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Nr. 42 Zweiter Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Samstag, 19. Scbruar 1927

Vie bevölkerungspolitische Lage der deutschen Volker.

Vererbung und Umwelt in der Geschichte. Junge und alte Völker.Mehr Menschenkunde in unseren Schulen! Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland. Die Vergreisung unserer Grobstädte.

Bon Professor Dr. med. yhllal-the, «ahn. Direktor de. hygienische, Institut, der Nntoersttät Gießen.

L

Die ba« einzelne Menschenleben werben auch die Dolksschicksate durch die beiden Mächte der Dererbung und Umwelt bestimmt. Hier­über herrscht nun in weiten Kreisen noch große Unklarheit. Manche Geschichtschreiber glauben, bah ein unfaßbare«, zwang«läuftges Schicksal den Gang der Geschichte bestimme, wie z. B Spengler, andere, wie Ranke, lehren, baß bewußte«, plan­volles Handeln die Geschicke deS Staates meistern kann. S« wird immer wieder die Frage erhoben, welche von beiden Anschauungen recht habe, und es wirb der Befürchtung Ausdruck gegeben, bah Schwarzseherei und Niedergeschlagenheit Platz greifen muffe, wenn die Rationen der Spielball unfaßbarer Mächte feien. Die Frage ist falsch: es darf nicht gefragt werden, welche von beiden Mächten bas Geschick einer Ration bestimmt, sondern die Ausgabe ist. festzustellen. In wel­chem Ausmaße beide Mächte an dem Geschick eines Boltes Anteil haben. 3n erster Linie kommt es auf die Summe der Erbmassen an, die in den einzelnen Menschen eines Bolles nach seiner raslenmäßigen Zusammensetzung ruht. Diele Erbkraft ist die Grundlage, in deren Tiefen auch das Geschick eine- Bolles verborgen ift. lieber viele Inneren Kräfte kann ein Bolt nicht hin- auSwachsen. Dazu kommen Im Dölterlcoen die Ginflüsse der Umwelt, welche die AuSlesewirkun- gen Hervorrusen und dadurch die Entwicklung und das Geschick einet BollSgemein'chast tnner- 6alb des vorgeschriebenen Bereiches In bestimmte Bahnen lenken.

An der Hand dieser Auslastung wollen wir uns einmal einige geschichtliche .Lehren" ansehen. 3d) las einmal den Saß: .Staaten und Rationen Gleichen einem Walde, der Berwüstungen er- Men kann, auf dessen Boden sich aber Immer wieder neue Bestände an frischer Lebenskraft erheben." Diese Anschauung ist falsch, wenn wir von einem Bolte mit einer bestimmten vererb­baren Eigenart ouSgchen. daS einen Staat bildet. Eine Devöltetung kann für eine lange Zeit trotz mancherlei Verwüstungen durch GegenauSlcfe, wie z. B. durch Kriege, feine Eigenart und seine erb- geborenen Kräste bewahren, aber eS kommt im Leben eines Bolkes nur allzu schnell die Wende, von der an der Berlust des BolkSbluteS nicht wieder wett gemacht werben kann. Dann strö­men f rembraf f ige Bestandteile ein unb höhlen das Volkstum auS, wäh­rend der Staat mit der Sprache deS Urvolkes noch lange Zeit erhalten bleiben kann.

Eine andere Lehre, der Marffismus, be­sagt. daß das Leben der Böller durch wietschaft- liche Fragen bedingt ist. und daß Rossen- verschlechterung auf wirtschaftlichem Massenelend beruht. Diese materialistische eeschich «auffasfunq berücksichtigt die Erbkräfte eines Bolkes überhaupt nicht, und von den Um- velteinflüsfen greift sie nur einen einzigen ber­eu«. wenn auch einen sehr wichllqen: f l e i st einseitig unb barum irreführend.

Endlich möchte ich noch einer schiefen Auf- faffung in der Geschichte entgegentret?n. da« ist der Glaube vom Altern der Bölker. ES Ift eine weitverbreitet Anschauung, daß daS Leben jedes Bolk.'S wie da« be« einzelnei Men- Ichen ausblüht und über einen Höhepunkt herab <um Abstieg und zum Tode führt. Die Kultur- Nationen insbesondere sollen aus dem Dunkel Eer Geschichte auffteigin. eine 2Ilt'^e;t erreichen mb bann dahinschwinden. Die Geschichte scheint solchem Glauben recht zu geben, die ägyptische, tabylonlsche. assyrische sind wie die griechische »nb römische Kultur zugrunde gcgan*en. Ueber Den Untergang von Griechenland und Rom besitzen wir so viele Ueberlieterungen. baß wir Die Gründe klar erennen können. Schon im 2 Jahrhundert vor Christi Geburt berichtet Po- lbtbios über Menschenmangel und Kinderlosigkeit Ln Griechenland. Unter Cäsar und Augustus

wurden bereit« von den Römern Ansiedler nach Griechenland verpflanzt, das einst daS Gestade des Mittelmeers besiedelt Halde. Wir hören mei­stens. daß die Griechen infolge der unaufhör­lichen Kriege dahingegangen find, die sie gegen­einander und gegen äußere Feinde führten. Ge­wiß haben diese Kriege wertvolle Menschen in reicher Zahl dahingerafft, aber niemals wären die griechischen Stämme untergegangen, wenn nicht die führenden Stände M BolkeS mit dem Beispiel der Ehelosigkeit und der Kinder­losigkeit den unteren Bolksfchichten voron- gegangen wären. Ganz besonders verhängnis­voll und schimpslich wirkte zum Untergang de« Griechenvolkes die sich immer mehr auSbreitcnbe gleichgeschlechtliche Liebe mit. Rom hat schließ­lich denselben Weg beschritten: die Bevölkerung, die heute in Italien lebt, hat nichts mehr mit den alten Römern gemein, welche die Grundlage deS römischen Reiche« legten, auch hier versagten die höheren Stände, indem sie eheloS blieben ober aber kinderarme und kinderlose Chen schlos­sen. ES ist für un« von ergreifender Wichtigkeit, sestzu stellen. auf welche Weise diese Kultur­völker, die so Herrliche« in Wissenschaft und Kunst geleistet haben, zugrunde gegangen sind, weil die Rassensorschung e« uns lehrt, daß sie der gleichen Wurzel der Menschheit entsprossen sind, auS der mit den germanischen Böllern auch das deutsche Doll stammt.

Daß trotz dieser traurigen Böllerfchicksale die Lehre von dem Altem der Böller keine unum­stößliche Wahrheit ist, das lehrt uns die Ge­schichte der Chinesen. Sie sind daS älteste Kulturvolk bet Erde und haben bereit« 4>/2 Jahrtausende vor Christi Geburt erstaunliche Lei­stungen auszuweisen: trotz dieses hohen Alter« sind sie heute noch wie vordem ein jugendsrisch S Doll von erstaunlicher Lebenskraft, weil ihnen die Ahnenverehrung heilig ist und jeder Chinese die unverbrüchliche Pflicht fühlt, durch eine reiche Nachkommenschaft die Reihe der Ahnen fort- zuführen. 3n Peking ist es Sitte, daß eine Fa­milie 5 bl« 6 Kinder hat. wohlhabendere Frauen gebären noch mehr: der Chinese heiratet so früh wie möglich, um möglichst viele Kinder besitzen zu können: au« dein gleichen Grunde ist auch die Mehrehe in China erlaubt. 3n der Lehre de« Konfuzius steckt eine ungeheuere völkische Kraft: sie stützt den einzelnen wie die gesamte Rasse. Der Chinese blickt nicht mit Grauen auf fein Alter, sondern er weih, daß die Liebe seiner Kinder unb Enkel ihn biS zu dem letzten Augen­blick hegen und pflegen wird, ganz im Gegensatz zu der Bitterkeit im Herzen, mit der mancher bei un« an fein Alter denkt, well er weiß, daß ihn Kindesliebe nicht umfangen, sondern daß man auf den Tag warten wird, an dem er die müden Augen schließt. Wir müssen darum verlangen, daß unsere höheren Schulen, die eine humanistische Bildung gewähren wollen, eine Bildung, die von der Menschheit ausgeht und die Menschheit um­faßt. nicht nur die edlen Gäter vermitteln, welch? die Böller an den Gestaden deS Mittelm crc« Im Altertum geschaffen haben, sondern auch mit rücksichtsloser Klarheit lehren, wodurch sie Versalien sind. Wir dürfen über den un­rühmlichen Niedergang dieser unS verwandtschaft­lich nahen Böller auf den Schulen nicht den Mantel des Dergefsens werfen, sondern müssen zeigen, daß sie vergehen mußten, weil sie ihre bevölkerungspolitischen Pslich'en auf da« schmäh­lichste versäumt haben. Sodann haben wir zu fordern, daß die Welt der O ft a , l a t e n unserer Jugend näherßebrächt wirb, ble ihre biologische Ausgabe erfüllen unb bie Sicherheit ihres Volkstum« für Jahrtaufen de. für alle ausdenk­bare Zukunft unerschütterlich sicherstellen.

liniere Jugend hat gelernt, die Weltgeschichte al« eine Felge von Kriegen und Herrfcherzei en starker oder schwacher Maner anzusehen, al« Zukost wurde eine Heber,ießt über bas Schrift- tum unb bie Künste geboten, auch der Einfluß der Grbgcftaltung und der wirtschaftlichen Kräfte

wurde ihr näßer gebracht, dagegen wurde in der Schule viel zu wenig Menschenkunde getrieben. Wir müssen daher in Zukunft eine iologische Geschichtsbetrachtung fordern.

Wenn wir un« nun die fo naheliegende bange Frage verlegen, ob wir denselben Weg wie unsere alten Verwandten abwärts wandeln wer­den. so müssen wir un« mit Bevölkerung«- Politik befallen; sie fußt auf der Bevölkerung«- lehre, der Wissenschaft vom Werden unb Ver­gehen von Bevölkerungen, sie muß sich ber Rassenhygiene. der Lehre von der Ge­sunderhaltung der menschlichen Rasse unterordnen. Letztere hat außer dem lebenden Geschlecht auch noch alle lommenben im Auge. Die DevöllerungS- polltit ergreift auf ihrem Grunde bie praktischen Maßnahmen.

E« ist keine Schwarzseherei, wenn wir die Befürchtung hegen. baß uns ba« gleiche Schicksal nicht erspart bleibt Leit bem Jahre 1876 hat bie Zahl der Geburten in Deutschland bauernd abgenommen, weil bas Zweikindersystem in den führenden Ständen unteres Dolle« überall Eingang fand und durch bafl Beispiel der Ge­bildeten allmählich alle Schichten unsere- Dolles bis zu den Bauern. Handwerkern und Arbeitern angesteckt wurden und ihre Kinderzahl einschränk­ten. So hat der Name Proletarier, das ist ber Mann der großen Nachkommenschaft, in den Städten seine sprachliche Bedeutung besonders In den Kreisen verloren, die ihn so gern in An­spruch nehmen. Während aus 10CO0 Menschen im Jahre 1876 423 Lebendgeborene kamen, sanken die Zahlen seitdem dauernd: 1904:352. 1914:276. 1917:144, 1919207, 1920.267, 1921:260. 1922:210. 1924211. Angesichts dieser Zahlen sprechen wir mit Recht von einem Geburtensturz. Wenn wir auch jetzt noch einen Heberschuß an Geburten haben, ungefähr 82 auf 10 003, fo verdanken wir daS, wie vor dem Kriege dem Rückgang der Sterblichkeit infolge ber Fortschritte ber GesunbheitSpslege.

Die Zahlen auS unseren Großstäbten, wo die Arbeitslosigkeit, bie Not unb der Hunger gegen ba« kommensollenbe Geschlecht besonders wüten, geben un« noch mehr zu benken. 1923 entfielen auf 1000 Einwohner z. B. in Oberschlesien noch 12.2 unb in Ostpreußen 10. in Olbenburg 11.6 unb in Westfalen 12.1 mehr Geborene al« Ge­storbene. währenb bie entsprechenden Zahlen für Sachsen 5.5 unb für Hamburg 1,8 betrugen. In Berlin überstieg sogar 1923 ble Zahl Der ©e- ft erben en umgekehrt die ber Geborenen um 2.5 Köpfe, gegenüber einem RrichSdurchschnf t von 7.1 mehr Geborenen. 11 nb währenb in Berlin 1923 auf 10CO Einwohner überhaup' nur 9.4 Ge­burten entfielen, betrug bie entsprechende Zahl für Paris etwa 18 unb für Lonbon etwa 2v Köpfe. Schon vor Lern Kriege war bie Zahl ber Lebend- geborenen. die In Berlin auf 1003 Frauen tm Filter von 15 bis 45 entfiel, in ber Zell von 1878 biS 1912 von 149 auf 73 gefunfnu IP Lebendge- botene aber wären nötig gewefe . wenn ble Be­völkerung Berlins ohne Zuwanderung hätte auch nur gleich groß bleiben sollen. Wenig bekannt ist, baß der Dwölkerungsrückgang innerhalb ber verschiedenen Bekenntnisse sehr verschieden stark in Erscheinung tritt So stammten in Preußen von 1CC0 ehelich Geborenen 1901 550 aus rein evangelischen. 379 aus rein katho­lischen unb 6 Geborene aus rein israeli­tischen Chen. 1914 aber betrugen die entspre­chenden Zahlen 503. 424. 4.9.

Gegenüber diesem Berlust von Menschenleben werden Stimmen laut, es sei daS eine Folge unserer Heberbevölkerung. unb sei ein heilsamer Vorgang. wir würben auf biefe Weise bie ArdellSlosigkeit überwinden, die Reibungs­flächen mit den andern Dölkern würden geringer werden, weitere Kriege würden wir vermeiden. ES sind das die gleichen Kreise, die von dem Pazifismus daS Heil erwarten. Diese Anschauun­gen haben den Schein für sich, sind aber außer­ordentlich kurzsichtig unb gefährlich.

liniere Arbeitslosigkeit rührt nicht von der llebet- völkerung. sondern abgesehen von andern Grün­den. wie z. B. bet Flucht vom Lande in die Städte, bei ander« von dem verlorenen Kriege her. Wir können ihr nicht dadurch begegnen. daß wir unsere Geburtenzahl einschränken ober gar bie Abtreibung freigeben. Schon jetzt stellen sich schwere Schaben in der Zusammen'etzung des Bol­le« ein. Der eine ist z. D. die D e r g r e i s u n g unterer Großstädte, sie besteht nach Ber­ger darin, daß die Zahl ber alten Leute ver­hältnismäßig viel zu hoch ist. Die übet 60 Jahre alten Personen machten z. 2. in ©reiben vor bem Kriege im wesentlichen gleichmäßig nur 7.8 vom Hundert au«, schon 1919 betrugen sie 8.5 vom Hundert. sie werben 1930 10.7 unb 1940 sogar etwa 13 vom Hunbert auSmachen.

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto Hoetzsch. M. d. R.

Das englische Parlament, ba« am 8. Fe­bruar toiebet Äufammengetrctcn ist. steht vor un» ersteulichen unb schweren Ausgaben: bie unabseh­bare Verwicklung btaußen in ber Welt, ber große Kamps tm Innern (um da« GewerkschastS- gesey. um staatliche Refotmeingrifse in bie Ge­werkschaft). baS brüte Dubget Churchill« mit ben Rückwirkungen bei langen Streik«. So kommt England, aus« stärkste engagiert unb beschäftigt, für Europa nur al« Zuschauer In Frage Frank­reich kämpft immer noch mit ber Finanzfrage unb jetzt mit ber Wahlreform dazu. Mit dem Beschluß der .Federation rebublicainc (der ber Minister Marin angehört) gegen ble KreiSwahl. ber Poincarö heute freie Bahn gibt, spitzt sich die Loge toicber einmal zu. Die $ a (j»n c r f r a g e erleichtert sie von außen für Frankrüch auch nicht. Spanien verlangt bie Einver'eibung ber neutralen Zone in fein Protektorat ober wenig­stens starke Veränderungen de« Im Vertrag von 1923 festgelegten Statu«, droht mit Zurückziehung feiner Truppen au« Nordmarokko und findet für feine Ansprüche ble Unterstützung Italien«. Frankreich dagegen lehnt jede Veränderung ber Verträge von 1923 unb von 1912 ab unb kann auf Unterstützung Englanb« zählen, da« tm Hin­blick auf Gibraltar natürlich keine Veränderung im Sinne Spanien« zulafsen will. Dieses, ba«. wie erinnerlich, letzte« Jahr den Tangervorstoß mit ber Frage des RatSsihes verquickt hatte, hat an Position stark verloren. Weber England noch Frankreich wollen eine Internationale Diskussion über Marokko zulassen und Italien blickt jetzt mehr nach Osten. Aber bie lang hingezogene 2hi«< einanberiehung schafft Schwierigkeiten, verschiebt und durchkreuzt bie Konstellationen, lenkt ab unb steht auch immer vor ber Gefahr, schließlich doch ba« ganze Problem Norbasrika« unb des westlichen Mlltelmeere« auszurollen.

In biefe Lage ber europäischen Politik kommt etwas überrafdjcnb bie neue Anregung bes amerikanischen Präsibenten (10. 2.) in bezug auf bie A b r < ft u n g. Er schlägt nun­mehr vor. nach längerer Pause, in ber sich Arne» rika nur auf theoretische Mahnungen beschränkt hatte, bie Verabredung von Wa h'ngton über die Festlegung ber Seerüstunq einen Schritt weiter­zuführen. Gr sagt mit Recht, baß bie Flotten- rüftungen nicht, wie bie zu Lande unb in der Lust, regional geregelt zu werden brauchen, unb baß sie daher nicht ben barau« entstehenben Schwierigkeiten ber Auseinanberfetzung zwl'chen ben Machten ausgesetzt sind Er argumentiert mit Recht, baß ba«. was für bie Linienschiffe 1922 in Washington zwl'chen Amerika. England. .Frankreich, Italien unb Japan festgelegt worben ist. ebenso gut auch für bie HilfSfchiffe. allo bie Kreuzer. U-Doote unb Zerstörer feft- gesetzt werben könne. So ist feine Absicht sehr einfach unb praktisch bas Verhältnis 5 (Nord­amerika) :5 (England) : 3 lJav m : 1.75 l Frank­reich unb Italien) auch auf biefe Hillsschi e anzu- wenden und somit bie Seeabrüstung in dieser

Februar.

Von Anton Schnack.

Au« ihm glüht ein große«, rotes unb leicht- I irriges Herz: Fastnacht. Das Herz gehört met übermütigen Colombine, unb biefe Colom- t»ne lockt mit ben Augen unb ruft: Nimm es. toionbcc Page, diese Nacht gehört dir mein HerzI

Manchmal ist der Page ein geduckter, fcyüch- t tmer Schreiber auf einem überstaubt n Bureau: unb er wird viele Monate an ben AbenXm an t»3« feuerrote Herz denken, das ihm in ber Nacht tetr Narren für ein paar Stunden geschenkt wurde. L'nt) ble Erinnerung baran bedeutet ihm Glück u.ib Trauer zugleich. Und Colombine war rf.e'.- laicht eine Deine Wäscherin mit jungem Mund ob heißen Wangen. Unb leise schleiche ich mich fron meiner hochmütigen, kühler u.ib raffinierten Same in Brokat. Silber unb Edelsteinen hinwrg. um auch mir eine Deine Wäscherin zu suchen, öcren Munb jung ist unb beten Wangen heiß lub...

Zuhause aber sitzt der alte Gärtner, dessen Abenteuer Kalender. Wetter und die Blumen am Fenster und in den Glaskästen des Zimmers nib. unb blättert im Lahrer Hinkenben Boten. Onnut unb Derzicht wohnen in feinem Herzen awb sein Gesicht lächelt leise über das Feiern ö«r Jugend unb die Musik ber Feste.

.WaS sind wir gegen diese?" ist die Philo- i>shie feiner Abendstunden und seiner Nochr- betrachtung. wenn er ben Sternenhimmel üb:r bin Giebel erglänzen sieht. Mitten bn Nleridian tonnt daS Sternbild des Orion in rätse.haftcn urb gläsernen Ferne i aus. Ueber ihm erstrahlt bas Sternenpaar Kastor unb Pollux. Eie haben bi< Unvergänglichkeit und Ew:gleit auf ihren bi tmantenen Stirnen. Die huldreichen Götter jmben sie zu glühenden unb niemals sterbende i CÜtften ber Nacht gemacht. Der große Löwe mit bem königlichen Stern Regulus im Herzen duckt 'i* zum Aiesensprunge, um durch ben Feaerreif

perlmutternen Milchstraße zu springen.

Der Gärtner, ber bie Sternbiiber ber Jahres­

zeiten versteht, weiß, baß ber Frühling fein Slernenschild in die Nacht gehängt hat. Leise und kaum merklich werden die Tage am Abend länger. In das Reich seiner Töpfe. Schalen unb Kästen horcht er mit lächelnte.n Gesicht unb gespanntem Ohr: er hört hundert kleine Dlumcnherzen In der warmen Erde erwachen und schlagen.

Der Gärtner ist ein Dichter. Er nennt den Februar Hornung unb zum ersten Sonntag sagte er nicht Sexagesima wie ber gelehrte Herr Plärrer in ber Predigt, sondern E i s w a l b. Und wahr­haftig draußen, wo daS Dergland beginnt, liegt der Wald noch unter hartem Eis unb tiefem Schnee. Unb den zweiten Sonntag nannte er nicht Ouinquagefimä, sondern d eser Tag war bei ihm Freias Blick. Zu solchem Phantastischen war er geneigt. Wo war es zu sehen, bas rätselhafte Auge der heidnischen und guten Germanengöttin? Im Haus unter ben Blumen vielleicht? 3m Hof. am Waldrand? Glänzte es am Ackerstein, glühte es am Anger? Starrte es aus einem sickernden Erdloch, in das der Schnee eingefunten und ver­schwunden war? War es abends ba« Licht, das schwankend wie eine Dauernlateme den Hügel- weg entlangging?

Es mußte schon etwa« warm geworden sein unter diesem Blick: beim bet Atem dampfte nicht mehr so sichtbar, ben wir morgen« in bie Luft bliesen.

Oh bu geliebter Haselstrauch, was war bas für ein Vogel, der auf deinem Ast faß und eine glitzernde Strophe über dich warf? Schon eine Drossel? Eine frohe Ammer ? Ein heimgekehner Fink?

Unb für ben dritten Sonntag hat der Gärtner einen Namen, ber wie ein Jubel anfängt und wie die selig-schüchierne Strophe ein:« Volks­liedes: Alle Brünnlein. Auf dem fremden Kalender aber stand groß, rot unb unlcbenbig: Jnvocavit.

Ist bas nicht Dichtung, wie der Gärtner diesen Tag benennt? Freude unb Seligkeit tan­

zen In den Worten. 3a, aus allen Tälern fließt es wieder, au« allen 'Brunnen in ben Hosen unb an ben Gasfenecken kommt wieder das alte schöne Rauschen, aus allen Felsspalten bringt ba« Quellen, in allen Wiesengründen läuft eS wild und überschießend zu Tal.

Den vierten Sonntag segnet der Gärtner mit bem Namen Mutter Erde. Er ist Trost und Lobpreisung zugleich. Er glänzt wie mit Golbbuchstaben auf Elfenbein geschrieben. Hoff­nung unb Zuversicht glühen in den Worten, bie bie schönsten ber Sprache sink). Für ein Gebet ein gewaltiger Anfang. Für eine Hymne ein jubilierenber 'Beginn.

. Segen. Fruchtbarkeit. Wärme. Blut, Glut. Frühling unb Sommer umschließt ber beglückende unb königliche Name wie eine Schale: bald wird eS Frühling fein und au« dem unscheinbarsten Grunde und Bühl wird Mutter (frr te aufstehen mit GraS. 'Blumen, Knospen in ben Händen unb wird Kränze in die Haare der Kinder setzen und tausend Doge (wollen In ble Lüste.

Dir aber dürfen nicht mehr leben, ohne an bleBuße unb an bie Trauer denken zu müssen. Hinter dem roten unb ausgelassenen Liebes- Herzen ber Fastnacht steht wie rin büstereSBranb- mal bad schwarze Kreuz des Aschermittwochs. Und toenn bie süßen unb lärmenden Nachtseite verrauscht sinb. unb Colombine, Zerline unb Vier­telte wie Spuk verw.'ht find, unb die frühe und regen feine Aschermittwochsluft um die erhitzte und glühende Stirne streicht, wird wahrhaftig Trauer fein über alle Küsse, über alle Worte, bie man einer schönen Maske ins Ohr geflüftert über bie Gelächter, bie man über die Tisch: gelacht und übet den Wein, den man selig hin- untertrank.

Das ist ber Februar: Freude unb leise Trauer.

Eine Wanderanekdole.

Dem Wesen der Anekdote entsprechend, bie, wie ber Name besagt, etwas »nicht Heraus-

gegcbencS', b. h. nicht schrlstlich Veröffentlichtes und dadurch Fcstgellgtes ist, wird sie im Lause ihres Daseins öfter« ihre Gestalt verändern, ihre Helden wechseln. Wer kennt nicht die er­fundene nicht einmal besonder« gut ersun- bene Geschichte von dem großen Geschichts­schreioer Theodor Momm'en, er habe feine eige­nen auf der Straße spielenden Kinder nicht er­kannt und sie nach ihrem Hanr*n gefragt. Dem Schreiber dieser Zeilen ist d e'elde Geschichte vor langen Jahren von dem einstigen Reichsbank- Präsidenten von D.'chend erzählt worden. In der Einteilung zu seinen ..Gelehrten Anekdoten- nennt aber Dr. W. AhrenS den Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall In Wien alS Hel- den dieser Anekdote. Dor allem aber wechseln ble Geschichten, die von Dümmlingen erzählen, welche die Pointe von W Yen. Rätseln u. bgL ma,t begreifen und sie beim Weitererzählen ver­quatschen wobei z.D. bet Kranke mit brri Füßen, nämlich feinen beiden Füßen unb bem TyPhuS zu einem mit drei Deinen, feinen bei» ben und dem Nervenfieber wird, mit Vor­liebe ihre Träger und Helden. 3n meiner Kind- ßeit wurde mir von einem Berliner Herrn ev- zählt, dem der Rcbu« mit dem Häuschen Boh­nen und der einzelnen Dohne unb der Losung Bonaparte" aufgegeben worben war unb bet bet nächster ©cteaenfreit In einer Gesellschaft von ber Hausfrau fich Erbten geben läßt, nach bem gegebnen Dorbtlbe verfährt und sich sehr ver- wundert, daß keiner ..Napoleon" rät. Unb nun tete ich zu meinem großen Erstaunen in bem kürzlich erschienenen zweiten Bande der Le­benserinnerungen" des Romanschrlltstellers Ru­dolph Stratz von dem Freunde seines Vater« einem Großkaufmarn, Millionär und Stadt- verordneten in Odessa, ber aber, ein Selfmade- n?on, mit ben Fremdwörtern auf bem Kriegs­last stanb und z. D. durch den Phophorus ! lal* Bosporus) nach Konstantinopel gefahren trt, baß er auch den verquatschten Bonaparte- Reous aufgegeben habe. Hier haben wir also ein neues Beispiel einer Wanderanekbote vor E R.B.