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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfen)________ Freitag, f5, Zuli 1927
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zentriert sich zur Zeit auf die B e r st ä n d i g u n g mit Rußland zum Zwecke der endgültigen Liquidierung des durch die Ermordung des russischen Gesandten entstandenen Konflikts. Der polnische Gesandte in Moskau, P a t e k, hat soeben in Warschau über den gegenwärtigen Stand der polnisch- russischen Beziehungen Bericht erstattet. Er hofft zuversichtlich auf „Reinigung der Atmosphäre". Weder Polen noch Rußland wünschen kriegerische Berwick- lungen. Marschall Pilsudsii braucht sein Heer im eigenen Lande, um sich selbst an der Macht zu erhalten. Daß es mit der Sowjet-Armee nicht zum besten bestellt ist, weiß inzwischen die ganze Welt. Wenn zwei Staaten und Völker ein Zusammenleben und Zusammenwirken wünschen, sagte Tschitscherin Herrn Patek als Botschaft an die Polen, dann wäre es eine „Indolenz" ihrer Vertreter, wenn sie diesen ersehnten Zustand nicht herbeisüh- ren könnten. Naturgemäß sind die polnisch-russischen Beziehungen damit noch nicht als gut bezeichnet. Daß sich die polnisch-deutschen Beziehungen in den letzten Monaten nicht gebessert haben, darf als bekannt vorausgesetzt werden.
Aber in diesem Zusammenhänge muß zum Abschluß noch ein Wort über die Wirtschaftslage Polens gesagt werden. Aus dem Ueber- schwang des vergangenen Jahres ist eine tiefe Depression geworden. Nirgendwo zeigt sich im Augenblick ein Hoffnungsschimmer. Die Kaufkraft der Bevölkerung sinkt rapide. In den ersten Monaten des Jahres bis in den Mai war wohl eine gewisse Belebung durch den Verbrauch der Kon- jukturgewinne des vergangenen Jahres festzuftellen. Indessen begründete man dieser Tage in der Lodzer Textilindustrie die Einschränkung der Arbeitstage auf 3 in der Woche mit dem Sinken der Kaufkraft. Die Handelsbilanz wird, wie wir schon sagten, fortschreitend passiv, und zwar wegen der Notwendigkeit verstärkier Getreideeinfuhr. Die Getreideeinfuhr ist wiederum eine Folge ver- fehlier Handels- und Agrarpolitik. Es wäre selbstverständlich, daß ein Land von der Gröhe Polens mit seiner dünnen Bevölkerung Getreide ausführte. Das Gegenteil ist der Fall. Seit Anfang des Jahres importiert Polen ^Roggen und Weizen, um seine Bevölkerung zu ernähren. Dabei sinkt die Ausfuhr, die, weltwirtschaftlich gesehen, ihrerseits ein Verlustgeschäft darstellt. Viele polnische Ausfuhrartikel werden unter Herstellunaspreis nach dem Auslande verkauft, so z. B. Holz, Zucker, Kohle. Man muß dabei die außerordentlich^niedrigen Eisenbahnsrachten in Betracht ziehen. Sie stellen einen Raubbau am Verkehrswesen dar.
Viel wird von der kommenden Ernte abhängen. Die Felder in Polen stehen nicht schlecht. Aber nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres erscheint es recht zweifelhaft, ob der Ausfuhrüberschuß an Getreide auch nur ausreicht, um die in den ersten acht Monaten erfolgte Einfuhr von Brotgetreide wettzumachen. Ob aber die polnischen Machthaber aus der fortschreitenden Senkung der ncttio- nalwirtschaftlichen Leistung Polens politische Konsequenzen ziehen werden, bleibt nach wie vor Zweifelhaft. Es ist in diesem Zusammenhänge ein Wort Korfantys nicht uninteressant, der vor einiger Zeit erklärte, daß der gesamte polnische Staat von den Zuschüssen lebe, welche die ehemals preußischen Westprovinzen für die Erhaltung des Restes leisteten.
„Quatorze juillet“.
Don unserem elsaß-lothringischen Mitarbeiter. Straßburg, 14. Juli 1927.
Der französische Rationalfeieriog ist da. War es Stimmungsmache für diesen Lag, daß Poin- eure in der Kammer für den 14. Juli („quatorze juillet") „gewisse Begnadig ungsuiaß- nahmen" angelünoigt hat, die den gemaßregelten Unterzeichner des Heimatbundmanifestes zugute kommen sollen?
Eine kräftige Auffrischung der „Liebe zur Mutter Frankreich" könnte freilich nicht schaden; es ist aber nicht anzunehmen, daß Poincares Regierung (und jede denkbare andere französische Regierung ebensowenig) etwas Wirksames zur Abdämmung der Unzufriedenheit iun wird. Bei Erscheinen dieser Zeilen wird es ja bereits bekannt sein, ob die „Gnadenmaßnohmen" überhaupt verwirklicht worden sind, die seit über einem Jahre fällig und seit dreiviertel Jahren zugesagt worden sind. Selbst wenn Frankreich tatsächlich ein Teil des Unrechts wieder gut machen sollte, das es an Männern verschuldet hat, die nur dem natürlichsten Menschen
Menschlichkeit"; denn Foerster und die ihm Gefolgschaft leistenden deutschen Pazifisten haben sich auch in der elsaß-lothringischen Frage endgültig an die Seite der schlimmsten französischen Chauvinisten gestellt und bestärken diese im Kampf gegen das deutsche Volkstum der Elsaß-Lothringer:
„Unmenschlich ist es, ein Volk aus dem Mutterboden seiner Kultur zu entwurzeln. n - menschlich ist es, ihm so seine Geschichte zu rauben, das Andenken der Väter in seinem Herzen zu verlästern. Unmenschlich ist es, einem Volke gar die Bunge zu lähmen, ihm feine Sprache zu rauben, es so in der Verteidigung seiner Interessen niederzuhalten, seine geistige und seelische Entfaltung zu unterbinden."
Was hier aus gepeinigtem elsässischen Herzen hervorbricht, gilt für alle europäischen völli- schen Minderheiten gleicherweise. Es ist kaum je das Unmenschliche der „Anfsaugungs"pvlitik schärfer, das Verbrecherische der Derwelschungs- oktion eindringlicher gekennzeichnet worden. Eine Abkehr von dieser Unmenschlichkeit allein könnte den französisch-elsaß-lothringischen Gegensatz übec- brüden. „G n a de" ü la Poinoare will unser Volk nicht! Es will nichts als sein gutes Recht; das Recht auf Leben.
recht gehorcht haben, wäre damit für die Füllung des „Grabens" nichts getan, der sich nach einem Worte des Straßburger Beigeordneten und Chefredakteurs L. Minck zwischen den Cingewanderlen und Einheimischen, zwischen Franzosen und Elsässern aufgetan hat. Ein Straßburger politisches Witzblatt brachte dieser Tage die „Meldung": Elsässische Autonomisten hätten den amerikanischen Ozeanfliegern 100 000 Dollars angeboten, wenn sie es unternähmen, die Kluft zwischen Elsaß-Lothringen und Frankreich zu überfliegen. Das Angebot sei abgewiesen worden, weil etwas Unmögliches verlangt würde Dieser Scherz mit seinem bitteren Untergrund gibt ein höchst anschauliches Bild der Lage.
Die letzten Wochen haben eine höchst belehrende Aussprache zwischen dem deutschen „Pazifisten" Prof. F. W. Foerster (von der Wiesbadener „Menschheit") und den heimatrechtlichen Zeitungen „Zukunft" und „Volks- st i m m e" gebracht. Foerster, der aus Vorkriegszeiten in Elsaß-Lothringen zahlreiche Verehrer besaß, hat in den Heimattreuen Kreisen nunmehr völlig abgewirtschaftet; das ist der wertvolle Ertrag dieser Auseinandersetzungen. Die „Volksstimme" hat dieses Ergebnis auf die Formel gebracht: „D ie Menschheit geg en die
die Gießener Zchulhausfrage gelöst.
Die Biersteuer. - Der Derkehrsskandal im Seltersweg. - Spende |ür das sächsische Notgebiet.
Gießen, 14. Juli 1927.
Die Stadtverordneten haben in ihrer gestrigen letzten Sitzung vor den Svinmerserien des Hauses noch sehr bebeutjame Arbeit geleistet. In vorderster Linie steht dabei die Lösung der Schnlhaus- frage. Nach eingehenden Prüfungen der verschiedensten Losungsmöglichkeiten hgt man nun eine Plattform gefunden, auf der man in voller Uebereim sliimnnng diese große Frage unserer Kommunalpolitik endlich aus der Welt schaffen will. Zu der jetzt beschlossenen Regelung ist nur zu jagen, daß man sie als gut und sehr zweckdienlich bezeichnen muß, und daß sie gestern mit Recht die einstimmige Aufnahme des Hauses gefunden hat. Wenn wir uns vor einigen Wochen über das Tempo bei der Lösung dieser Frage einmal sehr kritisch ausgesprochen haben, so geschah das damals nicht, um für irgend ein in der Erwägung stehendes Projekt Stimmung zu machen, sondern lediglich aus der Erwägung heraus, daß man die Prüfung der Angelegenheit nach Kräften beschleunigen solle, um möglichst noch in diesem Jahre mit den Bauarbeiten beginnen zu können. Den erfreulichen Erfolg dieser Arbeit der zur Entscheidung berufenen Stellen sehen wir jetzt vor uns. Hoffentlich gelingt es nun auch, den Rest der Vorarbeiten rasche- stens zrl bewältigen, damit schon in den nächsten Wockxen mit der Umsetzung der Pläne in die Tat begonnen werden kann.
Vor eine schwere Entscheidung gestellt sah sich das Haus in der Frage der E r h e b u n g einer kommunale n Viersteuer. Mit Recht wurde allseitig der schweren wirtschastlichen Lage des Gastwirtsgewerbes die gebührende Beachtung geschenkt, jedoch von verschiedenen Rednern ebenfalls mit guter Begründung darauf hingewiesen, daß die Stadt bei ihrer außerordentlich angespannten Finanzlage auf den Betrag von 50 000 Mk., wie er aus der Biersteuer erwartet wird, in Ermangelung anderer lohnender Steuerquellen nicht verzichten könne. Wenn man sich dann weiter die Berechnung vergegenwärtigt, die in dieser Sitzung über das Ausmaß der steuerlichen Belastung für den Biertonsum gegeben wurde und nach der die Steuer auf ein Glas Bier nur einen Pfennig ausmacht, (o muß man sagen, daß diese Steuer in der Tat nicht von der Hand zu weisen war, und daß sie von den Brauereien weder auf das Gastwirtsgewerbe, noch auf die Konsumenten abgewälzt zu werden braucht. Bon allen diesen Erwägungen geleitet, entschied sich denn auch die Mehrheit des Hauses für die Erhebung der Steuer, wobei man die Erwartung ,3um Ausdruck brachte, daß die in wirtschaftlicher Beziehung unter guten Verhältnissen arbeitenden Brauereien diese steuerliche Anforderung diesmal voll auf eigene Schultern nehmen werden.
Sehr umkämpft war auch die Erhebung der F i l i a l st eu e r, für die sich schließlich gleichfalls eine große Mehrheit aussprach, um durch diese Steuer eine wirtschaftliche Gleichung der Betriebsgrundlagen der hiesigen und der auswärtigen Ge
schäfte zu erzielen. Wenn auch der auf 12000 Mart geschätzte Ertrag dieser Steuer nicht allzu groß ist, so muß man sich doch sagen, daß bei der heutigen Lage der kommunalen Finanzen eben alles mitgenommen werden muß, was nur einigermaßen lohnend erscheint.
Ernste Beschwerden wurden von dem Hause mit Recht über die ganz unverständliche Verzögertmg in der Erledigung der schon vor Wochen beschlossenen Verkehrsregelung im Seltersweg erhoben. Der Hemmschuh ist jetzt das Ministerium in Darmstadt. Die Behandlung dieser Angelegenheit wird nachgerade zu einem öffentlichen Skandal, denn schon seit etwa zwei Jahren ist man nun daran, den unhaltbaren Derkehrszuständen im Seltersweg xin Ende zu bereiten, und nachdem endlich in Gießen vor einiger Zeit völlige Uebereinstimmung erzielt wurde, läßt man nun in Darmstadt offensichtlich aus rein bureaukratischen Gesichtspunkten die Sache schleifen. Wenn sich im Seltersweg erst Uitglückssälle mit sehr tragischen Folgen ereignen, wird man dir Regierung dafür mitverantwortlich machen müssen.
Einen sehr anerkennenswerten Beschluß faßte bas Haus am Ende seiner öffentlichen Sitzung, als es für die durch die älnwetterkata- strophe in Sachsen betroffenen Volksgenossen eine Spende von 3000 Mark einstimmig bewilligte. um damit die innige Anteilnahme unserer Stadt an der Rot jenes Gebietes zum Ausdruck zu bringen. Diese Entschließung der städtischen Körperschaften wird ben vollen Beifall aller Bürgerkreise finden.
Schließlich brachte der Stadtv. Balzer noch eine Beschwerde gegen den „Gießener Anzeiger" vor. Hnw Balzer meinte bei seiner Rückzugskanonade von der Viehhofange- legenheit, durch unsere Bemerkung im Bericht über die vorige Sitzung: „Dafür (für den Dieh- hof) stimmte auch der Stadtv. Balzer, der dieses Projekt im vorigen Jahre so entschiede, 1 bekämpft hatte", sei ihm von uns grundsätzliche Gegnerschaft gegen dieses Projekt unterstellt worden. Das ist uns weder bei jener Bemerkung, noch früher jemals eingefallen, wir haben uns vielmehr immer nur an die Tatsache der Gegnerschaft des Herrn Balzer gegen jenes Projekt gehalten, ohne es dabei lohnend zu finden, seinen Gründen noch besonders nachzugehen. Von diesen Erwägungen geleitet, haben wir auch die Aufnahme einer „Berichtigung" abgelehnt. die er uns vor einigen Tagen zu- schickte und deren Ablehnung er uns heute zum Vorwurf machte. Wir fönnen aber gar nicht einsehen, daß wir Grund hätten, etwas zu berichtigen, was wir niemals gesagt haben, älnd so bleibt eben — mag Herr Balzer auch noch so viel Erklärungen abgeben — die Tatsache unbestreitbar b e st e h e n, daß- Herr Balzer das Viehhofprojekt im vorigen Jahre entschieden bekämpft hat. Da
i o Zweiter Blatt
Polnischer Brief.
Anlcihevertrag. — Zahlreform. — Depressionen.
Don unserem Warschauer Korrespondenten. Warschau, 13. Juli 1927.
Die sonst so tödlich langweilige Zeit der sauren $ (gurten hat in Polen in diesem Jahre, ja, man 8 Cann jagen schon seit Jahren, ihren Charakter völlig ' verändert. Der polnische Topf brodelt mit interessanten Dingen, er gärt non Befürchtungen und idjäumt vor Hoffnung. Dieje etwas kühne Bildergalerie ist die einzige Möglichkeit, den Stand der ; polnischen Frage ungefähr zutreffend auszudrücken, i, Ton Norden nach Süden, von Osten nach Westen nimmelt es von Problemen. Die polnische Presse ist um Stoff nicht verlegen. Sie dementiert die | Wahrheit und schwindelt Neuigkeiten. Man wittert I Spione im Westen und im Osten. Hie und da fliegt ein kleines Munitionslager in die Luft, so in War- ' schau, so in Bromberg. Der „Dzienntt Bydgoski" ; wünscht den Danziger Staatspräsidenten Sahin an den Galgen oder an den Pfahl. In Lemberg hat man ein paar tschechische Lehrer verprügelt. In der Ostsee erwartet man den Besuch englischer Kriegsschiffe, die merkwürdigerweise nicht nach Danzig fahren dürfen, sintemalen sie dort deutschfreund- t liche Eindrücke empfangen könnten, und zu alledem tagt der Sejm und ist der polnische A n -
i leihevertrag mit den Amerikanern, s wie man sagt, unterzeichnet worden.
Diese Anleihe erbringt zunächst den imposanten ! Betrag van 15 Millionen Dollars, der aber charak- I teristijcherweise nicht etwa im regulären Wege durch ; Zeichnungen des Publikums aufgebracht wird, son- ! dem der von den iyi der Anleihe beteiligten Ban- j Fen aus eigenen Mitteln gezahlt wird. Offensichtlich will die internationale Finanz erst einmal die I j Wirkung dieser Propagcmdaaktion auf das Publi- ■ fum der Geldgeber abwarten, ehe man sich ent- I schließt, den Restbetrag von 45 Millionen Dollars im Vjerbft zur öffentlichen Zeichnung anfzulegen. Die frühere polnische Anleihe steht nämlich so schlecht im Kurse, daß eine polnische Emission zur Zeit völlig aussichtslos erscheint. Hier muß nachge-
I halfen werden. Die erste Folge des Anleiheabschlusses unter so fragwürdigen Bedingungen war
! ein allgemeiner Kursstu r z an der Warschauer Pörse. Die Aktion der Bank Polski, der Staatsbank, purzelte von 170 auf 118. Den Jndustrieaktien
I ging es nicht besser. Wirtschaftlich sind solche Kurs- I schwankungen natürlich ohne große Bedeutung. Aber sie zeigen doch eine außerordentliche Nervosität. Vergleicht man den großen Erfolg der Danziger Anleihe mit den bisherigen Mißerfolgen der pol- । nijchen und bedenkt man dabei, wie leicht die nationalistische Ueberreiztheit des Polen „iibelnimmt", dann läßt sich die Stimmung der maßgebenden
I Kreise in Polen leicht ermessen. Der Betrag von I 15 Millionen Dollars wird schon zum Teil durch I die 'Auslandpropaganda verschlungen worden sein, I die sich Polen jährlich viele, viele Millionen kosten
Lofr-
Kennzeichnend für wachsende Nervosität selbst der leitenden Stellen ist die Wiedereinberufung des s-erbenden Sejms, der inzwischen wieder durch einen Erlaß des Staatspräsidenten geschlossen I ist. Der Konflikt zwischen Regierung lind Volks- I Vertretung ist keineswegs beseitigt. Aber selbst I Pils u d s k i scheint allmählich eingesehen zu haben, t daß er zur Durchführung einer de fseto-Diktatur I cuf allen Gebieten noch zu schwach ist. Sicherlich be- I sPt er die politische Macht im Staate. Dennoch I dc.ickt die wachsende Passivität der Handelsbilanz, I die inzwischen einen Fehlbetrag von 50 Millionen I Goldzloty im letzten Monat erbrachte, die zuneh- I wende Depression der Wirtschaft und daraus sich I ei gebend die wachsende Abhängigkeit vom Aus- I lande mildernd auf die Tatsveude des Marschalls.
5m Sejm wird die Wahlreform beraten. I Die Anzahl der Abgeordneten soll auf 412, jene der I (Senatoren auf 103 festgesetzt werden. Es hat keinen [ Zweck, alle Einzelheiten des Parteistreites um diese I Reform darzulegen. Die Minderheiten haben bean- I tragt, die Abgeordnetenziffer auf 438 und der Senatoren auf 117 zu erhöhen, weil nämlich die gegenwärtige Vorlage eine außerordentliche Benachteiligung der polnischen Ostgebiete bebeutet. Die Gleichheit' der polnischen Staatsbürger vor dem Gesetz steht nämlich nur auf dem Papier. Die drei Teilgebiete werden ganz verschieden behandelt. Besonders raffiniert ist die Wahlkreiseinteilung, die den Zweck hat, den Minderheiten die Ausübung ihres Wahlrechtes zu nehmen.
Das außenpolitische Interesse in Warschau fon= —1, rnwim»«»— ......................
Festtage in Koblenz.
Von Rikolaus Schwarzkopf.
Eine herrliche Stadt, dieses Koblenz! Was I seither in aller Weltgeschichte unzulänglich war: Fier wird's Ereignis! Diese gastfreie Stadt läot I alljährlich die rheinischen Dichter auf drei ^age zu I sich ein, und sie ist nicht spröd in der Auswahl I und steckt die Grenzen großmütig wett, und so ß tann es geschehen, daß von Wilhelm Schäfer, I Alfred Mombert, Rudolf G. Bin ding bis zu mir herunter die Dichter groß und klein in trautem Kreiö drei Tage gottvoll verfaulenzen! ! <Wer tonnte zudem besser faulenzen als ein ordentlicher Dichter?)
Man trifft zusammen in einer alten Zunft- stube am alten Florinsmarkt, drückt der glor- [, leid'en Stadtverwaltung die Hände, seht sich an ! Me gedeckten Tische und erfrischt sich nach langer Fahrt Dann tauscht man seine Gedanken aus, Denn ' man welche hat, bespricht seine Sorgen, deren man bestimmt viele hat, nimmt sich vor, ,-ba Einigkeit stark macht, sich zu vereinigen, vereinigt sich schließlich auch und gründet einen 1 Bund, raucht die billigsten Zigarren, die aber I in diesem Fall zugleich die besten sind, trinkt die billigsten Weine und kommt recht rasch in beste j Stimmung, und Stimmung, das ist für den I Gichter etwas älnerlählichesl
Man beklagt sich, daß die Sänger heutzutage I nicht mehr mit dem König gehen können, und der glorreiche Oberbürgermeister bietet stumm seinen Arm. Rauschend schießt man hinter diesem Oberbürgermeister drein: ins Theater, wo man Freund Eulenberg spielt, in die Festhalle, wo man selber zu Wort kommt, wenn man eine tragbare Stimme hat, in die Ausstellung, wo man sich komplett wiederfindet, wo man in langer (Flucht den heimatlichen Strom sich entfallen sieht, als wär er' selber einer von den rheinischen Dichtern (übrigens, um das nicht zu vergessen: sehe sich jeder, der's irgendwie machen kann, Liese Ausstellung an!). , ,
Man lebt wie in einem der sieben Himmel,
vielleicht im sechsten, man geht Arm in Arm mit einer himmelblau gekleideten Dame, die vielleicht nur für die Tage der Dichteriagung aus einem der Himmel heruntergefallen ist, um übermorgen wieder auf der Mondsichel emporzufahren, man verschlingt die Hände und man öffnet die Augen nicht, um nicht erkennen zu müssen: ist dies nun wirklich die wirkliche Muse, oder ist's nur ein hübscher Ersah?
Ach, das Leben ist so schön, wenn ein armer Teufel auf Kosten reicher Leute lachen und vergessen darf! Man fährt im Auto auf den Riller- sturz, im Motorboot nach Rhens, man stellt sich lustig dem Photographen vor die Linse und ruft dem Augenblick zu: er möge doch verweilen, ach, er sei so schön! Keiner unter uns, der in 'Koblenz nicht sogleich zu einem großen Herrn sich auswüchse! Keiner aber auch unter uns, dem diese drei Tage nicht wirklich „Ereignis" wären und „Ereignis" werden wollten im reinkünstleri- schein Sinn! Kein König mehr in ganz Deutschland und nur ein einziger Oberbürgermeister, der das Herz auf dem rechten Fleck hat!
Aber seht an, wie noch nicht aller Tage Abend ist: sie kommen, jene anderen, sie wollen gleich dem Koblenzer das Herz auf dem rechten Fleck haben! Frankfurt hat uns eingeladen fürs nächste Jahr. Godesberg hat uns eingelaben, Düsseldorf hat uns eingeladen, Essen hat uns eingelaben! Ich schlage vor: wir treffen uns jedes Vierteljahr in einer dieser Städte und jeden Hochsommertag in Koblenz I Wenn es auch bestimmt mehr Sänger als Könige gibt heutzutag, so gibt es doch noch Könige, und wahrhaftig: wir werden den Ruhm dieser Könige hinüberretten in die fernsten Zeiten und Völker! Sofern unsere Stimmen von dem Geknatter 6er Motore nicht ganz zerschottert werden!
Frankfurter Theater.
Roch vor Schluß der Saison, knapp vor den Ferien, vermittelt die Schauspielbühne die Bekanntschaft mit Alfred Reumanns historischem Drama „Der P a tr i 0t". Reumann ist
bekanntlich Kleist-Preisträger, unter seinen Werken dürfte vor allem sein ebenfalls historischer Roman „Der Teufel" weithin bekannt sein. Es ist ein Verdienst Richard Weicherts, dieses Werk zur Ausführung erworben zu haben und den Spielplan so mit einem blut vollen, lebendigen Schauspiel, welches die Historie dichterisch zu formen und zu prägen weiß, zu bereichern. Reumann liefert hier den immer zweifelhafter gewordenen Beweis, daß es auch in unserer Zeit Dichter gibt, die einem derartigen Stoff die dra- mallsche Ballung zu geben vermögen, die frei von jeder das Dichterische unterjochenden Tendenz, experimentaler Psychologie und bleichsüchtiger Dekadenz dem historischen Drama, ohne pathetisch zu werden, dichterische, dramatische und vor allem lebensnahe Formung geben. Das äußere Gerüst des Werkes ist der Sturz und die Ermordung des Zaren Paul (Sohnes der großen Katharina) durch Graf Peter von der Pahlen, Kriegsgouverneur von Petersburg. Pah- len ist das Haupt der Verschwörung gegen den von Verfolgungswahn zersetzten, zwischen hilflos jammerndem Kind und tierischer Beslle schwankenden Zaren. Pahlen und Zar Paul sind die Exponenten des Dramas und sie sind im eigentlichen Sinne aneinandergekettet, denn der Zar klammert sich mit der hilflosen Liebe eines halb Irrsinnigen, sich von allen bedroht Fühlenden, an diesen Mann, der sein eigentlicher Henker ist und mit scheinbar kaltherziger Diplomatie die Schlinge immer enger um den Hals des zu Tode Gehetzten zieht. PaUen ist die wahrhaft tragische Gestalt des Werkes; um sein Land vor dem tollwütigen Paralytiker auf dem Zarenthron zu retten, muh er auf der anderen Seite wiederum — er ist der erklärte Günstling des Zaren, der ihn mit Würden und Geschenken überhäuft —, gegen sein Gewissen Sturm laufen, welches ihm mit der Stimme des um sein Leben winselnden Zaren zuruft: „Was habe ich Dir denn getan...?" Die Lage Pahleiis charakterisiert folgender Satz: „Man kann fein Gewissen töten, oder man wird von seinem Gewissen getötet“. Hier wächst aus dem geschicht
lichen Drama das psychologische machtvoll empor. Als Patriot geht Pahlen den Weg seiner Pflicht fürs Vaterland, Befreiung ist sein Ziel, als Mensch muh er an seinem Gewissen dem Zaren gegenüber, der ihm blind vertraut, zerbrechen. Rachdem sich der Umsturz vollzogen hat, der Zar tot und fein Sohn Alexander zum Kaiser ausgerufen ist, beendet Pahlen fein Leben, das ihn, nachdem das große Ziel erreicht ist, anefelt. Sein treuer Leibjäger Stepan, der Mörder des Zaren, erschießt ihn und sich, während vor den Fenstern das Volk freudetrunken brüllt, und ein neuer Morgen über Rußland heraufdämmert. — Fritz Peter Buch ließ dieses Drama, dessen menschttche Tragödie hier weit über der historischen steht, prachtvoll lebendig über die Bühne flammen. Darstellerisch war der Abend von seltener Geschlossenheit und Ein- dringlichleit. Schwer wuchtend in seiner eisernen Unbeirrtbeit, über die eigene Seele zum Ziel schreitend, nur vereinzelnd elementar aus- brechend in der Qual des Gewissens der Pahlen Ernst Sattlers.
Fritz O d e m a r ließ in der Darstellung des geisteskranken, immer von Grauen und Tod umwitterten Zaren Paul neben der losbrechenden Wildheit die gefolterte Menschenseele hinter den Schauem deS Verfolgungswahnes erbarmungswürdig aufflackern und brachte zwischen Ver- tiertheit und Hilflosigkeit eine packende schauspielerische Studie. Er und Sattler waren die künstlerischen Erlebnisse des Abends, neben ihnen Leontine Sagan in der interejjanten Gestaltung der Anna Petrowna Ostermann. Alle übrigen boten scharfumrissene Leistungen, bis auf Älrich Aries Zarewitsch Alexander, welcher die gegebene ttnentschlossenheit dieser Gestalt mit Farblosigkeit verwechselte. Die dumpfe Düsterheit der Bühnenbilder Ludwig Sieverts verstärkte die dramatische Atmosphäre. Der Beifall steigerte sich von Akt zu Akt, um in einem brausenden Erfolg für das Werk und die Aufführung zu endrn. L.W.


