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Nr. 188 Drittes Statt

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Kann in der Sozialpolitik gespart werden?

Don Wilhelm F e d> t, Berlin.

Die Kosten für soziale Aufgaben werden und müssen in Zeiten wirtschaftlichen RieDergangs oder wirtschaftlicher Schwierigkeiten immer höher sein als in normalen Zeitläuften. Das ist eine Tatsache, die kaum bestritten werden kann. Be­findet sich zudem noch ein Land in der Lage Deutschlands, wie sie nun einmal seit dem Jahre 1918 gegeben ist, dann wird auch eine wesentliche Erhöhung sozialer Ausgaben verständlich. Man braucht nur an die hohen Kosten zu erinnern, die für die Unterstützung der Arbeitslosen auf­gebracht werden muhten. Wenn also heute die soziale Belastung wesentlich höher ist als in Friedenszeiten, insbesondere höher als in dem vielfach zum Vergleich herangezogenen Jahr 1913, so ist das zunächst noch nicht einmal als kritisch auszufassen. Dazu kommt, daß durch die Geld­entwertung ebenfalls eine Erhöhung der sozialen Ausgaben eintreten muhte. Trotzdem wird auch derjenige, der die Aotwendigkeit sozialer Forde­rungen aus einer Reihe von Gründen heraus vertritt, die Steigerung, die die sozialen Ausgaben in den letzten Jahren notwendiger Weise zu verzeichnen hatten, mit gewisser Sorge betrachten. Dabei wollen wir bewuht darauf verzichten, zunächst alle die Zahlenfchähungen anzuführen, die über die jährlichen Sozialaus­gaben gemacht werden. Man kann annehmen, dah in nächster Zeit eine amtliche Statistik er­scheinen wird, und braucht sich deshalb zunächst nicht in die Auseinandersetzung einzulassen, die über die Höhe der Soziatlasten zwischen Arbeit­gebers und Arbeitnehmern geflogen wird. lln» bestritten aber dürfte sein, dah auch im Jahre 1926 eine wesentliche Erhöhung der Sozialaus­gaben gegenüber dem Jahre 1925 zu verzeichnen ist. Ebenso unumstritten dürfte deshalb auch für jeden Sozialpolitiker sein, dah die Möglichkeit, an der sozialen Belastung zu sparen, ohne dabei den eigentlichen sozialen Zweck zu schädigen, erörtert werden muh.

Ist eine solche Möglichkeit gegeben? Soziale Deittäge sind ein Teil des Lohnes. Auch der Arbeitgeber empfindet die sozialen Beiträge als Abzug von seinem Einkommen. Daraus hat sich bei ihm so etwas wie der Begriff destatsäch­lichen Lohnes" herausgebildet; er spricht voii dem Lohn (oder Gehalt), den er ausgezahlt be­kommt. Kann deshalb bei den sozialen Beiträgen eine Herabsetzung eintteten, so werden alle TÄle der Wirtschaft das begrüßen.

Mir will scheinen, als ob dieses Problem vielfach deshalb nicht genügend behandelt wird, weil man sich scheut, den Hebel am Kleinen anzusetzen und weil die Krittk an der sozialen Belastung vielfach von einer Seite ausgeht, von der man nicht sagen kann, dah sie den sozialpoli­tischen Problemen gerade freundlich gegenüber­steht. Wenn wir also sozialpolitische Ersparnisse schaffen wollen, müssen wir prüfen, ob nicht die Möglichkeit besteht, da oder dort, insbesondere in der sozialen Versicherung, Belastungen zu verhindern. Man wird solche Möglichkeiten vor allem in der Krankenversicherung finden.

Die Regierungsparteien haben im 9. Aus­schutz des Reichstags einen Antrag eingebracht, demzufolge im Herbst eine Aenderung des zwei­ten Buches der Reichsversicherungsordnung; d. h. der Krankenversicherung im Reichstag be­sprochen werden soll. In diesem Zusammenhang sind von den Spihenverbänden der Krankenkassen eine Reihe Abänderungsvorschläge gemacht wor­den. Ein Teil dieser Borschläge scheidet von vornherein aus, weil er lediglich agitatorischen Zweck hat. Wertvoll erscheinen dagegen solche, die der Verband kaufmännischer Berufskranken­kassen gemacht hat. Dort wird die Forderung aufgestellt, dah die Krankenkassen, bezüglich ein­zelner Abteilungen solcher Kassen, deren Mit­gliederkreis durch Gesetz oder Vertrag wahrend eines mit Arbeitsunfähigkeit verbundenen Krank­heitsfalles für eine Frist von mindestens vier Wochen Anspruch auf Gehalt hat, das Recht haben sollen, diesen Mitgliedern bis zum Ablauf dieser Schutzfrist ein verkürztes oder überhaupt kein Krankengeld zu zahlen.

Geld und Erfahrung

Novelle von Max E y t h.

15 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Nachdem der Pflug 67mal auf und ab gefahren war, ohne Schiffbruch zu leiden, näherte sich aller­dings das Aussehen der letzten Furctze den Windun­gen eines durch ein Wiesental sich yinschlängelnden Bächleins. General Burnside tröstete mich. Die Linie erinnere ihn lebhaft an seinen ersten Sieg: an die Schlachtlinie der Föderierten bei Bull Run. Dank seiner südlichen Lebhaftigkeit hatte General Taylor mittlerweile alles begriffen und hielt den Augenblick für gekommen, tatkräftig einzugreifen. Er schob Bucephalus von seinem Sitz, setzte sich auf das Ge­räte und erfaßte das Steuerrad. Dreißig Schritte weit ging alles gut. Der Pflug blieb in seinem durch die Furche gegebenen Gleise, und Taylor sah sich triumphierend um. Dann aber nahm das Instru­ment plötzlich eine Wendung, nach dem umgepflüg­ten Teil des Feldes und lief, als sei alles verrückt geworden, trotz der verzweifelten Steuerbewegungen des Generals querfeldein. Kein Pfeifen von Parkers Maschine half. Stone, dessen Maschine am andern Ende des Feldes während der Katastrophe den Pflug zog, war mit seinem Feuer beschäftigt und merkte zu spät, welches Unheil vor sich ging, so daß er erst dazu kam, anzuhalten, als sich der General 1 mit dem entlaufenen Pflug mitten auf un .pflügtem Feld befand, hundert Schritte von dem Platz, wo er hätte sein sollen. Er hatte allerdings eine merk­würdig gerade Linie diagonal zur Pflugrichtung über das Feld gezogen. Beschämt stieg er ab und betrachtete sein Werk. Seine alten Kriegskameraden waren außer sich vor Bergnügen. Selbst der unehr- erbietiae Bucephalus, der staunend dem Pfluge nachgesehen hatte, lachte mit, daß sein roter Mund das schwarze Gesicht von Ohr zu Ohr spaltete. Der Erfolg der Heiterkeitserfolg des Dampfpflugs war großartig. Der ältere Owen, der mehr Ver- ständnis für die wahre Lage der Dinge zu haben schien als alle andern, sagte leise zu mir:Lassen Sie aufhören' Die Schildkrötcnbouillon wird sonst falt!" Longstreet nahm Burnside unter dem Arm. Taylor wurde von den andern im Triumph herbeigeholt und als preisgekrönter Dampfpflüger

GietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Was wird mit dieser Forderung bezweckt? Der kaufmännische Angestellte, dem gesetzlich oder verttaglich Anspruch auf Gehaltssorizahlung zu­steht, braucht nicht genau so wie der Handarbeiter schon nach den ersten drei Tagen seiner Krankheit Krankengeld zu beziehen. Er bezieht zunächst -sein Gehalt weiter, während beim Arbeiter der Anspruch auf Lohn mit dem Tage der Krankheit oder der Stunde des Unfalls aufhört. Hier ist wieder einmal ein Fall schematischer Anpassung unserer sozialen Versicherung an die Bedürfnisse der Handarbeiterschast festzustellen. Die sozialen Bedürfnisse der Arbeiter sind aber andere, ttoh- dem hat man sie s. Zt. einfach für die Ange- fteilten mit übernommen. Es wäre viel wich- ttger, dah der Angestellte, wenn er wirklich eine ernste und schwere Erkrankung hat. ein Kranken­geld nach Aufhören der Gehaltszahlung erhielte, das seinem bisherigen Gehalt entsprechen würde. Würde aber eine derartige Maßnahme, wie die angeregte, gesetzlich festgelegt, bann mühte sie naturgemäß wesentliche Ersparnisse zur Folge haben.

Der Verband kaufmännischer Derufskranken- kassen hat aber noch eine zweite Forderung auf­gestellt. Er verlangt, daß den Versicherten, die gesetzlich oder vertraglich im Krankheitsfälle min» bestens vier Wochen Anspruch auf Gehcrltsfort- zahlung haben, anstelle der heute nach dem Ge­setz zu gewährenden Sachleistungen D a r Zu­schüsse zu den Kosten der Krankenhilfe ge­währt werden dürfen. Run kann man dem ent­gegenhalten, dah die Versicherten nicht immer in der Lage sein würden, die anteiligen Kosten zu tragen und darum manchmal die notwendige ärztliche Hilfe erst zu spät in Anspruch nehmen würden. Die Vorschläge sind aber nur für solche Versicherten gedacht, die durch Anspruch auf Ge-

haltsfottzahlung nicht mittellos sind. Auch soll­ten die Kassen nicht gezwungen werden, solche Regelungen einzuführen, sondern ihre Mitglieder­versammlungen solllen darüber entscheiden.

Der Vorteil eines solchen Systems liegt auf der Hand. Es ermöglicht die freieste Arzt- und Krankenhauswahl. DerKassenpatient" würde verschwinden und damit würde auch psychologisch ein Votteil erzielt. Der Vorschlag selbst ist nicht unerprobt. Fast alle dem Verband kaufmänni­scher Berufskrankenkassen angeschlossenen Kassen haben für ihre nichtversicherungspflichtigen Mit­glieder solche Möglichkeiten bereits erprobt. Da­bei hat sich herausgestellt, dah auch hier tat­sächliche Ersparnisse erzielt werden können.

Diese Ersparnisse werden im ersten Fall natür­lich größer sein. Die beiden Vorschläge zeigen aber, wie und wo gewisse Ersparnisse erreicht werden können. Dabei ist kennzeichnend, dah die Vorschläge von den sogenannten Ersahkassen aus­gehen. Diese Ersahkassen sind namentlich der Sozialdemottatte ein Dorn im Auge. Rachdem es bedauerlicherweise nicht gelungen ist, in der Erwerbslosenversicherung die Ersatzkassen jetzt schon einzuführen, ist von sozialistischer Seite jüngst auf der Tagung des Hauptverbandes Deutscher Krankenkassen, der bekanntlich sozia­listischen Tendenzen zuneigt, in Königsberg er» klärt worden, daß die Gründung neuer Ersah­kassen scharf verurteilt werden müsse. In Wahr­heit wird aber eben durch solche berufsständi­schen Kassen die Möglichkeit gegeben, Mängel in der sozialpolitischen Gesetzgebung auszugleichen und dabei gleichzeitig noch Ersparnisse herbei- zuführen. Cs wäre deshalb wünschenswert, wenn bei den Verhandlungen im Herbst diese Frage, entsprechend den Vorschlägen des Verbandes kaufmännischer Berufskronkenkassen, gelöst würde.

3m heutigen Rußland.

Aus begreiflichen Gründen wünscht der Verfasser ungenannt zu bleiben. D. Red.

Wer eine Reise von einigen Wochen durch Rußland macht, gewinnt keinen richtigen Ein­druck von den dortigen Verhältnissen, selbst wenn er russisch spricht. Am allerwenigsten, wenn es sich um eine offizielle Studienreise handelt und der betreffende von Verttetern des Staates und der Kommunen begleitet wird. Man sieht sicher in solchem Falle recht viel, aber nur das, was die andere Seite zeigen will, d. h. die aus der Zeit der großen Katharina be­kannten Pvtemkinschen Dörfer. Diese werden vor allem kommunistischen Gästen anderer Staaten gezeigt. Rur wer viele Monate oder besser Jahre in und mit einem anderen Volke gelebt hat, lernt es kennen und seine wirtschaftlichen: und gesellschaftlichen Verhältnisse beurteilen.

Der Fremde, insbesondere wenn er heute ein Deutscher ist, wird an der Grenze und im ßanDe von allen Behörden, in den Hotels, Läden und in der Gesellschaft höflich und ent­gegenkommend behandelt, wenn er sich nicht etwa durch abfällige Kritck, wozu leider gerade der Deutsche neigt, jede Sympathie verscherzt. Das Savoy-Hotel und die Bolschoja Moskowskaia Gostiniza (großes Moskauer Gasthaus) und das Hotel d'Curope in Leningrad bieten eine Auf­nahme wie Esplanade oder Continental in Ber­lin; auch in den größeren Provinzstädten finden sich in dem ersten Hotel immer einige Zimmer mit allem Komfort. Die internationalen Wagen auf der Strecke LeningradMoskauCharkow- RostowBakuTiflis gleichen durchaus in allem den Schlafwagen Westeuropas. Das zu beschrei­ben, wäre also nicht interessant, weil es nichts Reues und nicht typisch Russisches zu schildern gäbe. Am Ende ist es bei uns und allenthalben genau so: wer als Fremder in Berlin im Bristol absteigt «und bei Hiller oder Dresse! speist, kennt nicht Berlin; und wer durch die Friedrichstadt oder die Tauenhinsttahe geht und die Auslagen betrachtet, kennt nicht Deutsch­land.

Wenden wir «uns also dem russischen Volks­leben und seiner Wirtschaft zu. Stadt- und Landbevölkerung sind sehr verschieden. Dort fällt

der gebildete Bürger auf, hier ist das An­alphabetentum noch immer zu Hause. Selbst in Dörfern von zehntausend Einwohnern und mehr fehlen noch häufig Schulen. Dafür find wieder in kleinen Dörfern Bezugsquellen für Wodka zu finden. Das Spritmonopol, das unter dem Zarentum über eine Milliarde Gewinn brachte, ist von 'den Sowjets wieder zur alten Blüte ge­bracht, dürfte aber wesentlich mehr abwerfen, da der Schnaps etwa viermal so teuer ist und trotzdem in dem gleichen Maße konsumiert wird. Besonders an Markttagen, wie sie auf größeren Dörfern ein- oder mehrmals in der Woche statt- finden, fängt das Trinken schon des Morgens an. Der Russe scheint den Schnaps für das Gesündeste zu halten. Einmal kam ich morgens gegen 1 UTjr in ein sehr großes Dorf, wo sogar ein kleines Restaurant war. In diesem wollte ich frühstücken und fragte meinen alten, eis­grauen Kutscher, ob er wohl auch ein Glas Tee wolle. Treuherzig antwortete er:Ach Bä­rin, schon des Morgens fo'n schlappes Zeug Ein Fläschchen Wodka gern. Der Wodka ist wohl so die einzige Freude des Bauern Sonst ist er fast bedürfnislos. Rahrung findet er auf seinem Grundstück. Kleidung braucht er wenig, weil er schlecht angezogen geht. Bauen tut er nur, wenn es unbedingt nottoenöig ist, etwa in jeder Generation einmal ein Gebäude. Repa­raturen an den Gebäuden und an der Klei­dung werden selten vorgenommen. Der Dauer hat im Durchschnitt etwas mehr Land als früher, aber er bebaut es nicht ganz. Er müsse Acker­geräte zu teuer bezahlen, sagt er und hat damit recht. Denn aus Den Staatsbetrieben erhält er sie nur zu sehr hohen Preisen Auf diese Weise treiben die Sowjets Steuern vom Lande ein, weil der normale Weg ungangbar ist. Gab es doch bis zum Kriege in Rußland keine Einkommen­steuer, und sie ist auch bei Analphabeten wohl schwierig einzuführen Immerhin ernährt sich der Bauer heute besser als früher, indem er von seinen Erzeugnissen mehr für sich gebraucht.

Die Versorgung der Bevölkerung mit 3n- dustrieerzeugnissen will der Sowjet reg ierung nicht gelingen Dom Auslande Eann nichts eingeführt werden, wenn nicht die ohnehin schon sehr schwache Kaufkraft des Rubels noch mehr herab­

Louisianas fast auf den Händen getragen. Alles strömte dem Gartenpaoillon zu, wo sich das blin­kende Hufeisen von Tischen im Nu gefüllt hatte und die Sektflaschen zu knallen begannen.

Es ging hier noch brillanter als im Felde. Die Not der Zeit löste sich fühlbar in dem warmen Son­nenschein, der durch den luftigen kleinen Saal, und im perlenden Wein, der kühlend durch unsre Adern strömte. Longstreet hielt eine prächtige kleine Rede: ernst, männlich, geradeaus: Die große Sache sei verloren; wozu die Augen schließen und die Hände sinken lassen? Die Männer seien noch da, die ehrlich für sie geblutet hätten; sie wiirden sich nicht erdrücken lassen. Die alte Kraft rege sich wieder und werde auf anderen Feldern neue Siege bringen.Das Schwert ist in unserer Hand zerbrochen", schloß er.In Got­tes Namen nehmen wir die Lage, die uns der Himmel geschickt hat. Es lebe der Pflug!"

Darauf verlangte es der Anstand, daß ich etwas sagte. Der Staub der Plugfurchen steckte mir noch in der Kehle, und die Angst vor dem jeden Augen­blick möglichen Zusammenbruch der einen oder der andern Maschine in der Seele; aber ich ließ getrost den Süden leben, dessen tropische Lebenskraft schon mehr als einmal aus den Sümpfen des Missis­sippi ein Paradies geschaffen habe. Dann kamen andre, weniger harmlos, manchmal bitter und zor­nig, manchmal allzu laut der wieder keimenden Hoffnung entgegenjubelnb. Der Pflug war ver­gessen. Die politischen Phrasen rollten mächtig über die erhitzten Köpfe weg. Doch fühlte ich mich ziemlich beruhigt, als ich unter den letzten, die das Garten­haus verließen, den Chefredakteur desPicayune" Arm in Arm mit feinem Feind, dem Chefredakteur derCrescent City News", bemerkte, die abwechse­lungsweise versuchten, föderierte und fonföberierte Kriegslieder zweistimmig zu fingen. Ein erstaunlicher Grad mangelhaften musikalischen Sinns und der gute Wille, mit dem sie sich gegenseitig unterstützten, ergab eine Verschmelzung von Dissonanzen, die das Beste für die Zukunft hoffen ließ. Nur ein einziger Mißton trübte den Schluß der schöneck Feier. Meine zwei deutschen Freunde waren sich in die Haare geraten. Oberst Schmettkow versuchte den Redakteur derDeutschen Zeitung" über die Irrtümer seiner politischen Auffassung des Zustandes der Südstaaten aufzuklären. Doktor Wurzler machte vergebliche An­strengungen, den Obersten zu überzeugen, daß ein

verunglückter Iardeoffizier von der Sache nichts verstehen könne. Sie wurden laut und heftig, und nur mit Mühe konnte ich sie bewegen, in zwei ge­trennten Trambahnwagen nach der Stadt zurück­zukehren.

Rettungspläne.

Regen nach Sonnenschein können wir mehr fordern vom wechselnden Leben? Aber allerdings, es brauchte nicht gerade ein Donnerwetter zu fein, mit der Aussicht, in einen vierwöchentlichen Land­regen überzugehen.

Am folgenden Morgen brachten dieCrescent City News" einen zornigen Aufsatz über England und die heimtückische Art und Weise, wie John Bull die Einführung der sonst nicht ganz nutzlosen Dampfkultur benutze, um einer verderblichen und verlorenen Sache neue Lebenshoffnungen einzu- flößen, die nie in Erfüllung gehen können. Doppelt bedauerlich sei, daß der in anderer Beziehung an­ständige und nicht unintelligente Leiter des un­förmlichen englischen Dampfpflugs sich zu Kund­gebungen mißbrauchen lasse, die einem förmlichen Wiedererwachen der alten sezessionistischen Bestre­bungen gleichkämen. Der Herr möge sich nicht täu­schen: neuer Wein, auch der, den er zu verzapfen wünsche, lasse sich nicht in alte Schläuche füllen. Weder Dampf noch Sekt werde die verbrauchten Männer einer verlorenen Partei zu neuem Leben erwecken. Die Sezession fei tot. Den Dampfpflug an die tote Sezession binden zu wollen, sei sicherlich das Törichtste was dieser fremde Herr jemals ver­sucht habe. Es wäre ihm vielleicht nützlich gewesen, wenn er sich zuvor über die Verhältnisse des Sü­dens etwas eingehender belehrt hätte. Als charak­teristisch sei zu erwähnen, wie ein gewisser in Loui­siana sehr überschätzter General, der sich neuerdings mit Kanalschiffahrt beschäftige, den Pflug quer über das Feld gesteuert und das unglückselige englische Instrument in einer Lage stecken gelassen habe, über die mehrere Sachverständige sich heute noch den Kopf zerbrächen. Uebrigens sei Wohlwollen und Ge- rechtiakeit auch dem Gegner gegenüber stets der Grundsatz derCrescent City News" gewesen. Die Schriftleitung stehe deshalb nicht an, ihren Lesern die vortreffliche Speisefolge des Gabelfrühstücks mit­zuteilen, das den Kern der Eröffnungsfeier des eng­lischen Dampfpflugs gebildet habe: Schildkröten­suppe mit Heidsiek und so weiter.

Samstag, (3. August 1921

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gesetzt werden soll. 2,16 Mark für einen Rubel ist ein Zwangskurs, der nicht annähernd Dem inneren Wert der Valuta, auch nicht dem Tscher» tvvnjez, entspricht. Deshalb unterbleibt auch seine Quotierung im freien Handel an Den Ausland­börsen, und deshalb das starre Festhalten der Sowjetregierung am Außenhandelsmonopol. Die Passivität der Russischen Handelsbilanz bedeutet für Rußland viel mehr als für die anderen Länder, Deren Bürger z.T. außerhalb ihres Heimatlandes arbeiten und so Der heimischen Wirtschaft fremde Devisen zuführen. Wie die Ausfuhr, die doch nach Lage Der Dinge in Ruß­land nur in Rohprodukten bestehen kann, heben, wo ein Antrieb zur Erzeugung über den Eigen­bedarf hinaus nicht Da ist und wo es zudem sehr an Betriebskapital fehlt? ©runDoorbcbin- gung für Die Besserung Der Verhältnisse ist Die Erhöhung des Bildungsniveaus: kann der Bauer erst ennmal lesen und schreiben, so wird er Verbindung mit der Außenwelt und Deren Kul­tur bekommen; er wirb Den Wunsch hegen, sich besser zu kleiden, besser zu wohnen, von rich­tigem Geschirr, mit richtigen Bestecken zu elfen, anstatt Dien Knochen mit der Hand aus Dem Kochtopf zu nehmen und mit Holzlöffeln die Suppe zu essen, er wird auch Bücher lesen und Zeitungen halten wollen usw. Und dazu wird er_ mehr aus seinem Grundstück herausholen müssen durch Mehrarbeit und durch Verbesserung seines Betriebes, wozu ihm wieder das Studium der einschlägigen Literatur die Wege weisen wird. ^So und nur so kann die .Ausfuhr Dec Dodenfrüchte gesteigert werden. Bep Der Bildung muß also Der Hebel angeseht werden und nicht bei Dem Schnaps. RaDio, Das man auf Der Mehrzahl Der Dörfer finDet, kann Schulbildung nicht ersehen.

Mangels der Möglichkeit der Einfuhr von Jndusttieerzeugnissen, wie sie vor Dem Kriege bestand, soll nun Die heimische Industrie ein­springen. Diese reicht jedoch trotz der geringen Kaufkraft der Bevölkerung nicht annähernd zur Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse aus. Anfang Juni waren auf vielen Dörfern und in Landstädten noch keine Sensen zu haben. QHit Draht und Rägeln ging es fast ebenso. Fenster­glas ist eine Rarität auf dem Lande. Selbst in Hosen knöpfen setzte im Vorjahre eine Lieser- kalcunität ein. In den meisten ländlichen Haus­halten gibt es keine Gabeln und nur ein Messer, das zu allem verwandt wird, Teller fast gar nicht. Und dabei sind in Den Städten Südruß­lands bis zu 40 Prozent dec Arbeiter und An­gestellten und mehr seit langem stellungslos und rönnen nichts kaufen! Dabei werden allenthalben Staatsläden geschlossen, weil sie sich mangels Kunden absolut nicht rentieren! And damit wächst Dann natürlich Die Arbeitslosigkeit.

An Der traurigen Wahrheit dieser Schil­derung ändern die Berichte Der russischen Zei­tungen nichts. Es gibt in RußlanD keine freie Presse. Alles ist RegiemngsDiktat, Das abzu» Dructen ist. Da steht Dann allwöchentlich eine Rotiz, Daß irgendwo im Fernen Osten oder sonstwo ganz weit weg eine neue Fabrik er­öffnet worden ist. Wieviel Unternehmen in glei­chem Zeitraum liquidiert werden mußten, lieft man nirgends, weil es niemand erfahren soll. And dabei ist noch, wenn man genau hinsieht, dieneue Fabrik meist eine notdürftig wieder­hergestellte alte, die man in Den ersten Jahren nach Der Revolution mangels technischen Ver­ständnisses hat verfallen lassen. Die Irrefüh­rung Der öffentlichen Meinung im heutigen Rußland Dürfte kaum anderswo ein Gegenstück finden. Die Wahrheit, wie sie heute Durchsickert, Darf öffentlich, unD selbst im kleinsten Kreise, nur mit Gefahr besprochen werden. Die Geheim­polizei, Die GPU, ist in Rußland aber gut aus­gebildet und vorzüglich organisiert.

Alles in allem also ein nur schwach pul­sierendes Wirtschaftsleben: mit geringstem Um­satz und Kleinstem Kapital. Und trotzdem hohe Preise selbst für Lebensmittel in Der Older» gegenD 300 bis 400 Prozent höher als vor Dem Kriege, weil Die Erzeugung aller landwirt­schaftlichen und industriellen Produkte noch ge­ringer als das schwache Kapital und das mini­male Volkseinkommen ist!

Der freundlicher gesinntePicayune" begann mit der Speisekarte, brachte eine enthusiastische Beschrei­bung des Dampfpflugs, die kein Mensch verstehen konnte, und war überzeugt, daß der erste Stein zum Wiederaufbau des Südens gestern gelegt wor­den sei,dank den Männern", schloß er,die ent­schlossen den großen Aufgaben unserer Zeit ent­gegentreten und die Not der Gegenwart mit den glänzenden Waffen der Zukunft zu bekämpfen wissen."

Da Lawrence, der energisch mitgekämpft hatte, ebenso wie Schmettkow am folgenden Tag etwas unwohl waren, hörte ich von dem kleinen Zeitungs­krieg, der um meinen Dampfpslug entbrannt war, zunächst so viel wie nichts. Die ruhigere, planmäßige Arbeit nahm ihren Fortgang. Ich pflügte in den nächsten Tagen jeden Morgen und Abend für das Fünfzigcentpublikum ein paar Stunden lang. Meine Leute tarnen nach und nach in Hebung, es ging mit jedem Versuch etwas besser; nur der Strom der er­warteten Volksmassen blieb aus. Der Geschäfts­führer der Landwirtschaftsgesellschaft war mein ge­treuester Zuschauer, und sein Gesicht wurde nach jeder Vorstellung um einen Zoll länger. Am zweiten Tag wurde der zweite Kassierer am Eingangstor als völlig überflüssig eingezogen, und am dritten konnte auch der noch im Dienste stehende, seine Siesta, die um die Mittagsstunden in seinem kleinen Brat­häuschen verzeihlich war, über den Rest des Tages ausdehnen, ohne seine Amtspflichten zu vernach­lässigen.

Am Abend dieses dritten Tages kam Lawrence mit Selano in ungewöhnlicher Eile über das Feld, als ich soeben die Vorstellung, die wir den zwei Söhnchen des eingeschlafenen Kassierers gegeben hatten, abzuschließen im Begriff war. Man sah es dem Gang der beiden Herren an, daß sie ein neuer, belebender Gedanke trug. Lawrence grüßte ver­gnügt, der Geschäftsführer grämlich und betrachtete sodann kopfschüttelnd die beiden Knäblein, die eifrig auf dem stillstehenden Pflug herumkletterten und nach Pankeejungenart versuchten, ob nicht da ober dort eine Mutter loszuschrauoen, eine Schraube ab­zudrehen war.

Nun, wie ging's heute, Herr Eyth? Mehr Pu­blikum hier gewesen?^ rief Lawrence, als ob alles, was er sah, seine höchste Befriedigung erregt hätte.

(Fortsetzung folgt.)