Nr. 190 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Abrüstung?
Don Ramsah Macdonald, ehemaliger britischer Ministerpräsident'). Die langwierigen Genfer Besprechungen über die Verminderung dec Flottenrustungen und deren trauriges Ergebnis müssen den unvoreingenommenen Beobachter zu der Ueberzeugung gebracht haben, daß das Problem der internationalen Abrüstung entweder unlösbar ist, oder daß wir jedenfalls noch nicht den richtigen Weg gesunden haben, um uns der Lösung zu nähern. Ich glaube, daß das letztere der Fall ist.
Die Abrüstungsfrage sollte nicht zwischen den betreffenden militärischen Stellen verhandelt, sondern als eine Angelegenheit der Außenpolitik betrachtet werden. Kriege werden nämlich durch Vorgänge bedingt, auf die im allgemeinen weder ein Kriegsministerium, noch eine Admiralität Einslus; haben. Zwar können sich die Marineministerien der einzelnen Länder wohl auf gewisse Daueinschräntüngei; einigen, die unter Beibehaltung des augenblicklich begehenden Gleichgewichts der Kräfte die relative Kampfstärke der einzelnen (Nationen nicht schwächen. Solche Vereinbarungen bedeuten natürlich eine Verringerung der nationalen Ausgaben und sind als Sparmaßnahmen natürlich gut, aber dem Weltfrieden bringen sie uns um keinen Zoll oder um keinen Tag näher. Sie bewirken nur, daß die Nationen im Falle eines Krieges, durch gewisse Bestimmungen beschränkt, in die Feindseligkeiten eintreten; aber welche Nation wird sich deshalb etwa den Sieg in irgendeiner Weise gefährden lassen wollen?! In der Zwischenzeit können diese Nationen ihre finanziellen und industriellen Hilfskräfte aus jede Weise stärken und so ihre Kampfstärke insgeheim erheblich vermehren. So sehr man also derartige Abkommen begrüßen mag. so darf man sie doch nicht über Gebühr würdigen.
Obschon ich mir dessen bewußt bin, daß meine Ausführungen nicht unwidersproä-en hingenommen werden, erkläre ich offen, daß nach meiner Meinung auch auf lange Sicht geschlossene Verträge zwischen den einzelnen Nationen, wie etwa der Locarno- Vertrag, ihre großen Schwächen besitzen. Schiedsgerichtsoerträge basieren nämlich auf Auffassungen, die durch eine friedliche Einstellung bedingt sind. Zwar verpflichten sie die d«ran teilnehmenden Nationen, in Streitfällen zunächst das Schiedsgericht anzurufen und nicht sofort an die Waffen zu appellieren. Ich bin aber der Meinung, daß, wenn erst einmal Kriegsgefahr entstanden ist und die nationalen Leidenschaften aufgepeitscht sind, daß dann die Vorschriften solcher Schiedsgerichtsverträge keineswegs die Entfesselung des Krieges vermeiden können. in den Verträgen festgelegten Bestimmungen werden sich dann eben als unzureichend erweisen. Ein Krieg entsteht meist aus ganz unvorhergesehenen Ursachen, er chricht aus" wie ein Fieber oder eine Panik und wirst alle Vorsichtsmaßregeln über den Haufen, die man vorher in friedlichen Zeiten vereinbart hat. Die Erfordernisse der nationalen Sicherheit und der aufschäumende Patriotismus werden je5en bestehenden Vertrag einfach zerreißen, falls nicht irgend eine überlegene Macht die Ausführung des Vertrages überwacht. Wir dürfen den gefährlichen Einfluß des Masferrinstinktes nicht unterschätzen, namentlich wenn diese „Masse" eine Nation ist. Die Vorgänge beim Ausbruch des Weltkrieges haben zur Genüge bewiesen, daß viele der scheinbar mächtigen Bollwerke gegen den Krieg nichts als Seidenpapier waren. Es kommt daraufan, dem Kriege selb st als einem Fluch der Menschheit den Garaus zu machen, und die einzelnen Kulturnationen müssen sich zur Erreichung dieses Zieles zusammenfinden.
*) Wir geben diese Meinungsäußerung des bekannten Führers der englischen Sozialdemokratie und früheren Premierministers als bemerkenswerten Beitrag zur Erörterung der Abrüstungsfrage wieder, ohne dadurch unsere eigene Stellungnahme zu diesem bedeutsamen Weltproblem festlegen zu lassen.
Emil Nolde.
Von Friedrich Mellinger.
Der Maler Emil Nolde wurde vor lurzem 60 Iahre alt.
Emil Nolde ist vermutlich kein Freund des glatten Dezimalsystems. Jedenfalls gilt der Ablauf von sechs Jahrzehnten seines Lebens ihm nicht als Grund, sich umständlichen Festen auszusetzen. Dieses in weitestem Rhythmus schwingende Dasein läßt sich nach Kalendermaß nicht messen. Mag Nolde also dort oben in seiner friesischen Heimat — wo Wiesenflächen unter blauem Himmel und getürmten, weihen Wolken liegen — sein Schaffen und seine Stille haben (wie stets während der hellen Hälfte des Iahres), und bereiten w i r uns eine Feier durch Besinnung auf seine Gestalt und sein Wesen!
Der erste und" nachhaltige Eindruck, den man von dem breiten und hochgewachsenen Manne empfängt, ist: Gelassenheit. Oder wie sonst soll diese Haltung, dies Leben, das einem da kindhaft und majestätisch zugleich begegnet, wohl bezeichnet werden? Das mit kleinster Gebärde so tiefe Wirkung zu üben vermag — wenn etwa im Gespräch ein Muskel des Gesichts sich leise rührt und im Auge das wasserhelle Blau sich nych aufzulichten scheint?
Lleberall in diesem schweren Menschen mit dem weichen und stolzen Gang des Löwen — überall und fortwährend müssen Gegensätze miteinander sich versöhnen. Darum kostet ihn das Sprechen so viel Mühe — denn gesprochen klingt paradox, was allein die Kunst auszusagen vermag: das unauflöslich ineinander verflochtene Ia-und-Nein. Beständig scheint in Emil Nolde die Freudigkeit des Lichts gegen alle Schwermut trächtiger Erde zu kämpfen. Es binden sich Zartheit mit Härte, Demut mit Rebellion, Streitbarkeit mit utnfangender Güte in seiner geräumigen Brust. Ia und Rein sagt dieses blasse Antlitz zur schönen farbigen Welt. Ia und Rein: Paris, Iava, Ehina, Zirkus, Tänzerinnen und schöne Frauen! Reines, schweigendes Ia immer wieder nur zu seiner Arbeit und zur Gemeinschaft mit der kühnen und schönen Gefährtin. Er ist ihr Meister — und darf sie darum anschauen mit diesem rückhaltlosen Kinderblick, beide: die Arbeit und die Gefährtin. »
Wer ihn einmal bei der Arbeit, beim Aquarellieren, hat sehen dürfen — wenn er große Bilder schafft, läßt er niemanden zuschauen —
Die Besprechungen auf der Flottenkonferenz in Genf haben gezeigt, wie schwer sich die Abrüstrmgs- frage von der großen Politik trennen läßt. Ausgaben für Rüstungszwecke lassen sich nicht vermindern, als wären sie nur eine Frage des Steuer« budgets. Bei Abschluß des Locarno-Vertrages hat man bi. Tatsache Rechnung gettagen, daß jeder Friedensvertrag, der das Papier wert sein soll, auf dem er geschrieben ist, von anderen Mächten garantiert sein muß, als denjenigen, die sich in dem Vertrage gegenseitig verpflichten. Bevor die Schiedsgerichtsbarkeit irgend eine Sicherheit gewährt, muß diese Idee allgemeine Anerkennung gesunden haben.
Eine Nation wird nicht allzu schwer zu bewegen sein, einen Krieg zu beginnen, wenn sie die feste Ueberzeugung hat, aus dem Kampfe siegreich her- vorzugehen. Nur falls es gelingt, den Völkern klar zu machen, daß ein Sieg unmöglich ist, wird die Welt Frieden haben, und die Sicherheit, die die Nationen jetzt im Schutze ihrer Waffenmacht suchen, werden sie durch den Abschluß von Ver.?gen finden.
Im Jahre 1924, als ich an der Regierung wär, bat ich verschiedene Mächte, die von ihnen vor- aeschlagenen Schiedsgerichtsverträge noch zurückzu- stellen, weil ich eine noch umfassendere Lösung vorbereitete. Die Frage ist: Werden die Nationen der Welt sich dazu bereit finden, ihre Sicherheit gemeinsam in der Weise zu garantieren, daß sie sich gegenseitig im Falle eines Angriffs durch eine dritte zu Hilfe kommen? Werden sie sich dazu verstehen können, in jedem Falle die Entscheidungen des Schiedsgerichts als unabänderlich hinzunehmen? Auf diese Formel nämlich läßt sich letzten Endes das Problem der Sicherung des Weltfriedens zurückführen. Die Antworten, die von den einzelnen Mächten auf dem vom Völkerbunds auf dem Protokollwege im Jahre 1924 gemachten Vorschlag kamen, lauteten durchaus
erfreulich. Sicherlich waren noch viele Fragen offen, die durch Unterhandlungen hätten geklärt werden müssen, aber wenn man nicht damals die ganze Aktion hätte im Sande verlaufen lassen, so wäre man, glaube ich, heute ein gut Stück weiter. Es gibt sicherlich auch im politischen Leben Gelegenheiten, die so selten sind, wie eine totale Sonnenfinsternis; wenn.der Moment oorübergegangen ist, fo müssen wir wieder Generationen warten, ehe sich die Gelegenheit wieder bietet. Wenn wir jedoch den Frieden sicherstellen wollen, so darf das oben erwähnte Protokoll vom Jahre 1924 nicht etwa ad acta gelegt werden. Es mag jein, daß der seinerzeit gewählte Ausdruck „Achterklärung des Krieges" mehr plastisch bildhaft als korrekt ist, trotzdem scheinen mir die gemachten Vorschläge geeignet zu sein, die Aufmerksamkeit auf den Kernpunkt des Problems zu lenken. Es handelt sich nichtum Abrüstung, es handelt sich nicht um Schiedsgerichtsverträge zwischen den einzelnen Nationen, es handelt sich vielmehr um allgemeine Abkommen zwischen den Völkern aus der Grundlage des Protokolls vom Jahre 192 4. Wir können die Kriegsgefahr bannen, wenn alle Länder den angreifenden Staat in Acht und Bann tun, und die Ablehnung, sich dem Schiedsgericht zu unterwerfen, das Merkmal für die Angriffsabsicht ist. Sobald die Nationen der Welt diese Sicherheit haben, werden die Waffen sowohl für einen Defensiv-, wie für einen Offensivkrieg unnötig werden; Abrüstung wird dann von selbst kommen, weil keine Veranlassung mehr besteht, die Rüstungen in umfangreicherer Weise aufrecht zu erhalten, als es die Erfordernisse des polizeilichen Schutzes der einzelnen Nationen notwendig machen.
Turnen, Sport und Spiel.
Sporthömpfe unserer Garnison.
linier Grenadier-Bataillon tritt in diesem Jahre erstmalig mit internen sportlichen und militärischen Wettkämpfen an die Oesfentlichkeit. Ein derartiges,militärisch aufgezogenes Sportfest dürfte wohl für die meisten Bürger unserer Stadt etwas Neues sein. Es werden nicht nur Weltkämpfe der sportlichen Athletik, des Turnens und Spiele ausgetragen, sondern dem militärischen Gesichtspunkt Rechnung tragend wird dem Zuschauer ein Einblick in den neuzeitlichen, vielseitigen Dienstbetrieb geboten, der auch in der Ausbildung den Wettbewerb aufnimmt, um Höchstleistungen in allen praktischen Dienstzweigen aus den Soldaten herauszuholen. Das Programm wird sich in etwa drei Stunden abwickeln, wobei 21 verschiedene Wettkämpfe vorgeführt werden.
Die Erfolge des Bataillons bei den kürzlich ausgetragenen Truppenwettkämpfen lassen nicht nur gute Einzelleistungen erwarten, sondern in den militärisch diel wichtigeren Masfenwettkämp- fen (80xl05-Meter-Stafette usw.) werden Leistungen zu erwarten sein, die sich durch die Gleichwertigkeit der Kompagnien bereits zu einer gewissen Höchstform gesteigert haben.
Die Wettkämpfe haben am vorigen Mittwoch mit einem Gruppengepäckmarsch begonnen, über den wir bereits berichteten. Heute, Dienstag, vormittag um 8 Uhr begannen auf dem Unr- versitäts-Gtadion die D o r k ä m p f e , um 1011 hr im Hof der Reuen Kaserne die Wettkämpfe im Turnen, Fechten und Gewichtreißen. Vier Musterriegen, aus einem Offizier und 10 Unteroffizieren jeder Kompagnie gebildet, beginnen heute um 3 Uhr nachmittags im Hofe der Zeughauskaserne ihren Wettkampf. Im Anschluß daran werden um 5.30 Uhr die Vorkämpfe des Schwimmens in der Militär-Schwimm- aiütalt ausgetragen. Diese Kämpfe werden eröffnet mit der 20x50-Meter°Stafette, in der sich die 1. Kompagnie mit ihren guten Schwinrmkräften sehr bald an die Spitze sehen sollte, während
der hat mit Ergriffenheit diese volle, tiefe Sammlung ohne jede äußere Spannung, diese innige Heiterkeit empfinden müssen, wenn des Meisters Pinsel die Farben in kurzen Minuten zum Bilde zusammenfliehen heißt. Offenbar dient die Farbe ihm willig — sie findet, scheint es, ohne seine Hilfe den genauen, von seinem Auge bestimmten Weg.
Eine edle Farbe kann Nolde beglücken. Er hat von einer seiner großen Reisen, aus Aegypten, ein glasiertes Tonfigürchen mitgebracht. Eine jener Grabfiguren — mit schwarzem Haar und keuchtend-coelinblauem Gewände. Er zeigt dieses Blau, eine Farbe, die es heute nicht mehr gebe, wie eine kostbare Reliquie.
Das Meer mit seiner brausenden, tanzenden Stille, mit seiner Farbentiefe und spielenden Reflexen des Himmelslichts darüber; pflanzliche Leben, das auf dem Wege von der violetten Erde zum überlohten Himmel die Blütenfarbe gebiert; die blonde Frau im „seltsamen Gespräch" mit diesem Ungetüm, aus dessen (Plicken ein Funke des Höllenbrandes herauf blitzt an den Tag; die Mutter, die das Golteskind dem lobsingen- den Stern entgegenstreckt — alles elementare Sein, vor dem des Menschen Verstand sich bescheiden muß, weih Emil Nolde in einer Farbenüppigkeit ohnegleichen wiederzuspiegeln.
Noldes Schaffen ist seinem innersten Wesen nach privat und keusch; mit Recht weist er es ab, wenn man ihn einer Gruppe oder „Richtung" zuordnen möchte. „Es hat für den Künstler etwas Betrübendes, wenn seine Schöpfungen verallgemeinert werden, sie sind so rein, solange sie noch bei ihm allein sjnd" — schreibt er in einem Brief. Er gibt nicht gern feine Bilder her. Uftb dah man Kunst gar wie eine Ware soll kaufen können, läßt fein hoher Stolz nicht zu. Einmal hat ein Museumsleiter, der clllzu geradeheraus ein Werk von Nolde „erwerben" wollte, beschämt das Atelier verlassen müssen; Nolde lieh den Besucher einfach stehen, und feine verständige Frau übernahm es, ihn höflich hinauszukomplimentieren.
Seit Generationen sitzen die Noldes, ein altes Freibauerngeschlecht, auf ihrem Gehöft — zwischen Deezbüll, Utentoarf und Mögeltondern — nahe am Meer. Das ist die Landschaft, in der die Gabe des „zweiten Gesichts" beheimatet ist, das „Wafeln", wie man dort sagt. Solch ein Blick, der die festen Mauern der Zeit und des Raumes transparent werden läßt, scheint Emil Nolde eigen zu fein. Man kann es aber nicht gelten lassen, dah seine Bilder (wie es häufig geschieht) mit der Bezeichnung „mystisch" herab
2. bis 4. Kompagnie im scharfen Endkampf den zweiten Platz umftreiten. Im 100--Meter-Brustschwimmen stellen alle Kompagnien beachtliche Kräfte. Der Sieger wird 1,35 schwimmen müssen, um den Lorbeer zu ringen. Das Rückenschwimmen hat in Unteroffizier Frick, 2. Komp., und Grenadier Link, 3. Komp., die schärfsten Rivalen für den Endkampf aufzuweisen. Ueber 400 Meter beliebig ist Obergrenadier John. 1. Komp., der Typ, der bei den Divisions-Wettkämpfen das Bataillon vertreten hat. Wenn Unteroffizier Frick seine alte Leistung von 42 Sek. für 50- Meter-Tauchen erreicht, sollte er den Preis des Streckentauchens der 2. Kompagnie holen. Das Wasserspringen kann Unterfeldwebel Schmidt, 1. Kompagnie, der bei den Heeresmeisterschaften 6. Sieger wurde, nur verlieren, wenn er Pech hat. Gut sind auch Obergrenadier Köhl, 3. Komp, und Oberschühe Kuhnert der 4. Komp.
Am morgigen Mittwoch setzen sich die Vorkämpfe und der leichtathletische 10°Kampf fort. Ferner wird ein aus Schiehen, Schwimmen, Laufen, Werfen, Springen und Turnen gebildeter Sechskampf bis zur Vorentscheidung ausgetragen. Um 5.30 Uhr nachmittags wird der 1. Start zu den Schw imm en t sche i d ungskämp f en erfolgen, für die l1/» Stunde Dauer vorgesehen sind.
Die Hauptkämpfe beginnen am nächsten Sonntag, 21. August, 3.30 Uhr nachmittags im Stadion der Universität. Im einzelnen sind die Wettkämpfe, chre Folge und Teilnehmer in einem Programm zusammengestellt, das aus dem Sportplatz erhältlich ist. Die Gießener Bürgerschaft, die zu diesem Dataillonsfest eingeladen ist, möge durch ihre Anteilnahme die guten Beziehungen zu unserer Garnison bekräftigen, die ihren geselligen Ausdruck am Abend bei Konzert und Tanz finden.
V. f. B.
Sämtliche Spiele des Einwechungstages standen im Zeichen denkbar ungünstigsten Wetters. Daß trotz dieses mihlichen Umstandes und der
gesetzt werden sollen; sinnlich-handfest sind Noldes Visionen, er malt, was ihm „wafelt".
Dem seichten Verstand, der diesen Unterschied nicht anerkennen mag oder ihn überhaupt nicht begreift, mag Goethe hier mit zwei Versen aus seinem „Offenbar Geheimnis" gegenübertreien:
Mystisch heißest du ifjnen, weil sie Närrisches bei dir denken und ihren unlautem Wein in deinem Namen verschenken.
Du aber bist mhsttsch rein, weil sie dich nicht verstehn, der du, ohne fromm zu sein, selig bist — das wollen sie dir nicht zugesteh'n.
Der erste Kaffee in Merseburg.
Don Dr. Emil Cartha'us.
Es war, wie eine alte, längst vergessene Zeitung, „Der Kalkulator an der Pleihe", erzählt, im Maimonat des Jahres 1637, als der Grvß- kaufmann Hervano in Merseburg folgenden Brief aus Amsterdam erhielt:
Monsieur trfcs honore Hervano, Inhaber der Großhandlung Hervanos selig. Wittib zu Merseburg.
Da wir nunmehr solange in ordentlicher und ehrbarer Geschäftsverbindung gestanden, fo ermangele ich nicht. Euch gleichzeitig mit diesem eine Probe von dem hier in Amsterdam eingeführten und beliebt gewordenen „Kofseyi" einzuschicken und bitte Euch, Eurer wohlehrbaren Hausfrau anzubefehlen, diese Körner fein zu mahlen oder zu zerstoßen und dann in Wasser kochen zu wollen. Ich bitte Euch, mir Eure Meinung zu schreiben, wie Euch dieser Trank geschmecket. Euer wohlgewogener van Snuiten.
Als der ehrsame Handelsherr diesen Bries gelesen, ließ er seine Hausfrau Christine, geborene Ferrari zu sich in seine Schreibstube bescheiden. Sie war eine auf ihren Reichtum nicht wenig stolze Frau. Deshalb erging sie sich, als ihr der Chgemahl die Geschichte mit dem „Kofseyi" aus- einandergeseht hatte, in die Worte: „Dieser van Snuiten scheint sich in seinem Amsterdam gar feinen Begriff machen zu können, was sich für eine Frau von meinem Stande schickt, oder er muh uns für recht arm halten, weil ich die schwarzen Dinger da in Wasser kochen soll. Dir zuliebe wlll ich es einmal mit dem Zeugs versuchen, werde aber natürlich kein Wasser, sondern eine gute, kräftige Fleischbrühe nehmen."
Und fo geschah es. Am nächsten Tage er-
Dienstag, 16. August (927
großen Anzahl der Wettspiele sich das Programm reibungslos und ohne Zeitverlust abwickelte, beweist, daß die Organisation des Spielausschusses ganz vorzüglich war. Ihm und dem Jugendleiter gebühkt für die hierzu geleistete immense Arbeit besonderer Dank. Der Vormittags- sowohl wie der Nachmittagsbesuch waren verhältnismäßig sehr gut zu nennen, ein erneutes Zeichen dafür, daß der Waldsportplah, zumal jetzt im Schmuck des neuen Vereinshauses, sich großer Del eotheit beim Gießener Sportpublikum erfreut. Spielfeld und Zuschauerräume waren trotz des reichlich niedergegangenen Regens in der besten Verfassung. An dieser Stelle sei jedoch auf einen Mißstand hingewiesen, hen zu beseitigen Sache der Stadtverwaltung wäre. Der Zugungsweg zur Plahanlage befindet sich in einem Zustand, der in stärkstem Kontrast zu der peinlich in Ordnung gehaltenen Sportstätte steht.
Die nachfolgend angeführten Resultate geben Zeugnis davon, auf welcher beachtlichen Höhe das Können sämtlicher V. f. B.-Mannschas- ten steht. Von elf Spielen wurden vier, und zwar die der aktiven Mannschaften, gewonnen, vier, zum Teil durch Pech, knapp verloren, die restlichen drei endeten unentschieden.
V. f. D. Liga —' Spv. Wetzlar Liga 4:1, V.f.B. Ligares. — Heuchelheim l. 4:1, V. f. B. IHa — Spv. Wetzlar III. 4:3, D. f. B. Illb - Heuchelheim II. 3:0, V. f. B. Handballm. — Spv. Wetzlar I. 0:1, D. f. B. A. H. - Großen-Duseck I. 1:2, V. f. B. I. Jugend - Spv. Wetzlar I. Jgd. 1:1, V.f.B II. Jgd. — Spv. Wetzlar II. Jgd. 0:2, V. f. B. III. Jgd. - Großen-Buseck I. Jgd. 1:2, D. f. B. I. Schüler — Wetzlar I. Schüler 0:0/ V. f. B. II. Schüler — Klein-Linden I. Schüler 1: 1.
Den Reigen der Spiele eröffnete die Illa- Mannschaft schon morgens früh. Bei Halbzeit führte sie bereits 4:0 gegen die Dritte Wetzlars, hatte sich aber anscheinend zu stark ausgegeben und mußte in der zweiten Halbzeit sich noch drei Tore gefallen lassen. Sie hatte alle Mühe, den knappen Sieg bis zum Schluß zu halten. Das Treffen der Alien Herren endete wider Erwarten mit einem 2:1-Sieg der Ak.iven Großen-Busecks, die damit bewiesen, daß sie in der letzten Zeit sehr viel hinzugelernt haben. Die Alten waren dem Tempo der forschen Jungen doch nicht mehr so recht gewachsen. Das siegbringende Tor fiel trotzdem erst kurz vor dem Schlußpfiff. Anschließend hatte die lllb-Mannschaft die Zweite Heuchelheims zum Gegner. Die V. f. B.-Mannschast zeigte sich technisch und taktisch sowie auch physisch überlegen und gewann trotz der zähen Abwehr Heuchelheims verdient mit 3:0.
Während diese Spiele auf dem Waldsportplah ausgetragen wurden, mußte die dritte Ju- gendmannschaft zu ihrem Treffen gegen die Erste Großen-Busecks den früheren Hessenplah benutzen. Die körperlich weit unterlegene V. f. B.-Mann- schaft war wohl technisch recht gut, mußte sich aber doch dem stärkeren Gegner mit 2:1 beugen. Die zweite Jugend mußte sich von der gleichen Wetzlars eine 0:2-Niederlage gefallen lassen. Die Gäste gewannen verdient, da sie viel eifriger am Ball waren; jedoch ist auch hierbei die körperliche Ueberlegenheit Wetzlars zu berücksichtigen.
Den im Training gezeigten Leistungen nach zu urteilen, hätte man von der ersten Schülermannschaft einen glatten Sieg über die ersten Schüler Wetzlars erwartet. Statt dessen enttäuschte sie mit einem 0:0-Resultat. Im Felde waren die Leistungen der flelnen V. f. B.er recht nett, vor dem Tore fehlte es jedoch an der Schußfreudigkeit. Auch die Kleinsten, die zweite Schülermannschaft konnte gegen die Schüler Klein-Lindens ebenfalls nur ein Unentschieden herausholen. Rach der Mittagspause trat die erste Jugendmannschaft auf eigenem Platz zum Gesellschaftsspiel gegen die erste Jugendmannschaft Wetzlars an. Die aus den ersten Jugendmannschaften der beiden vereinigten Vereine zusammengestellte Elf verfügt über ein gutes Können und ist als sehr spielstark bekannt. Das Endresultat 1:1 entspricht dem Spielverlauf und
schien das holländische Lieblingsgericht auf der Tafel. Die eigens dazu einge[at>enen Gäste schienen jedoch den Geschmack des Amsterdamer Mynheers nicht zu teilen; denn sie schlürften einmal sehr bedächtig, dann mit ausgeprägtem Mißtrauen noch einmal, darauf aber schlürfte niemand mehr, sondern auf allen Gesichtern drückte sich die herannahende Seekrankheit aus. Die große Terrine mit ihrem köstlichen Inhalt wanderte hinunter in das Eßzimmer, worin das dienende Personal, vom Prokuristen bis zum jüngsten Lehrling und den Knechten, sein Mittagsmahl hielt. Der Prokurist, der den Brief des Herrn von Snuiten gelesen, konnte nicht umhin, in einer längeren Rede die Seltenheit und den außerordentlich hohen Preis des braunen Exttaktes und zugleich die Freigebigkeit des Herrn Prinzipals rühmend hervorzuheben. Alsdann schöpfte er einen Becher voll aus der Terrine und begann zu kosten. Kaum war das geschehen, so schloß er krampfhaft seine Augen und wurde — so schreibt der „Kalkulator an der Pleiße" — rot wie ein Zinshahn. Schnell setzte er den Becher ab und sagte: „Hm, nicht übel!“ Damit verließ er schleunigst das Eßzimmer, und nun beeilte sich jeder, seinen Teil zu erhallen.
Es erging ihnen jedoch nicht besser als den Gästen am Herrentisch. Sie schluckten einmal, zweimal, und dann stand die Terrine mit dem, wie Fritz, der Hausjunge, behauptete, nach schwarzer Seife und Heringslake schmeckenden holländischen Nektar einsam da, scheu angesehen von dem ganzen Personal.
Späterer Brief des Herrn van Snuiten in Amsterdam:
„Ihre Psefferbestellung habe ich richtia erhalten, schicke Ihnen jedoch keinen, weil ich auf eine Geschäftsverbindung mit Ihnen, von welcher ich für meinen guten Willen nur Grobheiten hören muß, verzichte. Wenn Euer ganzes Personal nach Genuß dieses vo^üglichen „Kof- feyi" franf geworden ist und Ihr mir sechzehn gute Groschen für Purgiermittel in Anrechnung bringen wollt, so muß ich mir das emstens verbitten. Ich habe bereits 5 Ballen Kofseyi nach Leipzig verladen lassen, und jeder, der davon getrunken, lobt es. Ein Beweis, daß die Leipziger einen feineren Geschmack haben, als Ihr groben Merseburger. Und somit Gott befohlen!
Amsterdam, September 1637.
van Snuiten.
Damit war die Geschäftsverbindung zwischen der Firma Hervanos selig. Wittib und Mynheer van Snuiten für immer gelöst.


