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Samstag, 16. Zuli 192 l

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Nr. 164 Zweites Blatt

nett sich darüber Rechenschaft geben kann, wie es nun für den Winter stehen wird, kann es sich und kann sich Frankreich der Stellungnahme zu dieser prt Sinn der Frage: Ruhr oder Locarno? klar ge­zeichneten Situation nicht mehr entziehen.

Vielerlei sehr wichtiges geht darum herum in der Welt vor: die Krise in der Genfer Seeabrüstungskonferenz, die wahr­scheinlich noch wichtigere Geheimkonferenz der Rotenbankpräsidenten in Reuhork, die Krisen in der inneren Politik Frankreichs und Englands, des Kabinetts Poincare sowohl wie des Kabinetts Baldwin. Für Deutschland ist das alles im Augenblick viel weniger wichtig als die nun eben so mit aller Schärfe gestellte Frage an die andere Seite, ob der fällig ge­wordene Wechsel in bezug auf die Rheinland» räumung eingelöst wird.

den, die Aufmerksamkeit von den außenpolitischen I getan hat, ist heute noch Mitglied des belgischen Kabinetts, das also dafür im ganzen verantwort­lich ist. Aber auch das ist nicht wesentlich. Wesentlich ist, was die französische Politik tun wird, die nach Schluß ihrer Kammer, tra­ditionell nach dem Rationalfeiertag am 14. 3uh, eine Reihe von Wocheii zur äleberlegung und Entschließung frei hat, bis in Genf die Dölrer-

____, . ____________ _ _ , .chen I Fragen ablenkten. Aber so, wie die Kammer ihre Ferien gemacht hat und das französische Kabi- |

Die Frau von Stein.

Von Wilhelm Schäfer.

Auf Stein bei Rassau lebte die Herrin der Burg in ernstem Witwentum und hatte ihre Söhne so trefflich aufgezogen, daß sie um ihrer ritterlichen Sitten willen geachtet wurden überall. Auch ihre Töchter waren wohl gebildet, so daß zur rechten Zeit sich Ritter fanden, die fte auf ihre Burgen holten und gut beweibt waren. So kam es, daß am sechzigsten Geburtstag der so beglückten Mutter sechs Ritter auf der Burg zu Rassau in Eintracht beieinander sahen, zwei Sohne und vier Eidame, die frohen Sinnes angekommen waren, den Freudentag zu feiern. Da gab es eine klingende Tafel, und indem die Enkelkinder nach­her im Burghof ihre Hellen Spiele hatten, sahen in dem Saal bei ihr die jungen Elternpaare und erzählten von dem Glück, das jedem anders, doch allen gleicherweise zugekommen schien. So gab es in der Burg ein rechtes Fest, wie es die Men­schenkinder selten finden, und als die Rächt ge­kommen war, und längst die Enkel schliefen, ein jedes mit dem Kuh der alten Mutter auf den Lippen, und die Kinder beieinander um ihren Stuhl dafahen, darum sie Rosen und Dergihmein- nicht gewunden hatten: da stand der Burgkaplan zu ihrer Rechten auf und sprach mit wunder­schönen Worten von dem Glück, das als ein Segen Gottes ihren Lebensweg mit Freudenblumen rei­cher bestreut habe als hier die Wände und die Tafeln darin prangten Und wie ihr jeder Wunsch geraten sei, so dah man schon nach kleinen Sorgen forschen müsse, damit das Glück nicht .übermächtig scheine. Da sah die Frau nach ihren Kindern, wie alle ihr das Glück mit glänzenden Augen verdanken wollten, und eine tiefe Wehmut fiel ihr ins Herz nach ihrem eigenen Glück. Und während der Kaplan noch weiter sprach von Gottes Gnade, da dachte sie an ihre Jugend, und wie die Sorge langer Jahre um alle, die da frohen Sinnes saßen, ihr eigenes Glück beiseite geschoben hatte: wie ein Keil, der immer breiter wurde, so dah sie schließlich von sich selber kaum etwas wußte und ihres eigenen Lebens fast Der- yah. Run aber, wie sie alle das Glück auf ihren Lippen hatten, das längst an fremder Liebe hing, da fiel die Gehnsucht ihrer eigenen Liebe ihr ins

bundsversammlung beginnt.

Deutschland hat seine Parlamentssession in dieser Frage jedenfalls ganz einig geschlossen. Es gehört zu ihren stärksten Ergebnissen, dah der Reichstag im ganzen die Fragestellung an- genommen und sich zu eigen gemacht hat, ob Ruhr oder Locarno" das Merkwort der europäischen Politik sein soll. UnZ) e§ ist eine tendenziöse und lügnerische Phrase, dah die Teil­nahme der Deutschnationalen an der Regierung die deutsche Außenpolitik zu der Unfruchtbar- keit und Stagnation zwingen, in der sie heute ist. Diese Stagnation, eine Folge der franzö­sischen Politik, war längst da, monatelang schon, ehe die Deutschnationalen in die Regie­rung eintraten. Die Gründe auf der fraiizösischen Seite dafür sind bekannt. Poincare hat es ver­sucht, die französische Zentralfrage, mindestens vorläufig, gut zu lösen und die Währung vor­läufig zu sichern und es scheint auch, als sei er gegenüber den Tendenzen und Absichten jener Reuyorker Daniierkonferenz in einer für Frank­reich recht vorteilhaften Situation. Manche Leute behaupten, seine Rede in Luneville neulich hätte den Zweck verfolgt, Europa und Deutschland zu zeigen, dah auch mit ihm der Weg von Locarno fortzusehen sei. Ist das seine Absicht, so ist es an ihm, das zu zeigen. Die euro­päische Zentralfrage rückt nunmehr ihrer Entscheidung näher und näher!

England erkennt das an und tut das seine, den Wechsel einzulösen, in einem Gefühl von Anstand undfairneß", das eben mit jener Zusage die eigene Ehre eingelegt sieht. Aber England kann nach der ganzen Weltlage und nach der eigenen Situation etwas Entscheiden­des nicht tun. Als entscheidend werden wir nicht bärachten, wenn England das täte, was es hin kann: nämlich seine Truppen aus dem Rheinland zurückzuziehen. Wir sehen auch nicht, daß darin ein Vorteil für Deutschland läge. Die anderen Staaten kommen nicht in Be­tracht. Zu notieren ist freilich, dah Belgien, mit dem in bessere Beziehungen gekommen zu sein die deutsche Regierung doch gehofft hatte, in diese Erörterung ganz im Sinne bfer Pa­riser Politik einen Stein zuungunsten Deutsch­lands gerollt hat. Der Kriegsminister, der das

Schwebt Europa heute in Kriegsgefahr? Wer diese Frage beantworten will, muß zugeben, dah drei wichtige Momente bestehen, die als Anzeichen für den bevorstehenden Ausbruch eines Krieges gewertet werden können.

Der erste Moment ist die Fortdauer des Rüstungswahnsinns. Wo große Ar­meen gehalten werden, besteht Kriegsgefahr, denn schließlich ist es ja die Aufgabe der Heere, Krieg zu führen. Wie ist nun in militärischer Hinsicht die Lage in , Europa? Obwohl das Rattonalvermögen der europäischen Länder durch den Weltkrieg außerordentlich zusammengeschmol­zen ist und obwohl der Staatshaushalt in den meisten Ländern stark in Unordnung geraten ist, greift der Rüstungswahnsinn immer weiter um sich. Obwohl ferner durch die Friedensverträge die Militärmacht von vier europäischen Ländern rein auf die Bedürfnisse der inneren Sicherheit beschränkt wurde, geben die Völker der Erde zu­sammen dennoch mehr als 15 Milliarden Mark jährlich für Rüstungszwecke aus, Europa allein mehr als 9 Milliarden Mark. Die Wirtschafts- abteilung des Völkerbundes hat errechnet, dah diese Summe in Gold beinahe dem Betrage gleichkommt, der im Jahre 1913, in welchem bekanntlich die Kriegsdorbereitungen ihren Höhe­punkt erreichten, für Rüs^ngen aufgewandt wurde. Da die vier besiegtenLänder gezwungen wurden, ihre Rüstungen auf ein Mindestmaß zu beschränken, so müssen die Siegerstaaten und vor allen Dingen diejenigen Länder, die durch die Friedensverttäge neu entstanden oder ihr Gebiet als Folge dieser Friedensverträge er­weitern konnten ihre Armeen vergrößert haben. Heute sehen wir in Europa beinahe 1 Million Soldaten mehr unter Waffen als vor dem Kriege.

Der zweite Umstand, der auf einen kommen­den Krieg hinzudeuten scheint, ist der Man­gel an Vertrauen unter den europäischen Rationen. Mißtrauen entsteht aus dem Gefühl der Unsicherheit. Krieg unt> Frieden sind letzten Endes Auswirkungen psychologischer Vorgänge: die sich ergebenden Tatsachen sind nur eine

lungsmethoden den Mund zu halten. So ver­lieren ihre Angriffe gegen das bolschewistische Rußland viel an moralischem Wert.

Die heutigen Diktaturen in Europa m ü s s c n in einem Kriege enden. Mussolini, Italiens Diktator spricht in allen seinen Reden nur vom Kriege. Obwohl Italien sich in der schwierigsten wirtschaftlichen und finanziellen Lage befindet, hat es doch alles Geld, das es im Auslande ausgenommen hat, nur für Kriegsvorbereitungcn verwandt. In seiner hochbedeutsamen Rede vom 26. Mai d. I. ermahnte Mussolini die Italiener, di^ Geburtsrate zu erhöhen.Falls Italien" so sagte eretwas in der Welt gelten will, so muß es in die zweite Hälfte dieses Jahr­hunderts mit einer Bevölkerung von nicht weniger als 60 Millionen Menschen eintreten. Wir müssen in der Lage sein, mindestens 5 Millionen Men­schen jederzeit mobilisieren zu können und über das nötige Kriegsgerät zur Führung eines grö­ßeren Krieges verfügen."Unsere Rechte", so sagte Mussolini weiter,müssen anerkannt wer­den". Was für Rechte meint er und gegen tuen will er sie geltend machen? Der Krieg soll nach seinen Angaben zwischen 1935 und 1940 kommen. Ist es nicht Wahnsinn, schon jetzt die Zeit sest- legen zu wollen, in der ein Krieg kommen soll? Ist es nicht unter den heutigen gespornten Ver­hältnissen äußerst gefährlich, davon überhaupt zu sprechen? Zum Kriegführen gehören min­destens zwei Kontrahenten. Dieser zweite will sich nicht überraschen lassen. Es besteht darum auch jetzt schon vielfach ein geheimer Kriegszu­stand. Die Streitigkeiten zwischen der faschistischen Regierung und Griechenland, der Türkei, Jugo­slawien und die letzten Vorgänge in Albanien, sind in sich selbst bereits Anzeichen einer be­wußten Kriegspolitik. Wo immer eine Diktatur herrscht, da besteht Geheimdiplomatte, da besteht Geheimprvpaganda ob sie rot oder weiß ist. macht keinen Unterschied und da wirken un­gezügelte Kräfte unter der Oberfläche.

Wie läßt sich die Gefahr dieser Lage 6annen? Der Völkerbund, verfehlt in der Anlage

Die europäische Zentralfrage. !

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto Ho eh sch, M. d. R. ' - Am 8. Juli ist die Reise zur Besichtigung der »erstarken Ostfestungen beendet und ist durch ein gemeinsames Protokoll festgestellt worden, daß die Pariser Vereinbarung über die Zerstörung dieser Unterstände an der putschen Ostgrenze vollständig d u r ch g e s ü h r t ist. Damit ist nun , die Rheinland-Räumung fällig! Die <tzor° mel ist ganz gut, dah von nun an Deutschland fei­nen Gläubigern von Versailles als Gläubiger von Locarno gegenüberstehe; jetzt muß die Probe auf dieses Locarno, das soeben der belgische Mini­sterpräsident wieder gefeiert hat, gemacht werden. ^Wir erkennen an, dah die englische Presse das auch klipp und klar ausspricht, so der Manchester Guardian und selbst der bekannte diplomattsche Korrespondet des Daily Telegraph, der das seine getan hat, um diese letzte Entscheidung hinauszu- zögern und die RotwendiSeit zu beweisen, dah das Rheinland besetzt bleiben müsse. Desgleichen aber erhebt sich in englischen politischen Kreisen die ernstliche Sorge, ob die alliierten Regierungen auch wirklich die gebotene Folgerung daraus ziehen werden, und die Rachdrücklichkeit, mit der das ausgesprochen wird, läßt darauf schließen, dah man in dieser Dezichung Befürchtungen hegt. Westminster Gazette spricht es direkt aus, dah wenn die Alliierten jetzt das Rheinland weiter besetzt hielten, man amiehmen müsse, sie sähen den Friedensvertrag nicht mehr als bin-

Juli hat Chamberlain im Unterhaus eine große Rede über die auswärttge Polittk gehalten, im Anschluß an eine sehr interessante Interpellation der Arbeiterpartei, die mit Be­sorgnis auf die wachsende Spannung in Europa hinweist und eine entschlossene Völkerbundspolittk in Regelung internationaler Konflikte durch obli­gatorische Schiedsgerichtsbarkeit und einedrasti­sche" Einschränkung der Rüstungen fordert. Die Rede Chamberlains, die jeder Naren Stellung­nahme auswich, bestätigte die Auffassung, die stärker und stärker jetzt in Europa sich festseht. Wan will an der subjektiven Ehrlichkeit des eng­lischen Außenministers nicht zweifeln, aber die Ueberzeugung in Europa wird immer allgemeiner, vah die englische Politik in Europa Unruhe und Spannung direkt oder indirekt geschaffen hat und aufrecht erhält. Und in der Rhein­landsfrage wurde Chamberlain erst durch die Debatte zu einer Erklärung gedrängt, nachdem er in der Regierungsrede mit keinem Wort darauf eingegangen war. Der Erwiderung, die in seinem Auftrag der Unterstttatssekretär abgab, merkte man an, daß sie ungern gegeben wurde. Immerhin schlieht sich diese Aeßerung des Herrn Locker-Lampson der früheren englischen Erllärung durchaus an: die englische Regierung ist der An­sicht, dah die Verminderung der Truppen im Rheinland, die seit Dezember 1925 durchge­führt fei, nicht weit genug geführt sei und tatsächlich nicht so wett, wie in der Entschliehung der Botschasterkonferenz ins Auge gefaht worden ist. Damtt legt sich, was wir abermals anerkennen, die englische Regierung formell darauf fest, dah Verpflichtungen der Alliierten in der Rheinland­frage schriftlich eingegangen worden sind und ein gehalten werden müssen. Die Adresse, an die sich diese bestimmte abermalige Erllärung rich­tete, braucht ja nicht genannt zu werden.

An der Stelle dieser Adresse, also in Frank­reich beginnt aber nun wieder das alte Spiel. Ein französischer Berichterstatter in Berlin, der sich bisher schon durch seine tendenziöse und feind­selige Berichterstattungverdient" gemacht hat, hatte schon wieder eine Verletzung der Entwaff­nungsbestimmungen durch Deutschland entdeckt, freilich so unsinnig, dah darauf nicht eingegangen werden braucht. Einen eigentlichen Widerhall etwa im Sinne jener liberalen englischen Presse­st imm en hat diese Resterfüllüttg Deutschlands zu der wir ja auch das vom Reichstag endgültig übernommene Kriegsgerätegesetz zu rechnen haben, in Frankreich bisher nicht gefunden. Wir wollen im Augenblick noch in Betracht ziehen, dah die letzten Kämpfe der Kammer, die mit großer Er­bitterung um die Wahlreform durchgefochten wur-

Herz. Wie wenn ein Mensch in köstlichen Gedanken bei einem Wasser steht, darauf die Wellen emsig fließen, und dann, ein Wind fällt drüber her, vergeht und macht die Wellen glatt fein eige­nes Antlitz füß und tief erschrocken sieht und so in seine eigenen Augen blickend einen Schmerz aus kommen fühlt wie aus dem tiefen Wasser- gründ: so brach aus ihrer Brust und stieg in ihre Augen ein starkes Weinen, dah alle sie in Tränett glänzen sahen und in der^Meinung, dah ihr die Rührung Freudenzähren gäbe, einander glücklich nach den Händen faßten, weil sie mit ihrem wohlgeratenen Glück der Mutter diesen Freudentag bereites hatten.

Indessen aber *ging die Rede des weisen Burgkaplans den vorgeplanten Gang und kam mit wunderschönen Worten art ein Ende, wo alle nach den Gläsern faßten und auf das Wohl der Mutter und auf das wundervolle Glück zu Stein anstoßend ihre Schalen klingen ließen und einer nach dem andern vor ihre nassen Augen trat und auch ihr das Glas berührte. Da war der Jubel herrlicher in diesem Saal als er jemals darin gewesen war: indem sie zueinander traten, entstand ein Lärm, darin die Mutter, wie um etwas draußen zu besorgen, still verschwinden konnte.

Es war schon sehr tief in der Rächt, als einer, aufblickend aus den köstlichen Erinnerungen, die Mutter nicht mehr fand am Tisch und es den an- anderen sagte, und sie nach ihr scherzhaft zu suchst begannen: erst in der Küche, dann in den Zimmern, wo die Kinder schliefen, auch ganz zu­letzt, wo sie die eigene Kammer hatte mit ihrem schmalen Bett. Und weil ihrer viele waren und weil sie auch die Kinder weckten in der Rächt, so wußten sie nach einer Stunde, dah auf der Burg fein Plätzchen war, darinnen sie verborgen fitzen könnte. Und fingen schon laut rufend an, mit Fackeln vor das Tor zu gehen, um sie zu suchen: und stiegen von dem Berg und weckten noch die ganze Stadt mit ihrer Hast. Und war nicht einer, der sie wiedersah nach diesem Abend, soviele Tage sie danach jeden Platz durchsuchten und soviel fre Boten schickten oder selber gingen. Und so weih bis auf den Tag niemand zu sagen, wohin sie ihre Fühe so eilends trugen, nachdem sie vierzig Jahre lang so stillen Schrittes gewesen war.

Krieg oder Frieden?

Don Francesco Ritti, ehemaligem kgl. italienischen Ministerpräsidenten.

und mangelhaft in der Organisation, hat in sei­ner eigenen Mitte feine schlimmsten Feinde, nämlich die Vertreter der Diktatoren. Einer dieser Delegierten hatte die Stirn, zu er­klären, daß er fein Land gegen den Völkerbund vertritt. Das größte kapitalistische Land die Vereinigten Staaten von Amerika und das größte antikapitalistische Land Rußland ebenso wie der überwiegende Teil von Süd­amerika stehen noch außerhalb des Völker­bundes. Bei all seinen Maßnahmen hat der Töllerbund nie allzu große Energie bewiesen. Sieht er sich einer schwierigen Lage gegenüber, so wäscht er gewöhnlich seine Hände in Unschuld wie einst Pilatus. Wir haben es oft genug er­leben müssen, daß sich der Völlerbund über Streitigkeiten Keiner Staaten aufregte, dagegen bei schwierigen Problemen schwieg, besonders wenn diese Probleme die Großmächte «-.gingen. Die sicherlich ausgezeichneten Persönlichkeiten, die an den einzelnen Sitzungen teilnahmen, bewun­dern den Döllerbünd und preisen seine Einrich­tung: aber wollen sie die Verantwortung für seine Handlungen übernehmen?

Wenn es trotz dieser gefährlichen Situation moch nicht zu einem Kriege kam, so geschah es icegcn der großen finanziellen Schwie­rigkeiten, in denen sich die meisten Staaten befinden. Fast jeder Staat zeigt wirtschaftlich und finanziell eine Art Erschöpfungszustand. Ruß­lands Technik ist für einen Krieg nicht ge­nügend entwickelt, Polen steht allein und sieht sich dem Mißtrauen eines entwaffneten Deutsch­land und der geheimnisvoll drohenden Größe Rußlands gegenüber. Italien hat trotz der Brandreden Mussolinis nicht die Gelder, die zur Kriegführung notig sind. Es verfügt weder über die nötigen Kohlen- und Eisenvorcommen, noch besitzt es eine genügend entwickelte Rü­stungsindustrie: ja selbst seine Lebensmittelpro- duktion ist nicht ausreichend: Italien konnte nur mit Hilfe Englands ober Amerikas an einen Krieg denken. Die Volker Europas selbst, die im Falle des Krieges gegenstrtcMiber loszugehen hätten, sind kriegsmüde. Wer heute einen Krieg anzuzetteln versuchen würde, würde Ge­fahr laufen, eine Revolution hervorzurufen. Amerika, das Europas größter Gläubiger ge-

Aber nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reche von regenlosen Tagen. Um Johanni herum fängt man an, der übergroßen Schönheit müde zu werden. Was ist eine schone Frau, die immerzu lacht? Man ertappt sich dabei, wie man die Persianen schließt, um es etwas we­niger lichtlaut zu haben. Aufdringlich, diese Sonne! Klebrig. Und diese Hitze! Und keine Aussicht auf Regen! Sich nur diesen Himmel an, so etwas Fades, blau, blau, nichts als blau. Langweilig, zum Sterben langweilig. Wissen Sie, wie das ist, wenn jeden Tag, den Gott gibt, Straßen und Häuser mit demselben Gelb an- gestrichen sind? Wenn kein Grashalm mehr grünen mag, Gärten und Felder zu braunen Oeden verschmachten? Können Sie sich vorstellen, was das heißt, keinen Wald zu haben? Keinen Wasserlauf, wo man ohne Lebensgefahr paddeln oder baden kann? Wissen Sie, wie das ist die Schnsucht nach einem frischen Wiesengrund?

Rein, das wissen Sie nicht. Von unserer Unzufriedenheit, unserer sonnenverleideten Unbe­haglichkeit formen Sie sich keinen Begriff machen, am wenigsten davon, wie wir Sie beneiden! Beneiden, beneiden um alles, was Sie im Ueber- fluh haben. Um die schattigen Wälder, um den Spaziergang im Grünen, vor allem aber um den Regen. Cs gibt nichts Herrlicheres als den Re­gen, er ist das Wunder des Himmels, das wahr­haft göttliche Geschenk. Ach, ihr so reich Be- schenkten!

Da war einmal die Königin von Griechenland im Sommer in Deutschland, in einem Park, als ein Gewitter her aufzog. Und ihre besorgte Um­gebung machte sie darauf auftnerkfam und bat sie ins Haus. Aber die Königin schüttelte un­willig den Kopf, man solle ihr diese Andacht nicht stören. Andacht, dos ist das richtige Wort, so schauen wir zu dem erhabenen Rauschen ans. lassen es andächtig über uns herabbrausen und sind bis ins Innerste beglückt über die frische Luft, die kühl umarmende. Dort, wo wir nicht sind, dort ist das Paradies.

Jetzt ist es Juli, und ihr seid im Paradies. Ihr seid es noch im August und im September. Schwärmt ihr in einer verregneten Sommerfrische von unserem ewigblauen Himmel ... wir, wir schwärmen vom kühlen Wiesengrund.

Folge der jewelligen Geisteseinstellung. Im heu­tigen Europa ist alles in der Schwebe. Vor dem Kriege gab es eigentlich nur ein umstrittenes Gebiet, Elsaß-Lothringen, und nur ein Land, das eine große Anzahl verschiedener Rassen mit verschiedenartiger Sprache in sich vereinte, Oesterreich-Ungarn. Heute kön­nen wir in Europa mindestens 9 ober 10 Elsaß- Lothringen und mindestens 5 ober 6 Länder feft- stellen, in denen Menschen verschiedenster Rassen- zusammenleben. Wenn Polen, das nur über eine kleine nationale Mehrheit verfügt, seine Armee in ständiger Kriegsbereitschaft hält, sv geschieht das deshakb, weil es nicht glaubt, daß Deutsch­land sich je mit der Regelung seiner Ostgrenzen zufrieden geben wird, ober daß Rußland je den Verlust slavischen Gebietes verschmerzen wird. Die polnische Rationalpartei andererseits er­strebt ein Großpolen, das sich Son der Ostsee bis zur Ukraine erstteckt. Rumänien fürchtet, daß Rußland Bessarabien besehen wird, sobald sich die Gelegenheit hierzu bietet. Rußland anderer­seits hat deutlich zu erkennen gegeben, daß es die bisherige Regelung der bessarabischen Frage keineswegs anerkennt. Fast in allen Teilen ®u- ropas sehen wir eine ungesunde, weil auf Miß­trauen beruhende Geisteseinstellung.

Das dritte Gefahrenmoment endlich ist die Existenz der zahlreichen Diktaturen in Europa. Wir sehen heute eine große mächtige rote Diktatur und mindestens Z ober 8 kleine weiße Dittaturen, von denen die eine immer gefährlicher ist als die andere. Richt nur die Geschichte des Altertums, sondern auch die mo­derne Geschichte lehrt uns, daß jede Diktatur entweder in einer Revolution oder in einem Kriege oft in beibem enbet. Bekanntlich ist die Entfesselung eines Krieges oft die letzte Weisheit des Diktators, um sich vor der Rebel­lion des eigenen Volkes zu schützen. Die reak­tionären Parteien in den verschiedenen Ländern liebäugeln oft mit der Diktatur, doch sehen sie nicht die Gefahr, die in ihr liegt. Sie zetern über russischen Terror, ziehen es aber vor, über l ungarische, italienische ober bulgarische Behand-

Zprechen wLr vom Wetter . . .

Don Gustav W. Eber lein.

Rom, im Juli.

Wissen Sie, wie das ist, wenn jeden lieben Morgen die Sonne ins Schlafzimmer scheint? Wenn man niemals einen Regenschirm braucht, für den Ausflug so sicher mit schönem Wetter rechnen darf, daß man überhaupt nicht davon spricht, Tag für Tag mit der weißen Flanellhose ausgehen kann? Wenn der offene Wagen eine Selbstverständlichkeit ist, die Theater auf führung im Freien, der gestirnte Himmel über dem Zu­schauerraum der Oper?

Wissen Sie, wie das ist, wenn man dann von nichts anderem hört und liest, als von dem ewigen Sudelwetter droben, von kalten Zimmern und nassen Füßen? Don Katarrh, Rheumatismus und Mißmutigkeit? Wenn die deutschen Wetter­berichte von Tiefdruck und Riederschlagsmengen und geradezu börsenmäßigem Temperatursturz widerhallen? Wenn die Zeitungen erzählen, wie sich Chambertin im Rebel verirrt hat, wie in Genf unfreundliche Stimmung herrschte, wie das Radrennen in strömendem Regen begann, und der Fußballmatch in Pfützen endete? Wenn uns die illustrierten Blätter Hindenburg im Mantel zeigen, wissen Sie, wie das ist?

Rein, das wissen Sie nicht. Doch, sagen Sie, o doch!? Sie können sich das gut vor stellen? Unsere Selbstzufriedenheit, unsere himmelprotzige Wohligkeit, unsere Schadenfreude? Sie seuf­zen: Ach die Glücklichen dort unten! Ja, wer das auch so haben konnte, diesen ewigblauen Himmel, die römische Sonne, die klassische Heiter­keit Italiens! Und Sie nehmen sich vor, das nächste Mal aber ganz bestimmt Ihren llrlaup in Venedig, nein, in Florenz, ach was, in Capri, in Sorrent, in Palermo zu verbringen.

Sie schwärmen und Sie haben recht. Wir wollen alles, was Sie sich unter dem goldenen Blau Italiens vvrstellen, gelten lassen für zwei Monate, für Mai und Juni! In dieser Zeit, das muß ich gestehen, haben wir das Para­dies auf Erden. Es genügt, auf den Einleitungs- sah zu verweisen und sich darauf zu beschränken, um nicht lyrisch zu werden. In dieser Hohezeit des Sonneryahres mochte man den Süden um­armen ...