Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 164 Drittes Blatt
Samstag, 16. Zull 192?
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die weiten Spielraum lassen. Hier mag Frau Had- I wig, die stolze, oft genug geschritten sein und Ekkehard, der gelehrte Virgilforscher aus St. Gallen. Herr Spazzo, der bärbeißige, und vor allem auch Praxedis, die wunderschöne Griechin, eine der I leuchtendsten Gestalten.
So vergeht Stunde um Stunde. Mancherlei fröhliches Volk wandert den steilen Gipfel hinauf, viel deutsche Jugend aus allen möglichen Gauen, die leuchtenden Auges die Herrlichkeiten der Natur erschaut und den Zauber der Stunde auf sich wirken läßt.
Allmählich wird es Abend; Schatten senken sid) herab. Es wird stiller und immer stiller, und schließlich ist der Rastende allein in wundersamer Einsamkeit. Der Mond zieht allmählich herauf und übergießt das Land und die Berge und den weiten Seenspiegel mit seinem Glanz. Jetzt kann die Phantasie frei schalten und walten. Die Gegenwart versinkt; uralte Geschichte und ein reiches, bewegtes Menschentum dämmern herauf.
Wanderfahrten.
Saasen— Queckborn—Ettingshausen—Lich.
Von Saasen, dem Ausgangspunkt unserer Wanderfahrt, geht es auf Feldwegen über den Veitsberg, der durch Glaubrechts Erzählung: „Der Kalendermann vom Veitsberg" bekannt geworden ist. Schule und Kirche, in welchen der Held der Erzählung gewirkt hat, stehen noch. Bald ist die Landstraße erreicht, auf der man in etwa einstündigem Marsche nach Queckborn gelangt. Hier haben wir nun Gelegenheit, unser köstliches Wasser, das uns selbst in den heißesten Sommern nicht im Stiche gelassen hat, an der Quelle zu betrachten und unter kundiger Führung die Gewinnung und Art der Hinschaffung nach Gießen kennenzulernen. Der weitere Weg führt, stets auf guter Landstraße, durch Ettingshausen sodann vorbei an M ü n st e r und dem malerisch gelegenen Oberbessingen nach Vie derbes sing en. Unterwegs kreuzen wir die gelbe Strichmarkierung: Gießen-Laubach und gerade an dieser Stelle bietet sid) eine prächtige Vundsicht. Außer einigen im Tale liegenden Ortschaften und Mühlen wird das hochgelegene Grünberg sichtbar, während in der Ferne die Höhen des Vogelberges grüßen. Vach etwa vierstündiger Wanderung erreichen wir unser Endziel L i ch.
Herzhausen—Jtlerlal—Vöhl—Schloß Waldeck— Sperrmauer—Herzhausen.
Der Besuch derCdertalsperre und seiner reizvollen Umgebung ist, da die Bahnverbindung über Marburg nicht sehr günstig, zweckmäßig m eineinhalb Tagen auszuführen. Von den mancherlei Wandervorschlägen in die dortige Gegend sei der folgende, als nicht sehr anstrengend und doch
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Lachender Sonnenschein am flimmernden See- I gestade. Das kleine, flinke Motorboot trägt herüber I nach der Seespitze, wo Wilhelm von Scholz sein I Heim in schloßähnlichem Gebäude aufgeschlagen hat, dieser lebensvolle, lichte Mensch, kraftstrotzend und helläugig, einer der beredtesten Künder der Herrlichkeiten des Schwäbischen Meeres. Tags darauf ein fast noch reizvollerer Ausflug nach dem Untersee. Der Dampfkutter trägt durch die Rheinmündung an das schweizerische Ufer, nach Er- matingcn und nach Mannenbach, dann nach Gaienhofen, wo Ludwig Finckh,' der Rosendoktor, sein Heim aufgeschlagen hat. Brütende Sonnenhitze limmert über den Wassern und über der Land- chaft. Die Insel Reichenau mit ihren Spielzeug- chachtelbaulichkeiten streckt sich lang und schmal in den See. Gaienhofen liegt wie im Schlummer. Ein köstliches verschlafenes Dorfidyll. Es geht leicht bergan; vereinzelte Häuser lugen aus dem Grün hervor. Ein leichter Föhn hat sich von der Schweizer Seite her aufgemacht, ermüdend und Witterungswechsel ankündigend. Rast im Hause Finckh. Der Dichter lebt und schafft in seinem Heim, dem urbehaglichen, weitab von der großen Heerstraße in verwunschener Stille. Eine Blumenfülle in dem Gärtchen. Trauliche Winkel und Ecken in den behaglichen Stuben. Ein großer Kachelofen, an dem es sich gemütlich sitzen lassen muß, wenn die Seewinde sich um das Haus pressen, und der Hausherr aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen erzählt. Gerade diese Einsamkeit, dieses Gebundensem an Scholle und Familie verleiht dem Poeten diejenige Konzentrierung, deren er benötigt.
Von der Insel Reichenau ist es nicht allzu wett nach dem Hauptschauplatz der Ekkeharddichtung, dem Hohentwiel. Man kommt nach der Mettnau, dem Lieblingsaufenthalt Scheffels, nach der uralten Stadt Radolfzell und von dort nach Singen. Zunächst geht es langsam bergan, aber bald gibt es erheblichere Steigungen zu überwinden, bis man über sich die gewaltigen Ueberreste alter Befestigungen sieht. Dann geht es auf versd)lungenen Pfaden zwischen Burgtrümmern an herrlichen Aussichtspunkten vorbei. Das weite, weite Land dehnt sid) zu Füßen des seltsamen Bergkegels aus. Man kommt schließlich in das obere Plateau, das einen Ausblick gewährt auf die Nachbarberge, den Hohen- krähen und den Hohenstoffeln. Drüben dehnt sich der weite Spiegel des Bodensees aus, und der Säntis liegt leicht verschleiert mit seinen zackigen Umrissen und seinen weiten Schneefeldern vor mir. Allmählich kommt Ekkehardstimmung über den Wanderer. Gar manches sieht hier anders aus, als die Phantasie des einstigen Lesers jenes kostbaren Buches es sich vorgestellt hatte. Die Wirklichkeit, die rauhe, zerstört manches, aber wenn man aufmerksam der Stimme der Natur lauscht und sich nicht ganz gefangennehmen läßt durch die Wirklichkeit, wie man sie vorfindet, dann kommen doch Gedanken,
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genußreich empfohlen: Wir fahren ab Gießen 12.31 Uhr über Marburg, wo 37 Minuten Aufenthalt ist, nach Herzhausen; Ankunft 16.19 Llhr. Von hier gehen wir dem reizvollen Itter - tale aufwärts bis Thalitter, wo gute Einkehr (Forellen) ist. Ein kurzes Stück dem Tale zurückgehend, zweigt nach links die Straße nach Marienhagen ab, die wir einschlagen und nach kräftiger Steigung durä) den genannten Ort nach dem freundlichen, zwischen Bergen gelegenen Städtchen Vöhl gelangen. Sn einem der guten Gasthäuser nehmen wir Vachtquartier. Am nächsten frühen Morgen wandern wir über Das- dorf (Gerichtslinde) und Vd.-Werbe nach Waldeck und seinem hochragenden Schlosse. Hier oben genießen wir nun einen herrlichen Blick auf die benachbarten Berge, Täler. Wälder und namentlich auf den Edersee, der hier seine größte Ausdehnung hat. Vach genügender Vast in den gastlichen Räumen des Schlosses Abstieg zur Sperrmauer, die in ihren gewaltigen Ausmaßen einen überwältigenden Eindruck macht. Bei der Mauer ist eine Anlegestelle des Motorbootes, das wir nunmehr benutzen, um eine genußreiche Fahrt über den ganzen See bis Herzhausen zu machen, von wo wir, da ein späterer Zug in Marburg keinen Anschluß hat, schon 14.56 Uhr zurückfahren müssen. Die Wanderung am ersten Tage wird zweieinhalb Stunden, d.e die am zweiten Tage etwa dreieinhalb Stunden beanspruchen
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Reise bargeldlos!
Wie oft geschieht es, daß einem Serien» reisenden sein mühsam erspartes Geld auf der Vdise infolge Unachtsamkeit, die meist durch Veisefieber bedingt ist, abhanden kommt. 11 nb manche Veisefreuk^n werden schon beim Gedanken an diese Möglichkeit, daß das Geld aus der Tasche gestohlen werden könnte, gestört, ja besonders ängstliche Personen kommen durch die dauernde Furcht gar nicht erst zur reinen Vetse- sreude. Alle diese Sorgen wären überflüssig, wurde man mehr mit Kreditbriefen reisen. Während der Amerikaner und auch der Engländer schon längst mit seinem „Traveler-Scheck" reist, macht der deutsche Veisende von den Veise- Kreditbriefen, die eine ähnliche Einrichtung darstellen, noch viel zu wenig Gebrauch. Die Welt- Veisekreditbriefe des Mitteleuropäischen Veise- burcaus (MEV) z. B, die ersten in Deutschland nach Kriegsende zusamLnengestellten Zirkular- Kreditbriefe, bieten größte Vorteile, da sie die drei Forderungen, die man unbedingt an einen Kreditbrief stellen muh, erfüllen: sie sind sicher, billig und bequem. Sicher sind sie, weil auf den Kreditbrief allein kein Unberechtigter Abhebun-
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Sonnige Tage am Bodensee.
Konstanz—Reichenau—Hohentwiel.
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Das große Becken des „Schwäbischen Meeres" mit seiner näheren und weiteren Umgebung, ine eine Uebersülle deutscher Kultur und deutscher Eigenart in sich vereinigen, bietet jedem, der an (eine Gestade kommt, so unendlich viel, dag man reichbeschenkt wieder in die Heimat zuruckkehrt Die Weiten des herrlichen Seespiegels, das 6arben- spiel die abwechslungsreichen Ufer, die zahlreichen deutschen Gaue, die an den Ufern des Bodensees einmünden, die Eigenart des Himmels, der sich über das ganze Bild wölbt, geschichtliche Erinnerungen ÜUf Schritt und Tritt, weile, weite Wälder und orüne Matten, die Kette der schneebedeckten Berge, alles das vereinigt sich zu einem wundervollen Ganzen Ein Kommen und Gehen, ein Verkehr von hüben nach drüben, kein Staub, erfrischende Kuhle, liebenswürdige, heitere Menschen, hilfsbereit und zuvorkommend. _ .....
Konstanz als Standquartier. Der berühmte Gasthof auf der Insel, der unvergleichlich klare romanische Kreuzgang in diesem ehemaligen Dominikanerkloster, die Lage unmittelbar am See, inmitten herrlichster Parkanlagen. Das Schiff, mit dem man von Friedrichshafen kommt, läuft in den lichtum- kränzten Konstanzer Hafen ein, der an einer Seite von dem hochragenden Zeppelin-Denkmal flankiert wird, zur Erinnerung an den großen Sohn der alten Bischofsstadt. Dann geht's durch die buntbeleuchteten Anlagen, in denen eine festlich gekleidete Menge bei den Klängen der Musik lustwandelt. Laue Luft weht vom Seegestade herüber. Es ist em wahrhaft südländisches Bild, das sich hier entrollt, unvergeßlich jedem, dem es anzusehen vergönnt war.
Eine stille Wanderung durch das nächtliche Konstanz ist von großem Reiz. Der Vollmond steht hock) am Himmel und leuchtet in die Gassen und Gäßchen hinein, die sich um das hochragende Münster scharen. Weniger erfreuliche Bauten, die eine Neuzeit schuf, werden mitleidsvoll durch die weitausgreifenden Schatten verdeckt, und es entsteht so dem Besci;auer ein Bild von hohem Reiz. Drüben, nach dem Hafen zu, der mächtige Kasten des Konzilgebäudes, das alte Kaufhaus, das gegen Ausgang des 14. Jahrhunderts errichtet wurde, in dem um 1417 herum das Konzil von Konstanz tagte, den Kardinal Colonna auf den päpstlichen Thron hob, Johann Huß zum Tode auf dem Scheiterhaufen verdammte. Die gewaltigen Hallen dieses Hauses schließen sich ausnahmsweise noch zu recht später Stunde. Drinnen in dem eigentlichen Konzilium-Saale ein Bild von unvergeßlicher Wucht. Mächtige Balkensaulen aus Eichenholz, das die Ewigkeit überdauern wird, tragen das Gewölbe, das, nur durch wenige Lampen erleuchtet, im Halbdämmer daliegt.
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