Ausgabe 
14.4.1927
 
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Nr. 88 Erster Blatt

177. Jahrgang

Donnerstag, 14. April 1927

Dnd idö Derlag: vrßhl'sche Uniorrsitäirvuch Steinärudtrti H. tanqc in Steift. Sdfriftldhnig und 5ch»!stratze 7.

Bl, B4 Mb in Anschrift fftr vrahtnach. ri*trx: leidger eir|ti.

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Beilage«:

tefcrwr ^cmUknblfttter Heimat in ML t>k Scholl«

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

lenOet »M lejtlaee ftr Ht 24gt*n*niwt bw <uta R«ch«m»g reibet.

Preu tir | MM |tr Äw$»tgm von 27 n m Brette snltch 8, ee»3*ne 10 Reichspfin»-: fit Se- Idanren U'9«n »»" 70 MM Brette 3S ^n^epffewtj, VlejoerMrrih » mebt.

Cbrirebaktewr

Dr. jrtebr. TDU». Lange. Detewtmortlt* Mir Polini Dr. $e TDilb. Canet; ftr gewilfton Dr f\ Ibonef; ftr den übrigen 2ra Ernst Vlnmschetn: ftr den In» jetgtntfd ftun f^iBmaa«, sämtlich hi llkiesten.

Londoner Brief.

von unserem .» Berichterstatter London, den 12. Hpril 1927. (Vachdruck auch mit Quellenangabe verboten., Dao Schanghai nufci nur eine Stadt an der Mündung des /-angtsenang ist, sondern auch ein Verbum 4° »changhe i,he hae bcen thangbaied, sei vorweg deine rll. Jemanden zu schanahaien. dstzeutet, ibn im Zustande einer alto» hoNschen Totaloerunnüchierung an vord jene» in >edem besseren 5Um zu sehenden, völlig verkomme- nm. von Schwerverbrechern bemannten, im Hafen an der Ankerkette ..schaukelnden" Segler» zu brin­gen. Erwacht dann do» Objekt noch tagelanger See­reise. ist er schon aus hohem Meere. Er kann nicht mehr entrinnen ueb er weih, doh er ..schonghoied" ist. Da» Verbum schanghaien ist auch im Deutschen möglich, und wir erinnern kritische Leier an den Monat Mai. der oftlo und passiv konjugiert werden kann.

Damit können wie zur Sache kommen. Alsa, ganz England ist schanghaie d. 2» befinde» sich, die» ist da» allgemeine Gefühl, aus u n b e1 a n n- tem Schisse m It unbekanntem Reise- ziel auf dem Ozean der Gegenwart. Da ist zunächst der muntere Churchill, der englische Schatzkanz­ler. der sich in dem besagten Zustande befindet. Dir wollen un» heute hier nicht auf da» hohe Roh der finanziellen Enttirf rfiänöigfelt schwingen: aber e» läßt sich doch nicht leugnen, dah Churchill Pech ge­habt Hot: denn ein Defizit von rund 720 Millionen Mark ist für einen Finanzminister kein angenehme» vstergeschenk. Genau genommen kann Churchill na­türlich nicht» dafür. Er ist schonghoied worden. Finanpolitisch natürlich nur. Dah aber die liberalen Blätter, die hier übrigen» keine wesentliche Rolle spielen, die Gelegenheit benutzen, Zeter und Mordio zu schreien, versieht sich. Do» Hot erfahrung»gemäß auch Rückwirkungen auf Deutjthlond. E» muß daher gewarnt werden vor übertriebener oder sen­sationeller Behandlung der englischen Budgetfrage. Allenthalben in der Welt ist der Staatshaushalt ein« der besten Gelegenheiten zur Erzielung popu­lärer Wirkungen auf die Wohlermosien wenn man sich In der Opposition befindet. Daß alle Feinde der konseroakioen Regierung und e» sind deren nicht wenige einen Thor der Rache an- stimmen, liegt aus der Hand.

Wir zitieren eine Rede öir Auckland ©eb­be*'. eines früheren Staatvministers und Bot- schafiers in Washington, bie er am Samstag gehalten hat.Der Weltrekord absoluter Sinn­losigkeit.'' sagte er.wird von dem Rest bet liberalen Partei rm Unterbaute gehalten. 3m Durchschnitt ist 50 Prozent der Desamtwirkung durch fortgesetzte Abwesenheit dieser Abgeord­neten vergeudet worden, und ausweislich der Absfimmungsstatiftik hoben immer je 50 Prozent rür und 50 Prozent gegen bie Regierung ge­stimmt!" Man muß. ergilü sich daraus, das Der- bum schanghaien auch tn irgendeinem Sinne aus die englischen Liberalen anwenden. Daß es im 2toeitcdager gärt, daß MacDonald mal dos Vorrecht hat seine langen Deine gegen den Disch des Hauses zu stemmen und als Partei­führer bie Sonne bet Bedeutung auf seine weihe Löwenmähne fallen zu lassen, ändert nichts daran, daß sich der fähigste Stopf des radikalen Flügels. Wheatleh. ehemaliger Gesundheitsminister, grollend in den Hintergrund zurückgezogen Hot und einen immer größeren Anteil an der Macht »u gewinnen droht. 2lur eines kann die auch heute noch zerklüftete und gespaltene Opposition zusammenführen, das wären Neuwahlen. So ertönt denn auch hin und wieder dieser Schlacht­ruf. Aber es glaubt niemand fo recht an diese Möglichkeit Dos freiwillige pol fische Harakiri, das Baldwin im Herbste des Jahres 1923 mit vorzeitigen Neuwahlen begangen hat. steht noch fritib und warnend vor dem politischen Ge­dächtnis.

Wichtiger als bas Budget, entscheidender als bie Innere Politik im allgemeinen. bis in die Diesen bringend, alles beherrschend, ist bie Sorge um China, Englands heimliche Ko­lonie. Es ist heute sicherlich populär, mit großen Worten bie Dcrcchtigung der nationalen An­sprüche Chinos hervorzuheben, die Leistung der Santonelen zu rühmen und eine > Fülle von Rat­schlägen herporiubringen. die den außerordent­lichen Dorzug besitzen, völlig theoretisch und ganz undurchführbar zu sein. Sieht man aber die Dinge pom englischen Standpunkt aus, versucht man. sich in bie Loge der hier leitenden Staatsmänner hineinzudenken. bann ist zunächst zuzugeben, daß bie englische Regierung und Ration aufrichtige Sympathie wegen der (lugen unb mannhaften Be­handlung der Cbn-atrage verdient. Der Engländer fühlt sehr deutlich, daß er im fernen Osten nicht etwa nur den .äffischen Machenschaften oder der nationalen B.uegung oder den Japanern oder den Franzosen, sondern vor allen Dingen den Amerikanern gegenübcrsteht. Unb wir zitie­ren wiederum einige Worte aus der Geddes- Rede. Thino. sagte er. würde heute unb schon leit langem nicht mehr europäisiert, son­dern amerikanisiert. Ss sei ein verhäng- nispoller Irrtum. Amerikanisierung gleichzufeyen mit Europäisierung. Europa wäre bem Durch- schnittsamenkaner. besten ^inlluß auf die junge studierte chinesische Ocffentlichkrit sich durch Mil­lionen. Schulen und Universitäten ausbratet, völ­lig unbekannt. Dieser Durchlchnittsamerikaner be­trachte Europa und die europäischen Staatqi unb Volker in sehr eigentümlicher Weise. Ss wäre auch heute noch in Amerika Mode unb gelte als verdienstlich. den Löwen tSnglanb) zu uzen. Der Einfluß von Moskau wäre nur durch die vor­hergehende Amerikanisierung der chinesischen öffentlichen Meinung möglich gewesen.

Das tff außerordentlich interessant, und stimmt mit den Beobachtungen edler Chinakenner über­ein, bie stets den verhängnisvollen Einfluß der durch Missionsschulen en gros verbreiteten Halb­bildung gefürchtet hoben.

DerRegierung Baldwin ist es bisher ge­glückt. den Beifall der Ration für chre EHina- Politik zu finden. Das war ein Kunststück Sa gibt auch hier eine scharfe Richtung, die einen .first dass row nicht ungern sehen Würbe. Aber die maßgebenden Äveile leben den Ernst der Gefahr einer solchen Politik. Den Zwilchenfall von 6binfiang betrachtet man hier und da nicht ohne Sorge, wie man überhaupt bie Gefahr der gegenwärtigen Lage darin erblickt, daß daS an Ort und Stelle befindliche, täglich stärker unb aknorisfähiger werdende Militär bie Verven verliert. So merkwürdig es Hingt, sogar auf der Londoner ®ummtbörfe in der Um­ring Lane macht fich neuerdings starke Aervo- lität bemerkbar. Die Gummileute fürchten näm­lich folgendes Auf den ®ummiplantager. auf der Halbinsel Malakka und den himemndifchm Inseln bestehen die Arbeitskräfte ausschließlich aus chinesischen KuliS. Sr ersch.cn lehr wohl denkbar, daß die chinesischen Dirnen auch auf sie Übergriffen. Kurzum, man befürchtet Ar beiterunruben. Auf alle Fälle ist die Zufuhr von Rohgummi aus diesen Gegenden neuerdings ausfallend stark anoewachien. Man sieht darin ein Symptom der Herausschaffung der vorhan­denen Borräte für den Fall von Arbeiteruw- ruhen.

Aichtsdestoweniger wirb man da» Oster­fest in England, sofern bas Detter gut ist. fröhlich wie stets, begehen. Defizit ober nicht, genau genommen spielen alle diese Sorgen unb

Seine Einigung nm Her Möriftnngsionierem.

Genfer Zwischenbilanz.

Die Abrüstungs-Vorkonferenz in Dens ist oestem für acht Tage ouseinanbergegangen. Vie hat in langwierigen Verhandlungen eine erste Lesung ihres Bevatungsstoffs. bte Festsetzung eines Programms für bie Abrüstungskonferenz selbst, durchgenommen unb ihre Teilnehmer Wer­ben sich in der Mehrzahl vermutlich einbllden. daß fie auch ein Ergebnis erreicht hätten.

In Wirklichkeit ist für den Außenstehenden b* Bilanz der ganzen Berhonblungen. bie ein­schließlich bet ersten Borkonferenz nun schon bald ein Jahr anbauem. eine außerordentlich küm­merliche. In Bezug auf die Lanbobrü- stung wurde nichts erreicht. Der deutsche Der- !rette. Gras Bern ftorss. der Wortführer für die moralische unb vertragliche Forderung auf eine tatsächliche Rüstung-Verminderung, hat vor einigen Tagen in sehr klarer Form zum Ausdruck gebracht, daß bie nun formulierten Dorrschläge der verschiedenen Mächte unb Mächtegruppen nicht auf eine Abrüstung, nicht auf eine Rüstungsverminberung. ja, im Grunde nicht einmal auf bie Begrenzung der Rüstungen in ihrem gegenwärtigen Ausmaß hinauslaufen. sondern mir aus eine Art Atempause für das Wettrüsten, die auS finanziellen Gründen ohne­hin geboten ist und sich unter Umständen in einem verstärkten Wettrüsten nach Ablauf et­waiger Derpsfichtungen au-wirken könnte.

In der Frage der L u s t s a h r t hat man versucht, die von der Brüsseler Sachverstän- bigenkonserenz gemalte Feststellung umzuftoßen. wonach jeb« Verquickung bet Zivilluftfahrt mit der militärischen Luft rüst ung ausgeschlossen, tech­nisch unmögllch unb wirtschaftlich untragbar wäre. Man ist dabei allerdings aus ben entschiedenen Wiberstanb Deutschlands unb einiaer kleinerer Staaten gestoßen unb hat fich schließlich aus ein Kompromiß geeinigt, bas für die folgende Lesung alles offen läßt. Unb in der dritten Frage, derjenigen der Seeabrüftung. ist der Gegensatz zwischen den angelsächsischen Mächten und ihrem Wunsch nach Ausbau des Wa­shingtoner Abkommens auf einer neuen Sonder- kvnserenz. unb zwischen der französischen Gruppe. Ke z. B. von Japan unierftühr wurde, sehr eklatant zutage getreten; hier steht im wesent­lichen der französische Wunsch einer Begrenzung nach Gesamttonnage dem engfifd- ameri­kanischen nach kategorienweiser c*gren- -ung nach wie vor schroff gegenüber.

Alle Detailarbeit, bie sich auf baS Kriegs­material. auf Fragen der Geschüykaliber usw. bezichen. bilden angesichts dieser großen Kern­probleme nur eine Staffage, an der sich der mehr ober weniger gute Wille der einzelnen Delegierten üben konnte. Man wird natürlich offiziell nicht zugeben, bah biefer große Aus- toanb an Arbeit und Rhetorik nutzlos vertan ist: man wirb nach Ostern die Besprechungen wieder aufnehmen und versuchen, eine Formel zu finden, unter der man die Einberufung der endgültigen Abrüstungskonferenz in Aussicht nehmen kann. Aber da man mit allen schönen Beden nicht einmal dahin gekommen ist, unumwunden und allseifig die Dervfiichtung zu einer Abrüstungsverminderung anzuerken­nen. sondern sich teilweise sehr intensiv bemüht hat. diese durch die Präambel zum Teil V des Dersailler Vertrages unb durch ben Artikel 8 de- Völkerbund Pakts seftgelegte Verpflichtung in eine solche zurBegrenzung" des Aüftungs- standes auf seine gegenwärtige ober auch eine noch gesteigerte Höhe umzufällchen. müßte ein Wunder geschehen wenn triefe weiteren Ver­handlungen mehr als platonische Ergebnisse zei­tigen sollten. Deutschland hat nicht nur

für fich seinen guten Willen hmbgetan. sondern im Interesse des Weltfriedens fein möglichstes getan. Das Odium für diese Enttäuschung trifft also die andern.

Die Kontrollfrage.

KeiucEiuigungaufdcrAbrüstungokonfkrtnz

Genf, 13. April (BIS.) Der Vorbereitung»- ausschuß für die 21brü|tung»fon|ercns nahm heule nachmittag grund'ätzllche Erklärungen zur ftoniroU- frage entgegen. Äußer Amerika sprachen noch Italien und Chile sich entschieden gegen die Kontrolle und ffinndjtunp eine» ständigen RoniroU- organe au». Der italienische Sertrrkr sprach von einer grundsönlichen Meinungsver- schiedenhei 1 und bezeichneie die ftontrolfi al» technisch unwirksam und politisch ungeeignet, da ihre Einrichtung die Atmosphäre de» internotionaten Segen seifigen vertrauens nicht fördern würde. Auch a p a n ist grundsätzlich gegen die Kontrolle, will sich aber die endgültige Stellungnahme für die zweite Lesung oordchalten. um den europäischen Machten die Verständigung zu erleichtern. Vorbehaltlos f ü r die von Frankreich oorgeschlagene Kontroll- organifation sind Belgien, Finnland, Ru­mänien. Polen, die Tschechoslowakei und Jugoslawien, die jedoch fast ausnahmslos gleichzeitig weitereSicherheitsgarantien verlangen, ferner Holland und Argentinien, die ihre Eonderwünlche rrft bei der Einzelberatung in zweiter Lesung vorbringen wollen Schweden macht seine Stellungnahme vam Inhalt der Ab- rüstungskonoention abhängig. Der deutsche Ver­treter wie» kurz darauf hin, dah Deutschland einer Reihe von RontroUbeftimmungen unterworfen ist unb keine Einwande dagegen zu erheben hat. wenn sich auch an de re Lander solchen Bestimmun­gen unterwerfen wollen. Der englische verfielet, befien Dorentwurf ebenfalls gewisse Konfiollmög- lichkeiten vorsieht ober nicht unter offizieller Mit­wirkung des Koirerbimbsrate», jandern vorwiegend durch die VerfiagsparMer, drangt fiotz de» offenen Gegensatzes auf die weitere Beratung der Äon- trolfiraqc, über die nach feiner Auffasiuny in vielen Punkt.'n eine (Einigung erzielt werden könnte. Der f r a n ,) 6 f i f d) e Vertreter hält dagegen die Fort­setzung der Aussprache über die Kontrollfrage vor allem ar^esichts der italienischen Haltung für nutzlos.

Abrüstuno und Sicherheit

Paul Voncour zum ttcnfer Ergebnis.

Genf. 13. April. IWTB.) Paul Bvncour gab heute abenb bei einem Empfang, der inter­nationalen Presse ber Meinung Ausdruck, bah bie Auseinanbersetzung über baS Abrüftungs- problem für bie nächste Zeit außerhalb des Vorbereitunisauvschusfes unb vor allem bei ben Regierungen selbst liegt. Angesichts ber augenblicklichen Lage, in ber weder in ber SeeabrüstungS- noch in ber Kontrollfrage bas Kernproblem gelöst ist, warnt Paul Boncour vor jedem .banalen Optimismus", obwohl er andererseits der Meinung ist, daß die bestehen­den, allerdings noch tief greif enden Einstimmig­keiten überwunden werden können. Er glaubt, baß bie gegenwärtigen Abrüstungsverhandlungen am meisten durch ben ilmftanb belastet werden, daß bie Sicherhk-itsfrage. die eine Vor­aussetzung für die Durchführung der Abrüsfimg sei, seit dem Abschluß des Locarnovertrages noch keine weiteren Fortschritte ge­mach; hat. Aach feiner AuWafsung hätten, ba das Denier Protokoll nicht zustande kam, wenig­stens die regionalen Sicherheitsver­träge auf den Balkan, das Baltikum und baS Mittclmeer ausgedehnt Werben müssen.

Befürchtungen der mafigebenben Kreise für ben einzelnen eine verhältnismäßig geringfügig: Rolle. Man darf nie vergessen daß England trotz aller Schwierigkeiten und Röte auch heute noch einer ber reichsten und mächtigsten Staaten ber Welt ist. Daß Bruder Jonathan es langsam und allmählich unter ber Hand auftauft, merken erst die wenigsten.

Die Lage in der Tabakindustrie.

Berlin. 13. April. «DDB ' Die Funktio­näre des XabatiTbetterDerbanbca haben heute vormittag den neuen Schiedsspruch für die Zigarrcninduftrie abgclehnt VomRrichs- arbeitSminister finb auf SamStag Dachverhanb- Umgcn angefetjt worden in denen, wie ein hie­siger Korrespondent willen will, ber Schieds­spruch für verbindlich erklärt werben dürste, um durch bie Schaffung eines Zwangs- tarises bie bevorstehende AuSfperrung d^r Tabak- arbriter zu ter hindere Die Künbigungsfrist für die Labakarbeiter läuft am Samstag ab. An der Aussperrung würden im ganzen Reiche etwa 125 000 Arbeitnehmer betroffen werden.

Ium Speiden des Freiherrn von Biegeleben.

Berlin. 13. April. lWTB.i In ber heu- ttgea Siouna des ReichSrates wibmctc ber Vorfitzende Rcichs'ustizmrnister Hergt bem aus bem ReichSrat fchcidenden he s f i s chen Ge­sa n b t e n. Fre Herrn von Wegeleben, warme Worte des Dankes und ber Anerkennung für die Tätigkeit im VundeSrak. SlaaterchauS und Reichs rar worauf ber hesiifche Gesandte feiner- sritS mit Datckeswvrten errrnberle.

Der Colmarer Autonomistenprozeh.

Man hat in Deutschland viel au wenig r.ber viel­leicht qu» einem sicheren Gefühl für politische Zweck­mäßigkeit herau» bir Bewegung ocrlolfti die sich Im Elsaß unter ber französischen Bezeichnung einer ..Autonomiebewegung' seit 3ehr unb Tag erfolgreich behauptet Es handelt sich babfi um jene Bewegung, bie von dem Zabernrr vlall u fu ns t* geführt wird und die in den Bestrebungen gipfelt, nicht etwa ein» Loslösung be» Esiaß von Frankreich, sondern nur eine Art Bronin dal- autonomie herbeizusubren bi« den EsioNem eine Verwaltung nach heimischen Gesichtspunkten unter Wahrung gewisier deutscher Verwaltung-Vor­züge und die fiele unb ungehinderte Anwendung ihrer Sprache sichern soll. Ader auch diese von brau- fsen gesehenen verhältnismäßig harmlosen Anipriiche sind tn Frankreich unter der Besorgnis vor der ®c- fahr einer Loslösung de» Els. al» eine Art Hochverrat gebranbmarft worden und haben xur I>UjtpHntcrung einer großen .'Inzahl von elsassi- schen Beamten und L'ehrern geluhri die öffentlid) mit der Bewegung sympathisierten. Des­halb ist die Bezeichnung al» Aulonomisl von fran­zösischer Seite schon beinahe eine veschlmpsung. Pabet wird in Vari» mit dieser Bewegung gemlich in einen Tops geworfen ba» von dem elsässischen ft I e r u aus ganz anderen Gründen, nämlich, mit Rücksicht auf die vollkommene Laitisierung angc- strebte Ziel einer kirchlichen unb Schul- a u t o n o m I e. Der Führer dieser letztere- Be- wegung Ist der auch schon zu deutscher Zeit nicht unbekannte Abbt Haegy, den der Leitartikler de» Journal. 5>eisey, vor einiger Zeit beschuldigt hatte, er habe sich mit deutschem Gelbe bestechen lasten. Der von Haegy angestrebte Boleidigung»pro- zesz ist nun vor dem flolmarer Kerichtehos ^um Austrag gekommen, bat aber überraschend mit einer Szene geendigt, die für die forensische Retdorik ber französisch.n Juristen charakteristisch mar: Helsey hat au» edlen Motiven ber Vaterlandsliebe gehan­delt, der Generalstaatsanwalt beantragt deshalb seine Freisprechung, der Verteidiger hält eine flam­mend. Rede und appelliert an die gleiche Vater­landsliebe bei Haegy. dieser siebt sich gezwungen, in bie allgemeine Begeisterung wirllich ober scheinbar mit einzuftimmen und seinem Beleidiger zu ver­geben, und schließlich siebt alle» auf. fällt sich tränen- gerührt in die Arme und ruft Vie» h France. Wie auf dem Theater kommen schließllch Blumen unb ftränze mit blauweihroten Zchleisen, werden von dem Adressaten Haegy wie vom Autor an Hrisiy wie an ben Schauspieler weiter gereicht und alles hat sich in Wohlgefallen unb rauschenden Patriotis­mus aufgelöst

Der Beleidigu na »Prozeß Haegy contra Helfey ist ui Ende Der Prozeß de» (Illafj gegen Frankreich wegen Nichterfüllung ber Verspre­chungen von 1918 hat noch kaum beaonnen unb wird auch durch das Rührstück von ftolmar nicht beeinflußt. Die Weltgeschichte wiederholt sich, wenn auch in wechselnden oormen. denn die Argumente, mit denen hier gestritten worden ist, bie Vorwürfe an die Adresse deutscher Pollfiter verschiedenster Nichtiingen, die schrosfe Ablehnung gegenüber den natürlichen Autonom,ebestrebungen eine» anders- sprechenden Volksteil» waren nur Variationen be­gleichen Thema», wie e» von einem vielleicht ebenso ungeschickten Orchester bei un» vor 1914 gespielt wurde

Das Republikschutzgesetz.

Annahme ber preußischen Anträge im lit i '

Berlin, 14. April. (8BIB.) In ber heutigen Sitzung de» Reichsrate» gab Reich »justim­mt n i st e r D r. Hergt xur Frage de» Republik- jchutzgesetze» folgende Erklärung ab: Auf Grund der Anfrage, die der Herr Vertreter der dadischen Re­gierung in der letzten Vollsitzung de» Reich-.rate» an mich gerichtet bat, hat sich 6a» Reichskabinett erneu i mit der i3rjpe brichaitißt. welche H gegenüber den preußischen Anträgen einzunehmen sei. Da» ftobmetl ist bei der Auffassung verblieben, daß eine sachliche Stellungnahme zu den preußi­schen Anträgen gegenwärtig nicht möglich ist. Ta» Republikschutzgejetz läuft am 23. Juli d. 3. ab. Die- kr Umstand nötigt dazu, rechtzeitig vor diesem ?,eitpunft in eine Nachprüfung ber Ge­sa m t f r a g e be» Republikichutzgeietze» einzufieten. Unmittelbar nach dem Diederzuiammentriv be» Reich-tage» im Mai b. 3- werden die notwendigen cdjntte zur Vorbereitung einer Vorlage an die gesetzgebenden ftörperichasten getan werden. Die in 6en preußischen Anträgen behandelten Fragen enthallln nur einen Au » schni11 au» brm Fragenkomplex be» Republikschutzdej^eL. E» wirb geprüft werden müllen, inwieweit Bestimmungen de» Republikichutzgesetzr» über den Umfang hin­aus, in dem die» bisher im Strafgesetzbuch oerge- eben wer, zum dauernden Bestandteil brr ordent­lichen Gesetze zu machen finb. Soweit diese Prüfung zur Bejahung führt, wirb bas Ergebnis ohne Schwierigkeiten auch noch für bie Strafrechts­reform. deren Erledigung im Reichstag geraume Zeit in Anspruch nehmen wird, nurbor gemacht werden können. Die Reichsregierung bittet danach, im 3nterefie der rechtzeitigen Verabschiedung de» Sfiafgesetzentwurse» die oreußischen Anträge c b a u I e b n e n. Der badische Vertreter schloß sich zwar in der Sache den preußischen Anträgen an, erklärte aber, Baden würde gegen die prcußi- ichen Anträge stimmen im Vertrauen darauf, daß bie Reichsregierung ihrer Zusage gemäß die Be­stimmungen be» Republiklchutzgejetzes a uf reibt- erhalten werde. Der Vertreter der preutzi-