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Nr. 58 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, (5. Februar 1927

Die Wiederaufnahme derTangerverhandlungen

Don unserem Pariser W 8 -Derichlerstotter.

Part», 10. Febr 1927.

2m Mittwoch, 9. Februar, begannen im französischen Außenministerium zwischen den spa­nischen und französischen Delegierten die Verhand­lungen über das -Tangcrproblem. Die Lage der Parteien ift etwa folgende Spanien bean­sprucht das Protektorat oder zum mindesten ein Mandat über die Tangerzone. Erinnerlich dürfte der berühmte .Tangervorstoß" Primo de Rivera« kurz vor der letzten Septemberlogung des Völker­bundes sein. Der spanische Diktator richtete da­mals an die Regierungen Englands. Frankreichs und Italiens eine Rote, in der da» Protek­torat über Tanger gefordert wurde. Gleich­zeitig gab die spanische Regierung zu verstehen, daß sie auS dem Völkerbünde austreten würde, falls ihr bei Ablehnung de» Protektorates nicht mindestens ein Völkerbundmandat-über Tanger erteilt würde. An dem geschlossenen Widerstand Englands und Frankreichs schei­terte das Ersuchen Spaniens, das auf der Sep­tembertagung dcS Völkerbundes die Folgert igcn zog und au« dem Völkerbund au«trat. England unö Frankreich gaben jedoch, um nicht allzu große Erregung in dem spanischen Volke hervorzurufen, zu verstehen, daß man bereit sei. mit Spanien zu verhandeln, und zwar sollten erst Vekpre- chungen zwischen den am meisten interessierten Staaten. Frankreich und Spanien stattsinden. nach­träglich sollten bann auch England und Italien herangezogen werden. Die ersten Verhandlungen begannen jetzt in Paris.

Soweit Aeuherungen von spanischer Seite »erliegen, hat sich der spanische Standpunkt in der Tangers rage nicht geändert. Roch vor we­nigen Wochen haben die bedeutendsten spani­schen Persönlichkeiten darunter der König und Primo de Rivera in Interviews, die sie der französischen Zeitung .Figaro" gewährten, erklärt, vast nur eine Lösung des Tangerproblems mög­lich sei. die Ersetzung des bisherigen Internatio­nalen Regimes durch die spanische Herr­schaft. Begründet wird der spanische Stand­punkt damit, haft es unmöglich fei, die Ruhe und Sicherheit in der Tangerzone zu gewähr­leisten, solange die internationale Verwaltung bestehe. Rur eine Macht könne bolschewistische oder fremdenseindliche Regungen unter der ein­heimischen Bevölkerung mit Energie unterdrücken, ein Moment, das auch für das benachbarte Ma­rokko von ausschlaggebender Bedeutung sei. Reben diesen mehr formellen Begründungen zielt, in dem Wunsche, sich die Tangcrzone einzuver­leiben. die Hauptabsicht Spaniens wohl auf eine Erweiterung seiner Rkittelmeer- interessen, die nach der Ansicht der spani­schen Politiker Im Verhältnis zu England und Frankreich zu kurz gekommen sind.

Auch Frankreichs Standpunkt in der Tangers rage ist verglichen mit der Lage Im Herbst vorigen Jahres unverändert geblieben. Rur im Rahmen der Verträge könnten Spanien Zugeständnisse gemacht-werden, die sich aber lediglich auf die Verwaltung der Stadt Tanger beziehen und auf keinen Fall ein spanisches Protektorat über die Tangerzvne ins Äuge sassen. Unter den Verträgen ist in erster Linie die französisch-marokkanische Kon­vention vom 30. März 1912 und die sranzösisch- spanische Konvention vom Rovember des gleichen IahreS gemeint. 3n der ersten wurde die Sou­veränität des Sultans von Marokko über Tanger aufrechterhalten, in der zweiten eineSpezialverwaltung" für Tanger vorgesehen, deren Statut später bestimmt werden sollte. Dies ist dann nach französischer Auffassung durch das Abkommen vorn Jahre 1923 geschehen, das von Frankreich. England, Spanien unterzeichnet, das Verwaltungsstatut der Stadt Tanger wie folgt bestimmt. An der Spitze der Verwaltung steht ein Franzose, ihm zur Seite ein Engländer und ein Spanier. Die ausländischen Kolonien sind in einer Versammlung vertreten, deren Beschlüsse den Vertretern der obengenannten Mächte vor- gclegt werden. Dieses Ilbkommen vom Jahre 1923 lävff auf 12 Fabre, und an und für" sich ist weder

Iubiläumskonzert des DauerfchenBefang erems

Fünfundzwanzig Fahre Tätigkeit als Chor- meister fchlicften eine beträchtliche Summe von Arbeit und Leistungskrast in sich ein. Das er­scheint um so bedeutender, wenn man die Reihe der Erfolge überblickt, die der Verein in dieser Zeit aufzuweisen hatte. Diese Erfolge find aber auch gleich wieder der beste Lohn für die auf­opfernde Arbeit des Dirigenten.

Richts ist für das Bestehen und Erblühen eines Vereins ausschlaggebender als der Dirigent. An ihm liegt es. daft sich der Verein nicht nur als eine gesellschaftliche Vereinigung fühlt, in Djr Geselligkeit gepflegt wird, sondern daft et künstlerischen Zielen nachstrebt. Es gehört eine starke Persönlichkeit dazu, die ver'chiedensten Lebensalter zu einem gemeinsamen Strien zu vereinigen und den gemeinsamen Willen zur Tat werden zu lassen. Mit den Erfolgen wächst auch das Verantwortungsgefühl des einzelnen Chvnnitgliedes. und mit solch einer willigen Chor- Vereinigung ist schlechthin jedes Ziel erreichbar.

Otto Görlach ist keine von den Dirigenten­naturen. die in der Aufführung mit großer Ge­bärde die Ihren zum Erfolge führen und damit das ausgleichen wollen, was sie in den Proben versäumt haben. Seine Hauptaufgabe liegt in der vorbereitenden Arbeit, und wenn in den Aufführungen stets alles »klappt'. so ist es die beste Bestätigung Dafür. Man wird vielen Chören mit noch größerer Sängerzahl begegnen, aber feiten einen Chor antreffen, bei Dem Der Aus­gleich Der verschiedenen Stimmgruppen zu einem einheitlichen, getätigten Chorklange vollzogen ist. So wird man bei den Konzerten des Bauer- fchen Gesangvereins immer wieder die glänzende Klangkraft des Forte und das aus­geglichene schwebende Piano anerkennen. An den thematischen Sätzen wird es sich erweisen, daft auch die mittleren Stimmgruppen zur Ausprä- gung der llanglichen Linie erzogen worden sind.

Wie der Umgang eines Menschen seinen Charakter offenbart, fo offenbart die Dortrags- folgc eines Männerchorkonzertes stets Den Geist, der im Verein gepflegt wird. Richt immer hält sich das Programm Der Männerchöre von rühr-

bei England (Gibraltar) noch bei Frankreich da» Bedürfnis vorhanden, eine Aenderung de« bis­herigen Statut» eintreten zu laffen. Französischer- leite folgert man weiter, daft selbst, wenn Frank­reich auf feine eigenen Rechte zu Gunsten Spa­niens verzichten wollte, ein spanisches Protektorat über Tanger auf keinen Fall in Frage komme. Die dem Sultan von Marokko feierlich ver- fprvchene Souveränität und der Umstand, haft Frankreich nicht allein über Tanger zu verfügen haben, ständen Derartigen Wünschen Spanien» entgegen. Diese mit allem Rachdruck vertretene franzöftiche Auffassung wird ohne Unterschied der Partei von fast allen Blättern am Vor­abend der Verhandlungen geteilt.

Mit sichtlichem Unbehagen beginnt die fran­zösische Regierung die Verhandlungen. Sie ist sich klar darüber, wa» eine erneute Ablehnung der spanischen Wünsche eventuell für Folge­rungen hinsichtlich deS Verhältnisses zur .latei­nischen Schwefternation" mit sich bringen würde. Aus der anderen Seite will aber Frankreich keine Revision der Mittelmeerinteressen, denn eS weift ganz gut. daft. wenn es Spanien den kleinen Singer gibt, dleses die ganze Hand toill. Der Appetit kommt nun einmal beim Essen.

Und e» handelt sich bei einer eventuellen Neu­verteilung der OHitidmcenntcreflen nl cht um Spanien allein. Ein noch unbequemerer Rachbar Frankreich« erhebt Anspruch auf Kolo­nien. Afrikabesitz ufw. für feine sich ständig ver­mehrende Bevölkerung Italien. Schon im Herbst vorigen Jahres, gelegentlich der ersten Tanacrnoie Primo de Rivera», war die Haltung Italiens zum mindesten zweideutig, und e« fehlte nicht an französischen Stimmen. Die behaupteten. Daß Primo De Rivera überhaupt nur von Mussolini vorgeschoben fei. um Die Frage einer Revision Des Mittelmeerbeckens in« Rollen zu bringen. Geben jetzt Frankreich und England Spanien nach, fo können diese Mächte unmöglich Italien gegenüber einen rein ableh­nenden Standpunkt einnehmen, und weitere Opfer Frankreichs ober England« sind erforder­lich.

Zufammenfassn' dürste man in der Annahme nicht fehl gehen, Daft die jetzt beginnenden Pa- rifer Verhandlungen sich langwierig und schwierig gestalten werdeiu Ob sie zu einer Einigung füh­ren, läßt sich heute natürlich nicht ohne weitere« Vorhersagen, da der Standpunkt, den beide Mächte vertreten, noch sehr voneinander abweicht.

Blinde Passagiere.

Als Eisenbahntramp in Amerika.

9n Den Bereinigten Staaten hat Die Vaga­bundage infolge Der ungeheuren Entfer­nungen Formen angenommen, Die uns fast märck-enhaft erscheinen. Es ist Das Verdienst Erwin Rosens, in seinemDer Deutsche Lausbub in Amerika" aus eigenem Erleben uns dieses Eifenbahn-Vagantentum geschildert zu haben. Rosen kam als oer- krachtet Pennäler nach drüben, führte zeit­weilig wochenlang ein abenteuerliches Leden alsTramp, schlug sich durch mit jeder Art von Arbeit als Farmknecht, Geschirr­spüler, Apothokergehilse, Fischpvtler usm. und schuf ein Dutzend Fahre später aus diesen amerikanischen 3ugenberinnerungen eines Der interessantesten Bücher, eben DenDeut­schen Lausbub in Amerila", der in seiner großen Dreiteiligen Ausgabe Hunderttaufende deutscher tiefer gesunden hat. Jetzt läßt der Verlag von Robert Lutz in Stuttgart der vor zwei fahren erschienenen einbändigen bil­ligen "'Olfsausgabe des Lausbub-Buches eine noch billigere dreiteilige ungekürzte Volksaus­gabe erscheinen, um bas Rosensche Erlebnis­buch noch tiefer ins Volk hinein zu tragen und auch dem wenig bemittelten Bücher­freunde feine Anschaffung zu ermöglichen. Der erste Teil erschien vor kurzem. Diesem ent­nehmen wir die nachstehende Schildening von Rosens Debüt als Eisenbahntramp.

*

_--Ich folgte Billy lautlos. Dann ging es

die Böschung hinab, an Haufen von aufgestapelten Schwellen entiang. Dreißig Meter vom Bahnhof blieb Billy stehen, kauerte sich nieder und winkte mir, Das gleiche zu tun. Unsere Köpfe ragten nur ein wenig über Die Böschung empor.

Roch zehn Minuten, sagte er, auf Die Uhr sehend.

Und---?"

Pst! Richt sprechen!"

Ein leises Zittern, ein kaum merkliches Sichregen in den Stahlschienen vor unseren Köpfen. Es wurde stärker, lauter. Ein feuriges Riesenauge blitzte auf. Und nun ein Gerassel, ein schallendes Dröhnen. Ein greller Pfiss. Der Erpreß brauste heran, und mit einemmal war alles Leben und Lärm. Kondukteure {prangen herab. Reifende ftieaen aus und ein; Schwatzen, Lachen, Rufe und Kommandos tönten herüber.

Billy rührte sich nickt. Das Riefenauge der Loko­motive warf weithin olendenden Schein über das Geleise. Wir, an der Böschung, blieben im Dunkel. Aus einer gewaltigen Röhre ergoß sich Wasser in den Tank des Tenders. Der Lokomotivführer, eine Petroleumfackel in der Linken, eine langstielige

Kanne in der Rechen, schritt von Oelkapsel zu Del- kapsel ferner Maschine, ölte und untersuchte.

»Hören Gier flüsterte Billy. .Wenn Der Zug sich in Bewegung seht, springen Sie auf Den ersten Wagen nach Dem Tender. Direkt nach dein Tender. Ja nicht vergeffen! Das ist Der Post­wagen unD Die einzige Möglichkeit. Links und rechts vom Trittbrett sind Messingstangen. Klam­mern Sie sich an und schwingen Sie sich hinaus. Geht es nicht, so lassen Sie sich nach rückwärts fallen. Kümmern Sie fich nicht um mich; ich tDerik nach Ibn en springen. Warten Sc aber ja. bis die Lokomotive ganz nahe hier ist. sonst werden wir vom Bahnhof aus gesehen. So jetzt!"

Der Expreß hatte sich in Bewegung gesetzt. Mir schien es eine Ewigkeit zu Dauern, bis Die Lokomotive herankam. Endlich! Mit einem Sah sprang ich hoch, geblendet einen Augenblick lang Durch Die Laterne, verspürte etwas wie Luftdruck, ließ Die schwarze Masse des Tenders vorbei- Dröhnen und sah Stufen, einen Mefsinggriff. Hastig griff ich zu. ilnb wurde förmlich hinauf- geriffen. 3m gleichen Augenblick fchob mich etwas vorwärts und neben mir stand lachend Billy.

»Ausgezeichnet für's erste Mal." sagte er. »Machen Sie sich's bequem.' Er hockte auf dem Boden der Plattform nieder, mit Dem Rücken gegen Die Wagen wand gelehnt. »Wie gefällt es Ihnen?"

Ich schnappte nach Luft und nickte nur.

»Dies ist ein blinder Postwagen." erklärte er. »Blind, weil er vorne und hinten keine Türen hat. sondern nur Seitentüren; zum Schutz gegen Eisenbahnräuber. Sie verstehen Damit nicht Verbrecher vorne aufspringen (so wie wir's ge­macht haben) und dann von Der Plattform aus Die Türe erbrechen können. Mögen Die Götter Den Mann segnen, der Den Einfall des blinden Postwagens hatte. Wenn es nicht etwa dem Heizer einfällt, über den Tender zu flettem. find wir bis zur nächsten Haltestelle sicher."

Der Zug jagte bald mit ungeheurer Ge­schwindigkeit dahin. Von beiden Seiten und von vorwärts, über den niedrigen Tender hinweg, fegte der gewaltige Luftdruck puf uns ein tote Sturmwind. Feuchter Dampf und winzige, scharf stechende Kohlcnteilchen peitschten unsere Ge­sichter. Sprechen war fast unmöglich geworden in dem tosenden Lärm des dahinjagenden Zuges; man hätte schreien müssen, um sich zu verstän­digen. Ich starrte und starrte. Draußen huschte es vorbei wie gigantische Schatten; schwarze Schatten Der Dacht, bald tiefdunkel, bald grau in grau Häuser und Bäume und Felder unD Dorschen. Ein einsames Licht dann und wann, glitzernd nun, dann verschwunden, wie hüpfendes

Irrlicht im Sumpf. Ich zitterte vor Kälte und duckte mich zusammen unter Dem einpeittchenden Lust ström. In mir aber jubelte es. Mir war es. al« fei ich im MärchenlanD aufregcnbtn Erlebens- lern von Den Dingen Des Alltags. Ich war wie trunken. Damals wußte ich es nicht aber was ich zum erstenmal erlebte in jener Teravnacht, war berauschendes Zigeunertum, nadte Ro­mantik. Das lieft einen zittern und jubeln zu­gleich; das lieft einem die Augen aufleuebten und Da« Herz rascher schlagen. Weiter, immer weiter. Mehr Schatten. Mehr Lärm. Mehr Lichter tauchten auf, erlöschenD, von neuem ge­boren. Immer mehr Wie ein (elfer Ruck, wie ein fünfte» Knirschen ging e« Durch Den Zug und Da« Dahin jagen verlangsamte sich

..Herunter -- sobald wir durch den 'Bahnhof find!" rief der Mann neben mir

Ein Auf tauchen von flutendem öicftt ein Sprung und wieder lagen wir auf feinem Kohlengeröll an einer Böschung und warteten wieder endlose Sekunden, bis das fauchende Un­getüm auf unS juftürmte. und wieder sprangen wir.

Das wiederholte sich viermal, fünfmal, acht­mal. Au« den tiefen Rachtschattcn wurden graue Rebel, in Denen hier ein Hau« Dort ein Stück Wald in unbestimmten gespenstischen Umrilfen erschien, vorbeisausend, noch ehe das Auge be­stimmte Formen unterscheiden konnte. 'Weiler, immer weiter. In Dampf und Lärm und Sturm- wind. So Schönes hatte ich noch nie erlebt. Immer lichter wurden die Rebel und weit Draußen im Osten säumte es sich wie ein seiner heller Streifen am Horizont hin, wie ein dünnes fif bemes Band.

Weiter, immer weiter. Eine Station der Sprung . . .

Als wir so balagen, schlenderte ein Slonbuftcur an der Lokomotive vorbei, sah sich forschend um. guckte die Böschung entiang und kam auf uns zu.

«Hallo, Jungens", sagte er.Hab' euch adfprin- gen sehen. Schluß! Ich könnte in Unannehmlich­keiten kommen, wenn man euch sähe. Ich selbst werde auf dem Postwagen fahren bis zur nächsten Station. Gebt euch also keine Mühe!"

Allright! ries mein Begleiter und stand lachend auf.Komin, mein Junge. Dieser Zug hat feine Schuldigkeit getan.

Probiert es ja nicht!" rief der Kondukteur noch einmal.

Billy schlenderte ganz langsam über bas Geleise und betrachtete sichnsüchtig denKuhfänger", den fchaufelförmigen Holzaufbau an Der Lokomotiv- spitze, der dazu ba ist. Hindernisse auf bem Geleise wegzuschloubern

..Man könnte auf dem Kuhfänger--* mur­

melte er.Aber nein, hat feinen Sinn. Ift Ja gleich heller Tag.

Er zog mich mit fich, nachdem er einen raschen Blick auf den Ramen am Stations­gebäude geworfen hatte. Cliston hieß die Sta­tion. Wir verschwanden auf Rebengeleifen, zwi­schen Reihen von Frachriügen. und der Expreß toste vorbei. Billy sah sich die Frachtwaggons sehr sorgfältig an und öffnete Dann die Schiebe- türe eines leeren Wagens

Hotel zur Eisenbahn!" lächelte erKlet­tern Sie nur hinein."

UnD in diesem leeren Frachtwagen studier­ten wir Karten und Fahrpläne. Hundertund­fünfzig Meilen weit waren wir gefahren in Der "Nacht. Dann legten wir uns zum Schlafen hin, uns mit Den Röcken zudeckend, denn fo war es wärmer ... Ein Geschüttel und Gerüttel weckte mich auf, und als ich aufstehen wollte, wurde ich gegen die Wand geschleudert. Der Zug war in Bewegung.

Ein Carneqie - Lehrstuhl an der Berliner Hochschule für Politik.

Der Professor Der Geschichte an Der Colum- biauniDerfität in Reuyork. James T. Shot­well, der zum ersten Inhaber des auf Beschluß De« Vorstandes Der Carnegie-Stiftung an Der deutschen Hochschule für Politik in Berlin neu­errichteten Lehrstuhls bestimmt wurde, ist in Berlin eingetroffen. Shotwell wird zunächst einige Spezialvorlesungen halten und am l.März zum Eintritt des neuen Lehrauftrages eine öffentliche Festvorlefung in Der Hochschule für Politik halten

seliger ,CieDcrtafelei" fern, indem Werke mit stark sentimentalem Einschlag, die Den männlichen Mesen und seiner Würde nicht entsprechen, ge­pflegt werden. Um so angenehmer wird man immer beim Bauerschen Gesangverein von Der sorgfältigen Auswahl berührt sein.

Den Höhepunkt des Konzertes bildete un­zweifelhaft H e g a r « Chorballade »Totenvolk". Mit feinen Männerchören hat sich Hegar einen Ehrenplatz in Der Deutschen Männerchorliteratur gesichert, indem er die Klangwelt der Männer­stimmen vor würdige Ausgaben gestellt hat. Daß er mit seiner fast ans Realistische grenzenden Aus­drucksweife an das musikalische Können Der Chöre schwierige Anforderungen gestellt hat. hat zum großen Teil daran mitgetoirft. daß sich das musikalische Riveau der Chöre bedeutend gehoben hat. Wie der konzertgebende Verein das Werk durchführte, das kann man in dem gegebenen Rahmen als vollendet bezeichnen. Die klanglichen Höhepunkte wirkten packend und durchschlagend. Die deklamatorischen Gegensätze wurden plastisch gestaltet.

Robert Schumanns Kanon »Die Rose stand im Tau" erwies, daß Der Chor auch lyri­schen Eingebungen zu folgen imstande ist Heber Den Aart abgetönten einzelnen Wiederholungen lag ein feiner romantischer Hauch. Ebenso zeigte der Chor mit Beethovens .Vesper" ein ge­dämpftes. verklingendes Piano, besonders fielen die Tenöre mit ihrer weichen Tongabe auf. Der letzte Chor .Vaterland" von Wohlgemuth gab besonders Gelegenheit, prächtigen festlichen Glanz in der Stimmgabe zu entfalten. Fein ab­getönt wurde Mendelsohns »Wie selig sind die Toten" mit feiner Crescendoentwicklung unD seiner klaren Thematik.

Ein Tell des Programms war dem Volks­liede gewidmet. Da ergab sich in der Behand­lung der einzelnen Strophen eine feinsinnige Durcharbeitung Besonders »Don Den zwei Hafen" (2L von Otheg raven» wurde in feinem Hu­mor trefflich erschlossen. Daß gerade die Volks- lieder in dieser Darbietung zu Zugaben heraus- forberten, bedarf wohl kaum Der Erwähnung.

Zwischen Den einzelnen Gesängen zeigten 2Uit ® r a e f (Violine, und Karl Roller (Kla­vier) ihr Können. Mit Beethovens A-Stur- Sonate hatten sich beide eine hohe Ausgabe ge­

stellt. die sie recht erfolgreich Durchführten. Weit mehr erschlossen sich aber beide in Den folgenden Stücken. In Der Arie aus Regers ^-Moll- Suite. op. 103 a, entfaltete Fräulein Graes vollen sonoren Klang in Der Kantilene. Das Menuett aus der gleichen Suite mußte wiederholt werden. Daß von der Geigerin für später noch recht Tüch- ttges zu erwarten ist. davon zeugte Dvoraks »Allegro appassionalo" mit feinem inneren Drän­gen. Dafür sprach auch Die letzte Zugabe Durch Die reinen Doppelgriffe und Das saubere Flageo­lettspiel. Karl Roller war ein Begleiter mit geschicktem Anpassungsvermögen und Sinn für klangliche Untermalungen.

Da die Konzerte des Bauerschen Gesangver­eins manche zu thren Hörem zählen, Die andere Konzerte nicht ständig besuchen, fo entsprach es seinen musikalischen Zielen, Daß er den ersten Tell des Programms zu einer Gedächtnisfeier für Die lOOjäßrige Wiederkehr des Todestages Beethovens ausgestaltet hatte. Dem Jubllar des Vereins möge noch eine lange erfolgreiche Tätig­keit In voller Schaffenskraft beschielen sein, -in-

Jur Darmstädter Intendantensrage.

In einer in Darmstadt abgehaltenen Ver­sammlung des gesamten Theaterpersonals wurde einstimmig eine Entschließung gefaßt, in der dem zurückgetretenen ®eneralinienbanten Ernst Le - g a l das volle Vertrauen ausgespro­chen wurde. Es sollen Schritte unternommen werden, um Legal zum Bleiben zu bewe­ge n. Eine Abordnung sott bei den zuständigen Instanzen in diesem Sinne vorstellig ©erben.

Uraufführung in Mainz.

WSN. Mainz, II. Febr. Die dreiaktige Mär- chenoperDas schlaue Füchslein" des Ie- nufa-Komponiften Leo Äanacek ging gestern im Mainzer Stadttheater zum ersten Male in Deutfch- lanb über die Bretter. Dem vorn Komponisten nach einer tschechischen Novelle selbstoersaßten Textbuch liegt eine phantastische Tierfabel zugrunde, deren weniger dramatisch straffe, als lyrisch idyllisch ver­sponnene Handlung der Musik reiche Gelegenheit

zur Entfaltung blühender Klangkolorite und roman- tilchen Stimmungszaubers bietet. Zu stärkerer Büh­nenwirkung fehlt es dem Libretto an szenischen Höhepunkten und dramatischer Schlagkraft. Die von Generalmusikdirektor Paul Breisach auss sorg, sältigste vorbereitete und mit überlegener Sicherheit geleitete Aufführung trug bem Werk einen freund- lüften Achtungserfolg ein.

Frankfurter Theater.

Wir sind mitten in der Faschingszeit, und das Publikum will sich nicht nur auf den zahlreichen Maskenbällen amüsieren, sondern auch im Theater. -Der Fußballkönig", Schwank in Drei Akten von Max Reimann und Otto Schwartz, dessen Aufführung am Samstag im

Ur5n Theater stieg, gibt zum Lachen reich­lich Anlaß. Die Firma Reimann und Schwartz wählt mit Vorliebe aktuelle Themen, die die Mit­welt beschäftigen. Wan es 1925 Der Rundfunk, ist es Diesmal der Sport. Die Handlung besteht aus einer recht geschickt und humorvoll geschriebenen Verwechslungsgeschichtc mit wilder Ellersucht. wirksamer Situationskomik und vor allem ausgezeichneten Aktschlüssen; nach jedem Akt raste Das Publikum und wollte fein Opfer haben, welches in Gestalt von Otto Schwartz. Der anwesenden einen Halste von Schwartz und Rei­mann erschien Der Schwank begibt sich folgender­maßen Carl August Tiedemann. Rudelsabrikant. hat eine fesche Frau und eine 18jährige Tochter außerdem einen Prokuristen. Der im Rebenberuf Fuftballkönig ist. Besagter junget Mann liebt die Toaster, besagter Rudelfabrikant glaubt. Die Liebe gilt seiner, von ihm vernachlässigten Gattin, und wird zwei Akte lang zum Othello. Am Schluß Verlobung. Aufklärung und Fußballsieg. Die Aufführung, Regie Heinrich Fuchs, war so luhig. wie es der Schwank verlangt. Mittelpunkt: Alois Großmann als eingebildeter Kranker unb eifersüchtiger RuDellabrikarN. neben ihm voll erschütternder Komik Georg Lengbach als Grundstückmaller Löwenstein. Die übrigen Ann') Hannwald, Sude Englisch. Paul O elfer s usw. waren mit Leib und Seele bei Der Sache das Publikum auch, so Daß das Re. c Theater und Der Autor mit diesem Abend zufrieden fein konnten.

L. W.