Kr. 29| Zweites Blatt Cnekener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefien)
Oie provisorische Hauptstadt.
(kin Beitraq zum polnisch'litauischen Konflikt 1927.
vienstag, |5 Dezember |92!
Im Unterem Sch»X®rrf,ponbcnicn Äowno. Dezember 1927
Oer Xorbciprrh Aiga Pari« verlang anu lern» Habet ®inc vow häu'igen (^ebrauA hoch, rroaentiger Getraute etwa» raub gewordene dftnune verkündet mir — übrigen» in seid- lichem Deutsch daß Kaunas, do» 'rudere ruh „sche Kowno. In Sicht fet Soweit iich dtekc etwa« ländliche Stad« an einem Wtniermorgen «rüh um fünf 11 br für das Auge bemerkbar macht Und wenige Mmuten später hält der .lug vor einem nicht allzu lehr Vertrauen erweckenden Bahnho sgebuude Unw l k'irlich zögere ich Ader H hilft Nicht» 34) muh .Europameinen ich. nm deutschen !)-Zug-Wagtn verlas en und den Sprung noch dem vermeintlichen Alien hinein wagen An der Sperre schon beginnt es. und zwar montfeß'ert es sich zunächst in Räumlich- selten. d,e peinlich an vergangene ItiUrn e'l.rnern. als noch d'.e für die Instandhaltung und Erneuerung des Dohndvsi'gtbäudes von der Eisenbahn- dicektion bewilligt, ‘’tubel ihren Weg aus der lasche de» zustän. gen Direktors nicht mehr herousfanden Aber ichon auf dem Vorplatz des Bahnhose» ist das Vtld ein freundlicheres. Da warten ein paar nagelneue Ftil-Dagen aus die spärlichen Fremden. die es gewagt haben, sich diese heute m ganz Europa genannte Stadt tin- mol von der Räbe anzusehen
Lang ist der Weg vom Vahnhos in die Stadl. Host eine halb« Stunde brauchte man damals, um. feldmarschmäßig ausliaf Irrt vom Bahnhof in« Quartier zu gelangen 3a damals vor zwdls Jahren! Lang ist» Herl Ader noch immer liehen die gleichen krummen, schiefen und buckligen Holzhäu»chen rechts und link« der ftch endlos dehnenden fltrofvc, deren Hahrdamm heute im wesentlichen aus Löchern und Fallgruben besteh», um die aber der Dagenlührcr mit erstaunlicher Geschicklichkeit herumflitzt fo gelchilt daß ich auf dem Dege zum -viel, zu d e m Hotel Kvwnos nur zweimal di» an die Wagendecke geschleudert werde
Es ist nicht zu leuanen Wilna ist cmc prachtvolle Stadt Herrlich gelegen weitläufig, reich an impofanten Kirchen und sonstigen Prachtbauten Es «st daher abgesehen von Aelientt- rnents und historischer Erwägungen, nicht verwunderlich. daß sic die Litauer gcw.ss.'rmaßen ..in contumaciam“ zu r Landesha upt- stadt gemacht haben. Trotzd mauchKowno kann sich sehen laffen Auch Kawno die heutige .proviior-fchc Haulstadl L tauens ist reizvoll gelegen, ift reich an freilich oft recht versteckten Schönheiten und Ueberraschuiigcn. Ist nicht die große, fich schnurgerade durch die Reu» stadt hmziehende Laisves 2Uc|a mit ihrem schönen Baumbestand. mit dem freien Vlick auf die prachtvolle, massig und wuchtig hingebaute, ehemals russische Kathedrale, ist diele Strafte nicht wie geschaffen, um die Seele eine« hauptstädtischen Geschält»- und Vummelverlehrs zu werden? Freilich heute ist sie es noch nicht Heute ist sie mit ihrer vorsintflutlichen Straßenbahn, ncr deren Wagen ein armseliges, abgemagertes Panje-Pferdchen einherkcucht mehr ein Kuriosum. als ein Kristallisationspunkt hauptstädtischen Lebens Aber schnn zeigen fich doch hier und da mancherlei Ansätze, die Ausbau- arbeit verraten und zeigen, daß die litauische Verwaltung entschloßen ist. das aus russischer Hand übernommen.- Erbe nicht nur gerade noch Zti erhallen, sondern auch zu mehren und zu bereichern. Ileberdaupt vermittelt ein Gang durch die junge Hauptstadt lehr rasch den Eindruck, daß hier ein starker Wille herrscht, der bestrebt ist. das Land und sein Volk aus der aus seinem harten Schicksal erklärbaren Lethargie her uszu- reißen und ihm eine in einem starten Rational-
bewußtiein wurzelnde bessere Zukunft zu Mmtkn Allenthalben regt es sich Hier wird gebaut. dort erheb? 'ich zw schm niedr.g.'N. va- rackenührlichen russischen Holzhäusern ein eben fertig gewordener mod.rnrr mehrstö^ ger Vank- valast. dessen Fro i ein paar r e'igc Säulen bilden, und drüben in den Aebenstraßrn werden der Erde mächtige l^ementkanä'e einvcrl.-idt die Kanalifationsanlage die man anlchl'iend in ru - l 'cher Feit in einer Gouvernementsstodt noch für überflüssig hielt.
Es ist selbstverständlich und wenn Kowno heute auch nur eine .provisorische" Hauptstadt ist dis .u einem gewissen Grade hastet ihr eben doch schon das Gepräge eines, wenn auch srtiltch nur bescheidenen Europäertums an. Modern, »risch geweißt und tauber strecken »ich die langen Hronten der ötlentlichen Gebäude, hier des Außenministeriums, da eines Gtrmna- iiums. dort wo einst Hindenburg mit seinem Stabe als Oberbefehlshaber Oft re idierte der Prachtbau des Kriegsmiiiisteriums llnb neben der Hauptstraße gelegen im Schatten a'tehrwür- bifler Bäume das heutige Slaatsiheater. dellen tunstlrrifche Leistungen auf recht beachtlicher Höhe stehen Aein. es ist gewiß nicht am Platze gar so geringschätzig zu lächeln über diesen Staat, der heute halb Europa zum Gegner Hal Bei aller Enge des gegebenen Rahmen» ist hier doch schon Beachtliches geschaffen worden, ist .Rotono schon heute zu einer Stadt entwickelt worden. die in mancher Beziehung sogar das viel gepriesene Wilna hinter sich läßt Wilna das heute tot und still, noch das gkufec Gesicht zeigt, wie vor zehn Jahren
Unberührt von dem Geist einer neuen Feit, außerhalb des.europäischen Zeitalters" Kownos. schlummert noch heute die Altstadt. Dort drüben, wo sich der Memclfluh und die Wiija vereinen aus einem Landdreieck, ballt sich das alte Kowno zusammen Schmutzig, eng und winklig sind die Galien. Auflifch Ichon halb asiatisch, das äußere Bild Aber nicht ohne bauh4)e Schönheiten reich an Kirchen mit ragenden Kuppeln und Doppeitürmen Am Morllälay. der einst das russische Freihettsdenkmal trug, das Wie eine Kirche auslehcnde Rathaus daneben die mächtige Trejytes-Kirchc und nur wenige Meter von ihr entfernt der uralte Dom mit mancherlei historischen Denkmälern und Sehenswürdigkeiten Und bann dort, wo einst deutlchc Pioniere angesichts des Feindes mit verblüffender Schnelligkeit und vollendeter Technik e n. Schi'.fs- brücke über den Memelslust schlugen, das Ra- poleons-Haue in dem der Korse 1812 bei feiner Flucht aus Rußland rastete Unscheliibar und dürftig, für den Fremden ale historische Stätte nicht erkennbar, schläft es, wie das ganze alte Kowno. feinen Dornröschenschlaf weiter Dem zweiten Jahrhundert entgegen
Klirrend brechen fich die Eisschollen an den Pfeilern der hölzernen Memclorücke, an deren jenseitigem Ende die Straße jäh und ftcü auf- sleigt Ringsum reihen sich ja von allen Seiten um die Stadt mit allerdings nur spärlichem Baumwuchs bestandene Hügelketten, die einst d i e Befestigungsanlagen trugen 3m Westen d,c Forts 1 und 2. in die am 17 August 1915 die deutschen 42-3entimcter-®ranaten brach.n und mit einem Schlage die mühsam mit französischem Gelde erbauten Befestigungen vernichteten. Weit dehnt fich hier westwärts eine schier endlose, völlig kahle Ebene. Ein Hctlungsglacis. wie man es sich besser gar nicht den len kann Jenseits des Flusses aber breitet sich die Stadt, lang hinge- streckt dis hinüber zur Sisenbahnbrücke. der sogenannten .Grünen Brücke", die deutsche Eisenbahner. nachdem sie von den Russen zerstört worden war. wieder in tadellosen Zustand verletzten. Kein Häusermeer ist diese Stadt. 3erriHene Fetzen
regellos bc.'outer. Landes Hier hochgerccki ein Haus-Riel« daneben schic» und kle.n tin . w.rg Ni dicht gedrängte Häutergruppen, dort weite leere Flächen Da» tvpi'che Produkt ru' sicher Stäkt, baukuntz
E» werden noch viele Jahre hingehen b.» diese .provisorische Hauptstadt" zu dem geworden fern wird was »ie -ach dem Wunsch der ie ihr regierenden Mach hader werden soll. Aber daß sie es einmal wird — sofern nicht böswillig
Bon unserem R. Kr -Sonderberichterstatter
In der Reihe der Aui'ähc unsere» R Kr -Sonterbeelichterstatters 'olgt heute cir Artikel der die wirsichackllche Lage Italiens behandel: und Ausschluß über die sakzlstsichen Winfchaftsmelhoden gibt.
Rom. Dezember
Wirtschaitsminister Pro» Ingenieur Giu- scppe Belluzo ist der Theoretiker der satzisti- fchen Regierung Er war ein weit über die Grenzen feiner Heimat hinaus bekannter tech- n»fcher Forscher, vor allem auf dem Gebiete des Maschinenbaus, als et eines Tages von Mussolini für kne Politik .entdeckt' und. bald daraus, auf einen der verantwortungsvollsten Posten des Regimes berufen wurde. Das Schicksal des Fastismus wird zweifellos in kehr hohem Maße von den Erfolgen oder Mißerfolgen seiner Wirtschaft» Politik bestimmt. Eine um Io wichtigere Ergänzung für den temperamentvollen Radikalismus der meisten feiner Führer bildet daher die ruhige, professoral bedachtsame Art. in der Erzellenz Belluzo lein Miniftcramt versieht. als wäre es noch immer die alte Lehrkanzel Absolute Arche diese im heutigen Italien doppelt ungewohnte Eigenschaft, kennzeichne! dm Bsinister auch im Gespräch Er analysiert die Wirtschaftskrise bedächtig und. beinahe doz.e- rmb. zieht er die politischen Schlußfolgerungen, die sich aus der gegenwär:igen Lage Italiens ergeben
.E» hätte feinen Iweck. abzuleugnen, meinte er. .daß Italien wie beinahe alle Staaten auch unter den Symptomen der Weltwirtschaftskrise litt. Bei utis wurde fie zu Anfang noch durch unsere - gewiß gesunde — Deflation»- Politik verschärft Und nun ergeben sich zahlreiche wirlfchastliche Probleme. Da» drinaendste ist die Frage de» Preisabbaus. Immer starker wild sich die RotWendigkeit ergeben, die Presie dem höheren Stand der Lira anzupallen. Ein fühlbarer Preisabbau wird die natürliche Folge sein."
.Welche Maßnahmen. Erzellenz", fragt der Besucher, .plant die Regierung, um ha» Programm des Preisabbaues zu verwirklichen?"
.Die Regierung beschäftigt sich mit dieser Frage außerordentlich intensiv. 3m Großhandel ist die Rückbildung der Preise bereit» vielfach durchgeführt. Jetzt soll lic auch im Kleinhandel energisch durchgtietzt werden. Natürlich ist die Ausgabe, die en h,er zu löten gibt, nicht ganz einfach. Ich glaube, es ist überall auf der Welt kompliziert, die Äaul- Icutc zu veratckassen, daß fie auf einen Teil ihre» Gewinnes verzichten. Der fafzistische Staat bat hier freilich ganz andere Biethodm al» der liberale. Sine staatliche Kommiffion ist eben im Begriff, die Preise im ganzen Wirtschaftsleben zu prüfen. Wo fich nur ein Abbau durchführen läßt, wie bei den Rohstoffen, die m Italien heute fchoi, nicht mehr kosten als auf dem Weltmärkte. wird er energisch veranlaßt. Macht ein Stauf mann SchwierigleUen und will vr auf Übertrieben hohen Gewinn nicht verzichten, kann er ganz einfach feine Handelserlaudni» verlieren."
fremde Hände die Aufb^uardeit störe« da» wird einem mr ützewisttx it wenn man auh nur kurz Gelegenheit dal ha» bi»her Gefcha fene fri- ! 'h *l betreLle Gerade darum aber muß rran wun'chei Ni** nchi fal'che Freunde Gelegenh u bekonimen i.r.‘ bi her ke n saegs b nr ichend er rrobicn Künste an die e n Staat und an diefer Stab» zu verbuch» d c schon in den ersten Jahren ihrer Selbständigkeit g«< gt haben baß fie aus Eigenem zu schaffen In her Lage find
.Und welches Ergebnis erwaiten Etzel lenz von diefen Maßnahmen?"
.Mit der notwendlgen Energie wird es zwesiellos gelingen einen Abbau der Prelle um wettere *.hn bis sunt zehn Prozent durchzuf »ihren Die Folge oder vie le,cht auch die Aoraussi-tzung dl le» Prc.sabixtues , i naiürlich eme Senkung Im Lvhnnive a u. Auch auf dltiem Gv-b.et arbeitet eine besonders für diele Aufgabe bestimmte Kominilfion. Sie hübten de Möglichkeit N>» Lohnabbaues in den verfchiek^nen Wiri- >cha» iske«l»-n r-.e-er wird fünf bis zwanzig Prozeiil betragen Aai,. cllch bedeuten diele Ziffern keinen festen Rahmen Da ist z B die ch.-mi'che Industrie die außerordentlich wenig manueller Arbeit bedarf. Es wird daher bet ihr wahrscheinlich zu gar keinem ins Gewicht fallenden Lohnabbau kommen, da dieser auf die Geftehuugskouen überhaupt keinen Einsluß hätte."
.Wird sich hntn der beabticht,g,e Lohnabbau ohne besondere Widerstände bei den betroffenen Schichten durchführe« lassen?"
Der Minister lächcli ein wenig Widerstaiidx' gegen tki» salzistische Xegime' .Der Abbau der Prei'e uiid der Löhne wird vor allein eine wesentliche Steigerung der nationalen Produktion zur Folge biben". tagt er .Auch die umniilrlbar betroffenen Kreife fehen diese Tatsache- em. fo daß es überhaupt keinen 'ühlbaren Widerstand gibt Rein im sa'zlfnfchen Staat gibt cs wirklich keinen Widerstand gegen die Rot Wendigkeiten der Wirtfchast Bor allem gibt es keine Kämpfe um be u Wirtfchali,friede n Streiks und Slrei.'recht kennen w,r nicht Die Arbeiter find genau fo wie bi< Unternehmer in sa'ziftifchin Syndikaten organisiert' alle 2h- beiliftngcn und Lohnverhandlungen werd.n durch die Ärveitsn,agistratur geschlichtet Schieds- gerichre entscheiden über Konflikte zwischen den Bauerii und ihreii Knechteii, hen Kau»teuten und ihreii Angestellten, den Unternehmern und ihren Arbeitern."
2U»o voller Wirt schal Iss r»ed«n an Inner» .
Und nach außen hink' erklärt der Minister temperamentvoll .Die auswärtige Wirt- » chaf t » p o l i t i k Italiens ist in ihren großen Zügen von den Ergebnissen der IBeU- wirtschaf'skonserenz stark beeinjluftl. Ich bin seit überzeugt daß die Resolutionen dieser Konferenz »ich in der Praris durchsetzen werden, wenn alle Rationen ihre Bedeutung erkennen."
.Das ist das Prinzip unddlePra,is. Effzellcnz?"
.Die italienische Regierung weiß lehr wohl, daß es eine <-uropäische 2!otWendigkeit ist. die Ein- und Ausfuhrschwlerigketten zu btieingai soweit diese nicht unbedingt jum Schutze der einheimischen Produktion und der Landesverteidigung notwendig <tnb." Hier wählt der 2Uinister jedes Ieiner Worte mit besonderer Sorgfalt .Wir mw'len freilich vor allem unsere Metall- und Schwerindustrie schützen. Daß w«r aber bestrebt find, mh allen Staaten zu einem möglichst weitgehend.» Ein-
Italien» Weg zum Wirtschastssrieden.
Der itolienifdx Viktschastsminifter Zng. (Giuseppe Kelluzo über Preisabbau, tobnrebuftion unb Handelspolitik
Gießener Konzeeiverein.
Liederabend L»la ?Rvß-htmetuer.
Wo auch immer Lula n I v W m t i n c r auf* litten mag. stete wird ihr rin harter Erfolg beschie den sein. Worin ist nun ihre Wirkungrkrasi auf bat Publikum begründet? Sicherlich in wefentllch an- deren Ursachen, al» e» die großen Sterne der Bel fontofunfl vermögen, denn zwilchen Belkantokunft ,m engeren Sinne und Lula Myf; Gniemer» Können besteht ein erheblicher tlnietfdjkb. Don ein mehr impiilfipe» bzw instinktmäßige» Erfassen, da» sich ost mit rein onistischem Können eint, hier starke Au»druck»kunsl, die im engsten Zusammenhang mit dem In her Musik gebundenen realen Inhalt fleht Einer mehr oder weniger nur auf da» Formale gerichteten Musik wird Lula Mylz ltzmeiner bei weitem nicht |o hohe Bu»dnick»wene abzugewinnen oennögen. wie sie e» bei dem Liede im modernen Sinne imstande ift: brnn eckt da» neuere Lied sleit schildern gibt bem dichterischen Eckebni» in gleicher Weise wie der musikalischen Formung Raum, roch rrnb da» Lied vor Schubert mit wemgcn fluenob- men bem DichterwoN ein musikalisch formale», m sich geschloifene» Ganze» parallel stellt So vermag sie die in der Schubenschen Viehform festgelegte Grundidee be» Liede» bis m die L'edacklallangen der Jetztzeit hinein zu oeckolgen und mdaltrgemäß hie einzelnen Werke zu eckchl'eßen.
3u ihrer hoben Äuebrurfehinft gelangt sie we mger vielleicht durch Impuls und Intuition al» durch den starken Willen zur (fieftaltung. Sei allem über- sieht sie nicht die geringste gedankliche Reilektion be-: Testes unb selbst scheinbar gleichen Wortoerdin- tunflen weiß sie je nach dem gedanklichen Fuiam- menhana stet» einen anderen Sinn ju geben (Hugo Wolf ..Wer rief dich denn Diese» feine vruäaen de» im Dichterwonc gebundenen (Xe- schthen» führt zur szenischen Eckalfung llnb das szenisch-mimische Gestalten kann als her Kem ihre» licrtrage* angesehen werden
Damit ist auch das Stoffgebiet ihrer Programme gekennzeichnet. Alles, was zur Charakterisierung reizt, allo mehr ein objektive» Dackkellungsvermöaen erfordert, wird siet» ihre Domäne lein. Inhaltlich weniger gebundene Gefühlrdonannk. rein subjektive Lyrik werden ihr ferner liegen. Im Gestalten alles bildhaft Geschauten wirb sie groß fein. Darum vermag sie auch dem conbcrgebiet der Ballade stärkste Wirkungen abzugewinnen, das viel gebrauchte Won von der Ballade als einem Drama im kleinen erlangt bei ihr allerstörksie. packendste Realität Ja. ,n ihrer überragenden PariicHungshinh ist fie imstande. selbst in den Fällen, wo der flomponih vielleicht nur allgemeiner anbeutete, die latenten Kröne der
Qbaraflerifierung greifbar deutlich werden zu toffen, und Io oft scheinbar schon abgegriffenen Werten neue, bisher nicht DoUerfannte Geltung zu verleihen.
Unter allen hcu.e wirlenten D.fangsgrößen r Loewsfchev melodifchen Tonmalerei weiteftgeaend Auswirkung zu geben vermag ..Herr Oluf" konnte darum bei ihr mit allen ün Teti fowohl wie im Musikalischen gegebenen Steigerungen zum er» sckauemden Erlebnis werden. Vielleicht noch W" Pilger sprach die Gestaltung der ..Irrlichter" mit ihren bildhaft hetonlen Einzeliituationen für die eminenten Fähigkei cn Lu.a Myft - Gmeiners. Unb ftibst Goethes naive ^Wantelnde Glocke" erschien in einzelnen Teilen säst zum Dämonischen gesteigert.
Ihr unermeßlicher Gestaltungswillen vermag sich überall kraftvoll durchzusetzen, und ihrem Wollen muß sich das Publikum ergeben fügen. Tom ersten Ton an beherrscht fie Bk Situation, und feiner der Hörenden vermag fich ihrem Bann zu entziehen. In ihrem zwingendm Tor- trag ist fie diejcn gc. die darin Ludwig Düll- n e r am allernächsten kommt Wie dieser einst aU _ Sänger ohne Stimme alle Welt zu stistin vermochte. Io steht auch hier ein jeder unter dem luggestiven Iwang ihres Tot!ragt, und es kommt kaum einem zum Vewuhtlem,
2..: -ä en zu ach:cn
Ie^e Freiheit, die fie sich nimmt, ist ihr erlaubt und wird bei ihr zu e..u..i künstlcnlchen Faktor, weil sich alles in den Rahmen des bewußten Wollme fügt, da» sich bei ihr zu einer Vertiefung der lunstlerifchen Tendenz des Werkes auswächst. Vor fogenannten Fehlgrif en in der Interpretation ist man bei ihr stets sicher Davor fchützt sie ihr starkes Verantwortungsgefühl dem
hr künstlerisches Gewiss«.
Darum wird man bei ihr auch niemals den Eindruck des Binuoken. Arristifchen haben, weil sie m der Sachlichkeit bo? Werkes auf geht, und stets bei aller Freiheit unb vurch»etzung ihres potenten Ichs niemals zu einer Deckällchung künstlerifcher Wene führt. Denn leibst das naive, uckprüng- l-,ch Sich-Gebende. wie in Mahlers Der hat das Lieblein erdacht" vermag fich in »einer unmittelbaren Art zu eckchsicften Ja, ißt es nicht die sicherste Betätigung für den GestaltungS- willen der Künstlerin, daß do. wo das Derk weniger den bewußten Darstellungswillm erregt durch feine mehr musikalische Formgestaltung, wie in Schuberts ,Seligkeit", dte Stimme an sich freier, ungezwungener sich cntiflliet unb klanglich mehr auszustrahlen vermag als in solchen Decken, in denen das dichterische Wort
stärker sich durchsetzt als die rein musikalische Gestaltung
Bei solchen so stark sich auswickenden Kräs- ten trug jede» Werk des überaus reichhaltigen Programme» sein eigenes Gesicht. Da mochte die Künstlerin Schubert oder Loewe. 2voll ober Richard Strauß fingen, immer gab sie etwa» Reucs. Fesselndee Ein so tinsache» Lied wie da» .Echo" lSchubertl wurde hier zur lebendig aus- gemalten Szene. Der dithyrambische Taumel der „Auslösung" vermochte ebenso das Innere zu erregen, wie die vcrgei ugte ‘Bertlärung in Schuberts .Im Frühling die Hörer bannte oder die wechselnden Situationen bei Hugo Wolf, da« Tüstere in ,11m Mitternacht", der .Blumengruß" mit seiner in sammel weichen Tönen sich auo- prägenden Versunkenheit. Unb bann wieber ba» Erfassen be» Vorgänge» in .Begegnung". dieses überlegene Lächeln, ein Ueberlchauen des Gc- schehei.en von hoher vergeistigender Warte de» Ml!verstehens Zu einem Drama in tiefinnerftem Seelengr. ndc wurde .Wer rief dich beim" (Hugo 2öo(f»; btder Hohn bie<e 2)erachlung nach außen gezeigt, und der Dehefchmcrz des mneckich blutenden Herzen». Dazu wieber un Gcgeniatz .Du glaubst mit einem Fübchen. (2$k>U) mit
feiner feinen Pointierung unb Koketterie Daß Lula Mvlz-Gmeincr ünftanbe it ben reflektierenden Liebstil von Richard Strauß voll zu erfchöpfm. erwiesen die fünf Gäben von bi dem Komponisten Die überaus starke Reflcktion be» Tertes in der .Dasierrofe" (Feüff Dahn« stellte fich der duftig unb zart angtiegten Komposition bemmenb in ben Weg. um fo mehr kam ba» SetotaHO-Ornamentale in .Htnerlr" mit seinem Wortspiel (.rincrlti unb mancherlei") zur Ent- faltunfl. bdonber» aber auch im Klavierpari ebenso ba» impressionistisch erfaßte .Schlechte» Detter". Ein große» 2lufwallen ein volles Geben ber Peckönlichktit war die .Heimliche 2Lif- fcrbmmg" mit der strahlenden Decke de« Schlusses. In .Hat gesagt bleibt s nicht dabei" wurde selbst da« einzelne Dort klanglich malend unterstrichen «.sieben",, die öetbftre'üftionen bes Terles wuchfen sich zu realen, geschauten, bra- mansch erlebten Situationen au»
Einer fo frei gestaltenden Künstlerin gegenüber hot der Begleiter stet» einen fchw'erigen Stand Um so bewunderungswürdiger war «. Die Universitätsmus kd.rektor Dr Stefan lerne « d a r h kongenial die 2verke tn b. - nigster geistiger Verein gung mit ber Sängerin erstehen ließ. Stets traf er den dem Komponisten engemtifenen Stil mit größter plastischer Kraft. Und fo konnte sich der ganze 2lbend in harmo
nischer Vollkommenheit ouswirken Da» Publikum war g.bannt und ugaben mu? t .n ba als Selbst- verstandllchkett gellen Für das Konzertlebcn Gießens bedeutete dieser Abend einen s slenen Höhepunkt denn Frau Prosessor Lula Mysz- Dmeiner von der 2Aerliner Staatl Hoch chulc für Musik bedeutet für unsere Zelt eine Zufammen- solsung ber Errungen cha'ten den sicher gelang« sicher Gestoliungskunst Tlr. H.
Uraufführung im Hessischen Landesthealer
Im Kleinen Haufe des Hessilchen Landev- theater» in Darmstadt erlebte ba» Schauspiel In 11 Bildern .Im Dickicht der Städte" von Tert Brecht seine Uraufführung Das in diesem eigenartigen Drama vorgehl, erfährt man einigermaßen aus dem Untertitel .Der Kampf zweier Männer tn der Riesenstadt Ehi- kago" außl-rdem wird vor jedem 2Mlbc durch Ausru« ndlot. wa» sich ereignet Gleichwohl wird r . 'ehr ge*inger Teil be« Publikam» in dr„ » ,i i dieses Werkes etngebrungen sein, weil ein Di^ticht von Worten unb eine lieber- fülle verschraubter Gedanken die Torgängc nicht erhellt, sondern erst recht Verdun keil. Dm Ter- fas'er mahnt zwar selbst ben Zuschauer, nicht all- »ulehr au’ bie Ursachen bes Kamp es zu achten, 'ondern ba» Interesse mir auf ba« Gnbe zu lenken i ober auch ba» Härt nicht» aisi Tor allem fehlt bem Zuschauer, wenn er ba» wirre Stück In einer pausenlosen. 2' '^stündigen Ausführung über sich hat ergehen lasfen müssen, bie Lust dazu, über ben Sinn noch weiter nachzu- benfen Aus brr Bühne wirb mit viel Lärm und in einer absonderlichen Sprache eine Ausernan- dedetzung zwischen einem Hvlzhändler. einem Malaien mit Hamen S hl ins unb einer verkommenen amerikanischen Familie Garga in Ehi- fago vvraeführl. Die Moral des Stückes ist wohl in ben Worten bes einen Kämpfers, bes George Garga. zu suchen, bie bief« an ben Malaien richtet .Und bas Geistige, bas sehen Sie, bas ist nichts Es ist nicht wicht g, ber Stärkere zu fein, fonbern ber Lebendige." Das tot mehrere- rm Jahren bereu« entstanbene Schauspiel Brechts ist ein Erzeugnis bes literarischen Szchresfionis- mus: ci 'an.1, beim Publikum keine Gegenliebe nur bie Darsteller wurden am Schluß mehrfach hervorgerus er. Die Regie (Generalintendant Ebert, unb alle Mitwickenden leisteten Hervorragendes. doch lohnte bie Aufsührung nicht entfernt ben Aufwand an Zeit unb Mühe ber Einstudierung. v E B.


