen Gesellschaft. Die in dem nächsten Zimmer, von wv aus sie alle- sehen unD hören konnten, geDulDtg Den Ausgang dieser langwierigen Beschwörung abwartete. Beethoven, allein gelassen, setzte sich an Das Klavter. Zuerst schlug er nur Dann und wann einige hastige unD abgebrochene Töne an, gleichsam, als besürchtete er, bei einem Verbrechen ertappt zu werben; aber allmählich vergaß er alles sonst unD phantasierte eine halbe Stunde lang in einer äußerst abwechslungsreichen Weise. Die sich vor allem durch ganz plötzliche Hebet- aänge au-zeichnete. Die Kunstliebhaber waren Oingenffen. Für Den Hneingeweihten war es noch interessanter, zu beobachten, wie Die Musik Der Seele DeS Mannes über sein Antlitz glitt. Er scheint mehr DaS Kühne. DaS Geb;etende und Hngeftümc zu fühlen al- DaS Schmeichelnde und Schmelzende. Seine Gesichtsmuskeln schwellen an unD seine Adem treten hervor; das wilde Auge rollt Doppelt wild; Der MunD bebt unD Beet­hoven sieht aus wie ein Zauberer, überwältigt von Den Geistern, Die er selbst herausbeschwor.

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