Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 2(7 Zweites Blatt
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hängigen, selbständigen Sinn für Zeitwahr- nehnrung haben.
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können (Eltern auch bei kleinem Eintm. men Sinbexn bis ö üabren sichern. Ausr. u. Nr. 680 an Mil- test». ’2lnn.'6xDcb., Plvlksttaüe 5. ***
der diplomatische Korresporüient des „Observer", das erstrebte Ziel der Aechtung des Krieges weit besser durch das Mittel regionaler Vereinbarung erreichen, als durch eine allgemeine und notwendigerweise etwas inhaltlose Deklaration. Die Locarnoverträge böten ein Musterbeispiel für die englische Praxis. Das klingt nicht gerade ermutigend. Ebenso enttäuschend ist es, wenn man feststellt, daß die Rheinlandräumung totgeschwiegen wird.
Wie man sieht, ist das alles nichts Neues. Die englische Politik uns gegenüber bleibt kühl bis ans Herz hinan, wenn es sich um deutsche Fragen handelt. Wir wollen nicht sagen, daß uns das englische Herz bei dem Stichwort Poleit in gefühlvolle Wallung gerät oder daß man im Gedanken an Marianne in lyrische Empfindungen verfiele. Aber wir Deutschen stehen doch am Nullpunkt der englischen Gefühlsskala. Andererseits könnte man die englische Entwicklung vielleicht mit dem Stichwort „neue Sachlichkeit" umschreiben; gelassen untersucht man die vorhandenen Interessengebiete und die gegebenen Mittel. Man unterbaut den Völkerfrieden um Englands willen, man fördert den sozialen Frieden — um Englands willen, und wenn auch manche bedauern, wie Lord Cecil, daß der weltpolitische Idealismus zum Schaden Englands dabei schlecht sortkäme, so ist man im Grunde auch damit zufrieden, solange die Bankguthaben steigen und das Geschäft blüht.
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vom Zeitsinn, vom Schlaf und vom pünktlichen Aufstehen.
Don Dr. Th. 21. Maaß.
Für jeden Menschen ist es eine Selbstver-- ständlichkeit, daß er auch ohne die Uhr zu sehen oder zu hören, mit mehr oder minder großer Sicherheit weiß, wieviel die Glocke gerade geschlagen hat. Wenige werden sich aber darüber Rechenschaft geben, wie dieses Wissen eigentlich zustande kornmt.
Trotz der ungeheuren Fortschritte, dre Die Seelenforschung durch Aufdeckung der Wurzeln unseres Denk-- und Gefühlslebens gemacht hat, hat das Problem der Zeitempfindung noch keine befriedigende Klärung gefunden. Die Tatsache, daß jeder diese Fähigkeit besitzt, steht außer Frage. Völlig dunkel ist jedoch ihr Zustandeikommen und ihre Artung. Man weiß, daß z. D. ein Gesichtseindruck so entsteht, daß die lichtempfindlichen Elemente des Auges durch Lichtstrahlen aus einem bestimmten Wellenbereich gereizt werden und ihren Erregungszustand in das Großhirn weiterleiten. Für den vermutlichen Zeit sinn kennt man aber weder eine, dem Auge vergleichbare, Eingangspforte, noch eine Energieform, die ihn unseren Empfindungsorgeinen übermitteln könnte. So griff denn die Anschauung Platz, daß das Zeitgefühl keine eigentliche Sinnesleistung, sondern die Frucht bewußter und unbewußter gedanklicher Kombinationen wäre: Der Stärkegrab von Körpergefühlen, wie Hunger, Durst, Müdigkeit, die jeweilige Helligkeit, der Stand der Sonne und andere äußere Faktoren tonnten die Merkpunkte für die Zeitbestimmung sein. Dazu gesellen sich im Lebenskreise jedes einzelnen noch bestimmte regelmäßige Geschehnisse, wie z. D. das Erscheinen des Briefträgers, das geräuschvolle Herausströmen von Kindern aus einer benachbarten Schule oder ähnliche, für einen unserer Sinne leicht wahrnehmbare, als Zeitsignal dienende Begeben-
Hochschulnachrichten.
Der Direktor des Universitäts-Bibliothekswesens an der Universität Frankfurt o. M., Dr. Richard Oehler, wurde von dem Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung beauftragt, vom Wintersemester 1927/28 ab in der Philosophischen Fakultät die Bibliothekswissenschaft in Vorlesungen und Uebungen zu vertreten. — Als Rachfolger des in den Ruhestand tretenden Prof. K. Jacobi ist der bisherige o. Professor Dr. med. Felix Haffner von der Universität Königsberg vom 1. Oktober 1927 ab zum ordentlichen Professor der Pharmakologie in Tübingen ernannt worden. — Der o. Professor der Mathematik an der Universität Basel Dr. Hans Mohrmann ist vom 1. Oktober 1927 an zum ordentlichen Professor an der Technischen Hochschule in Darmstadt ernannt worden. — Der Ordinarius für Astronomie und Versiche- rungswissenfchaft in der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt, Direktor der Sternwarte, des Planeteninstituts und des Seminars für Dersicherungswissenschaft Dr. Martin Brendel ist zum 1.Oktober 1927 von den amtlichen Verpflichtungen entbunden wprden. — Der neuernannte Direktor der Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Ch ar- [ottenburg, Dr. Hans Joachim Moser, ist zum Honorarprofessor in der philosophischen Fakultät der Universität Berlin ernannt worden; zugleich ist ihm ein Lehrauftrag für deutsche Musikgeschichte in der genannten Fakultät erteilt worden. Der bekannte Musikwissenschaftler, der als Rachfolger des in den Ruhestand getretenen Prof. Karl Thiel aus Heidelberg berufen wurde, hat sich als Historiker für Kirchen- und Schulmusik einen Ramen geschaffen, aber auch zur Musik der Gegenwart steht et in engen Beziehungen. Von leinen zahlreichen Veröffentlichungen ist die dreibändige „Geschichte der deutschen Musik" am bekanntesten. — Der o. Professor der romanischen Philologie an der Universität Greifswald Dr. FerdinandHeuckenkamp ist zum 1. Oktober von den amtlichen Derpflich- lungen entbunden worden. — Der o. Professor der Kunstwissenschaft an der Königsberger Universität Geh. Regierungsrat Dr. Berthold Haendcke ist zum 1. Oktober von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.
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Vergleicht man damit die Ergebnisse der Genfer Tagung, bann läßt sich vom englischen Standpunkte allenfalls ein persönlicher Erfolg Chamberlains feststellen. Die Rede Strese- manns wird hier sehr verschieden beurteilt. Die einen fanden sie farblos, andere und einflußreichere ahen darin ein politisches Ereignis von größter Tragweite. Die Frage der sogenannten Fakultakiv- f lauf et erregt hier das Hauptinteresse. Man weist darauf hin, daß England nicht imstande wäre, sich dem Vorgehen Deutschlands anzuschließen, weil bann nämlich ber paraboxe Fall entstehen könnte, baß die ebenfalls im Völkerbund vertretenen englischen Dominions bei Rechtsstreitigkeiten mit ber Londoner Regierung das Haager Schiedsgericht anrufen könnten. Das wäre untragbar. Auch findet man, daß Deutschlands Vorgehen im wesentlichen nur akademischen Wert besäße, weil die Locarno- vertrüge in allen wichtigen und wahrscheinlichen Streitfällen die Anrufung des Haager Gerichtes chon vorsähen. Um so mehr unterstreicht man demgegenüber die Rede Chamberlains in Genf. Keine weiteren Garantien!
Nun wird der deutsche Leser den wesenllichen Inhalt ber Chamberlainschen Ausführungen schon längst kennen. Interessant bleibt aber die Behandlung des Kriegsoerbotes und die angebliche Abfuhr für 'die „polnische Jntrigue". Diese galt nicht dem sachlichen Inhalt, sondern nur dec Methode der polnischen Politik. Man könne, schrieb gestern
tigen Frage nach dem Vorhandensein eines besonderen Sinns für die jeweilige Uhrzeit und dess-en Fortbestehen im Schlafzustand reichten jedenfalls solche Einzelbeobachtungen nicht aus.
Heber planmäßige Versuche zur Lösung dieser Frage berichtet Frobenius aus Heidelberg: An fünf mit gesundem, festen Schlaf gesegneter, Personen verschiedenen Alters wurden durch 250 Rächte Versuche über die Zeitorientierung im Schlafe borgenommen, und zwar so, daß den Betreffenden aufgegeben wurde, zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzuwachen und den Zeitpunkt des Erwachens zu notieren. Der Ausfall der Versuche war verblüffend. Don allen beobachteten Fällen des freiwilligen Erwachens, und ein solcher trat so gut wie ausnahmslos ein, fiel eine überwiegende Mehrheit in die kurze Zeitspanne von nur 5 Minuten vor der festgesetzten Zeit bis zu dieser selbst. Hierbei war es vollkommen gleichgültig, ob die betreffende Versuchsperson schon an die Aufwach- übungen gewöhnt war oder sie zum erstenmal unternahm. Ebensowenig spielte der Ermüdungsgrad eine Rolle: auch nach einer ganz durchwachten Rächt trat in der nächsten das Erwachen zum gewünschten Zeitpunkt ein: Selbst eine außerordentlich gewaltsame Schlaf einschrän- hmg (die opferwillige Versuchsperson schlief drei Wochen lang jede Rächt nur 2\2 Stunden), beeinträchtigte die Pünktlichkeit des beabsichtigten Erwachens nicht. Sogar absichtliche Irreführung durch eine Ahr, die, selbstverständlich ohneWissen der Versuchsperson, falsche Stundenzah'len schlug, beeinflußte das Versuchergebnis in keiner ungünstigen Weise. Das Erwachen erfolgte meist plötzlich ohne besondere Hnlustgefühle, oft ohne das Bewußtsein der Absichtlichkeit. Auftretende Träume standen mit dem Versuch nicht im Zusammenhang, sondern wurden häufig von dem Aufwachzwang unterbrochen. Das Wiedereinschlafen erfolgte nach Rotierung des Zeitpunktes der Schlafunterbrechung meist sehr schnell.
Versuche, bei denen die Ausgabe gestellt war, nicht zu einer bestimmten Stunde, sondern nach bestimmter Zeitspanne nach dem selbstverständlich unbekannten Zeitpunkt des Einschlafens aufzuwachen, verliefen nicht eindeutig genug, um feststellen zu können, ob unsere unbewußte Zeitorientierung auch auf Jntervallschähung eingestellt ist.
Mit Sicherheit scheint jedoch aus den Versuchen hervorzugehen, daß wir einen von Gedankenarbeit und Kvmbinationstätigkeit unab-
heiten.
So hat denn die Anschauung, daß die Fähigkeit der Zeitpunkt-Wahrnehmung nicht gefühlsmäßig, sondern nur verstandesgemäß, auf dem Wege der Folgerung entsteht, viel Bestechendes. Sie hat dies aber nur für einen Teil unseres Daseins, für den Zeitraum, in dem wir in der ------ , . . _ . .
Lage sind, unserer Denktätigkeit bestimmte Auf- . Schlasunterbrechungen mit dem beabsichtigten gaben zu stellen, den mehr oder minder hohen Zeitpunkt zusammenfällt. Zur Klärung der wich-
Zwischen Räubern und Soldaten.
Im chinesischen Seebad.
Von unserem H. ^.-Berichterstatter. (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Peitaiko, 28. August 1927.
Peitaiko oder Tsingtao — das ist die Frage, wenn die sommerliche Hih'e naht. Ganz gleich, ob Revolution herrscht oder nicht. Peitaiko ist lühker, primitiver, chinesischer — zur wahren Erholung geeigneter. Keine Kurkapelle, keine Tanz- lokale, kein fließend Wasser — Kanalisation und Badewanne müssen hier noch erfunden werden —. meerfeuchte, schimmelige Zimmer — es bleibt dem hartnäckigen Stubenhocker wirklich nichts anderes übrig, als sich in Sonne, Meer, Wald und Berge zu flüchten, und die übelriechende Petroleumlampe treibt den losesten Rachtvogel um 9 Hhr ins Bett. Man kann nicht umhin, sich hier prachtvoll zu erholen.
Sehr spaßig kommen uns die Ansichtskarten aus den deutschen Seebädern vor, wo voll Stolz ein Strandkorb in der zehnten Reihe als Eigentum angekreuzt ist. Hier gibt es noch Einsamkeit, wir brauchen fünf Stunden, um den Strand Peitaikos abzulaufen, vom weichen Sandufer Westends bis zum romantischen Felsgeklüft East Cliffs, im Süden das Gelbe Meer, prachtvoll blau (nur an den Flußmündungen lehmgelb), im Rorden waldige Hügel und dahinter die scharfe Silhouette der „Blauen Berge", die so kahl und senkrecht ragen, daß sie Hochgebirgscharakter haben, obwohl sie nur 500 Meter hoch sind. And immer Sonne, blauer Himmel, die vierwöchentliche Regenzeit ist in diesem Jahr auf drei Tage zusammengeschrumpft, unb vor allem kühler, würziger Seewind. In dieses Dorado flüchten Frauen und Kinder vor Chinas Sonnenglut, die es heuer nicht unter 115 Grad Fahrenheit zu tun scheint.
Morgens geht es gleich im Badeanzüge an den Strand, Kinder und bequeme Leute reiten hoch zu Esel hinunter. Eselritte sind überhaupt an der Tagesordnung, in die Berge oder am Ufer entlang. Wie es eine Mandarin-, eine Gelehrten- und eine Kulisprache im Chinesischen gibt, so gibt es auch eine Eselsprache. Das Bemerkenswerte daran ist, daß es hier Wörter für „rechts" und „links" gibt. Die Chinesen unter sich verschmähen diese Eselsbrücke und ersetzen „rechts" und „links" stets durch die in Frage kommenden Himmelsrichtungen. Wir Europäer sind also zum mindesten in dieser Beziehung für die Chinesen rechte Esel.
Es gibt Damen, deren Passion es ist, zwanzig Gäben burchzuwühlen unb nichts zu kaufen. Peitaiko ist ein Schlaraffenlanb für sie. Am Straub, im Garten, wo man es nur wünschen mag, packen die chinesischen Händler geduldig unb freundlich ihre Schätze aus. „Rur ansehen,_ nicht kaufen", versichern sie. Filet- unb Klöppelspitzen, Decken aus Grasleinen mit herrlichen Stickereien, seidene Mandarinröcke, Amulette aus Elfenbein, Ketten aus Amethyst, Rosenquarz oder grünem Jadestein, künstliche Blumenstöcke mit silbernen Blattern unb Blüten aus Halbedelsteinen geschnitten — am Ende kann man doch nicht widerstehen unb kauft, freilich erst, nachbem man auf 50 Prozent des geforderten Preises herab- gehaudelt hat.
In den Tagen des Vollmonds ist das Baden ein zweifelhaftes Vergnügen. Es wimmelt von Quallen. Sie brennen bei der Berührung im Gelben Meer nicht weniger als in anderen Meeren. Die Dadeirden quietschen und springen so absonderlich, als wollten sie Jazzband- und Charlestontänzer zugleich vorstellen. Zum Glück erlösen uns die chinesischen Fischer bald von diesem Quallensegen. Denn was dem Europäer wie Ameisensäure erscheint, sieht der Chinese als Haifischflossen an, wenn er sich im chinesischen Gasthaus für schwere Silberdollars an Haifischflossensuppe delektiert. Es wird nämlich in 75 Fällen von 100 mit Quallensuppe betrogen.
Unb ber Krieg? Er kümmert uns wenig. Zu unserem Schuh taucht hin unb toieber ein Kreu-
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Kl B. HZ29.
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@d)t. Singel u, 06649 an ben Gieß. Anzeign.
Flug unfeiner Gebanken in bestimmte, vorgeschriebene Bahnen zu lenken. Das ist ber Fall, solange mir bei vollem Bewußtsein, solange wir coach finb. Ganz anbers aber liegen die Dinge währenb bes Schlafes. In biesem Zustand ruht die Gedankentätigkeit entweder vollkommen oder ist mindestens, soweit sie sich in Traumgebilden fvrtseht, unserer willkürlichen Kontrolle und Richtunggebung entzogen unb unter alleinige Herrschaft des Hnterbewußtseins gestellt. Wenn nun also ber viel umstrittene Zeitsinn auch im Schlaf zustanb besteht, so ist bamit ein ziemlich schlüssiger Beweis erbracht, bah es sich bei ihm um keine rein gedankliche, sondern um eine übergeordnete Sinnestätigkeit handelt. Denn während jene während des Schlafes aus- oder zum wenigsten umgeschaltet ist, erfährt diese zwar eine nach der Tiefe des Schlafs abgestufte Beeinträchtigung, jedoch keineswegs irgendeine Richtungsänderung: Ein Lichtstrahl, ein Geräusch, ein Gefühlseindruck, und sei es auch nur das Krabbeln einer Fliege auf ber Rasenspihe. Wärme- unb Kältereize werben im Schlafe genügenb deutlich empfunden, um sogar ein Erwachen^herbei- führen zu können. Als interessante Tatsache ist hierbei zu vermerken, daß reine Geruchs- empfindungen. das sind solche, die nicht gleichzeitig einen schmerzhaften Reiz auf die Rasenschleimhaut oder gar Erstickungsgefühle auslösen, nicht als Wecksignale dienen können. Hier besteht ein bedeutsamer . Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung wirklicher Sinnesreize und den Phantasiegebilden ber Traumwelt, unter benen, wie jeder an sich selbst beobachten kann, Geruchsvorstellungen so gut wie nie Vorkommen.
Außerordentlich viele Leute behaupten nun von sich, die Fähigkeit zu besitzen, genau zu der Stunde, zu der sie es sich vorgenommen haben, auf wachen zu können: Richt etwa nur zu der allmorgendlich gleichen Zeit des Tagewerk-Beginns, auf die der Organismus durch Hebung unb Gewöhnung eingestellt ist, sondern zu irgenb- einem beliebig gewählten Zeitpunkt. Eine kritische Bewertung bieser Angaben ist auherorbent- lich schwierig: bewußte Hebertreibungen unb Selbsttäuschungen ber verschiedensten Art beeinträchtigen ihre Beweiskraft. Wenn z. D. ein nervöser Mensch zu einer sehr frühen Morgenstunde eine Reise antreten will, so wird sein Schlaf unruhig sein, er wird häufig aufwachen, wieder einschlafen, bis schließlich eine dieser
Edinburgh und Genf.
Bon unserem Londoner Mitarbeiter.
London, Mitte September.
Im Hauptbuche der englischen Politik sind in dec letzten Zeit wieder zwei Erfolge eingetragen worden. Einmal das politische Ergebnis des Gewerkschaftskongresses in Edinburgh, zum anderen Genf. Obschon bei der ausgesprochenen Teilnahme der deutschen politischen Oesfentlichkeit an den Genfer Vorgängen diesen der Vorrang vor dem englischen Gewerkschaftskongreß gegeben wird, laßt sich doch sagen, daß politisch gesehen, die Edinburgher Tagung schwerer wiegen dürfte als die '.in Resorinationssaal gedroschene Phrasenspreu. Allerdings sind wir Deutsche an dem Gewerkschaftskongresse nur indirekt interessiert, während wir an der Völkerbundstagung unmittelbar beteiligt waren.
Wir müssen auf das vergangene Jahr zuruck- greisen, wollen wir die in Edinburgh zu einem gewissen Abschluß gebrachte Umstellung der englischen Gewerkschaftenbewegung richtig verstehen. Damals befand sich die englische Gewerkschastspolitik im Fahrwasser des wildesten Radikalismus. Der Führer der Bergarbeiter Cook und seine Leute bat mit Generalstreik und Kohlenkrisis England in einen Exerzierplatz des Kommunismus verwandelt. Beide Unternehmungen sind gescheitert. Nichtsdestoweniger versuchte die sogenannte Minderheitsricy- tung mit allen Mitteln die Führung zu behalten und die Beziehungen zur russischen Gewerkschaftsleitung enger zu knüpfen. Man hat inzwischen auch hiermit kein Glück gehabt. Die Berliner Konferenz mit den Vertretern Rußlands, die Abfuhr, die sich Purcell auf der ''Pariser Tagung der Amsterdamer Internationale verdientermaßen holte, war der Auftakt zu der nunmehr in Edinburgh erfolgten, aeradezu überwältigenden Ablehnung rufi = sischer Methoden.
Und diese Ableitung des Moskauer Systems war vielmehr ein Ausdrück der Grundstimmunü des Kongresses. Sie kam von unten aus der Masse ber Delegierten. Er kennzeichnet die Lage, daß der Premierminister Baldwin den Kongreß in einer Botschaft ersuchte, seine Stimme im Sinne des Wirt- schastsfriedens zu erheben. Es war natürlich die Annahme dieses Vorschlages von einem politisch in der Opposition stehenden Gremium aus parteipolitischen Rücksichten nicht möglich. Man hätte damit der konservativen Regierung einen ungebührlich großen innenpolitischen Erfolg zugejchanzt. Aber es ist doch wiederum bemerkenswert, daß der heftige Angriff auf den Premierminister in der Hauptsache auf der genannten parteipolitischen und nicht schlichen Ablehnung beruhte. Die „Times" schreibt: „Die Ge- werkschaftsbewegung stände im Augenblicke marschbereit und wenn sie auch noch keinen Schritt getan habe, so blicke sie doch schon meine neue Richtung. Die Frage ist: werden wir jetzt und im künftigen Jahre eine Aera der Zusammenarbeit mit den Unternehmern, eine Abkehr vom Ideal des Klassenkampfes erleben. Wenn auch noch nichts Entscheidendes in diesem Sinne erfolgt ift, so dar man wohl sagen, daß der Kongreß von Edinburgh den Beginn eine neuen Epoche für die englische Wirtschaft ein geleitet hat."
Das ist von vielfältiger Bedeutung. Das Wichtigste daran ist der unbestrittene Erfolg der konservativen Regierung. Vor allen Dingen der persönliche Erfolg für den Ministerpräsidenten Baldwin. Trägt dieser neue Geist Früchte, erfolgt tatsächlich eine Uederwindung des Sozialismus von innen heraus, dann hätte der viel kritisierte Ministerpräsident eine große Anzahl seiner Gegner widerlegt. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob der Erfolg ausreicht. Das bliebe abzuwarten. Aber die an den Kongreß gerichtete Botschaft zeigt sehr deutlich, daß sich Stanley Baldwin als der Patenonkel, als der Uri) eher dieses sozialen Entgiftungsprozesses oorkommt. Die Bedeutung dieser Tagung im deutschen Sinne liegt darin, daß erstens die Sicherung des Arbeitsfriedens in England eine Vermehrung der Konkurrenz auf dem Weltmärkte bedeutet, zweitens in ber Verbesserung der konservativen Wahlaussichten und drittens in ber Stärkung der Stellung des englischen leitenden Staatsmannes, die uns nicht gleichgültig sein kann.
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