Einzelbild herunterladen

m. 189 Zweites Blatt

Washington und Moskau

Von Otto Corbach (Berlin).

Die Sowjetmachthaber können erleichtert auf­atmen. Der britisch-amerikanische Gegensatz, den die Genfer Seeabrüstungsoerhandlungen enthüllt ha­ben, sichert ihnen eine Atempause. Man braucht sich nur des Ergebnisses der Washingtoner Abriistungs- konferenzzu erinnern, woEngland der amerikanischen Freundschaft zuliebe sein Bündnis mit Japan opferte, um sich durch kein noch so versöhnliches Schlußprotokoll über die Unheilbarkeit der Krank­heit, die die Solidarität der Angelsachsen befallen hat, täuschen zu lassen. Der englisch-russische Gegen­satz wird vorläufig vom englisch-amerikanischen ab­gelöst. Ein allseitig befriedigendes Ergebnis der Genfer Beratungen hätte me Einheitsfront der Hauptseemächte gegenüber Sowjetrußland und dem neuen Ehina bedeutet, bei ungeschwächter Fortdauer der angelsächsischen Vormundschaft über Japan. Die Uneinigkeit der angelsächsischen Mächte gewährt einer unabhängigen Entwickelung der Verhältnisse im Fernen Osten wie in Europa wieder freieren Spiel­raum.

Bei der feindseligen Haltung, die sowohl das Washingtoner Staatsdepartement wie die zentrale Handelskammer der Bereinigten Staaten gegenüber den Rußlandgeschäften der Standard Oil Co. von Reuyork und der VaccuumOilCo. einnahmcn, hätte sich gewiß mit Hille der Standard-Oel-Gesellschaft von Neujersey die Achterklävuna Sir Henry Deter- dings, des Führers der Royal Dutch Shell-Gruppe, über dasgestohlene" russische Petroleum auch in der Union durchgesetzt, wenn die Genfer Konferenz einen glücklicheren Verlauf genommen haben würde. Der offene Ausbruch des Konfliktes zwischen den beiden Oelparteien war schon eine unmittelbare Folg« der Unfruchtbrkeit der Genfer Konferenz. Ge­gen den Bolschewismus ließ sich wohl ein inter­nationaler Kreuzzug predigen, aber für einen Feld­zug zuk Befreiunggestohlenen" Petroleums wird man kaum die LÄdenschaften der Völker Europas und Asiens zu entflammen vermögen. Nur helle Verzweiflung über das Versagen seiner politischen Werkzeuge konnte einen Detkrding zur Flucht in die Oeffentlichkeit veranlassen.

Was aber soll jetzt noch den vorläufigen Durch­bruch sowjetfreundlicher Wirtschaftsinteressen in der amerikanischen Oeffenllichkeit aufhalten können? Trotz Fehlens von Handelsattaches, Konsulaten und Handelsverträgen ist der Handel der Vereinigten Staaten mit Rußland heute schon weit mehr als doppelt so groß wie vor dem Kriege. In dem am 30. September 1926 abschließenden Rechnungsjahre führte die Union aus Sowjetrußland Waren im Werte von rund 20 Millionen Dollar ein. Die Ein­fuhr von Mangan ist dabei nicht berücksichtigt, da die Handelsorganisationen, die diese Angaben veröffent­lichen, damit nichts zu tun haben. Die Ausfuhr der Union nach Sowjetrußland betrug in denselben 12 Monaten, abgesehen von der Ausfuhr der Harri­man-Gesellschaft und anderer Konzessionäre, nahezu 55 Millionen Dollar. Der Amtorg, die größte ameri­kanische Organisation für den Handel mit Rußland brachte im Mai d. I. in der Union Aufträge in Höhe von 3 500 000 Dollar unter, mehr als in irgendeinem Monat ihres dreijährigen Bestehens. Das allrussische Textilsyndikat kaufte im Laufe der letzten lieben Monate für 35 Millionen Dollar ame- rikaniscye Baumwolle. Die weitere Entwicklung der Handelsbeziehungen zwischen der Union und So­wjetrußland ist nur eine Frage der Kredite, die die Sowjetrussen bei den Amerikanern erhalten kön­nen. Eine Verständigung über vorrevolutionäre finanzielle Verpflichtungen Rußlands gegenüber der Union böte an und für sich nur geringe Schwie­rigkeiten. Zweifellos arbeiten nicht nur in Sowjet­rußland starke Kräfte in dieser Richtung. Unter den Fremden, die Moskau in den letzten Monaten besuchten, befanden sich auffallend viele amerika­nische Geschäftsleute, darunter Vertreter amerikani­scher Handelskammern, Finanzgruppen, Elektrizi- tätsgcsellschaften, Bergbauunternchmungen, Kahlen-, Petroleum- und Mangan-Sachverständige, Bevoll­mächtigte des Rockfeller-Konzerns und der Harri­man-Gruppe. Nirgends ist man heute über Kapital­anlagemöglichkeiten in Sowjetrußland so gut un­terrichtet wie in den Vereinigten Staaten. Und alle Amerikaner, die nach Rußland kommen, schei­nen die Ueberzeugung zu gewinnen, daß dort die Möglichkeiten, Geschäfte zu maä)en und Kapital an­zulegen, glänzend sind, daß aber der erste Schritt darin bestehen müßte, den Sowjetstaat mit einer langfristigen Anleihe auszustatten, die groß genug wäre, die staatlichen Handelskontrollkommissare mit genügendem Kapital für viele Jahre zur Entwick-

Südliche Morgenstunde.

Von Anton Schnack.

Jetzt ist das Zimmer erfüllt von einer großen Hornisse, die den süßen und aufreizenden Geruch aus einer Schale voll zuckersaftiger Kirschen weit in ihrer grauen Felsenritze oder in ihrem zerschäbten Baumloch gespürt hat. Sie fliegt suchend die weiße Decke entlang, ihr ganzer Leib ist durchzittert von Spürsinn, der sie immer wieder von der harten Kälte der geweißten Decke zurückprallen läßt.

Zornig klingt ihr Flügelgeräusch aus dem licht­blauen Glas des geschlossenen Fensters, auf das sie sich gestürzt hat, und durch das trügerisch der un­getrübte Himmel, die glühende Fläche des Meeres und im Felsgestein der immergrüne Strauch der aromatischen Myrte mit elfenbeinweißen und zärt­lichen Blüten lockt.

So ist es immer: du goldenes Tier mit wildem spielenden Stachel, auch uns locken die Düfte unbe­kannter und süßer Dinge, die in irgendeinem Dun­kel verborgen sind, und denen wir entgegentreiben, erwartungsvoll, suchend, neugierig, unüberlegt und bereit Gefühl, Hunger und Wißbegierde an ihnen zu erproben und zu befriedigen.

Ich lauere auf diese Stachelliere, sie sind die einzigen Tiere, die ich hasse: und zwar schon von den Tagen der Kindheit an, da ich an einem Rain mit kleinen braunen Schneckenhäusern spielte und plötzlich von einer dieser Wespen in das weiche Fleisch des Kinderarms gestochen wurde, obwohl ich nichts anderes tat als dazusitzen, mit einem Brot da­neben, auf das mir die Schwester süßes Zwetschen- mus gestrichen hatte.

Es ist schon die Fünfte, die mit gekrümmtem Leib am Boden vor dem Fenster liegt. Verzeihe mir, Geist der Tiere, daß ich sie mordete mit der dünnen Spitze meines Schreibstiftes, es ist die ein­zige Grausamkeit, deren ich gegen Tiere noch fähig bin! Du mußt es roiffen, Geist, wie es mir unmög­lich war, dem kleinen Krebse Beine und Scheren ab­zureißen, um den Leid an die Angel zu spießen: Denn der Meersisch beißt nur an das, was gleich ihm im Meere lebt und gedeiht.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Montag, 15. August 192?

hing der geplanten umfassenden staatlichen Handels­unternehmungen zu versehen, die in manchen Fäl­len wohl bereits eingeleitet wurden, aber aus Man- gel an finanziellen Mitteln zum Stillstand kamen. Das bezieht sich sowohl auf das Donez-Kohlcnrevier, wie auf die verschiedenen Elektrisierungspläne, die Ausbeutung der reichen Petroleumfelder, der neu entdeckten Kalilager, die sehr umfangreich sein sollen, und der Mangan-Vorkommen bei Nikopol und in anderen Gegenden. Dasselbe trifft zu auf die Land­wirtschaft, Die entsprechend finanziert, gewaltige Mehrerträge liefern könnte. Noch immer sind 85 Prozent der Bevölkerung Rußlands in der Land­wirtschaft tätig. Bei der Mannigfaltigkeit der klima­tischen Verhältnisse des Riesenreichs, die die verschie­denartigsten Kulturen ermöglicht, könnte Rußland das reichste Agrarland oorstellen, wenn seine land- wirtschaftlichen Betriebe nur genügend mit Geräten und Maschinen ausgestattet würden.

Die wirtschaftlichen Gründe für eine Annähe­rung zwischen der Union und Sowjetrußland wer­den aber nunmehr auch auf amerikanischer Seite durch politische außerordentlich verstärkt. Der Pa­riserTemps" malte schon in seiner Ausgabe vom 22. Juli einefranzösisch-englisch-japanische Politik", alsmögliche Folge" der Genfer Seeabrüstungskon­ferenz an die Wand. In dieses Bild paßt der japa­nische Plan, der südmandschurischen Eisenbahngesell- schast ähnliche Machtbefugnisse zu geben, wie sie die ostindische Compagnie einst besaß, ausgezeichnet. Wird aber die Union, deren Anspruch auf See­machtsparität England nicht gelten läßt, ruhig zu­sehen, wie England, das in Indien kriegerische Vor­bereitungen trifft, Süd- und Mittelchina seinem Ko- lonialrciü) einzuverleiben und Japan Nordchina zu einer Art Japanisch-Indien zu machen sucht? Wird man sich nicht vielmehr in Washington überlegen, daß die rote Diplomatie und die Rote Armee mit Hilfe des amerikanischen Finanzkapitals für die Be­günstigung amerikanischer Interessen im Fernen Osten verpflichtet werden könnten? Man vergesse nicht, daß die Union schon einmal nahe daran war, die Zweckmäßigkeit einer amerikanisch-russischen Linie fernöstlicher Politik zu erkennen, nämlich da­mals, als Japan anläßlich des Poltschak-Abenteuers viel mehr Truppen in Wladiwostok landen ließ, als den mit Amerika getroffenen Abmachungen ent­sprach. Wilson drohte, die Ausfuhr von Baumwolle und Stahl nach Japan zu verbieten, wenn das Gros der in Sibirien eingedrungenen japanischen Trup­pen nicht zurückgezogen würde. Japan gehorchte, Wilson rettete damit Sowjetrußland vielleicht feine fernöstlichen Provinzen. Heute kehrt Japan mit eng­lischer und französischer Begünstigung zu seiner alten Eroberungspolitik zurück. Und ebenso wie damals wird man in Washington einsehen, daß die Aus­breitung des japanischen Imperialismus auf dem asiatischen Kontinent für Amerika ein größeres Ucbcl fein würde als die des Einflusses Sowjetruß­lands, soweit dieser die chinesische Unabhängigkeits­bewegung begünstigt.

UmdieRat§fitzede§!kerdunde§

Nachdem es im Herbst vorigen Jahres gelungen war, die Mitgliedschaft zum Völkerbundsrat, wenn auch nicht zu aller Zufriedenheit, zu regeln, wird man sich in Genf in diesem Herbst zu überlegen haben, welche Staaten an die Stelle der nur auf ein Jahr Ist neingewählten Nationen treten sollen. Bel­gien, die Tschechoslowakei und San Salvador müssen ihre Ratssitze zur Verfügung stellen: der Wunsch, in den Rat zurückzukehren, durfte aber wohl bei allen drei Ländern gleich stark fein. Es sind jedoch noch andere Völker vorhanden, die Anspruch auf einen Ratssitz erheben. An erster Stelle steht Finn­land, dessen Aussichten nicht ungünstig sein sollen. Portugal und Griechenland, die sich auch um je einen Sitz bewerben, werden voraussichtlich kaum eine Mehrheit für sich finden. Schweden wäre weiter eine Nation, die jetzt in den Rat hineingehört. Dann aber kann Südamerika nach dem Ausscheiden San Sal­vadors nicht ohne Vertreter bleiben. Argentinien will in den Rat einziehen, der Völkerbund wird je­doch noch zu überlegen haben, ob nicht Brasilien ein enftprechendes Angebot zu machen wäre, um es zu bewegen, den schon angekündigten Austritt aus dem Bund wieder zurückzuziehen. So, wie im vorigen Jahre, wird auch diesmal ein heftiger Kampf um die drei frei werdenden Sitze entbrennen, der den Bundesdiplomaten alle Hände voll zu tun geben wird, um zu vermitteln und den Frieden zu wahren, besonders bann, wenn bei der Neubesetzung dieser Sitze die eine oder andere Nation sich nicht berück- sichngt finden wird.

im-'-wravtM'.Mmrwur.i im r. -arujn..ur«_ i.-a

Du mußt es wissen, wie mein Jagdblut nach dem schwankenden Bambus des Angelsteckens sich sehnt, wenn die Schwärme der Fische aus dem schwarzen Schein der Tiefe auftaudjen und am Uferrand ent­langtreiben, um den verfaulten Schlamm nach Fraß zu durchstreifen. Hier sah ich auch eine junge Meer- schildkröte schwimmen: ich, an dich großen und wil­den Geist der Tiere denkend, enthielt mich jedes Steinwurfes und ließ sie, die unbeirrt und schwan­kend vorwärtsschwamm, in den Höhlungen des Uferrandes verschwinden.

Ich weiß, daß du mir, da ich dieses denke, gütig gesinnt bist: denn im Gewirr der phönizischen Sadebäume und des immergrünen Kreuzdorns singt ein mir unbekannter gebeneöeiter Vogel, eine Sän­gergrasmücke oder eine Blaudrossel vielleicht, jetzt die Melodie ihrer Stunde. Dann, wenn der heiße Mittag kommt, wird sie schweigen. Zunächst ist es ein Ton, als hätte er zu warnen ober einer Er­regung Ausdruck zu geben. Dann wird er süßer, schwellender, mit schluchzenden Lauten angefüllt, hin- geroorfen wie ein abgestimmter Fall von klingenden Kugeln und in einen langen klagenden Ton hinge- gehalten. Dazwischen hinein springt und fällt das zwitschernde Geplapper einer Felsenmeise.

Dreimal am Tage läßt du mich ihn, Geist und Pan des steinigen Abhanges, hören. Zum erstenmal morgens, wenn die dunklen und verbrannten Jnsel- bauem, mit den roten Mützen auf den Ohren und den riesig-blauen Pluderhosen um die Schenkel auf Segelbooten in die Bucht treiben und die Berge ganz erstarrt und steinkalt aus der kühlen Nacht sich schälen.

Ehe ich noch meinen Traum beende, singt der Vogel seine zarte, schwermuchafte Strophe aus dem wilden Granatapfelbaum. Man kann seine Kehle einer Flöte vergleichen, di« ein trauernder und in sich versponnener Knabe bläst. Wie soll ich ihn deu­ten, diesen reinen rufenden Ton der Morgenkühle, der ich mich mit nackten Füßen über den Stein der Terrassen schleiche, um nach dem Sänger zu spähen, wie er seine kleine klopfende Kehle durch das Ge- zweige pochen läßt.

Nicht uninteressant ist auch die Präsidenten­frage. Chile ist die Leitung der 46. Session zuge­fallen, für die 47. käme China in Frage. Welche der chinesischen Regierung wird aber nun bas Prä­sidium zu übernehmen haben, die in Nanking oder di« in Peking?

Zur hessischen landwirtschaftlichen Landesausstellung.

Nach 22jahriger Unterbrechung ist es erst dieses Jahr möglich geworden, wieder eine land­wirtschaftliche Landesausstellung, die vom 15. bis 20. September in Darmstadt stattfinden soll, abzuhalten, um die Fortschritte auf sämtlichen Gebieten der Landwirtschaft und der mit ihr in Verbindung stehenden Industrien allen Devölkerungskreisen in Stadt und Land vor 2luaen zu führen. Die Vielseitigkeit der Aus­stellung macht besonders umfangreiche Vorberei­tungsarbeiten erforderlich. So tagte am 10. d. M. in der Landwirtschaftskammer der Wirtschafts- und Vergnügungsausschuh, in dem u. a. die Er­nährungsfrage auf der Ausstellung besprochen wurde. Reben einem Hauptrestaurant sind noch mehrere Hallen und Kantinen für Essen und Trinken vorgesehen, ferner ein großes Eafö, eine Milchkosthalle u. a. m. Ein Orchester wird in der Nähe des Dorführungsringes vor- und nach­mittags spielen und nachinittags wird noch eine zweite Kapelle an einem anderen Platze des Aus­stellungsgeländes Unterhaltungsmusik machen. In einem Kino werden bei freiem Eintritt landwirt­schaftliche Lehrfilme vorgeführt.

Am Abend des 10. August tagte ferner der Platzausschuh, der sich mit der Errichtung der 'Bauten, der Platzverteilung und der Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung der Ausstellung be­faßte. Alles in allem läßt sich sagen, daß in ein­gehender und vorsorglicher Weise von der ßanb» Wirtschaftskammer in Verbindung mit den zustän­digen Stellen alles getan wird, was geeignet ist, um den Verlauf der Ausstellung ganz hervor­ragend zu gestalten.

Tagung der hessen-nassauischen Handelskammern.

In der letzten Sitzung des Verbandes Hefsen-Rassauischer Industrie- und Handelskammern in Frankfurt a. M. wurde beschlossen, folgende Anträge in Her Herbstsihung des Landeseisenbahnrates Frank­furt a.M. zu stellen.

Zugänderungen, die nur den Bezirk einer Direktion betreffen, sollen auch innerhalb des laufenden Fahrplans durchgeführt werden. Auch soll es nicht zulässig sein, daß die Reichs- bahndirektion die Erstellung wirtschaftlich not­wendiger -Züge von der Gewährung besonderer Zuschüsse abhängig macht. Ferner soll beantragt werden, die Stückgutannahmestellen bis 5 Uhr nachmittags offenzuhalten. Im Interesse der Bergwerks- und Hüttenindustrie an Lahn und Dill soll die Gewährung von Frachterleichterungen beantragt werden.

Die Weekend-Bewegung wurde, ins­besondere vom Standpunkte des Einzelhan­dels aus, einer Erörterung unterzogen mit dem Ergebnis, daß eine Uebertragung des in Groß­handel und Industrie üblich gewordenen Ge­schäftsschlusses am Samstagmittag auf den Ein­zelhandel nicht angängig fei, da der freie Sams­tagnachmittag in erster Linie zum Einkauf die­nen soll.

Schließlich wurde der neue Entwurf eines Deichs rahmengesehes über dieReal- fteuern besprochen. Es wurde übereinstimmend dem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck ge­geben, daß der ursprüngliche Gesetzentwurf unter dem Druck der Länder erhebliche Verschlechte­rungen erfahren hat, die den Zweck des Gesetzes, nämlich die baldige Vereinfachung der Steuer­verwaltung, stark gefährden. Insbesondere wurde beanstandet, daß es nach dem neuen Entwurf in das Belieben der Landesregierung gestellt ist, ob sie Sicherungen gegen die Ueberspannung der Gewerbesteuer im Auftichtswege oder durch das Anhvrungsrecht der Derufsvertrekungen schaffen will.

Kunst und Wissenschaft.

60. Geburtstag von Rudolf G. Dinding.

Am 13. August feierte der Dichter Rudolf G. B i n d i n g den 60. Geburtstag in seinem kleinen

Unergründlich bleibt mir, wovon der Vogel singt: von dem Hause vielleicht, das Schatten über den Baum wirft, der davor am Felsen hängt; und in dessen Gabel dein Nest, selige Kreatur, im kaum ge­wahren Winde zittert? Don dem Mädchen, das bald an den Strand kommen wird und mit Muscheln spielt? Don mir, der ich nach den Segelbooten spähe, die hölzerne Fässer an Bord und weiße erlegte Fische unter den Ruderbänken haben. Aber was geht ihn das Menschliche an! Seine Geheimnisse, seine Gefühle, seine Stimmungen, seine Klagen bleiben mir so unbekannt wie die Gesetze, die das Gestirn des Großen Wagens im diamantenen Wirbel der hohen Sommernacht aufbauen.

Den ganzen Mittag wird er ruhen: dann ist nur das Geräusch der Wellen vernehmbar und das leichte Sausen des Mistralwindes, der weit draußen auf dem Meere sich um die Zeit erhebt, wenn die Kraft der Sonne am stärksten und glühendsten ist.

Der Dogel ist verstummt, nun ist Schweigen. Auf der Terrasse liegt mit weißen ätzenden Feuern die Sonne. Der Ausschnitt der Türe, durch die ich schaue, hält mir die Spitze einer Zypresse entgegen, die starrend und unbewegt mit schwarzem Riß die Bläue schneidet.

Ich weiß nicht, was ich tun soll: es ist wie ein Schlaf, der feinen Segen und sein Heiligtum hat. Ich wage ihn nicht zu stören.

Hochschulnachrichten.

- Der von der Carl-Zeiß--Stiftung begrün» bete Ernst-Abbe-Gedächtnispreis zur Förderung der mathematischen und physikalischen Wissenschaften und deren Anwendungsgebiete so­wie die mit dem Preise verbundene Abbe- Medaille kommt Ende des Jahres 1928zum ersten Male für Anwendungsgebiete bet Mathematik und Physik zur Vergebung. Das Preisgericht wird von den Herren Hecker- Jena, P r a n t l- Göttingen, Z e n n e ck - München gebildet. Beson­dere Bewerbung ist nicht erforderlich. - Der erste mathematische Preis wurde 1924 Felix Klein für seineMathematischen Werke" zuerkannt, der

Haus in Buchschlag bei Frankfurt, das er schon lange Jahre bewohnt. Dem kleinen Dillew- Vorort hat er vor dem Kriege als Bürgermeister vorgestanden. Erst verhältnismäßig spät hat sich Dinding der Dichtkunst zugewendet, uni) wenn man heute fein Werk übersiebt, erscheint es klein. Uni) doch ist der Dichter heute im besten Sinne in Deutschland populär. In feiner pracht­vollen FliegernovelleUnsterblichkeit". der Keuschheitslegende" und vor allem imOpfer- gang" erweist sich Dinding als Beherrscher der Sprache und des Wortes von höchster Kultur. Der Krieg, den Binding als Ofsizier an der Front mitmachte, wurde ihm zum großen Er­lebnis. widergespiegelt in seinem TagebuchAus dem Kriege".

Die philosophische Fakultät der Universi­tät Frankfurt hat dem Dichter Rudolf G. Binding aus Anlaß feines 60. Geburtstages zum Doktor der Philosophie ehren­halber ernannt.

Oberhessen.

Neuer Stauweiher des Wasserkraftwerkes Oberhessen.

I Glashütten, 14. Aug. Das Wasser­kraftwerk der Provinz Oberhessen hat seither sehr günstig gearbeitet. Schade ist es nur, daß das Staubecken im Hillersbachtal zu klein ist, um neben dem Rückstauwasser des Hirzen­hainer Staubeckens noch nennenswerte Wassermcn- gen des Hillersbaches, die dieser zur Zeit führt, auf­zunehmen. Diese oft sehr bedeutenden Wassermengcn gehen heute nutzlos verloren, während sie, aufgc- speichert, die Zahl der Betriebstage des Kraftwerkes erheblich vermehren konnten. Die Provinz ist be­reits dem Gedanken der Aufspeicherung dieser Wassermassen nähergetreten und hatte die Erhöhung der Staumauer des Staubeckens im Hillersbachtal erwogen. Diese Adsiäst hat sich jedoch als untunlich erwiesen, da die so erhöhte Staumauer nicht genügend stark und genügend fun= damentiert sein würde, um dem Wasserdruck aus alle Fälle standzuhalten. Nun plant die Provinz, dem Vernehmen nach, die Anlage eines neuen Stau weihers unmittelbar oberhalb des bereits vorhandenen. In der Gemeinde Glashütten fin­det dieser Plan keinerlei Gegenliebe. Gegen ihn wird ins Feld geführt, daß er den besten Wiesengrund der Gemarkung, der durch die Arbeiten der Feld­bereinigung noch wertvoller wird, in Anspruch nimmt. Andererseits erkennt man die Notwendigkeit eines zusätzlichen Staubeckens an und macht den Vorschlag, es weit oberhalb Glashüt- t en s in einer Talenge des Hillcrsbach- t a ( e s zu errichten. Die für den Betrieb des Kraft­werkes in Betracht kommenden Wassermengcn aus Schneeschmelzen, schweren Regengüssen usw. tonnten auch an dieser Stelle aufgespeichert werden. Dar­über hinaus aber hätte die Anlage noch mehrere nicht gering einzuschätzende Vorteile: Zunächst würde statt wertvollen Geländes minder wertvolles zu erwerben fein. Ein Teil des Geländes könnte im Feldbereinigungsverfahren durch Tausch erworben werden. Für die Zwecke der Mühlen und der Be­wässerungsanlagen könnte stets Wasser zur Ver­fügung stehen, da es ja immer von der unteren Tal­sperre wieder ausgenommen würde. Von ganz be­sonderer Wichtigkeit erscheint aber folgender Um­stand: Bei der Schneeschmelze, plötzlichen starken Regengüssen usw. werden die tiefliegenden Häuser Glashüttens stets vom Wasser beschädigt. Die Ge­fahr ist oft sehr groß. Hier würde die Talsperre oberhalb des Dorfes eine Rettung aus stän­diger Gefahr bringen. Und um zum Schluffe mich nock den Naturfreund zu Worte kommen zu lassen: Unser Vogelsberg hat wirklich Mangel an kleinen Weihern und Teichen, die andere Mittelgebirge so beleben. Ein Talsperrensee im oberen Hillersbachtal würde sicher eine Freude für alle Touristen fein und immer mehr Ausflügler in unseren schönen Vogels­berg locken helfen.

Landkreis Gictzen.

r Rödgen, 14. Aug. Seit einigen Jahren bewohnt unseren am Ende der Langen Oris- straße gelegenen Dorf teich die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus Rordamerika ein­gewanderte Wasserpest. Ihre Dermehrung ist sehr erstaunlich. Jrn letzten Jahr wurden zwei große Hausen dieses Wassergewächses mit einem steinbeschwerten Seil herausgeschafft, und dieses Jahr ist es schon wieder bis unter die Wasser­

erste physikalische Preis 1926 Pros. Wilhelm Wien- München,einem Meister der Theorie und des Experiments". Der erste Assistent am kunsthistorischen Institut der Universität Bonn Dr. phil. Josef Busley ist vom 1. Oktober 1927 ab zum Dezernenten für Kunst- und Denk­malpflege der Rheinprovrnz bei der Landes- Verwaltung in Düsseldorf berufen worden. Dusleys Sondergebiet ist mittelalterliche, kirch­liche, insbesondere karolingische Architektur. Der Senat der Universität Heidelberg hat Frau Fanny Hoffmann, Witwe des Ge­heimrats Pros. Dr. I. Hoffmann, in dankbarer Würdigung ihrer der Universität erwiesenen großherzigen Unterstützung die Würde eines Ehrenbürgers der Universität ver­liehen. Der o. Professor der Mathematik an der Berliner landwirtschaftlichen Hochschule Dr. Aloys Timpe ist zum ordentlichen Pro­fessor an der Berliner Technischen Hochschule ernannt worden. Die Ernennung des a. v. Pro­fessors Dr. med. Theodor Drugsch in Berlin zum ordentlichen Professor und Dir^tor der medizinischen Klinik der Universität Halle a. d. S. als Rachfolger von Prof. Dolhard ist er­folgt. Der a. o. Professor De. Karl August Rvjahn in Freiburg t B. ist zum Dor­steher der pharmazeuttschen Abteilung am che­mischen und pharmazeutischen Institut der Uni­versität Halle und zugleich zum ordeittlichen Professor in der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität daselbst ernannt worden. Rojahn ist in Halle Rachfolger des im Rovember 1926 ver­storbenen Prof. Dr. H. Schulze. Pros. Dr. thevl. et phil. Johann Stefses an der Uni­versität Rymegen (Holland) hat den an ihn ergangenen Rus zur Uebernahme des Lehr­stuhls für allgemeine Religionsgeschichte und ver­gleichende Religionswissenschaft in der katholisch­theologischen Fakultät der Universität Münster i. W. als Rachfolger von Prof. F. Dölger crn- genonnnen und bereits seine Ernennung zum Ordinarius in Münster erhalte!»