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Nr. 62 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen)

Der Finanzausgleich

Don Dr. H a ekel. M d. R W. *K.

Der Reichstag steht vor der verantwortlichen Entscheidung über den Finanzausgleich für ia» achte .Ickcbcrgangsjahr . Sine endgültig Lösung deS Problem- ist nicht mit Unrecht vertagt bi» zu einer Beseitigung der wirtschaftlichen Dauerkrise. 3ur Debatte steht daher nichr ein grundsätzlicher Eystemwechscl. sondern nur die Frage über daS notwendige Mast einer dem 2luS- aleichszweck entsprechenden Korrektur deS be­stehenden RechtszustanDeS. Voraussetzung für eine gerechte Entscheidung ist eine objektive Ein­stellung deS Reichstages gegenüber Reich. Län­dern und Gemeinden, die im Finanzausgleich gleichmäßig zu betreuen sind' denn eine ein­seitige Fürsorge für den Gesamtkörper ohne Gesunderhaltung seiner lebenswichtigen Organe wird sich bei jedem Hcilungsproze; als Kur­pfuscherei erweisen. 3m übrigen bleibt daS Ziel der Reichstagsentscheidung eine richtig Schat­zung der für 1927 zur Verfügung stehenden Ein­nahmen und ihre gerechte Verteilung un er ob­jektiver Würdigung deS ElalSabschluffeS für 1926 in Reich. Ländern und Gemeinden und deS not­wendigen öffentlichen Bedarfs für 1927. wie er sich zwangsweise ergebt aus außenpolitischen Ver­trägen. Reichs- und LairdeSgese^en und auS der Erfüllung der dem Reich. hen Ländern und Ge­meinden obliegenden öffentlichen Aufgaben, unter besonderer Berücksichtigung der durch die allge­meine Rot gebotenen Pflicht zur rücksichtslosen Sparsamkeit im Gesamtorganismus und in allen feinen Gliedern.

Bezüglich des Abschlusses des ReichselatS für 1926 find die wiederholten optimistischen Er- nämimen deS früheren ReichSsinonzministers sowohl im Inlcmhe wie auch besonders im AuS- lande mit Beifall entgegengenommen, so daß sich unter ihrem Eindruck die Auslassung von der Erfüllbarkeit deS DawesplanS in den Gläubiger­staaten leider schon zu Unrecht stabilisiert Hal. Wenn auch dieser am Finanzhimmel des Deut­schen Reiches hervorgezaubert« Eilberstrcifen nach den Erklärungen des neuen Herrn Finanzmini- sterS zum Grau der Wirklichkeit verblaht ist, so ergibt sich trotzalledem für dos Reich im 3ahre 1926 noch ein zufriedenstellendes Fazit, während sich der Abschluß in den Ländern nach den Erklärungen der verantwortlichen Landes- finonzminister erheblich schlechter gestaltet und in den Gemeindeetats für 1926 sogar ein durch- schnittLtcher Fehlbetrag von etwa 1 0 Proz. entsteht, der auch durch eine weitere Erhöhung der Realsteuern nicht mehr zu decken ist, weil diese meist die zulässige Höchstgrenze bereits erreicht haben. Das Gesamtbild der öffent­lichen Etatswirtschaft für 1926 offenbart also die Tatsache, daß die unter außenpoliti­schem und i n ne r p oli t i s ch e m Zwange erwachsenen öffentlichen La st en im 3ahre 1 92 6 auS den teilweise über­spannten Steuern und sonstigen öffentlichen Einnahmen nicht ge­deckt werden konnten. Hiervon hört man im Inland« wenig und im Auslande gar nichts. Es ist aber dringend notwendig, daß diese Tat­sache einmal öffentlich ausgesprochen wird. Da ein derartiges Defizit in den Gemeindeetats von mehreren 100 Millionen im künftigen Rechnungs­jahre gedeckt werden muß. kann der Reichstag bei feinen Entschließungen hieran unmöglich vorüber­gehen.

Der ReichSetat für 1927, der dem Reichstag zur Beratung vorliegt, bereitet dem neuen Herrn Reichsfinanzminister zwar in einigen Punkten Sorge, jedoch glaubt er, den Ländern und Ge­meinden ohne Gefährdung des Reichs bis zu 2600 Millionen an Reichssteueranteilen zuweisen zu können. Gin« solche Erklärung sollte von den Reichstagsparteien bei der überaus vorsichtigen Art des neuen Herrn Reichsfinanzministers aus­reichend gewürdigt werden. Wenn die auslän­dische Presse, die die Verhältnisse in den Län­dern und Gemeinden gar nicht zu überschauen vermag, demgegenüber ausführt. daß letztere vom Reichmit Millionen gefüttert werden sollen", so verdient eine solche Irreführung der öffent­lichen Meinung die schärfste Zurückweisung.

Was bedeutet eine Gesamiuberweisung von 2600 Millionen an Länder und Gemeinden bei einem Vergleich mit dem Jahre 1926? Aus den Isteinnahmen der ReichSeinkommen- und Äörtcr- scl-aftssleuer für 1926 von 2600 M llioncn erhal­ten die Länder und Gemcmden schon nach dem bisherigen FinanzauSgl« cki 1950 MAionen und aus der MmfaMlcuer ha t der älmsatzsteuer- garantie 450 Millionen n Summa also 2400 Million, n Eine Zuweisung von 2600 Millionen für 1927 bedeutet daher ein Mehr von 200 Millionen oder für die Gemeinden im besonderen von etwa 100 Millionen. Wenn man aber berücksichtigt, daß letzteren aus 1926 ein Defizit von 200 bis 300 M H onen verbleibt so ergibt iich. daß das Mehr von 100 Millionen n cht einmal zur Deckung dieses Fehlbetrage­ausreichen wird. Die Entstehung des Dell» U cr- klärt sich aus den Tatsachen, die die Oeisentlichlcit schon vergessen zu haben scheint, daß nämlich die zur Erfüllung deS Dawcsvlones erzwungene Balancierung deS Reichsetats im Oktober 1 92 5 ledig- l i ch auf Ao ft en der Länder und Gemein­den erreicht worden ist Während die III Steuer­notverordnung des Reichs von 1924 die Lasten der Fürsorge, des Schulwesens und der Polizei auf die Länder und Gemeinden abwälzte und diesen unter Billigung des Reichstags zur Deckung der genannten Ausgaben wie die Begründung ausdrücklich hervorhob den An- teil an der Einkommen- und Körperschaftssteuer von 75 auf 90 Prozent erhöhte, ist d.ese Er­höhung am 1. Oktober 1925 w.eder befe t;gt. ein Ausfall, der durch die fpätere Reichsgarantie aus der UmfaQfteuet nur in kleinem Umfange ausgeglichen worden ist. Daß mit der ungeheu­ren Erhöhung der Fürforgelaften im Jahre 1926 aus dieser Entwicklung heraus ein erheblicher Fehlbetrag in den Gemeinde-Etats entstehen muhte, kann daher keinem Einsichtigen wunder­nehmen. Wenn aber in der Oeffentlichkeit die Anschauung verbreitet ist, als ob die Gemeinden 1927 durch das Arbeitslosenverficherungsgeleh von den Erwerbslosenlasten zum groben Teil be­freit werden würden, so beruht dies auf mangeln­der Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse. In Wirllichkeit werden die Gemeinden 1927 eher eine Mehrbelastung als eine Entlastung erfahren, weil an die Stelle des Demeindeanteils von */» der Aufwendungen für die Erwerbslosenunter­

stützung die erhöhten Lasten der allgemeinen Fürsogc für Erwerbslose treten, soweit 'vlche neben den Leistungen der Arbcirclofcnvcrsichc- rung .oiwendig werden, nämlich für die unteren 24 Gruppen als Ergänzung der V^riaberungS- leistung und nach 26 Wochen als volle Unter- stützung aller Erwerbswsen und ihrer Angehöri­gen aus Mitein der allgemeine . arforge an Stelle der bisherigen 'Belattung m.t nur 1 . der Erwerbslofenunterstüyung llnxt d.esen ilmftän- den ist es naturgemäß für die Gemeindesiran- zen unerträglich, wenn auch etwa noch d.e Fori- erhebung der gemeindlichen Getränkes: en em für das Jahr 1927 verboten würde, we l die Ge­meinde-Etats den Gesamtertrag von etwa 75 Mil­lionen für 1927 ohne eine Ersatzleistung nicht ent­behren können

AlleS in allem genommen, sollten die Parla­mente. die beteiligten Ctcuergläubiger. die ge­samte Dirtscl.ast und auch das Eläuoigerausland endlich zu h~r Erkenntnis folgender Tatsachen fommer 1. D e äußeren und inneren öffentlichen ZwangSlasten haben sich schon 1926 trotz Heber- spannung einzelner öleuerquetfea ohne öffent­liches Gesamtdefizit nicht decken lassen und wer- werden auch für 1927 ohne ein solches nicht ge­deckt werden können

2. Die höchstmögliche Erfüllung der außen- und innenpolitischen Verpflichtungen verlangt auf der einen Seite eine rücksichtslose Spar­samkeit in der gesamten öffentli­chen Verwaltung, aber auch auf der an­deren Seite eine te.lweise äleberfpannung der Steuerlraft der deutschen Wirtschaft. Daraus ergibt sich die dritte Schlußfolgerung, daß eine Wiedergesundung der deutschen Wirt­schaft, die eine Beseitigung ihrer steuer­lichen lleberlaftung zur Voraussetzung hat, erst dann möglich ist, wenn das deutsche Volk vom gegenwär.igen oinangc der übermäßig hohen äußeren und inneren Kriegssolge- lasten befreit wird. Da sich aber eine Sen­kung der inneren Kriegsfolgelasten nicht zwangs­weise, sondern erst in gleichem Schritt mit der Wiedergesundung der deutschen Wirtschaft er- reichen läßt, bleibt als einziges Mittel für bje allmähliche Gesundung der öffentlichen und pri­vaten Wirtschaft nur eine Ermäßigung der ä u - Heren KriegSsolgelasten auf ein für die Gesamt­heit tragbares Maß.

Turnen, Sport und Spiel.

AusdemTurngauHessenderD.T.

(üauturnausschutz. Frauenturnen.

o Gießen, 15. fDZärx. Der Gauturn- ausschuß, zu dem die sechs Bezirksturnwarte und die verschiedenen Fachwarte des Gaues gehören, war am Samstag zu einer längeren Sitzung unter der Leitung des Gauoberturnwarts Will). Will (Gießen) hier zufammenaekommen. Aus der reich­haltigen Tagesordnung ist heroorzuheben, daß die Neuregelung des Dereinsriegenturnens, wie sie vom Mittelrheinkreis in diesem Jahre zum erstenmal beim Kreisfest in Darmstadt durchgesuhrt werden wird, vom Gau zunächst nicht übernommen werden soll- vielmehr soll abgekartet werden, ob sich die reichliche Abstufung in der Wertung der Musterriegen in den Arbeitsrahmen reibungslos eingliedern läßt. Das Gauturnfest in Heu- ch e l h e i m wird am Vorabend unter Mitwirkung der Gesangvereine durch eine Feier st unde In­mitten des Ortes eröffnet werden: auf dem Festplatz soll ein geräumiger, weithin sichtbarer Aufbau er- richtet werden, au[ dem die Meisterschaften des Gaues an den Geräten ausgetragen und die Son­dervorführungen der Vereine den Festbefuchern all­gemein zugänglich bargeboten werden können. Die Wettkämpfe im schwimmen werden bei der Nähe der Lahn diesmal dem Gaufeft angeglieöert, dagegen werden dos Dolksturnen und das Frauenturnen ihre selbständigen Gauwettkämpfe haben: auch an der Gauturnfahrt im Herbst gedenkt die Gau­leitung festzuhalten. Da Heuchelheim bei seiner gün­stigen Lage inmitten des (Baugebietes mit einem

starken Besuch rechnen muß, ist es erfreulich, daß durch das Entgegenkommen her Einwohner die Quartierfrage eine zureichende Lösung wird smden können. Die Gauleitung beabsichtigt, im kommenden Herbst, voraussichtlich im September, an vier Sonn­tagen mit Einschluß der Samstagnachmittage einen Lehrgang,zur Ausbildung non Vor­turnern einzurichten, der für die Vereine des ganzen Gaugebietes, nicht bloß für Oberheffen, offen sein soll: ebenso wird ein Lehrgang für das Frauenturnen notwendig und förderlich Jein. Bei übergeordneten Tagungen im Gau­oerband und im Kreis sollen die Fachwarte in der Regel allein den Gau vertreten, bei Lehrgängen be­flogen, insbesondere beim Frauenturnen, ist eine be­schränkte Zahl von Vorturnern mit zuzulassen im Wechsel unter den Vereinen. Die Pflichtübungen für die Wettkämpfe im Männer- und Frauenturnen sind nunmehr durchgeprüft und endgültig angenommen, so daß sie den Vereinen zu- gestellt werden können. Die nächste Gauoor- turnerftunbe am 3. April wirb sich bamit zu beschäftigen haben.

Am Sonntagnachmittag hielten die Frauen- abteilungen eine llebungsftunbe in der Turnhalle (Steinftraß«) ab. die außerordentlich stark besucht war. Nahezu 100 Leiter und Turnerinnen traten an aus den Vereinen Alsfeld, Bab-Nouheim 1860 und Mto., Butzbach. Frankenberg. Friedberg, Gießen 1846 und Mw., Gladenbach, Grünberg. Großen-Linden, Heuchelheim, Hungen,. Kirchhain, Krofdorf, Klein-Linden, Laubach. Lauterbach, Lich, Marbach, Marburg Tg. und T.- und Sp. D., Nidda,

Dienstag, (5. März (927

Meder-Girniks, Nieder-Weiß! Osthcem. Treis an der Lumda. Wetter und Wetzlar. Einleitend gedachte der ©aufrajentummart Rudolf Paul (Gießen) im Hinblick auf den Solf»trauering unserer g< fallen cn Turnbrüder, denen nach zue, fern in Turnbogeisterung und Satcrlonbshcbc unfert bauernde Pil.cht bleibe. Eine Fülle von Ucbung*- arbeit war zu bewältigen, fo die allgemeinen Frei­übungen (3. und 4 Gruppe) zum Kreislest in Tarrn- hallt, die Qfulenplidjtübunaen für Gau und Kreis, die Pillchtüdungen an Reck Barren und Pferd in den verschiedenen Tumftufcn und die rhythmischen Bewegungen im Volkston;. statt der Kürübung am Reck wird bei dem Dctturnen die fieulenphidit- Übung eingesetzt. Zu den drei volkstümlichen Hebun­gen (75'Meter-Lauf. Kugelstoßen und Hochsprung) rrüt noch der Freiweithochsprung um auch einen ge- fonbertcr volk-.tümlichen Vierkampf für alle stufen .zu ermöglichen. Zur Uebernahmc dec- 7. (Jkw Frauenwellumens im August 1.3 haben sich die Turnvereine y.i Gladenbach Kirchhain. Laubach und Lauterbach qemclbet der Gauturnlag am 2". März wirb entscheiden. Der Tlittclrhcinfrci* hat angeregt, neben dem eigentlichen Turn kleid noch ein besonderes Kleid für Festzüge Wanderungen. Volks­tänze u. ä. in den einzelnen Gauen zu schossen, und so wirb auch ber Gag Hessen biefer Frage dem­nächst nähertreten

Schwimmen in Gieszen.

Wicfjcn gewinnt den Alubkamps gegen Wiesbaden mit 8 :5 Punkten

Der Klubwcttkampf. der zwischen Dem Gie­ßener S. D. und dem Schwimmklub von 1911 Wiesbaden am Sonntag zum AuS» trag kam. hat in feinem Ergebnis die Hoffnungen, die man auf ihn gefetzt hatte, übertroffen.

ES mag vielleicht manchem, her hie Voraus­sage zu diesem Schwimmwettkampf gelesen hat. neuartig berührt haben, daß man einen sport­lichen Wettkampf mit hem im Reich begangenen Gefallenen-Gedenktag in Verbindung gebracht hat. Die deutschen Sport verbände, und in erster Linie der Deutsche Schwirmnverbonh. sind im Laufe der letzten Jahre dazu über ;c angen bieen Tag. der hem Andenken unserer toten Helden- brühet geweiht ist, fo zu begehen, haß sie an hie Stelle von tatloser Trauer den Ausdruck für tätigstes, sportliches Leben, für ernste Arbeit am einzelnen und in her Gemeinschaft, bcn sportlichen Wettkampf setzen, um aus diese Weise Volks­gesundheit und Vaterlandswohl zu wahren und zu mehren. Unter diesem Zeichen und in diesem Sinne ist es auch anzusehen, wenn der Gießen zt 6. V. am Sonntag mit einem Wettkampf an hie Oeffentlichkeit trat, und habe» wieder einmal unter Beweis stellen konnte, haß er feinen Aufgaben bis zum letzten gerecht zu werben sucht.

Der Klubkamps im ganzen war ein glatter, wenn auch nicht leicht errungener Erfolg für hie Gießener. Wie vorauszusehen, traten bic Gäste in guter Verfassung an unb vermochten vor allem in bcn Freistilwettbewerben verschiedentlich den Gießenern bas Rachsehen zu geben, während diese in ihrer alten Stärke, her Brustlage, wie stets ihre Siege unangefochten gewinnen konnten. Die einzelyen Wettkämpfe wickelten sich flott ab. Angenehm^ Abwechslung boten bas Schau­springen und nicht zuletzt her von den Gießener Damen geschwommene Reigen, ber bewies, haß man es bei eifriger Arbeit im Verlauf her letzten Monate auch auf hiefem neuen Gebiete zu Erfolg gebracht hat. Bei ben einzelnen Ergebnissen muß in Betracht gezogen werben, haß hie WieS- babener Schwimmer mit ben fremden OrtSoer- hältnlsfen, wie haS stets ber Fall ist. zu rechnen Hatten. Immerhin zeigt bas Enhresultat hie UeberlegenHeit ber Hiesigen, bic im übrig?n ganz, offensichtlich über eine bessere Start- und Wenbe- technik. wie auch im allgemeinen besseren Stil verfügten. Höhepunkte waren hie von den Gieb ­ner Knaben gewonnene Freistilstaffel (3x4 Bah­nen- unh vor allem hie große Freistilstaffel (10x4 Dahnen), bic her Gießener Schwimmverein, man muß wohl sagen wiber Erwarten, für sich entfcheiben konnte. An allen Rennen, insbeson- bere aber an den beiden genannten, nahmen bic Zuschauer lebhaften Anteil. Rachstehenb bic ein­zelnen Ergebnisse: (Bahnlänge 16 Meter.)

Zum Beethoven-Festkonzert des Gießener ttonzert-vereins

Unter den Symphonien Beethovens nimmt die Siebente im Verein mit derAchten" eine Sonderstellimg ein. In derSechsten" Hingabe an die Natur, hier ein Gehobensein durch ungeahnte Anspannung ber Kräfte, ein konzentriertes Zusam- menfaften des Willens. Schon in der Form mußte zur Durchsetzrmg der Grundtendenz des Wertes eine Abwandlung eintreten. Weder die zyklische Anordnung der einzelnen Sätze wie in derDrit­ten, noch die Korrespondenz der Ecksätze wie in der Fünften ober bic Abfolge nach einem bestimmten Programm wie in berSechsten" konnte dieser Acutzerung völlig Ausdruck verleihen. Die durch- gehende Steigerung erheischte eine neue Art ber Entwicklung. Richard Wagner äußerte sich über die A-Dur-Symphonie:Alles Ungestüm, alles Seh­nen und Toden des Herzens, wird hier zum wonni­gen Uebermut ber Freude, die mit bechanlischer All- macht uns durch alle Räume der Natur, durch alle Ströme und Meere des Lebens hinreißt, louchzend, selbstbewußt überall, wohin wir im kühnen Takle dieses menschlichen Sphärentanzes treten. Die Symphonie ist die Apotheose des Tanzes selbst: sie ist der Tanz nach seinem höchsten Wesen, die seligste Tat der in Tönen gleichsam idealijch verkörperten Leibesbewegung. Melodie und Harmo­nie schließen sich aus dem markigen Gebeine des Rhythmus wie zu festen menschlichen Gestatten, die bald mit riesigen, gelenken Gliedern, bald mit ela­stisch zarter Geschmeidigkeit, schlank und üppig fast vor unfern Augen bcn Reigen schließen, zu dem bald lieblich, bald kühn, bald ernst, bald ausgelaufen, bald sinnig, bald jauchzend, die unsterbliche Weife fort und fort tönt, bis im legten Wirbel der Luft ein jubelnder Kuß die letzte Umarmung beschließt.'

Indem Wagner dieses Werk als die Apotheose des Tanzes bezeichnet, betont er die formgeftaltenbc Straft des Rhythmus, der dem Werke den Impuls verleiht, der in seiner Abwandlung, Umformung zu einem neuen Aufbau der Form fuhrt. Eine Er- füllung der traditionellen Form an sich wäre der Entfaltung des Beethovenfchcn Geistes in bieiem Werke hinderlich gewesen. Der Dualismus der Themen hätte die Freiheit in der (Beftaltung ge- hemmt. So aber wächst z. B. das Thema des ersten Satzes ganz aus dem Rbnthmus des ' - Taktes yer-

aus. Thematische Bindung hätte den sich durch das ganze Werk hindurch bis zum dyonisifchen Taumel steigernden Impuls sich nicht frei entfalten taffen. So aber konnte sich bas Energieerlebnis bcs Schaf­fenden in feiner subjektiven Art im Lichte des Rhyth­mus klar ausbreiten und bas ganze Werk in feiner heiteren Einstellung als eine große Aufwallung er- scheinen lassen. Dem ersten Satz geht eine Einlei­tung voraus, bic in ihrer Ausdehnung fast die Be­deutung eines selbständigen Satzes erlangt, die aber mit ihrer feierlichen Ruhe und rhythmischen Span­nung ben Boden für bas sich entlobende Vivace vor- bereitet. Der zweite Satz bringt an Stelle des bisher in der Symphonie üblichen langsamen Satzes ein Allegretto (A-ÜRoll). Dem ganzen wohnt ein sinnen­der melancholischer Zug inne, getragen durch eine edle Gesangsmelodie, die sich zu dem rhythmisch bahinfchreitenden Orchester gesellt. Ein Zwischensatz in Dur läßt aus die Baumwett verklärendes Sonnen­licht fallen. Derselbe A-Moll-Quartettse^takkord, der den Sog eröffnete, schließt ihn auch wieder, gleich­sam wie ein Vorhang, der ein Bild ben Augen des Zuschauers entzieht. Wohl selten hat ein Sympho­niesatz eine derartige Wirkung auf das Publikum ausgeübt, und in Wien verlangte man diesen Satz regelmäßig Dakapo. Dos folgende Scherzo mit sei­nem wilden Anstürmen und wiederum mit seiner Anmut wird durch einen Zwischensatz unterbrochen, in dem sich heiterer Friede spiegelt. Der Schlußsatz steigert sich zur Ekstase in seinem wilden Wirbel, ber keine Schranken mehr kennt und in ber Entfesselung zum Taumel seinen Höhepunkt finbet unb bamit schließt. .

Beethovens einzigstes Violinkonzert be­ginnt mit einem breit ausgeführten Orchestervoripiel, bas bic (Bebanfenmett des Satzes vor dem Hörer ausbreitet und aus dem sich bann die Soloviolinc abhebt, indem sie in fast selbstverständlicher Weise aus der Älangwelt herauswächst. Das Larghetto führt er in Form eines Wechselgespräches, seinen Höhepunkt bildet ein weltentrückter Gesang der Violine, der plötzlich zu einem Rondo voller Lebens­bejahung übergcht. Es muß uns heule verwunderlich erscheinen, daß diesem Derk zunächst kein voller Erfolg befchieden war, fo daß Bee:hooen es für Klavier und Orchester umarbehete. Alle Errungen­schaften der damaligen Divlintechnif hotte er sich zu eigen gemocht, und der Violine als Königin des Orchesters Ausgaben zuerieilt, bic ihrer Anmut unb Würbe entsprachen.

Mit benLeonore-Ouvertürcn hatte Beethoven die dramatische Ouvertüre geschaffen. War er na­mentlich in ber zweitenLeanvre">Ouvertüre bet Szene gefolgt, fo beschränkt er sich in berCorio- (an'-Duoerlüre daraus, die seelischen Trieb- kräste im Drama darzustellen unb in ihrem Wider- ftreit zur Lösung zu führen. Beethoven folgt nicht, wie von Wagner angenommen wurde, Shakespeares ..Coriolan", sondern dem gleichnamigen Drama Collins. Der Tendenz des Werkes entspricht sein Stil, die Themen sind einfach, gedrungen, die Strei­cher werden als Träger ber Hauptgedanken bevor­zugt. den Bläsern fällt mehr die Betonung ber Ak­zente zu. Unb fo entspricht ber Gesamtcharokier des Werkes der Auseinandersetzung zwischen Herren- moral und Gesellschaftsmaral. -in-

Ausstellung des Dreistädlebundes in Darmstadl.

DemDreistadtebund, der gegenwärtig mit einer Ausstellung in der Kunsthalle am Rheintor in Darmstadt nach langer Zeit hier wieder an die Oeffenttichkeit getreten ist, gehören Künstlerinnen aus Darmstadt, Frankfurt und Main; an, sowie aus einigen benachbarten kleineren Städten: außerdem sind verschiedene Gäste geladen. Die Ausstellungen des Dreistädtebundes waren stets als Qüalitälsaus- flcllungen zu bewerten, weil die Bilder erst noch einer strengen Beurteilung angenommen werden: auch diesmal ist keine Leistung als schwach zu be­zeichnen. Im ganzen läßt sich die Ausstellung als gemäßigt fortschrittlich charakterisieren: sie bietet nur noch vereinzelt Bilder, die einer expressionistische.i Anschauungsweise entsprungen sind.' die Mehrzahl der ftünfllerinnen bewegt sich auf dem Boden der Sachlichkeit, doch ist jedes Extrem vermieden. Don den Bildern, die ber Dreistädtebund jüngst in Mainz ausfteltte, sind nur vereinzelte in Darmftabt zu sehen, so daß hier eine ganz neue Bllderschau dem Betrachter entgegentritt. An den Expressionismus ge­mahnt noch eine Darstellung von Häusern inmitten einer Schwarzwaldlandschoft von Agnes L o n oenbeck-Zachariae. Charakteristisch ist hier kaum etwas, aber ein anderes Bild, ,.<ochworzwold- tanne* betitelt, gibt weit eher einen Eindruck einer tannenumrauschlen Bergland schäft. Ein Porträt ber- selben Künstlerin, bas ben Bildhauer Ulrich darstclll, ist dagegen von dem Boden der neuen Sachlichkeit au (gefaßt. Aehnliche Entwicklungen lafien sich auch

bei Pauline Kowarzick und mehreren anderen Malerinnen feststellen: am meisten huldigt noch Paulo Fritsch dem Expressionismus. Von Ma­thilde Huber wirken, wie immer, stark ihre Land­schaften und Blumenstilleben: ihre Pinselfuhrung Hal eine Ausdruckskraft, die man als männlich be­zeichnen konnte. Frieda Best schwelgt mit ihren Blumen in Farben, und zwar bevorzugt sie im Gegensatz zu Mathilde Huber eine Grundfarbe und eine Blumenforte: der Reiz ihrer Bilder liegt in den mannigfachen Farbenschottierungen. Eigenartig ist die Kunst von Anna May-Haas, die sichtlich unter dem Einfluß französischer Maler ber Gegen- wart stehl. Ihre Farben zeigen eine starke Leucht- kraft, unb als Vorwurf hebt sie Stragenbilder aus Paris. Die Vorzüge ihrer Kunst finb auch einer Ansicht von Santa Margherita an der Riviera zu­gute gekommen. Merkwürdig ist, wie die Ausstel­lung einen wettbürgerlichen Zug vielfach erkennen laßt: das Naheliegende (abgefehen vom StÜIebcn), dos Heimalliche. trifft man fetten. Es ist eigentlich nur durch zwei Künstlerinnen vertreten, durch Mo- childe Stegrnayer und Mariho Veite. Ge- wisserrnaßen Erinnerungen an ihre oberhessifche Hei- mal sind der(Bleiberg" unb berDunsberg von M. S t e g m o y e r, bie eine geborene Gießnerjn ist unb seit vielen Jahren in Darmstadt erfolgreich wirkt. Leide Silber finb in Auftastung unb Malweife einanber ähnlich. Eine grüne, noch dem Düsteren hin fpielenbe Tönung herrscht vor, wodarch ben Silbern, namentlich dem von der Surg Gleiberg, ein besonderer Stimmungswert verliehen wird. Auch ihre übrigen Gemälde (Porträt, Akt usw.) zeugen von einer in sich gefestigten künsllerischen Persönlich­keit. Marcha Seite in Friedberg hat einige starke Tuschzeichnungen zu ber Ausstellung beigeftcuert, unter benen der Marktplatz und eine Straße von Sutzbach hier erwähnt seien. Slumenftllleben, ein Porträt und anderes verdient besondere Seachtung, darunter ist eine Herbstlandschaft in Holstein, die vom Sturm gepeischte Säume im Vordergründe Zeigt. Der Eindruck des Bewegten ist durch verwischte Farben ausgezeichnet gelungen. Als Gäste sind ver­treten: v. Deckerath (Frankfurt), Fr. de Beau- c l o i r (Darmstadt), Meta Deutsch (DarnTstadt), Secky S r egf us (München), Paulo Fritsch (München), Pauline K o w a r z i k (FronksurH, Emma Schütt (Griesheim o. M.), Augusta von Zitze witz (Berlin), Milly St ege r (Berlin).

EB.