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Nr. 158 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, (6. Juni (927

Danzigs Kampf um die Westerplatte.

Don Dr. Otto ßo c n i ng

näherer Vizepräsident bei Danziger QJollilflflti.

Danzig ist «ine der schönsten deutschen Städte «a» Lage und Staötb.lb anbelmigt. 3n unmittel­barer Rähe zieht sich längs der Ostieeküste e,n Kran, schöner VaXortr Siner davon der von der ärmeren Bevölkerung am meisten auf- gesucht wurde, bie sog Westerplatte. ist der Politik zum Opfer gefalle». Hier muhte auf Beschluß des Dotter bund-rotes der Herr- a»e Woldbestond geschlagen und an dessen Stelle »in Munirion-lagerplas für Polen ingelegt Verden Ausgerechnet hier an der Mündung der Weichsel. unmittelbar am Eingang )ee Danziger Hasen-, gegenüber dein SreibtMrl ind nur ganz wenig entfernt von Reufahrwalter 'er Danz.ger Hafenstadt Der Protest Danzigs «als ihm nicht«, es mustte sogar noch die Hälfte der Kosten auf bringen da Polen anscheinend dafür zu arm Lar. während Danz.g auch nichts hat und die Millionen besser hätte gebrauchen können.

Mit diesem Wunttisnslagerplah tst es rin < am Ding Mit vielen Millionen hat Polen sich nahe bei der Danziger Grenze selbrr einen Handels- und Krieg-Hafen. Gdingen, gebaut. L» soll ein Konkurrenzhasm gegenüber dem Dan- gs fein, fall« tzietes sich gegen Polonisierungs- -eftrebungen widerlpettstig zeigt Oft gmug droht Polen Danzig mit Gdingen Hier sind auch die nodemsten Hafene-nrichtungen gelchaffm. die äifmbohntarise begünstigm Gdingen ganz be- londers. fiür notwendige Kosten für den Dan- ziger Hasen ist in Polen nie Geld vorhanden. Gdingen ist ein ganz kleiner Ort. bi-her ein armseliges Fitchcrdörschen, jeht im Vergleich zu Danzig noch winzig Aber die polnischen M u - ni11on - transpvrte ea. 1000 Tonnen im Jahre 1926 müllen ausgerechnet über Dan­zig. S>e werden auch nicht wie sonst üblich, aus offener See geleichtert nein ausgerechnet Im Danziger Hafen

Dor kurzem hat der Danziger Heimatdimst ein« sehr beachtenswerte Denkschrift an die im Völkerbund vertretenm Regierungen übersandt. 3n ihr wird an Hand der groben Explosionen der letzten Jahre gezeigt, welche Verhee­rungen «Ine Explosion auf der We - jterplatte in Danzig anrichten würde. »)alb Danzig mit seinen allen ehrwürdigen Dau- »enkmülern würde in Trümmer gelegt werden. Pie grobe Exposionskatastrophe in Krakau aufl )cn letzten Tagen wird in der Denkschrift noch licht erwähnt. In Krakau ist der Bevölkerung ofort von offizieller Seite milgcteilt worden. Safi da- dortige Munitionslager au- der ge- -ährlichen Rähe von Krakau verschwinden würde. 3n Danzig hat man dm Lagerplatz ausgerechnet .n die unmittelbar ft c Rähe bewohn- : e r Gegende n gelegt. Der Völkerbund hat mit irhvbcner Geste Polen für jeden Schaden her- tntwortlich erklärt, der durch da- Munition-- ager entfielen wird. Er hat damit feine Dcr- antto Ortung auf Polen abwälzen wollen. Die inanzielle trägt zwar Polen, die moralische edcnsall- aber der Völkerbund-rat Schon zwei- nal haben Danziger Arbeiter ihr Leben aufs bpiel fetzm müssen, um die durch Polen 6er bei- aesühlte Gefahr einer Srplosion der polnischen Munition zu verhindern. Danzig warnt ständig, e- muh da- Weltgewissen aufrüttcln, ehe eS zu spät ist. Im Damen der Menschheit must der Völkerbundsrai seinen Veschluh über das polnische Munition-lager ausheben, dm er im 71 amen von Polen gefaßt hat.

Die Explosionsgefahr ist für Danzig grob Doch größer fast btc Gefahr, durch das Muni­tion-lager in Konflikte hereingezogen zu werden.

Dank dem Dersailler D rtrag ist der Osten Europas ein Dullan der jeden Moment du*- brechen kann Die frevelha'tc Ormcrbung des rutfllchen Oefanbter. n Warschau kann ,u Äon-

Doch ist die Gefahr nicht gebanr Danzigs The- Völkernng braucht Ruhe und Frieden Die Der- binbung mit Dolen hat Danzig Ichon jetzt fast an der. Abgrund gebracht TMbrenb eines Jahr­hunderts hatte Danzig eine aufwärrsger'chtew Entwicklung die fri h. dauernden tri g.r 'chm Tkrwull. ngc- gezogen war warm in deutfcher Zen bcd- tigt Jetzt nach der Abtrennung vom deutschen Reich und der 'Begrünbung d:r freien Stadt »ft Danzig wieder der Gefahr au-gefer. unlchul- big und gegen seinen Billen in östliche Streitigkeiten mit hinein gezogen zu werben Kein Feind Polens würde in einem

Holm

uhr

lOhra

Zu Danzigs flötest gegen das polnische Mvnitions Depot auf der Wester pleite

Krieg den polnischen Munitionsplah in Danzig unbehelligt lassen. Dei den heutigen Kriegs­mitteln würde das das S n d e der herrlichen Stadt bedeuten. Und das alle- eines Phantoms wegen Denn Pol n braucht an sich den Mu- nitionslagcrplatz in Danzig nicht, e s hat ja Gdingen.

Der Völkcrbnndsrat hat tum Munitionslagerplah Polen gewährt, um dessen Recht. Waren aller Art, durch Danzig zu fuhren, zu sichern. Polen hat ihn verlangt, um einen sicheren Punkt in Danzig für seine dortigen Polonisierungsbestrebungen zu haben. Zunächst versuchte er-, im Munitionslager Militär zu stationieren. Der Bölkerbnndsrat gestaltete ihm 88 Mann, die aber außerhalb weder Uniform noch Waffen tragen dürfen: heute, nach einem Jahr, find es 175 Mann. (Ein Protest Danzigs hiergegen schei­terte zunächst an dem polenfrenndlichcn Völker- bundskonimissar van fiamcl. Jetzt geht Polen noch weiter. (Es verlangt, daß das Munitionslager ex­territorial sei, obwohl der Bölkerbundsrat dies ablehnte. (Es verlangt, daß Danziger Beamte die Westerplatte nicht ohne polnische (Einwilligung be­treten dürfen, daß Polen allein die Sicherhcitsmaß- regeln nachprufen und kontrollieren bürte, daß Dan­zig auf der Weftcrplatte den Zolldienft nicht ver- richten dürfe, daß die Munitionstransporte durch das Danziger Gebiet und von polnifchem Militär in Uniform und Waffen begleitet fein fallen und

baß schließlich unter Kriegsmaterial bas in Danzig lagern fenre alles verstand«: wurde was Polens neer und Mann« bedürfe, lind der f)err van Hamel, der unpaneiifdx Polkerb indskomniiffar* (Er hat in iaft allen Punkten Polen Vecht ge­geben. Allerding:- wie er sagt, nur vorläufig, was ihn aber nicht bindert, dem Völkerbundsrat feine fehlen Jetzt liegt die Entscheidung m Genf Ob fie noch im Ium ergeben wird, steh: dabin. Werd.n die lliigrn jiorberangen Polens erfüllt, io werden bald "f < folgen. (Fs w.rd sich aber and? in (Ben* jetzt zeigen, ob man wirklich gewillt ist. die Freiheit Danzu. t.: Huf,en Denn tatsächlich bedeuten die Beschluß über die Richtexterritorialitat der Wester- platte tatsächlich ins (Hegenlril zu verwandeln 5o ergibt sich eines aus den, andern (Erst Munitions­lager. dann Wachtmannfcha'ten. dann 0.-territorial,- tat. Der Schluß der Aelle ist d i e völlige Po Ionisierung des deutschen Danzigs. Im Osten ist eine schwule Atmosphäre. Auch in Danzio Wir Deutschen mögen wachsam sein 3rbcr helfe Danzig, wo und wie er kann. Es sind unsere Brüder.

Rumäniens neuer Kurs.

In Rumänien ist unter mehr als eigen­artigen Umständen ein polltommer. innerpvlitischer Szenenwechsel erfolgt General A v a r e s c u. der vor zwei Jahren die Erbschaft Gratia- nus angetreten hatte, ist HalS über Kops vom König entlassen und durch den Prinzen Slirbct) ersetzt worden. Wenn es sich habet lediglich um eine innere Neuorientierung han­delte. so brauchten wir den Vorgängen eine be­sondere Aufmerksamkeit nicht zu schenken Die Valkanvölker Haden nun einmal den westlichen Parlamentarisnius in einer blonderen Spielart übernommen; niemand wundert sich daher auch darüber, wenn die Lösung innerpolitischer Difse- renzen mehr oder minder gewaltsam erfolgt Aber die Veseitigung ApaoeseuS ist doch mehr Gewiß, sie ist ihren Ursachen nach innerpolitisch. ihren Wirkungen nach aber doch auch in lehr erheblichem Umfange außenpolitisch beeinflußt Averescu fvllte. als er vor zwei Jahren kam. nur der Platzhalter des allmächtigen Vratianu sein, er sollte Dratianu Gelegen­heit zum Ausruhen und zur Vorbereitung der kommenden Wahlen geben. Gr hat sich indessen mit dieser Rolle nicht zufrieden erklärt, er hat hinter den Kulissen alle Vorbereitungen getroffen, um den Kamps gegen Vratianu auf zu nehmen und den Wahlkampf so zu führen, daß die liberale Partei Vratianu- aus ihm lehr geschwächt l>ervor- ging. Das hat Vratianu vcrhl n d er n wollen und deshalb durch einen plumpen Eingriff unter starkem Druck aus die Krone Avarescu betei­ligt. allerdings war er klug genug, nicht selbst herauSzutreten. er blieb vielmehr hinter den Kulissen verborgen und wird sich solange zurück- halten, bis die Wahlen programmähig mit dem Siege seiner Partei geendet haben, um dann wieder auf eine Reihe von Jahren fein System und feine Macht ficherzustellen

Vratianu und hier fängt da- ganze Spiel an. uns sehr stark zu interesfieren ist aus­gesprochener Franzosen freu n d. Gr hat sich bei seiner Palastrevolution auch auSgiebig von den Franzosen helfen lasten, die an der Beseiti­gung AvarcScus interefsiert toaren. weil Ava- reScu sich ehrlich Mühe gegeben hatte. Rumänien aus feiner Verankerung innerhalb der franzöfi- schen Inetreffenfphäre herauszuholen. Rur dein persönlichen Einfluß Avare-cus ist es zu danken, wenn M u f s o l i n o feinen Rcnnen unter das Bessarabien-Dokument setzte und da­durch Italien- Garantie für den Besitz Bessara­bien- llcherstellte. Der Prei-, den Rumänien dafür zahlte, war allerdings der. daß es sich aus

der Kleinen Entente unb aus den Ki« . e."rr Frankreichs löten mußte um etwas stärk.r in die anglo-ital.milche Interellenfphäre hin­über zuglett en. gleichzeitig ober auch um mit Deutschland eine Derständigunt zu tuchen. Dratianu ist antideutsch Avarev..! cta­geteben. daß Rumänien, b. ji e» wieder k^ch- Icnimcn will, enge Verbindungen mi. Deutsch­land nich! entbehren kann iSr bat be?b.i!b dcn Gedanke, der rumun (ch-diutkchen 'Verständigung wesentlich gefördert. hat 'einer, fruberer. Ät tanc Minister nach Verl - gdtndt und die Verhand­lungen so weit gefühu daß sie un:*..iteli>cr vor dem Abschluß standen. in Sturz bat zunächst die Vernichtung aller bisher gelei um en Arbeit bedeutet Ob Vratianu die rüden w . ^er auf- nehmen wird, ist zum mindesten unsicher G- wird vermutlich zunächst verbuchen. wie weil er mit einer antideullche Politik kommt Wenn er aber, durch die Ereignisse gezwungen die Mbcn dort wieder aufnimml. wo sie d tch Tl'. are^eu- Sturz zerrissen wurden, dann gebt d iruhet " el kostbare >seil verloren. Unh die segensreichen wirtfchastlichei. Folgen die sich Rumänien wie Deullchland von einer Aiiauheruiig erbebten, werden sich leider bei toeiltm nicht mehr in d m Maße erfüllen, wie eS der Fall gewele- .wir?, wenn die Verhandlungen i<*ht zum Ab'chtust kamen____

Hessische Beamlenlagung in Binnen.

TU Der 6. Dertretertag dc » Van- de-karlellsHesfen des Deutschen V e- amlenbundes fand am Sonntag in Thin­gen in der Dinger Festhalle statt Rach Be­grüßung der Vertreter der Vehör?. i d--s Reiches, des Landes Hellen b ,ia her h rljifche i Mini­sterien, der Frakitonrn des heslischen LandtageS und der Presse, bie ihrerleit» dem viv.-ieriag

ihren Gruß entboten, stand im Mittelpunkt der Tagung ein Bort rag von Prosessor Dr. Giese von der Universität Frankfurt am Main über ,W ohlerworbene Beamtenrechi. Richt minder interessant war ein Vonrag d<s Vertreters der Vunde-leilung d<S Dkutschen Be­amtenbund Oberbabnmeifter» Gast. Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, über .Die deutsche Wirtschaft u n t> d i e Beam­ten". Die Ausführung n sanden nicht immer den ungeteilten Deisall der Versammlung. Al- erster Vorsitzender wurde Dr. E l a ß - Darmstadt wiedergewahlt.

Von allgemeiner Bedeutung ist folgende Entschließung die einstimmige Annahme fand:

..Die deutsche Veamtcnschas! erträgt die nach Ausdruck eines Reichosinanzminister» ihr zugemutete Pserdekur nicht mehr 3m He. bst 1924 erkannte die Reich-regierung die Rotwendig­keit einer Besoldungsaufvesserung an, aber der .psvchologische Momenf nxir noch nid)' gekom­men. Im Herbst 1925 wurde die Erledigung vertagt.wegen der bevorstehenden Prei-senkungs- aftion". Im Frühjahr 1926 waren die wiederum al- durchaus berechtigt anerkannten Forderungen .unzeitgemäß" wegen her Steuersenkung für die Wirtlä»'! Im Herbst 1926 erlaubten Grwerbslosenziffern die Bes oldungserhöh ung

nicht. In mnrnterbrochener Kette haben feit über zwei Jahren sämtliche Reichskanzler. Rcichs- finanzminister. zahlreiche Finanzminlster der ein­zelnen Länder, hervorragende Mitglieder deS Reichstages und der Landtage immer wieder die Rotwendigkeit einer Reuregelung der Besol- dungSordnung anerkannt, hoben Abhille tn Aus­sicht gestellt. Die Beamtenschaft ist nun de- Ver­tröstungen müde und deS ctrigen Rätselroien- überdrüssig. Die deutsche Wirtlchasl in, weitesten Sinn des Wortes hat keinerlei Nrsache, sich gegen die Beamten und Verbraucher, auf die fie an­gewiesen ist, zu stellen. Sie müßte der Erkennt-

Alte Kunft am Mittelrhein",

(fine neue Ausstellung in Tarmstndt.

Ansang der Woche ist im Landesmuleun, in Darmstadt die Ausstellung .Alte Kunst am Mit­telrhein", die in den Sälen des zweiten Oberge­schosses untergebracht ist. eröffnet worden. Die geladenen Gäste versammelten sich in der präch­tigen Halle des Mesfelbaues. wo Staatsprä­sident Ulrich zunächst einige Begrüßungs- Worte an sie richtete. Der Direktor des Landes- museums Prof. Dr. F e i g c l. der die Ausstellung in- Leben gerufen hat. richtete Danke-worte an alle, die an dem Unternehmen durch Gewährung der Mittel mitgeholfen haben und es durch Ueberlaffung von Kunstwerken gefordert haben. Der Redner gab dann eine kurze Charakteristik de- mittelrheinischen Gebiete- und einiger Kunstwerke der Ausstellung; namentlich wies er auf die Ober« toefder Altarflügel hin. die in hochherzigster Weile zur Verfügung gestellt seien. Der badische Desandte Honold dankte ol- Vertreter des Reichsrats für die Einladung zur Ausstellung. Ke er ein deutsches und ein hessisches Ereignis urnnte. 3m Anschluß an die akademische Feier and ein Rundgang durch die Säle statt, bei dem Prof. Dr Feigel die Führung und die Erklärun­gen übernahm.

Die Ausstellung ist da- erste größere Unter­nehmen seiner 2lrt. es wird hier zum ersten Male in einer Flucht von fünf großen und etwa einem Dutzerid kleineren Sälen eine in sich ge­schloffene Schau über die Kunst und .Kultur des MittelrheingebieteS geboten, die das Zeitalter des romanischen und des gotischen Stile- umfaßt. Räumlich wird da- Gebier abgegrenzt nach Süden hin gegen den Reekar. es umfaßt aber noch die Pfalz; nach Horben hin reicht es bis zur Lahn und zur Mosel, das kunstgekchichtlich Wich­tige Trier miteingeschlossen. Von besonderer Be­deutung ist daS Unternehmen, weil hier erst­mal- die Kunst de- MittelrheinS nicht zufällig, sondern in reicher Fülle und systematisch geord- ?rbnet dem Beschauer ent gegen! ritt; es ist allo die Ausstellung nicht zu vergleichen mit der 3ahrtausendausstellung in Köln, d e vorwiegend niederrheinische Kunst zeigte, sie ist aber auch ander- zu bewerten al- die damalige Mainzer Ausstellung, die ein Kulturbild deS alten Kur- mainz bieten wollte. Im übrigen bringt die Darmstädter Ausstellung außerordentlich viel bleues, was der Oessentlichkeit und selbst den Fachkreisen bisher unbekannt oder schwer zu- gänglid) war. Der gegebene Mittelpunkt, poli­tisch wie künstlerisch war für daS mrttelrheinische Gebiet im Mittelalter Mainz, das ja zu jener ßeit die ReichShauptstadt war. wenn man von

einer solchen überhaupt sprechen kann. Kunst- aeschichtlich gesprochen, ist das mittelrheinisd)e Gebiet keineswegs eine willkürliche Konstruktton, sondern es lassen sich, selbst bei flüchtigem Blick, sowohl in der Plastik wie in der Malerei ge­wisse Eigenheiten des Stile- feft(teilen, die als spezifisch mittelrheinisch angesprochen werden können. Ihre Grenzen, auf den Stil hin betrach­tet, findet diese Kunst nach Morden hin in der Kunst des Kölner Gebietes, nach Osten reicht sie bi- an die fränkische Kunst des oberen Main- taleS und nach Süden an die schwäbische Kunst; selbstverständlich sind die Grenzen nicht scharf gezogen, sondern e- zeigen sich ilebergängc.

Ohne die finanzielle Hilfe deS Reiches, des Dolksslaates Hessen und der Stadt Darmstadt wäre die Ausstelluiig nicht zustande gekommen; aber mit der finanziellen Seite allein war das Werk nicht ins Leben zu rufen, es gefrört dazu auch eine große Sachkenntnis, eine Vertrautheit mit dem Gebiet, dessen künstlerische Kultur veran­schaulicht werden soll sowie die Kenntnis der auswärtigen Museen und Eanunlungen. denn n.chl selten man denke nur an die Schätze der Fried­berger Liebfrauenkirche, die in alle Welt zer­streut sind mußte Der Verbleib zahlreicher kunstgcschichtlich bedeutsamer Gegenstände erst er­mittelt werden. Der Leiter der Ausstellung. Prof. Dr. F e i g e l. hat hierbei noch manche glückliche Entdeckung machen können; einige solcher Funde, z. B. ein Iohanneskopf. werden auf der Ausstellung gezeigt. Besonders erschwert waren die Borarbeiten, weil ein umfangreicher Brief­wechsel erforderlich war. um die Kunstschätze aus den Museen frei zu bekommen. Es ist das in den meisten Fällen geglückt; namentlich die kirch­lichen Behörden der beiden christlichen Kon­fessionen in Hessen haben weitgehendes Snt- gegenlotnmcn gezeigt insbesondere sind viele Kostbarkeiten des Mainzer Domsdrahes der Aus­stellung überlasten worden. Weite Kreise können so überhaupt einmal einen Einblick in Samm­lungen gewinnen, die tonst, ihrer Kostbarkeit wegen, höchst selten öffentlich zur Schau gestellt werden. Leider ist es nicht gelungen, den un­ermeßlich wertvollen Schmuck der Kaiserin Gi­sela. der auch aus Mainz stammt, al- Leihgabe au erhalten. Gr war seinerzeit von dem Frei- Herrn Mar von Hehl in Darmstadt dem Kaiser verkauft worden, der ihn einem Berliner Museum überwies, dessen Leitung konnte sich nun aber nicht dazu entschließen, den Schmuck für die Zwecke der Ausstellung herzugeben. Zwei Schmuck­stücke. die vor Jahren im Schutt des Mainzer Domes gefunden wurden, ganz ausgezeichnete Gvldschmiedearbeiten. die wahrscheinlich ein Be­standteil des Gefamtschmuckes der Kaiserin Gi­sela waren, werden hier zum ersten Male einem

Sroheren Kreise vorgeführt. Um so mehr ist das mtgegenkommen von Oberwesel crnzuerlennen; die kleine Stadt Hal ihr Wertvollste- an Kunst- denkrnälern her gegeben, darunter zwei überaus

wattiger Größe Schöpfungen der Gottk von solcher Schönheit, daß es sich allein schon lohnt, um ihretwillen die Ausstellung zu besuchen.

Bei einem Rnndgang durch die Säle fallen im Hauptfaal zwei große Kruzifixe auf, das eine, in strengen Formen, stammt aus der Mainzer Emmeransttrche und ist jetzt in Udenh«'im. das andere, dessen Figur geloster in den Gliedern erscheint, befindet sich jetzt in einem Wiesbadener Museum. Zu sehen ist hier ferner ein kunst­voller Efrorschrank aus Trier, die schöne Ma­donna aus der Fuststrahe aus Mainz^und vor allem die Aufsehen erregenden, kürzlich erst ge­machten Funde vom Lettner des Mainzer Do­mes. Es sind u. a. Kleinplastiken, Darstellungen des jüngsten Gerichtes; sie werden von den Kunsthistorikern hoch bewertet und dem Meister zugeschri?ben. der auch die wundervollen Ge­stalten des Raumburger Domes geschaffen hat. Einer der Kopfe aus Mainz erinnert außer­ordentlich an Beethoven. Die Architekt urteile der Funde find bemerkenswert, weil fie noch Reste der Bemalung zeigen. Zwe, prächtige Taselmalereien aus Worms, eine Steinigung des heiligen Stephanus, Weihwasserkessel, romani che Türklopser, Proben von Buchmalereien, und zwar von einer Schönheit, wie man fie feiten sieht, ebenso Goldschmiedearbeiten (ein Mainzer Bor- tragskreuz ist besonders kostbar) und Elfenbein­schnitzereien werden nicht verfehlen, die Blicke der Betrachter auf sich zu lenken.

Der Zweite Saal birgt in der Hauptsache Altarbilder. Darunter find der schon erwähnte Oberwescler Altar ein Altar aus Friedberg, ebenfalls sehr groß, ferner ein Altar aus Schot­ten (der noch aufgestellt wird), und gewisser­maßen eine Rcuentdeckung. ein Obcn'teincr Al­tar In dieser Bollständigkeit sind Altarbilder aus dem mittelrheinischen Gebiet noch nie ge­boten worden. Die Plastik ist hier durch eine sonderbare Schöpfung vertreten, nämlich durch eine Pieta ganz aus Leder. Aeuf erlich ist das nicht ko ohne weiteres festzu st eilen, denn die Figuren find nah in die entlprechenden Formen gebracht, dann mit einer Kreide- oder Kalk­schicht überzogen und fchliehlich übermalt. Das seltsame Kunstwerk stammt aus Dieburg. Ober­weid hat auch zu einer Sammlung von Klein- Plastiken. die hier ihren Platz gefunden hat. Wertvolles beigefteuert.

Der dritte ©aal beherbergt ebenfalls bedeut­same Kunftfchätze, eine größere Zahl von Bildern

de- unter dem Rainen des HauSbuchn'.ist^rS bekannten MalerS (das Buch ist für dnen Grasen von Wolfegg angefertigt), hier handelt es sich cm größere Tafelmalereien mit religiösen Themen. Dramatischer und genialer in der Auffassung ist dn Marienleben au- dein bifchöslichen Hau- in Mainz, es wird einem anderen Meister zugeschric- bett (nach feiner Signierung Meister B genannt).

Run folgt eine Reihe kleinerer Säle, von deren Ausstellung-gcgenstäi^den nur einzelne Proben wahllos herausgegriffen feien, weil ein Rundgang nur fluchtige Blicke erlaubt. Da sind z. B. Bilder aus der Liebfrauenkirche in Fried­berg, Terrakotten, die besonders für daS mit!el- rheinische Gebiet charakteristtfch find. Es sind darunter Engelköpschen von solcher Anmut und Lieblichkeit der Züge, daß sie getrost einen Ver­gleich mit den besten italienischen Kunslschöpsun- gen gleicher Art aufnehmen können; baäfelbe gilt auch von viden Malerden. Eine Didü auS Steinheim, eine Vlaria auS Oppenheim, sowie eine ganze Anzahl höchst bemerkenswerter Pieln- barftdlungcn bieten sich dar; darunter ist auch die berühmte Pidä aus der Sammlung Röttgen in Bonn, deren Schmerz besonder- ergreifend wirkt. Kostbar? goldene und silberne Attargerate füllen zahlreiche Glasschränke; Wandbeyänge, Paramenten und vieles andere ist hier zu sehen. Den Abschluß bilde! wieder dn größerer Saal, au-gestattel mit Schöpfungen der Spätgotil. Es sind darunter Plastiken, die kaum noch die Eigen­heiten de- gotischen Stil- aufweilen, sie er­scheinen au- dem Bestreben geschaffen zu sein, einmal etwa- ganz Reue-, etwas and.rrcs als die gotischen Formen zu bilden. Irtan sieht, wie hier der Boden vorbereitet wird für die Renais­sance und das Barock.

Die Ausstellung besteht, wie da- tu der Ratur der Sache liegt, vorwiegend aus reli­giösen Kunstwerken, sie verlangt dachec dne innere Sammlung. Wer starken seelischen Edebnissen de- Wittelatter- nachzuspüren und sie nachzuempttn- den vermag, der wird sich innerlich bereichert fühlen, der wird über das Zeitgewand hinwcg- sehen und das allgemein Menschliche erkennen, das sich z. B. austpricht in der kindlichen Lieb- lidtfeii von Engeln, in der Mütterlichkeit der Madonnen und am eindrucksvollsten wohl in den Pietädarstellungen, die manchmal geradezu alle- irdische Hcrzeldd in sich zu tragen scheinen. Da­neben findet aber auch der äufoere Sinn, daS Auge, höchste Befriedigungen an Goldschmiede- arbeiten, an Miniaturen, an Holz- und Elfenbein­schnitzereien sowie an den vielen anderen Kunst- äufrerungen, an denen daS Mittelalter reicher war als unsere nüchterne Gegenwart, E. B.