Ur. !88 viertes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 13. August 1927
Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen
3m Rosenland Holstein.
Don Else Frobenius.
„Unö schon geht durch die Gärten frohe Kunde,
Daß sich das Land mit Rosen überdeckt...
Lind Rosen sind ein Balsam mancher Wunde..
s.ngt Detles von Liliencron, der Sohn Holsteins. Niemand hat das duftschwere Blühen, die üppige Fruchtbarkeit dieses nordischen Rosenlandes mit solcher Inbrunst geschildert, wie er. Ist es doch im Sommer in ein Meer von Blüten getaucht. Scheint doch ein glühender Schimmer über ihm zu liegen und seine hellen Pastelltöne mit einem Hauch von Leidenschaft zu beseelen ...
Licht wölbt sich der Himmel über den Buchenwäldern Holsteins, in denen von früh bis spät mit sanftem Locken die Tauben gurren und dichtes Schlinggewächs sich von Daum zu Baum rankt. In weich geschwungenen Linien umrahmen hellgrüne Waldungen blau leuchtende Seen. Sanft runden sich die Hügel. Nichts ist hart und schroff in diesem Lande mit dem weiten Horizont, das doch ein Land der Begrenzung ist. Denn jeder Weg, jede Wiese, jeder Acker ist von „Knick s" umgeben, von niedrigen Erdwällen mit Weißdorn und Rosenhecken. Hölzerne Stangenpforten unterbrechen sie an den Wegkreuzungen. Häufig sind sie verschlossen, und man muß sie auf stufenförmig geschichteten flachen Steinen überklettern. Alter germanischer Brauch wird hier festgehalten, um das Eigentum zu schützen und das Vieh am Ausbrechen zu verhindern.
An lichten, von Schleedornhecken umgebenen Wiesenhängen grasen friedlich Herden von schwarz- weißen Rindern. Unter alten Eichen und Linden ruhen die Häuser des Dorfs, aus rotem Fachwerk mit grünen Türen und tief herabhängenden Strohdächern. Häufig sind sie von Kletterrosen umrankt. Das gibt eine feine Harmonie von lichtem Rosenrot zu bräunlich sattem Purpurton. Dem grün bemoosten oder wie brauner Sammet schimmernden Dachfirst ist oft ein kleiner Holz- aiebel aufgesetzt. Rund gewölbt sind die Tore der mächtigen Scheuern und Tennen, die den Ge° treidereichtum des Landes bergen. Am First ragt meist ein hölzerner Pferdekopf auf, — das Sinnbild Wodans, das Feuersgefahr bannen soll. Auch die Dorfwege sind von Hecken eingefaßt, — häufig aus Taxus und verschnittenen Lebens- bäumen. Rittersporn und hohe Lilien blühen in den Gärten, die von Rosengerank überwuchert sind.
Wenn man stundenlang durch Wald und Wiesen gewandert ist, gelangt man wohl in ein Iagdrevisr. Rehe und Hasen laufen einem über den Weg. Plötzlich taucht zwischen Parkbäumen ein altes Schloß auf, Son Buchenhecken umgeben. Zierliche Lusthäuser erinnern an die galante Zeit des Barock. Bilder au8 der Zeit der Dänen- kvnige tauchen auf und man spürt jenen Geist vornehmen Herrentums, den niemand so eindringlich
dargestellt hat wie Liliencron. Noch heute überstrahlt er das stille ackerbauende Land mit dem Glanz einer ritterliche Vergangenheit. Dennoch herrscht auf den Gutshöfen modernes Wirtschaftsleben. Mächtige Biehställe und Molkereigebäude und Felder in hoher Kultur zeugen von betriebsamem, Fleiß. Mit stattlichen Pferden bespannte Wagen führen Lasten ein.
Schlanke, blonde, wortkarge Meschen bewohne diese Weltwinkel, über dem die Inbrunst des Werdens zu liege scheint, liliencron sagt von ihm: „Es liegt eine liefe Poesie über jener Provinz. Lind just deshalb, weil den ßeuten dort jede Poesie fehlt, ist sie unbewußt und darum wahr." Am beste lernt man Holstein auf einsame Wanderungen kennen. Mittelpunkt seiner landschaftliche Schönheit ist die sogeannte „Holsteinische Schweiz". Man erreicht sie über Eutin, das an der Strecke Lübeck-Kiel liegt. Eutin, die Hauptstadt Olde- burgs, ist oft die „Rosestadt" genannt worden. Allenthalben roseüberrieselte Backsteinbauten. Vom alten Schloß mit rundem Burgturm, in dem lübecksche Bischöfe, holsteinsche Herzöge und dänische Fürsten gehaust haben und wo noch heute die Bildnisse der Vorfahre von drei europäische Herrscherhäusern hänge, — bis zum kleinen Fachwerkhaus mit vorspringendem Giebel, vor der unmittelbar aus de Steinen des Bürgersteigs ein Rosestock aufsteigt und seine Ranken an die Hauswand schmiegt. Ein unwahrscheinlich hoher gewölbter Lindengang führt vom Schloß zum Cutiner See. Buche mit seltsam verschnörkelte Zweige neigen sich tief über das glitzernde Wasser. Kinder jauchzen am Ufer. Auf dem See blinke weiße Segel.
Jeder Besucher Eutins muß das roseumrankte Voßhaus besuchen, in dem Johann Heinrich Voß seine „Luise" dichtete und Ende des 18. Jahrhunderts die „schöne Seele" des Landes, die Grafen Stolberg, Dorothea Schlözer, Jacobi und andere um sich sammelte Ein Denkmal ehrt sein Andeke. Auch dem Komponisten des „Freischütz", Karl Maria von Weber, der hier geboren ist, ward ein Dekmal gesetzt.
Von Eutin gelangt man zu Fuß in anderthalb Stunden in die Holsteinsche Schweiz, — unter Buche am Ufer des Kellersees wandernd. Die Zweige neigen sich zu hohe Gewölbe, die an de Ursprung gotischer Dome erinnern. Dom Hügelkamm am Ukleifährhaus schaue -Fremdehäuser aus tausendfach umblühte Rosetore herab. Hinter ihne ruht in einer Senkung still und verträumt der U k l e i s e e. Sagehafte Nymphe solle hier nachts um verloree Liebe weine. Dicht umspönne von Buchengrün, glänzt er geheimnisvoll wie ein dunkles Auge.
Vom Kellersee kann man im Dampfer in einer Stunde Malente-Gremsmühlen erreiche, de besuchtesten Erholungsort der Holsteinsche Schweiz, der mit &utin durch die Bahn verbunden ist. Hier reiht sich Fremdenhaus an Fremdenhaus, — bis zum Diekfee. Eine Nebenbahn führt in dreiviertel Stunde durch das anmutige Hügelland der Holsteinsche Schweiz
nach L ü t j e b u r g. Dort weht schon der freie Odern des Meeres, der das Land durchzieht, seine weiche Dersonneheit zu kräftigem Lebe steigernd. Verdankt es doch der Meeresnähe die quellende Fruchtbarkeit, die seine Schönheit ist. Verdankt es ihr doch auch jene milde und zugleich kräftige Luft, die belebend auf jeden Besucher Holsteins wirkt. Was dem kleinen Lande den letzte und höchsten Reiz verleiht, das ist jener Hauch der Weite, der trotz aller Ver onncn- heit und Begrenzung über ihm liegt und den man bei jedem Atemzuge spürt, ohne sich dessen immer bewußt zu sein.
3m „Punt" auf dem Main.
Don Major a. D. Willy Schmidt.
Auf der Themse sieht man sie in Massen, die „Punts", diese bequemen breiten Flachboote mit ihrem herzerquickende Inhalt, den sweethearts, die in lichte Sommerkleidern auf schwellenden bunten Kissen zart hingegossen liegen und dazu die handsom boys, die das Boot mit Olafen oder Paddel durch das Gewimmel hindurchbugsiere. Auch die Hamburger Jugend weiß die Wasser- promeade auf der Alster im „Punt" zu schätze. Wo ließe es sich auch besser flirten?
Disher hatte ich meinen Kahn, der de schönen Name „Krott" (rheinischer Ausdruck für Kröte) führt, nur als bequeme Familienkutsche auf dem Wannsee und der Havel dahingleiten lasse. Warum sollte dieser „Punt" nicht auch einmal auf einem rasch fließenden, dabei zahmen Gewässer zu Bequemer Fahrt in einem der schönsten Flußtäler Deutschlands ausprobiert werde? Also auf zum Main! In wenigen Tage rollte das Doot von Berlin nach Bamberg, und an einem schönen Sonntagmorgen startete zwei schon etwas bejahrte Jünglinge im Bamberger Hafen, Ziel: flußabwärts. Wie weit — das sollte dem Schicksal und der eigenen Laune überlassen bleiben.
Zunächst war das Gewässer alles andere, nur nicht rasch fließend, und es hieß, sich ordentlich in die Riemen legen; den Ruderausrüstung mit Ausleger hatte ich außer Paddel, Segel und Stake mitgenommen. Ausrüstung und Gepäck woge zusamme zwei Zentner. Die „Krott" hat einen große Magen. Sie kann aber auch gut hopse, den bald tarnen wir in eine Schiefe, und in deren Kammer lag bereits ein großes klobiges Floß, das uns mit feinen Schlinger- bewegimgen in neckischem Katz- und Mausspiel von einer Ecke in die andere jagte. Dann noch in flotter Fahrt ein gutes Stück weiter, und es war Zeit zum Mittagessen. Ein paar kräftige Schläge auf das Ufer zu, und die „Krott" sprang mit mächtigem Sah auf Land. Eine solche Art des Landens kann man sonst nicht gut einem Doot zumute.
Koche im Freie ist sehr interessant, aber die Hockstellung dabei ist nur etwas für Negersvaue oder Leute, die noch 200 Kniebeugen mache könne, ohne zu erröte. Selbstgekochtes zu esse — das ist bei solche Gelegenheiten für Männer auch sehr interessant, aber die Htyenbe Stellung
dabei ist ein wenig unbequem. (Ich begreife die alten Römer nicht.) Aber etwas, was uns Männer wirklich gar nicht interessiert, ist das Abwaschen ... Und über diesen Punkt hat e es mit meinem Dootsgeoffcn zu einem Zerwürfnis komme können, wen ich noch weiter darauf erpicht gewesen wäre, meine Kochkünste zu zeigen.
Wie schön ist doch das Uebernachten im Freie, im Boot auf weichen Polstern zu liegen, wen in lauer Sommernacht die S ernc funkeln! So schwärmte wir lange schon Aus alle Falle hatten wir ja auch unser wasserdichtes Verdeck bei uns. Die erste Nacht, beschloß der Ra! der zwei, wollte wir allerdings lieber noch im Gasthaus schlafen. Das Geschick wollte, dost in dieser Nacht, als die „Krott" im Hafen von Haßfurt schlief, ein himmlischer Wind das was'erd ehte Verdeck entführte —, vielleicht waren bei der Entführung auch irdische Hände beteilig:. So brachten wir denn alle Räch e bei Sternen- und auch bedecktem Himmel im Beil im Gasthaus zu und überließen in Zukunft das Koche einschließlich Abwaschen den dazu berufenen Hände des zarte Geschlechts.
Nach den ersten dreißig Kiilornetern hinter Bamberg wurde das Landschaftsbild immer großartiger. und nun brachte jeder Tag eine Steigerung. Gern legen wir Ruder und Paddel beiseite und lasse uns stundelang von der fleißige Strömung treiben, vorbei an Rebenhügeln und de bewaldeten Höhen des Spessarts und de Odewaldes, vorbei an sonnenbeschienenen, verträumten Dörfern, an kleine malerischen Städte mit ihren mittelalterliche Stadtmauern und Türmen und an alten Burgen und Klöstern. Sehen wir uns diese Schmuckkästen deutscher Romantik näher an, schauen hinein in alte> Patrizierhäuser, in Burgen und Höfe. Wir habe ja Zeit und Muße. Kein unerbittlicher Fahrplan diktiert uns die Stunde. Detsche Geschichte tut sich in lebendige Bildern auf. Glanztage des Rittertums, behäbige Wohlhabeheit der Städte, Prunk und Macht der Kirche, auf der anderen Seite die Erinnerung an Kriege, die hier wüteten und das Versinke einziger Größe. Schwein- furtij, Würzburg, Wertheim, Miltenberg, Klingeberg. A s ch a f f e n bu r g, und viele andere herrliche Plätze, sie laden uns ein, in ihren gastliche Mauern ihre Schönheiten zu bewundern. Habe wir uns müde gesehen und ge- laufen, dann geht es wieder in de „Punt", und faul liegen wir in den Kissen, in Stellungen wie jene sweethearts, und lasse das Panw rama wieder weiter vor uns aufrollen. Wir brauche nicht einmal de Kopf zu wenden; den der „Punt" hat die angenehme Eigetüm- lichkeit, sich ganz langsam selbst zu drehe, wenn er in der Mitte des Stromes treibt. Dem stabile Doot kann nichts passiere, bei dem hohe Wasserstand gleitet es über alles hinweg. Die Sonne brennt, eine Hülle fällt nach der anderen. Wundervolle Stille... Stundelang hört man keines Mesche Stimme, nur fern, oben in den Weinberge sieht man sich fleißige Hände regen. Wird es zu heiß, dann wird ein Sprung ins
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