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Nr. 37 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dderhefsen)Montag, U. gebruor 1927

Zurück zu Miquel.

Von Oberbürgermeister Dr. Wedderlopf.

Die Finanzreissenschaft hat unter den deutschen Finanzpolitikern beS vorigen Jahrhundert» dem Minister Miguel die hervorragendste Stelle zu- erkannt. Sein Rame wird gleichzeitig genannt mit Colbert, Recker, Pitt dem Jüngeren und Gladstone, wenn die Zusammenhänge zwischen der Finanz- Politik und der allgemeinen Staatspolitik aufgezeigt werden sollen. Aber nicht nur die zünftige Wiisen- schatt, sondern auch diejenigen Finanzpolitiker, die unter der Last verantwortlichen Handeln» die Steuer­politik der Nachkriegszeit aus da- schärfste verurteilen müssen, sehen in der Rückkehr zu den finanz- polit.chen Grundsätzen Miquel- die not­wendige, unentbehrliche Voraussetzung zur Gesun- ouna unserer Privat-, Staats- und Gemeinde- reittschaft.

Worin lieg» die Bedeutung Miquel»? Wer heute zurückschauend die politischen Kämpfe verfolgt, die sich Anfang der neunziger Jahre bei vorigen Jahr­hundert» abgespielt hoben, erkennt dcullich die Leitgedanken Miquel», durch eine organische Steuerpolitik den Gesamtorgani»mu» der Volkswirtschaft gesund zu erhalten und in gedeihlicher Wechselwirkung der Funktionen der einzelnen Organe zu stärken. In diesem Bestreben hat Miguel da» fundierte Einkommen zur Entlastung der übrigen au» Industrie, Grundbesitz und Arbeits­lohn fließenden Steuern nur zu dem Zweck heran- aezogen, um eine Erhöhung der Produktivkraft der Wirtschaft zu erreichen. Diesem Ziele dienen alle Maßnahmen einer großzügigen Steuerpolitik.

Dieselbe große Linie einer weitblickenden Finanz- Wirtschaft verrät Miquel» Reform der preußischen Gemeindefinanzcn. Heute ist eS im Gegensatz zu der damaligen Zeit jedem Kommunalpolitiker ein ganz ungewöhnlicher Gedanke, dem Finanz­minister de» Reiche» oder eine» Lande» zuzutrauen, daß er der Rot der Gemeinden Rechnung trägt, indem er ihnen, wie e» vor einigen Jahrzehnten Miquel in weiser Voraussicht getan hat, einige bisher vom Staat auögenutzte ertragreiche Steuern zur alleinigen Verwaltung und Ausbeutung überweist. Dem staat-klugen Miquel, der ein Führer von großem Format war, erschien die Fürsorge für die Gemeinden als die Urzellen bei Staates eine Selbstverständlichkeit, um den Gesamtorgani»- mu» de» Staates und der Wirtschaft vor Erschütte­rungen zu bewahren. Weil er die ausgleichende Wirkung und die schöpferische Kraft der Selbst­verwaltung au» seiner eigenen Tätigtet» an führender Stelle der Gemeindepolitik erkannt hatte, gab et den Gemeinden keine Ratschläge, sondern aus­reichende steuerliche Handlungsfreiheit der Selbst­verwaltung. Die Entwicklung hat dem Staatsmann Miquel Recht gegeben. Die Sparsamkeit der ge­meindlichen Selbstverwaltung vor dem Kriege, der Wetteifer der Stadtparlamente, ihren Be­wohnern möglichst geringe Steuersätze zuzumuten, um vermögende Steuerzahler und ertragreiche Industrien heranzuziehen, war vor dem Jahre 1918 eine selbstverständliche Erscheinung, die sich au» der damaligen organischen Steuerpolitik zwangsläufig ergab. Da» Verlagen dieser Grundsätze der Steuer­gesetzgebung mußte ebenso zwangsläufig zum Auf­geben der kommunalen Selbstverwaltung und hinsichtlich de» Verantwortungsgefühl» in den Gemeindevarlamenten zu Störungen führen, deren Kosten letzten Ende» die Wirtschaft zu tragen hat.

Tie Bedeutung Miquels findet ihre Grundlage nicht nut in den vorstehend angedeuteten Reformen der Gemeindefinanzen und der Vermögenssteuer, sondern in erster Linie darin, daß sich der Aufbau seiner großzügigen Steuerpolitik den wirtschaft­lichen, staatlichen und gemeindlichen Gegeben­heiten in vollendeter Form organisch anpaßte. Wer die Miquelsche Finanzwittschaft mit Fleiß studiert, erhält die Gewißheit: hier war ein Mann am Werke, der die Dinge nicht vom grünen Tische be» ministeriellen Etappendienste» beurteilte, sondern vom Standpunkte der Front der Wirtschaft und der kommunalen Verwaltung, nicht al» einseitiger Partei- Politiker, sondern von der hohen Warte be» Staats­mannes und Volkswirte-, der den Staat, die Ge­meinden und die Wirtichaft al» einen großen Ge- samtorganiSmu» ansieht, dessen Einzelglieder von gleicher Bedeutung sind und der gleichen Pflege be­dürfen. Miquel erkannte: Wenn ein» dieser drei

DerRoMavilier" in Par $.

»Eigenbericht unseres Pariser W.-S.-QkrtretcrS.)

Paris. 12. Februar.

'Am Freitag sand in der Großen Oper in Pari J die Erstaufführung deS ..R o s e n l a v a -> f. < i 8" von Richard Strauß statt. DieSa­lome" ist bereits in den Spielplan ausgenommen: die ..IosephSlegende" wurde ebenfalls schon vor dem Kriege hier gegeben. DerRosenkavalier" war den Par.lern bisher noch unbekannt. Wohl war seine Au führui g schon vor dem Kriege hier geplant, doch kam eS nur zu den ersten Proben, dann stand man wi der davon ad. Nach dem Kriege war e» da» StcOttheater von Bordeaux, das diese Strau' sche Mu ik-Komödie als erste französische Bühne aussührte. obwohl die Or­chester-Werke von Richard Strauß in den leiten Oahren immer hau ig:r in den französischen Kon- zertprogrammen zu finden sind.

Die Große Oper in Paris ließ sich reichlich 3eit. bis sie jetzt, und zwae nach sorgfältigster Borbereitung, mit dem ..Roscnkavalier" heraus- fdm, übrigens um dies gleich vorweg zu nehmen in einer Muster-Ausführung schlecht­hin. wie man sie seit langem in der Pariser Oper nicht erleete. Das Deriienst hierfür kommt in erster Linie dem muf.kalischen Leiter der Großen Oper, dem ersten Kapellmeister Philippe © a u b e 11 zu.

CEie in Paris üblich, war die internationale Stritif zu der Generalprobe geladen, ttoju die Große Oper außerdem ein besonders erlesenes Publikum gebeten hatte. Alles. waS zur führen­den Pariser Gesellschaft gehört, war zu dieser Vorstellung erschienen, die somit ein besonderes künstlerisches und gesellschaftliches Ereignis wurde.

Die Ausführung selbst verdient hohes Lob. Sic war außerordent.ich gut und gewissenhaft vorbereitet worden. Man hatte sich bewährte Kräfte aus Wien verschrieben, um das Werk möglichst stilecht herauszubringen. Richard Strauß selbst hatte dem Direktor der Oper, Rouche, und seinem besonders be ähigten Diri- flenten. Säubert, die eigens deshalb nach Wien gereist waren, noch ganz genaue Angaben über seine eigene Auffassung gemacht. Diese

Hauptglieber vernachlässigt wird, muß notroenbifl der ganze Organi-mu- leiden. Ta» ist der Lern- Punkt seiner vorbüblichen Finanzpolitik. Ohne diese Erkenntnis kommt unsere durch den Ärieg geschwächte staatliche, gemeindliche und privat« Wirtschaft nicht mehr zur Ruhe.

Ist dieser Miquelsche Grundsatz in Deutschland seit dem Äriege beachtet worden? Um diele Frage au entscheiden, ist e» nötig, zunächst die Wirkung der Erzbergerschen Reform zu prüfen. Der Gedanke, zur Sicherheit der Reichseinheit die Matti- kularbeiträge der Länder abzuschafsen und dem Reich die Finanzhoheit zu überlassen, ist von den Anhängern einer starken Reick»-Zentralregie­rung niemals umstritten worden. Aber die Att der Durchführung dieser Finanzhoheit hat die deutsche Wirtschaft auf daS schwerste belastet. ES ist bezeich­nend för die Tiefe bei Eindringen» in die Probleme der Steuerpolitik, daß diese Hauptursache unsere» Steuerelends in derPolemik der Steueriynbiri" bisher überhaupt nicht erwähnt wurde.

Weshalb ist der in vielen Jahrzehnten hervor­ragend vewährte BerwaltungSapparat der Steuer­veranlagung und Steuererhebung kalt gestellt und neben ihm ein zweiter viel kostspieligerer Apparat geschaffen worden, der sich zu einem solchen Koloß entwickelte, daß zu seiner Erhaltung jährlich mehrere hundert Millionen Mark aufgewendet werden müssen? Die deutsche Wirtschaft muß nun nicht nur die Losten be« alten, nur wenig vermin­derten kommunalen Steuerapparates, der ohnehin für die gemeindlichen Steuern notwendig ist, be­zahlen, sondern auch die gewaltigen Aufwendungen be» au» Unkenntnis der kommunalen Verhältnisse von Parlamentariern neu geschaffenen Apparates mit seinem ungeheuren Beamten- und Angestellten- Heer und seiner mehrere Hunderttausenb Quadrat­meter neu in Benutzung genommenen Bureaufläche.

Wer durch praktische Erfahrung die kommunale Steuerverwaltung genau kennt, weiß, daß mit ihrer Hilfe die mit Reckt erstrebte Finanzhoheit de» Reiche» ohne Schwierigkeiten hätte durchgeführt werden können, und zwar mit einer so geringen Personal- und Bureauvermehrung, daß sie gegen­über der jetzigen in gar keinem Verhältnis steht. Daß sich die bei Einführung der Erzbergerschen Reform vorhandenen Beamten des alten Steuerapparates durch etwaige föderalistische Neigungen zu einer Sabotage der Finanzhoheit de» Reiches unter Bruch des Diensteides hätten verleiden lassen, wird niemand annehmen, der die Psyche de» deutschen Beamten kennt. Ebenso ist e» selbstverständlich, daß diese vor­handenen Beamten die inzwischen neu erlassenen Steuergesetze mit mindestens gleicher Sorgfalt zur Ausführung gebracht hätten, wie das neu geschaffene kostspielige Beamtenheer, in dem nur ein relativ geringer Teil der alten Beamten Ausnahme fand.

Wenn eine Landessteuer, wie e» z. B. die frühere Einkommensteuer war, die von den Steuerbehörden der Länder und Gemeinden verwaltet wurde, unter die Finanzhoheit de» Reiche» gestellt werden soll, so genügt ein Gesetz, das die Abführung der Steuer in Zukunft an eine vorhandene ober etwa zu grünbenbe Zentralstelle be» Reiches zu geschehen hat. Zur Ausführung eine» solchen Gesetze- genügen Anorb- nungen formeller Att bezüglich de» UeberweisungS- unb Abrechnungsverfahrens, bie sich ohne Schwierig­keiten durchführen lassen. Dann wird die Organi­sation de« gemeindlichen Steuerapparates ohne wesentliche Personal- und Bureauoermehrung ent* iprechend umgestellt, und die Sache ist erledigt. Für eine solcheReform" einen neuen Verwaltungs­apparat zu schaffen, der eine sehr strotze Zahl von neuen Beamten erfordert, wie es die Erzbergersche Reform getan hat, ist ein wirtschaftlicher Wider­sinn, durch den jetzt die Steuerzahler mit gewaltigen Geldsummen unnötig belastet werden.

Alle Einwendungen, die gegen die Beibehaltung be» alten Verwattungsapparates zum Zwecke der Reichsfinanzhoheit und der Erledigung der neuen steuerlichen Ausgaben vorgebracht werden, lassen sich von den Kennern de» kommunalen Steuerappa- rate» mit wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Gegengründen leicht zurück weisen. Tie Einführung der Realsteuern in Sachsen im Jahre 1921 hat ge­zeigt, wie glatt und mühelo» der leicht bewegliche kommunale Steuerapvarat infolge seiner Kenntnis der örtlichen wirtschaftlichen Verhältnisse usw. eine schwierig zu verwaltende große neue Steuer zu be­wältigen vermag.

wertvollen Winke waren gewissenha't befolgt worden. Rur so gelang das Wagnis. Denn ein Wagnis bedeutete diese Ausführung immerhin. Richt etwa aus politischen oder chauvinistischen Befürchtungen, fonl)cm deshalb, weil weder daS Textbuch Hugo v. HosmannsthalS noch die Musik den Parisern besondersliegt". Man ha.tr ursprünglich auch erwogen, die Aufsüh- rung desRosenkavaliers" der Komischen Oper in Paris zu überlassen. Doch erwies sich dieser Gedanke als undurchführbar, weil in der Ko­mischen Oper nicht der er.orderliche r'.es.ge Or­chesterapparat zur Verfügung ist. und das Or­chester der Komischen Oper selbst langst nicht aus der künstlerischen Höhe steht, wir das Opern» Orchester Gaubrrts. das nach Dresden. Terlin und Wien unbedingt als das beste Orchester der Welt an uf ->rechen ist. besonders wenn Gaubert selbst eS führt.

Die Droste Oper hatte ihre besten Kräfte herausgestellt, so da') man von den soüstischen Darbietungen höchst befriedigt sein mußte. Ger­maine Lubin war als Oktavian ganz hervor- ragenö, ebenso Ftt. Laval als Sophie. Sehr großen Beiiall ernteten Frau Eampredon als Marschallin. A u b e r t y als OchS von 2er- chenau und F a b e r t als Faninal.

Die Regie schuf tc.Iweise gaiu entzückende Bühnenbilder, wenn auch hier und da, besonders im 1. Akt. der rechte Ton nicht ganz getroffen wurde. Hier fehlte manchmal die echte Be­schwingtheit. Am meisten gefiel der 2. Akt. Das Publikum war b:geistert. wenn auch eine gewisse Ermüdung nach dem langen ersten Akt sich bemerkbar machte. Solisten und Kapellmeister wurden nach Gebühr herzlich gefeiert Inter­essant ist die Einstellung der Presse und der französischen ÄritiL Ein einziges Blatt, der .Figaro" des Pariumsabrikan en Eoty. kann es sich nicht versagen, anläßlich dieser Ausführung Kunst und Politik in recht übler We se mit­einander zu verquicken und wirklich höchst un­angebrachte, chauvinistische Bemerkungen zu der- öffentlichen. Die Kr.t'.k ist sich im übrgen durck- weg einig in der Anerkennung der hohen musi­kalischen Qualitäten des Werks. Es fehlt auch nicht an Stimmen, die die Orchestrierung zu massig finden. Aber die Genugtuung darüber daß dieses Werk jetzt endlich auch in Patts herausgebracht wurde, und noch dazu in solch

Die Schädigung der Wirtschaft durch die Erz- bergerfche Reform findet jedoch nickt nur in den un­geheuren Berwaltting-koften einer doppelten Steuer­regie chre Ursache, sondern in noch höherem Maße iu dem verderblichen Einfluß dieser Reform auf bie Gemeindefinanzen. An die Stelle der steuer­lichen Selbstverwaltung der Gemeinde trat mit der Erzbergerschen Reform da» .Dotationssystem". Durch diese» Svstem werden bic beim Reich zusam- rnenfließenden Einkommensteuern durch den neu ge­schossenen Verwaltungsapparat an die Länder und Gemeinden weiterverteilt. Die Att und der Er­folg dieser Verteilung sind häufig Gegenstand der öffentlichen Äritif gewesen. ES erhielten z. B. bei der Einkommensteuerverteilung im Jahre 1925 die Städte Meißen, Bautzen und Freiberg nur rund 5 Mark pro Stopf der Bevölkerung, während den Städten Limbach und Markneufircken 24 Matt und 34 Mark pro Stopf der Bevölkerung ohne deren Wunsch zwang-weise überwiesen wurden. Diese Beispiele lassen sich beliebig vermehren. Wenn in dem Organis­mus eine» Körpers einigen Organen daS Sechs- bi» Achtfache an Blut zugefühtt wird al» anderen Or­ganen, bann muß notwendigerweise bet Gesamt- organiSmu» krank werben. Auch bei ben deutschen Städten, bie in ihren engen Wechselbeziehungen einen GesamtorganiSmu» bilben, stellten sich durch bie vollkommen unmotivierte und ungleichmäßige Steuerzuführung die größten Schwierigkeiten ein, bie sich bi» heute von Monat zu Monat verstärkt haben, ohne daß ein tauglicher Versuch gemacht wurde, den Uebelständen abzuhelfen.

Diejenigen Städte, denen bie von ihnen nicht er­betenen unb erhofften viel zu hohen Gelbsätze zwangsweise überwiesen wurden, mußten notwen­digerweise Aufwendungen machen, um bie nicht verlangten Gelbsummen reichet loSzureetben unb um nicht den Vorwurf der Thesaurierung über sick ergehen zu lassen, während andere Städte, denen viel zu geringe Mittel zugeteilt wurden, Anleihen auf­nehmen mußten, um die Fehlbeträge für bie burch Reich»- unb LanbeSgesetze übertragenen Pflichten- aufgaben zu becken. Sowohl bie unnötig veraus­gabten, ben Gemeinben ohne beten Wunsch über­wiesenen Gelber, al» auch alle ben ungenügenb be­bauten Gemeinben entstehenden Fehlbeträge nebst Zinsen müssen jedoch letzten Ende» von bet Wirtschaft getragen werden. Diese gewaltige Belastung bet Wirtschaft wäre yhne ba» Dotationssystem bet Erz­bergerschen Reform sicher vetmieben worben. E» wäre interessant, statistisch genau zu erfassen, wieviel hundert Millionen die deutschen Steuer­zahler durch diese» System jährlich mehr aufzu­bringen haben al» früher, reo der einzige, aber außer­ordentlich wirksame Regulator die kommunale Selbst­verwaltung reat.

Die unnötigen Ausgaben derjenigen Gemeinden, die von der zentralen ReichSvetteilungSstelle mit übermäßigen unb unerwarteten Gelbmitteln bebacht würben, führten in der Oeffentlichkeit mit einem Schein be» Rechts ben Eindruck herbei, als ob bie Ge­meinden allgemein im Gelbe schwämmen. In­zwischen wuchsen bie Pflichtaufgaben ber Ge­meinden immer mehr, wodurch die Dotafionen sich im Verhältnis zu ben wachsenden Ausgaben immer weiter verringerten.

Der Erfolg dieser Steuerpolifik läßt sich nun­mehr in folgendem authentischen Ergebnis zusammen- fassen: Nach bet Statistik einer sächsischen Kreis- hauptmannschast treiben jetzt 78 Prozent bet Ge­meinben Defizitreirtschast. Sie können ihre Betbinblichkeiten nicht mehr erfüllen. Wa» bebeutet biefe Tatsache? Sie bebeutet, daß mehr al» brei Viertel dieser Gemeinden, wenn sie dem Privatrecht unterstehen würden, unter Geschäftsaufsicht gestellt werden ober Konkurs anmclben müßten. Man möge überlegen: Mit wessen Gelbe müssen bie bankerotten Gemeinben eines Tages wieber saniert werden? Wer wird außer ben Fehlbeträgen die vielen Millionen für Verzinsung und Tilgung der Anleihen zahlen müssen, die zur Deckung der hohen Defizite ausgenommen worden sind? E» besteht wohl kein Zweifel, daß diese gewaltigen Summen letzten Endes die Wirtschaft aufbringen muß. Ist es rentabel, wenn man einen Betrieb so wirt­schaften läßt, daß er durch zwangsmäßige Ucber- lastung mit Defizitgeschäften bankerott geht, um ihn erst bann wieber zu sanieren, ober ist es besser, ihm beizeiten so viel Kapital zu geben, baß er wenigsten» seine Pflichtaufgaben erfüllen kann?

ungewöhnlich guter Form, ist allgemein und darum besonders beachtlich.

Merkwürdige StfcIa*mtt'eL

..Schlaf. siNer Schlaf, was hab ich dir ge­tan?" jammert ier wahnsinnige König in Sha e- spearesHeinrich IV.". Und Per und nach ihm mögen wohl schon Hunder.tausende müder Sterb­licher tcrtoci,lung3?oll die gleiche Frage in ihrem ©cifte gestellt haben, ohne daß ihnen darauf eine Antwort zutttl geworden wäre. So manch einer aber, der den Ka.npf gegen die Schlaflosigkeit ausnahm, hat es doch verstanden, den Schlaf herbeizuführen, wenn auch mitunter aus recht merkwürdige W.ise. So war z. B. aus der letzten Pariser We tausstellung iie Rach­bildung einer Höhle zu sehen, in der einst ein berüchtigter griechischer Ääu.erhau tmann hauste. Der fanj nur Schlaf, wenn er Goldstücke von der Decke der Höhle auf einen darunter aus- gebreiteten Teppich fallen hörte. Das Gold stammte aus d«r Deut:, die er vorüberziehenden Reisenden abgenommen hatte. Das Klimpern der fallenden Goldmün.en war ihm so vertraut und lieb, daß nur diese- allein ihn in Schlaf zu versetzen vermochte. Der oetttorbe. e Schah von Persien war lange Zeit ein Opfer der Schlaflosigkeit, bis einer seiner Leibär te aus den Ge.mnken kam, dem ..König der Könige" so lange Arme und Rücken zu stretchen, bis sich der Schlaf auf feine müden Augenlider senkte. Das Mittel erwies sich als ungemein wirksam. Und so ist es erttärlich, daß sich im Gefolge, das den Schah auf seinen Reifen durch Europa begleitete, unter anderen Beamten auch zweiEtrttchler" befunden haben, deren einzige Beschäftigung da­rin bestand, wenn es an der Zeit war. durch sanfte Handbewegungen ihren Herrn und Ge­bieter in Morpheus Arme zu beförd'rn. 3n einer englischen Provinzstadt vermochte ein Herr nur dann einzuschlasen. wenn ihm ein halbes Dutzend Pfirsiche unter das Kopfkissen gelegt wurden. Er behauptet:, daß der Dust dieser Frucht imstande tcä;e, ihn cinzuschlä.ern. Auf ein recht eigenartiges Mittel per iel e.n In­genieur. der lange Zeit in einer S enadt ge­lebt und sich hier fo sehr an das Brausen der Meeresboden gewöhnt hatte, daß. als er später mehr landeinwärts leinen Wohnsitz ausschlagcn mußte, er hier keinen Schlaf finden konnte, well

Die jetzige Finanzpolitik im Reiche ist in ihrer Wirkung für ben GesamtoryaniSrnu» der Wittsckast in höchstem Maße verhängmSvoll. Die vom Reich» finanzministerium in ber letzten Zeit getroffenen Maßnahmen lassen sick wie folgt kurz skizzieren: Füllung ber ReickSkassen unb Stärkung be» ReichS- hau-halt» auf stoben ber Gemeinden burch Kürzung der Steueranteile ber Länder und Gemeinden, scheinbare Entlastung bet Wirtschaft durch Steuer Milderungen, Aufrechterhaltung bzre. Vergrößerung der gemeindlichen Pslicktausgaben ohne entsprechende Zuweisung der hierfür erforderlichen Mittel, Ein­sparung von wenigen lausend Mark im Reicks»etat durch Abbau einiger Räte, Erwerbung eine» Riesen- bureau» im Wette von 8 Millionen Matt zum Zwecke der besseren Unterbringung der durch den Abbau in ber Zahl verminderten Reichsbeamten unb an­schließend daran gute Ratschläge für Sparsamkeit an die Gemeinden, zum Schluß in jedem Falle erhebliche Mehrbelastung der Wirtschaft aus dem Umwege durch die Gemeinden, und zwar nicht nur mit dem ursprünglichen Aufwand der Pslicktausgaben, sondern darüber hinau» mit den Millionen für Sanierung, Verzinsung und Tilgung der Anleihen der gemeindlichen Tefizitivittschaft.

In der Mitgliederversammlung de» Verein» zur Wahrung der gemeinsamen reittschastlichen Inter­essen im Rheinland unb in Westfalen hat Dr. Schlen­ker mit Recht besonder» betont, e» sei leibet richtig, baß c» unseren DittschaftSführern beim besten Willen nickt möglich sei,sich durch ben Wirrwarr derSteuer- gesetzgebung hinburckzufinden. E» muh ange­nommen werben, daß nicht zuletzt in diesem frei­mütigen Bekenntnis bie Grundursache der unge­heuren Schäden zum Au-druck kommt, die sich die Wirtschaft durch Duldung de» «etzigen vollkommen unorganischen Steuersystem» selbst zufügt. Jeder, der die Quellen ber Miquelschen organischen Steuerpolitik durchbacht hat, muß burch zwingenbe logiscke Grünbe zu ber Ueberzeugung kommen, bah ber Gesamtorganismu» bet Staats-, Gemeinbe- unb inSbesonbere bet Privatwirtschaft nur gesunben kann unter bet Parole:Zurück zu Miquel".

Oberhessen.

Landkreis ©icfccn.

d. Heuchelheim, !3. Fcbr. Gin frecher Sinbruchsdiebstahl w.r e Samstaea.end zwischen 8 und 9 älhr hier verübt. Der ober die Diebe räumten, während die Bewohner sich in der Kirche befanden, im Wohnzimmer sämt­liche Schubkasten auS und ließen sämtliche- Bargeld mitgeben. Don ben Dieben fehlt, trotzdem ein Spürhund herangeholt wurde, jede Spur. Den Geschädigten betrifft der Verlust doppelt schwer, da eS sich um einen Ar­beitslosen handelt.

n. Drohen-Llnden. 13. Febr. Die meisten hiesigen männlichen Erwerbslosen haben nunmehr, insbesondere auf dem Gießener Braun­steinbergwerk wieder Arbeit gefunden. Die hier in einem Garten zum Trocknen aufge- hängle Wäsche wurde nachts gestohlen.

+ Lang-GönS, 14. Fcbr. Bei der aeftri- gen Bürgermeister-Stichwahl wurde ber bisherige Bürgermeister, Landwirt Wilhelm Müller V mit 589 Stimmen zum Bürger­meister wiede rg «wählt. Sein Dcaen- kandibat, Beigeordneter Karl R o m p f. erhielt 457 Stimmen. Ungültig waren 24 Stimmen.

Bg. Großen-Duseck. 12. Febr. Die in der Inflationszeit hier erbaute L a ck f a b r i k ist. nachdem sie im Februar v. 36. an einem Herrn Walter van dem Bergh auS Bremen übergegangen war. zum zweiten Male zah­lungsunfähig geworden. Ende diese- Mo­nats findet während daS übrige 3ntxmtar bereit- früher versteigert wurde die Zwangsver­steigerung der Gebäude statt. Gestern sand die letzte Holzversteigerung für diesnr Winter statt. Sie brachte eine wesentlich? Er­höhung der Gebote. Für 2 Rm. Buchenschnter wurden 41 Mk.. für 2 Am. Duchenknüppel 36 Mk. und für 5 Dm. Buchenreis"r 28 Mk. e-ziel'

z. Allenborsa d. Lda., 12. Febr. Bei ber jüngsten hiesigen Brenn - unb Nutzholzoer- steigerung, zu der zahlreiche Käufer aus nah unb fern ers istenen waren, wurden folgende, zum Teil gegenüber dem Vorjahr erheblich höhere Preise

ihm daS lirbgewordene, einförm'.ge Geräusch fehlte. Er baut' sich daher einen Apparat, der das Geräusch ber sich an liier brec"enden Wes- len täuschend zur Rachahmung bra te. Seine Absicht crreic t: er auch. Denn fehl Apparat täuschte ihm tte brandende See rcr, schläferte ifjjt cm. und bis zu seinem Todestage hatte er ihn in Benutzung.

Gngl s e 5nmmler*fturfofa.

England ist die Heimat des Sammelns. Rir- gends wird mit solcher Andacht, solcher Leiden­schaft, mit solchem Spleen gesammelt. Je ab­sonderlicher ein Gegenstand, desto sammrlnswrrter erscheint er. Jede Seltsarnk-rit Hal ihre Verehrer. ihre 3ünger, ihre Zelot m. Gebe Seltsamkeit hat ihre Tage de- RuhmeS und ihre Rächte der Verachtung, lieber Rächt wird Trödel berühmt, der gestern noch in Rumpelkammern moderte. Pfei'enstopfer sind heute eine der grasten Sammlermodrn. Der heutige Raucher, der nur noch L i k cac Sh'gpseife kennt, bedient sich ihrer kaum mehr. Da sie außer Gebrauch gekommen, sind sie reif für die Samm­ler-Vitrinen. ileberall wird ihnen nackgejagt, besonders in den Dörfern, wo allerlei seltsame Exemplare ausgegraben roerdcn. ES gibt solche in allen erdenklichen .Stilen", in allen erdenk­lichen Formen, in jedem erdenklichen Material: Gold, Silber. Messing. Brore;«. Eisen, Stahl, Zinn, Elfcmbein, Horn. Holz und sogar in Sch e- fer. Ein anderer begehrter Artikel sind M ffing- Plättchen, die man den Pferden an die Stirne hing, um böse Geister abzuwehren. Richt minder eifrig wird nach Topfdeckeln gesucht. Richt nach beliebigen Topfdeckeln natüruch. sondern noch solchen mit bunten Bildern, wie si^Mitte d^s vorigen Jahrhunderts zwei Topj^iater aus^ktaf- fordshire. Jesse Austin und Tyelir Pratt. ange­fertigt haben. Heber 350 ve:/chieden? Topsbilder sind schon entdeckt worden./hauptsächlich Sta^te- bilder' das Shakespeare?>Haus In Stratford Windsor Eastle. Ansichten von Lond.n. Paris' usw. Die wieder zur Aberkennung gelangten Deckel dienten hauptsächlich für Konserventöpfe. Die jüngste Kuriosität stnd.die Rotzeitungen ans den ersten Tagen des DDrjä>rigen Generalstreiks. Sür die 1. Rümmer deS .^Sritesh Gazette", der ersten dieser Rotzeuungen, tverden bereits pro Exemplar 30 Matt gezahlt.